Erstes Kapitel
Wir giengen einst im Heiligthum des Kronos1 auf und ab. Da sahen wir außer vielen anderen Weihgeschenken auch eine Tafel vornen an dem Tempel aufgehängt. Auf ihr befand sich ein seltsames Gemälde mit eigenthümlichen, seltsamen Geschichten, von welchen wir nicht errathen konnten, was sie wohl zu bedeuten haben mochten. Denn was da abgebildet war, schien uns weder eine Stadt, noch ein Heerlager zu sein, sondern es war eine Ringmauer, welche noch zwei andere Ringe in sich schloß, einen größeren und einen kleineren. Auch befand sich an der ersten Ringmauer ein Thor; vor dem Thor aber schien uns eine große Menschenmenge zu stehen, und drinnen, innerhalb des Rings, sah man einen Haufen Weiber. Neben dem Eingang durch das erste Thor und die Ringmauer stand ein Greis mit einer Gebärde, als ob er der eintretenden Menge etwas befehlen wolle.
Zweites Kapitel
Da wir nun lange Zeit mit einander über den verborgenen Sinn dieser Sachen im Zweifel waren, sprach zu uns ein ehrwürdiger alter Mann, welcher dabei stand: Ihr braucht euch nicht zu grämen, Fremdlinge, daß ihr aus diesem Gemälde nicht klug werden könnet. Wissen doch selbst von den Einheimischen nicht viele, was diese Dinge zu bedeuten haben. Denn das Weihgeschenk stammt nicht aus dieser Stadt, sondern vor langer Zeit kam einmal ein Fremder hieher, ein verständiger Mann und ein großer Weiser, der in Wort und Werk so ziemlich nach der Regel des Pythagoras und Parmenides zu leben sich bemühte. Und dieser weihte sowohl den Tempel hier, als das Gemälde, dem Kronos.
Also kennst du wohl, sprach ich, diesen Mann selbst und hast ihn gesehen?
Ich habe ihn sogar in meinen jüngeren Jahren lange Zeit bewundert, erwiderte er. Denn er pflegte viele ernste Gespräche zu führen, und dieses geheimnißvolle Bild hier hörte ich ihn oftmals erklären.
Drittes Kapitel
Nun denn, beim Zeus, sprach ich, wenn du nicht zufällig eine sehr dringende Abhaltung hast, so erzähle uns. Denn uns verlangt sehr, zu hören, was dieses Ding wohl bedeute.
Recht gern, ihr Fremdlinge, sprach er; aber das müßt ihr vor allem wissen, daß die Erklärung etwas Gefährliches hat.
In wiefern? sprach ich.
Wenn ihr aufmerken werdet, erwiderte er, und verstehen, was euch gesagt wird, so werdet ihr verständige und glückliche Menschen werden. Wo nicht, so werdet ihr thörichte, unglückliche, mißvergnügte und einsichtslose Menschen, und müßt dann ein elendes Leben führen. Denn die Erklärung gleicht dem Räthsel der Sphinx, das diese einst den Leuten vorlegte. Wenn’s einer errieth, so blieb er am Leben; errieth er’s aber nicht, so wurde er von der Sphinx umgebracht. Gerade so verhält es sich auch mit dieser Erklärung; denn die Thorheit ist für die Menschen eine Sphinx. Das Räthsel aber, das sie aufgibt, ist dieses: Was ist ein Gut? Was ein Uebel? Was ist weder ein Gut, noch ein Uebel in diesem Leben? – Wenn nun einer das nicht herausbringt, so kommt er um durch sie; nicht auf einmal, wie der um’s Leben kam, der von der rechten Sphinx gefressen wurde; sondern allmählich sein ganzes Leben lang muß er dahinsterben, wie wenn einer der Folterbank übergeben wird. Bringt es aber einer heraus, so kommt im Gegentheil die Thorheit um, er selbst aber wird gerettet, und selig und hochbeglückt zeitlebens. – Ihr also, merkt auf und gebt wohl Achtung!
Viertes Kapitel
O Herkules! Welch’ eine heiße Begierde hast du uns eingeflößt, wenn sich dies also verhält!
Sicher verhält es sich so, sprach er.
So fang’ doch sogleich an, uns zu erzählen! Denn wird werden nicht mit halbem Ohr zuhören, zumal da auch Lohn oder Strafe so groß ist.
Da ergriff er einen Stab, deutete damit nach dem Gemälde und sprach: Sehet ihr diese Ringmauer?
Ja!
Das müßt ihr vor allem wissen, daß dieser Raum hier „das Leben“ genannt wird, und die große Menge, welche bei dem Thore steht, das sind die, welche im Begriff sind, in das Leben einzutreten. Der Greis aber, welcher dort oben steht, mit einem Blatt Papier in der einen Hand, während er mit der andern gleichsam auf etwas hinzeigt, der heißt Schutzgeist. Er weist die Eintretenden an, was sie thun sollen, sobald sie in das Leben eingetreten sind, und zeigt ihnen, welchen Weg sie wandeln müssen, wenn es ihnen gut gehen soll im Leben.
Fünftes Kapitel
Welchen Weg heißt er sie nun gehen? fragte ich, oder in welcher Weise?
Siehst du? sprach er, neben dem Thor steht ein Thron, an der Stelle hier, wo die Menge hineingeht. Darauf sitzt ein Weib, die in ihrem Wesen etwas Geziertes hat und in ihrer Erscheinung so etwas Verlockendes, und in der Hand hält sie eine Art von Becher.
Ich sehe sie wohl, sprach ich; aber wer ist sie?
Er antwortete: Man nennt sie Verführung. Sie ist’s, die alle Menschen irre führt.
Nun, was thut sie denn?
Die, so in das Leben eintreten, läßt sie trinken von ihrem Zauber.
Was ist das für ein Trank?
Irrthum, sprach er, und Unwissenheit.
Und was nun?
Sie trinken’s und dann gehen sie in’s Leben hinein.
Trinken sie denn alle den Irrthum, oder nicht?
