1 (1) [1831] Avitus, auch Pseudantoninus, der Assyrier oder auch Sardanapalus und Tiberinus genannt (denn auch letztern Namen erhielt er, weil man seine Leiche in die Tiber warf) [hielt am Tage nach dem Siege seinen Einzug in Antiochien, nachdem er seinen Soldaten statt der Plünderung der Stadt, wozu sie große Lust bezeigten, fünfhundert Drachmen Jedem verheißen hatte, die natürlich die Bürgerschaft zahlen mußte. Seine Briefe enthielten außer Anderem, was die Sache so mit sich bringt, viele Schmähungen auf den Macrinus, auf seine unedle Geburt und seine Ermordung des Antoninus. Unter Anderem hieß es: „Er, der nach dem Rufe des Herolds, daß jeder Nichtsenator abtreten solle, die Curie nicht betreten durfte, erfrechte sich, nach meuchlerischer Ermordung des Kaisers, dessen Sicherheit ihm anvertraut war, die Herrschaft an sich zu reißen und Kaiser zu werden, ehe er noch Senator war.“ Von sich selber machte er nicht blos den Soldaten, sondern auch dem Senat und dem Volke die schönsten Versprechungen. Nach August, mit dem er sich auch in Hinsicht auf sein Alter verglich, und nach des Marcus Antoninus Vorbild wollte er handeln. Hinsichtlich der Schmähungen, welche Macrinus über seine Jugend überallhin verbreitet hatte, bemerkte er: „Er wollte meine Jahre mir zum Vorwurf machen, er, welcher selbst seinen fünfjährigen Sohn zum Kaiser ernannt hatte.“
2 (1) [1832] Dieß war der Inhalt seines Schreibens an den Senat; die Berichte über das, was bei dem Heere vorgefallen war, und die Briefe Macrin’s an Maximus schickte er nicht nur an den Senat, sondern auch an die Legionen, damit sie in Folge derselben seine Andenken verabscheuen und ihn um so mehr liebgewinnen möchten. In dem Briefe an den Senat und dem Schreiben an das Volk nannte er sich Imperator, Cäsar, Antonin’s Sohn, Enkel des Severus, Felix, Augustus, Proconsul und Volkstribun …1 gewählt und aufgetragen hatte, wenn er Widerstand fände, sich der Beihülfe der Soldaten zu bedienen, worauf der Senat gegen seinen Willen Alles vorzulesen …2 denn im Drange der Umstände konnten sie Nichts vorkehren, wie es ihre Pflicht und ihr Wohl erheischte, …3 In der Angst und Bestürzung beschloß man Macrinus …4 überhauften …5 und seinen Sohn mit Schmähungen, und erhoben dagegen den Tarantas, welchen sie so oft für einen Feind des Vaterlandes erklären wollten, und wünschten, daß der Sohn dem Vater nacharten möchte. …
3 (1) …6 eine Handlung, die auch einem vorzüglichen Kaiser Ehre gemacht hätte. Obgleich Viele [sowohl Privatleute und Senatoren als Völkerschaften, Römer …7 und Senatoren zu Folge der Briefschaften des Macrinus [gegen Caracallus] und ihn selbst durch Wort und That sich Ungebühr erlaubt hatten, so erklärte [1833] er doch, er wollte es keinen entgelten lassen und hielt] Wort. Sonst aber beging er die ärgsten Schändlichkeiten, Ungerechtigkeiten und Mordthaten, so daß Dinge, die bisher in Rom unerhört waren, als einheimisch an die Tagesordnung kamen, und daß während der drei Jahre, neun Monate und vier Tage, in denen er herrschte, wenn man seine Herrschaft von dem Tage der Schlacht, durch welche er Alleinherrscher wurde, rechnen will, die kecksten Frevelthaten bald hier bald dort begangen wurden. In Syrien ermordete er den Nestor und den Fabius Agrippinus, den Statthalter des Landes, und die vornehmten Ritter aus dem Gefolge Macrin’s. Das Gleiche that er auch in Rom gegen diejenigen, welche mit ihm in vertrauteren Verhältnissen gestanden waren, in Arabien den Pica und den Rianus, den dortigen Statthalter, weil sie nicht sogleich zu ihm übergetreten waren, in Cypern den Claudius Attalus, den früheren Statthalter von Thracien, welcher früher im Kriege gegen Niger von Severus aus dem Senat gestoßen, von dem Tarantas aber wieder in denselben aufgenommen und dann durch das Loos zum Statthalter Cyperns gemacht worden war. Grund seines Todes war, daß er es mit dem Comazon verdorben hatte. Als dieser nämlich früher in Thracien diente und sich ein Vergehen zu Schuld kommen ließ, hatte er ihn unter die Matrosen verstoßen.]
