Übersetzung
1 (1) [217] Wie die Hinrichtung des Philotas den Soldaten als gerecht erschienen war, solange die Spuren seines Verbrechens noch frisch vor ihren Augen standen, ebenso verwandelte sich, nachdem der Verhaßte aufgehört hatte zu leben, ihr Unwille in Mitleid. (2) Sowohl der herrliche Ruhm des jungen Mannes, als das hohe Alter und die Verlassenheit seines Vaters machten ihren Eindruck auf sie. (3) Als erster hatte dieser dem Könige Asien eröffnet1, an allen seinen Gefahren teilgenommen, stets in der Schlacht den andern Flügel befehligt2 und war auch vor allen dem Philippus befreundet gewesen, dem Alexander selbst aber so treu, daß dieser bei der Ermordung des Attalus sich keines anderen Hand lieber bedienen wollte.3 (4) An alles dieses wurde die Erinnerung im Heere lebendig, und man hinterbrachte dem Könige aufrührerische Reden. Doch kümmerten ihn diese nicht eben sehr, und wohl wissend, wie die Fehler des Müßigganges durch Beschäftigung gehoben werden, ließ er bekannt machen, daß alle am Eingange des Hauptquartiers erscheinen sollten. (5) Sobald er sah, daß sie zahlreich gekommen waren, trat er in die Versammlung. Hier trat Atharrias, ohne Zweifel auf Verabredung, mit der Forderung auf, daß der Lynkeste Alexander4, [218] der lange vor Philotas den König habe töten wollen, vorgeführt werde. (6) Dieser war nämlich, wie oben bemerkt5, von zwei Angebern angezeigt worden und wurde nun schon das dritte Jahr in Gefangenschaft gehalten. Auch war so gut wie gewiß, daß er mit Pausanias zur Ermordung Philipps verschworen gewesen sei; aber weil er zuerst Alexander als König begrüßt hatte, war er nicht sowohl von der Anklage als von der Strafe entbunden worden. (7) Auch damals6 vermochten die Bitten seines Schwiegervaters Antipater den gerechten Zorn des Königs hinzuhalten; jetzt jedoch brach der im Innern weiterfressende Groll aufs neue hervor, indem die Sorge wegen der gegenwärtigen Gefahr das Andenken an die frühere erneuerte. (8) Alexander wurde also aus dem Gefängnis herausgeführt. Doch als man ihm zu sprechen befahl, brachte er, trotzdem daß er ganze drei Jahre über seine Verteidigung nachgesonnen hatte, dennoch unter Stocken und Zagen nur weniges von dem, was er sich zurechtgelegt hatte, zum Vorschein. Zuletzt verließ ihn nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Besinnung. (9) Niemand zweifelte, daß seine Verzagtheit ein Zeichen bösen Gewissens, nicht Schwäche des Gedächtnisses sei, und so wurde er, während er noch Anstrengungen machte sich zu besinnen, von den Nächststehenden mit den Lanzen durchbohrt. (10) Als man seinen Leichnam fortgetragen hatte, hieß der König den Amyntas und Simmias hereinführen, denn der jüngste der Brüder, Polemon, war, als er erfahren, daß man Philotas foltere, entflohen. (11) Sie waren dem Philotas unter allen seinen Freunden die teuersten gewesen, durch seine Begünstigung hauptsächlich zu bedeutenden und ehrenvollen Posten erhoben worden, und der König, eingedenk, wie eifrig sie ihm jener empfohlen habe, zweifelte nicht, daß sie auch bei diesem seinem Plane beteiligt gewesen seien. (12) Schon längst, erzählte er also, seien sie ihm infolge eines Briefes seiner Mutter verdächtig gewesen, worin diese ihn ermahnt, sich vor ihnen zu hüten. Obwohl nun nicht geneigt, von jemand das Schlechtere zu glauben, sei er dennoch jetzt durch offenbare Anzeichen bewogen worden, den Befehl zu ihrer Verhaftung zu geben. (13) Es unterliege [219] nämlich keinem Zweifel, daß sie tags zuvor, ehe Philotas’ Verbrechen entdeckt wurde, heimlich mit diesem zusammengewesen seien. Ihr Bruder vollends, der, als man über Philotas Verhör hielt, entflohen sei, habe deutlich verraten, warum er dies gethan. (14) Kürzlich hätten sie sich gegen die Gewohnheit unter dem Vorwande des Dienstes, während die übrigen weiter entfernt waren, an seine Seite gedrängt, ohne irgend eine erklärbare Ursache dafür, so daß er voll Verwunderung, daß sie nicht in der bestimmten Reihe diesen ihren Dienst thäten, sowie auch schon durch ihre Hast erschreckt, eiligst zu den zunächst folgenden Bewaffneten zurückgegangen sei. (15) Dazu komme ferner, als Antiphanes, der Zahlmeister der Reiterei, tags zuvor, ehe das Verbrechen des Philotas entdeckt worden sei, dem Amyntas angekündigt habe, daß er nach gewohnter Weise von seinen Pferden an diejenigen, die die ihrigen verloren, abgeben solle, so habe dieser die hochmütige Antwort erteilt, wenn er nicht von seinem Ansinnen abstehe, so solle er bald sehen, mit wem er es zu thun habe. (16) Endlich seien die heftigen Reden und unbesonnenen Worte, die sie über ihn selbst auszustoßen pflegten, nichts anderes als ein Zeugnis und Beweis einer verbrecherischen Gesinnung. Sei dies nun wahr, was er gesagt, so hätten sie dasselbe verdient wie Philotas, sei es falsch, so fordere er sie auf, ihn zu widerlegen. (17) Dann wurde Antiphanes vorgeführt und machte seine Aussage über die nicht abgelieferten Rosse und die dabei geführten hochmütigen und drohenden Reden. (18) Als hierauf dem Amyntas Erlaubnis zum Sprechen erteilt worden war, sagte er: „Wenn es dem Könige nichts verschlägt, so bitte ich darum, so lange ich spreche, von den Fesseln befreit zu werden.“ Der König hieß beide entfesseln, und als Amyntas den Wunsch aussprach, auch wieder mit der Waffe eines Trabanten erscheinen zu dürfen, befahl er, ihm auch die Lanze zu geben. (19) Diese ergriff er mit der linken, und die Stelle, wo kurz zuvor der Leichnam Alexanders gelegen hatte, mit den Augen vermeidend, sprach er: „Welcher Ausgang uns auch immer bevorstehen mag, o König, so bekennen wir, daß wir einen glücklichen dir verdanken, einen unglücklichen nur auf Rechnung unsres Schicksals setzen werden. (20) Ohne vorhergefälltes Urteil dürfen wir uns verteidigen, frei an Körper und Geist. Selbst die Waffen, in denen wir dich zu begleiten pflegen, [220] hast du uns zurückgegeben. Die Anklage kann uns nicht schrecken, das Schicksal wollen wir nicht weiter fürchten. (21) Und zuerst bitte ich dich mir zu erlauben das zurückzuweisen, was du uns zuletzt vorgeworfen hast. Wir sind uns, o König, keiner gegen deine Majestät gerichteten Reden bewußt. Ich würde sagen, du seiest schon längst über gehässige Zungen erhaben, wenn ich nicht fürchten müßte, du möchtest glauben, ich wolle andere böswillige Äußerungen durch eine Schmeichelei wieder gut machen. (22) Sollte aber auch von einem deiner Soldaten, wenn er entweder auf dem Marsche ermattet und erschöpft war oder in der Schlacht sein Leben wagte oder krank und verwundet in seinem Zelte lag, irgendein heftigeres Wort vernommen worden sein, so hatten wir durch tapfere Thaten verdient, daß du mehr geneigt wärest dies unserer Lage als unserer Gesinnung zuzurechnen. (23) Trifft uns etwas Widerwärtiges, so klagen wir jedermann an, kehren die feindliche Hand gegen den eigenen Leib, der uns doch sonst nicht gerade verhaßt ist; die Eltern selbst, wenn sie ihren Kindern begegnen, sind dann unwillkommen und scheel angesehen. Ehrt man uns dagegen mit Geschenken, kehren wir mit Beute beladen heim, wer vermag dann mit uns auszukommen? Wer unsre Ausgelassenheit im Zaume zu halten? (24) Bei Kriegern ist weder Freude noch Unwille maßvoll. Leidenschaftlich lassen wir uns zu allen Empfindungen fortreißen. Wir tadeln, loben, bemitleiden, zürnen, wie es immer die augenblickliche Stimmung eingiebt. Bald haben wir Lust bis Indien und zum Ozean zu ziehen, bald kommt uns wieder die Erinnerung an Weib und Kind und Vaterland. (25) Allein diese Gedanken, diese Äußerungen müßiger Unterhaltung endigt das mit der Trompete gegebene Signal: jeder rennt in Reih und Glied, und was sich im Zelte an Zorn angesammelt hat, das ergießt sich über die Häupter der Feinde. O daß doch auch Philotas nur in Worten gefehlt hätte! (26) Ich wende mich demnach zu den Punkten, derenhalber wir angeklagt sind. Unsre Freundschaft mit Philotas bin ich soweit entfernt zu leugnen, daß ich sogar bekenne, wir haben sie gesucht und großen Vorteil von ihr gehabt. (27) Oder wunderst du dich etwa, wenn des dir durch eigene Wahl so nahe stehenden Parmenio Sohn, den du höher schätztest als fast alle deine anderen Freunde, von uns geehrt wurde? [221] (28) Bei Gott, König, du selbst, wenn du die Wahrheit hören willst, bist für uns die Ursache dieser Anklage. Denn wer anders hat veranlaßt, daß sich alle, die dir zu gefallen wünschten, zu Philotas drängten? Von ihm empfohlen, sind wir zu dieser Stufe deines Vertrauens emporgestiegen. So viel galt er bei dir, daß wir wohl nach seiner Gunst streben und seinen Zorn fürchten konnten. (29) Oder haben wir, alle die Deinigen, nicht förmlich auf die uns von dir vorgesprochene Eidesformel geschworen, wir wollten die gleichen Feinde und Freunde haben, die du hättest? Und durch diesen Eid treuer Anhänglichkeit gebunden, sollten wir wohl den verabscheuen, den du allen übrigen vorzogst? (30) Nun, wenn das ein Vorwurf ist, dann hast du wenig Unschuldige: nein, wahrlich, keinen einzigen! Denn alle wollten Freunde des Philotas sein, nur konnten es nicht so viele sein, als es wollten. Machst du also keinen Unterschied zwischen seinen Mitverschworenen und seinen Freunden, so darfst du auch keinen machen zwischen seinen Freunden und denen, die es gerne sein wollten. (31) Welchen Beweis für unsere Mitwissenschaft führt man nun an? Ich glaube, weil er tags zuvor freundschaftlich und ohne Zeugen mit uns gesprochen hat! In der That würde ich es nicht rechtfertigen können, wenn ich tags zuvor in irgend etwas von unserer frühern Sitte und Lebensgewohnheit abgewichen wäre. So aber, da wir dies, wie an allen Tagen, so auch an jenem verdächtigen gethan haben, so muß diese Gewohnheit den Vorwurf zunichte machen. (32) Allein wir haben dem Antiphanes die Rosse nicht gegeben, und gerade tags zuvor, ehe Philotas entlarvt wurde, hatte ich diesen Auftritt mit Antiphanes! Doch wenn dieser uns verdächtigen will, daß wir ihm an jenem Tage die Rosse nicht gegeben, so wird er sich selbst kaum darüber rechtfertigen können, daß er sie verlangt hat. (33) Denn es fragt sich, wer angeschuldigt zu werden verdient, der Zurückhaltende oder Fordernde; nur daß der im größern Rechte ist, der sein Eigentum nicht herausgiebt, als der fremdes fordert. (34) Übrigens, o König, habe ich zehn Rosse gehabt; davon hatte Antiphanes bereits acht an die verteilt, die der ihrigen verlustig gegangen waren, ich selbst also hatte im ganzen zwei; und da mir der unverschämte oder wenigstens unbillige Mensch auch diese wegführen wollte, so war ich genötigt, wollte ich nicht zu Fuß [222] meinen Dienst thun, sie zurückzubehalten. (35) Auch leugne ich nicht, aus der Seele eines freien Mannes mit jenem Feigling gesprochen zu haben, der seinen militärischen Rang nur dazu gebraucht, an die, welche kämpfen wollen, fremde Pferde zu verteilen. Ja, soweit ist es mit mir Unglücklichen gekommen, daß ich meine Worte gleichzeitig gegen Alexander und gegen Antiphanes rechtfertigen muß. (36) Ja aber wahrhaftig, deine Mutter hat dir von unserer Feindschaft gegen dich geschrieben! O daß sie doch auf klügere Weise für ihren Sohn besorgt wäre, und seinem ängstlichen Gemüte nicht auch noch leere Gespenster vormalte! Warum schreibt sie denn nicht den Grund ihrer Befürchtung dazu? Warum giebt sie ferner keinen Gewährsmann an? Durch welche unserer Handlungen oder Reden bewogen, hat sie dir denn diesen ängstlichen Brief geschrieben? (37) O über meine beklagenswerte Lage, in der es mir vielleicht gefahrloser wäre zu schweigen als zu reden! Allein welche Wendung es auch immer nehmen mag, lieber will ich, daß dir meine Verteidigung mißfalle, als meine Sache. Du wirst aber als wahr anerkennen, was ich jetzt sagen will: als du mich nämlich abschicktest, dir aus Makedonien Truppen herbeizuführen7, so wirst du dich erinnern mir gesagt zu haben, daß in dem Palaste deiner Mutter sich viele kräftige junge Männer verbärgen. (38) Du befahlst mir also, mich an niemand als an dich zu kehren und die, welche den Kriegsdienst verweigerten, zu dir zu bringen. Dies nun habe ich gethan, und habe mit mehr Freimut, als es mir vorteilhaft war, deinen Befehl vollzogen. Den Gorgias, Hekatäus und Gorgatas, deren guter Dienste du dich erfreust, habe ich von dort hergebracht. (39) Was kann nun also unbilliger sein, als mich, der ich mit Recht Strafe erlitten haben würde, wenn ich dir nicht gehorcht hätte, jetzt sterben zu lassen, weil ich gehorcht habe? Denn eine andre Ursache, uns zu verfolgen, hatte deine Mutter durchaus nicht, als weil wir deinen Vorteil höher gestellt haben als Frauengunst. (40) Sechstausend Mann makedonisches Fußvolk und sechshundert Reiter habe ich dir hergeführt, wovon ein Teil mir nicht gefolgt sein würde, wenn ich denen, die den Kriegsdienst verweigerten, hätte Nachsicht schenken wollen. Daraus folgt, daß, weil uns deine [223] Mutter aus dieser Veranlassung zürnt, es dir zukommt, dieselbe zu besänftigen, da du selbst uns ihrem Zorne ausgesetzt hast.“