Sechstes Kapitel
Alle trinken, sprach er; aber die einen mehr, die andern weniger. Ferner, siehst du nicht innerhalb des Thores einen Haufen Weiber in allerhand Gestalt von Hetären?
Ich sehe sie.
Nun also, diese heißen: Meinungen, Begierden, Lüste. Wenn nun die Menge hineingeht, springen sie auf, umarmen jeden Einzelnen, und führen ihn dann hinweg.
Aber wohin führen sie denn alle?
Theils zum Heil, theils aber zum Untergang durch die Verführung.
O theurer Mann! Welch ein schwerer Trank ist das, von dem du redest!
Und jede, fuhr er fort, verspricht, sie werde zum besten Ziel hinführen, zu einem Leben voll Glück und Vortheil. Jene aber können, vermöge der Unwissenheit und des Irrthums, welchen sie aus der Hand der Verführung getrunken haben, nicht herausfinden, welches der richtige Weg im Leben ist, sondern irren planlos umher; wie du denn auch die zuerst Eingetretenen auf’s Gerathewohl sich umtreiben siehst.
Siebentes Kapitel
Ich sehe sie wohl, antwortete ich. Wer ist aber jenes Weib, das wie blind und verrückt aussieht, und auf einem kugelförmigen Stein steht?
Er sprach: Man nennt sie die Glücksgöttin. Sie ist aber nicht allein blind, sondern auch verrückt und taub.
Was hat denn nun diese für ein Geschäft?
Sie läuft aller Orten umher, sprach er; und die Güter, welche sie den einen raubt, gibt sie den andern. Aber eben diesen nimmt sie sofort wieder, was sie gegeben hat, und gibt es Andern planlos und nicht für beständig. Deßhalb deutet auch das Abzeichen ihr Wesen vortrefflich an.
Welches ist’s? fragte ich.
Sie steht auf einem kugelrunden Stein!
Nun denn, was bedeutet dies?
Daß ein Geschenk von ihr nicht zuverlässig, noch dauerhaft ist; denn da kommen große und schwere Unglücksfälle, wenn man ihr vertraut.
Achtes Kapitel
Aber diese Menge Menschen, welche so zahlreich um sie hersteht, was will denn diese, und wie heißen sie?
Diese heißen die Unbedachtsamen, und jeder von ihnen begehrt, was jene hinwirft.
Wie kommt es denn, daß sie nicht auf einerlei Weise sich gebärden? Einige von ihnen scheinen sich zu freuen, andere dagegen sind in Verzweiflung und strecken die Hände gen Himmel.
Die mit der fröhlich lachenden Miene, sprach er, das sind diejenigen, welche etwas von der Glücksgöttin empfangen haben. Sie nennen dieselbe auch ihr gutes Glück. Jene aber, die aussehen wie Weinende, mit ausgestreckten Händen, sind die, welchen sie wieder genommen hat, was sie ihnen zuvor gab. Diese nennen sie gerade umgekehrt ihr Unglück.
Was für Dinge sind es denn, die sie ihnen gibt, daß die einen, welche etwas empfangen, sich so freuen, die anderen aber, welche verlieren, so bitterlich weinen?
Solche, sprach er, die bei den meisten Menschen als Güter betrachtet werden.
Nun, was für Dinge sind das?
Reichthum, versteht sich doch, Ehre, hohe Geburt, Kinder, unumschränkte Macht, königliche Gewalt und anderes dergleichen.
Wie? diese Dinge sollten demnach keine Güter sein?
Davon, sprach er, wird sich auch ein andermal noch reden lassen. Für jetzt wollen wir bei der Erklärung unseres Bildes bleiben.
Mir auch recht!
Neuntes Kapitel
Siehst du nicht, sowie du zu diesem Thor hineingetreten bist, eine zweite, höher stehende Ringmauer, und Weiber außerhalb des Rings in dem gewöhnlichen Aufputz von Hetären?
Nun also, von diesen heißt die eine Unmäßigkeit, die andere Schwelgerei, die dritte Unersättlichkeit, die vierte Schmeichelei.
Und warum stehen diese hier?
Er sprach: Sie passen auf diejenigen, welche etwas von der Glücksgöttin empfangen haben.
Und was hernach?
Sie springen auf, umschlingen dieselben, schmeicheln ihnen, und reden ihnen zu, bei ihnen zu bleiben, indem sie ihnen die Versicherung geben: sie sollen ein angenehmes Leben haben, ohne Anstrengung und ohne alle Widerwärtigkeit. Wenn sich nun jemand von ihnen überreden läßt, sich auf die Lust einzulassen, so dünkt ihm das eine Zeit lang eine angenehme Kurzweil, so lange der Kitzel währt; aber dann nicht mehr. Denn wenn er anfängt, nüchtern zu werden, so merkt er, daß er nicht gegessen hat, sondern von ihr gefressen und mißbraucht worden ist. Deßhalb muß er auch, wenn alles aufgezehrt ist, was er von der Glücksgötting empfangen hat, diesen Weibern dienstbar sein, sich alles gefallen lassen, eine klägliche Rolle spielen und ihretwegen alles thun, was nur irgend verderblich ist, z. B. Stehlen, Tempel ausrauben, falsch schwören, verrathen, plündern und was dergleichen Dinge mehr sind. Wenn sie dann endlich an allem Mangel leiden, so überläßt man sie der Pein.
Zehntes Kapitel.
Und wie ist’s mit dieser?
Er sprach: Siehst du nicht ein wenig hinter ihnen etwas, wie ein Pförtchen, und einen engen, finsteren Raum?
Allerdings!
Auch bemerkst du wohl häßliche, schmutzige, in Lumpen gehüllte Weiber daselbst?
Ja wohl.
Von diesen nun, sprach er, heißt die mit der Geißel in der Hand Pein; die, welche den Kopf auf die Kniee senkt, heißt Trauer, und die, welche sich die Haare zerrauft, Schmerz.
