Parallelen Griechischer und Römischer Geschichten
Sehr Viele halten die alten Geschichten, wegen der Wundererzählungen, die darin vorkommen, für Erdichtungen und Fabeln; da ich nun auch in der jetzigen Zeit in der Römischen Geschichte Manches Aehnliche fand, so wählte ich Dieß aus, setzte zu jeder Erzählung aus der alten Zeit eine ähnliche aus der neueren, wobei ich die Schriftsteller, welche es erzählt haben, anführte.
1 Datis, der Persische Satrap, kam mit einem Heere von dreimalhunderttausend Mann nach der Marathonischen Ebene in Attika, wo er sein Lager aufschlug und den Eingeborenen den Krieg ankündigte. Aber die Athener verachteten die Menge der Barbaren, und schickten ihnen ein Heer von neuntausend Mann entgegen, unter Anführung des Cinägirus, Polyzelus, Callimachus und Miltiades. Als es darauf zu einem Treffen kam, verlor Polyzelus über dem Anblick einer übermenschlichen Erscheinung das Gesicht und ward blind; Callimachus aber, blieb, von vielen Speeren durchbohrt, noch im Tod aufrecht stehen; dem Cynägirus endlich wurden beide Hände abgehauen, als er ein Persisches Schiff, welches abzusegeln im Begriff war, zurückhalten wollte.
Hasdrubal, ein Carthagischer Feldherr1, hatte sich der Insel Sicilien bemächtigt, und kündigte darauf den Römern den Krieg an. Aber Metellus, den der Römische Senat zum Heeresführer bestimmt hatte, gewann über ihn jenen Sieg, in welchem Lucius Glauco, ein Patricier, als er das Schiff des Hasdrubal fest hielt, beide Hände verlor; wie Aristides von Milet im ersten Buch seiner Sicilischen Geschichte erzählt, von welchem Dionys der Sicilier2 die Erzählung entlehnt hat.
2 Xerxes war mit einem Heer von fünfhundert3 Myriaden bei Artemisium gelandet, um die Gegend mit Krieg zu überziehen. Die Athener in ihrer Verlegenheit schickten den Agesilaos, den Bruder des Themistocles ab, obwohl sein Vater Neocles ihn im Traum beide Hände hatte verlieren gesehen. Er trat in Persischer Kleidung in das Lager der Barbaren, wo er den Mardonius, einen von der Leibwache, in der Meinung, es sey Xerxes, erlegte. Als er darauf von den Umstehenden ergriffen und gebunden zum Könige geführt wurde, der gerade mit einem Opfer auf dem Altar der Sonne beschäftigt war, so legte er seine rechte Hand auf das Feuer und ertrug ohne allen Seufzer die Qual der Schmerzen, und als er von seinen Banden wieder frei geworden war, rief er aus: „So sind alle Athener; glaubst du es nicht, so will ich auch die linke Hand aufs Feuer legen;“ worauf Xerxes aus Furcht ihn bewachen ließ, wie Agatharchides aus Samos im zweiten Buch der Persischen Geschichten erzählt.
Porsena, König der Etrusker, hatte im Kriege mit den Römern sein Lager jenseits des Tiberstrom’s, und setzte die Römer dadurch, daß er ihnen die Zufuhr abschnitt, in Hungersnoth. Bei der Bestürzung, die darüber im Senat herrschte, verlangte Mucius, ein angesehener Mann von den Consuln vierhundert Mann seines Alters, mit denen er in gewöhnlicher Kleidung über den Fluß setzte und hier den Leibwächter des Königs, den er unter dessen Officiere die Befehle austheilen sah, in der Meinung, es sey Porfena selbst, ermordete. Als er darauf zum Könige gebracht wurde, legte er die rechte Hand auf das Feuer, ertrug getrost die Schmerzen und rief lächelnd aus: „ich bin frei, o Barbar, auch wenn du es nicht willst! denn wisse, es sind unserer an Vierhundert gegen dich im Lager, welche dir nach dem Leben stehen!“ Da schloß Porsena, voll Furcht, mit den Römern Frieden, wie Aristides von Milet im dritten Buche seiner Geschichten erzählt.
3 Als die Argiver und Lacedämonier sich über das Gebiet von Thyrea zankten, thaten die Amphictionen den Ausspruch, eine gleiche Anzahl von beiden Seiten solle mit einander kämpfen, und dem Sieger das Land zu Theil werden. Darauf erwählten die Lacedämonier den Othryades zum Feldherrn, die Argiver den Thersander. In dem darauf erfolgten Kampfe blieben nur zwei Argiver am Leben, Agenor und Chromius, welche in die Stadt die Siegeskunde brachten. Auf dem Kampfplatz aber raffte sich, als es still geworden war, Othryades auf, und richtete, auf halbzerbrochene Speere gestützt, von den Schilden, die er den Todten hinweggenommen, ein Siegeszeichen auf, an welches er mit seinem eigenen Blute die Worte schrieb: dem Jupiter Tropäuchos4. Es thaten zwar die beiden Argiver Einsprache; aber die Amphictionen begaben sich selbst an Ort und Stelle und entschieden die Sache zu Gunsten der Lacedämonier, wie Chrysermus im dritten Buch seiner Peloponnesischen Geschichten erzählt5.
Die Römer hatten im Krieg mit den Samniten den Posthumus Albinus6 zum Anführer erwählt. Dieser aber fiel bei den sogenannten Caudinischen Gabeln7, einem sehr engen Paß, in einen Hinterhalt, in welchem er drei Legionen einbüßte, und selbst, schwer verwundet, zu Boden sank. Tief in der Nacht kam er wieder ein wenig zu sich, raffte die Schilde der getödteten Feinde auf, tauchte die Hand in das Blut und richtete ein Siegeszeichen auf mit der Inschrift: „Die Römer gegen die Samniten dem Jupiter Tropäuchos.“ Als Fabius, mit dem Beinamen Gurges, der als Feldherr abgeschickt war, an die Stelle kam und das Siegeszeichen bemerkte, nahm er die Vorbedeutung freudig an; er besiegte auch die Feinde in einer Schlacht, nahm den König derselben gefangen und schickte ihn nach Rom, wie Aristides von Milet im dritten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
4 Als die Perser mit fünfhundert8 Myriaden gegen Hellas heranrückten, ward Leonidas mit dreihundert Mann nach den Thermopylen von den Lacedämoniern abgesandt. Als das Heer der Barbaren, während sie aßen, anrückte, rief Leonidas beim Anblick derselben aus: „Nehmt jetzt so das Frühmahl, wie wenn ihr die Abendmahlzeit in der Unterwelt halten wolltet!“ Darauf stürzte er gegen die Barbaren, und obgleich von vielen Speeren verwundet, drang er doch bis zum Xerxes und riß ihm das Diadem ab. Darum ließ ihm Dieser, als er gefallen war, das Herz ausschneiden, das er ganz rauh fand. Dieß erzählt Aristides im ersten Buch der Persischen Geschichten.