2 (1) Während Amyntas so redete, kamen zufällig Leute dazu, die seinen Bruder Polemo, von dem ich oben sprach, auf der Flucht ereilt hatten und gebunden zurückbrachten. Die feindselig gestimmte Versammlung konnte kaum abgehalten werden, ihn sofort nach herkömmlicher Sitte zu steinigen. (2) Er jedoch sprach ohne alle Furcht: „Für mich bitte ich nicht um Gnade, nur möge meine Flucht nicht meinen unschuldigen Brüdern zur Last gelegt werden. Läßt sich dieselbe nicht verteidigen, so sei die Schuld mein. Deren Sache steht eben darum besser, weil nun ich, der Entflohene, verdächtig bin.“ (3) Auf diese seine Worte fiel ihm die ganze Versammlung mit ihrem Beifall zu, und aller Thränen begannen zu fließen, ja in dem Grade war man plötzlich ins Gegenteil umgestimmt, daß allein dasjenige, was den meisten Unwillen erregt hatte, für ihn zu sprechen schien. (4) Er war ein Jüngling in der ersten Blüte seiner Jahre, und bei der Bestürzung, die sich der Reiter über Philotas’ Folterung bemächtigte, hatte ihn der Schrecken der anderen fortgerissen. Verlassen von seinen Begleitern und schwankend zwischen dem Entschlusse der Rückkehr oder fernerer Flucht, ereilten ihn die Verfolger. (5) Jetzt begann er zu weinen und selbst sein Antlitz zu zerschlagen, voll Betrübnis nicht über sein Geschick, sondern über das seiner Brüder, die um seinetwillen vor Gericht standen. (6) Und nicht nur die Versammlung, auch der König war bereits gerührt. Unbesänftigt allein blieb sein Bruder, der, ihm einen furchtbaren Blick zuwerfend, ausrief: „Damals, du Thor, hättest du weinen sollen, als du deinem Rosse die Sporen in den Leib setztest und, deine Brüder im Stiche lassend, den Fahnenflüchtigen nachliefst. Elender, wohin und von wo flohst du? Du machst, daß ich selbst auf den Tod angeklagt, wie ein Ankläger zu dir sprechen muß!“ (7) Jener gestand ein, daß er gefehlt, aber nicht schwerer gegen die Brüder als gegen sich selbst. Da vollends hielt die Menge weder ihre Thränen noch Zurufe zurück, durch die sie ihre Zuneigung zu erkennen zu geben pflegt. Wie eine Stimme erscholl der einmütige Ruf, daß er die unschuldigen und tapfern Männer verschonen möge. Auch die Freunde erhoben sich jetzt, wo ihnen Gelegenheit geboten war, ihr Mitleid an den Tag zu legen, und baten weinend beim Könige für sie vor. (8) Dieser [224] ließ Stillschweigen gebieten und sprach: „Auch ich spreche durch meine Stimme den Amyntas und seine Brüder frei. Ihr aber, Jünglinge, mögt, so wünsche ich, lieber meiner Gnade vergessen, als eurer Anklage gedenken. Kehret mit ebenso ehrlicher Gesinnung in das freundschaftliche Verhältnis mit mir zurück, wie ich selbst mit euch. (9) Wäre das, was gegen euch hinterbracht worden ist, nicht untersucht worden, so hätte meine Verheimlichung der Sache sich tief einfressen können.8 Besser aber ist es, ihr seid gerechtfertigt als verdächtig. Bedenkt, daß niemand freigesprochen werden kann, der sich nicht verteidigt hat. Du, Amyntas, verzeihe deinem Bruder. (10) Das soll auch für mich das Pfand deines aufrichtig versöhnten Herzens sein.“ Dann, nachdem er die Versammlung entlassen, ließ er den Polydamas rufen. (11) Dieser war dem Parmenio bei weitem der liebste von seinen Freunden, gewohnt in der Schlacht zunächst an seiner Seite zu stehen. Und obwohl er auf sein gutes Gewissen vertrauend in die Wohnung des Königs gekommen war, (12) so verwandelte sich doch, wie ihm befohlen wurde, seine Brüder, die noch ziemlich jung und ebendeshalb dem König noch unbekannt waren, herbeizubringen, seine Zuversicht in Besorgnis. Er fing an zu beben und hin und her zu sinnen, mehr, was ihn wohl in Verdacht bringen, als wie er sich verteidigen könnte. (13) Bereits hatten die Trabanten, denen es befohlen war, die Jünglinge vorgeführt, als der König den vor Furcht erblaßten Polydamas näher treten hieß, und nach Entfernung aller Zeugen also sprach: (14) „Das Verbrechen Parmenio’s betrifft uns alle gleichmäßig, am meisten aber mich und dich, die er durch den Schein der Freundschaft getäuscht hat. Ihn zu belangen und zu strafen, habe ich, zum Beweis, wie sehr ich auf deine Treue baue, beschlossen, mich deiner zu bedienen. (15) Geiseln, während du dies vollbringst, sollen mir deine Brüder sein. Reise nach Medien und bringe an meine Generale die von mir eigenhändig geschriebenen Briefe. Es bedarf der Schnelligkeit, um dem geflügelten Gerüchte vorauszueilen. Mein Wille ist, daß du nachts dort ankommst und am folgenden Tage meinen schriftlichen Befehl vollziehst. (16) Auch an Parmenio wirst du Briefe überbringen, einen von mir, den [225] andern unter Philotas’ Namen geschrieben. Das Petschaft seines Ringes ist in meinen Händen. Glaubt der Vater, sein Sohn habe das Schreiben gesiegelt, so wird er bei deinem Anblick nichts fürchten.“ (17) Polydamas, der sich von so schwerer Furcht befreit sah, sagt noch eifriger, als es verlangt wurde, seine Dienste zu. Mit Lobsprüchen und Versprechungen überhäuft, legt er sein gewöhnliches Gewand ab und zieht ein arabisches an. (18) Zwei Araber, deren Weiber und Kinder unterdes zum Unterpfand ihrer Treue als Geiseln beim Könige blieben, werden ihm als Begleiter gegeben. Durch die schon wegen ihrer Trockenheit unbewohnte Wüste gelangten sie auf Kamelen am elften Tage an den Ort ihrer Bestimmung9, (19) und bevor noch seine Ankunft gemeldet wurde, legte Polydamas wieder sein makedonisches Kleid an und begab sich in der vierten Nachtwache in das Zelt des königlichen Hauptmanns Kleander. (20) Als er hier seinen Brief abgegeben, beschlossen sie nach Anbruch des Tages zusammen zu Parmenio zu gehen; denn auch die übrigen, für die er Briefe vom Könige mitgebracht hatte, sollten dorthin kommen. Schon meldete man dem Parmenio, daß Polydamas gekommen sei, (21) und erfreut über die Ankunft des Freundes und zugleich begierig zu erfahren, was der König mache (denn seit langer Frist hatte er keinen Brief von ihm erhalten), gab er Befehl, denselben aufzusuchen. (22) Die Wohnungen in jenem Lande haben weitausgedehnte und anmutig mit künstlichen Hainen bepflanzte Parkanlagen, vorzüglich ein Vergnügen für die Könige und ihre Statthalter. (23) Parmenio erging sich in seinem Park, mitten unter den Obersten, denen durch die Briefe des Königs befohlen war, ihn zu töten. Zur Ausführung aber hatten sie den Augenblick bestimmt, wo er die von Polydamas übergebenen Briefe lesen würde. (24) Als Polydamas von fern herankam, eilte er, sobald ihn Parmenio erblickte, mit scheinbar freudiger Miene herbei, ihn zu umarmen, und nachdem sie sich gegenseitig ihre Freude bezeigt hatten, überreichte er ihm den vom König geschriebenen Brief. (25) Während er den Briefverschluß löste, fragte Parmenio, was der König mache; worauf jener erwiderte, er werde es aus dem Briefe selbst ersehen. (26) Als er ihn gelesen, sagte er: „Der [226] König rüstet sich zu einem Zuge gegen die Arachosier. Über den unermüdlichen und niemals rastenden Mann! Doch wäre es Zeit, nachdem er bereits so hohen Ruhm errungen, sein Leben zu schonen.“ (27) Dann las er, voll Freude, wie sich aus seiner Miene erkennen ließ, den andern unter Philotas’ Namen geschriebenen Brief, als Kleander ihm sein Schwert in die Seite bohrte und dann es ihm noch in die Kehle stieß. Die übrigen durchbohrten noch den schon Entseelten. (28) Als die Trabanten, die am Eingange des Parks aufgestellt waren, den Mord erfuhren, dessen Ursache ihnen unbekannt war, eilten sie ins Lager und brachten durch die entsetzliche Botschaft die Soldaten in Aufruhr. (29) Diese strömten bewaffnet zu dem Parke, wo der Mord vollbracht worden war, und drohten, wenn ihnen nicht Polydamas und die übrigen Teilnehmer an dem Verbrechen ausgeliefert würden, die den Park umgebende Mauer niederreißen und mit aller Blut ihrem Feldherrn ein Racheopfer bringen zu wollen. (30) Kleander befahl, die Höherbediensteten unter ihnen hereinzulassen, und las ihnen einen vom König an die Soldaten gerichteten Brief vor, worin die dem König von Parmenio bereiteten Nachstellungen und die Bitte, dafür Rache zu nehmen, enthalten waren. (31) Nachdem man so den Willen des Königs erfahren, wurde zwar nicht ihr Unwille, jedoch wenigstens der Aufstand beschwichtigt. Die meisten zerstreuten sich, und nur wenige blieben zurück, welche baten, man möge ihnen wenigstens erlauben, seinen Leichnam zu bestatten. (32) Lange wurde ihnen dies von Kleander, der damit beim Könige anzustoßen fürchtete, abgeschlagen; dann, als sie hartnäckig bei ihrer Bitte beharrten, glaubte er ihnen den Anlaß zur Aufregung entziehen zu müssen, hieb den Kopf ab und gestattete ihnen, den Rumpf zu beerdigen. (33) Das Haupt wurde an den König geschickt. So starb Parmenio, dieser im Krieg und Frieden ausgezeichnete Mann. Vieles hatte er erfolgreich ohne den König, der König nichts Wichtiges ohne ihn ausgeführt.10 Einem so überaus glücklichen Könige, der an alles den Maßstab seines eigenen Glückes legte, wußte er zu genügen. Noch siebzig Jahr alt erfüllte er wie ein Jüngling die Pflichten eines Führers und oft sogar eines gemeinen Soldaten, ein Mann, scharfsinnig im Rat, entschlossen von That, [227] seinen Fürsten teuer, noch lieber aber dem Kriegsvolk. (34) Ob ihn dies wirlich zum Streben nach Herrschaft verleitet oder nur verdächtig gemacht habe, darüber läßt sich streiten, weil es, selbst als das Ereignis noch neu und darum besser zu beurteilen war, zweifelhaft blieb, ob Philotas, durch die äußersten Qualen bezwungen, der Wahrheit gemäß ausgesagt, was als Thatsache nicht bewiesen werden konnte, oder ob er durch falsche Angaben der Folter habe ein Ende machen wollen. (35) Alexander fand für gut, diejenigen, von denen er erfahren, daß sie freimütig den Tod Parmenio’s beklagt hätten, von dem übrigen Heere zu trennen und in eine einzige Kohorte abzusondern, zu deren Führer er den Leonidas machte, der ebenfalls vormals dem Parmenio sehr eng befreundet gewesen war. (36) Es waren das ziemlich dieselben, denen der König auch sonst schon nicht wohlgewollt hatte. Da er nämlich die Gesinnung seiner Soldaten prüfen wollte, forderte er diejenigen, die Briefe an ihre Angehörigen nach Makedonien geschrieben hätten, auf, sie seinen eigenen Boten anzuvertrauen, welche dieselben treulich bestellen würden. Arglos hatte jeder an seine Angehörigen geschrieben, wie es ihm ums Herz war: einigen war der Kriegsdienst lästig, der Mehrzahl nicht unangenehm. (37) So bekam er sowohl die Briefe derer, die sich dankbar aussprachen, in seine Hände, als derer, die etwa darin ihren Überdruß an den Beschwerden geklagt hatten. Diese ließ er zu ihrer Beschimpfung11, als ein von den übrigen abgesondertes Corps kampieren, um sich zwar ihrer Tapferkeit im Kriege zu bedienen, ihre freimütige Zunge aber von den leicht empfänglichen Ohren fern zu halten. Und dieser vielleicht thörichte Beschluß, da er durch diese Schmach die tapfersten jungen Männer gereizt hatte, schlug doch dem Könige, wie alles andere, zum Glück aus. Denn niemand zeigte sich kampfbereiter als sie, (38) weil teils das Bestreben, den Schimpf zu tilgen, ihre Tapferkeit anspornte, teils tapfere Thaten unter der geringen Zahl nicht verborgen bleiben konnten.