4 (1) Ein solcher Mensch war Comazon (ein Name, den er als früherer Mimiker und Possenspieler bekam), und dennoch wurde er, ohne vorher ein Amt oder eine Befehlshaberstelle, außer jenen Diensten im Felde, bekleidet zu haben, Leibwachenobrist, [erhielt den Rang als Consul] ward hierauf wirklicher Consul [und Stadtpräfekt] und zwar nicht bloß einmal sondern zum zweiten, drittenmal, eine Auszeichnung, die sonst nicht leicht Einem zu Theil geworden war, weßhalb [1834] dies auch unter die größten Widerrechtlichkeiten gerechnet werden darf. [Attalus fand durch ihn seinen Tod; Triccianus aber, wegen der albanischen Legion, die er unter Macrinus mit so großer Strenge befehligte, und weil er ein unternehmender Mann war, der sich durch die Kriegsämter, die er bekleidet hatte, und sein vertrautes Verhältniß mit Antoninus, bei den Soldaten in Ansehen gesetzt hatte. Deßhalb …8 wurde er nicht ohne Absicht vorausgeschickt und hielt sich in Bithynien auf. Diesen ließ er jetzt tödten, obgleich er wegen desselben an den Senat geschrieben hatte, daß er ihm, der früher von Macrinus aus Rom verbannt worden sey, so wie auch dem Julius Asper, die Erlaubniß zur Rückkehr gegeben habe. Ein gleiches Schicksal traf den Sylla, der früher Statthalter von Cappadocien gewesen war, diese Provinz aber bereits verlassen hatte, weil er sich in Dinge mischte, die ihn Nichts angingen und von ihm aus Rom entboten, den celtischen Truppen begegnete, die nach den Winterquartieren in Bithynien, wo sie Unordnungen angefangen hatten, auf dem Heimzuge begriffen waren. Diese ließ er hinrichten, ohne dem Senat über sie Etwas mitzutheilen. Sejus Carus, Enkel des Stadtpräfekten Fuscianus, wurde, weil er ein reicher Mann von Einfluß und Einsicht war, vorgeblich, weil er Soldaten von der Albanischen Legion auf seine Seite zu bringen suchte, auf die bloße Angabe Pseudantonins in dem Palaste verhört und hingerichtet;] Valerianus Pätus, weil er sein Brustbild auf goldene Münzen als Schmuck für seine Buhlerinnen hatte prägen lassen. [Man beschuldigte ihn nämlich in Folge dessen, daß er sie hätte mit seinem Brustbilde prägen lassen, um sich in das seinem Vaterland Galatien [1835] benachbarte Cappadocien zu begeben und dort Empörung zu stiften.
5 (1) Außer diesen wurden noch und zwar vom Senate zum Tode verurtheilt] Silius Messala und Pomponius Bassus, denen Schuld gegeben wurde, daß sie, wie er sich ausdrückte, an seiner Regierung keinen Gefallen fänden. Dies entblödete er sich nicht, dem Senate gerade heraus zu schreiben, indem er sie Bekrittler und Tadler seiner Person und dessen, was im Palaste vorginge, nannte. „Die Beweise für ihre gefährlichen Absichten schickte ich euch nicht, da ihr fie ohne Nußen lefen würdet: Pe sind ja schon todt.“ Es war jedoch noch ein anderer Beweggrund dabei, [daß er dem Messala übel wollte, weil er sich im Senat stark auszulassen pflegte, weßhalb er ihn gleich Anfangs, unter dem Vorwande, seines Beistandes benöthigt zu seyn, zu sich nach Syrien entbot, damit er den Senat nicht umstimmen möchte. Bei] Bassus war es die Schönheit und die hohe Abkunft seiner Frau; sie war eine Abkömmlingin des Severus Claudius und des Marcus Antoninus. Er vermählte sich selbst mit ihr, und sie durfte aus Furcht vor ihm nicht einmal ihren Verlust beweinen. Doch von seinen verschiedenen Vermählungen, die er einging und wobei er bald den Mann, bald das Weib machte, will ich sogleich sprechen. In beiderlei Fällen benahm er sich auf’s Unzüchtigste. […
