[3] Sextus Aurelius Victor, ein römischer Geschichtschreiber, von dessen Lebensumständen nur Weniges bekannt ist, war aus Afrika gebürtig, lebte unter den Kaisern Constantius und Julianus um die Mitte des vierten christlichen Jahrhunderts und war, wie er selbst sagt (de Caes. c. 20, 5) von niedriger Herkunft, hatte es aber, wie er ebendaselbst zu verstehen gibt, durch wissenschaftliche Studien zu einer ehrenvollen Stellung gebracht. Und dieß bestätigen denn auch andere Schriftsteller. Denn nach Ammianus Marcell. XXI, 10. machte ihn, als einen seiner Mäßigkeit und Nüchternheit wegen nachahmungswürdigen Mann, Kaiser Julianus um’s Jahr 360 n. Chr. zu Sirmium zum Statthalter von Pannonia secunda und ließ ihm zu Ehren eine eherne Bildsäule setzen; auch war er nach derselben Stelle Consular und Stadtpräfect zu Rom. Ihm werden nun gewöhnlich die vier in dieser Uebersetzung enthaltenen kleinen Geschichtwerke zugeschrieben, die sämmtlich den römischen Staat mit seinen Beherrschern und berühmten Männern zum Gegenstande haben, aber unmöglich von Einem Verfasser und aus Einem Zeitalter herrühren können, da sie ihrer ganzen Anlage und Schreibart nach, sich auffallend von einander unterscheiden.
- Die Schrift Von dem Ursprunge des römischen Volks, die allerdings in allen Handschriften unter Victor’s [4] Namen erscheint, verräth offenbar einen weit spätern Ursprung und rührt wahrscheinlich von einem Grammatiker her, welcher damit eine Art von Einleitung zu den übrigen Schriften Victor’s liefern wollte und deßhalb auch seinem Werkchen dessen Namen voransetzte. Da der Verfasser Cap. 1 berichtet, daß er bereits früher eine Abhandlung von dem Ursprunge Patavium’s veröffentlicht habe, so hielten ihn Einige für den bekanntlich aus dieser Stadt gebürtigen Grammatiker Asconius Pedianus im ersten Jahrhunderte nach Chr. G.; allein die Beschaffenheit des Stils gestattet durchaus nicht, dem Werkchen einen so frühen Ursprung zuzuschreiben, sondern nöthigt uns vielmehr, seine Entstehung in eine viel spätere Zeit, ja selbst in ein späteres Jahrhundert, als in welchem Aurelius Victor lebte, zu setzen, wenn wir auch nicht so weit gehen dürfen, mit Niebuhr (Röm. Gesch., 2. Ausg., Bd. I. S. 88) anzunehmen, es sei erst gegen Ende des 15. oder im 16. Jahrhundert von einem ausgemachten Betrüger abgefaßt worden; denn es finden sich schon im 12. und 13. Jahrhundert (z. B. bei Helinandus, gest. 12231) die deutlichsten Spuren seines Vorhandenseins, und (mit Niebuhr, Orelli, Becker u. A.) an eine Fälschung zu denken, wäre schon der vielen Lücken und verdorbenen Lesarten wegen sehr gewagt, wenn man nicht etwa glauben wollte, der Verfasser sei ein so raffinirter Betrüger gewesen, daß er seine Schrift absichtlich so entstellt habe, um ihr das Ansehn des Alterthums zu geben. Wenn aber in dem Vorworte versichert wird, der Verfasser habe sein Werkchen aus den Annalen der Pontifices und vielen der ältesten römischen Geschichtschreiber zusammengetragen, so ist dieß wohl nur ein Irrthum dessen, der jenes Vorwort vorausschickte, um die Werke dreier verschiedener Verfasser unter Victor’s Namen zu Einem Ganzen zu vereinigen; denn die angeblich aus jenen Schriftstellern wörtlich angeführten Stellen zeigen auch nicht eine Spur von dem alterthümlichen Charakter jener frühen Zeit, sondern tragen alle ein gleiches Gepräge mit der [5] Schreibart des Verfassers selbst, die durch ungeschickte Stellung und Verbindung der Worte, so wie durch den meist verunglückten Versuch längere Perioden zu bilden nicht selten unklar und schwer verständlich wird, wie denn überhaupt die ganze Anlage, Darstellungsweise und Sprache der Schrift weit mehr einen Grammatiker, als einen Historiker verräth.
- Auch die Schrift Von den berühmten Männern der Stadt Rom, welche unter ihren kurzen Biographien auch die von den Nichtrömern enthält, welche mit Rom in Berührung kamen, wie von Pyrrhus, Hannibal, Mithridates, ja selbst von der Königin Cleopatra, kann eben so wenig von Aurelius Victor selbst herrühren, als die zuerst genannte. Man hat sie, da sie gar nicht übel angelegt ist und eine wirklich recht belehrende und ziemlich ansprechende Uebersicht der wichtigsten Momente aus dem Leben der geschilderten Personen gibt, selbst dem Cornelius Nepos, Suetonius, Plinius dem Jüngeren, ja sogar dem Tacitus zugeschrieben, allein ihr ganzer Charakter und ihr höchst einfacher und kunstloser Stil unterscheidet sie wesentlich von der Darstellungs- und Schreibart aller hier genannten Schriftsteller. Das Werkchen scheint vielmehr ein gar nicht ungeschickt gemachter Auszug aus irgend einem größern biographischen Werke, vielleicht dem des Cornelius Nepos, zu sein, und ist in einem ziemlich reinen und dabei lebendigen, klaren, sich gleich bleibenden Stil und meist kurzen, nur lose verbundenen Sätzen geschrieben.