3 (1) [228] Nach Ordnung dieser Angelegenheiten, und nachdem er einen Statthalter über die Arier eingesetzt, ließ er Befehl zum Marsche nach dem Lande der Arimaspen geben, die man schon damals mit verändertem Namen Euergeten12 nannte, seitdem sie das durch Kälte und Mangel an Lebensmitteln leidende Heer des Cyrus mit Obdach und Zufuhr unterstützt hatten. (2) Es war der fünfte Tag, als man in jene Gegend gelangt war. Auf die Nachricht, daß Satibarzanes, der zu Bessus abgefallen war, mit einem Haufen Reiter wieder in das Land der Arier eingebrochen sei, ließ er den Karanus und Erigyius nebst Artabazus und Andronikus und sechstausend Mann griechischen Fußvolkes, denen sechshundert Reiter folgten, dorthin abgehen. (3) Er selbst ordnete innerhalb sechzig Tagen die Angelegenheiten des Stammes der Euergeten und beschenkte sie wegen ihrer ausgezeichneten Treue gegen Cyrus reichlich mit Geld. (4) Als er hierauf den ehemaligen Geheimschreiber des Darius, Amedines, zum Befehlshaber über sie zurückgelassen, unterwarf er die Arachosier13, deren Gebiet sich bis zum Pontischen Meere erstreckt. Hier traf er mit dem Heere zusammen, welches unter Parmenio gestanden hatte, bestehend aus sechstausend Makedoniern und zweihundert Adligen, nebst fünftausend Griechen und sechshundert Reitern, ohne Zweifel dem Kerne der ganzen königlichen Streitmacht. (5) Den Arachosiern wurde Menon zum Befehlshaber gegeben und viertausend Mann Fußvolk nebst sechshundert Reitern als Besatzung zurückgelassen. Der König selbst drang mit dem Heere ein in das Land einer nicht einmal ihren Nachbarn hinreichend bekannten Nation, da sie keinen wechselseitigen Handelsverkehr wollen. (6) Ihr Name ist Parapamisaden14, ein roher Menschenschlag und unter allen Barbaren der [229] ungebildetste. Das rauhe Klima der Gegend hatte auch die Sinnesart der Menschen rauh gemacht. (7) Ein großer Teil liegt nach dem kalten Nordpole zu, gegen Westen grenzen sie an die Baktrier, die Mittagsseite senkt sich nach dem Indischen Meere hin.15 (8) Ihre Hütten bauen sie gleich von unten auf aus Backsteinen, und weil das Land, zumal bei der nackten Beschaffenheit des Bergrückens, arm an Holz ist, so bedienen sie sich bis zur höchsten Spitze der Gebäude ebenfalls des Backsteines. (9) Übrigens verengt sich der unten breitere Bau allmählich im Emporwachsen und schließt endlich in Gestalt eines Schiffskiels zusammen. Dort bleibt eine Öffnung, durch welche sie von oben Licht einlassen. (10) Was bei solcher Rauhigkeit des Landes von Weinstöcken und Bäumen hat ausdauern können, das decken sie zu, so daß es während des Winters völlig eingegraben und verborgen liegt. Sobald dann der Schnee verschwunden und der Boden wieder frei ist, geben sie es der Luft und der Sonne zurück. (11) Es bedeckt aber so tiefer Schnee die Erde, und durch die Kälte und den fast ununterbrochenen Frost friert er so zusammen, daß nicht einmal eine Spur von Vögeln oder einem Wilde zu sehen ist. Eine schattige, richtiger zu sagen Dämmerung als Beleuchtung des Himmels breitet sich nachtähnlich über die Gegend aus, sodaß man kaum die naheliegenden Gegenstände erblicken kann.16 (12) In dieser von aller menschlichen Kultur verlassenen Einöde nun ertrug das Heer alles, was sich immer von Drangsalen erdulden läßt, Mangel, Kälte, Ermattung und Verzweiflung. (13) Vielen brachte die ungewohnte Kälte des Schnees den Tod, viele erfroren darin die Füße, die meisten bekamen davon Augenentzündung. Besonders [230] verderblich wurde er den Ermatteten, denn sie warfen die erschöpften Leiber geradezu auf das Eis nieder, sobald sie aber aufgehört hatten, sich zu bewegen, machte sie die Gewalt der Kälte so steif, daß sie sich nicht wieder erheben konnten, um aufzustehen. (14) Die Erstarrten wurden von ihren Kameraden aufgerüttelt, da es kein anderes Mittel gab, als daß man sie zwang, weiterzugehen; (15) und dann erst, wenn die Lebenswärme geweckt war, kehrte wieder einige Kraft in die Glieder zurück. Konnten sie in die Hütten der Barbaren gelangen, so waren sie schnell hergestellt. Aber es herrschte solches Dunkel, daß nichts andres als der Rauch die Gebäude verriet. (16) Jene Menschen, die niemals vorher in ihrem Lande einen Fremden gesehen, brachten, als sie plötzlich Bewaffnete erblickten, halb tot vor Furcht alles, was sie in ihren Hütten hatten, herbei und baten, nur ihres Lebens zu schonen. (17) Der König ging zu Fuß unter dem Zuge hin und her, richtete manche, die am Boden lagen, auf und bot anderen, die nur mit Mühe folgen konnten, den eigenen Körper als Stütze dar. Bald war er bei den vordersten Reihen, bald in der Mitte, bald im hintersten Zuge, indem er die Beschwerden des Marsches für sich vervielfältigte. (18) Endlich gelangte man in bebautere Gegenden, wo sich das Heer durch reichliche Lebensmittel stärkte. Zugleich kamen auch die, welche nicht hatten folgen können, in das dort aufgeschlagene Lager. (19) Von hier rückte das Heer zum Kaukasusgebirge17 vor, dessen ununterbrochener Rücken Asien in zwei Teile zerlegt. Gleichzeitig sieht es auf der einen Seite nach dem Meere, welches Kilikien bespült, auf der andern nach dem Kaspischen See, dem Flusse Araxes und in anderer Richtung nach den Wüsteneien Skythiens. (20) Mit dem Kaukasus hängt nämlich der Taurus, ein Gebirge zweiter Größe, zusammen, das, von Kappadokien aus sich erhebend, bei Kilikien vorüberstreicht und sich an die armenischen Gebirge anschließt. (21) So reihen sich die Gebirge gleichsam aneinander und bilden einen ununterbrochenen Rücken, von welchem beinahe alle Ströme Asiens, die einen in das rote, die andern [231] in das hyrcanische und pontische Meer hinabfließen. (22) In der Zeit von siebzehn Tagen überschritt das Heer den Caucasus. Es befindet sich dort ein Felsen, der im Umkreis zehn Stadien mißt und dessen Höhe vier Stadien übersteigt. An demselben soll der Sage des Alterthums zufolge Prometheus angeschmiedet gewesen sein. (23) Am Fuß des Gebirges wurde ein Platz zur Gründung einer Stadt ausgewählt, und 7000 der älteren Macedonier, sowie den nicht mehr für den Dienst verwendeten Soldaten Erlaubniß gegeben, sich in der neuen Stadt niederzulassen. Auch diese nannten ihre Bewohner Alexandria18.
4 (1) Bessus indeß, durch die Schnelligkeit Alexanders in Schrecken gesetzt, hielt, nachdem er den vaterländischen Gottheiten ein feierliches Opfer dargebracht hatte, nach der Sitte jener Völker beim Schmause mit seinen Freunden und Heerführern Kriegsrath. (2) Trunken vom Weine, fing man an mit der eigenen Macht zu prahlen und dagegen die Tollkühnheit und geringe Zahl der Feinde zu verspotten. (3) Besonders stellte Bessus mit leidenschaftlichen Worten, im Uebermuth seiner durch ein Verbrechen gewonnenen Herrschaft und kaum seiner Besinnung mächtig, die Behauptung auf, nur durch Darius’ Schlaffheit sei der Ruhm der Feinde so gewachsen. (4) Sei er ihnen doch in den schmalen Engpässen Ciliciens begegnet, wo er durch Zurückweichen die Unvorsichtigen in Gegenden hätte verlocken können, die, unwegsam durch ihre natürliche Beschaffenheit und durch die zahlreichen das Terrain durchschneidenden Flüsse und Bergschluchten, dem innerhalb derselben überfallenen Feinde nicht einmal die Möglichkeit der Flucht, geschweige denn des Widerstandes gelassen haben würden. (5) Seine Absicht sei nach Sogdiana zurückzuweichen und den Fluß Oxus wie eine Mauer zwischen sich und dem Feinde zu lassen, bis sich die starken Hülfscorps aus den benachbarten Völkerschaften versammelten. (6) Kommen würden die Chorasmier19, Daher, Sacer, Inder und die jenseits des [232] Tanais20 wohnenden Scythen, von denen kein einziger so klein sei, daß er nicht der Scheitel eines macedonischen Soldaten um Haupteslänge überrage. (7) Alles schreit taumelnd, dies sei der einzige heilbringende Gedanke; und Bessus ließ noch reichlicher Wein herumreichen, um Alexander vollends über Tische zu vernichten. (8) Bei jenem Gastmahl befand sich ein gewisser Cobares, ein Meder von Geburt, der aber mehr durch die Ausübung als durch seine Kenntniß der magischen Kunst (wenn es überhaupt eine Kunst und nicht blos ein Spielwerk des ärgsten Aberglaubens ist) berühmt war, sonst ein gemäßigter und braver Mann. (9) Dieser hob an zu reden, er wisse wohl, daß es für einen Knecht vortheilhafter sei dem Befehle zu gehorchen, als einen Rath zu geben, da diejenigen, welche gehorchten, nur das gleiche Schicksal wie die Uebrigen erwarte, für einen Rathgeber aber noch eine ganz besondere Gefahr vorhanden sei. [Worauf ihn Bessus aufforderte seine Meinung zu sagen, und]21 ihm sogar den Becher, den er selbst in der Hand hielt, reichte. (10) Cobares nahm denselben und sprach: „Die menschliche Natur kann auch um deswillen verkehrt und untüchtig genannt werden, weil Jeder in seinen eigenen Angelegenheiten weniger scharfsichtig ist als in fremden. (11) Verworren sind die Entschlüsse derer, die ihrem eigenen Rathe folgen: bald verblendet sie Furcht, bald Begierde, bald die natürliche Vorliebe für das, was man selbst ersonnen. Denn der Vorwurf des Stolzes trifft dich nicht. Du weißt aus Erfahrung, wie ein Jeglicher, was er selbst gefunden, für das allein Richtige oder Beste hält. Eine schwere Last, die königliche Krone, ruht auf deinem Haupte. (12) Sie will entweder mit Mäßigung getragen sein, oder wird, was die Götter verhüten wollen, auf dich zusammenstürzen. (13) Kluger Ueberlegung, nicht stürmischer Entschlüsse bedarf es.“ Er fügte hinzu, was bei den Bactriern ein gewöhnliches Sprüchwort ist, daß ein furchtsamer Hund heftiger belle als beiße, und daß gerade die tiefsten Ströme mit dem wenigsten Geräusche flössen. Was hier eingeschaltet sei, um der Lebensklugheit der Barbaren, von welcher Art sie immer sein mochte, zu gedenken. (14) Als er durch diese Worte die Erwartung der Hörer gespannt [233] hatte, eröffnete er nun seinen dem Bessus mehr nützlichen als angenehmen Rath, indem er sprach: „Der König, dem kein anderer an Schnelligkeit gleicht, steht vor dem Thore deines Palastes. Er wird eher mit seinem Heere, als du von dieser Tafel aufbrechen. (15) Jetzt willst du ein Heer vom Tanais herkommen lassen und den Bewaffneten die Ströme in den Weg stellen. Glaubst du denn, auf dem Wege, wo du fliehen willst, könne nicht auch der Feind folgen? Die Straße ist für Beide offen und sie ist sicherer für den Sieger. Für wie rastlos du auch die Furcht halten magst, die Hoffnung ist dennoch schneller. (16) Warum suchst du also nicht lieber die Gunst des Mächtigeren zu gewinnen und ergiebst dich ihm? Wie es immer kommen mag, so erwartet dich als Feind ein schlimmeres Loos, als wenn du dich ihm ergiebst. (17) Ein fremder Thron ist es, den du inne hast, und um so leichter wirst du seiner entbehren. Vielleicht wirst du dann ein rechtmäßiger König sein, wenn der selbst dich dazu macht, der dir ein Reich geben und entreißen kann. (18) Da hast du meinen getreuen Rath, den dir weiter auszuführen überflüssig sein würde. Ein edles Roß läßt sich schon vom Schatten der Reitgerte regieren, ein träges nicht einmal durch den Sporn antreiben.“ (19) Ueber diese Rede ergrimmte Bessus, der ohnehin leidenschaftlich, auch durch den vielen Wein erhitzt war, so sehr, daß ihn kaum seine Freunde abhalten konnten jenen zu tödten; denn schon hatte er den Säbel gezogen. Doch stürzte er wenigstens, seiner Sinne nicht mehr mächtig, vom Gastmahle fort, Cobares aber entrann während der Verwirrung und entfloh zu Alexander. (20) Bessus hatte 8000 bewaffnete Bactrier, die, so lange sie geglaubt hatten, die Macedonier würden wegen des ungünstigen Climas vorziehen sich nach Indien zu wenden, gehorsam seine Befehle vollzogen, als sie aber die Annäherung Alexanders erfuhren, sich ein jeder in seine Heimath zerstreuten und den Bessus verließen. (21) Dieser setzte mit einem Haufen seiner Hörigen, die ihm nicht untreu geworden waren, über den Oxus, verbrannte die Schiffe, auf welchen er übergefahren war, damit sich nicht auch der Feind ihrer bedienen könne, und zog in Sogdiana neue Truppen zusammen. (22) Alexander hatte zwar, wie bereits erzählt wurde, den Caucasus überschritten, allein wegen Getreidemangel war es fast zur Hungersnoth gekommen. (23) Man salbte sich die Glieder mit dem ausgepreßten [234] Safte des Sesam, gerade so wie mit Oel; aber ein Krug dieses Oeles galt zweihundertundvierzig, ein Krug Honig dreihundertundneunzig, ein Krug Wein dreihundert Denare. Weizen fand sich gar nicht oder nur äußerst wenig. (24) Es sind nämlich Gruben, von den Barbaren Siren genannt, die sie so geschickt verbergen, daß sie nur derjenige, der sie gegraben, auffinden kann. Darin waren ihre Feldfrüchte aufbewahrt. In Ermangelung dieser erhielten sich die Soldaten mit Flußfischen und Kräutern. (25) Und bereits fehlten auch selbst diese Nahrungsmittel, als der Befehl gegeben wurde, die Thiere, welche zum Lasttragen dienten, zu schlachten. Mit ihrem Fleische fristete man sich das Leben, bis man nach Bactrien gelangte. (26) Die Natur des bactrischen Landes ist von mannigfaltiger und nicht gleichmäßiger Beschaffenheit. In einigen Gegenden bringen die in Menge vorhandenen Bäume und Weinstöcke reichliche und edle Früchte hervor; den fetten Boden bewässern häufige Quellen, und während die fruchtbareren Strecken mit Getreide besät sind, dienen die übrigen zur Weide für die Viehheerden. (27) Einen großen Theil des Landes dagegen nehmen unfruchtbare Sandwüsten ein: in dürres Grau gekleidet nährt es weder Menschen noch Getreide, und wenn vollends die Winde vom pontischen22 Meere her wehen, so fegen sie allen Sand, der die Flächen bedeckt, zusammen. Auf Haufen getrieben hat derselbe dann von ferne die Gestalt hoher Hügel, und alle Spuren des alten Weges verschwinden. (28) Wer daher durch diese Sandflächen zieht, beobachtet wie die Schiffer des Nachts die Gestirne und richtet seinen Weg nach deren Laufe; ja das Dunkel der Nacht ist beinahe heller als das Tageslicht. (29) Darum ist am Tage die Gegend unwegsam, weil man theils keine Spur findet, der man folgen könnte, theils der Glanz des Himmelsgestirnes sich unter einem düstern Dunste verbirgt. Wen übrigens jener Wind, der vom Meere her weht, trifft, den begräbt er im Sande. (30) Wo jedoch das Land wirthlicher ist, da gedeiht eine ungemeine Fülle von Menschen und Rossen, (31) so daß die Bactrier 30,[^000] Reiter zählten. Bactra23 selbst, die Hauptstadt jenes Landes, liegt [235] am Fuße des Paropamisus-Gebirges. Ihre Mauern bespült der Fluß Bactrus, der der Stadt und dem Lande den Namen gegeben hat. (32) Während hier der König ein Standlager hatte, wurde ihm aus Griechenland der Abfall der Peloponnesier und Lacedämonier gemeldet: denn sie waren noch nicht besiegt, als die Boten abgingen, welche ihm den Beginn jenes Aufstandes melden sollten. Auch aus der Nähe kam eine andere Schreckensbotschaft, daß die jenseits des Tanais wohnenden Scythen heranrückten, um Bessus zu helfen. Gleichzeitig jedoch wurde ihm hinterbracht, was Caranus und Erigyius im Lande der Arier gethan hatten. (33) Es war ein Treffen zwischen den Macedoniern und Ariern geliefert worden. Der Ueberläufer Satibarzanes befehligte die Barbaren, und als er bei beiderseits gleichen Streitkräften den Kampf unbeweglich stehen sah, ritt er in die vordersten Reihen vor, nahm seinen Helm vom Haupte und forderte, indem er dem Schießen Einhalt that, jeden, der Lust hätte, zum Zweikampfe mit sich heraus: er werde entblößten Hauptes kämpfen. (34) Unerträglich deuchte der Trotz des Barbarenführers dem Erigyius, der zwar hoch an Jahren, dennoch an geistiger und körperlicher Kraft keinem der jungen Männer nachstand. Den Helm abnehmend, zeigte er sein graues Haupt und rief: „Der Tag ist da, wo ich entweder durch Sieg oder ehrenvollen Tod zeigen will, was für Freunde und Krieger Alexander hat!“ (35) und ohne ein weiteres Wort spornte er sein Roß gegen den Feind. Man hätte glauben können, beiden Schlachtreihen sei der Befehl gegeben, mit Schießen inne zu halten; wenigstens wichen sie sofort zurück und gaben freien Raum, auf den Ausgang nicht nur des Zweikampfes, sondern zugleich ihres eigenen Geschickes gespannt, da sie bereit waren sich der fremden Entscheidung zu fügen. (36) Zuerst entsandte der Barbar seinen Speer, welchem Erigyius durch eine geringe Beugung des Hauptes auswich; dann traf er selbst, sein Roß kräftig spornend, mit der tödtlichen Lanze so mitten in die Gurgel des Feindes, daß sie durch den Nacken herausragte. Dieser stürzte vom Roß, leistete aber gleichwohl noch immer Widerstand. (37) Doch jener zog den Speer aus der Wunde und stieß ihm denselben aufs neue in den Mund, während Satibarzanes, ihn mit dem Arme umschlingend, um schneller zu sterben, den Stoß des Feindes noch verstärkte. (38) Nach Verlust ihres Führers, dem sie mehr gezwungen als freiwillig gefolgt waren, überlieferten [236] die Barbaren, jetzt der Verdienste Alexanders wohl eingedenk, ihre Waffen dem Erigyius. (39) Freute auch dieser Ausgang den König, so war er doch wegen der Spartaner keineswegs ohne Sorgen, wiewohl er die Nachricht von ihrem Abfalle mit unerschrockenem Muthe aufnahm, indem er bemerkte, sie hätten nicht früher gewagt ihre Absicht zu enthüllen, als bis sie gewußt, daß er an den Grenzen von Indien stehe. (40) Hierauf ließ er das Heer zur Verfolgung des Bessus aufbrechen, auf welchem Wege ihm Erigyius begegnete, das Haupt des Barbaren als herrliche Siegesbeute vor sich her tragend.