Die Römer schickten im Punischen Kriege dreihundert Mann unter Anführung des Fabius Maximus ab. Diese kamen Alle im Kampfe um; Fabius selbst aber ließ sich, schwer verwundet, zu Hannibal bringen, dem er im Zorn das Diadem herabriß, aber in dem Augenblicke zu Tode sank, wie Aristides aus Milet erzählt.
5 Bei der Stadt Celänä in Phrygien entstand ein mit Wasser angefüllter Schlund, welcher viele Wohnungen sammt ihren Bewohnern in die Tiefe riß. Der König Midas, der einen Orakelspruch erhalten hatte, es werde der Schlund wieder sich füllen, wenn er das Kostbarste hineingeworfen, warf Gold und Silber hinab, ohne daß es Etwas fruchtete. Aber Anchurus, sein Sohn, bedachte, daß es nichts Kostbareres auf der Welt gäbe, als ein Menschenleben; er umarmte daher seinen Vater und sein Weib Timothea und stürzte sich zu Pferde in den Schlund. Alsbald ging die Erde wieder zusammen und Midas schuf durch Berührung mit der Hand einen goldenen Altar des Idäischen Jupiter9. Dieser Altar wird um die Zeit, in welcher der Schlund entstanden seyn soll, von Stein; wenn aber die bestimmte Zeit vorüber ist, sieht er wieder wie von Gold aus, wie Kallisthenes im zweiten Buch der Verwandlungen erzählt.
Mitten auf dem Markt hatte die Tiber aus Veranlassung des erzürnten Tarsischen Zeus einen sehr großen Schlund aufgerissen and viele Wohnungen versenkt; nach dem Ausspruche des Orakels aber sollte derselbe aufhören, wenn die Römer das Kostbarste hineingeworfen hätten. [Vergeblich] warf man Gold und Silber hinein; bis endlich Curtius, ein Patricischer Jüngling, der das Orakel verstanden und wohl bedacht, daß das Leben kostbarer sey [als Gold und Silber], sich zu Pferde in den Schlund hinabstürzte und seine Mitbürger von dem Unglück befreite, wie Aristides im vierzigsten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
6 Während Polynices mit den andern Heerführern10 schmauste, flog ein Adler herab, hob den Speer des Amphiaraus in die Höhe und ließ ihn wieder fallen, der Speer aber blieb in der Erde stecken und ward ein Lorbeerbaum. Als es am folgenden Tag zum Treffen kam, ward Amphiaraus an jener Stelle, sammt seinem Wagen von der Erde verschlungen, da wo jetzt die darnach benannte Stadt Harma [Wagen] steht. So erzählt Trisimachus im dritten Buch von den Städtegründungen.
Als die Römer mit Pyrrhus, dem König von Epirus, Krieg führten, versprach dem Aemilius Paulus ein Orakelspruch den Sieg, wenn er da, wo er einen angesehenen Mann mit dem Wagen verschlungen werden sähe, einen Altar errichte. Drei Tuge darauf legte Valerius Conatus11, der die Weissagungskunst verstand, in Folge eines Traumgesichts, Priesterkleidung an, trat an die Spitze des Heers und ward, nachdem er Viele erlegt, von der Erde verschlungen. Da errichtete Aemilius einen Altar und gewann so einen Sieg, in Folge dessen er hundert sechzig thurmtragende Elephanten nach Rom schickte. Der Altar indessen weissagte zu jener Zeit, als Pyrrhus beslegt wurde, wie Critolaus im dritten Buche der Epirotischen Geschichten erzählt.
7 Pyrächmes, König von Euböa, war in einem Kriege mit den Böotiern begriffen, ward aber von dem noch ganz jungen Hercules besiegt, der ihn an Füllen anbinden, in zwei Theile zerreißen und dann unbeerdigt hinwerfen ließ. Daher heißt der Ort Poli Pyrächmi [d. i . die Füllen des Pyrächmus], er liegt bei dem Fluß Heraclius und läßt, so oft Pferde trinken, ein Wiehern vernehmen, wie im dritten Buche von den Flüssen12 bemerkt ist.
Der Römische König Tullus Hostilius führte mit den Albanern, deren König Metius Fubentius13 war, einen Krieg, in welchem er mehrmals den Kampf verschob. Die Albaner, die ihn niemals besiegt, überließen sich darauf dem Schmausen; da griff sie der König in ihrer Trunkenheit an, ließ ihren König an zwei Füllen binden und von einander reißen, wie Alexarchus im vierten Buch der Italischen Geschichten erzählt.
8 Als Philippus von Methone und Olynth Meister werden wollte, versuchte er mit Gewalt den Uebergang über den Fluß Sandanus, ward aber von einem Olympier, mit Namen Aster, mit einem Pfeil, der folgende Inschrift hatte, am Auge verwundet:
„Dem Philipp sendet Aster diesen Todespfeil.“
So mußte Philipp durch den Fluß zu den Seinigen zurückschwimmen und kam noch, wie Kallisthenes im dritten Buche der Macedonischen Geschichten erzählt, mit dem Verlust eines Auges davon.
Der Etrurische König Porsena hatte im Kriege mit den Römern sein Lager jenseits der Tiber aufgeschlagen, und brachte durch Abschneidung aller Zufuhr die Römer in Hungersnoth. Horatius Cocles, den die Römer zum Feldherrn erwählt, hatte die hölzerne Brücke14 besetzt und hielt das feindliche Heer vom Uebergang ab; als er aber von der Mehrzahl der Feinde sich überwältigt sah, befahl er seinen Leuten die Brücke abzubrechen und hinderte dadurch die Menge der feindlichen Schaaren am Uebergang; er selbst aber an dem einen Auge von einem Geschoß getroffen, stürzte sich in den Fluß und schwamm zu den Seinigen hindurch, wie Theotimus im zweiten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
9 Die Fabel von Icarius, der den Bacchus bewirthete, erzählt Eratosthenes in der Erigone15. Auch Saturn ward von einem Landmann bewirthet, welcher eine schöne Tochter Entoria hatte, die Saturn zur Mutter von vier Söhnen machte: Janus, Hymnus, Faustus und Felix. Er lehrte sie den Gebrauch des Weins und den Anbau der Rebe, und hieß sie auch ihre Nachbarn damit bekannt machen. Sie thaten es; Diese aber, des Trankes ungewohnt, verfielen in einen ungewöhnlich tiefen Schlaf, und weil sie glaubten, vergiftet worden zu seyn, tödteten sie den Icarius mit Steinen; seine Töchtersöhne aber hingen sich aus Verzweiflung selbst auf.
Als in Rom eine Hungersnoth herrschte, versprach die Pythia in einem Orakelspruch ein Ende der Noth, wenn der Zorn des Saturn und die Geister der ungerecht Umgekommenen gesühnt wären. Da stiftete Lutatius Catulus, einer von den Angesehenen, dem Gotte ein Heiligthum in der Nähe des Tarpeischen Felsens und errichtete den obern Altar mit vier Gesichtern, entweder wegen der vier Schwestersöhne, oder weil das Jahr in vier Theile zerfällt; auch gab er einem Monate den Namen Januar. Saturn aber versetzte sie Alle unter die Sterne; die Einen heißen jetzt Protrygeteres16, Janus aber geht zuerst auf und erscheint als Stern vor den Füßen der Jungfrau, wie Critolaus im vierten Buch der Phänomena erzählt.