Jener andere aber, der neben ihnen steht, so mißgestaltet, abgezehrt und nackt, und bei ihm noch eine, ihm ähnlich an Häßlichkeit und Magerkeit, – wer sind diese? –
Jener dort, sprach er, heißt Jammer, und diese da, seine Schwester, Verzweiflung. Diesen also wird er übergeben, und bei ihnen lebt er und wird gepeinigt. Sodann wird er von da wieder in die andere Behausung geworfen, in das Unglück, und bringt hier den Rest seines Lebens ganz im Elend zu, wenn nicht etwas durch einen glücklichen Zufall die Reue ihm begegnet.
Eilftes Kapitel
Wie geht es denn, wenn die Reue ihm begegnet?
Sie erlöst ihn aus allem Elend, und gesellt ihm eine andere Meinung und Begierde zu, die ihn zur wahren Bildung leitet, zugleich aber auch eine solche, die zur sogenannten Afterbildung hinführt.
Wie geht es dann weiter?
Er sprach: Wenn er diejenige Meinung annimmt, die ihn zur wahren Bildung führen kann, so wird er von ihr gereinigt und zum Heile gelangen, und wird selig und glücklich all sein Leben lang. Wo aber nicht, so wird er auf’s neue irre geleitet durch die falsche Meinung.
Zwölftes Kapitel
O Herkules! Welch’s neue große Gefahr ist das! Aber was ist denn die Afterbildung? fragte ich.
Siehst du nicht jene zweite Ringmauer dort?
O ja, antwortete ich.
Steht nicht außerhalb des Rings neben dem Eingang ein Frauenzimmer, anscheinend sehr hübsch und anständig?
Ja wohl.
Nun also, diese nennt der gedankenlose große Haufe Bildung. Sie ist es aber nicht, sondern es ist die Afterbildung, sprach er. Dennoch gerathen die Geretteten, wenn sie zur wahren Bildung gelangen wollen, zuerst hieher.
So gibt es also keinen andern Weg zur wahren Bildung?
Doch, es gibt einen, sprach er.
Dreizehntes Kapitel
Wer aber sind jene Leute dort, welche innerhalb der Ringmauer auf und abwandeln?
Das sind die betrogenen Liebhaber der falschen Bildung, sprach er, welche sich in der Gesellschaft der wahren Bildung zu befinden glauben.
Und wie heißen sie?
Diese hier heißen Poeten, jene dort Rhetoren; dann kommen die Dialektiker, die Musiker, die Arithmetiker, die Metzkünstler, die Astronomen, die Hedoniker, die Peripatetiker2, die Kritiker, und andere ihres gleichen.
Vierzehntes Kapitel.
Aber jene Weiber dort, welche hin und her zu laufen scheinen, gleich den ersten, unter welchen, wie du sagtest, die Unmäßigkeit sich befindet, und die Uebrigen bei ihnen, wo sind sie?
Es sind ebendieselbigen, sprach er.
Also kommen sie auch da hinein?
Ja, sprach er; denn es bleibt auch in diesen hier der Trank noch wirksam, welchen sie von der Verführung getrunken haben; ja, beim Zeus! Auch die Unwissenheit bleibt noch bei ihnen, und zugleich die Unverständigkeit; und nicht eher wird weder Vorurtheil, noch was sonst Schlechtigkeit an ihnen ist, von ihnen weichen, als bis sie mit Verwerfung der Afterbildung den wahren Weg einschlagen, und die Arznei einnehmen, welche sie davon rein macht. Alsdann, wenn sie gereinigt sind, und alle Fehler, die sie an sich haben, die Vorurtheile, die Unwissenheit und alles übrige Schlimme von sich geworfen haben, dann werden sie eben hiedurch gerettet sein. Bleiben sie aber hier bei der Afterbildung, so werden sie nie erlöst werden, und auch nicht ein Gebrechen wird von ihnen weichen – um jener Wissenschaften willen.
Fünfzehntes Kapitel.
Welches ist denn nun der Weg, der zu wahren Bildung führt? fragte ich.
Siehst du, sprach er, dort oben einen Ort, wo niemand wohnt, und scheinbar wüste?
Ja.
Und nicht auch ein Pförtchen, und einen Pfad vor dem Pförtchen, welcher nicht viel betreten wird? Nur sehr Wenige gehen darauf, da er unwegsam, rauh und felsig zu sein scheint.
Allerdings, sprach ich.
Und siehst du nicht auch etwas, wie einen steilen Hügel, zu welchem ein sehr schmaler Weg hinaufführt, und auf beiden Seiten tiefe Abgründe an demselben?
Ja.
Dies ist also der Weg, sprach er, welcher zu wahren Bildung führt.
Und sehr schwierig sieht er aus.
Siehst du nicht auch oben auf dem Hügel einen großen, hohen und ringsum abschüssigen Felsen?
Ja freilich.
Sechzehntes Kapitel
Siehst du ferner auch zwei Frauen auf dem Felsen stehen, von gesundem und kräftigem Körper, wie sie voll Verlangen die Hände ausgestreckt haben?
Ja wohl, sagte ich; aber wie heißen sie?
Diese da, sprach er, heißt Selbstbeherrschung; jene dort Beharrlichkeit. Es sind Schwestern.
Weßhalb nun haben sie so verlangend ihre Hände ausgestreckt?
Er sprach: Sie ermahnen diejenigen, welcher hieher kommen, sie sollen gutes Muthes sein und nicht verzagen. Nur noch kurze Zeit, sagen sie, sollen sie ausharren, alsdann werden sie auf einen schönen Weg kommen.
Wann sie nun an dem Felsen angelangt sind, wie kommen sie hinauf? Denn ich sehe nirgends einen Weg, der hinaufführt.
Jene Frauen steigen von dem steilen Abhange zu ihnen herunter, und ziehen sie zu sich empor. Dann lassen sie dieselben recht ausruhen und nach einem Weilchen verleihen sie ihnen Stärke und Muth, und versprechen ihnen, sie bei der wahren Bildung einzuführen. Auch zeigen sie ihnen den Weg, wie schön, wie eben, wie gut zu gehen, wie frei von aller Gefahr er ist, so wie du siehst.