5 (1) Nachdem er also die Provinz Bactrien dem Artabazus übergeben, ließ er daselbst das Gepäck und Heergeräth unter Bedeckung zurück, während er selbst mit leichtem Heereszuge in die Wüsten Sogdianas24 eindrang, indem er die Truppen Nachts marschiren ließ. (2) Der oben erwähnte Wassermangel nämlich entzündet, noch ehe der Trieb zu trinken erwacht, den Durst durch die Hoffnungslosigkeit ihn zu löschen. Auf einer Strecke von 400 Stadien findet sich auch nicht einmal eine geringe Quantität Wassers. (3) Die Strahlen der Sommersonne durchglühen den Sand, und ist dieser einmal in Hitze gerathen, so wird alles nicht anders wie von einem immerwährenden Feuer ausgedörrt. (4) Ein dunkler Dunst, durch die grenzenlose Glut des Erdbodens erzeugt, verschleiert den Tag, und die Sandflächen bieten einen ganz ähnlichen Anblick wie des unendlichen tiefen Meeres. (5) Der Marsch während der Nacht schien noch erträglich, weil durch den Thau und die Morgenkühle die Körper erfrischt wurden; doch sofort mit Tagesanbruch beginnt die Hitze, und die Trockenheit verzehrt alle natürliche Feuchtigkeit, so daß Gesicht und Körper völlig verbrannt werden. (6) Zuerst also begann sie der Muth, dann die Körperkraft zu verlassen, weder stillzuhalten noch zu marschiren hatten sie Lust. Einige Wenige hatten, auf Anrathen der Gegend Kundiger, sich mit etwas Wasser versehen, (7) das auf kurze Zeit ihren Durst stillte. Als dann aber die Hitze wuchs, entbrannte aufs Neue das Bedürfnis nach Wasser. Was also immer von Wein und Oel vorhanden war, wurde in den Mund [237] gegossen, und so groß war die Verlockung zu trinken, daß man den Durst für den folgenden Tag nicht fürchtete. (8) Von dem gierig genossenen Trunke beschwert, vermochten sie dann weder die Waffen zu halten, noch fortzumarschiren; und es schienen die, welche kein Wasser gehabt hatten, besser daran, da jene das maßlos genossene wieder ausbrechen mußten. (9) Den durch solche Leiden geängstigten König umstanden seine Freunde und baten ihn an sich selbst zu denken, da seine Seelengröße das einzige Rettungsmittel des verschmachtenden Heeres sei: (10) als ihnen Zwei von denen, die vorausgegangen waren, um einen Platz für das Lager abzustecken, mit Schläuchen voll Wasser begegneten, um damit ihren Söhnen entgegenzugehen, die sich, wie sie wohl wußten, in demselben Zuge befanden und von Durst schwer gepeinigt wurden. (11) Wie sie auf den König stießen, öffnete der eine von ihnen seinen Schlauch, füllte ein Gefäß, das er bei sich trug, und reichte es dem König. Dieser nahm es; aber als er auf seine Frage, für wen sie das Wasser brachten, erfuhr, es sei für ihre Söhne, (12) so gab er den Becher voll, wie er ihm gereicht worden war, zurück und sprach: „Allein mag ich nicht trinken, und unter Alle kann ich eine so kleine Menge nicht vertheilen. Laufet also, und gebt euren Söhnen, was ihr ihretwegen herbeigebracht habt.“ (13) Endlich erreichte er selbst etwa mit einbrechendem Abend den Oxus; doch ein großer Theil des Heeres hatte ihm nicht folgen können. Er ließ daher auf einem hohen Berge Feuer anzünden, damit die, welche sich mühsam nachschleppten, sähen, daß sie nicht weit vom Lager entfernt seien. (14) Denen aber, die den Vortrab bildeten, und die sich rasch durch Speise und Trank gekräftigt hatten, gebot er, sowohl Schläuche als alle möglichen Gefäße, worin sich Wasser fortschaffen ließ, zu füllen, um ihren Kameraden Hülfe zu bringen. (15) Diejenigen jedoch, welche zu unmäßig tranken, hatten den Tod davon, indem sie ein Stickfluß traf, und deren Zahl war weit größer, als er in irgend einem Treffen verloren hatte. (16) Er selbst stellte sich, noch mit seinem Brustharnisch angethan und weder durch Speise noch Trank erquickt, an dem Wege auf, wo das Heer herankam, und zog sich nicht eher zurück, sich zu stärken, als bis der Zug bei ihm vorüber war; jene ganze Nacht aber brachte er in großer Gemüthsbewegung fortwährend wachend zu. (17) Auch am folgenden Tage war er nicht freudiger gestimmt, [238] weil er weder Schiffe hatte, noch eine Brücke bauen konnte, da rings um den Fluß nackter und hauptsächlich von Holz entblößter Boden war. Er griff also zu dem einzigen Mittel, welches ihm die Noth an die Hand gab. Schläuche, soviel sich ihrer auftreiben ließen, wurden mit Stroh gefüllt und vertheilt. (18) Darauf liegend schwammen sie über den Fluß, und die zuerst Uebergesetzten hielten dann Wache, bis die Uebrigen herüber waren. Auf diese Weise brachte er endlich am sechsten Tage sein ganzes Heer auf das jenseitige Ufer. (19) Und bereits hatte er beschlossen zur Verfolgung des Bessus vorzurücken, als er die Vorgänge in Sogdiana erfuhr. Unter allen seinen Freunden hatte Bessus keinen höher geehrt als Spitamenes; doch läßt sich Treulosigkeit durch keine Verdienste entwaffnen, (20) wenn sie auch hier weniger verabscheuungswürdig erscheinen kann, weil gegen Bessus, den Mörder ihres Königs, Keinem etwas unrecht deuchte. Als scheinbarer Vorwand wurde zwar die Rache für Darius geltend gemacht, doch war dem Spitamenes das Glück, nicht das Verbrechen des Bessus ein Dorn im Auge. (21) Sobald er nämlich erfuhr, Alexander habe den Oxus überschritten, zog er den Dataphernes und Catenes, denen Bessus besonderes Vertrauen schenkte, zur Theilnahme an seinem Anschlage heran, und noch eifriger, als sie gebeten wurden, traten diese bei; worauf sie in Verbindung mit acht der tapfersten jungen Männer ihm folgende Falle legten. (22) Spitamenes ging sofort zu Bessus und versicherte ihm, nachdem alle Zeugen entfernt waren, er habe erfahren, daß Dataphernes und Catenes ihm nachstellten und ihn lebendig an Alexander auszuliefern beabsichtigten; er sei ihnen jedoch zuvorgekommen und halte sie gefesselt. (23) Um dieses großen vermeintlichen Verdienstes willen sagte ihm Bessus auf die verbindlichste Weise seinen Dank, und befahl zugleich, voll Begierde die Strafe zu vollziehen, jene herbeizuführen. (24) Mit freiwillig auf den Rücken gebundenen Händen wurden dieselben von den Theilnehmern an der Verschwörung herbeigeschleppt, und Bessus, den wilden Blick auf sie gerichtet, erhob sich, um selbst Hand an sie zu legen. Da hörte die Verstellung auf: sie umringten und fesselten ihn nach vergeblicher Gegenwehr, rissen ihm das Abzeichen der Königswürde vom Haupte und zerfetzten das Gewand, das er aus der Beute des ermordeten Königs angelegt hatte. (25) Bessus bekannte, daß dies die Rache der Götter für sein Verbrechen [239] sei, die, wie er hinzufügte, dem Darius nicht so unhold gewesen seien, da sie ihn jetzt so rächten, besonders gnädig aber gegen Alexander, dessen Sieg immer auch der Feind selbst unterstützt hätte. (26) Ungewiß bleibt, ob nicht die Menge dem Bessus zu Hülfe gekommen sein würde, hätten nicht die, welche ihn gefesselt, vorgegeben, dies auf Befehl Alexanders gethan zu haben, und so die noch unschlüssigen Gemüther in Schrecken gesetzt. Man setzte ihn auf ein Pferd und führte ihn fort, um ihn an Alexander auszuliefern. (27) Unterdeß wählte der König von denen, die es Zeit war des Dienstes zu entlassen, ungefähr neunhundert Mann aus, und gab jedem Reiter zwei Talente, jedem Fußgänger dreitausend Denare. Dann entließ er sie nach Hause, mit der Mahnung sich Familien zu gründen. Den andern sagte er seinen Dank, weil sie versprachen, ihm für die noch übrige Kriegszeit ihre Dienste widmen zu wollen. (28) Man war zu einer kleinen Stadt gekommen, die von den Branchiden bewohnt war. Diese waren nämlich vormals von Milet auf Xerxes’ Antrieb bei seiner Rückehr aus Griechenland mit herübergekommen und hatten sich an jenem Platze niedergelassen, weil sie den sogenannten didymeischen Tempel dem Xerxes zu Gefallen beraubt hatten. (29) Ihre heimischen Sitten waren noch nicht verschwunden, doch sprachen sie schon eine Mischsprache, indem das vaterländische Idiom durch das fremde allmälig entartet war. Mit großer Freude also nahmen sie den König auf und übergaben ihm sich und ihre Stadt. Dieser ließ die Milesier, die in seinem Heere dienten, zusammen rufen – (30) es hegten aber die Milesier einen alten Haß gegen das Geschlecht der Branchiden – und stellte es dem freien Entschlusse der von jenen Verrathenen anheim, ob sie lieber des Unrechtes der Branchiden oder ihres gemeinsamen Ursprunges eingedenk sein wollten. (31) Dann, als verschiedene Ansichten laut wurden, zeigte er ihnen an, er wolle selbst in Betracht ziehen, was am besten zu thun sei. Als sie nun am folgenden Tage zu ihm kamen, befahl er ihnen, mit ihm nach der Stadt der Branchiden zu marschiren. Dort angelangt, rückte er selbst mit einer kampffertigen Schaar zum Thore ein, (32) während der Phalanx der Befehl gegeben war, die Mauern der Stadt einzuschließen und auf ein gegebenes Zeichen dieses Nest von Verräthern zu plündern, sie selbst aber bis auf den letzten Mann niederzuhauen. (33) So wurden jene allerorts wehrlos [240] niedergemacht, und weder die Laute der Muttersprache, noch die heiligen Opferbinden und Gebete der um Erbarmen Flehenden vermochten der Grausamkeit Einhalt zu thun. Endlich wurden die Mauern, um sie gänzlich niederzuwerfen, von Grund aus zerstört, damit auch nicht eine Spur von der Stadt übrig bliebe. (34) Selbst die Lustwälder und geweihten Haine hieben sie nicht nur nieder, sondern rotteten sie völlig aus, indem sie selbst die Wurzeln ausgruben, daß sie nichts als eine wüste Einöde und unfruchtbares Erdreich zurückließen. (35) Wäre dies gegen die Urheber des Verrathes selbst ersonnen worden, so würde es als gerechte Rache, nicht als Grausamkeit erscheinen; nun mußten die Schuld der Vorfahren die Nachkommen büßen, die Milet nicht einmal gesehen hatten, es also auch an Xerxes nicht hatten verrathen können. (36) Von da rückte er an den Tanais vor. Dorthin wurde Bessus gebracht, nicht nur gefesselt, sondern auch bis auf die Haut von aller Kleidung entblößt: so hielt Spitamenes ihn an einer am Hals befestigten Kette, ein willkommenes Schauspiel nicht minder für die Barbaren wie für die Macedonier. (37) Darauf sprach er: „Zur Rache für dich sowohl als für Darius, meine Könige, bringe ich hier den Mörder seines Herrn, auf gleiche Weise gefangen, wie er selbst erst das Beispiel gegeben hat. Möchte Darius seine Augen diesem Schauspiele öffnen, möchte er aus der Unterwelt erstehen können, er, der nicht jenes Ende, wohl aber diesen Trost verdient hat!“ (38) Alexander ertheilte dem Spitamenes große Lobsprüche, zu Bessus aber gewendet sprach er: „Welcher wilden Bestie Wuth hat dich besessen, als du es wagtest, deinen so wohl um dich verdienten König erst in Fesseln zu schlagen, dann zu ermorden? Aber freilich als Lohn dieses Mordes hast du dich mit dem angemaßten Königstitel bezahlt.“ (39) Hierauf entgegnete jener, ohne daß er es gewagt hätte seine That zu vertheidigen, den Titel König führe er nur deshalb, um sein Volk an Alexander übergeben zu können; hätte er gezögert, so würde sich ein Anderer der Herrschaft bemächtigt haben. (40) Alexander ließ nun des Darius Bruder, Oxathres, der einer seiner Leibwächter war, näher herzutreten und ihm den Bessus ausliefern, damit er an Ohren und Nase verstümmelt ans Kreuz geschlagen und von den Barbaren mit Pfeilen durchbohrt würde. Sein Leichnam solle gehütet werden, daß ihn nicht einmal die Vögel [241] berührten. (41) Oxathres versprach für das Uebrige sorgen zu wollen; die Vögel aber, fügte er hinzu, könnten von keinem Andern als von Catenes abgehalten werden, auf dessen ausgezeichnete Kunst er aufmerksam zu machen wünschte. Dieser nämlich traf ein gegebenes Ziel mit so sicherer Hand, daß er sogar die Vögel im Fluge erreichte. (42) Denn obwohl vielleicht bei der dort so häufigen Geschicklichkeit im Bogenschießen dies Kunststück weniger bewundernswerth erscheinen kann, so galt es doch bei denen, die es ansahen, für ein ungemeines Wunder und brachte dem Catenes großen Ruhm. (43) Dann wurden Allen, die den Bessus hergeführt hatten, Geschenke gegeben; die Bestrafung jenes aber verschoben, damit er an derselben Stelle, wo er den Darius gemordet hatte, den Tod erlitte25.