6 (1) …9 daß er aber ihn,10 der die ganze Empörung für ihn eingeleitet, ihn in das Lager geführt, die Soldaten zum Abfall verleitet, ihm den Sieg gegen Macrinus gewonnen [1836] hatte, seinen Erzieher, seinen Führer gleich mit dem Antritt seiner Regierung in Nicomedien umbringen ließ, ward mit Recht für die schreiendste Undankbarkeit angesehen. Er lebte zwar zu üppig und nahm gerne Geschenke an, schadete aber Niemand, und erwies dagegen Vielen Wohlthaten. Er war aber, was noch mehr heißen wollte, ein treuer Diener seines Herrn unb stand bei Mäsa unb Soämis in Hoher Gunst; bei der Einen, weil er gewisser Maßen ihr Zögling war, bei der Andern aber, weil er Mannes Statt bei ihr vertrat. Dies war jedoch nicht der Grund, aus dem er ihn umbrachte: er wollte ihn vielmehr ausstatten, daß er sie heirathen konnte, und ihn zum Cäsar ernennen, sondern, weil er ihn anhielt, besonnen und vernünftig sich zu benehmen. Er selbst legte Hand an ihn und verwundete ihn, weil keiner der Soldaten den Mord beginnen wollte. Ein solches Ende nahm Gannys.
7 (1) Auch …11 Verus, welcher die dritte gallische Legion befehligte, und Gellius Maximus, obgleich er nur Legat bei der vierten scythischen Legion im zweiten Syrien war, ließen sich einfallen, nach der Oberherrschaft zu trachten und wurden hingerichtet. So allgemein war die Verwirrung, daß diese Männer, der Eine vom Centurio zum Senator erhoben, der Andere, eines Arztes12 Sohn, sich den Gedanken an die Alleinherrschaft in den Sinn kommen ließen. Diese nannte ich allein, nicht weil sie allein so verrückt waren, sondern weil sie zum Senate gehörten. Ein Anderer, eines Centurio Sohn, unterfing sich, dieselbe gallische Legion aufzuwiegeln, ja selbst [1837] ein Wollenfabrikant die vierte, und ein Privatmann die in Cyzicus liegende Flotte, als Pseudantoninus in Nicomedien überwinterte, und so noch an vielen Orten. So leicht nahm man es, nach der Herrschaft zu streben und Empörungen anzustiften, da so viele wider Erwarten und sonder Verdienst den Thron bestiegen hatten. Niemand darf diesen Angaben den Glauben versagen …13 ich habe es von Privatleuten, glaubwürdigen Männern; den Versuch mit der Flotte konnte ich in der Nähe von Pergamus aus des Nähern erfahren. Ueber letztere Stadt, so wie über Smyrna ward ich von Maerinus gesetzt; und nach diesem Vorgang konnte ich auch das Uebrige nicht unglaublich finden.
8 (1) Eine solche Bewandtniß hatte es auch mit den Mordthaten, die er sich zu Schuld kommen ließ. Was er sich gegen die herkömmliche Sitte erlaubte, ist von keinem Belang und hat uns keinen Nachtheil gebracht. Nur war eine Neuerung gegen das Herkommen, daß er sich, wie ich schon bemerkte, Regentennamen beilegte, ehe sie ihm zuerkannt wurden, und daß er sich statt des Consuls Macrinus aufzeichnen ließ, obgleich er weder dazu ernannt war, noch dieses Amt, das schon abgelaufen war, bekleidet hatte, während er doch selbst anfangs dieses Jahr in drei Briefen nach Adventus als dem einzigen Consul bezeichnet hatte; daß er ferner jetzt zum zweitenmal Consul seyn wollte, ohne vorher ein Staatsamt bekleidet, oder auch nur die Ehrenzeichen eines Amtes gehabt zu haben; daß er endlich bei den Votivspielen während seines Aufenthalts in Nicomedien als Consul das Triumphkleid nicht anlegte.
