10 (1) Titus, auch nach dem Namen seines Vaters Vespasianus genannt, und Sohn einer Freigelassenen Namens Domitilla, regierte zwei Jahre zwei Monate und zwanzig Tage. (2) Schon vom Knabenalter an widmete er sich mit großem Eifer dem edeln Streben nach Tugend, Kriegskunde und Wissenschaften und zeigte durch Vorzüge des Geistes und Körpers, nach was er strebte. (3) Als er die Verwaltung des Staats übernommen hatte, that er es dem, welchem er nacheiferte, auf unglaubliche Weise zuvor an Milde, Freigebigkeit, ehrenvoller Behandlung Anderer und Geringschätzung des Geldes; welche [Eigenschaften] ihn um so beliebter machten, als man nach einigen seiner noch im Privatstande verübten Handlungen vermuthet hatte, er werde Hang zur Grausamkeit, Schwelgerei und Habsucht zeigen. (4) Denn als er unter der Regierung seines Vaters die Stelle eines Obersten der Leibwache erhalten hatte, vernichtete er jeden ihm Verdächtigen oder Widerpart Haltenden wie einen überwiesenen Verbrecher, indem er Leute anstellte, welche diejenigen zur Strafe ziehen mußten, die im Theater und im Lager mißliebige Aeußerungen über ihn gethan hatten. Unter diesen befand sich auch der gewesene Consul Cäcina, den er zur Tafel einladen, aber, als er kaum den Speisesaal verlassen hatte, wegen des Verdachtes, mit seiner Gemahlin Berenice45 unzüchtigen Umgang gepflogen zu haben, ermorden ließ. (5) Unter seines Vaters Regierung verkaufte er das Recht und zeigte sich raubsüchtig, weshalb Alle einen [zweiten] Nero in ihm vermutheten, ihn auch so nannten und betrübt darüber waren, daß er den Thron bestiegen hatte. (6) Allein seine völlige Umwandlung zum Besseren verschaffte ihm einen unsterblichen Ruhm in solchem Grade, daß er die Wonne und Liebe des Menschengeschlechts genannt wurde. (7) Sobald er sich der Bürde der Regierung unterzogen hatte, befahl er der Berenice, welche sich Hoffnung auf eine Vermählung mit ihm machte, in ihre Heimath zurückzukehren, und dem Haufen der Halbmänner46, sich vom Hofe zu entfernen. Durch diese That gab er gleichsam das Zeichen, daß er sich seiner Zügellosigkeit völlig entschlagen habe. (8) Da die von früheren Kaisern verliehenen Geschenke und Begünstigungen von den Nachfolgern gewöhnlich bestätigt wurden, so sicherte er solche, sobald er die Regierung angetreten hatte, ihren Besitzern von freien Stücken durch eine Verordnung zu. (9) Wie er sich eines Abends erinnerte, daß er an diesem Tage Niemandem eine Wohlthat erwiesen habe, sprach er jene erhabenen und himmlischen Worte: „Freunde, diesen Tag habe ich verloren“; gewiß ein Beweis seiner glänzenden Freigebigkeit. (10) In seiner Milde aber ging er so weit, daß er, als sich einst zwei Senatoren gegen ihn verschworen hatten und ihr beabsichtigtes Verbrechen nicht läugnen konnten, sie erst verwarnte, dann mit sich zu den Fechterspielen nahm, zu seiner Rechten und Linken niedersitzen hieß und das absichtlich ergriffene Schwert eines der Fechter, deren Kämpfen sie zuschauten, Einem nach dem Andern hinreichte, gleichsam um seine Schärfe zu prüfen, dann aber, als sie ganz betroffen waren und über seine Unerschrockenheit staunten, sagte: „Seht ihr nun, daß Herrschermacht vom Schicksal verliehen wird und daß jedes Verbrechen, das aus Hoffnung, sie zu erwerben, oder aus Furcht, sie zu verlieren, versucht wird, ohne Erfolg bleibt?“ (11) Auch seinen Bruder Domitianus, der ihm Nachstellungen bereitete und die Gemüther der Soldaten gegen ihn aufzuwiegeln suchte, beschwor er oft mit Thränen, nicht durch Brudermord das erreichen zu wollen, was ihm ja mit seinem Willen zu Theil werden würde, ja, was er bereits besitze, da er ja Theilnehmer an der Regierung sei. (12) Unter seiner Regierung fing der Berg Vesuvius in Campanien Feuer zu speien an47, und zu Rom wüthete eine Feuersbrunst drei Tage und drei Nächte hindurch unausgesetzt fort; (13) auch herrschte unter ihm eine so schreckliche Pest, wie kaum je vorher. (14) Allem solchen Unheil jedoch kam er, ohne irgend Jemanden zu belästigen, mit Anwendung jeder Art von Heilmitteln aus seiner eigenen Casse zu Hülfe, indem er bald den Kranken in eigener Person Erquickung, bald den durch den Tod der Ihrigen in Trauer Versetzten Trost brachte. (15) Er lebte ein und vierzig Jahre und starb auf demselben Landgute im Sabinerlande, wo sein Vater, an einem Fieber. (16) Man kann sich kaum vorstellen, mit welcher Trauer sein Tod die ganze Stadt und die Provinzen erfüllte; man nannte ihn, wie schon gesagt, die Wonne der Menschheit und beweinte die Welt, als ob sie ihres beständigen Beschützers48 beraubt worden sei.
