Martini (1896)Westermann (1843)Koch (1832)
Antoninus Liberalis Sammlung
von
Verwandlungen
Ktesylla
Erzählung Nikanders im dritten Buche der Verwandlungen.
Ktesylla war ihrer Abkunft nach eine Ceerin aus Julis, eine Tochter des Alcidamas. Als der Athener Hermocharessie am Feste der Pythien beim Altare Apollo’s in Karthäa1 hatte tanzen sehen, hegte er Verlangen nach ihr, und warf einen Apfel mit einer Aufschrift in dem Heiligthume der Artemis hin. Sie hob ihn auf, und las ihn ab. Es war aber ein Eidschwur darauf geschrieben, wodurch sie der Artemis gelobte, den Athener Hermochares zu heirathen. Ktesylla warf nun beschämt und entrüstet den Apfel weg, wie damals geschah, als Akontius die Cydippe betrog.2 Hermochares aber hielt um sie an, und der Vater der Ktesylla sagte sie ihm zu, und schwur bei Apollo mit Berührung des Lorbers. Nachdem aber die Zeit des Pythischen Festes vorüber war, vergaß Alcidamas den Eid, den er geschworen hatte, und gab seine Tochter einem Andern.3 Indem nun das Mädchen in dem Tempel der Artemis opferte, lief Hermochares voll Unwillens über die fehlgeschlagene Hoffnung in das Artemisium; und als das Mädchen ihn erblickte, faßte sie nach göttlicher Fügung Liebe zu ihm, schiffte nach einer, durch Vermittlung ihrer Amme getroffenen Uebereinkunft, ohne daß es ihr Vater gewahr wurde, zur Nachtzeit nach Athen, und vollzog die Ehe mit Hermochares. Sie gebar hierauf, und starb nach einer schweren Niederkunft, nach göttlicher Schickung, weil ihr Vater seinen Eid gebrochen hatte. Der Leichnam wurde hierauf beschickt und fortgetragen, um beerdigt zu werden: da flog von der Bahre eine Taube auf,4 und der Leib der Ktesylla war verschwunden. Dem Hermochares befahl nun der Gott auf sein Befragen, bei den Julietern einen Tempel zu erbauen mit dem Beinamen der Aphrodite Ktesylla; und auch den Ceern gab er ein Orakel. Diese opfern ihr bis auf den heutigen Tag; und zwar nennen die Julieter sie Aphrodite Ktesylla,5 die Andern Ktesylla Hekaërge (die Weitwirkende).
Die Meleagriden
Erzählung Nikanders im dritten Buche der Verwandlungen.
Oeneus, des Portheus Sohn, des Ares Enkel, herrschte in Kalydon. Ihm gebar Althäa, die Tochter des Thestius, den Meleager, Phereus, Ageleos, Toxeus, Klymenus und Periphas; und die Töchter Gorge, Eurymede, Deïanira und Melanippe. Beim Opfer der Erstlinge für das Land vergaß er die Artemis. Diese reizte aus Zorn ein wildes Schwein, welches das Land verheerte, und viele Menschen tödtete.6 Hierauf versammelte Meleager und die Söhne des Thestius die Häuptlinge aus Hellas gegen das Schwein. Diese kamen und tödteten es. Meleager vertheilte das Fleisch desselben unter die Häuptlinge; den Kopf aber und die Haut nahm er als Ehrengabe für sich. Artemis zürnte jetzt, da sie das heilige Schwein getödtet hatten, noch weit heftiger, und erregte Hader unter ihnen. Denn die Söhne des Thestius und die andern Kureten legten Hand an die Haut, indem sie behaupteten, auf die Hälfte der Ehrengabe Anspruch zu haben. Meleager nahm sie ihnen mit Gewalt, und tödtete die Söhne des Thestius. Auf diese Veranlassung entstand ein Krieg zwischen den Kureten und Kalydoniern; und Meleager zog nicht in den Krieg aus Unwillen gegen seine Mutter, die ihn wegen des Todes ihrer Brüder verflucht hatte. Wie nun die Kureten die Stadt schon ein nehmen wollten, berebete ihn seine Gattin Kleopatra, den Kalydoniern beizustehen. Er machte sich also gegen das Heer der Kureten auf, und kam um, weil seine Mutter das ihr von den Parzen gegebene Holz anzündete. Denn sie hatten ihm so lange Zeit zu leben bestimmt, als jenes Holz dauern würde. Es kamen aber auch die andern Söhne des Oeneus im Kampfe um, und es entstand große Trauer über Meleager bei den Kalydoniern, und seine Schwestern weinten unablässig an seinem Grabe, bis Artemis sie durch Berührung mit einem Stabe in Vögel verwandelte, und Meleagriden benannt auf die Insel Leros versetzte.7 Diese sollen denn noch bis auf den heutigen Tag zur Sommerzeit über Meleager trauern. Zwei aber von den Töchtern der Althäa, Gorge und Deïanira, wurden, wie man sagt, nicht verwandelt, indem sich Artemis, dem Dionysus, der sie begünstigte, hierin gefällig bewieß.
Hierax
Nach Böus Erzählung in der Ornithogonie.
Hierax war in dem Lande der Mariandyner8 ein gerechter und ausgezeichneter Mann. Er baute der Demeter Tempel, und erhielt reichlich von ihren Früchten. Als die Teukrer dem Poseidon nicht zu gehöriger Zeit Opfer entrichtet, sondern dieses aus Fahrlässigkeit versäumt hatten, grollte ihnen Poseidon, und verheerte die Früchte daselbst9; denn er reizte ein gewaltiges Thier aus dem Meere gegen sie an. Da nun die Teukrer dem Unthier und dem Mangel zu widerstehen nicht vermochten, beschickten sie den Hierax, und baten ihn um Hülfe gegen den Mangel; worauf dieser ihnen Waizen und andere Nahrung sendete. Poseidon aber zürnte, weil er ihm sein Ansehn schmälerte, und machte ihn zu einem Vogel, der jetzt Hierax [Habicht] heißt, und veränderte dabei seinen Charakter. Denn er bewirkte, daß derselbe, der von den Menschen auf das höchste geliebt worden war, von den Vögeln am meisten gehaßt wurde; und daß der, welcher den Tod von vielen Menschen abgewehrt hatte, jetzt die Vögel tödtete.
Kragaleus
Nach der Erzählung Nikanders im ersten Buche der Verwandlungen, und des Athanadas in den Ambracischen Geschichten.
Kragaleus, der Sohn des Dryops, wohnte im Dryopischen Lande10 bei den Bädern des Herakles,11 von denen man erzählt, daß Herakles durch Schläge der Keule gegen die Wände des Berges sie hervorgelockt habe. Dieser Kragaleus war schon bei Jahren, und galt bei den Einwohnern für einen gerechten und verständigen Mann; und während er Rinder weidete, kamen Apollo und Artemis und Herakles zu ihm, um ihren Streit wegen Ambracia in Epirus zu schlichten. Apollo sagte, die Stadt gebühre ihm, weil Melaneus sein Sohn sey, der als König der Dryoper ganz Epirus erobert habe, und Vater des Eurytus und der Ambracia gewesen sey, von der die Stadt Ambracia den Namen habe; und er selbst habe die Stadt auf das höchste begünstigt. Denn auf sein Gebot hätten die Sisyphiden für die Ambracioten den Krieg durchgeführt, der zwischen ihnen und den Epiroten obwaltete; ferner habe Gorgus, der Bruder des Cypselus, in Folge seiner Orakel Pflanzer aus Korinth nach Ambracia geführt; und als Phaläkus die Stadt tyrannisch beherrscht habe, hätten die Ambracioten sich in Folge seiner Weissaging gegen denselben erhoben, wobei Phalakus umgekommen sey. Ueberhaupt habe er in der Stadt sehr oft innern Krieg, Zwist und Aufruhr gestillt, und dafür Gesetzmäßigkeit, Recht und Gerechtigkeit hergestellt; daher er auch noch jetzt bei den Ambracioten als Retter-Pythius12 bei Festen und Mahlen gepriesen werde. Artemis ließ nun den Streit gegen Apollo fallen, verlangte aber Ambracia aus freiem Entschlusse von ihm zu erhalten; denn sie mache aus folgendem Grunde Anspruch auf die Stadt. Als Phaläkus die Stadt tyrannisch beherrschte, und aus Furcht Niemand ihn zu tödten vermochte, habe sie ihm auf einer Jagd das Junge eines Löwen zu Gesicht gebracht; dieses habe er in die Hände genommen, und darauf sey die Mutter aus dem Walde hervorgebrochen, habe den Phaläkus angefallen und ihm die Brust aufgerissen; die Ambracioten aber hätten nach Befreiung aus der Knechtschaft die Führerin-Artemis [Ἡγεμόνη]13 verehrt, der Jägerin ein Bild verfertigt, und ein ehernes Thier daneben aufgestellt. Herakles aber zeigte, daß Ambracia und gesammt Epirus ihm angehöre; denn die Celten,14 Chaonier, Thesprotier und sämmtliche Epiroten wären im Kriege von ihm bezwungen worden, als sie vereint ihm die Rinder des Geryones hätten entreissen wollen; in späterer Zeit aber wäre ein Pflanzvolk aus Korinth gekommen, und hätte nach Vertreibung der vorigen Bewohner Ambracia angebaut. Die Korinthier aber stammen alle von Herakles ab. Als Kragaleus dieses vernommen hatte, erkannte er die Stadt dem Herakles zu. Apollo berührte ihn hierauf im Zorne mit der Hand, und machte ihn da, wo er stand, zu einem Stein;15 die Ambracioten aber opfern dem Retter-Apollo, erkennen jedoch die Stadt für das Eigenthum des Sperakles und seiner Söhne. Dem Kragaleus opfern sie nach dem Feste des Herakles bis auf den heutigen Tag.
Aegypius
Nach der Erzählung des Böus im ersten Buche der Ornithogonie.