10.
Als die Perser Griechenland verheerten, wollte Pausanias, der Lacedämonische Feldherr, um fünfhundert Talente Goldes, welche er von Xerxes erhalten, Sparta verrathen; da aber sein Vorhaben entdeckt wurde, so verfolgte ihn sein Vater Agesilaus mit den Andern bis in den Tempel der Minerva Chalciökus, umarmte die Thüren des Heiligthums und ließ ihn vor Hunger sterben; seine Mutter aber ließ den Leichnam unbeerdigt liegen; wie Chrysermus im zweiten Buche seiner Geschichten erzählt.
Die Römer hatten im Kriege mit den Latinern den Publius Decius zum Feldherrn erwählt. Ein armer patricischer Jüngling aber, mit Namen Cassius Brutus17, hatte um einen bestimmten Lohn sich dazu verstanden, in der Nacht den Feinden die Thore zu öffnen. Als er aber entdeckt wurde, floh er in den Tempel der Athene Auxiliaria18, wo der Signifer19 Cassius, sein Vater, ihn einschloß und zu Tode hungerte, auch ihn unbeerdigt hinwarf, wie Clitonymus in den Italischen Geschichten erzählt.
11.
Darius, der Perserkönig, hatte in der Schlacht am Granicus gegen Alexander sieben Satrapen und zwei und fünfzig Sichelwagen verloren, wollte aber doch am folgenden Tage den Kampf erneuern. Da versprach Ariobarzanes, sein Sohn, der dem Alexander geneigt war, seinen Vater zu verrathen. Dieser aber, voll Unwille, schlug ihn, wie Aretades aus Cnidus im dritten Buch der Macedonischen Geschichte erzählt, das Haupt ab.
Brutus, der einstimmig zum Consul erwählt war, vertrieb den übermüthigen Tarquinius, seines tyrannischen Regiments wegen, aus Rom. Er floh zu den Etruskern und führte von da aus mit den Römern Krieg. Da wollten die Söhne ihren Vater verrathen, verloren aber darüber ihr Leben20; wie Aristides von Milet in den Italischen Geschichten erzählt.
12.
Epaminondas, der Thebanische Feldherr, kam in dem Kriege mit den Lacedämoniern einst zur Wahl der obrigkeitlichen Personen nach Theben, nachdem er seinen Sohn Stesibrotus anbefohlen, sich in kein Treffen einzulassen. Als aber die Lacedämonier seine Abwesenheit bemerkt hatten, fingen sie an, den Jüngling als einen feigen Menschen zu schmähen, der nun aus Unwillen und ohne der Vorschrift des Vaters eingedenk zu seyn, angriff und aus der Schlacht siegreich hervorging. Der Vater, unzufrieden damit, setzte ihm erst den Kranz auf, ließ ihm aber dann den Kopf abschlagen, wie Ctesiphon im ersten Buche seiner Böotischen Geschichten erzählt.
Die Römer hatten im Kriege mit den Samniten den Maulius mit dem Beinamen Imperiosus [der Gebieterische] zum Feldherrn bestellt. Als er nun, der Consulswahl wegen nach Rom sich vom Heere entfernte, verbot er seinem Sohn, sich in ein Treffen einzulassen. Aber als die Samniten Dieß bemerkt, wußten sie den jungen Mann durch Schmähungen dahin zu bringen, daß er ein Treffen wagte, in welchem er indeß den Sieg davon trug. Manlius aber ließ ihm den Kopf abschlagen. So erzählt Aristides von Milet.
13.
Als Hercules die Jole zur Ehe nicht erhalten konnte, verheerte er das Land Oechalia. Jole indessen stürzte sich von der Mauer herab, da aber das Kleid vom Winde aufgeblasen wurde, litt sie keinen Schaden, wie Nicias, der Maleote, erzählt.
Die Römer hatten im Kriege mit den Etruskern den Valerius Torquatus zum Feldherrn erwählt, der, als er die Tochter des Königs mit Namen Clusia zu sehen bekam, Diese von Jenem zur Ehe sich erbat, und als er sie nicht erhielt, das Land verheerte. Clusia aber stürzte sich selbst von dem Thurm herab, kam jedoch durch die Fürsorge der Aphrodite, indem das Kleid einen Busen machte, unversehrt auf die Erde. Da ihr nun Torquatus Gewalt anthat, so wurde er deßwegen durch einen gemeinsamen Beschluß der Römer nach der Insel Corsica aus Italien verbannt21, wie Theophilus im dritten Buch der Italischen Geschichten erzählt.
14.
Als die Carthager und Sicilianer sich zum gemeinschaftlichen Kriege gegen die Römer rüsteten, brachte Metellus der Vesta allein kein Opfer. Da aber Diese deßhalb einen widrigen Wind schickte, erklärte der Seher Cajus Julius, es werde sich der Sturm legen, wenn Metellus seine Tochter geopfert. So genöthigt, brachte er seine Tochter Metalia herbei, Vesta aber aus Mitleid schickte an ihre Stelle eine Kuh und führte sie nach Lanusium22, wo sie Priesterin des dort veehrten Drachen wurde, wie Pythocles im dritten Buche der Italischen Geschichten berichtet.
Den ähnlichen Vorfall mit der Iphigenia zu Aulis in Böotien erzählt Meryllus im ersten Buch der Böotischen Geschichte.
15.
Der Gallische König Brennus kam auf seinem verheerenden Zuge durch Asien nach Ephesus, wo er in ein gemeines Mädchen sich verliebte, die ihm auch, wenn er ihr die Spangen und den Weiberschmuck schenke, zu willfahren und Ephesus zu übergeben versprach. Da befahl er seinen Soldaten, den Schmuck, den sie an sich trugen, in den Schooß des geldgierigen Mädchens zu werfen. Sie thaten es, und so wurde von der Menge des Goldes das Mädchen zu Tode geworfen, wie Clitophon im ersten Buch der Gallischen Geschichten erzählt.
Tarpeja, eine angesehene Jungfrau, welcher im Kriege der Römer mit den Albanern die Bewachung des Capitolium’s anvertraut war, versprach dem Tatius, den Eingang zur Tapejischen Höhe zu öffnen, wenn sie zur Belohnung die Armbänder, welche die Soldaten als Schmuck trugen, erhielte. Als Dieß die Sabiner inne geworden, schütteten sie dieselbe mit ihren Armbändern zu Tode. So erzählt Aristides von Milet in den Italischen Geschichten.
16.