6 (1) Unterdeß wurden die Macedonier, die in ungeordneten Haufen zum Futterholen ausgezogen waren, von Barbaren, welche von den nächsten Bergen herabrannten, überfallen, und ihrer noch mehr gefangen als getödtet; (2) die Barbaren aber wichen, die Gefangenen vor sich hertreibend, wieder ins Gebirge zurück. Der Räuber waren zwanzig Tausend, und sie stritten mit Schleudern und Pfeilen. (3) Während sie der König belagerte, wurde er, wie er unter den am weitesten Vorgedrungenen kämpfte, von einem Pfeile getroffen, der mitten in das Schienbein fuhr, so daß die Spitze darin zurückblieb. (4) Von Trauer und Bestürzung trugen ihn die Macedonier in das Lager zurück; doch auch den Barbaren war seine Wegführung aus der Schlacht nicht entgangen, da sie von der Höhe des Berges Alles übersehen hatten. (5) Am folgenden Tage schickten sie daher Gesandte an den König, der sie sogleich vorzulassen befahl und nach Entfernung des Verbandes, die Bedeutung der Wunde verleugnend, ihnen sein Bein zeigte. (6) Aufgefordert sich niederzulassen, betheuerten sie, die Macedonier könnten nicht betrübter gewesen sein als sie selbst, wie sie seine Verwundung bemerkt hätten, und hätten sie deren Urheber ausfindig machen können, so würden sie ihm denselben ausgeliefert haben, (7) da nur Bösewichter mit den Göttern kämpften. Uebrigens übergäben sie, überwunden durch [242] seine Tapferkeit, ihr Volk seinem Schutze. Diesen versprach ihnen der König, erhielt die Gefangenen zurück und nahm die Unterwerfung des Volkes an. (8) Als er hierauf mit dem Heere aufbrach, und man ihn in einer Feldsänfte trug, stritten Reiterei und Fußvolk jedes um die Ehre des Tragens. Die Reiter, in deren Reihen der König zu kämpfen gewohnt war, meinten, es sei dies ihres Amtes, das Fußvolk dagegen, das seinerseits die verwundeten Kameraden zu tragen pflegte, beschwerte sich, daß man den ihnen zukommenden Dienst ihnen gerade da entziehen wolle, wo der König zu tragen sei. (9) Da dem König bei diesem heftigen Wettstreite beider Theile die Wahl schwierig und für den Uebergangenen kränkend deuchte, so befahl er, daß sie ihn wechselsweise tragen sollten. (10) Von hier kam man am vierten Tag zu der Stadt Maracanda26, deren Mauern einen Umfang von siebzig Stadien hatten; um die Burg aber geht noch eine zweite Mauer. Und nachdem er eine Besatzung in der Stadt zurückgelassen, verwüstete und verbrannte er die nächsten Ortschaften. (11) Hierauf kamen Gesandte der scythischen Abier27 zu ihm, die, obwohl seit Cyrus’ Tode frei, jetzt bereit waren seinen Befehlen zu gehorchen. Sie waren als die Gerechtesten unter den Barbaren bekannt, griffen nicht zu den Waffen, außer wenn sie dazu gereizt wurden, und hatten durch maßvollen und gleichmäßigen Gebrauch der Freiheit Gleichstellung der niedern Bürger mit den Vornehmen bewirkt. (12) Nachdem er dieselben freundlich begrüßt, sandte er einen seiner Freunde, Namens Berdes, an die europäischen Scythen28 und ließ ihnen kund thun, sie sollten den Tanais, den Fluß jener Gegend, nicht ohne Erlaubniß des Königs überschreiten. Zugleich gab er ihm den Auftrag, [243] die Lage der Gegenden in Augenschein zu nehmen und auch die Scythen, welche jenseits des Bosporus wohnen, zu besuchen. (13) Auf einer Uferhöhe des Tanais hatte er einen Platz zur Erbauung einer Stadt ausgewählt, als Schlüssel sowohl der schon unterworfenen Gegenden, als derer, in welche er von da vorzudringen beschlossen hatte. Seinen Plan verzögerte jedoch die Kunde vom Abfall der Sogdianer, der auch den der Bactrier nach sich zog. (14) Eine Schaar von 7000 Reitern war es, deren Beispiel sich die Uebrigen anschlossen. Alexander hieß also den Spitamenes und Catenes, von welchen ihm Bessus ausgeliefert worden war, herbeirufen, da er nicht zweifelte, daß mit ihrer Hülfe die Empörer wieder unterworfen werden könnten. (15) Doch diese, die selbst die Urheber des Abfalls waren, zu dessen Unterdrückung sie aufgefordert wurden, hatten das Gerücht ausgesprengt, der König lasse sämmtliche bactrische Reiter zu sich entbieten, um sie zu tödten; ihnen selbst sei der Befehl dazu gegeben worden, doch hätten sie es nicht übers Herz bringen können ihn zu vollziehen, um nicht ein untilgbares Verbrechen gegen ihre Landsleute auf sich zu laden. Eben so wenig wie des Bessus Königsmord hätten sie Alexanders Grausamkeit ruhig mit ansehen können. So trieben sie die schon ohnehin Aufgeregten durch die Furcht vor der Strafe ohne große Mühe zu den Waffen. (16) Sobald Alexander den Abfall der Ueberläufer erfuhr, ertheilte er an Craterus Befehl die Stadt Cyropolis29 zu belagern. Er selbst schloß eine andere Stadt jener Gegend ringsum ein und erstürmte sie, wobei Order gegeben war, alle mannbaren Einwohner niederzuhauen, während die übrigen eine Beute des Siegers wurden. Die Stadt wurde zerstört, um die andern durch das Beispiel dieser Zerstörung im Zaume zu halten. (17) Der kräftige Stamm der Memacener hatte beschlossen, nicht nur als das Ehrenvollere, sondern auch Sicherere, eine Belagerung auszuhalten. Ihren Trotz herabzustimmen, schickte der König fünfzig Reiter voraus, um sie mit seiner Milde gegen die, welche sich ihm unterwürfen, zugleich aber auch mit seiner [244] unerbittlichen Strenge gegen die Besiegten bekannt zu machen. (18) Sie erwiderten, daß sie weder an der ehrlichen Gesinnung, noch an der Macht des Königs zweifelten, und hießen die Reiter sich außerhalb der Stadtmauern lagern. Dann bewirtheten sie dieselben gastfreundlich, fielen aber, wie sie vom Schmaus gesättigt im Schlafe lagen, in finstrer Nacht über sie her und tödteten sie. (19) Darüber natürlicher Weise sehr aufgebracht, schloß Alexander die Stadt ringsum ein, doch war sie zu stark befestigt, um auf den ersten Anlauf genommen werden zu können. Er zog daher den Meleager und Perdiccas zu der Belagerung an sich; …30 die, wie vorher gesagt, Cyropolis belagerten. (20) Er hatte aber beschlossen, diese von Cyrus erbaute Stadt zu schonen, da er Niemanden aus jenen Völkerschaften mehr bewunderte, als diesen König und die Semiramis, die nach seiner Ueberzeugung durch Geistesgröße und den Ruhm ihrer Thaten alle Andern weit überstrahlt hatten. (21) Doch die Hartnäckigkeit der Bewohner erregte seinen Zorn, so daß er nach der Einnahme der Stadt dieselbe zu plündern und zu zerstören befahl. Dann kehrte er voll gerechten Hasses gegen die Memacener zu Meleager und Perdiccas zurück. (22) Doch keine andere Stadt hielt die Belagerung tapferer aus: denn nicht genug, daß die muthigsten Soldaten fielen, auch der König selbst gerieth in die äußerste Gefahr. Es traf ihn nämlich ein Stein so in den Nacken, daß es ihm schwarz vor den Augen wurde und er, der Besinnung nicht mehr mächtig, zusammensank; ja, schon wehklagte das Heer, als wäre er ihnen entrissen. (23) Allein, unbesiegt Allem gegenüber, was Andern Schrecken einflößt, setzte er, ehe noch seine Wunde völlig geheilt war, die Belagerung nur um so eifriger fort, da noch der Zorn seine natürliche Raschheit befeuerte. Es wurde also durch einen unterirdischen Gang die Mauer untergraben und ein großer Raum blosgelegt, durch welchen er einbrach; worauf die Stadt auf Befehl des Siegers zerstört wurde. (24) Hierauf sandte er den Menedemus mit 3000 Mann Fußvolk und 800 Reitern nach der Stadt Maracanda. Der Ueberläufer Spitamenes nämlich hatte die macedonische Besatzung von dort vertrieben [245] und sich selbst innerhalb der Mauern eingeschlossen, obwohl die Bewohner seinen Entschluß abzufallen nicht billigten; doch weil sie ihn nicht hindern konnten, so hatte es den Anschein, als ob sie ihm anhingen. (25) Unterdessen kehrte Alexander an den Tanais zurück und umgab den ganzen Raum, welchen sein Lager eingenommen hatte, mit einer Mauer. Die Mauer der neuen Stadt, die nach seinem Willen ebenfalls Alexandria genannt wurde31, hatte einen Umfang von sechzig Stadien. (26) Und zwar ward das Werk mit solcher Schnelligkeit vollendet, daß siebzehn Tage nachdem der Mauerbau begonnen hatte, auch schon die Häuser der Stadt fertig wurden. Ein ungemeiner Wetteifer hatte unter den Soldaten geherrscht, so daß jeder sein Arbeitsloos – denn solche hatte man ihnen zugetheilt – zuerst aufzeigen wollte. (27) Zu Einwohnern wurden der neuen Stadt Kriegsgefangene gegeben, die er durch Loskaufung von ihren Herren frei machte; und deren Nachkommen sind unter ihnen auch jetzt in so langer Zeit wegen der bleibenden Erinnerung an Alexander noch nicht erloschen.
7 (1) Doch der König der Scythen, welcher damals über die Länder jenseits des Tanais herrschte, argwohnte, die von den Macedoniern am Ufer des Flusses angelegte Stadt möchte ihnen auf den Nacken gesetzt sein, und sandte daher seinen Bruder Carthasis mit einer großen Reiterschaar, dieselbe zu zerstören und die macedonischen Truppen vom Strome weit wegzutreiben. (2) Der Tanais32 trennt nämlich Bactrien von den sogenannten europäischen Scythen, wie er auch der Grenzfluß zwischen Europa und Asien ist. (3) Das Scythenvolk aber, das nicht weit von Thracien wohnt, erstreckt sich von Morgen gegen Mitternacht und grenzt nicht, wie Manche geglaubt haben, an die Sarmaten, sondern ist ein Theil von diesen. (4) Es bewohnt dann einerseits die sich in gerader Richtung jenseits des Ister ausdehnende Gegend, und berührt andrerseits die äußersten Theile von Asien, wo Bactrien liegt. Bewohnt von ihnen sind die mehr nach Norden zu liegenden Landstriche, an welche sich dann tiefe Waldungen und unermeßliche [246] Einöden anschließen: während wiederum, was nach dem Tanais und Bactrien hin liegt, einem cultivirten Lande nicht unähnlich ist. (5) Im Begriff also sich mit diesem Volke zuerst33 in einen unvorbereiteten Kampf einzulassen, ließ Alexander, als der Feind vor seinen Augen heranritt, noch krank an seiner Wunde und namentlich kaum im Stande zu sprechen, weil sowohl die schmale Krankenkost, als der Schmerz im Nacken seine Stimme schwächten, die Freunde zu einer Berathung rufen. (6) Nicht der Feind, sondern die ungünstigen Verhältnisse schreckten ihn. Die Bactrier waren abgefallen; die Scythen griffen ihn sogar an: er selbst vermochte weder auf den Füßen zu stehen, noch zu Roß zu steigen, noch die Seinigen zu ermuntern und zu belehren. (7) In diese doppelte Gefahr gerathen, schuldigte er selbst die Götter an und klagte, wie er, dessen Schnelligkeit Niemand vorher im Stande gewesen sei, zu entfliehen, müssig daliege; kaum glaubten es die Seinigen, daß er sich nicht blos krank stelle. (8) So also verfiel er, der seit Darius’ Besiegung aufgehört hatte, Zeichendeuter und Wahrsager zu befragen, wieder in Aberglauben, diese Täuschung menschlicher Einbildung, und befahl dem Aristander, dem sich seine Leichtgläubigkeit ergeben hatte, den Ausgang der Ereignisse durch Opfer zu erforschen. Es war der Brauch der Zeichendeuter, die Eingeweide in Abwesenheit des Königs zu untersuchen und ihm dann mitzutheilen, was sie verkündeten. (9) Während nun aus den Fibern von Thieren der verborgene Ausgang der Ereignisse erforscht wurde, befahl der König unterdeß den Freunden, sich näher an ihn heranzusetzen, damit nicht die Anstrengung des Sprechens die noch schwache Vernarbung wieder zum Aufbruch brachte. Eingelassen in das Zelt waren außer den Leibwächtern Hephästio, Craterus und Erigyius. (10) „Die Gefahr,“ sprach er, „hat mich zu einer Zeit überrascht, die günstiger für die Feinde, als für mich ist. Allein Noth geht über Berechnung, besonders im Kriege, den man sich selten zur gelegenen Zeit wählen kann. (11) Die Bactrier, denen wir auf dem Nacken stehen, sind von uns abgefallen und erproben nun durch einen Kampf, in den sie uns mit Fremden verwickelt haben, wie viel Muth wir [247] besitzen. Der Erfolg ist unzweifelhaft: weichen wir den Scythen, die uns von freien Stücken mit Krieg bedrohen, aus, so werden wir verachtet zu denen zurückkehren, die von uns abgefallen sind; (12) setzen wir hingegen über den Tanais, und zeigen wir durch die Vernichtung und Niederlage der Scythen, wie wir überall unbesiegt sind, wer wird dann noch zögern, uns, die wir auch über Europa gesiegt, zu gehorchen? (13) Man täuscht sich, wenn man die Grenzen unsres Ruhmes nach dem Raume bemißt, den wir zu überschreiten im Begriff sind34. Ein einziger Strom trennt uns vom Feinde. Ueberschreiten wir ihn, so tragen wir unsre Waffen nach Europa. (14) Wie hoch aber ist das anzuschlagen, während wir Asien unterjochen, gewissermaßen in einem andern Erdtheile Siegeszeichen aufzurichten, und was die Natur durch einen so weiten Zwischenraum getrennt zu haben scheint, durch einen einzigen Sieg plötzlich zu verknüpfen? (15) Aber wahrlich, säumen wir nur ein wenig, so werden uns die Scythen auf dem Nacken sitzen. Oder sind wir es allein, die über Flüsse schwimmen können? Vieles, wodurch wir bisher gesiegt, wird auf unsre eigenen Häupter zurückfallen. (16) Ihr Schicksal lehrt auch den Besiegten die Kriegskunst. Auf Schläuchen über einen Fluß zu setzen, dazu haben wir neulich das Beispiel gegeben: und gesetzt auch, die Scythen wüßten das nicht nachzumachen, so werden es ihnen die Bactrier lehren. (17) Uebrigens ist bis jetzt nur ein einziges Heer dieses Volkes erschienen, andere werden erwartet. So wird durch unser Ausweichen dem Kriege nur Nahrung gegeben, und wir werden uns gezwungen sehen, den Kampf, den wir jetzt selbst beginnen können, anzunehmen. (18) Wie guten Grund mein Entschluß hat, ist handgreiflich; doch fragt es sich, ob mir die Macedonier gestatten werden, meinem Muthe zu folgen, weil ich, seitdem ich diese Wunde empfangen, weder ein Pferd bestiegen habe noch zu Fuß erschienen bin. Aber wollt ihr mir folgen, Freunde, so bin ich stark. (19) Ich habe Kraft genug, alles dies auszuhalten. Oder wäre bereits mein Lebensende da, bei welchem Unternehmen würde ich schöner sterben können?