- Die Kaisergeschichte, welche sich selbst gewissermaßen als eine Fortsetzung des Geschichtwerks von Titus Livius ankündigt, ist wohl das einzige in dieser Sammlung enthaltene ächte Werk des Aurelius Victor, und unterscheidet sich gleich auf den ersten Blick in Anlage und Stil so auffallend von den vorher genannten Schriften, daß die Verschiedenheit der Verfasser auf der Hand liegt. Ist auch der Stil derselben ziemlich hart, rauh und ungefügig, so daß er das Gepräge jener schon halb barbarischen Zeit deutlich genug an sich trägt, so zeichnet sie sich doch vor andern gleichzeitigen Geschichtwerken immerhin sehr vortheilhaft aus, ist aus guten Quellen geschöpft, [6] hat einen pragmatischen Charakter, zeugt von richtigem, unparteiischem Urtheil und einer ehrenwerthen Gesinnung ihres Verfassers, und weiß sich von der Trockenheit eines Eutropius, Sextus Rufus u. s. w. eben so fern zu halten, als von dem Schwulst und der declamatorischen Breite eines Ammianus Marcellinus, Orosius und Anderer. Der Verfasser zeigt sich als einen scharf beobachtenden Menschenkenner, warmen Patrioten und edlen Menschen, der den tiefen sittlichen Verfall seiner Zeit, den Mangel an Vaterlandsliebe, die herrschenden Laster der Treulosigkeit, Bestechlichkeit, Habsucht, Schamlosigkeit u. s. w., besonders auch den Uebermuth und die Anmaßung des feilen und unwissenden Beamten- und des frechen, habsüchtigen Soldatenstandes im tiefsten Herzen beklagt und mit dem edelsten Freimuth rügt, ebenso aber auch alles wahrhaft Gute und Rühmliche mit Wärme anerkennt und als Muster der Nachahmung empfiehlt. Sehr zu beklagen aber ist es, daß sein Werk, durch die Abschreiber oft völlig verderbt und verunstaltet, uns in einem so traurigen Zustande überliefert worden ist, daß man den Sinn oft nur errathen und dem Verständniß durch Conjecturen zu Hülfe kommen muß.
- Die von einem Zeitgenossen des Orosius, einem jüngern Victor oder Victorinus, im Zeitalter des Theodosius verfaßte Schrift Von dem Leben und Charakter der Kaiser bezeichnet der Titel als einen Auszug aus Aurelius Victor’s Kaisergeschichte, was sie aber, den Umstand ganz abgerechnet, daß sie weiter reicht und bis Theodosius fortgeführt wird, eigentlich doch nicht ist. Denn hat auch ihr Verfasser vom Anfang herein wirklich aus jenem Werke geschöpft, ja nicht selten wörtlich daraus abgeschrieben, so weicht er doch bald genug ganz von ihm ab und erlaubt sich eine Menge von Zusätzen und Veränderungen aus Suetonius, Eutropius und andern Geschichtschreibern der Kaiserzeit, so daß er manche Biographien, z. B. die des Augustus und Nerva, viel weitläufiger behandelt, als Aurelius Victor selbst, und öfters in Widerspruch mit ihm geräth. Man kann daher dieses Werkchen überhaupt eine nicht ungeschickte Compilation aus fast sämmtlichen Geschichtschreibern [7] der Kaiserzeit nennen. Was seinen Stil betrifft, so ist er einfacher, fließender und verständlicher, als der des Aurelius Victor, und nähert sich mehr der Ausdrucksweise der beiden zuerst genannten Schriften.
Wann und von wem nun diese verschiedenen Schriften in Ein Ganzes zusammengestellt worden sind, läßt sich nicht ermitteln. Die erste Ausgabe, in der sie zusammen unter Aurelius Victor’s Namen erschienen sind, ist die des Jesuiten Andreas Schott, Antwerpen 1579, seit welcher Zeit sie gewöhnlich als die Werke des Aur. Victor zusammen edirt werden.
Meiner Uebersetzung habe ich in den beiden Schriften de origine gentis Romanae und de viris illustribus urbis Romae den Text der Schröter’schen, in den beiden folgenden aber den der Gruner’schen Ausgabe zu Grunde gelegt, da Schröter’s Ausgabe leider unvollendet geblieben, eine neuere bessere Edition aber noch nicht erschienen ist. Da ich es übrigens für die Aufgabe des Uebersetzers halte, sein Original so treu als möglich wiederzugeben, nicht aber willkürlich zu verschönern, so ist es leicht möglich, daß sich meine Uebersetzung weniger fließend liest und minder anspricht, als ihre Vorgängerin von Cloß; das aber möge man nicht mir, sondern den Verfassern und ihrer unkünstlerischen, theils allzuschlichten und einförmigen, theils rauhen und harten, ja selbst nachlässigen Schreibart zur Last legen. Die hinzugefügten Noten schienen des bessern Verständnisses wegen nöthig zu sein und mögen als eine nicht zu verachtende Zugabe betrachtet werden.
1 Vgl. Vincentius Bellovacensis in Speculo Hist. III., 96.