Die Tegeaten und Feneaten beschloßen in einem langwierigen Krieg, in welchen sie verwickelt waren, von beiden Seiten drei Brüder zu schicken, welche statt der Andern um den Sieg kämpfen sollten. Die Tegeaten schickten die Söhne des Reximachus, die Feneaten die des Demostratus. Es kam zum Kampfe, in welchem Zwei von Jenen fielen; der Dritte mit Namen Critolaus aber gewann durch eine Kriegslist den Sieg über die beiden Andern; er stellte sich nämlich, als ob er fliehe und erlegte seine beiden Verfolger einzeln. Wie er zurückkam, freuten sich Alle Andern, nur nicht seine Schwester Demodice, weil er den Demoticus, ihren Verlobten, getödtet hatte. Voll Unwillen darüber tödtete Critolaus seine Schwester, und als er deßhalb des Mordes angeklagt wurde, ward er von der Klage freigesprochen, wie Demaratus im zweiten Buche der Arcadischen Geschichten erzählt.
Auf ähnliche Weise wählten die mit einander im Kriege begriffenen Römer und Albaner drei Brüder, und zwar Jene die Horatier, Diese die Curiatier. Beim Beginn des Kampfes tödteten die Curiatier zwei ihrer Gegner; der allein noch Uebrige suchte sich durch eine verstellte Flucht zu helfen und erlegte einzeln seine Gegner, die ihn verfolgten. Bei der allgemeinen Freude darüber, bezeugte nur seine Schwester Horatia, deren Bräutigam Jener getödtet hatte, Kummer, worüber er sie umbrachte, wie Aristides von Milet in den Italischen Geschichten erzählt.
17.
Als in Ilium der Tempel der Minerva in Flammen gerathen war, eilte Ilus herbei und rettete das vom Himmel gefallene Palladium, ward aber darüber blind (denn kein Mann durfte es ansehen); in der Folge aber erhielt er wieder sein Gesicht, nachdem er die Gottheit versöhnt hatte. So erzählt Dercyllus im ersten Buche von den Städtegründungen.
Antyllus23, ein angesehener Römer, wurde auf dem Weg in die Vorstadt von Raben, die auf ihn mit ihren Fittigen schlugen, abgehalten, und kehrte, aus Furcht vor dieser Vorbedeutung, nach Rom zurück. Als er hier den Tempel der Vesta in Flammen sah, nahm er das Palladium, ward aber dadurch blind. Als er sich indeß mit der Gottheit ausgesöhnt hatte, erlangte er auch sein Gesicht wieder, wie Aristides in den Italischen Geschichten erzählt.
18.
Den Thraciern24 hatte in einem Kriege, den sie mit den Athenern führtern, das Orakel den Sieg versprochen, wenn sie des Codrus schonten. Dieser aber kam mit einer Sichel in gemeiner Kleidung zu den Feinden, und nachdem er Einen derselben erlegt, ward er von den Andern selbst getödtet. Auf diese Weise gewannen die Athener den Sieg, wie Socrates im zweiten Buch der Thracischen Geschichten erzählt.
Der Römer Publius Decius hatte während des Krieges mit den Albanern einen Traum, wornach sein Tod den Römern den Sieg bringen würde. Er stürzte daher mitten unter die Feinde und fiel, nachdem er Viele Derselben erlegt hatte. Auf ähnliche Weise errettete auch sein Sohn Decius die Römer im Kriege mit den Galliern, wie Aristides aus Milet erzählt.
19.
Cyanippus, von Geschlecht ein Syracusaner, brachte dem Bacchus allein kein Opfer; da strafte ihn der erzürnte Gott mit einem Rausch, in welchem er in der Dunkelheit seine eigene Tochter Cyane schändete. Diese aber zog ihm den Ring ab und gab ihn der Amme als Kennzeichen. Als darauf eine Pest ausbrach und der Pythische Gott den Ausspruch that, man solle den gottlosen Menschen den übelabwendenden Göttern schlachten, so verstanden die Uebrigen den Orakelspruch nicht, Cyane aber, die es verstand, ergriff den Vater bei den Haaren, zog ihn an den Altar und schlachtete ihn, worauf sie sich selbst das Leben nahm, wie Dositheus im dritten Buche der Sicilischen Geschichten erzählt.
Als man in Rom das Bacchusfest feierte, sprach Aruntius, der von Geburt an bloß Wasser getrunken, verächtlich von der Macht des Gottes. Dieser aber versetzte ihn in Trunkenheit, in welcher er seine Tochter Medullina schändete. Diese hatte ihn an dem Ring erkannt und sann auf eine für ihr Alter außerordentliche That. Sie berauschte ihren Vater, bekränzte ihn dann und führte ihn an den Altar der Astrape, wo sie unter Thränen Den tödtete, der ihr die Jungfrauschaft geraubt hatte. So erzählt Aristides im dritten Buche der Italischen Geschichten.
20.
Erechtheus, im Kriege mit Eumolpus, hatte erfahren, daß er siegen würde, wenn er seine Tochter opfere. Er ging darüber mit seinem Weibe Praxithea zu Rathe und opferte darauf das Mädchen. Euripides erwähnt dessen im Erechtheus25.
Marius26 besiegt im Kriege mit den Cimbern, hatte einen Traum, der ihm den Sieg versprach, wenn er seine Tochter Kalpurnia opfere. Er that es, indem er das Wohl seiner Mitbürger seiner natürlichen Liebe vorzog, und siegte alsbald. Noch jetzt stehen in Germanien zwei Altäre, welche [jährlich] um diese Zeit einen Schall wie Trompeten von sich geben, wie Dorotheus im vierten Buch der Italischen Geschichten berichtet.
21.
Cyanippus, von Geschlecht ein Thessalier, ging gar oft auf die Jagd; und da er oftmals im Walde blieb, schöpfte seine neuvermählte Frau Verdacht, daß er mit einer Andern Umgang habe, weßhalb sie der Spur des Mannes in den Wald folgte und im Dickicht sich versteckte, um den Erfolg abzuwarten. Als aber das Gebüsch vom Winde bewegt wurde, stürzten die Hunde, in der Meinung, daß hier ein Wild sey, herbei und zerrissen die eifersüchtige Frau gleich einem wilden Thiere. Cyanippus, der diese unerwartete That mit eigenen Augen gesehen, nahm sich darauf selbst das Leben. So gibt es der Dichter Parthenius an27.
Aemilius, aus Sybaris, einer Italischen Stadt, ein Jüngling von außerordentlicher Schönheit, liebte die Jagd sehr. Seine neuvermählte Frau hatte ihn aber im Verdacht des Umgangs mit einer Andern und begab sich in den Wald. Wie aber die Bäume sich bewegten, liefen die Hunde auf sie zu und zerfleischten sie; Aemilius selbst tödtete sich darauf wie Clitonymus im zweiten Buch der Sybaritischen Geschichten erzählt.
22.
Smyrna, des Einpras Tochter, verliebte sich, in Folge eines Zorns der Venus, in ihren Vater und entdeckte ihre gewaltige Liebe ihrer Amme, welche Jenen durch List zu hintergehen wußte, indem sie ihm vorstellte, ein Mädchen in der Nachbarschaft sey in ihn verliebt, schäme sich aber öffentlich zu ihm zu kommen Da er auf diese Weise zu ihr kam und einstens seine Geliebte sehen wollte, verlangte er Licht; wie er sie aber erblickte, verfolgte er mit dem Schwert in der Hand die Unzüchtige, die indeß durch Veranstaltung der Venus in einen gleichnamigen Baum28 verwandelt wurde, wie Theodorus in den Verwandlungen schreibt.