Antheus, der Sohn des Nomion, hatte einen Sohn, Aegypius. Dieser wohnte an der Grenze von Thessalien, und die Götter liebten ihn wegen seiner Heiligkeit; die Menschen, weil er großgesinnt und gerecht war. Aegypius sah die Timandra und verliebte sich in sie, und da er erfuhr, daß sie Wittwe sey, erhielt er von ihr durch Geld, daß er zu ihr kommen und ihr beiwohnen durfte. Dieses sah Neophron, der Sohn der Timandra, der mit Aegypius gleiches Alters war, mit Unwillen, und veranstaltete eine List gegen ihn, indem er die Mutter des Aegypius, Bulis, durch reichliche Geschenke gewonnen, in sein Haus führte und bei ihr lag; und da er erfahren hatte, um welche Zeit Aegypius zur Timandra zu gehen pflegte, entfernte er seine eigene Mutter unter irgend einem Vorwande aus dem Hause, und führte die Mutter des Aegypius in das Gemach, als ob er zu ihr zurückehren wollte, und betrog beide. Ohne nun etwas von dem zu ahnen, was Neophron gegen ihn veranstaltet hatte, wohnte Aegypius seiner Mutter bei, in der Meinung, es sey Timandra; und als er in Schlaf gefallen war, erkannte Bulis ihren Sohn; worauf sie sich eines Schwertes bemächtigte, um ihn der Augen zu berauben, und sich selbst zu tödten. Da wich, nach Apollo’s Willen, der Schlaf von Aegypius; und als er erkannte, was Neophron gegen ihn veranstaltet hatte, sah er auf zum Himmel, und bat, daß mit ihm Alles verschwinde.16 Zeus verwandelte sie in Vögel. Aegypius und Neophron wurden zu Geiern gleiches Namens, an Farbe und Größe aber ungleich; denn Neophron wurde ein Geier von kleinerer Art, Bulis aber wurde zur Meewe (πώϋγξ), und Zeus gab ihr zur Nahrung nicht etwas, das aus der Erde wächst, sondern die Augen der Fische, Vögel und Schlangen, weil sie ihren Sohn des Gesichtes hatte berauben wollen. Die Timandra aber machte er zur Meise,17 und diese Vögel erschienen nie an demselben Orte.
Periphas
Periphas war ein Ureingeborner18 in Attika, ehe Cekrops, der Sohn der Erde, erschien. Er herrschte über die alten Einwohner, und war gerecht, reich und heilig, brachte auch dem Apollo viele Opfer, und schlichtete viele Händel, und Niemand fand Tadel an ihm, sondern von Allen wurde er freiwillig gewählt; und weil er so Außerordentlithes that, trugen die Menschen das, was dem Zeus gebührte, auf Periphas über, erbauten ihm Tempel und Kapellen, und nannten ihn Zeus Soter, Epopsius und Milicius (Retter, Obwalter, Freundlicher).19 Deshalb zürnend wollte Zeus sein ganzes Haus durch den Blitz verbrennen; auf Apollo’s Bitte aber, ihn doch nicht ganz zu Grunde zu richten, weil er ihn vorzüglich ehrte, gewährte er dieses dem Apollo. Zeus begab sich nun in das Haus des Periphas, und da er ihn in vertraulichem Verkehr mit seiner Gattin fand, drückte er ihn mit beiden Händen zusammen, und machte ihn zum Adler;20 seine Frau aber, die auch ein Vogel zu werden wünschte, aber einer, der mit Periphas zusammen lebe, verwandelte er in einen Beinbrecher [Φήνη]; und dem Periphas gewährte er Ehre zum Lohn für die unter den Menschen bewiesene Unsträflichkeit: denn er machte ihn zum Könige unter allen Vögeln, und verlieh ihm, den heiligen Zepter zu bewahren, und seinem Throne zu nahen;21 der Frau des Periphas aber verlieh er, den Menschen bei allen Handlungen ein günstiges Zeichen zu seyn.
Anthus
Nach der Erzählung des Böus im ersten Buche der Ornithogonie.
Autonous, der Sohn des Melaneus, und Hippodamia hatten vier Söhne, den Erodius und Anthus, den Schöneus und Akanthus, und eine Tochter Akanthis, welcher die Götter die schönste Gestalt verliehen hatten. Dieser Autonous hatte zahlreiche Heerden von Rossen, welche Hippodamia, seine Frau, und ihre Söhne weideten. Da Autonous, bei großem Landbesitz, doch wegen vernachlässigter Bearbeitung keine Früchte davon erhielt, sondern das Gut ihm nur Binsen und Dornen trug, gab er hiervon seinen Kindern die Namen Akanthus, Schöneus und Akanthis,22 dem ältesten Sohne aber Erodius, weil sein Landgut ihn im Stiche gelassen hatte (ἠρώησεν). Dieser Erodius liebte die Heerden der Rosse vorzüglich, und nährte sie auf der Wiese. Als aber Anthus, des Autonous Sohn, sie Rosse von der Wiese trieb, geriethen diese über das Abwehren von dem Futter in Wuth, fielen über Anthus her und fraßen ihn auf, während er die Götter laut um Beistand anrief. Von Schmerz betäubt versäumte der Vater, die Pferde wegzutreiben, so wie auch der Diener des Knaben; die Mutter jedoch kämpfte gegen die Pferde: aber bei der Kraftlosigkeit ihres Leibes konnte sie nichts thun, um das Unglück abzuwehren. Jene beweinten nun den so gestorbenen Anthus; Zeus und Apollo aber machten sie aus Mitleiden sämmtlich zu Vögeln: den Autonous zum Oknus [Rohrdommel], weil er als Vater des Anthus23 doch gesäumt hatte (ὤκνησεν), die Rosse wegzutreiben; die Mutter zur Schopflerche (κορυδός), weil sie sich gegen die Pferde ermannt (ἑκορύσσετο) und für ihren Sohn gestritten hatte; bei Anthus selbst aber, bei Erodius, Schöneus, Akanthus und der Akanthyllis24 bewirkten sie, daß, als sie zu Vögeln wurden, sie dieselben Namen führten, die sie vor ihrer Verwandlung geführt hatten. Den Diener aber, den Begleiter des Anthus, machten sie, so wie auch den Bruder des Knaben, zu Reihern; nicht jedoch von gleicher Art: denn jener ist bedeutend kleiner als der schwärzliche, und dieser Reiher sitzt nie mit dem Anthus zusammen, so wie auch der Anthus nicht mit dem Ephippus, weil Anthus so großes Leid von den Pferden (ἵπποις) erfahren hat. Und noch jetzt flieht er, wenn er die Stimme des Pferdes hört, indem er zugleich diese Stimme nachahmt.
Lamia oder Sybaris
Nach der Erzählung Nikanders in vierten Buche der Verwandlungen.
Am Fuße des Parnasses, nach Südwest zu, liegt ein Berg, welcher Cirphis heißt, bei Crissa; und in diesem ist noch jetzt eine überaus weite Höhle, in welcher ein großes und übermächtiges Thier wohnte, und man nannte es Lamia, einige auch Sybaris. Dieses Unthier kam jeden Tag, und raubte von dem Felde die Schafe und die Menschen.25 Schon gingen die Delphier mit einer Auswanderung um; als sie aber das Orakel befragten, wohin sie sich begeben sollten, deutete ihnen der Gott Befreiung von dem Unglück an, wenn sie bleiben, und bei der Höhle einen Knaben der Bürger aussetzen wollten. Sie thaten, wie der Gott sagte. Als sie nun das Loos warfen, fiel dieses auf Alcyoneus, den Sohn des Diomus und der Meganira, das einzige Kind seines Vaters, und schön von Angesicht und sittlichem Wesen. Da führten denn die Priester den Alcyoneus, nachdem sie ihn bekränzt hatten, zu der Höhle der Sybaris; auf dem Wege aber stieß zufolge göttlicher Schickung Eurybatus aus Kuretis, der Sohn des Euphemus, vom Flusse Arius stammend, jung und edel, auf den Knaben, und als er, von Liebe ergriffen, auf Befragen erfuhr, in welcher Absicht der Knabe weggeführt würde, hielt er es für unverzeihlich, nicht nach Kräften zu helfen, sondern den Knaben so kläglich umkommen zu lassen. Er nahm also dem Alcyoneus die Kränze ab, setzte sie sich auf das Haupt, und befahl, ihn statt des Knaben fortzuführen. Dieß geschah, und als ihn die Priester an die Höhle geführt hatten,26 lief er hinein, riß die Sybaris von ihrem Lager, führte sie heraus, und stürzte sie vom Felsen herab; sie aber schlug beim Herabfallen mit dem Kopfe an den Fuß der Krissa. Nach dieser Wunde verschwand sie; aus jenem Felsen aber entsprang eine Quelle, und diese nennen die Landbewohner Sybaris. Von ihr benannten auch die Lokrer die Stadt Sybaris, die sie in Italien gründeten.
Die Emathiden
Nach der Erzählung Nikanders im vierten Buche der Verwandlungen.
Zeus erzeugte durch Beiwohnung der Mnemosyne in Pieria die Musen. Um diese Zeit herrschte der Autochthone Pierus über Emathia, welcher neun Töchter hatte, die ein Chor gegen die Musen bildeten, und es fand ein musikalischer Wettstreit auf dem Helikon Statt.27 So lange nun die Töchter des Pierus sangen, war Alles düster, und nichts stimmte in dem Reigen zusammen; beim Gesange der Musen aber stand der Himmel und die Sterne, das Meer und die Flüsse fest, und der Helikon wuchs vor Lust zum Himmel empor, bis ihn auf Poseidons Geheiß der Pegasus hemmte, indem er mit dem Hufe den Scheitel [des Berges] schlug. Da nun aber Sterbliche hier gegen Göttinnen Streit erhoben hatten, verwandelten sie die Musen, und machten sie zu neun Vögeln; und noch jetzt werden sie von den Menschen Kolymbas, Iynx, Ceuchris, Cissa, Chlorus, Akalanthis, Nessa, Pipo und Drakontis genannt.
Die Minyaden
Nach der Erzählung Nikanders im vierten Buche der Verwandlungen, und nach der Korinna.
Minyas, der Sohn des Orchomenus, hatte drei Töchter, Leucippe, Arsippe und Alkathoë. Diese wurden außerordentlich arbeitselig, und tadelten gar sehr die andern Weiber, daß sie die Stadt verließen und Bacchisch auf den Bergen schwärmten,28 bis Dionysus sie in Mädchengestalt ermahnte, die Weihen oder Mysterien des Gottes nicht zu versäumen. Sie achteten aber nicht darauf. Hierauf erzürnt wurde Dionysus aus einem Mädchen zum Stier, zum Löwen, zum Panther; und von den Weberbäumen floß ihm Nektar und Milch herab.29 Bei diesen Wunderzeichen wurden die Mädchen von Furcht ergriffen. Nicht lange nachher geschah es, daß alle Drei Loose in ein Gefäß warfen,30 und da beim Schwenken desselben das Loos der Leucippe heraus sprang, gelobte sie, dem Gott ein Opfer zu bringen, und zerriß ihren eigenen Sohn Hippasus mit ihren Schwestern. Hierauf verließen sie die Wohnung ihres Vaters, schwärmten auf den Bergen umher, und weideten sich mit Epheu, Taxus und Lorbern, bis endlich Hermes sie durch Berührung mit dem Stabe in Vögel verwandelte. Die eine von ihnen wurde zur Fledermaus, die andere zur Nachteule, die dritte zum Uhu. Alle drei aber flohen das Sonnenlicht.31
Aëdon
Nach der Erzählung des Böus in der Ornithogonie.