Ja, beim Zeus, ganz deutlich!
Siebenzehntes Kapitel
Siehst du nun auch, sprach er, vor jenem Hain einen Ort, der einen hübschen Anblick gewährt? Er ist mit Gras und Blumen bewachsen und von einem hellen Licht beschienen.
O ja!
Bemerkst du ferner auch mitten in dieser Aue noch einen dritten Ring und ein drittes Thor?
Es ist so. Aber wie heißt dieser Ort?
Wohnung der Seligen, sprach er; denn hier ist die Stätte aller Tugenden und der Glückseligkeit.
Ist’s möglich? O wie schön, sprach ich, muß der Ort sein, von welchem du redest!
Achtzehntes Kapitel
Siehst du nun nicht, sprach er, wie neben dem Thore eine Frau steht, das Antlitz voll Schönheit und Ruhe, bereits in mittlerem und reiferem Alter, bekleidet mit einem einfachen, schmucklosen Gewand3. Sie steht aber nicht auf einem runden, sondern auf einem viereckigen, festliegenden Stein, und bei ihr sind noch zwei andere, wie es scheint, ihre Töchter.
Augenscheinlich ist es so.
Nun denn, die mittlere unter ihnen ist die Bildung; diese da die Wahrheit, jene dort die Ueberzeugung.
Warum aber steht sie auf einem viereckigen Stein?
Zum Zeichen, sprach er, daß der Weg zu ihr für die Herannahenden unfehlbar und sicher ist, und daß die Gabe, welche sie gibt, den Empfänger nicht täuscht.
Und was ist es, was sie gibt?
Muth und Furchtlosigkeit, sprach jener.
Diese aber, worin bestehen sie?
In der Erkenntniß, antwortete er, daß uns in diesem Leben niemals ein Unheil widerfahren kann.
Neunzehntes Kapitel
O Herkules! sprach ich, welche schöne Geschenke! Aber weßhalb steht sie so außerhalb des Rings?
Um die Ankommenden zu heilen, sprach er, und ihnen die reinigende Arznei einzuflößen. Und so gereinigt führt sie dann dieselben zu den Tugenden hinein.
Wie geschieht das? fragte ich; ich verstehe es nicht.
Du wirst es aber verstehen. Wie bei einem Schwelger4, wenn der einmal krank wird, so geht er etwa zu einem Arzt, und beseitigt zuerst durch Abführmittel die Ursache der Krankheit. So bringt ihn dann der Arzt wieder zur Genesung und zur Gesundheit. Wenn er aber dessen Verordnungen nicht gehorcht hat, so wird er, denke ich, mit allem Recht aufgegeben und von der Krankheit hinweggerafft.
Das begreife ich wohl, sprach ich.
Nun denn, ganz ebenso, fuhr er fort, macht es auch die Bildung. Wenn jemand zu ihr kommt, so heilt sie ihn und gibt ihm von ihrer Arznei ein, damit er vor allem gereinigt werde, und die Fehler von sich abthue, mit welchen er bei seiner Ankunft behaftet war.
Welche Fehler?
Die Unwissenheit und den Irrthum, die er bei der Verführung getrunken hatte; ferner die Anmaßung, die Sinnenlust, die Unmäßigkeit, den Zorn, den Geiz und alles Uebrige, womit er innerhalb des ersten Rings angefüllt worden ist.
Zwanzigstes Kapitel
Wenn er nun rein geworden ist, wohin schickt sie ihn?
Dort hinein zu der Erkenntniß und zu den übrigen Tugenden.
Welche sind diese?
Siehst du nicht innerhalb des Thores einen Kreis von Frauen? Wie reizend, wie sittsam ist ihr Aueßeres! Ihre Kleidung ist durchaus nicht üppig und ganz einfach. Ueberdies, wie ganz ohne Schminke sind sie, und keineswegs mit Schmuck überladen, wie die andern!
Ich sehe sie wohl; aber wie heißen sie?
Die erste, sprach er, heißt Erkenntniß. Die andern aber, ihre Schwestern, heißen Tapferkeit, Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Klugheit, Sittsamkeit, Freimüthigkeit, Selbstbeherrschung, Sanftmuth.
O Bester5! antwortete ich. Wie Großes haben wir zu hoffen!
Ja, wofern ihr das, was ihr höret, auch verstehet, und es euch recth aneignen werdet.
Das soll unser eifrigstes Bestreben sein, sprach ich.
Nun dann soll euch geholfen werden, erwiderte er.
Einundzwanzigstes Kapitel
Wenn ihn nun diese in Empfang genommen haben, wohin führen sie ihn?
Zu ihrer Mutter, antwortete er.
Wer ist diese?
Die Glückseligkeit, sprach er.
Welche ist es?
Siehst du den Weg dort, welcher zu jener Anhöhe führt, die gleichsam die feste Burg sämmtlicher Umwallungen bildet?
Ja.
Sitzt nun nicht dort bei der Vorhalle eine Frau voll Anstand und schön von Gestalt, auf einem hohen Throne, in edlem, einfachem Schmuck und bekränz mit einem reichen, bunten Blumenkranz?
So scheint es.
Nun eben diese, sprach er, ist die Glückseligkeit.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Wenn nun jemand hieher gelangt, was thut sie dann?
Er sprach: die Glückseligkeit und die anderen Tugenden alle bekränzen ihn, jede mit der ihr eigenthümlichen Kraft, als einen Sieger in den schwersten Kämpfen.
Und in welchen Kämpfen hat er denn gesiegt? fragte ich.
In den gewaltigsten, antwortete er, und gegen die gewaltigsten Bestien, welche ihn zuvor zerrissen, gequält und zum Sklaven gemacht haben. Diese alle hat er besiegt, hat sie von sich geschleudert, und hat sich selbst völlig in seiner Gewalt, so daß jene nun ihm dienen, wie er zuvor ihnen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Was sind das für Bestien, von welchen du redest? Ich bin sehr begierig, es zu hören.
