15 (1) Antoninus Fulvius, oder Vojonius genannt, später auch der Fromme zubenannt, herrschte drei und zwanzig Jahre. (2) Von Hadrian, dessen Eidam er war, an Sohnesstatt angenommen, zeigte er während seiner Regierung eine solche Trefflichkeit, daß es ohne allen Zweifel sein [anderes] Beispiel eines solchen Lebens gibt, (3) obgleich seine Zeitgenossen ihn mit dem Numa verglichen haben, da er drei und zwanzig Jahre lang den Erdkreis ohne Krieg durch sein bloßes Ansehen beherrschte, indem alle Könige, Völker und Nationen ihn so fürchteten und liebten, daß sie ihn mehr für ihren Vater ober Beschützer, als für ihren Herrn und Gebieter ansahen, alle einstimmig seine Huld, wie die der Götter, erflehten und ihn zum Schiedsrichter ihrer Streitigkeiten verlangten. (4) Ja sogar die Indier, Bactrianer und Hyrkaner schickten Gesandtschaften an ihn, als sie von der Gerechtigkeit des großen Kaisers gehört hatten, der er noch durch seine ernst schönen Gesichtszüge, seinen schlanken Gliederbau und seine anständige Körperstätte eine größere Zierde verlieh. (5) Ehe er erschien, um Besuche zu empfangen, pflegte er ein wenig Brot zu essen, damit er nicht, wenn das Blut um das Zwerchfell her durch Nüchternheit erkalte, von Entkräftung befallen und dadurch den Staatsgeschäften, die er nach Art des besten Hausvaters mit unglaublicher Sorgfalt betrieb, zu genügen verhindert werde. (6) Von Ruhmsucht und Prahlerei war er frei, dabei aber so mild, als der Senat ihn drang, diejenigen, welche sich gegen ihn verschworen hatten, zu verfolgen, die Untersuchung niederschlug, indem er äußerte, es sei unnöthig, denen hartnäckig nachzuspüren, die ein Verbrechen gegen ihn beabsichtigt hätten, damit man, wenn sich deren eine größere Anzahl finden sollte, nicht erführe, von wie Vielen er gehaßt werde. (7) Er starb in einem ihm gehörigen Landhause zu Lorii69, zwölf Meilen von Rom, an einem Fieber von wenigen Tagen, nach einer drei und zwanzigjährigen Regierung. (8) Es wurden ihm Tempel, Priester und andere zahlreiche Ehrenbezeugungen zuerkannt. (9) Seine Milde war so groß, daß er, als er einst wegen des Verdachts, einen Getreidemangel veranlaßt zu haben, vom römischen Pöbel mit Steinwürfen verfolgt wurde, denselben lieber durch Auseinandersetzung der wahren Ursache beruhigen, als den Aufstand rächen wollte.
15 (1) Aurelius Antoninus mit dem Beinamen Pius78, ein Mann, an dem fast kein Flecken menschlicher Fehler hastete, (2) der Sprößling einer sehr alten Familie aus der Municipalstadt Lavinium79 und römischer Senator, (3) besaß einen sich so gleichbleibenden und rechtschaffenen Charakter, daß er den vollständigsten Beweis lieferte, wie vollendete Menschen sich auch durch anhaltenden Frieden und lange Ruhe nicht verderben lassen und daß die Staaten erst dann glücklich sein werden, wenn die Weisheit ihr Scepter führt. (4) Während der zwanzig Jahre, in welchen er den Staat regierte und in welche auch die prachtvolle Feier des neunhundertjährigen Bestehens der Stadt Rom fiel, blieb er sich immer gleich. (5) Zwar könnte es vielleicht als ein Zeichen von Trägheit erscheinen, daß seine Regierung ohne Triumphe blieb; allein damit verhält es sich ganz anders, da es ohne Zweifel ein größeres Verdienst ist, weder den gegenwärtigen ruhigen Zustand der Dinge auf gewagte Art zu stören, noch, um sich sehen zu lassen, ruhige Völker mit Krieg zu überziehen. (6) Da ihm keine männlichen Erben zu Theil geworden waren, suchte er durch seinen Schwiegersohn das Wohl des Staates zu berathen.
8 (1) So folgte dann nun auf Hadrian Titus Antoninus Fulvius Bojonius, der auch unter dem Beinamen Pius bekannt ist. Seine Familie war berühmt, jedoch nicht sehr alt, er selbst ein sehr ausgezeichneter Mann, der mit vollem Recht mit Numa Pompilius verglichen wird, wie man Trajan dem Romulus an die Seite stellte. (2) Sehr rechtschaffen als Privatmann zeigte er noch erhabenere Gesinnungen auf dem Thron: gegen Niemanden war er hart, vielmehr gegen Jedermann voll Freundlichkeit. Uebrigens war sein Kriegsruhm nicht besonders glänzend, indem er mehr auf die Erhaltung, als die Erweiterung der Provinzen bedacht war. Dagegen suchte er die redlichsten Männer für die Geschäfte der Staatsverwaltung aus: Würdige behandelte er mit Auszeichnung, Leute von schlechter Gesinnung verabscheute er, jedoch ohne Bitterkeit: bei den befreundeten Königen war er eben so geachtet, als gefürchtet. Ja die meisten barbarischen Völker legten die Waffen nieder, brachten ihre Streitigkeiten und Rechtshändel vor ihn und unterwarfen sich seinem Ausspruche. (3) Antoninus war vor seiner Thronbesteigung sehr reich, brachte aber sein Vermögen durch Verwendung für den Sold der Krieger und durch Freigebigkeit gegen seine Freuade sehr herab: den öffentlichen Schatz dagegen hinterließ er wohlhabend. Seine Gutmüthigkeit erwarb ihm den Beinamen des Frommen. (4) Er starb drei und siebenzig Jahre alt, im drei und zwanzigsten Jahre seiner Regierung, auf seinem Landgute Lorium 12 Meilen von der Hauptstadt. Auch er wurde unter die Götter versetzt und mit Recht als heilig verehrt [161. n. Chr.].