Pandareos wohnte in der Gegend des Ephesischen Landes, wo jetzt die Felshöhe32 bei der Stadt liegt. Ihm verlieh Demeter, nie von Mehlspeisen eine Beschwerde des Leibes zu fühlen, wie viel er auch immer davon zu sich nehmen möchte. Nun hatte Pandareos eine Tochter Aëdon; diese heirathete Polytechnus33 der Zimmermann, der zu Kolophon in Lydien wohnte, und sie lebten lange Zeit vergnügt zusammen. Sie hatten einen einzigen Sohn, Itys. So lange sie nun die Götter ehrten, waren sie glücklich; da ihnen aber das freventliche Wort entfiel, daß sie einander mehr liebten als Here und Zeus, grollte ihnen Here über diese Rede, und schickte die Eris ab, welche unter ihnen über die Arbeit Streit erregte. Polytechnus hatte nemlich noch etwas Weniges an einem Wagenstuhle zu vollenden, und Aëdon ein Gewebe fertig zu weben; und sie kamen mit einander überein, daß, wer seine Arbeit am schnellsten vollbracht hätte, von dem Andern eine Magd bekommen sollte. Da nun Aëdon ihr Gewebe eher vollendet – denn Here half ihr dabei – begab sich Polytechnus voll Verdruß über den Sieg der Aëdon zu Pandareos, und gab vor, von der Aëdon abgeschickt zu seyn, um ihre Schwester Chelidon zu ihr zu bringen; und Pandareos, der an nichts Arges dachte, übergab sie ihm. Wie nun Polytechnus das Mädchen in seiner Gewalt hatte, schändete er sie in einem Gebüsche, zog ihr andere Kleider an, schor ihr die Haare vom Kopfe, und bedrohte sie mit dem Tode, wenn sie je der Aëdon etwas hiervon sagte. Nach seiner Heimkehr übergab er der Aëdon, dem Vertrage gemäß, als Magd die Schwester; und sie mißbrauchte sie zur Arbeit, bis Chelidonis [eines Tages] mit dem Wasserkruge an der Quelle laut über ihr Schicksal jammerte, und Aëdon ihre Worte anhörte. Nachdem sie sich aber erkannt und umarmt hatten, beschlossen sie, dem Polytechnus ein Unglück zuzufügen. Sie zerstückten also den Knaben Itys, warfen das Fleisch in einen Kessel und kochten es;34 und nachdem Aëdon ihrem Nachbar aufgetragen hatte, dem Polytechnus zu sagen, er möchte von dem Fleische essen, ging sie mit der Schwester zu ihrem Vater Pandareos, und zeigte ihm das Unglück an, das sich mit ihr begeben hatte. Als Polytechnus nun erfuhr, daß er das Fleisch seines Sohnes gegessen hatte, verfolgte er die Frauen bis zu ihrem Vater; und die Diener des Pandareos ergriffen und banden ihn mit unauflöslichen Fesseln, weil er dem Hause des Pandareos so große Schmach angethan hatte: und nachdem sie ihm den Leib mit Honig gesalbt hatten, warfen sie ihn unter die Schafe. Da setzten sich die Fliegen an ihn, und quälten ihn sehr, so daß Aëdon in Betracht der alten Liebe Mitleid mit ihm fühlte, und die Fliegen von ihm scheuchte. Als aber die Eltern und der Bruder sie hierbei gewahrten, waren sie aus Haß hierüber Willens, sie zu tödten. Zeus aber hatte Mitleiden mit Pandareos, und verwandelte, ehe das Haus ein noch größeres Unheil erführe, alle in Vögel, von denen die einen bis zu dem Meere flogen, die andern in die Luft. Pandareos wurde zum Meeradler, die Mutter der Aëdon zum Eisvogel. Diese wollten sich sogleich in das Meer stürzen; Zeus aber hinderte es. Diese Vögel sind den Schiffenden ein glückliches Zeichen. Polytechnus ward bei der Verwandlung zum Pelikan, weil ihm Hephästus zu seiner Arbeit ein Beil (πέλεκυς) gegeben hatte. Dieser Vogel ist ein günstiges Zeichen für den Zimmermann. Der Bruder der Aëdon wurde zum Epops (Wiedehopf, Hupup),35 und ist ein glückliches Zeichen für Schiffende, und auch auf dem Lande, an meisten in Gesellschaft des Meeradlers und des Eisvogels. Was die Aëdon und Chelidonis betrifft, so beklagt jene ihren Sohn Itys an den Flüssen und in den Gebüschen;36 Chelidonis aber wurde nach dem Willen der Artemis eine Hausgenossin der Menschen, weil sie bei der gewaltsamen Beraubung ihrer Jungfrauschaft die Artemis laut zur Hülfe gerufen hatte.37
Cyknus
Nach Nikander im dritten Buche der Verwandlungen, und dem Lakonier Areus in dem Gesange Cyknus.
Cyknus war der Sohn des Apollo und der Thyria,38 der Tochter des Amphinomus. Er war wohlgebildet von Gestalt, aber von unfreundlicher und roher Sinnesart, und dabei der Jagdlust aussschweifend ergeben. Er wohnte auf dem Lande, zwischen Pleuron und Kalydon, und hatte viele Liebhaber wegen seiner Schönheit. Cyknus begünstigte aber aus Uebermuth keinen von ihnen, wurde deßhalb auch gar bald verhaßt, und von seinen andern Liebhabern verlassen: Phylius allein hielt bei ihm aus. Aber auch diesen mißhandelte er ohne Maß. Nun hatte sich zu jener Zeit ein großer und gewaltiger Löwe in Aetolien sehen lassen: welcher unter Menschen und Thieren Verwüstung anrichtete. Diesen Löwen befahl Eyknus dem Phylius ohne Waffen zu tödten; und dieser versprach es, und tödtete ihn auf folgende Weise. Da Phylius wußte, um welche Zeit der Löwe sich zeigen würde, füllte er sich den Wanst mit vieler Speise und Wein an, und als das Thier sich näherte, spie er die Speisen aus. Der Löwe verschlang dieß aus Hunger, und wurde von dem Weine berauscht; worauf Phylius seinen Arm mit dem Kleide, das er trug, umwickelte, und den Rachen des Löwen verstopfte. Nachdem er ihn hierauf getödtet hatte, lud er ihn auf seine Schultern und trug ihn zu Cyknus; und durch diese gelungene That ward er bei vielen berühmt. Nun legte ihm Cyknus einen noch schwierigeren Kampf auf. Es gab nämlich in diesem Lande Geier von außerordentlicher Größe, welche viele Menschen tödteten; diese befahl er ihm lebendig zu fangen und zu ihm zu bringen, und zwar ohne alles Werkzeug. Während nun Phylius über diesen Auftrag verlegen war, geschah es durch göttliche Fügung, daß ein Adler einen halbtodten geraubten Hasen zur Erde fallen ließ, eh er ihn auf sein Nest gebracht hatte. Diesen Hasen riß Phylius auf, bestrich sich mit dem Blute desselben und legte sich auf die Erde. Die Vögel kamen nun wie zu einem Leichnam schnell herbei, und Phylius packte zwei derselben zwischen den Knöcheln, hielt sie fest, und brachte sie zu Cyknus. Dieser trug ihm nun einen noch schwerern Kampf auf; denn er befahl ihm, einen Stier von der Heerde mit den Händen zu greifen, und bis zum Altar des Zeus zu bringen. Da nun Phylius nicht wußte, wie er diesen Auftrag vollbringen sollte, betete er um Beistand zum Herakles. Auf dieses Gebet zeigten sich ihm zwei Stiere, welche wüthend über eine Kuh sich mit den Hörnern stießen, und einander auf die Erde warfen; und da sie abgemattet waren, faßte Phylius den einen Stier beim Schenkel, und zog ihn bis zum Altar hin; entzog sich aber jetzt, nach Herakles Willen, den Befehlen des Knaben.39 Cyknus ertrug es nun nicht, gegen Erwarten vernachläßigt zu werden, sondern stürzte sich in seinem Unmuthe in den See Konope, und verschwand; bei seinem Tode aber stürzte sich auch seine Mutter Thyria in denselben See,40 und beide wurden, nach Apollo’s Willen, zu Vögeln in dem See. Nach ihrem Verschwinden änderte auch der See den Namen, und wurde ein Schwanensee (κυκνείη); und zur Zeit der Aussaat zeigen sich viele Schwäne (κύκνοι) darauf. Nahe dabei liegt auch das Grabmal des Phylius.
Aspalis
Nach der Erzählung Nikanders im zweiten Buche der Verwandlungen.
Von Zeus und der Nymphe Othreïs wurde ein Knabe Meliteus geboren. Diesen setzte seine Mutter in den Wald, aus Furcht vor der Here, weil Zeus ihr beigewohnt hatte. Der Knabe kam aber, nach Zeus Willen, nicht um, sondern erwuchs, von Bienen genährt.41 Da traf beim Weiden der Schafe Phagrus auf ihn, der Sohn Apollo’s und der Nymphe Othreïs, die eben den Meliteus, den Knaben im Walde, geboren hatte; und voll Verwunderung über die Wohlbeleibtheit, und noch mehr über die Bienen, nahm er ihn auf, trug ihn in sein Haus, und nährte ihn mit vieler Sorgfalt, indem er ihm den Namen Meliteus beilegte, weil er von Bienen genährt worden war: auch kam ihm ein Orakel in den Sinn, in welchem ihm einstmals der Gott befohlen hatte, den von Bienen Ernährten, der sein Bruder sey, zu retten. Der Knabe reifte nun schnell heran, ward ein wackrer Mann, herrschte über die meisten Bewohner der Umgegend, und gründete eine Stadt in Phthia, die er Melite nannte. In dieser Stadt war ein gewaltsamer und frevelnder Tyrann, den die Eingebornen nicht einmal nennen; von den Fremden aber wurde er Tartarus genannt. Wenn dieser Tyrann von einer Jungfrau der Landesbewohner hörte, daß sie sich durch Schönheit auszeichnete, bemächtigte er sich ihrer, und beschlief sie vor der Ehe mit Gewalt. Einst hatte er nun seinen Dienern befohlen, ihm die Aspalis, die Tochter des Argäus, eines angesehenen Bürgers, zuzuführen; die Sache wurde aber kund, und vor der Ankunft der Abgeordneten hing das Mädchen sich auf. Ehe diese That bekannt wurde, vermaß sich der Bruder der Aspalis, Astygites, mit einem Eide, den Tyrannen zu bestrafen, bevor er den Leichnam seiner Schwester ablöste. Er legte demnach unverzüglich das Gewand der Aspalis an, und verbarg ein Schwert an seiner linken Seite; und indem seine Jugend die Täuschung begünstigte, kam er in das Haus, und tödtete den waffenlosen und unbewachten Tyrannen. Die Meliteer bekränzten den Astygites, und führten ihn mit Lobgesängen einher; den Leib des Tyrannen aber stürzten sie in den Fluß, den sie von jener Zeit an noch jetzt Tartarus nennen: den Leib der Aspalis suchten sie auf alle Weise, um ihn mit Auszeichnung zur Erde zu bestatten, konnten ihn jedoch nicht finden, weil er nach göttlicher Fügung verschwunden war: statt des Leichnams aber fand sich neben der Bildsäule der Artemis stehend ein hölzernes Bild. Dieses Bild heißt bei den Landeseingebornen Aspalis Amilete Hekaërge,42 und die Jungfrauen hingen ihm alljährig ein gelbes Zicklein auf, weil sich auch Aspalis als Jungfrau aufgehenkt hatte.