Für’s erste die Unwissenheit und der Irrthum, sprach er. Oder scheinen dir das keine Bestien zu sein?
Und dazu recht schlimme, erwiderte ich.
Sodann die Traurigkeit, der Jammer, der Uebermuth, der Geiz, die Unmäßigkeit und was es sonst noch Schlimmes gibt. Diese alle beherrscht er jetzt, statt sich beherrschen zu lassen, wie zuvor.
O herrliche Thaten, sprach ich, und glorreichster Sieg!
Aber sage mir noch dies: Welches ist die Kraft des Kranzes, mit dem er bekränzt wird, wie du sagst?
Eine beglückende, o Jüngling! Denn wer mit dieser Kraft bekränzt worden ist, wird glücklich und selig, und setzt die Hoffnungen seiner Glückseligkeit nicht auf andere, sondern auf sich selbst.
Vierundzwanzigstes Kapitel
O wie herrlich ist der Sieg, von dem du sprichst. – Wenn er aber bekränzt worden ist, was thut er, oder wohin geht er?
Die Tugenden nehmen ihn und führen ihn an jenen Ort, von wo er ausgegangen ist, und zeigen ihm, wie die, welche sich dort aufhalten, so schlecht und elend leben, wie sie Schiffbruch leiden im Leben, und umherirren und gewaltsam fortgeschleppt werden, wie von Feinden, die einen von der Unmäßigkeit, die andern von der Anmaßung, wieder andere vom Geiz, andere von der Eitelkeit, andere von anderen Uebeln. Von diesen schlimmen Banden, in welchen sie gefesselt liegen, können sie sich selbst nicht losmachen, so daß sie gerettet würden und hieher kämen, sondern sie sind voll Unruhe ihr ganzes Leben hindurch. Und dieß alles erdulden sie, weil sie den Weg hieher nicht finden können. Denn sie haben vergessen, was ihnen der Schutzgeist befohlen hat.
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Gut gesagt, wie mir scheint. Aber auch darüber bin ich noch im Unklaren, weßhalb ihm die Tugenden jenen Ort zeigen, von wo er früher hergekommen ist? –
Er hat, sprach er, von dem, was dort geschah, nichts recht gemerkt und begriffen, sondern er war im Zweifel, und vermöge der Unwissenheit und des Irrthums, welche er getrunken hatte, hielt er für ein Gut, was doch kein Gut ist, und für ein Uebel, was kein Uebel ist. Deßhalb führte er auch ein elendes Leben, wie die andern, welche sich dort aufhalten. Nun aber, da er die Erkenntniß dessen, was uns zuträglich ist, gewonnen hat, geht es ihm selbst vortrefflich, und er sieht ein, wie schlecht es jene haben.
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Wann er nun alles betrachtet hat, was thut er, oder wohin geht er dann noch?
Wohin er will, sprach er; denn überall ist er so sicher, wie einer, der die Korycische Höhle1 bewohnt, und überall, wohin er kommt, wird er ganz glücklich und in völliger Sicherheit leben; denn jedermann wird ihn mit Freuden aufnehmen, wie die Kranke den Arzt.
Auch fürchtet er wohl jetzt nicht mehr, daß ihm jene Weiber, welche du Bestien genannt hast, etwas zu Leid thun werden?
Beim Zeus, nein! Er wird nicht mehr belästigt werden, weder von dem Schmerz, noch von der Traurigkeit, noch von der Unmäßigkeit, noch von dem Geiz, noch von der Armuth, noch von irgend einem anderen Uebel; denn er beherrscht sie alle und ist erhaben über alles, was ihm zuvor Schmerz verursacht hat, wie die Schlangenbändiger. Diesen nemlich thun die Thiere, welche alle andern tödtlich verletzen, nichts zu Leid, weil sie ein Gegengift besitzen. So kann auch jenen kein Leid mehr berühren, weil er das Gegengift besitzt.
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Gut gesagt, wie mir scheint. Aber sage mir auch das noch: Wer sind jene, die man dort von dem Hügel herabgekommen sieht, und zwar einige von ihnen bekränzt, und augenscheinlich mit fröhlichen Gebärden, andere aber ohne Kranz, voll Trauer und Unruhe? Auch scheinen sie müde Beine und Köpfe zu haben, und werden von etlichen Weibern aufrecht erhalten.
Die Bekränzten sind diejenigen, welche bei der Bildung ihre Rettung gefunden haben. Sie freuen sich nun, daß sie zu ihr gelangt sind. Die aber ohne Kranz sind theils solche, die, von der Bildung aufgegeben, wieder umkehren zu einem schlechten und elenden Dasein, theils solche, die zaghaft geworden sind, während sie zu der Beharrlichkeit hinaufstiegen, und jetzt wieder umkehren und pfadlos umherirren.
Wer sind aber jene Weiber, die ihnen das Geleite geben?
Die Traurigkeit, antwortete er, und der Schmerz, die Muthlosigkeit, die Schmach und die Unwissenheit.
Achtundzwanzigstes Kapitel
Da sagst du ja, daß alle Uebel sie begleiten.
Beim Zeus! sprach er, es begleiten sie auch alle. Wenn aber jene Leute wieder im ersten Ring angekommen sind bei der Wollust und der Unmäßigkeit, so klagen sie nicht sich selbst an, sondern alsbald verläumden sie die Bildung und die, welche zu ihr wandeln und sagen, das seien erbärmliche, elende und unglückselige Menschen, welche die bei ihnen übliche Lebensweise verlassen, dann ein Jammerleben führen, und von den Gütern, die man bei ihnen habe, nichts genießen.
Und was heißen sie denn Güter?
Schwelgerei und Unmäßigkeit, um er kurz zu sagen. Denn schmausen und sinnlich genießen nach Art des Viehs, das betrachten sie als die höchsten Güter.
Neunundzwanzigstes Kapitel
Wie heißen aber jene anderen Weiber, welche heiter und lachend von dort her kommen?