Valeria aus Tusculum faßte, verleitet durch den Zorn der Venus, strafbare Neigung zu ihrem Vater Valerius und besprach sich darüber mit ihrer Amme, die ihren Gebieter durch List zu täuschen wußte, indem sie vorgab, es scheue sich das Mädchen, welches aus der Nachbarschaft sey und ihm zu Willen seyn wolle, sich im Gesichte vor ihm sehen zu lassen. Als Dieser aber einstens in der Trunkenheit ein Licht verlangte, so hatte die Amme zuvor das Mädchen entfernt, welche schwanger, auf dem Lande sich aufhielt. Hier stürzte sie einst einen Felsen herunter, jedoch ohne daß sie oder ihre Leibesfrucht Schaden litt, sie gebar vielmehr zur bestimmten Zeit den Aegipan, oder wie ihn die Römer nennen, den Silvanus. Valerius aber stürzte sich vor Kummer den Felsen herab, wie Aristides von Milet im dritten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
23.
Nach der Zerstörung von Ilium ward Diomedes nach Libyen [Africa] verschlagen, wo Lycus herrschte, der die Gewohnheit hatte, die Fremden seinem Vater Mars zu opfern. Aber Callirhoe, seine Tochter, die sich in den Diomedes verliebt hatte, verrieth ihren Vater und befreite den Diomedes aus seinen Banden. Als er nun, ohne sich um seine Wohlthäterin zu bekümmern, wieder wegschiffte, endigte Diese ihr Leben mit dem Strick. So erzählt Juba im dritten Buche der Libyschen Geschichten.
Calpurnius Crassus, ein angesehener Römer, der unter Regulus diente, ward gegen die Massylier abgeschickt, um Garätium, eine schwer zu erobernde Veste wegzunehmen. Er wurde aber gefangen und sollte dem Saturn geopfert werden. Da verrieth Bisaltia, die Tochter des Königs, aus Liebe zu ihm, ihren Vater und brachte dadurch Jenem den Sieg. Da der Vater indessen wieder zurückkehrte, so tödtete sich das Mädchen selbst, wie Hesianax im dritten Buche der Libyschen Geschichte erzählt.
24.
Priamus hatte seinen Sohn Polydorus nebst Schätzen zu seinem Schwager Polymestor nach Thracien abgeschickt, als Troja nahe daran war erobert zu werden; dieser aber ließ nach Eroberung der Stadt den Knaben tödten, um der Schätze sich zu bemächtigen. Als darauf Hecuba an diesen Ort kam, stellte sie sich, als wenn sie ihm Gold geben wolle, blendete ihn aber, unterstützt von den andern gefangenen Weibern. So erzählt der Tragödiendichter Euripides29.
Als Hannibal Campanien verwüstete, brachte Lucius Thymbris seinen Sohn Rustius mit der Habe bei seinem Schwager Valerius Gestius in Sicherheit. Dieser aber, als er von dem Siege des Hannibal hörte, nahm aus Habsucht, gegen das Recht der Natur, dem Knaben das Leben. Thymbris, der auf der Reise durch das Land auf den Leichnam seines Sohne gestoßen war, schickte zu seinem Schwager, als wolle er ihm Geld zeigen; blendete ihn aber dann, als er zu ihm gekommen, und schlug ihn ans Kreuz, wie Aristides im dritten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
25.
Telamon führte den ihm verhäßten Phocus, welchen Aeacus mit der Psamathe erzeugt hatte und innig liebte, auf die Jagd, wo er, als ein Schwein heranstürzte, auf Jenen den Speer warf und ihn tödtete. Der Vater schickte ihn darauf in die Verbannung. So erzählt Dorotheus im zweiten Buche seiner Verwandlungen.
Cajus Maximus hatte zwei Söhne, den Similius und Rhesus, letztern von der Ameria30. Dieser hatte auf der Jagd seinen Bruder erlegt und bei der Rückkehr vorgegeben, es sey durch Zufall, nicht aus Absicht geschehen. Aber der Vater, als er die Wahrheit erfahren, schickte ihn ins Exil, wie Aristocles im dritten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
26.
Mars erzeugte von der Althäa den Meleager, wie Euripides im Meleager31 erzählt.
Septimius Marcellus, der die Sylvia geheirathet hatte, beschäftigte sich viel mit der Jagd. Während dem nahte sich Mars in Gestalt eines Hirten seiner neu vermählten Frau und machte sie schwanger; gestand ihr indeß ein, Wer er sey, und gab ihr einen Speer, mit dem Bemerken, daß die Geburt des künftigen Kindes auf diesem beruhe32.
Septimius tödtete nun den Tuscinus. Mamercus, der wegen des Reichthums an Früchten den Göttern Opfer brachte, vernachläßigte dabei nur die Ceres, welche dafür einen Eber schickte. Er sammelte nun viele Jäger um sich, erlegte den Eber und übergab Kopf und Fell der mit ihm Verlobten. Aber Scimbrates und Muthias, die Brüder seiner Mutter, nahmen es dem Mädchen; worüber er so unwillig wurde, daß er die Anverwandten tödtete; seine Mutter aber verbrannte den Speer, wie Menylus33 im dritten Buch der Italischen Geschichten erzählt.
27.
Telamon, des Aeacus und der Endeis Sohn, kam nach Euböa, wo er die Eriböa, des Alcothous Tochter, schändete34 und darauf in der Nacht entfloh. Der Vater, der Dieß gewahr wurde, hatte einen Bürger im Verdacht und übergab das Mädchen einem seiner Trabanten, um sie zu ersäufen. Dieser aber verkaufte das Mädchen aus Mitleid und als das Schiff bei Salamis anlandete, kaufte sie Telamon wieder los. Darauf gebar sie den Ajax. So schreibt Aretades aus Cnidus im zweiten der Bücher von den Inseln.
Lucius Troscius hatte eine Tochter, welche nach ihrer Vaterstadt Florentia hieß. Als Calpurnius, ein Römer, sie schändete, so wollte der Vater sie ins Meer werfen lassen; der Trabant aber verkaufte sie aus Mitleid. Zufällig landete nun das Schiff in Italien, wo sie Calpurnius wieder loskaufte und mit ihr den Contruscus erzeugte.
28.
Aeolus, der König der Tyrrhener, hatte von der Amphithea sechs Töchter und eben so viele Söhne. Macareus der jüngste verführte eine von Jenen, so daß sie schwanger wurde. Als sie nun niederkam35 und der Vater ihr ein Schwert schickte [um das Kind umzubringen], so tödtete sie sich selbst, weil sie Jenes für unerlaubt hielt; und dasselbe that Macareus, wie Sostratus im zweiten Buche der Tyrrhenischen Geschichten erzählt.