Munichus
Nach der Erzählung Nikanders im zweiten Buche der Verwandlungen.43
Munichus, der Sohn des Dryas, herrschte über die Molosser, und wurde ein trefflicher Wahrsager und gerechter Mann. Er hatte von der Lelante drei Söhne: den Alkander, der noch ein besserer Wahrsager war, als er; den Megaletor und den Philäus, und eine Tochter Hyperippe. Diese waren alle wackere und gerechte Leute, und wurden deßhalb von den Göttern geliebt. Als sie einmal zur Nachtzeit auf dem Lande von Räubern überfallen wurden, vertheidigten sie sich aus den Thürmen, denn sie waren Jenen nicht gewachsen, und die Räuber warfen Feuer in das Haus. Zeus aber gestattete nicht, daß sie bei ihrer Frömmigkeit eines so elenden Todes stürben, sondern verwandelte alle in Vögel. Hyperippe, die, um den Flammen zu entgehen, in das Wasser untergetaucht worden war, wurde zum Taucher44; die Andern flogen aus dem Feuer auf, Munichus als Weihe, Alkander als Orchilus; Megaletor aber und Philäus wurden, weil sie, bei der Flucht aus dem Feuer, durch die Wand auf die Erde geschlüpft waren, zu zwei kleinen Vögeln. Der eine von ihnen ist der Ichneumon; Philäus aber wird Kyon (der Hund) genannt: ihre Mutter wurde zum würmerlesenden Baumhacker (Pipo). Gegen diese führen Adler und Reiher Krieg. Denn sie zerbricht diesen die Eier, indem sie der Würmer wegen in die Bäume hackt. Die andern leben zusammen im Wald und in Schluchten; der Taucher aber hält sich an Seen und am Meere auf.
Meropis
Nach Böus im ersten Buche der Ornithogonie.
Eumelus, des Merops Sohn, hatte übermüthige und frevelnde Kinder, die Byssa, die Meropis und den Agron. Sie bewohnten die Meropische Insel Kos.45 Die Erde trug ihnen reichliche Frucht, weil sie von den Göttern nur diese ehrten, und sie sorgfältig bearbeiteten. Sie hatten mit keinem Menchen Verkehr, indem sie weder zur Stadt kamen, noch zu Festmahlen, noch zur Feier der Götter; sondern wenn Jemand der Athene opferte und die Mädchen einlud, schlug der Bruder die Einladung ab. Denn er sagte, er liebe eine grauäugige Göttin46 nicht, weil die Mädchen schwarze Augen hätten. Wurden sie aber zur Artemis eingeladen, so sagte er, er hasse eine nachtwandelnde Göttin;47 oder zu einem Opfer des Hermes, so sagte er, er ehre einen diebischen Gott nicht. So lästerten sie oftmals. Hermes aber und Athene kamen zürnend bei Nacht zu ihren Wohnungen: Athene und Artemis in Mädchengestalt. Hermes in der Tracht eines Hirten forderte den Eumelus und Agron auf, einem Mahle beizuwohnen; denn er brächte nebst andern Hirten dem Hermes ein Opfer; die Byssa und Meropis möchten sie zu ihren Altersgenossinnen in den Hain der Athene und Artemis schicken. So sprach Hermes. Als Meropis dieses hörte, spottete sie bei dem Namen der Athene: diese machte sie zur Eule; Byssa aber wird mit demselben Namen genannt, und ist der Vogel der Leukothea;48 Agron aber ergriff einen Bratspieß, und lief damit heraus; worauf ihn Hermes zum Charadrius49 machte. Eumelus schalt nun den Hermes, weil er seinen Sohn verwandelt hatte; worauf ihn dieser zum unglückverkündenden Nachtraben50 machte.
Oenoë
Nach Böus im zweiten Buche der Ornithogonie.
Bei den sogenannten Pygmäen lebte ein Mädchen, Namens Oenoë, von unverächtlicher Gestalt, an Sitte aber widerwärtig und übermüthig. Sie kümmerte sich weder um Artemis, noch um Here. Mit Nikodamas, einem rechtlichen und wohlgesinnten Bürger, verheirathet, gebar sie einen Sohn Mopsus. Bei der Geburt dieses Sohnes brachten ihr alle Pygmäen aus gutem Willen zahlreiche Geschenke. Here aber grollte der Oenoë, weil sie ihr keine Ehre bewies, machte sie zum Kranich, reckte ihren Hals in die Länge, und wandelte sie in einen hochfliegenden Vogel um; auch stiftete sie Feindschaft zwischen ihr und den Pygmäen.51 Oenoë flog nun aus Liebe zu ihrem Sohne Mopsus um die Häuser, und wich nicht davon; die Pygmäen aber verfolgten sie sämmtlich mit gewaffneter Hand. Und von jener Zeit an ist auch jetzt noch zwischen den Pygmäen und den Kranichen Krieg.
Leucippus
Nach Nikander im zweiten Buche der Verwandlungen.
Galatea, die Tochter des Eurytius, des Sparton Enkelin, heirathete zu Phästus in Kreta den Lamprus, Sohn des Pandion, einen Mann von guter Abkunft, aber dürftigem Auskommen. Dieser wünschte, als Galatea schwanger wurde, daß ihm ein Knabe geboren würde; und kündigte seiner Frau an, daß, wenn sie ein Mädchen zur Welt brächte, er es wegschaffen würde. Nun kam Galatea mit einer Tochter nieder, während der Mann bei den Schafen auf der Weide war. Mitleid mit dem Kinde, die Betrachtung, daß sie allein im Hause sey, und die Erinnerung an Träume und Wahrsager, die ihr riethen, das Mädchen als einen Knaben zu erziehen – Alles dieses bewog sie, gegen Lamprus vorzugeben, daß sie einen Knaben geboren habe, das Kind als einen Knaben zu erziehen, und es Leucippus zu nennen. Wie aber das Mädchen heranwuchs, und eine unbeschreibliche Schönheit wurde,52 und es nicht mehr möglich war, die Sache zu verbergen, floh Galatea, aus Furcht vor Lamprus, in den Tempel der Leto, und flehte inständig zu der Göttin, ob ihr nicht das Kind aus einer Tochter ein Sohn werden könnte. So sey ja auch Cänis, des Atrax Tochter, nach Poseidons Willen zum Lapithen Cäneus,53 und Tiresias aus einem Manne ein Weib geworden, weil er auf einem Scheidewege Schlangen bei der Begattung getödtet hatte; und dann wieder aus einem Weibe ein Mann, weil er einen Drachen mehrmals geschlagen hatte.54 Auch Hypermestra habe sich als Weib verkauft, und einen Kaufpreis empfangen, habe aber dann, zum Manne geworden, ihrem Vater Nahrung zugebracht;55 endlich habe sich auch der Kreter Siprötes verwandelt, weil er auf der Jagd die Artemis im Bade gesehen hatte.56 Da nun Galatea unablässig jammerte und flehte, hatte Leto Mitleid mit ihr, und wandelte die Natur des Mädchens in einen Knaben um. Dieser Umwandlung gedenken die Phästier noch, und opfern der Leto-Schöpferin (Φυτίῃ),57 weil sie dem Mädchen männliche Theile geschaffen hatte (ἔφυσε); und nennen das Fest Ekdysia (des Ausziehens), weil das Mädchen den Peplus ausgezogen hatte. Es ist aber herkömmlich, bei Eheverbindungen sich vorher neben dem Bilde des Leucippus niederzulegen.
Europus
Nach der Erzählung des Böus im zweiten Buche der Ornithogonie.
Eumelus, der Sohn des Eugnotus, wohnte in dem Böotischen Theben, und hatte einen Sohn, Namens Botres. Dieser Eumelus bewies dem Apollo ausgezeichnete Ehre. Einstmals, als er opferte, und sein Sohn Botres dabei war, verzehrte dieser das Hirn des Lammes, eh‘ er es auf dem Altar geopfert hatte. Als Eumelus dieses bemerkte, schlug er den Knaben mit einem vom Altar genommenen Feuerbrande auf den Kopf, so daß dem Knaben das Blut herabfluß, und er mit Zuckungen zu Boden fiel. Bei diesem Anblick erhob die Mutter, der Vater und die Diener eine große Wehklage. Apollo aber machte aus Mitleid gegen Eumelus, weil er ihn ehrte, den Knaben zu einem Vogel Eeropus, der noch jetzt zwar unter der Erde nistet, immer aber zu fliegen bemüht ist.
Die Diebe
Nach der Erzählung des Böus im zweiten Buche der Ornithogonie.
In Kreta soll eine heilige Grotte der Bienen seyn,58 in welcher, wie man fabelt, Rhea den Zeus geboren hat, und es ist niemanden gestattet, hinein zu gehen, weder einem Gott, noch einem Sterblichen. Zu einer bestimmten Zeit sieht man alljährlich ein starkes Feuer aus der Höhle flammen; und man erzählt, es geschiehe dieß, wenn das Blut des Zeus von seiner Geburt her aufsiede. Diese Grotte haben heilige Bienen inne, die Ernährerinnen des Zeus. In dieselbe wagten Laïus und Celeus, Cerberus und Aegolius zu gehen, um reichlich Honig zu schöpfen; und am ganzen Leibe mit Erz umpanzert, schöpften sie von dem Honig der Bienen, und sahen die Windeln des Zeus. Das Erf zerriß an ihrem Leibe; Zeus aber donnerte, und schickte schon den Blitz. Aber die Parzen und Themis hielten ihn ab; denn es war nicht gestattet, daß dort Jemand sterbe.59 Zeus machte sie nun alle zu Vögeln, und es stammen von ihnen die Geschlechter der Vögel, der Laier und Kolöer, der Cerberer und Aegolier;60 und ihr Erscheinen gilt für günstig und vor andern Vögeln erfolgereich, weil sie das Blut des Zeus gesehen haben.
Klinis
Nach Böus im zweiten Buche, und der Erzählung des Simmias aus Rhodus im Apollo.