Die Meinungen, sprach er. Sie haben diejenigen, welche bei den Tugenden angekommen sind, zu der Bildung geführt, und kehren jetzt zurück, um andere zu geleiten, und ihnen zu sagen, wie glücklich diejenigen schon geworden sind, welche sie zuvor dorthin geführt haben.
Gehen wohl diese selbst auch zu den Tugenden hinein? fragte ich.
Nein, erwiderte er; denn der Meinung ist es nicht erlaubt, zu der Erkenntniß hineinzugehen, sondern sie übergeben dieselben der Bildung. Darnach, wenn die Bildung sie übernommen hat, kehren sie wieder um und führen andere herbei, wie die Schiffe, wenn die Waaren ausgeladen sind, wieder umkehren und mit anderen befrachtet werden.
Dreißigstes Kapitel
Du hast diese Sachen, wie mir scheint, vortrefflich ausgelegt, sprach ich. Das aber hast du uns noch nicht geoffenbart, was der Schutzgeist denen, die in das Leben eintreten, zu thun gebietet.
Sie sollen gutes Muthes sein, sprach er. Darum seid auch ihr gutes Muthes; denn ich will euch alles auslegen und nichts verhehlen.
Wohl gesprochen! sagte ich.
Er streckte also die Hand wieder aus und sprach: Sehet ihr jenes Weib, das wie eine Blinde aussieht, und auf einem runden Stein zu stehen scheint, von welcher ich euch bereits gesagt habe, daß man sie Glücksgöttin nennt?
Wir sehen sie.
Einunddreißigstes Kapitel
Eben dieser, fuhr er fort, soll man nicht trauen, befiehlt der Schutzgeist. Man soll nicht für beständig, nichts für zuverläßig halten, was man von ihr empfängt, noch es als sein Eigenthum betrachten; denn nichts hindert sie, es wieder zu nehmen und einem andern zu geben; und sie pflegt es oft so zu machen. Aus diesem Grunde also befiehlt jener, man solle sich durch ihre Gaben nicht bestechen lassen, und sich weder freuen, wenn sie gibt, noch sich betrüben, wenn sie nimmt, und sie weder tadeln, noch loben. Denn sie thut nichts mit Ueberlegung, sondern, wie ich euch schon vorhin sagte, alles auf’s Gerathewohl und wie es eben kommt. Deßhalb also gebietet der Schutzgeist, man solle sich nicht wundern, was sie auch thun möge, und es nicht machen, wie die schlechten Wechsler. Diese freuen sich nemlich, wenn sie das Geld von den Leuten in Empfang nehmen, und betrachten es als ihr Eigenthum. Kündet man ihnen aber auf, so nehmen sie es übel, meinen, ihnen sei großes Unrecht geschehen und bedenken nicht, daß sie die hinterlegte Summe unter der Bedingung erhalten haben, daß der, welcher sie hinterlegt hat, sie ohne Schwierigkeiten wieder erheben könne. Ebenso, befiehlt nun der Schutzgeist, solle man es auch mit den Gaben der Glücksgöttin halten, und dessen eingedenk sein, daß eben dies ihre Art und Weise sei, das, was sie gegeben hat, wieder zu nehmen, dann plötzlich wieder vielfältig zu geben, und abermals wieder zu nehmen, was sie gegeben hat, und nicht nur dieses, sondern sogar, was man zuvor besessen hat. Was sie nun etwa gibt, das, sagt er, soll man von ihr annehmen, und sobald man es hat, sogleich zu der beständigen und zuverläßigen Gabe hingehen.
Zweiunddreißigstes Kapitel
Welche ist dies? fragte ich.
Diejenige, welche man von der Bildung empfängt, wenn man dort Rettung gefunden hat.
Nun, was ist denn das für eine?
Die wahre Erkenntniß dessen, was heilsam ist, sprach er, das ist ein zuverläßiges, beständiges, unwandelbares Geschenk. Zu ihr also, befiehlt er, solle man unverzüglich fliehen, und wenn man zu jenen Weibern dort kommt, von welchen ich euch schon vorhin sagte, daß sie Unmäßigkeit und Wollust genannt werden, so gebietet er, man solle sich auch von da unverzüglich entfernen, und auch ihnen durchaus nichts glauben. Sobald man zur Afterbildung gelange, befiehlt er, solle man einige Zeit verweilen und sich von ihr aneignen, was man will, gleichsam als Wegzehrung, dann aber unverzüglich von hier weiter gehen zur wahren Bildung. Das ist es, was der Schutzgeist befiehlt. Wer nun irgend dem zuwider handelt, oder nicht darauf achtet, der geht elend zu Grund.
Dreiunddreißigstes Kapitel
Da habt ihr nun, ihr Fremdlinge, den Sinn des Bildes auf dieser Tafel. Wenn ihr aber noch über etwas von diesen Dingen, was es auch sei, Fragen zu machen habt, nur zu! Ich will es euch sagen.
Ganz recht, sprach ich. So sage denn an, was befiehlt der Schutzgeist von der Afterbildung anzunehmen?
Solches, wovon man denkt, es könnte von Nutzen sein.
Was für Dinge sind nun das?
Die Sprachwissenschaften, sprach er, und von den andern Wissenschaften dasjenige, wovon auch Plato sagt, daß es für die Jünglinge die Wirkung eines Zügels habe, damit sie nicht zu anderem sich verleiten lassen.
Ist es aber nothwendig, dies anzunehmen, oder nicht, wenn man zur wahren Bildung gelangen will?
Nothwendig zwar durchaus nicht, sprach, aber doch nützlich ist es. Zum Besserwerden freilich tragen jene Dinge nichts bei.
Du sagst also, diese Dinge helfen nichts zur Besserung der Menschen?