10 (1) Uebrigens ist es kaum zu glauben, wie sehr Titus, nachdem er die Regierung erlangt hatte, sein Vorbild52 noch übertraf, namentlich an wissenschaftlicher Bildung, Milde und Freigebigkeit. (2) Da es Sitte war, daß die von früheren Kaisern verliehenen Vorrechte von ihren Nachfolgern bestätigt wurden, so sicherte er dieselben, sobald er die Regierung übernommen, ihren Besitzern durch eine Verordnung aus freien Stücken zu53. (3) Nicht minder edel und mild zeigte er sich in der Schonung derer, die sich etwa gegen ihn verschworen hatten. Als einst zwei Mitglieder des Senats ihre verbrecherische Absicht nicht leugnen konnten und der Senat die Ueberwiesenen einstimmig zur Todesstrafe verurtheilt hatte, nahm er sie mit sich zu den öffentlichen Spielen, ließ sie zu beiden Seiten neben sich Platz nehmen, sich absichtlich das Schwert eines Fechters geben, deren Kämpfen man eben zusah, und überreichte es erst dem Einen, dann dem Andern, gleichsam um seine Schärfe zu prüfen, (4) und als sie nun ganz bestürzt seine Unerschrockenheit anstaunten, sprach er: „Seht ihr nicht, daß Herrschermacht ein Geschenk des Schicksals ist und daß jedes aus Hoffnung auf ihren Besitz oder aus Furcht vor ihrem Verluste unternommene Verbrechen erfolglos bleiben muß?“ (5) Nachdem er so zwei Jahre und etwa neun Monate regiert und sein großes Amphitheater noch vollendet hatte, starb er nach einem Bade an Gift54 im vierzigsten Jahre seines Alters, während sein Vater im siebzigsten Jahre gestorben und zehn Jahre lang Kaiser gewesen war. (6) Sein Tod versetzte die Provinzen in so große Trauer, daß man eine Verwaisung des Erdkreises beweinte und ihn die Wonne des Menschengeschlechts nannte.
21 (1) Es gelangte nun sein Sohn Titus, der auch den Namen Vespasianus führte, zur Regierung [79. n. Chr.]; ein Mann, durch jede Art von Vorzügen so ausgezeichnet, daß er die Liebe und Wonne des menschlichen Geschlechts genannt wurde. Rednertalent, Tapferkeit, Mäßigung waren ihm in hohem Grade eigen: Rechtsfälle bearbeitete er in Lateinischer, Gedichte und Trauerspiele verfertigte er in Griechischer Sprache. (2) Bei der Belagerung von Jerusalem, der er unter seinem Vater beiwohnte, erlegte er 12 angreifende Feinde mit eben so vielen Pfeilschüssen. Sein Benehmen auf dem Throne war so menschenfreundlich, daß er nie Jemand bestrafte: einige Verschworene, welche von ihrer Schuld überführt waren, behandelte er nach diesem Vorgange mit dem gleichen Zutrauen, wie vorher. (3) Seine Gefälligkeit und Güte ging soweit, daß er Niemanden Etwas abschlug. Als ihm seine Vertrauten einst hierüber ihr Erstaunen bezeugten, ließ er die Worte hören: es dürfe Niemand traurig vom Kaiser weggehen. Eines Tages fiel ihm beim Mahle ein, daß er heute Niemanden eine Wohlthat erzeigt hätte: da sprach er: meine Freunde! ich habe heute einen Tag verloren! (4) Er baute in Rom ein Amphitheater, bei dessen Einweihung 5000 wilde Thiere erlegt wurden.
22 (1) Daher war er ein Gegenstand seltener Begeisterung und Liebe. Er starb auf dem selben Landgut, wo auch sein Vater geendigt hatte, an einer Krankheit, zwei und vierzig Jahre alt, zwei Jahre, acht Monate, zwanzig Tage nach seiner Thronbesteigung. [87. n. Chr.] (2) Der öffentliche Schmerz über seinen Tod war so tief, als ob Alle wie Verwaiste den eigenen Vater zu betrauern hätten. An den Senat gelangte gegen Abend die Nachricht von seinem Hintritte, worauf derselbe noch in der nämlichen Nacht in Eile auf der Curie sich verssammelte, und sich in Lobsprüche und Danksagungen gegen den Entseelten ergoß, dergleichen ihm bei seinem Leben und in’s Angesicht nie ertheilt wurden. Er wurde unter die Götter versetzt.