In dem sogenannten Mesopotamien bei Babylon wohnte ein reicher, gottgefälliger Mann, Namens Klinis, welcher viele Rinder, Esel und Schafe hatte. Diesen liebte Apollo und Artemis ganz ausnehmend, und er kam häufig mit diesen Göttern zum Tempel Apollo’s bei den Hyperboreern, und sah die ihm dargebrachten Opfer der Esel.61 Bei der Rückkehr nach Babylon wollte er ebenfalls dem Gotte wie bei den Hyperboreern opfern, und stellte die Hekatombe der Esel am Altare auf; Apollo aber kam dazu, und drohte ihm den Tod, wenn er nicht von diesem Opfer abließe, und ihm nach gewohnter Weise Ziegen und Schafe und Rinder opferte: denn das Opfer der Esel sey ihm (nur) bei den Hyperboreern angenehm. Klinis führte nun, aus Furcht vor der Drohung, die Esel vom Altare weg, und theilte seinen Söhnen die Rede mit, die er vernommen hatte. Seine Söhne waren Lycius, Ortygius und Harpasus, und eine Tochter Artemiche, alles Kinder der Harpe. Lycius und Harpasus nun forderten bei dieser Mittheilung ihren Vater auf, die Esel zu opfern und sich des Festes zu freuen; Ortygius aber und Artemiche verlangten, daß er dem Apollo Folge leiste: und diesen gab Klinis mehr Gehör. Harpasus und Lycius banden nun mit Gewalt die Esel los, und trieben sie zu dem Altar. Da machte der Gott die Esel rasend, und diese fraßen die Söhne und ihre Diener und den Klinis auf. Sterbend riefen sie die Götter an, und Poseidon machte aus Mitleid die Harpe und den Harpasus zu Vögeln gleiches Namens; Leto und Artemis aber wünschten den Klinis zu retten, und die Artemiche und den Ortygius, weil sie keine Schuld an dem Frevel hatten; und Apollo bewieß sich hierin der Leto und Artemis gefällig, und verwandelte alle, ehe sie starben, in Vögel. Klinis wurde zum Hypsiäetus, welches der nächste Vogel nach dem Adler, und nicht schwer zu erkennen ist; denn jener würgt Rehe, ist dunkelfarbig, groß und stark: der Adler aber ist schwärzer und kleiner als jener. Lycius ward bei der Verwandlung zum weißen Raben; wurde aber dann, nach Apollo’s Willen, schwarz, weil er zuerst die Nachricht brachte, daß die Tochter des Phlegyas, Koronis, dem Alcyoneus vermählt werden sey.62 Artemiche wurde zum Piphinx,63 einem den Göttern und Menschen angenehmen Vogel; Ortygius aber zum Ziegenmelker, weil er seinem Vater Klinis zugeredet hatte, dem Apollo Ziegen statt der Esel zu opfern.
Polyphonte
Nach der Erzählung des Böus im zweiten Buche der Ornithogonie.
Terine, die Tochter des Strymon, gebar dem Ares eine Tochter, Thrassa, welche Hipponus, der Sohn des Triballus, heirathete, und eine Tochter, Namens Polyphonte, bekam. Diese verschmähte die Werke der Aphrodite, und lebte auf dem Berge als Gespielin und Gesellschafterin der Artemis. Aphrodite aber erregte, weil sie ihre Werke nicht in Ehren hielt, eine wahnsinnige Liebe zu einem Bären in ihr; und von der Göttin gereitzt begattete sie sich mit dem Bären. Die Artemis ergriff bei diesem Anblick ein heftiger Abscheu, und sie hetzte alle Thiere auf sie. Aus Furcht, von den Thieren zerrissen zu werden, floh Polyphonte in das Haus ihres Vaters, und gebar zwei Söhne, Agrius und Oreius, beide sehr groß und von überschwenglicher Stärke. Diese ehrten weder Götter noch Menschen, sondern frevelten gegen Alle, und wenn sie auf einen Fremden stießen, schleppten sie ihn in das Haus, und verzehrten ihn. Aus Abscheu dagegen schickte Zeus den Hermes ab, um ihnen irgend eine Strafe, welche er wolle, aufzuerlegen, und Hermes war Willens, ihnen Füße und Hände abzuhauen. Ares aber, von dem Polyphonte stammte, entriß ihre Söhne diesem Geschick, und verwandelte mit Hermes ihre Natur in Vögel. Polyphonte wurde zur Ohreule, die in der Nacht ihre Stimme hören läßt, ohne Speise und Trank, ihren Kopf nach unten hält, die Enden der Füße nach oben, eine Botin des Krieges und Aufruhrs. Oreius wurde zum Lagos, einem Vogel, dessen Erscheinung nie Gutes verkündet; Agrius aber verwandelte sich in einen Geier, der von allen Vögeln den Göttern und Menschen der verhaßteste ist, und ein unaufhörliches Verlangen nach Fleisch und Blut der Menschen hegt. Ihre Magd machten sie zum Baumhacker: sie bat nemlich bei ihrer Verwandlung die Götter, daß sie doch kein bösartiger Vogel für die Menschen würde; und Hermes und Ares erhörten ihr Gebet, weil sie die Befehle ihrer Herrschaft nur aus Zwang vollzogen hatte. Und so ist dieser Vogel denen, die auf die Jagd und zur Mahlzeit gehen, eine erwünschte Erscheinung.
Terambus
Nach Nikander im ersten Buche der Verwandlungen.
Terambus,64 der Sohn des Eusirus, Poseidons Enkel, und der Othreïschen Nymphe Idothea, wohnte in dem Lande der Melier am Fuße des Othrys. Er besaß viele Heerden, und weidete sie selbst. Die Nymphen halfen ihm dabei, weil er sie in den Bergen durch Gesang ergötzte. Denn man erzählt, daß Niemand zu jener Zeit musikalischer gewesen sey, als er; daß er besonders durch seine bukolischen Gesänge berühmt geworden, daß er auf den Bergen die Hirtensyrinx zusammengefügt,65 die Leier zuerst unter allen Menschen gebraucht, und viele schöne Lieder verfertigt habe. Deßhalb, sagt man, wären ihm die Nymphen einst erschienen, und hätten zum Spiele des Terambus getanzt. Pan aber habe ihn aus Wohlwollen aufgefordert, den Othrys zu verlassen, und die Schafe in der Ebene zu weiden; denn es werde ein außerordentlicher und unglaublich strenger Winter einfallen. Aus jugendlichem Uebermuthe, und wie von Gott geschlagen, fand Terambus nicht für gut, von dem Othrys in die Ebene herab zu treiben. Auch stieß er ungefällige und unverständige Reden gegen die Nymphen aus: sie stammen nicht von Zeus, sondern eine gewisse Tochter des Spercheus66 habe sie geboren; Poseidon aber habe aus Verlangen nach einer von ihnen, der Diopatra, ihre Schwestern einwurzeln lassen, und in Pappeln verwandelt; nach Befriedigung seiner Begierde aber habe er sie gelöst, und ihnen ihre ursprüngliche Natur wiedergegeben. Solcherlei Lästerungen stieß Terambus gegen die Nymphen aus. Nach Verlauf einer kurzen Zeit brach eine plötzliche Kälte ein: die Waldwasser erstarrten; es fiel eine Masse von Schnee, und die Heerde des Terambus verschwand, sammt den Wegen und Bäumen. Die Nymphen verwandelten den Terambus aus Zorn, weil er sie gelästert hatte; und er wurde zu einem holzfressenden Cerambyx. Er wird auf dem Holze gefunden, hat gekrümmte Zähne, bewegt unablässig die Kiefern, ist schwarz, lang gestreckt und mit harten Flügeln, den großen Käfern ähnlich. Er heißt der holzfressende Stier, bei den Thessaliern aber Cerambyx. Die Knaben brauchen ihn zum Spiel, und tragen den abgeschnittenen Kopf desselben. Dieser mit seinen Hörnern gleicht der Lyra aus der Schildkröte.
Battus
Erzählt von Nikander im ersten Buche der Verwandlungen, von Hesiodus in den großen Eöen, von Didymarchus im dritten Buche der Metamorphosen, von Antigonus in den Veränderungen, und von Apollonius dem Rhodier in den Epigrammen, wie Pamphilus im ersten Buche sagt.
Argus, der Sohn des Phrixus, und Perimela, die Tochter Admets, hatten einen Sohn, Magnes. Dieser wohnte nahe bei Thessalien, und dieses Land wurde von ihm Magnesia genannt. Ihm wurde ein Sohn von ausgezeichneter Gestalt, Hymenäus, geboren. Apollo hatte diesen Knaben gesehen67 und Liebe zu ihm gefaßt, und da er deßhalb nicht aus dem Hause des Magnes wich, stellte Hermes indeß der Rinderheerde Apollo’s nach. Diese weidete da, wo die Rinder Admets waren. Und zuerst brachte er den Hunden, die sie bewachten, Schlafsucht und Halsbräune bei. Diese vergaßen also die Rinder, und versäumten ihre Bewachung;68 worauf Hermes zwölf Kälber, hundert gelbe Kühe und einen Heerdochsen wegtrieb. Er band aber jedem Stücke einen Zweig an den Schwanz, um die Spuren zu verwischen,69 und trieb sie durch das Gebiet der Pelasger, durch das Phthiotische Achaïa, durch Lokris, Böotien und Megaris, und von da nach dem Peloponnes durch Korinthus und Larissa bis nach Tegea: von da zog er, an dem Berge Lycäus und Mänalus hin, zu den sogenannten Warten des Battus. Dieser Battus wohnte auf der Berghöhe, und als er die Stimme der vorbeigetriebenen Kälber hörte, und deßhalb aus seiner Wohnung hervortrat, bemerkte er, daß die Rinder gestohlen waren, und verlangte einen Lohn, wenn er Niemanden etwas davon sagte. Unter dieser Bedingung versprach ihm Hermes eine Belohnung; und Battus schwur, gegen Niemanden von den Rindern zu sprechen. Nachdem aber Hermes die Heerde bei dem Vorgebirge von Koryphasium70 versteckt hatte, indem er sie in eine Höhle, Italien und Sicilien gegenüber, trieb, kehrte er in veränderter Gestalt zu Battus zurück, um ihn auf die Probe zu stellen, ob er wohl seinen Eid halten würde. Indem er ihm nemlich ein Oberkleid zum Lohne gab, fragte er ihn, ob er etwas von gestohlenen Rindern wüßte, die hier vorbeigetrieben worden wären. Battus nahm das Kleid, und gab an, was er von den Rindern wußte. Erzürnt über diese Doppelzüngigkeit, schlug ihn Heemes mit dem Stabe, und verwandelte ihn in einen Stein. Und nun verläßt ihn weder Frost noch Hitze: der Ort aber wird bis auf den heutigen Tag die Warten des Battus genannt.
Askalabus
Nach Nikander im vierten Buche der Verwandlungen.
Als Demeter auf ihren Irren die ganze Erde durchwanderte, um ihre Tochter zu suchen, ruhte sie in Attika aus; und da sie von der großen Hitze durstig war, nahm Misme71 sie auf, und gab ihr Wasser zu trinken, worein sie Polei und Mehl geworfen hatte.72 Diese Mischung trank Demeter bei ihrem Durste hastig aus. Der Knabe der Misme, Askalabus, lachte darüber, und forderte seine Mutter auf, ihr noch einmal einen tiefen Kessel oder ein Faß zu reichen. Da goß Demeter im Zorne die Neige des Trankes auf der Stelle nach ihm aus; und er wurde zu einer am Leibe buntgefleckten Lacerte, und wird von Göttern und Menschen gehaßt. Sein Aufenthalt ist an Kanälen, und wer ihn tödtet, macht sich dadurch bei der Demeter beliebt.
Metioche und Menippe
Nach Nikander im vierten Buche der Verwandlungen, und der Korinna im ersten der Veränderungen.