Papirius Volucer hatte die Julia Pulcra geheirathet und von ihr sechs Töchter und eben so viele Söhne erzeugt. Papirius Romanus, der älteste derselben, verliebte sich in eine seiner Schwestern Canulia und machte sie schwanger. Als der Vater Dieß erfahren, schickte er seiner Tochter ein Schwert. Diese aber nahm sich selbst das Leben. Dasselbe that auch Romanus, wie Chrysipp im ersten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
29.
Aristonymus aus Ephesus, des Demostratus Sohn, haßte die Weiber und trieb mit einer Eselin Unzucht, welche zur gehörigen Zeit ein sehr schönes Mädchen, mit Namen Onoscolis zur Welt brachte, wie Aristoteles im zweiten Buche der Wundergeschichten erzählt.
Fulvius Stellus vermischte sich aus Weiberhaß mit einer Stute, welche zur gehörigen Zeit ein sehr schönes Mädchen gebar, dem er den Namen Hippona gab; dieß ist nämlich die Göttin, welche für die Pferde Sorge trägt, wie Agesilaus im dritten Buche der Italischen Geschichten schreibt.
30.
Die Sardianer hatten im Kriege mit Smyrna ihr Lager bei den Mauern der Stadt aufgeschlagen und ließen durch Abgeordnete erklären, daß sie nicht eher wegziehen würden, als bis sie ihnen ihre Weiber zum Beischlaf überlassen hätten. Als die Smyrnäer im Begriffe waren, aus Noth in diese schlimmen Umstände sich zu fügen, so trat eine Sclavin von besonderer Schönheit auf, die zu ihrem Herrn Philochorus36 lief und ihm den Rath gab, die Mägde zu schmücken und statt der Freien zu schicken. Dieß geschah denn auch. Jene aber, entkräftet durch die Mägde, geriethen in Gefangenschaft. Daher noch jetzt zu Smyrna ein Fest, unter dem Namen Eleutheria37 gefeiert wird, an welchem die Sclavinnen den Schmuck der Freigebornen tragen; wie Dositheus im dritten Buche der Lydischen Geschichten erzählt.
Atepomarus, ein Gallischer König, erklärte im Kriege mit den Römern, daß er nicht eher sich zurückziehen werde, bevor sie ihm ihre Weiber zum Beischlaf überlassen hätten. Die Römer aber schickten, auf den Anschlag einer ihrer Dienerinnen, Sclavinnen, und die Barbaren, ermüdet durch unabläßigen Genuß, verfielen in Schlaf. Da stieg Retona (so hieß die Magd, die diesen Anschlag gemacht hatte) mittelst eines wilden Feigenbaums, an den sie sich hielt, auf die Mauer und gab den Consuln ein Zeichen, die darauf über die Barbaren herfielen und sie besiegten. Daher hat auch das Mägdefest seinen Namen. So erzählt Aristides von Milet im ersten Buche seiner Italischen Geschichten.
31.
Als die Athener im Kriege mit Eumolpus an Lebensmitteln Mangel hatten und Pyrander, welcher von Staats wegen darüber die Aufsicht führte, von dem Maß aus Sparsamkeit Etwas abzog, so schöpften die Bürger gegen ihn, als einen Verräther, Verdacht und steinigten ihn, wie Callisthenes im dritten Buche der Thracischen Geschichten erzählt.
Da die Römer im Kriege mit den Galliern keinen hinreichenden Vorrath hatten und Cinna das Maß an Brod dem Volke verringerte, so steinigten ihn die Römer, weil sie glaubten, er strebe nach der Tyrannei. Nach Aristides im dritten Buche der Italischen Geschichten.
32.
Im Peloponnesischen Kriege war der Orchomenier Pisistratus ein Feind der Vornehmen und auf Seiten der Volkspartei. Die Senatoren, welche den Entschluß gefaßt, ihn umzubringen, zerhieben ihn daher in Stücke und trugen die Stücke im Busen fort, nachdem sie die [mit Blut bedeckte] Erde weggekratzt. Das Volk aber, welches Verdacht schöpfte, lief auf den Senat zu, wurde aber von Tlesimachus, dem jüngern Sohne des Königs, der von der Verschwörung gewußt hatte, zur Ruhe gebracht durch die Versicherung, er habe seinen Vater eiligst nach dem Pisäischen Gebirg gehen gesehen, in übermenschlicher Gestalt. So wurde das Volk getäuscht. Aus Theophilus im zweiten Buche der Peloponnesischen Geschichten.
Der Römische Senat hatte wegen der anhaltenden Kriege mit den Nachbarn die Austheilung von Getreide unter das Volk abgeschafft; der König Romulus aber, unwillig darüber, es wieder eingeführt und viele der Vornehmen bestraft. Diese fielen deßhalb im Senat über ihn her, zerhieben ihn in Stücke und trugen diese im Busen mit sich fort. Als nun das Römische Volk mit Feuer gegen den Senat lief, so er klärte Julius38 Proculus, ein Patricier, dem Volk, er habe auf einem Berge den Romulus, als einen Gott in übermenschlicher Gestalt, gesehen. Die Römer glaubten es und entfernten sich, wie Aristobulus im dritten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
33.
Pelops, der Sohn des Tantalus und der Euryanassa hatte die Hippodamia geheirathet und mit ihr den Atreus und Thyestes erzeugt; von der Nymphe Danais aber hatte er den Chrysippus, den er mehr als seine rechtmäßigen Söhne liebte. Diesen hatte einst der Thebaner Laius, aus heftiger Liebe zu ihm, geraubt, war aber von Thyestes und Atreus ergriffen worden. Als indeß Pelops wegen seiner Liebe sich mitleidig gegen ihn bewies, so suchte Hippodamia den Atreus und Thyestes zu bereden, Jenen, von dem sie glaubte, daß er sich einst die Regierung anmaßen würde, umzubringen; auf deren Weigerung aber befleckte sie selbst ihre Hände mit diesem Morde. In sinkender Nacht nämlich, als Laius schlief, nahm sie dessen Schwert und durchstach damit den Chrysippus, so daß das Schwert in der Wunde stecken blieb. Laius, welcher wegen des Schwertes in Verdacht gerathen war, ward aber durch den schon halbtodten Chrysippus, der die Wahrheit entdeckte, gerettet, diesen ließ Pelops darauf beerdigen, die Hippodamia aber jagte er aus dem Lande. Wie Dositheus in den Pelopiden erzählt.
Ebius Tolier hatte die Nuceria geheirathet und von ihr zwei Söhne; einen dritten Sohn aber, Firmus, von ausgezeichneter Schönheit, den er mehr als die ebenbürtigen Söhne liebte, von einer Freigelassenen. Nuceria hatte gegen Diesen einen schweren Haß gefaßt und suchte ihre Söhne zu bereden, Jenen umzubringen. Als Diese aber aus Bruderliebe es verweigerten, führte sie selbst den Mord aus, indem sie Nachts mit dem Schwerte des Leibwächters den Firmus im Schlafe tödtlich verwundete und das Schwert in der Wunde zurückließ. Als deßhalb der Leibwächter in Verdacht kam, so entdeckte der Knabe die Wahrheit. Er wurde nachher beerdigt, das Weib aber außer Landes in die Verbannung geschickt. So erzählt Dositheus im dritten Buche der Italischen Geschichten.