Gar nichts! denn man kann auch ohne sie besser werden. Aber doch haben auch sie ihren Nutzen. Denn wie wir mit Hülfe eines Dolmetschers zur Noth verstehen können, was gesprochen wird, obgleich es sicherlich nicht ohne Nutzen für uns wäre, selbst die Ausdrücke noch genauer zu verstehen, wenn wir auch etwas davon verstanden haben: so wird uns auch ohne jene Wissenschaften nichts hindern, besser zu werden7.
Vierunddreißigstes Kapitel.
So haben also diese Gelehrten in Beziehung auf das Besserwerden nichts voraus vor den übrigen Menschen?
Wie sollten sie etwas voraus haben, da sie hinsichtlich der Güter und der Uebel in derselben Täuschung befangen zu sein scheinen, wie die andern, und noch von allen Lastern beherrscht sind? Denn nichts hindert, zwar in den Wissenschaften bewandert zu sein, und alle Kenntnisse zu besitzen, aber ebenso auch dem Trunk und der Unmäßigkeit sich zu ergeben, geizig, ungerecht, ein Verräther, ja zuletzt ein Narr zu sein.
Ja freilich, solcher Art Leute kann man viele sehen.
Wie können also, sprach er, diese etwas voraus haben in Beziehung auf das Besserwerden?
Fünfunddreißigstes Kapitel
Es scheint allerdings nicht, nach dem, was du sagst. Aber was ist die Ursache, fragte ich, daß sie innerhalb des zweiten Kreises verweilen, wie wenn sie sich der wahren Bildung nähern wollten?
Was nützt ihnen das? entgegnete er. Wie oft sieht man Leute, die aus dem ersten Kreis, von der Unmäßigkeit und den übrigen Lastern, in den dritten Kreis zur wahren Bildung gelangen, und diese Gelehrten hinter sich zurücklassen! Also was haben sie noch voraus? Etwa dies, daß sie unbeweglicher und ungelehriger sind.
Wie so? sprach ich.
Weil die im zweiten Ring, wenn es auch weiter nichts wäre, zum mindesten das nicht wissen, was sie doch zu wissen vorgeben8. So lange sie nun an solchen Schein sich halten, können sie unmöglich geneigt sein, nach der wahren Bildung zu streben. Sodann, bemerkst du nicht auch das andere, daß die Meinungen aus dem ersten Ring ganz ebenso auch zu ihnen hineingehen, so daß sie also um nichts besser daran sind, als jene, wofern nicht auch ihnen die Reue beisteht, und sie zu der Ueberzeugung kommen, daß sie nicht die Bildung, sondern nur die Afterbildung besitzen, durch welche sie sich täuschen lassen? Bleiben sie aber, wie sie sind, so dürften sie schwerlich jemals Rettung finden. Folglich auch ihr nicht, ihr Fremdlinge, sprach er, wenn ihr es nicht so machet, und über das Gesagte nachdenket, bis ihr es begriffen habt. Und zwar müsset ihr ein und dasselbse oft überlegen, und nicht müde werden, das Uebrige aber als Nebensache ansehen. Wo nicht, so werdet ihr keinen Gewinn haben von dem, was ihr da zu hören bekommt.
Sechsunddreißigstes Kapitel
Wir wollen es thun. Das aber erkläre uns noch, wie es kommt, daß die Dinge, welche die Menschen von der Glücksgöttin empfangen, z. B. Leben, Gesundheit, Reichthum, Ehre Kinderbesitz, Sieg und anderes dergleichen keine Güter sind, und umgekehrt, daß das Gegentheil davon kein Uebel ist? denn diese Behauptung scheint uns sehr sonderbar und unglaublich.
Wohlan denn, sprach er, versuche, mir deine Meinung zu sagen über das, worüber ich dich fragen werde.
Recht gerne, sprach ich.
Wenn einer ein schlechtes Leben führt, ist das Leben für ihn ein Gut?
Ich glaube nicht, antwortete ich, sondern ein Uebel.
Wie kann also das Leben ein Gut sein, fuhr er fort, da es doch für einen solchen Menschen ein Uebel ist?
Mir scheint es ein Uebel zu sein für diejenigen, welche ein schlechtes Leben führen, ein Gut aber für die, welche rechtschaffen leben.
Somit behauptest du, das Leben sei sowohl ein Uebel, als ein Gut?
Ja.
Siebenunddreißigstes Kapitel
Behaupte doch nichts so Unwahrscheinliches. Denn es ist unmöglich, daß ein und dasselbe Ding sowohl ein Uebel, als ein Gut sei; sonst wäre es ja auch sowohl nützlich, als schädlich, wünschenswerth und verabscheuungswürdig, immer beides zugleich.
Das ist allerdings unwahrscheinlich; aber wenn doch das „Schlecht leben“ ist aber doch nicht einerlei, sprach er; oder glaubst du das nicht?
Sei versichert, auch ich glaube nicht, daß dies einerlei sei.
Also ist „Schlecht leben“ ein Uebel, das Leben aber ist kein Uebel; denn wäre es ein Uebel, so müßte es auch für diejenigen ein Uebel sein, welche rechtschaffen leben, sofern sie nun einmal leben, was ja ein Uebel sein soll.
Ich glaube, es ist wahr, was du sagst.
Achtunddreißigstes Kapitel
Da nun das Leben beiden zukommt, sowohl denen, welche schlecht, als denen, welche rechtschaffen leben, wäre es da nicht möglich, daß das Leben weder ein Gut, noch ein Uebel ist, wie auch das Schneiden und Brennen bei den Kranken weder schädlich, noch heilsam ist (sondern die Art, wie man schneidet und brennt9)? Ist es nicht ebenso auch mit dem Leben?
Ja, so ist’s.
Und jetzt betrachte die Sache einmal so: Was möchtest du lieber? Schmählich leben oder, ehrenvoll und männlich sterben?
Ich möchte lieber ehrenvoll sterben.
Ist also nicht auch das Sterben kein Uebel, da oft das Sterben wünschenswerther ist, als das Leben.
So ist es.
Muß man nun nicht gerade so auch vom Gesundsein und Kranksein denken? Denn oft ist das Gesundsein gar nicht zuträglich, sondern das Gegentheil, wenn die Umstände darnach sind.