Orion, der Sohn des Hyrieus, in Böotien, hatte zwei Töchter, Metioche und Menippe. Nachdem Artemis den Orion von den Menschen weggenommen hatte,73 wurde sie bei ihrer Mutter erzogen: Athene lehrte sie weben, und Aphrodite gab ihnen Schönheit. Als sich aber eine Pest über ganz Jonien verbreitete, und viele Menschen starben, schickten sie Gesandte an den Gortynischen Apollo.74 Diesen befahl der Gott, die zwei Eriunischen Götter75 zu versöhnen, mit dem Bedeuten, daß sie den Zorn dieser Götter stillen würden, wenn den Zweien zwei Jungfrauen mit freiem Willen zum Opfer gebracht würden. Diesem Götterspruche gab keine der Jungfrauen in der Stadt Gehör, bis eine Dienstmagd den Töchtern Orion’s das Orakel hinterbrachte. Als diese es bei ihrer Weberarbeit vernahmen, weihten sie sich freiwillig dem Tode für ihre Mitbürger,76 ehe die epidemische Krankheit sie wegraffte; und nachdem sie dreimal zu den unterirdischen Göttern gerufen hatten, daß sie sich ihnen freiwillig zum Opfer gäben, schlugen sie sich mit dem Weberschiffe bei dem Schlüsselbeine in den Kals. Sie fielen nun beide zur Erde. Persephone und Hades ließen aus Mitleiden die Leiber der Jungfrauen verschwinden; statt ihrer aber stiegen Sterne aus der Erde auf, die sich zum Himmel erhoben, und die Menschen nannten sie Kometen.77 Hierauf erbauten sämmtliche Aonier diesen Jungfrauen in dem Böotischen Orchomenus einen ausgezeichneten Tempel, und Knaben und Mädchen bringen ihnen alljährlich Sühnopfer. Die Aeolier aber nennen sie bis auf den heutigen Tag Koronische Jungfrauen.78
Hylas
Nach Nikander im vierten Buche der Verwandlungen.
Als Herakles mit den Argonauten schiffte, die ihn zu ihrem Anführer ernannt hatten, nahm er auch den Hylas, des Ceyx Sohn,79 einen jungen und schönen Knaben, mit sich. Bei der Ankunft an der Meerenge des Pontus, als sie am Fuße der Arganthone80 vorbeigeschifft waren, und ein Sturm entstand, und das Meer sehr hoch ging, warfen sie hier die Anker aus, und ließen das Schiff ruhen. Herakles richtete den Heroen eine Mahlzeit aus, und der Knabe Hylas ging mit dem Kruge zum Flusse Askanius, um Wasser für die Helden zu holen; und da die Nymphen, die Töchter dieses Flusses, ihn sahen, faßten sie Liebe zu ihm, und warfen ihn beim Schöpfen in das Wasser. Hylas war nun unsichtbar geworden; Herakles aber verließ, da er ihm nicht zurückkehrte, die Heroen, durchsuchte überall den Wald, und rief häufig den Namen des Knaben.81 Da nun die Nymphen fürchteten, Herakles möchte den bei ihnen versteckten Hylas finden, verwandelten sie ihn, und machten ihn zu einem Schalle, und so antwortete er dem Herakles oft auf seinen Ruf. Dieser kehrte nun, da er nach vielem Bemühen den Hylas nicht hatte aufinden können, zu dem Schiffe zurück, und setzte die Reise mit den Argonauten fort, ließ aber den Polyphemus in jener Gegend zurück, ob er ihm vielleicht bei weiterem Suchen den Hylas auffinden könnte. Polyphemus starb vorher. Dem Hylas aber opfern die Landesbewohner bis auf den heutigen Tag bei der Quelle; und der Priester ruft ihn dreimal mit Namen, und dieser Ruf wird dreimal von dem Echo beantwortet.82
Iphigenia
Nach Nikander im vierten Buche der Verwandlungen.
Iphigenia war die Tochter des Theseus und der Helena,83 der Tochter des Zeus, und wurde von Helena’s Schwester Klytämnestra erzogen, die gegen Agamemnon vorgab, sie geboren zu haben. Denn Helena hatte ihren Brüdern auf ihr Befragen gesagt, sie sey von Theseus als Jungfrau geschieden. Als aber das Heer der Achäer durch Windstille in Aulis zurückgehalten wurde, kündigten die Wahrsager den Fortgang der Fahrt an, wenn sie der Artemis die Iphigenia opferten. Agamemnon gab sie nun den Achäern auf ihre Bitte als Opfer hin; als sie aber zum Altar geführt wurde, sahen die Helden nicht nach ihr, sondern richteten sämmtlich ihre Blicke nach einer andern Seite hin. Da brachte Artemis statt der Iphigenia ein Kalb am Altare zum Vorschein;84 sie selbst aber trug sie weit von Hellas weg nach dem sogenannten Pontus Euxinus85 zu Thoas, dem Sohn des Borysthenes, und nannte jenes Nomadenvolk Taurier, weil sie statt der Iphigenia einen Stier (ταῦρος) an dem Altare zum Vorschein gebracht hätte, sich selbst aber aber Tauropolus.86 Zur geordneten Zeit versetzte sie die Iphigenia nach der Insel Leuce zu Achilles,87 machte sie aber durch Verwandlung zu einer nie alternden und unsterblichen Göttin, und nannte sie Orsilochia, statt Iphigenia. Sie wurde aber des Achilles Gemahlin.
Typhon
Nach Nikander im vierten Buche der Verwandlungen.
Typhon war ein Sohn der Erde, ein Dämon von überschwenglicher Stärke, aber von seltsamem Ansehen; denn viele Köpfe, Hände und Füße waren ihm entwachsen, und aus seinen Lenden gingen große Drachenwindungen hervor: auch gab er mancherlei Stimmen von sich, und kein Geschöpf konnte es an Stärke mit ihm aufnehmen. Dieser Typhon strebte nach der Herrschaft des Zeus, und als er einen Angriff unternahm, hielt keiner der Götter Stand, sondern alle flohen voll Furcht nach Aegypten. Nur Athene and Zeus blieben zurück. Typhon aber folgte ihnen auf dem Fuße nach. Aus Vorsicht nahmen Jene bei ihrer Flucht die Gestalt von Thieren an. Apollo wurde zum Habicht; Hermes zum Ibis; Ares zum schuppigen Fisch; Artemis zur Katze. Dionysus gestaltete sich zum Bocke, Herakles zum Hirschkalb, Hephästus zum Rind, Leto zur Spitzmaus; und so verwandelte jeder der Götter, wie es sich traf, seine Gestalt. Zeus schlägt hierauf den Typhon mit dem Blitze, und von diesem gebrannt, verbarg er sich, und löschte die Flamme im Meere aus.88 Zeus aber läßt nicht nach, sondern wirft den größten Berg, den Aetna, auf Typhon,89 und setzt ihm auf der Höhe den Hephästus zum Wächter: dieser befestigt seine Ambose auf dem Nacken des Typhon, und bearbeitet die glühenden Eisenmassen.90
Galinthias
Nikander im vierten Buche der Verwandlungen.
Galinthias war die Tochter des Prötus in Theben. Diese Jungfrau war die Gespielin und Freundin der Alkmene, der Tochter des Elektryon. Als nun Alkmenen die Geburt des Herakles drängte, hemmten die Parzen und Ilithyia, aus Gefälligkeit gegen Here, den Fortgang der Wehen Alkmene’s, indem sie mit eingeschlagenen Händen91 dabei saßen. Indem nun Galinthias fürchtete, Alkmene möchte den Schmerzen unterliegen, kam sie eilig zu den Parzen und der Ilithyia heraus, und meldete, Alkmene habe nach Zeus Willen einen Knaben geboren, und mit ihrem Ehrennamen wäre es nun aus. Bei dieser Nachricht ergriff die Parzen ein heftiger Schreck, und sie verließen augenblicklich die Wehen, und Herakles kam zur Welt.92 Darob trauerten die Parzen, und nahmen der Galinthias ihr Magdthum93 ab, weil sie, eine Sterbliche, Götter betrogen hatte, verwandelten sie in ein listiges Wiesel, wiesen ihr den Aufenthalt im Winkel an, und machten ihre Begattung widerwärtig; denn sie begattet sich durch die Ohren, und wirft, was sie empfangen, durch den Hals aus. Indeß hatte Hekate wegen der Verwandlung ihrer Gestalt Mitleiden mit ihr, und machte sie zu ihrer heiligen Dienerin; Herakles aber gedachte, als er herangewachsen war, ihres Dienstes, errichtete ihr ein Heiligthum neben dem Hause, und brachte ihr Opfer.94 Diese Opfer beobachten die Thebaner auch jetzt noch, und opfern vor dem Feste des Herakles zuerst der Galinthias.
Biblis
Nach Nikander im zweiten Buche der Verwandlungen.
Miletus war der Sohn Apollo’s und der Tochter des Minos, Akakallis, in Kreta. Ihn setzte Akakallis aus Furcht vor Minos in dem Walde aus. Hier kamen, nach Apollo’s Willen, Wölfe herzu, bewachten das Kind, und boten ihm abwechselnd Milch; dann ward es von Hirten gefunden und aufbewahrt, und in ihren Wohnungen erzogen. Als nun der Knabe heranwuchs, und schön und rüstig wurde, und Minos aus Begierde nach ihm95 sich anschickte, ihm Gewalt anzuthun, da bestieg Miletus in der Nacht einen Kahn auf Sarpedons Rath, floh nach Karien, gründete daselbst die Stadt Miletus, und heirathete die Idothea, die Tochter des Eurytus, des Königs der Karier. Von ihr hatte er Zwillingskinder: den Kaunus, von dem auch noch jetzt eine Stadt dieses Namens in Karien ist; und Biblis. Diese hatte viele Freier aus den Eingebornen des Landes, und durch den Ruf auch aus den Städten umher. Sie aber achtete auf diese wenig; denn eine unaussprechliche Liebe zu Kaunus bethörte sie.96 Diese Leidenschaft blieb, so lange sie sich verheimlichen ließ, ihren Eltern verborgen; als aber von Tag zu Tag die Macht des Dämons in ihr gewaltiger wurde, beschloß sie, sich in der Nacht vom Felsen herabzustürzen. Sie begab sich also auf den nahen Berg, in der Absicht, ihren Entschluß auszuführen; die Nymphen aber wehrten dem aus Mitleiden, schickten ihr einen tiefen Schlaf, verwandelten das Menschliche in ihr in Göttliches, nannten sie Nymphe Hamadryas Biblis, und nahmen sie sich zur Genossin und Freundin. Noch jetzt wird das von jenem Felsen rinnende Wasser von den Einwohnern die Thräne der Biblis genannt.
Die Messapier
Nach Nikander im zweiten Buche der Verwandlungen.