“ [248] (20) Dies hatte er mit noch zitternder und allmälig versagender Stimme gesprochen, so daß ihn kaum die Nächsten verstehen konnten: als sich Alle anschickten, ihn von einem so übereilten Entschlusse abzubringen, (21) namentlich Erigyius, der, als er bei dem hartnäckigen Sinne des Königs durch seinen Rath nichts ausrichtete, ihm abergläubische Furcht, über die er nicht Herr war, einzuflößen versuchte, indem er sagte, auch die Götter seien seinem Plane ungünstig, (22) und es sei große Gefahr angezeigt, wenn er den Fluß überschritte. Beim Eintritt in das Zelt des Königs nämlich war dem Erigyius Aristander begegnet mit der Nachricht, die Eingeweide hätten Unheil geweissagt, und diese Mittheilung des Wahrsagers verkündete nun Erigyius. (23) Alexander hieß ihn schweigen, nicht minder von Zorn als Scham in Verwirrung gesetzt, weil er seinen Aberglauben, den er verborgen gehalten hatte, enthüllt sah, und befahl den Aristander zu rufen. (24) Wie dieser kam, sprach der König, den Blick auf ihn gerichtet: „Nicht als König, sondern als Privatmann will ich mit dir reden. Ich trug dir auf ein Opfer zu verrichten. Warum hast du einem Andern als mir verkündet, was dadurch angezeigt werde? Durch deinen Verrath hat Erigyius meine verborgenen Geheimnisse erfahren. Und wahrlich, ich bin überzeugt, daß ihm seine eigene Furchtsamkeit als Auslegerin der Eingeweide dient. (25) Dir aber will ich mit mehr Gelassenheit als nur immer möglich erklären, mir selbst sollst du ansagen, was du aus den Eingeweiden erfahren, damit du, was du gesagt, nicht leugnen kannst gesagt zu haben.“ (26) Jener stand erblaßt und wie vom Donner gerührt, indem ihm vor Furcht selbst die Stimme versagte. Endlich, da ihm gleiche Furcht zusetzte, er möchte für die Ungeduld des Königs zu lange zögern, begann er: „Eine mit großer, nicht aber vergeblicher Anstrengung verbundene Gefahr stehe bevor, habe ich prophezeit; und nicht sowohl meine Prophezeiung, als vielmehr meine Zuneigung zu dir ist es, was mich in Verwirrung setzt. (27) Ich sehe den schwachen Zustand deiner Gesundheit und weiß, wie viel auf dir allein beruht. Ich fürchte, deine Kräfte möchten für die gegenwärtigen Umstände nicht ausreichen.“ (28) Der König hieß ihn auf sein Glück vertrauen und noch einmal ans Werk gehen. Ihm verliehen die Götter zu anderem auch diesen Ruhm. (29) Während er hierauf mit den Vorigen berieth, wie sie den Fluß überschreiten wollten, kam Aristander dazu mit der Versicherung, [249] kein anderes Mal habe er Günstigeres verheißende Eingeweide gesehen, und in der That von den vorigen ganz verschieden; dort habe Ursache zur Besorgniß vorgelegen, jetzt sei ganz vortrefflich geopfert worden. (30) Durch das übrigens, was unmittelbar darauf dem Könige gemeldet wurde, war ein Schatten auf das ununterbrochene Glück seiner Thaten geworfen. (31) Wie oben gesagt, hatte er den Menedemus abgeschickt, um den Spitamenes, den Anstifter des bactrischen Aufstandes, zu belagern. Doch als dieser die Annäherung des Feindes erfuhr, legte er sich, um nicht innerhalb der Stadtmauern eingeschlossen zu werden, und zugleich im Vertrauen, ihn auf dem Wege, wo er wußte, daß derselbe herkam, fangen zu können, heimlich in einen Hinterhalt, (32) den die waldige Straße ganz geeignet war zu verbergen. Dort versteckte er die Daher. Jedes ihrer Pferde trägt zwei Bewaffnete, die abwechselnd einer um den andern plötzlich herabspringen und so das regelmäßige Reitergefecht in Verwirrung bringen. (33) Der Raschheit der Rosse kommt die Schnellfüßigkeit der Männer gleich. Diesen Dahern nun befahl Spitamenes den Wald zu umgehen und sich zugleich an den Seiten, vorn und im Rücken des Feindes zu zeigen. (34) Ueberall eingeschlossen und ihnen nicht einmal an Zahl gleich, leistete gleichwohl Menedemus langen Widerstand, indem er rief, habe man sich einmal durch die Oertlichkeit täuschen lassen, so bleibe ihnen nichts als der Trost, nach einem Blutbade unter den Feinden ehrenvoll zu sterben. (35) Er selbst ritt ein sehr starkes Roß, worauf er mehrmals mit verhängtem Zügel in die Colonnen der Barbaren hineingesprengt war und sie mit großem Verluste auseinandergejagt hatte. (36) Da indeß alle ihre Angriffe auf ihn allein richteten, und er sich durch den Blutverlust aus vielen Wunden erschöpft fühlte, so ermahnte er einen seiner Freunde, Namens Hypsides, sein Roß zu besteigen und sich durch die Flucht zu retten. Während er noch sprach, hauchte er sein Leben aus, und der Körper sank vom Rosse zur Erde nieder. (37) Hypsides hätte zwar entfliehen können, doch nach dem Verluste des Freundes beschloß auch er zu sterben. Seine einzige Sorge war, nicht ungerächt zu fallen, und so setzte er mit eingelegten Sporen mitten unter die Feinde hinein, und wurde, nachdem er heldenmäßig gekämpft, unter einem Hagel von Geschossen begraben. (38) Als dies die noch Ueberlebenden sahen, zogen sie [250] sich auf einen Hügel zurück, der die Gegend ein wenig überragte. Hier belagerte sie Spitamenes, um sie durch Hunger zur Uebergabe zu zwingen. Es fielen in dem Kampfe 2000 Mann Fußvolk und 300 Reiter. (39) Alexander verheimlichte diese Niederlage klüglicher Weise, indem er die, welche aus jenem Treffen zurückgekehrt waren, mit dem Tode bedrohte, wenn sie das Geschehene kund machten.
8 (1) Da er es jedoch nicht länger ertragen konnte eine seiner Gemüthsstimmung widersprechende Miene zu zeigen, zog er sich in sein Zelt zurück, das er sich mit Absicht oberhalb des Flußufers hatte aufstellen lassen. (2) Hier brachte er, indem er ohne Zeugen die verschiedenen Entwürfe erwog, die Nacht mit Wachen zu, oft die Felle seines Zeltes aufhebend, um die feindlichen Feuer zu erblicken, aus denen sich auf die bedeutende Menschenmenge schließen ließ. (3) Und schon nahte sich der Tag, als er, mit seinem Brustharnisch angethan, vor die Soldaten trat, jetzt zum ersten Male nach seiner neuesten Verwundung. (4) In so hoher Verehrung stand bei ihnen der König, daß seine Gegenwart leicht jeden Gedanken an die gefürchtete Gefahr verscheuchte. (5) Froh also und mit rinnenden Freudenthränen begrüßten ihn alle und forderten jetzt stürmisch den Kampf, dessen sie sich vorher geweigert. (6) Er kündigte ihnen an, Reiter und Phalanx wolle er auf Flößen hinüberschaffen; die Leichtbewaffneten sollten auf Schläuchen hinüberschwimmen. (7) Mehr zu sagen war weder nothwendig, noch erlaubte es dem König seine Schwäche. (8) Die Flöße wurden nun von den Soldaten mit solchem Eifer zusammengefügt, daß bis zum dritten Tage gegen zwölftausend fertig waren. Und bereits hatte man Alles zum Uebergange vorbereitet, als zwanzig scythische Gesandte nach der Sitte ihres Landes durch das Lager geritten kamen und dem Könige zu melden befahlen, sie wünschten Aufträge an ihn auszurichten. (9) In sein Zelt eingelassen und zum Sitzen aufgefordert, waren ihre Augen lange auf das Antlitz des Königs geheftet, wahrscheinlich weil ihnen, die die geistigen Eigenschaften nach der Körpergröße abschätzten, seine mäßige Statur durchaus in keinem Verhältniß zu seiner Berühmtheit zu stehen schien. (10) Die Scythen sind aber nicht wie die übrigen Barbaren von roher und ungebildeter Sinnesart, ja einige von ihnen sollen sogar für die Lehren der Weisheit empfänglich sein, soweit eben dieselben für ein immer unter den Waffen befindliches Volk faßbar sind. (11) Und wie erzählt wird, [251] sollen sie vor dem Könige Folgendes gesprochen haben, was vielleicht von unsern Sitten abweicht, die wir in einer Zeit höherer Geistesbildung leben; doch möge man auch von ihrer Rede gering denken, so soll man es doch nicht von der Treue meiner Darstellung, da ich Alles, wie es überliefert ist, unverfälscht berichten will. (12) Einer also von ihnen, und zwar der älteste, soll also gesprochen haben: „Hätten die Götter gewollt, daß deine Körpergröße der Gier deiner Wünsche gleichkäme, so würde dich der Erdkreis nicht zu fassen vermögen, mit der einen Hand hieltst du den Aufgang, mit der andern den Niedergang, und hättest du das erreicht, so würdest du wissen wollen, wo sich der Glanz dieser feurigen Gottheit verberge. Aber auch so begehrst du, was du nicht fassen kannst. (13) Aus Europa setzest du nach Asien, aus Asien wieder nach Europa über. Dann, wenn du das ganze Menschengeschlecht überwunden hast, wirst du mit Wäldern, Schneegebirgen, Strömen und wilden Thieren Krieg führen wollen. (14) Wie nun? Ist dir unbekannt, daß hohe Bäume lange wachsen, aber in einem Augenblick entwurzelt werden? Ein Thor, wer nach ihren Früchten schaut, ohne ihre Höhe zu ermessen. Siehe wohl zu, daß du nicht, während du den Gipfel zu erreichen strebst, sammt eben den Aesten, die du ergriffen hast, herunterstürzest. (15) Auch der Löwe ist schon manchmal ein Fraß für die kleinsten Insekten geworden, und Eisen wird vom Roste verzehrt. Nichts ist so stark, daß ihm nicht auch von Schwachen Gefahr drohe. (16) Was haben wir mit dir zu schaffen? Niemals haben wir dein Land betreten. Was soll es uns kümmern, was für ein Mann du bist, und woher du kommst, uns, die wir in endlosen Wäldern leben? Weder dienen können wir irgend Jemand, noch begehren wir zu herrschen. (17) Als Geschenke der Gottheit besitzen wir, damit dir das Scythenvolk nicht ganz fremd bleibe, das Joch, den Pflug, den Speer, den Pfeil und die Trinkschaale35. Dieser Dinge bedienen wir uns sowohl im Verein mit den Freunden als gegen unsre Feinde. (18) Die durch die Arbeit der Stiere gewonnenen Feldfrüchte theilen wir den Freunden mit, mit ihnen zusammen spenden [252] wir auch den Göttern Wein aus der Trinkschaale. Den Feind treffen wir aus der Ferne mit dem Pfeil, aus der Nähe mit dem Speer. So haben wir den Beherrscher von Syrien und nachher den der Perser und Meder überwunden, und es hat uns der Weg bis nach Aegypten offen gestanden. (19) Du aber, der du dich rühmst zur Verfolgung der Räuber herzukommen, bist selbst ein Räuber aller Völker, deren Gebiet du betreten. Lydien hast du genommen, Syrien erobert, Persien und Bactrien sind in deiner Gewalt, nach Indien hat dich gelüstet, nun streckst du sogar die gierigen und unersättlichen Hände nach unsern Viehheerden aus. (20) Was nützen dir aber Schätze, die dich nur zu hungern zwingen? Der Allererste bist du, der durch Sättigung nur hungriger geworden ist, so daß du, je mehr du hattest, desto heftiger begehrtest, was du nicht hast. (21) Bedenkst du denn nicht, wie lange dich das bactrische Land festhält? Während du diese unterjochst, haben die Sogdianer Krieg angefangen. Aus dem Kriege erzeugt sich dir neuer Krieg; denn, gesetzt auch du seist größer und tapferer als irgend Jemand, so will doch Niemand einen fremden Herren dulden. (22) Gehe nur über den Tanais; du wirst dann sehen, wie weit sich die Scythen ausdehnen. Dennoch wirst du sie niemals erreichen. Unsre Armuth wird schneller sein als dein sich mit der Beute so vieler Nationen schleppendes Heer. (23) Wiederum, wenn du uns weit entfernt wähnen wirst, wirst du uns in deinem Lager erblicken; denn mit gleicher Schnelligkeit verfolgen und fliehen wir. Der Einöden der Scythen spottet man sogar, wie ich höre, in griechischen Sprüchwörtern. (24) Allein wir ziehen Wüsten und der menschlichen Cultur fremde Einöden den Städten und reichen Saatländern vor. Halte demnach dein Glück mit geschlossenen Händen fest, es ist schlüpfrig und läßt sich wider seinen Willen nicht halten. Ob ein Entschluß heilsam sei, zeigt besser die Zukunft als der gegenwärtige Augenblick. Lege deinem Glück Zügel an, so wirst du es leichter regieren. (25) Bei uns sagt man, die Glücksgöttin sei ohne Füße und habe nur Hände und Flügel; wenn sie die Hände reicht, läßt sie nicht zugleich auch die Flügel erfassen. (26) Endlich, bist du ein Gott, so mußt du den Sterblichen Wohlthaten erweisen, nicht ihnen das Ihrige rauben; bist du aber ein Mensch, so sei immer dessen, was du bist, eingedenk. Thorheit ist es an Dinge zu denken, [253] um deren willen du deiner eigenen Natur36 vergißt. (27) Gegen wen du keinen Krieg begonnen, den kannst du zum guten Freunde haben, denn theils ist die Freundschaft zwischen Gleichen die festeste, theils sind dem Anschein nach gleich, die noch nicht ihre Kräfte gegen einander gemessen haben. (28) Wen du aber besiegt hast, den hüte dich für deinen Freund zu halten: zwischen dem Herrn und dem Knecht giebt es keine Freundschaft; auch im Frieden gilt dennoch das Kriegsrecht. (29) Glaube aber nicht, daß die Scythen ihre Freundschaft mit einem Eide besiegeln: ihr Eid besteht im Worthalten. Das ist eine Vorsicht der Griechen, Verträge zu unterzeichnen und die Götter zu Zeugen anzurufen: uns gilt gerade das treue Worthalten als Religion. Wer vor Menschen keine Scheu hat, der täuscht auch die Götter. Und du brauchst keinen Freund, an dessen wohlwollender Gesinnung du zweifeln müßtest. (30) Uebrigens werden wir dir als Wächter sowohl Asiens als Europas dienen. An Bactra grenzen wir, nur durch den Tanais davon getrennt; jenseits des Tanais wohnen wir bis nach Thracien: an Thracien aber, sagt man, stößt Macedonien. Ueberlege also, ob du die Grenznachbarn deiner beiden Reiche zu Feinden oder zu Freunden haben willst.“