Du redest die Wahrheit.
Neununddreißigstes Kapitel
Wohlan denn, wir wollen auch den Reichthum so ansehen. Augenscheinlich ist es ja, und man kann es oft sehen, daß jemand Reichthum besitzt, und dabei schlecht und schändlich lebt.
Beim Zeus! Es gibt viele solche.
Diesen hilft also der Reichthum nichts zu einem rechtschaffenen Leben?
Das ist offenbar; denn sie selbst sind schlecht. Somit ist es nicht der Reichthum, was die Menschen tugendhaft macht, sondern die Bildung.
Sehr wahrscheinlich; wenigstens dem Gesagten zufolge.
Wie kann aber der Reichthum ein Gut sein, da er doch denen, die ihn besitzen, zur Besserung nichts hilft?
Die Sache ist klar.
So ist also für einige das Reichsein gar nicht zuträglich, wenn sie den Reichthum nicht zu gebrauchen wissen.
Ich glaube so.
Wie mag man nun das für ein Gut halten, dessen Besitz so oft nicht zuträglich ist?
In keinerlei Weise.
Wird einer also nicht, wofern er den Reichthum gut und verständig anzuwenden weiß, gut leben, wo nicht – schlecht?
Mir scheint das, was du sagst, die reinste Wahrheit zu sein.
Vierzigstes Kapitel
Ueberhaupt aber – solche Dinge in Ehren halten, als ob sie Güter wären, oder sie verschmähen als Uebel, das ist es, was die Menschen beunruhigt und ihnen Schaden bringt, wenn sie nemlich einen Werth darauf legen und meinen, nur durch solche Dinge könne man glücklich sein, und folglich ihretwegen alles thun, selbst das, was für das Gottloseste gilt. Solches widerfährt ihnen aber aus Unkenntniß dessen, was das rechte Gut ist; denn sie wissen nicht, daß aus Bösem nichts Gutes entsteht. Man kann aber viele sehen, welche Reichthum erworben haben durch schlechte und schändliche Handlungen, als da sind: Verrath, Raub, Mord, Angeberei, Diebstahl und andere Schlechtigkeiten.
So ist es.
Einundvierzigstes Kapitel
Wenn also aus Schlechtem nichts Gutes entsteht, wie sich vermuthen läßt, Reichthum aber aus schlechten Handlungen entsteht, so kann Reichthum unmöglich etwas Gutes sein.
Das folgt aus dem Gesagten.
Aber so kann man auch weder zur Weisheit, noch zur Rechtschaffenheit gelangen durch schlechte Handlungen; ebenso wenig aber zur Ungerechtigkeit und Thorheit durch gute Handlungen. Auch kann nicht wohl beides zugleich in Einem beisammen sein. Reichthum aber und Ruhm und Sieg, und anderes der Art kann einer ohne Schwierigkeit zugleich mit vieler Schlechtigkeit besitzen. Folglich sind diese Dinge weder Güter, noch Uebel; sondern nur die Weisheit ist ein Gut; die Thorheit aber ein Uebel.
Mir scheint, erwiderte ich, was du gesagt hast, sei bewiesen.
Anmerkungen
1 Kronos s. v. a. Saturnus.
2 „Peripatiker“ liest hier Schweighäuser auf Grund einer geschätzten Handschrift, um den Anstoß hinwegzuräumen, welchen die gewöhnliche Lesart: „Peripatetiker“ erregt. Auf die letztere will man den Beweis gründen, dass nicht Cebes, der Schüler des Sokrates, Verfasser der vorliegenden Schrift sein könne, weil diesem die Peripatetiker, die Anhänger des Aristoteles, unmöglich bekannt sein konnten. Ebenso verhält es sich mit den unmittelbar vorher erwähnten Hedonikern, den Anhängern Aristipps. Da jedoch sonst keine Gründe vorhanden sind, an der Aechtheit des Buches zu zweifeln, so könnte der obige Anstoß leicht dadurch gehoben werden, dass man die beiden Namen Hedoniker und Peripatetiker für ein späteres Einschiebsel ansieht.
3 Nach der Lesart: —- (Korai und Dübner). Die andere Lesart: —- (Schweighäuser) führt zu der Uebersetzung Gewand und Schmuck einfach.
4 Die Lesart des Codd. —- gibt keinen Sinn. Wir übersetzen nach der von Korai vorgeschlagenen und von Dübner in den Text aufgenommenen Conjektur: —-.
5 Korai liest: —- wie schön sind sie!
6 Diese Höhle verlegen einige nach Cilicien, in die Nähe der Stadt Korykos (so Schweighäuser); andere an den Parnaß, oberhalb Delphi, wo sich eine Höhle dieses Namens befand. Sie war dem Pan, dem Bacchus und den Nymphen geheiligt, hell und geräumig, reich an Wasser, und für die Umwohner ein sicherer Zufluchtsort in Kriegszeiten.
7 Der Text scheint in dieser Stelle verdorben zu sein. Korai hat versucht, ihn auf folgende Weise herzustellen: —- was folgenden Sinn geben würde: „denn gleichwie wir auch ohne Dolmetscher bisweilen errathen, was gesprochen wird, es aber doch für uns von Nutzen wäre, wenn wir selbst auch der Sprache noch besser mächtig wären, selbst wenn wir etwas davon verstehen: so wird es auch nichts schaden, wenn wir von jenen Wissenschaften ein wenig kosten.
8 Auch hier ist der Text verdorben. Nach der alten lateinischen Uebersetzung des Odaxius scheint die Stelle ursprünglich so gelautet zu haben: „Weil sie innerhalb des ersten Kreises, wenn auch nichts sonst, sich doch wenigstens den Schein nicht geben, als verstehen sie etwas, wovon sie nichts verstehen; im zweiten Kreise aber wissen sie nicht, was sie doch zu wissen vorgeben.“
9 Die Worte in Klammern sind ein Zusatz, den von neueren Herausgebern nur Korai aufgenommen hat.