Der Autochthon Lykaon hatte drei Söhne, Japyx, Daunius und Peucetius. Diese zogen Völker zusammen, und begaben sich nach Adria in Italien, wo sie sich nach Vertreibung der dort wohnenden Ausonier festsetzten. Der größte Theil ihres Heeres bestand aus Nachbarn, Illyriern und Messapiern. Diese Schaar theilten sie so wie das Land in drei Theile, und benannten es mit dem Namen eines jeden der Anführer, Daunier, Peucetier und Messapier. Der Theil von Tarent bis zu der äußersten Gränze von Italien, wo die Stadt Brentesion (Brundusium) liegt, fiel den Messapiern anheim; der Theil innerhalb Tarents den Peucetiern; auf dem diesseits gelegenen Theile beschiffen die Daunier das Meer: das ganze Volk aber führte den Namen der Japyger.97 Dieses war lange vor dem Feldzuge des Herakles. Die damaligen (Einwohner) lebten von ihren Heerden und der Waide. Nun erzählt man, in dem Lande der Messapier wären bei den sogenannten heiligen Felsen die Epimelischen98 Nymphen tanzend erschienen; Messapische Knaben aber hätten ihre Heerden verlassen, um zuzusehen, und dabei gesagt, sie selbst tanzten besser. Diese Rede kränkte die Nymphen, und der Wetteifer wegen des Tanzes wuchs. Die Knaben wußten nicht, daß sie mit Göttinnen wetteiferten, und tanzten wie mit sterblichen Weibern, und die Art des Tanzes war, wie von Hirten zu erwarten stand, unbeholfen; bei den Nymphen aber wurde Alles [oder das Meiste99] zur Schönheit. Sie besiegten also die Knaben im Tanze, und sprachen so zu ihnen: ihr Knaben, ihr habt euch mit den Epimelischen Nymphen in Streit gewagt; dafür, ihr Thoren, werdet ihr als Besiegte büßen. Die Knaben wurden nun da, wo sie gestanden hatten, neben dem Heiligthume der Nymphen, zu Bäumen; und jetzt noch wird bisweilen bei Nacht aus dem Walde eine Stimme wie von Weinenden gehört. Der Ort aber führt den Namen der Nymphen und der Knaben.
Dryope
Nach Nikander im ersten Buche der Verwandlungen.
Dryops war der Sohn des Flusses Sperchius und der Polydora, einer der Töchter des Danaus. Dieser herrschte auf dem Oeta, und hatte eine einzige Tochter, Dryope, welche die Heerden ihres Vaters hütete. Die Hamadryaden, die sie außerordentlich liebten, machten sie zu ihrer Gespielin, und lehrten sie, die Götter durch Lieder zu preisen und zu tanzen. Als einst Apollo sie tanzen sah, begehrte er, ihr beizuwohnen. Deßhalb verwandelte er sich zuerst in eine Schildkröte; und da Dryope mit den Nymphen aus der Schildkröte einen Scherz und ein Spielwerk machte, und sie in den Schooß legte, wandelte er sich aus der Schildkröte in einen Drachen um. Bestürzt hierüber verließen sie die Nymphin, Apollo aber wohnte der Dryope bei; sie floh erschreckt in das Haus ihres Vaters, und sagte ihren Eltern nichts von der Sache. Als nachher der Sohn des Oxylus Andrämon, sie heirathete,100 gebar sie von Apollo einen Sohn, Amphissus. Sobald dieser zum Manne herangewachsen war, siegte er über Alle ob, gründete am Oeta eine dem Berge gleichnamige Stadt, und herrschte über die Gegend. Auch erbaute er dem Apollo einen Tempel in Dryopis. Als Dryope einst in diesem Tempel war, entführten die Nymphen sie aus Wohlwollen gegen sie, und versteckten sie in dem Walde; an ihrer Stelle ließen sie einen Pappelbaum aus der Erde wachsen, und neben dem Baume Wasser ausquellen; Dryope aber verwandelte sich, und wurde aus einer Sterblichen zur Nymphe. Amphissus erbaute den Nymphen für die seiner Mutter bewiesene Liebe einen Tempel, und stellte zuerst einen Wettlauf an; und noch jetzt beobachten die Landesbewohner diesen Wettkampf, bei welchem keine Frau erscheinen darf, weil zwei Jungfraun den Landesbewohnern die Entführung der Dryope durch die Nymphen angezeigt hatten. Die Nymphen zürnten hierüber, und machten die Jungfraun zu Tannen.
Alkmene
Nach der Erzählung des Pherecydes.
Nachdem Herakles von den Menschen gewichen war, trieb Eurystheus die Kinder desselben aus ihrem Vaterlande, und herrschte selbst. Die Herakliden flohen nun zum Sohne des Theseus, Demophon, und gründeten die Vierstadt von Attika; Eurystheus aber schickte einen Boten nach Athen, und kündigte den Athenern Krieg an, wenn sie die Herakliden nicht austrieben. Die Athener weigerten sich des Krieges nicht, Eurystheus aber fiel in Attika ein, und da es zur Schlacht kam, blieb er im Kampfe, und das Heer der Argiver wurde in die Flucht geschlagen.101 Hyllus aber und die andern Herakliden, nebst den mit ihnen Vereinigten, ließen sich, nach dem Tode des Eurystheus, wieder102 in Theben nieder. In dieser Zeit starb auch Alkmene vor Alter, und die Herakliden trugen sie zu Grabe. Diese wohnten an den Elektrischen Thoren,103 wo auch Herakles auf dem Markte [steht]. Zeus aber schickte den Hermes ab, mit dem Befehle, die Alkmene heimlich wegzuschaffen, sie auf die Inseln der Seligen zu führen, und dem Rhadamanthys zur Gemahlin zu geben.104 Hermes folgt diesem Befehl, entwendet die Alkmene, und legt statt ihrer einen Stein in den Sarg. Da nun die Herakliden sich von der Kiste belastet fühlten, setzten sie dieselbe nieder, und fanden beim Aufdecken derselben statt der Alkmene den Stein darin.105 Diesen nahmen sie heraus, und stellten ihn in dem Haine auf, wo das Grabmal der Alkmene in Theben ist.
Smyrna
Thias,106 der Sohn des Belus, und Orithyia, eine der Nymphen, hatten auf dem Gebirge Libanus eine Tochter, Smyrna genannt. Um diese freiten ihrer Schönheit wegen Viele aus vielen Städten; sie aber veranstaltete Vieles, um ihre Eltern zu täuschen, und Aufschub zu bewirken; denn sie war von heftiger Liebe zu ihrem Vater bethört. Im Anfang verbarg sie ihre Krankheit aus Schaam; dann aber, von ihrer Leidenschaft fortgerissen, entdeckte sie sich ihrer Amme Hippolyte. Diese versprach ihr ein Mittel gegen jene abenteuerliche Leidenschaft, und gab gegen Thias vor, daß die Tochter eines reichen Hauses ihm heimlich beizuwohnen wünschte. Thias, ohne etwas von dem zu ahnen, was gegen ihn veranstaltet wurde, stimmte bei, und erwartete das Mädchen zu Hause im Dunkeln auf seinem Lager; die Amme aber führte ihm die Smyrna in verhüllender Kleidung zu. So wurde geraume Zeit dieser wüste und frevelhafte Verkehr unbemerkt fortgesetzt. Smyrna ward schwanger, und Thias wünschte zu wissen, wer die Schwangere sey.107 Er verbarg also Feuer in dem Gemache, und als Smyrna zu ihm kam, und das Feuer plötzlich zum Vorschein gebracht wurde, ward die Sache offenbar. Das Kind entfiel ihrem Leibe: sie selbst aber flehte mit aufgehobenen Händen, weder unter den Lebenden, noch unter den Todten gesehen zu werden. Zeus verwandelte sie in einen Baum, and gab diesem gleichen Namen mit ihr; und wie man sagt, weint dieser alljährlich die Frucht aus dem Holze. Thias, der Pater der Smyrna, tödtete sich selbst wegen seiner gesetzwidrigen That; das Kind aber, das, nach Zeus Willen, auferzogen wurde, nannten sie Adonis, und ihn liebte Aphrodite vorzüglich um seiner Schönheit willen.
Die Hirten
Nach der Erzählung des Xanthiers Menekrates in den Lycischen Geschichten, und des Nikander.
Nachdem Leto auf der Insel Asteria108 den Apollo und die Artemis geboren hatte, begab sie sich nach Lycien, indem sie die Kinder zu dem Bade des Xanthus trug; und sogleich beim Eintritte in dieses Land stieß sie zuerst auf den Bach Melite, und wünschte, ehe sie zum Xanthus käme, hier die Kinder abzuwaschen. Als aber Hirten sie von da wegtrieben, um ihre Rinder aus dem Bache trinken zu lassen, entfernte sich Leto, und verließ die Melite.109 Hierauf kamen ihr Wölfe entgegen, die ihr schmeichelnd den Weg zeigten, und sie zu dem Flusse Xanthus führten. Als sie nun aus dem Flusse getrunken und die Kinder gebadet hatte, weihte sie dem Apollo den Xanthus, und änderte den bisherigen Namen des Landes Trimilis in Lycien um, weil sie von Wölfen (λύκοις) geführt worden war. Hierauf kam sie wieder zu dem Bache, und bestrafte die Hirten, die sie von da weggetrieben hatten. Diese wuschen ihre Rinder noch an dem Bache ab; Leto aber verwandelte alle in Frösche: und indem sie mit einem scharfen Steine sie auf den Rücken und die Schultern schlug, stürzte sie alle in den Bach, und gab ihnen Leben im Wasser. Sie aber schreien noch bis auf den heutigen Tag an Flüssen und Teichen.
Pandareus
Als Rhea aus Furcht vor dem Kronus den Zeus in einer Höhle von Kreta versteckte, reichte ihm die Nymphe Aix110 die Brust, und nährte ihn. Die Aix aber wurde, nach dem Willen der Rhea, von einem goldenen Hunde bewacht. Nachdem nun Zeus die Titanen ausgetrieben, und dem Kronus die Herrschaft genommen hatte, machte er die Aix unsterblich; und noch jetzt steht ihr Abbild unter den Gestirnen:111 den goldenen Hund aber ließ er das Heiligthum in Kreta bewachen. Diesen Hund stahl Pandareus, der Sohn des Merops, und begab sich mit ihm nach Sipylus, wo Tantalus, der Sohn des Zeus und der Pluto, ihn von Pandareus zur Aufbewahrung übernahm. Als aber nach einiger Zeit Pandareus [wieder] nach Sipylus kam, und den Hund zurückforderte, schwur Tantalus ihn nicht bekommen zu haben.112 Zeus aber verwandelte den Pandareus wegen des Diebstahls auf der Stelle, wo er stand, in einen Stein; den Tantalus warf er, des falschen Eides wegen, nieder, und hing den Sipylus über seinem Haupte auf.