9 (1) Also der Barbar. Der König dagegen erwiderte, er wolle sich seines Glückes und ihrer Ratschläge bedienen. Einestheils nämlich wolle er seinem Glücke, dem er vertraue, folgen, anderntheils der Stimme ihres Rathes, nichts thöricht und tollkühn zu unternehmen. (2) Und nachdem er die Gesandten entlassen, schiffte er sein Heer auf den bereit gehaltenen Flößen ein. Im Vordertheil waren die Schildträger aufgestellt, mit dem Befehl, sich auf die Kniee niederzulassen, um so gesicherter gegen Pfeilschüsse zu sein. (3) Hinter ihnen standen die, welche die Wurfgeschosse bedienten, sowohl vorn als auf beiden Seiten von Bewaffneten umgeben. Die Uebrigen, welche hinter den Wurfgeschossen aufgestellt waren, deckten durch ein aus ihren Schilden gebildetes Schutzdach die in Panzer gekleideten Ruderer. (4) Die gleiche Aufstellung wurde auch auf den Flößen, welche die Reiterei führten, beobachtet. Zum größern Theil zogen sie die Pferde schwimmend vom Hintertheile [254] aus an den Zügeln nach sich. Die aber, welche auf mit Stroh gefüllten Schläuchen fuhren, wurden durch die vor ihnen befindlichen Flößen geschützt. (5) Der König selbst, von einer auserlesenen Schaar begleitet, stieß zuerst mit seinem Floße ab und gebot es nach dem jenseitigen Ufer zu steuern. Sofort rückten die Scythen mit ihren Reitergeschwadern heran und stellten sie auf dem äußersten Uferrande ihm entgegen, damit die Flöße nicht einmal anlegen könnten. (6) Außer diesem Anblick jedoch des vom feindlichen Heere beherrschten Ufers hatte sich der Schiffenden noch ein anderer gewaltiger Schrecken bemächtigt: die Steuerleute vermochten nämlich wegen der Gewalt der seitwärts andrängenden Fluthen den Lauf der Fahrzeuge nicht zu lenken, und durch die Besorgniß der Soldaten, in ihrer schwankenden Stellung heruntergestoßen zu werden, sahen sich die Schiffer in ihrer Arbeit gestört. (7) Nicht einmal die Wurfspieße konnten sie mit nachdrücklichem Kraftaufwande schleudern, da sie mehr darum besorgt waren sicher zu stehen, als dem Feinde zuzusetzen. Zum Heile aber gereichten die Wurfmaschinen, von welchen auf die dichtgedrängten und sich unvorsichtig aussetzenden Feinde nicht ohne Erfolg Geschosse geschleudert wurden. (8) Auch die Barbaren überschütteten die Flöße mit einem gewaltigen Pfeilregen, und kaum gab es einen Schild, der nicht zugleich von mehreren Pfeilen durchbohrt wurde. (9) Und schon legte man mit den Flößen am Lande an, als die Reihen der Schildträger sich erhoben und sicheren Wurfes, da sie nun frei ausholen konnten, ihre Speere von den Flößen aus entsandten. Und sowie sie die Gegner erschreckt ihre Rosse zurückziehen sahen, sprangen sie muthig unter wechselseitigen Zurufen ans Ufer (10) und begannen auf die in Verwirrung Gerathenen einen heftigen Angriff. Dann durchbrachen die Reitergeschwader, die ihre Rosse aufgezäumt hatten, die Schlachtordnung der Barbaren, während unterdeß die Uebrigen durch die Schaaren der Streitenden gedeckt, sich zum Kampfe fertig machten. (11) Der König selbst ersetzte, was seinem noch kranken Körper an Kraft abging, durch unerschütterlichen Muth. Seine ermunternde Stimme konnte nicht vernommen werden, da die Wunde in seinem Nacken noch nicht völlig vernarbt war, aber Alle sahen ihn kämpfen. (12) Daher übernahmen sie selbst die Pflicht des Führers, und einer den andern ermunternd, begannen sie des eigenen Lebens nicht achtend in [255] die Feinde einzubrechen. (13) Da vollends vermochten die Barbaren weder dem Blick noch den Waffen, noch dem Geschrei der Pferde mehr Stand zu halten, und alle ergriffen mit verhängten Zügeln, denn es waren lauter Reiter, die Flucht. Der König aber, obwohl sein kranker Körper die Erschütterung nicht vertragen konnte, setzte es doch durch, sie achtzig Stadien weit zu verfolgen, (14) und als er bereits einer Ohnmacht nahe war, gebot er den Seinigen, so lange noch ein Schimmer von Tageslicht übrig wäre, den Flüchtigen auf dem Nacken zu sitzen; er selbst zog sich, da auch seine Seelenkräfte erschöpft waren, ins Lager zurück und hielt sich dort die übrige Zeit ruhig. (15) Man hatte bereits die Grenzen überschritten, bis zu welcher Vater Bacchus vorgedrungen war, und zu deren Merkzeichen häufige, in Zwischenräume aufgestellte Steine und hohe Bäume dienten, deren Stämme von Epheu überzogen waren. (16) Allein die Wuth der Verfolgung riß die Macedonier noch weiter fort; denn erst fast um Mitternacht kehrten sie zurück, nachdem sie Viele getödtet und noch mehrere gefangen hatten, und brachten 1800 Pferde mit. Von den Macedoniern aber fielen sechzig Reiter und ungefähr hundert Fußgänger; der Verwundeten waren tausend. (17) Dieser Kriegszug bändigte das großentheils im Abfall begriffene Asien durch die Kunde eines so rechtzeitigen Sieges. Die Scythen hatte man für unbesiegbar gehalten. Nachdem ihre Macht gebrochen war, gestand man ein, daß kein Volk den Waffen der Macedonier gewachsen sein werde. Daher schickten die Sacer Gesandte mit dem Versprechen, daß ihr Volk seinen Befehlen gehorchen wolle. (18) Bewogen hatte sie dazu nicht minder, als die Tapferkeit des Königs, seine Milde gegen die besiegten Scythen. Alle ihre Gefangenen nämlich hatte er ohne Lösegeld zurückgeschickt, um zu beweisen, daß er mit dieser kriegerischesten aller Nationen nur einen Wettstreit der Tapferkeit, nicht der Erbitterung gehabt. (19) Er nahm also die Gesandten der Sacer wohlwollend auf und gab ihnen zum Begleiter den Excipinos, den er noch als blühenden Knaben liebgewonnen hatte, und der dem Hephästion an Körperschönheit gleichkam, wiewohl er ihm an Anmuth, die freilich weniger männlich ist, nachstand. (20) Er selbst eilte, nachdem er den Craterus beauftragt mit dem größern Theile des Heeres in mäßigen Tagemärschen zu folgen, nach der Stadt Maracanda, von wo Spitamenes auf die Nachricht von seiner Annäherung nach Bactra [256] geflohen war. (21) Als so der König in vier Tagen eine weite Strecke Wegs zurückgelegt hatte, befand er sich an der Stelle, wo er unter Menedemus’ Führung 2000 Mann Fußvolk und 300 Reiter eingebüßt hatte. Er ließ ihre Gebeine in einem Grabhügel beisetzen und veranstaltete nach dem Gebrauch der Väter Todtenopfer. (22) Als nun Craterus, welcher Befehl hatte mit der Phalanx nachzufolgen, beim König eingetroffen war, so vertheilte er seine Truppen, damit alle die Abgefallenen gleichmäßig vom Verderben des Krieges betroffen würden, und befahl ihre Ländereien durch Feuer zu verwüsten und die erwachsenen männlichen Bewohner zu tödten.
10 (1) Die Provinz Sogdiana ist zum größern Theil Wüste; fast achthundert Stadien in die Breite erstrecken sich weite Einöden. (2) Eine ungeheure Strecke in die Länge ist es, welche der von den Einwohnern Polytimetus37 genannte Fluß durchströmt, ein reißendes Gewässer, das seine Ufer in ein schmales Bett eindämmen, dann aber eine Höhle aufnimmt und unter die Erde schlingt. (3) Seinen verborgenen Lauf bezeichnet das Rauschen des strömenden Wassers, während der Boden selbst, unter welchem dieser große Fluß fortfließt, auch nicht die geringste Feuchtigkeit aussickert. (4) Von den gefangenen Sogdianern waren dreißig der Vornehmsten, durch Körperstärke ausgezeichnet, zum König gebracht worden. Als diese durch den Dolmetscher erfuhren, daß sie auf Befehl des Königs zur Hinrichtung geführt würden, so begannen sie, wie wenn sie frohlockten, ein Lied zu singen und durch Tanzen und fast ausgelassene Bewegungen eine gewisse innere Freude auszudrücken. (5) Verwundert, daß sie mit so hohem Muthe dem Tode entgegengingen, befahl der König sie zurückzurufen, und fragte sie nach der Ursache ihrer so ausgelassenen Freude, da sie doch ihre Hinrichtung vor Augen hätten. (6) Sie erwiderten, wenn sie ein Anderer tödten ließe, würden sie traurig gestorben sein; nun sie aber von einem so großen Könige, dem Besieger aller Nationen, zu ihren Vorfahren entsandt würden, feierten sie diesen ehrenvollen Tod, den tapfere Männer sich sogar wünschen könnten, durch ihre üblichen Gesänge und Freudenbezeugungen. (7) Hierauf der König: „Wohlan, so frage ich euch, ob ihr leben wollt, [257] ohne mir, durch dessen Gnade ihr leben sollt, feind zu sein.“ (8) Jene versetzten, sie hätten niemals ihren Gegner im Kriege gehaßt; hätte man versuchen wollen, ihnen lieber Wohlthaten zu erweisen, als sie durch Angriffe zu reizen, so würden sie gewetteifert haben an Pflichttreue nicht übertroffen zu werden. (9) Und auf die Frage, durch welches Pfand sie ihre Treue verbürgen wollten, entgegneten sie, das Leben, das sie geschenkt erhielten, solle zum Pfande dienen; sie seien bereit es wieder hinzugeben, wann er es immer fordern würde. Auch wurden sie ihrem Versprechen nicht untreu; denn welche von ihnen nach Hause entlassen worden waren, erhielten ihre Stammgenossen im Gehorsam, vier aber, die zurückbehalten und unter die Leibwächter aufgenommen wurden, standen keinem der Macedonier in der Anhänglichkeit an den König nach. (10) Nachdem er den Peucolaus mit dreitausend Mann Fußvolk, denn einer größern Besatzung bedurfte es nicht, in Sogdiana zurückgelassen, gelangte er nach Bactra38. Von hier hieß er den Bessus nach Ecbatana führen, um für die Ermordung des Darius mit dem Leben zu büßen. (11) Fast zu derselben Zeit führten ihm Ptolemäus und Menidas 3000 Fußgänger und 1000 Reiter zu, die ihm um Sold zu dienen bereit waren. (12) Auch Alexander kam aus Lycien mit einer gleichen Anzahl Fußvolkes und 500 Reitern. Eben so viel folgten dem Asklepiodorus aus Syrien, und Antipater hatte 8000 Griechen, worunter 600 Reiter, gesandt. (13) Als er so sein Heer verstärkt, rückte er vorwärts, die durch Abfall in Unordnung gerathenen Gegenden zu beruhigen, ließ die Urheber des Aufruhres tödten und erreichte am vierten Tage den Fluß Oxus. Da dieser Schlamm mit sich führt und immer trüb und deshalb ungesund zu trinken ist, (14) so hatten sich die Soldaten daran gemacht Brunnen zu graben. Doch, obwohl man tief in den Boden gedrungen war, fand sich dennoch kein Wasser, als im Zelte des Königs selbst ein Quell zum Vorschein kam, von welchem, weil man ihn erst spät bemerkt hatte, gefabelt wurde, er sei plötzlich entsprungen. Und dem König selbst lag daran, daß man [258] glaubte, es sei ein Geschenk der Götter gewesen. (15) Dann nach Ueberschreitung der Flüsse Ochus und Oxus gelangte er zur Stadt Margania39, in deren Umgebung Plätze zur Erbauung von sechs Städten ausgesucht wurden. Zwei derselben lagen gegen Mittag, vier gegen Morgen, in mäßiger Entfernung von einander, damit wechselseitige Hülfe nicht weit geholt werden müßte. (16) Sie liegen sämmtlich auf hohen Hügeln und dienten damals als Zwingburgen der besiegten Völker. Jetzt sind sie, ihres Ursprungs eingedenk, denen unterthänig, über die sie ehedem herrschten.