34.
Theseus, der eigentlich ein Sohn des Neptun war, hatte von der Amazone Hippolyte, einen Sohn Hippolytus, in welchen sich Phädra, die Tochter des Minos, welche Theseus in zweiter Ehe genommen hatte, verliebte und deßhalb ihre Amme an ihn schickte. Dieser aber hatte Athen verlassen und beschäftigte sich zu Trözene mit der Jagd. Da das unzüchtige Weib so ihre Absicht verfehlt hatte, schrieb sie gegen den züchtigen Jüngling einen Brief mit falschen Anschuldigungen und machte darauf mit dem Strick ihrem Leben ein Ende. Da bat sich Theseus, welcher daran glaubte, unter den drei Wünschen, die ihm Neptun vergönnt hatte, aus, daß Hippolytus sterbe und nun sandte Neptun, als Jener am Meeresgestade auf dem Wagen fuhr, einen Stier, welcher die Rosse scheu machte, so daß sie den Hippolytus tödteten.
Comminius Super, ein Laurentiner, hatte von der Nymphe Aegeria einen Sohn Comminius; heirathete aber nachher die Gidica; diese Stiefmutter verliebte sich in Jenen, und als sie ihre Absichten verfehlt, hing sie sich selbst auf, mit Hinterlassung eines verläumderischen Briefes. Da rief Comminius, welcher in seinem Eifer an diese Verleumdungen glaubte, den Neptun um Rache an, der, als der Sohn auf einem Wagen einherfuhr, durch einen Stier die Pferde erschrecken ließ, so daß sie Jenen zu Tode schleiften. So erzählt Dositheus im dritten Buche der Italischen Geschichten.
35.
Bei einer Pest zu Lacedämon, versprach das Orakel ein Ende derselben, wenn man jährlich eine Jungfrau von vornehmer Geburt opfere. Einstens traf das Loos die Helena; als sie nun in vollem Schmucke zum Altar geführt wurde, flog ein Adler herab, raubte das Schwert und brachte es zu den Heerden, wo er es auf eine Kuh legte. Daher enthielt man sich in der Folge des Opfers der Jungfrauen. So erzählt Aristodemus in seiner dritten Sammlung mythischer Erzählungen.
Zu Falerii herrschte eine Pest, welche viele Menschen dahin raffte; bis das Orakel kam, es werde das Unglück aufhören, wenn man der Juno jährlich eine Jungfrau opfere. Daher kam diese Sitte in Gebrauch, bis einstens das Loos die Valeria Luperca traf. Schon war das Schwert gezogen, als ein Adler herabflog, es raubte und einen Stab, woran ein kleiner Hammer befestigt war, auf den Altar legte; das Schwert aber warf er auf eine Kuh, die in der Nähe des Tempels weidete. Die Jungfrau verstand dieses Zeichen, schlachtete die Kuh; nahm den Hammer und ging damit von Haus zu Hause, wo sie die Kranken durch sanfte Berührung mit demselben heilte, indem sie jedes Einzelne [mit einer bestimmten Formel] gesund werden hieß. Daher auch noch jetzt die Feier dieses mysteriösen Festes begangen wird, wie Aristides im neunzehnten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
36.
Phylonome, die Tochter des Nyctinus und der Arcadia pflegte mit der Diana zu jagen. Von Mars in Gestalt eines Hirten geschwängert, gebar sie Zwillinge, welche sie aus Furcht vor ihrem Vater in den Fluß Erymanthus39 warf. Aber durch die Fürsorge der Götter kamen sie ohne Gefahr davon und wurden in eine hohle Eiche getrieben, wo eine dort sich aufhaltende Wölfin, die ihre eigenen Jungen in den Fluß geworfen, den Kindern das Euter reichte. Tyliphus, ein Hirte, der Dieß mit angesehen, nahm die Kinder, zog sie wie seine eigenen Kinder auf und gab dem Einen den Namen Lycastus, dem Andern Parrhasius; beide folgten dann in der Regierung von Arcadien. Wie Zopyrus aus Byzanz im dritten Buche seiner Geschichten erzählt.
Amulius behandelte seinen Bruder Numitor auf eine tyrannische Weise; er tödtete seinen Sohn Aenitus auf der Jagd und machte seine Tochter Sylvia40 zur Priesterin der Juno. Diese, schwanger von Mars, gebar Zwillinge und gestand es auch dem Tyrannen ein. Er aber, aus Furcht, warf die Zwillinge an die Ufer der Tiber, um sie zu ertränken. Allein sie wurden an einen Ast getrieben, wo eine Wölfin, die Junge zur Welt gebracht, eben sich aufhielt; diese warf ihre Jungen in den Strom und nährte die Kinder; worauf Faustus, ein Hirte, der es selbst gesehen hatte, die Knaben, welche nachher die Gründer Roms wurden, aufzog, und den Einen Romus [Remus], den Andern Romulus nannte. So erzählt Aristides von Milet in seinen Italischen Geschichten.
37.
Nach der Eroberung von Ilium wurde Agamemnon sammt der Cassandra getödtet. Aber Orestes, der bei dem Strophius auferzogen worden war, nahm an den Mördern des Vaters Rache, wie Pyrander im vierten Buche der Peloponnesischen Geschichten berichtet.
Fabius Fabricianus, ein Verwandter des Fabius Maximus hatte Tuxium41 die Hauptstadt der Samniten geplündert und das Bild der dort verehrten siegbringenden Venus nach Rom geschickt, ward aber darauf von seiner Gattin Fabia, welche mit einem schönen Jüngling, Namens Petronius Valentinus, Ehebruch begangen hatte, durch List getödtet. Den noch jungen Fabricianus errettete seine Schwester Fabia von der Gefahr und ließ ihn anderswo im Geheimen erziehen. Als der Knabe herangewachsen war, brachte er seine Mutter sammt dem Ehebrecher ums Leben und ward vom Senat freigesprochen. Wie Dositheus im dritten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
38.
Busiris, der Sohn des Neptun und der Anippe, einer Tochter des Nilus, pflegte unter dem Scheine der Gastfreundschaft die Fremden, die nach Aegypten kamen, zu schlachten, bis auch ihn die Rache der von ihm Getödteten traf. Hercules nämlich, den er angriff, erschlug ihn mit der Keule. So berichtet Agathon, der Samier.
Hercules ward, als er die Rinder des Geryones durch Italien trieb, von dem Könige Faunus, der ein Sohn Mercurs war und diesem die Gastfreunde zu opfern pflegte, als Gast aufgenommen. Dieser machte auf den Hercules einen Angriff, ward aber von Diesem getödtet. So erzählt Dercyllus im dritten Buche der Italischen Geschichten.
39.