Die Dorier
Als Diomedes nach der Einnahme von Ilium nach Argos zurückkehrte, fand er Ursache, auf seine Frau wegen Liebeshändeln zu zürnen.113 Er begab sich hierauf nach Kalydon in Aetolien, tödtete den Agrius und dessen Söhne, und gab seinem Großvater Oeneus die königliche Herrschaft zurück.114 Indem er nun wieder nach Argos schifft, wird er von Stürmen in das Jonische Meer verschlagen. Bei seiner Ankunft daselbst erkannte ihn Daunius, der König der Daunier, und lag ihm an, ihm für ein Stück Land und die Ehe mit seiner Tochter im Kriege gegen die Messapier beizustehn. Diomedes nimmt diesen Vorschlag an. Da es zur Schlacht kam, schlug er die Messapier in die Flucht, erhielt das [versprochene] Land, und vertheilte es unter die Dorier, die bei ihm waren; von der Tochter des Daunius aber bekam er zwei Kinder, die Diomede und den Amphinomus. Nachdem er nun als Greis unter den Dauniern gestorben war, begruben ihn die Dorier auf der Insel, und nannten diese Diomedea: sie selbst aber bearbeiteten das Land, das sie von dem Könige zugetheilt bekommen hatten, und es brachte ihnen in Folge ihrer Kunde im Landbau reichliche Frucht. Nach dem Tode des Daunius aber trachteten die Illyrier aus Neid nach jenem Lande, überfielen die Dorier, als sie auf der Insel Todtenopfer brachten, und erschlugen Alle. Da verschwanden, nach dem Willen des Zeus, die Leiber der Hellenen; ihre Seelen aber wurden in Vögel verwandelt. Und noch jetzt, wenn ein Hellenisches Schiff dort anlegt, kommen die Vögel zu ihnen;115 vor Illyrischen Schiffen aber fliehen sie, und verschwinden alle aus der Insel.
Lykus
Nach Nikander im ersten Buche der Verwandlungen.
Aeakus, der Sohn des Zeus und der Aegina, des Asopus Tochter, hatte zwei Söhne, Telamon und Peleus, und einen dritten, den Phokus, von der Psamathe, des Nereus Tochter. Diesen liebte Aeakus vorzüglich, weil er ein schöner und wackerer Mann war; Peleus aber und Telamon tödteten ihn aus Neid in heimlichem Morde, und wurden deßhalb von Aeakus aus Aegina vertrieben.116 Telamon bewohnte nun die Insel Salamis; Peleus aber begab sich zu Eurytion, dem Sohne des Irus, und wurde durch ihn, auf seine Bitte, von dem Morde gereinigt; tödtete aber wiederum den Eurytion unabsichtlich auf der Jagd, indem er nach einem Schweine schoß.117 Er floh hierauf zu Akastus, von dessen Frau er wegen verliebter Anträge verleumdet, von Akastus allein auf dem Pelion zurückgelassen wird; worauf er umherirrend zum Centaur Chiron kommt. Dieser nimmt ihn auf seine Bitte in seiner Höhle auf.118 Peleus trieb nun viele Schafe und Rinder zusammen, und führte sie zu Irus als Sühne des Mordes. Diese Sühne aber nahm Irus nicht an, sondern Peleus trieb sie weg, und ließ sie in Folge eines Götterspruches frei. Da kam ein Wolf und fraß die Schafe, die ohne Hirten waren; und der Wolf wurde durch göttliche Schickung in einen Stein verwandelt,119 und blieb lange Zeit zwischen Lokris und dem Lande der Phoceer.
Arceophon
Nach Hermesianax im zweiten Buche von der Leontium.
Arceophon, der Sohn des Minnyridas, war aus Salamis in Cyprus, von nicht ausgezeichneten Eltern, denn sie waren aus Phönicien, mit Geld aber, und was sonst zum Glückstande gehört, reichlich begabt. Dieser sah einst die Tochter des Königs von Salamis, Nikokreon, und verliebte sich in sie. Nikokreon stammte von Teuker, welcher mit Agamemnon Ilium erobert hatte, weßhalb denn Arceophon desto mehr nach der Hand seiner Tochter strebte, und reichlichere Brautgeschenke versprach, als die andern Freier. Nikokreon aber ging darauf nicht ein, denn er schämte sich der Herkunft des Arceophon, weil seine Eltern Phönicier waren. Arceophon’s Liebe wurde jetzt, da ihm seine Bewerbung fehlschlug, noch heftiger; er begab sich bei Nacht zu dem Hause der Arsinoë, und verweilte hier mit seinen Gespielen.120 Weil er aber hierdurch für seinen Zweck nichts gewann, wendete er sich an die Amme,121 und warb durch reichliche Geschenke um die Gunst des Mädchens, ob er ihr vielleicht ohne Wissen ihrer Eltern beiwohnen möchte. Das Mädchen aber gab ihren Eltern den Antrag kund, den die Amme ihr gemacht hatte. Diese schnitten der Amme die Zunge, die Nase und die Finger ab, und trieben sie so verstümmelt ohne Erbarmen aus dem Hause. Ueber diese That zürnte die Göttin. Arceophon machte nun, im Uebermaße der Leidenschaft und ohne Hoffnung für seine Wünsche, seinem Leben durch Enthaltung von der Nahrung freiwillig ein Ende; seine Mitbürger aber hegten Mitleiden mit ihm, und betrauerten ihn. Am dritten Tage trugen nun die Verwandten den Leichnam hinaus, um ihn zur Erde zu bestatten; Arsinoë122 aber wünschte übermüthigerweise, vom Hause herab den Leichnam des Arceophon verbrennen zu sehen. Sie sah auch wirklich zu; Aphrodite aber, welche diese Sinnesart haßte, verwandelte sie, und machte sie zum Steine, und ließ ihre Füße in der Erde einwurzeln.
Britomartis
Kassiepea, die Tochter des Arabius, und Phönix, Agenors Sohn, hatten eine Tochter, Karme. Dieser wohnte Zeus bei, und zeugte mit ihr die Britomartis,123 die den Umgang der Menschen floh, und beständig Jungfrau bleiben wollte. Sie begab sich nun zuerst aus Phönicien nach Argos zu den Töchtern des Erasinus, Byze und Melite, Mära und Anchiroë; dann ging sie von Argos nach Cephallenia hinauf, und die Cephallenier nannten sie Laphria, und opferten ihr wie einer Göttin. Hierauf ging sie nach Kreta, wo Minos sie sah, und von Liebe entglüht verfolgte. Sie aber floh zu Fischern, die sie in den Netzen (δίκτυα) verbargen; und hiervon nannten die Kreter sie Diktyuna, und brachten ihr Opfer. Als sie nun dem Minos entflohen war, kam sie nach Aegina auf einem Fahrzeuge mit einem Fischer, Andromedes. Dieser begehrte ihrer, und unterfing sich, ihr beiwohnen zu wollen; Britomartis aber verließ das Schiff, und floh in einen Hain, wo jetzt ihr Tempel ist: hier verschwand sie, und bekam den Namen Aphäa. In dem Heiligthume der Artemis aber weihten die Aegineten diese Stelle, an welcher Britomartis verschwunden war, und nannten sie Aphaë, und brachten Opfer wie einer Gottheit.
Der Fuchs
Cephalus, der Sohn des Deïon, heirathete im Demos Thorikus von Attika die Prokris, die Tochter des Erechtheus. Cephalus war jung, schön und mannhaft; seiner Schönheit wegen liebte ihn Eos, raubte ihn, und ließ ihn bei sich wohnen.124 Damals aber stellte Cephalus die Prokris auf die Probe, ob sie ihm treu verbleiben wollte. Er gab also bei einer gewissen Veranlassung vor, auf die Jagd zu gehen, schickte aber zur Prokris einen ihr unbekannten Diener mit vielem Golde, und befahl ihm, der Prokris zu sagen, ein fremder Mann, der sie liebe, gebe ihr dieses Gold, wenn sie sich ihm ergeben wollte. Zuerst wieß Prokris das Gold zurück; als er aber das Doppelte schickte, willigte sie ein, und nahm den Vorschlag an. Als nun Cephalus inne wurde, daß sie sich in das [angewiesene] Haus begeben, und sich gleich als zu einem Fremden niedergelegt hatte, brachte er eine brennende Fackel hervor, und ertappte sie. Prokris verließ nun den Cephalus aus Schaam, und floh zu Minos, dem König der Kreter. Da sie diesen kinderlos fand, machte sie ihm Versprechungen, und belehrte ihn, auf welche Weise er Kinder bekommen könnte. Denn Minos gab statt des Saamens Schlangen, Skorpionen und Skolopendern von sich, und alle Weiber, denen er beiwohnte, starben. Pasiphaë aber war eine Tochter des Helios, und unsterblich.125 Prokris veranstaltete also Folgendes. Sie schob die Blase einer Ziege in die Natur eines Weibes; in diese Blase leerte Minos erst die Schlangen aus, dann begab er sich zur Pasiphaë, und wohnte ihr bei. Da sie hierauf Kinder bekamen, gab Minos der Prokris den Wurfspieß und den Hund; diesen entging kein Thier, sondern alle wurden erlegt. Nach Empfang dieser Geschenke begab sie sich nach Thorikus in Attika, wo Cephalus wohnte, und jagte mit ihm, nachdem sie ihre Kleidung verändert und sich das Haupt nach Männerart geschoren hatte, so daß Niemand sie wieder erkannte. Da nun Cephalus sah, daß ihm auf der Jagd nichts von Statten ging, der Prokris aber Alles gelang, verlangte ihn sehr nach dem Jagdspieße. Sie versprach ihm diesen,126 wenn er ihr den Genuß seiner Jugend gönnen wollte. Cephalus ging die Bedingung ein, und als sie sich niedergelegt hatten, gab sich Prokris zu erkennen, und warf dem Cephalus vor, viel schmählicher als sie gesündigt zu haben. Cephalus bekam nun den Hund und den Jagdspieß. Hierauf kam Amphitryo, der den Hund bedurfte, zu Cephalus, ob er ihn mit dem Hunde gegen den Fuchs begleiten wollte, und versprach ihm die Hälfte der Beute, die er von den Teleboern bekommen würde. Denn es ließ sich in jener Zeit bei den Kadmeern ein Fuchs sehen, ein Thier von sonderbarer Art. Dieser kam beständig von dem Teumessus herab, und raubte oft Kadmeer hinweg, und sie gaben ihm immer am dreißigsten Tage ein Kind Preis, welches er auffraß. Als nun Amphitryo die Kadmeer bat, mit ihm gegen die Teleboer zu Felde zu ziehen, und diese sich weigerten, wenn er nicht den Fuchs mit ihnen erlegte, schloß Amphitryo auf diese Bedingung einen Vertrag mit den Kadmeern ab. Hierauf begab er sich zu Cephalus, sagte ihm den Vertrag, und bewog ihn, mit seinem Hunde gegen das Thier auszuziehen. Cephalus nimmt es an, zieht mit, und jagt den Fuchs. Es stand aber fest, daß weder der Fuchs von irgend einem Verfolger sollte ergriffen werden, noch dem Hunde etwas, das er verfolgte, sollte entfliehen können. Als sie nun in der Ebene der Thebaner waren, sah es Zeus, und machte beide zu Steinen.127