11 (1) Das übrige Land nun hatte der König zur Ruhe gebracht; nur ein einziger Felsen war übrig, den der Sogdianer Arimazes mit 20,[^000] Bewaffneten besetzt hielt, nachdem er vorher so viel Lebensmittel zusammengebracht hatte, daß sie für diese große Anzahl selbst auf zwei Jahre ausreichen konnten. (2) Der Felsen erhebt sich zu einer Höhe von dreißig Stadien und mißt im Umkreis hundert und fünfzig Stadien. Nach allen Seiten zu fällt er steil ab, und nur ein ganz enger Fußpfad bildet den Zugang. (3) In der Mitte seiner Höhe hat er eine Höhle, deren Eingang eng und dunkel ist, dann weiter hin breitet sie sich allmälig aus, und ihr Innerstes verliert sich noch in tiefe Gänge. Fast in ihrer ganzen Länge durchfließen sie Quellen, deren vereinigte Gewässer über den Abhang des Berges hinab einen Fluß entsenden. (4) Als der König die Schwierigkeit des Platzes in Augenschein genommen hatte, war er erst entschlossen wieder abzuziehen, dann aber ergriff ihn die Begierde selbst die Natur durch Ausdauer zu überwinden. (5) Ehe er jedoch eine Belagerung mit ihren Zufällen versuchte, schickte er den Sohn des Artabazus, Namens Cophes, an die Barbaren, ihnen zu rathen, daß sie ihren Felsen übergeben sollten. Arimazes jedoch, auf die Oertlichkeit vertrauend, erwiderte mit vielen stolzen Reden und fragte schließlich, ob Alexander denn fliegen könne. (6) Als dies dem König hinterbracht wurde, gerieth er darüber so in Zorn, [259] daß er die, mit denen er sich zu berathen gewohnt war, kommen ließ und ihnen den Uebermuth des Barbaren mittheilte, der sie verhöhne, weil sie keine Flügel hätten: er wolle aber in der nächsten Nacht machen, daß jener glauben solle, die Macedonier könnten auch fliegen. (7) „Bringt mir,“ sprach er, „aus euern sämmtlichen Truppentheilen dreihundert der leichtfüßigsten jungen Männer, die gewohnt waren, in ihrer Heimath die Viehheerden über Fußsteige und fast unwegsame Felsen zu treiben.“ (8) Als sie ihm nun ohne Verzug die muthigsten und gewandtesten Leute herbeigebracht hatten, sprach der König, den Blick auf dieselben gerichtet: „Mit euch, ihr Jünglinge und Altersgenossen, habe ich die Befestigungswerke vorher unbesiegter Städte erstiegen, unter ewigem Schnee begrabene Gebirgsjoche überschritten, bin in die Engpässe Ciliciens eingedrungen und habe ohne Ermatten die erstarrende Kälte der indischen Gebirge40 ertragen. (9) Von mir habt ihr Proben, sowie ich von euch. Der Fels, den ihr seht, hat einen einzigen Zugang, den die Barbaren besetzt halten, während sie das Uebrige außer Acht lassen. Sie haben keine Wachtposten außer unserm Lager gegenüber. (10) Wenn ihr mit scharfer Aufmerksamkeit nach Zugängen, die zum Gipfel führen, späht, so werdet ihr einen Weg finden. Nichts hat die Natur so hoch hingestellt, daß Manneskraft es nicht erklimmen könnte. Dadurch, daß wir versuchten, woran Andere verzweifelten, haben wir Asien in unserer Gewalt. (11) Ersteigt den Gipfel, und habt ihr ihn besetzt, so sollt ihr mir durch weiße Tücher ein Signal geben. Ich werde dann meine Truppen heranführen und den Feind von euch ab gegen uns wenden. (12) Als Belohnung soll der, welcher den Gipfel zuerst erreicht, zehn Talente erhalten, wer zunächst nach ihm kommt, eines weniger, und in demselben Verhältniß soll es bis zum zehnten fortgehen. Ich bin jedoch überzeugt, daß ihr nicht sowohl meine Freigebigkeit als meinen Wunsch im Auge habt.“ (13) Sie hörten den König so muthvoll an, daß sie sich schon im Besitz des Gipfels wähnten. Als sie entlassen waren, machten sie eiserne Keile, um sie in die Felsspalten zu treiben, und starke Taue zurecht. (14) [260] Der König hatte noch den Felsen, wo der Zugang am wenigsten rauh und steil zu sein schien, umritten; dann in der zweiten Nachtwache gab er ihnen mit dem Wunsche eines glücklichen Erfolges Befehl, sich auf den Weg zu machen. Mit Lebensmitteln auf zwei Tage versehen und nur mit Schwert und Lanze bewaffnet, begannen sie hinanzusteigen. (15) Und zuerst gingen sie wie gewöhnlich, dann, als man an die steilen Felsen gelangt war, umschlangen Einige mit den Händen die hervorragenden Klippen und zogen sich in die Höhe, Andere klimmten mittelst darumgeworfener Seilschlingen hinan, während sie die Keile in die Felsspalten schlugen, um nach einander darauf zu fußen. So brachten sie zwischen Furcht und Mühseligkeiten den Tag hin. (16) Allein, obwohl so Schlimmes überwunden war, blieb ihnen noch Schwereres übrig, und es schien, als ob die Höhe des Felsens wüchse. Ein kläglicher Anblick war es vollends, wenn die, welche eine unzuverlässige Stufe getäuscht hatte, aus der schroffen Höhe herabstürzten. Das Beispiel des fremden Falles zeigte ihnen, daß sie bald Gleiches an sich würden erfahren müssen. (17) Dennoch klimmten sie durch diese Schwierigkeiten bis zum Gipfel des Berges hinan, alle von Mattigkeit erschöpft in Folge der unausgesetzten Anstrengung, manche an einem Theile ihrer Gliedmaßen verstümmelt: so überfiel sie mit der Nacht auch der Schlaf. (18) Hier und da auf den unwegsamen und rauhen Felsen hingestreckt, ruhten sie, der ihnen drohenden Gefahr vergessend, bis zu Tagesanbruch. Endlich erwachten sie wie aus tiefer Betäubung, durchspähten die versteckten, unter ihnen liegenden Thäler, da sie nicht wußten, an welchem Theile des Felsens jene große Streitmacht der Feinde verborgen liege, und bemerkten endlich den Rauch der Höhle, der gerade unter ihnen emporwirbelte; (19) woraus sie entnahmen, daß dort der Schlupfwinkel der Feinde sei. Daher befestigten sie an Spießen das verabredete Zeichen und sahen nun, daß von ihrer gesammten Anzahl zweiunddreißig beim Hinaufsteigen umgekommen seien. (20) Der König, den ebensosehr, als der Wunsch sich des Platzes zu bemächtigen, das Schicksal derer beunruhigte, die er in eine so augenscheinliche Gefahr gesandt hatte, stand den ganzen Tag den Blick auf die Gipfel des Berges gerichtet. Erst Nachts, als es die Dunkelheit unmöglich gemacht hatte, etwas mit den Augen zu erkennen, zog [261] er sich zurück, um sich zu stärken. (21) Am folgenden Tage, als es noch nicht völlig hell war, war er der erste, der die Tücher, das Zeichen, daß der Berggipfel besetzt sei, erblickte. Doch die wechselnde Gestalt des Himmels, indem der Sonnenschein bald durchbrach, bald sich verbarg, nöthigte ihn noch zu zweifeln, ob sich sein Auge nicht etwa täusche. (22) Wie aber der Himmel in reinerem Lichte strahlte, wurde er seiner Zweifel enthoben; und er rief den Cophes, durch den er die Gesinnung der Barbaren erforscht hatte, und schickte ihn an sie ab, mit der Mahnung, jetzt wenigstens einen für sie heilsameren Entschluß zu fassen. Würden sie aber im Vertrauen auf die Oertlichkeit beharrlich bleiben, so solle er ihnen die in ihrem Rücken zeigen, welche den Gipfel besetzt hatten. (23) Zu Arimazes eingelassen, hub Cophes an ihm zuzureden, den Felsen zu übergeben: die Gunst des Königs winke ihm, wenn er den mit so großen Plänen umgehenden nicht nöthige, sich bei der Belagerung eines einzigen Felsen aufzuhalten. Doch jener antwortete noch trotziger und hochmüthiger als vorher und hieß den Cophes sich entfernen. (24) Da ergriff dieser den Barbaren bei der Hand und bat ihn, mit vor die Höhle zu treten. Als er dies erlangt, zeigte er ihm die Jünglinge auf dem Berggipfel, nicht mit Unrecht zur Verhöhnung seines Stolzes hinzufügend, die Soldaten Alexanders hätten allerdings Flügel. (25) Und schon ließ sich aus dem macedonischen Lager der Schall der Signale und das Geschrei des ganzen Heeres vernehmen. Dieser Umstand, wie denn so vieles im Kriege auf Schein und Täuschung beruht, drängte die Barbaren zur Uebergabe; denn in der Befangenheit der Furcht vermochten sie die geringe Anzahl derer, die in ihrem Rücken standen, nicht abzuschätzen. (26) Daher riefen sie den Cophes, der sie in ihrer Bestürzung verlassen hatte, unverweilt zurück und entsandten mit ihm dreißig der Vornehmsten, die den Fels übergeben und freien Abzug ausbedingen sollten. (27) Obwohl nun dieser fürchtete, die Barbaren möchten die geringe Anzahl der Jünglinge wahrnehmen und sie herabwerfen, so erwiderte er doch, im Vertrauen auf sein Glück und aufgebracht über den Hochmuth des Arimazes, daß er sich auf keine Bedingung der Uebergabe einlasse. (28) Arimazes, der mehr an seiner Sache verzweifelte, als daß sie wirklich verloren gewesen wäre, stieg mit seinen Verwandten [262] und den Vornehmsten seines Stammes ins Lager hinab, wo sie der König sämmtlich geißeln und unmittelbar am Fuße des Felsens ans Kreuz schlagen ließ. (29) Das übrige Volk, das sich ergeben, wurde sammt dem erbeuteten Gelde unter die Einwohner der neuen Städte als Geschenk vertheilt, und Artabazus zum Schutze des Felsens und der umliegenden Gegend zurückgelassen.
Anmerkungen
1 „Parmenio war nebst Attalus schon von Philipp mit einem Heere nach Kleinasien gesendet worden, und führte nach Alexanders Regierungsantritt noch einen kleinen Krieg in Troas und den angrenzenden Gegenden.“ Mützell.
2 S. 3,24. 4,51.
3 Über Attalus s. 6,34 Anm. 2. Nach Diodor (17,2 und 5) brachte Hekatäus den Attalus um.
4 Er gehörte dem alten Fürstengeschlecht der Lynkesten, eines zu Makedonien gehörenden Volksstammes, an, dem auch Philipp’s Mutter Eurydike entsprossen war. Nach Arrian (I, 25,3) war er von Darius gewonnen worden den König zu ermorden.
5 Wahrscheinlich im 2. Buche.
6 Als sein Anschlag auf des Königs Leben entdeckt worden war.
7 S. 4,28; 5,6.
8 So nach Vogels Konjektur alte suppurare; ebenso Kap. 1 suppuratus dolor.
9 Es wurde der nächste Weg durch die große Salzwüste genommen. Doch auch zu dieser Tour brauchte man sonst gewöhnlich dreißig bis vierzig Tage.
10 Eine rhetorische Übertreibung.
11 Keinesfalls wurde diese Absicht ausgesprochen, wie auch Diodor und Justin, die die Sache ebenfalls berichten, nichts davon sagen. Das Corps, das nach Diodor (17,80) den Namen ἀτάκτων τάγμα erhielt, wurde als irreguläre Truppe außerhalb der regelmäßigen Phalanxstellung verwendet.
12 D. i. Wohlthäter. Sie wohnten östlich vom See Zareh am Flusse Etymander (jetzt Hilmend) und sind nicht mit den Arimaspen der Fabel zu verwechseln. Die richtigere Namensform ist Ariaspä, d. i. (nach Ritter, Erdkunde 8,66) Reitervolk aus Aria.
13 Östlich vom Etymander, wo jetzt Kandahar. Daß sie bis zum Pontischen Meere sich erstreckt hätten, ist ein Irrtum entweder des Schriftstellers oder der Abschreiber.
14 Die Anwohner des Gebirges Parapamisus, von den Griechen auch indischer Kaukasus genannt, jetzt Hindukusch im heutigen Kabulistan. Den von Süden her kommenden Makedoniern lag dies Land gegen Norden, und wegen der Kälte in den rauhen Gebirgsgegenden, die sie noch dazu im Winter (Januar 329) durchzogen, glaubten sie es schon in der Nähe des Nordpols. Baktrien liegt von da nicht gegen Westen, sondern gegen Norden und Nordwesten.
15 Damit ist jedoch nicht gemeint, daß sie bis zum Indischen Meere hin wohnen. „Das Unpassende des Ausdruckes ist dem Schriftsteller nicht anzurechnen, da seine Charten den ungeheuern Zwischenraum wohl sehr ins Kleine zogen.“ Mützell.
16 Diese ganze Schilderung gilt natürlich nur von der winterlichen Jahreszeit.
17 Der oben (7,12 Anm. 13) erwähnte Parapamisus oder Indische Kaukasus. Wie die folgende Schilderung zeigt, wirft ihn Curtius, wie auch andere Schriftsteller, mit dem andern Kaukasus zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere zusammen.
18 Die Lage dieser Stadt ist nicht genau zu ermitteln, doch ist sie am wahrscheinlichsten östlich von Kabul zu suchen.
19 Nordwestlich von Bactrien, zwischen Dahern und Massageten, am untern Laufe des Oxus.
20 S. 6,21 Anm. 23.
21 So scheint die Lücke, die hier im Texte ist, zu ergänzen.
22 Es mußte heißen „vom caspischen“. Auch hier verwedselt C. das schwarze und caspische Meer.
23 Jetzt Balkh, in der gleichnamigen Landschaft.
24 Sogdiana wurde von Bactrien durch den Oxus (Gihon) getrennt. Der hier beschriebene Wüstenmarsch ging also genauer genommen noch durch Bactrien.
25 Unten 7,40 wird dagegen übereinstimmend mit Arrian (4,7,3) berichtet, Bessus sei nach Ecbatana geführt worden, um dort hingerichtet zu werden.
26 Jetzt Samarkand.
27 Schon Homer (Il. 13,6) erwähnt die Abier neben Thrakern, Mysern und Hippemolgen und nennt sie „sehr gerechte Leute (δικαιοτάτους ἀνθρώπων)“. Dies ist nicht ohne Einfluß auf die Schilderung der Geschichtschreiber gewesen.
28 Die Scythen jenseits des Jaxartes werden hier als europäische bezeichnet, in Folge des Irrthums, daß man den ins asоwische Meer mündenden Tanais vor sich habe. Der nachher erwähnte Bosporus ist der cimmerische, welcher das schwarze und asowische Meer verbindet.
29 Sie hieß auch Cyreschata (die äußerste Gründung des Cyrus) unb lag am Jaxartes. In der Nähe sind auch die übrigen empörten Städte zu suchen. Man hatte in diesen Städten die macedonischen Besatzungen ermordet. Arr. 4,1,4.
30 Hier sind offenbar einige Worte ausgefallen, ungefähr des Inhaltes „er selbst begab sich zunächst zu den Truppen, welche u. s. w.“
31 Wahrscheinlich in der Gegend des heutigen Khojend.
32 S. 26 Anm. 27. Bactrien steht hier öfter in weiterem Sinne, so daß es Sogdiana mitbegreift. Die Scythen jenseits des Jaxartes sind dasselbe Volk, welches sonst Massageten genannt wird.
33 Cyrus und Darius Hystaspis hatten zu ihren Scythenkriegen große Zurüstungen gemacht.
34 D. h. der Ruhm, den uns unser Vorhaben eintragen wird, wird ungleich größer sein als der geringe Raum, den wir zu überschreiten haben.
35 Nach Herodot (4,5) waren diese Dinge den Scythen vom Himmel gefallen.
36 Daß du nämlich ein Mensch bist und menschlichen Schicksalen unterworfen.
37 Jetzt Ser-afschan, d. i. der goldführende Fluß.
38 Hier nahm Alexander seine Winterquartiere vom J. 329 auf 328. Vgl. Arr. 4,7,1.
39 Da Margania ohne Zweifel in der Landschaft Margiana am jetzigen Flusse Murghab zu suchen ist, diese Landschaft aber südlich vom Oxus liegt, so ist es jedenfalls ein Irrthum, daß A. auf dem Wege von Bactra nach Margania den Oxus überschritten habe.
40 Des Paropamisus oder indischen Caucasus.