Phalaris, der grausame Tyrann von Agrigent, marterte und peinigte die Fremden, die in sein Gebiet kamen. Gegen den Perillos aber, einem Künstler in Erz, welcher eine eherne Kuh verfertigt und sie dem Könige zum Geschenk gegeben hatte, damit er die Fremden lebendig darin verbrenne, zeigte er sich allein gerecht, indem er ihn zuerst in die Kuh warf. Es schien aber diese Kuh ein Gebrüll von sich zu geben. Aus dem zweiten Buche der Aetien [Ursachen]42.
Zu Egesta, einer Stadt in Sicilien, befand sich Aemilius Censorinus, ein grausamer Tyrann, der Diejenigen, welche neue Marterinstrumente verfertigten, beschenkte. So hatte ihm einst ein gewisser Aruntius Paterculus ein von ihm verfertigtes ehernes Roß zum Geschenke gegeben; um die Verbrecher hineinzuwerfen. Dieser aber bewies sich hier zum erstenmal gerecht, indem er Den, welcher ihn beschenkt, zuerst hineinwarf, damit er selbst zuerst die Marter erdulde, die er ausgesonnen hatte. Endlich43 ergriff man ihn und stürzte ihn von dem Tarpejischen Felsen herab. Nach ihm, scheint es, hat man Alle, die grausam herrschen, Aemilier genannt, wie Aristides im vierten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
40.
Evenus, der Sohn des Mars und der Sterope hatte mit der Alcippe, der Tochter des Oenomaus eine Tochter Marpissa erzeugt, die er als Jungfrau bewahren wollte. Aber Idas, des Aphareus44 Sohn raubte sie aus einem Chor und entfloh mit ihr. Der Vater aber, der sie auf der Verfolgung nicht einholen konnte, stürzte sich in den Fluß Lycormas und ward unsterblich. Wie Dositheus im ersten Buche der Italischen Geschichten erzählt.
Annius, Konig der Tusker, hatte eine schöne Tochter, mit Namen Salia, welche er als Jungfrau zu bewahren suchte. Als aber Cathetus, ein angesehener Jüngling, sie einst spielen sah, verliebte er sich in sie und da er seiner Liebe nicht Meister werden konnte, raubte er das Mädchen und entfloh nach Rom. Der Vater verfolgte die Tochter und da er sie nicht ergreifen konnte, sprang er in den Fluß Pareusius, welcher nun den Namen Anio erhielt. In dieser Verbindung mit der Salia erzeugte Cathetus den Latinus und Salius, von welchen die edelsten Geschlechter abstammen; wie Aristides von Milet und Alexander Polyhistor im dritten Buche der Italischen Geschichten erzählen.
41.
Hegesistratus, ein Ephester, hatte einen Mord in seiner Familie begangen und war deßhalb nach Delphi geflohen, um von dem Gotte zu erfahren, wo er wohnen solle. Da bezeichnete ihm Apollo den Ort, wo er tanzende Landleute mit wilden Oehlzweigen bekränzt erblicke. Als er nun an einem Orte in Asien Bauern mit Oehlzweigen geschmückt, tanzen sah, gründete er hier eine Stadt, die er Eläus45 nannte; wie Pythocles, der Samier, im dritten Buche von dem Ackerbau schreibt.
Telegonus, des Ulysses und der Circe Sohn, der abgeschickt worden war, seinen Vater zu suchen, hatte vom Orakel gehört, er solle da eine Stadt gründen, wo er Bauern bekränzt und tanzend erblicke. Als er nun an einen Ort in Italien kam, wo er Bauern mit Eichenzweigen bekränzt, am Tanze sich ergötzenn sah, so gründete er hier eine Stadt, die er nach jenem Ereignisse Prinistos46 nannte, die Römer aber mit Verdrehung eines Buchstabens Präneste. So erzählt Aristocles im dritten Buche der Italischen Geschichten.
Anmerkungen
1 [—], König, sagt der Ignorant.
2 Diodor von Sicilien, will wohl der Compilator sagen.
3 Es soll wohl heißen fünfzig statt fünfhundert.
4 Von Tropäum, ein Siegeszeichen.
5 Vergl. die Erzählung bei Herodot I, 82.
6 Im Text steht Misthynius Ambluxenus, was unrichtig ist.
7 Ganz anders bei Livius IX, 2 ff.
8 Etwa fünfzig? s. oben Seite 2.
9 Man denke an den Mythus, wornach Midas durch Berührung Alles in Gold verwandeln konnte.
10 Die sechs mit Polynices gegen seinen Bruder Eteocles in Theben verbundenen und diesen belagernden Griechischen Fürsten.
11 Ein solcher Beiname des Valerischen Geschlechts findet sich nirgends.
12 Einer verlorenen Schrift des Plutarchs.
13 Metius Fufetius ist gemeint.
14 Pons sublicius.
15 Name eines Gedichts. Ueber den Mythus selbst s. Apollodor III. 14 §. 7.
20 Mehr nach dem muthmaßlichen Sinn, als nach den offenbar verdorbenen und unrichtigen Worten des Textes.
21 Reine Erdichtung, wie die nächste Geschichte, und viele der andern.
22 Vielleicht richtiger Lanuvium.
23 Antyllus ist gar kein Römischer Name. Es soll wohl Metellus heißen. S. Plin. Nat. G. VII, 43.
24 Oder vielmehr den Dorern und Heracliden. Codrus, bekanntlich der letzte König von Athen, nach dessen Tode daselbst die königliche Würde abgeschafft wurde.
25 Name einer verlorenen Tragödie.
26 Im Text steht fälschlich Manius; Marius heißt ihn Clemens von Alexandrien, der diese Geschichte auch erzählt und ebenfalls (im Protrepticus) den Dorotheus citirt.
27 Vergl. dessen Liebesgesch. §. 14.
28 Smyrna, d. i. Myrrhe. Vergl. Ovids Metamorphosen X, 298.
29 In der noch vorhandenen Tragödie Hecuba.
30 Die nun folgenden Worte [—] geben keinen Sinn. Es scheint Mehreres im Text ausgefallen zu seyn.
31 Name einer verloren gegangenen Tragödie.
32 Hier ist im Text offenbar eine Lücke. – Man vergl. übrigens die Erzählung bei Apollodor. I, 8.
33 In der vierzehnten Parallele ist ein angeblicher Meryllus citirt. Will der Verf. Diesen hier vielleicht wieder nennen? Ebenso mögen Theophilus und Theotimus (8 u. 14) einerlei seyn.
34 Nach der Ergänzung Meziriac’s.
35 Nach der Lesart [—] für das sinnlose [—].
36 Vulg. Philarchus.
37 D. i. Freiheitsfest.
38 Der verdorbene Text hat [—]. Xylander vermuthet [—]. „Da kam Proculus dem Volk entgegen und erklärte u. s. w.“
39 Erymanthus war der Name eines Flusses und Berges in Arcadien.
40 Die im Texte folgenden [—] sind offenbar unrichtig. Ein Gelehrter verbessert [—]: oder Ilia.
41 Tuxium, ein unbekannter Ortsname.
43 Nach dem muthmaßlichen Sinne wieder gegeben.
44 Vom [—] Oehlbaum.
45 Von [—] Eiche.