9 (1) Er heirathete Cornelia Paula, um, wie er sagte, früher Vater [1838] zu werden, er, der sich noch nicht einmal Mann nennen konnte. Bei der Hochzeit wurden nicht nur an den Senat und die Ritterschaft, sondern auch an die Frauen der Senatoren Geschenke vertheilt. Vom Volk bekam Jeder hundert und fünfzig Drachmen und die Soldaten Hundert weiter zum Verschmausen. Es wurden Gladiatorenspiele gegeben, bei denen er, wie früher bei den Votivspielen, in purpurverbrämter Toga erschien. Unter vielen andern Thieren wurden auch ein Elefant und ein und fünfzig Tiger erlegt, eine Zahl, auf die man früher noch nie gekommen war. Doch er trennte sich von Paula, weil sie, wie er vorgab, ein Mal am Körper habe, und vermählte sich mit Aquilia Severa, eine Verbindung, durch die er unsere Gesetze mit Füßen trat. Sie, eine der Vesta geweihte Jungfrau, brachte er auf’s Schändlichste um ihre Ehre und erfrechte sich noch zu erklären: „ich that es, damit ich, der Oberpriester mit ihr, der Obervestalin, göttergleiche Kinder zeugete.“ Ueber eine That, ob welcher er auf dem Forum gegeißelt, in’s Staatsgefängniß geworfen und hingerichtet werden sollte, brüstete er sich noch, doch auch sie behielt er nicht lange; er nahm eine dritte, eine vierte, eine fünfte Gemahlin, und kam darauf wieder auf die Severa zurück.
10 (1) . In Rom ergaben sich mehrere Götterzeichen, unter andern hatte die Bildsäule der Isis, die auf der Zinne ihres Tempels auf einem Hunde reitet, ihr Gesicht einwärts gekehrt. Sardanapal gab auch Kämpfe und stellte viele Schauspiele an, in welchen der Athlete Aurelius Aelix sich großen Ruhm erwarb. Er war seinen Gegnern so sehr überlegen, daß er in Olympia im Ringen und dem Pankration auftreten wollte und bei den Capitolinischen Spielen wirklich in beiden Sieger war. Die Eleer hatten nämlich (so erzählt man sich wenigstens) aus Mißgunst gegen ihn, damit er nicht nach Hercules [1839] der achte würde, gar keine Ringer in das Stadium gerufen, obgleich auf der Liste auch dieses Kampfspiel stand. In Rom aber siegte er wirklich in Beidem, was noch Keinem vor ihm gelungen war.
11 (1) Unter Pseudantoninus Widergesetzlichkeiten gehört auch diejenige mit dem Elegabalus, nicht, daß er einen fremden Gott in Rom einführte, oder daß er ihm auffallende Verehrung erwies; sondern weil er ihn selbst über den Jupiter setzte und sich durch einen besondern Beschluß zum Priester desselben bestellen ließ, daß er sich beschneiden ließ und sich des Schweinefleisches enthielt, [um ihn so desto reiner zu verehren.] Er wollte sich anfangs ganz entmannen. Wie er dies aus Weichlichkeit zu thun wünschte, so that er Jenes, als einem Priester des Gottes besonders zukommend und verstümmelte viele seiner Freunde auf gleiche Weise.] Auch trug er eine ausländische Kieidung, wie sie die Priester der Syrier haben, und ließ sich oft darin öffentlich sehen, woher er auch vornehmlich den Beinahmen des Assyriers erhielt. Ich übergehe die ausländischen Gesänge, die der Sardanapal mit seiner Mutter und seiner Großmutter dem Elegabalus zu Ehren absang, und die geheimen Opfer von Knaben, die er ihm unter Zauberformeln schlachtete. Auch sperrte er einen Löwen, einen Affen und eine lebendige Schlange in seinen Tempel, warf das männliche Glied eines Menschen hinein, beging noch anderen gottlosen Unfug und umhängte sich auch mit unzähligen Amuletten.
12 (1) Doch ich übergehe alles dies, um auf das Lächerlichste zu kommen, daß er seinen Elegabalus sogar vermählte, als ob er Weib und Kind haben müßte. Diese durfte nun freilich nicht arm, nicht von gemeiner Abkunft seyn, weßhalb er Urania, die Göttin der Carthager, dazu auserkohr und sie von dorther bringen ließ, sie in dem Palast aufstellte und ihr von allen Provinzen Hochzeitgeschenke bringen ließ, [1840] wie er dieß bei seinen eigenen Gemahlinnen gehalten hatte. Diese Geschenke, welche noch bei seinen Lebzeiten gegeben wurden, forderte man hernachmals ein. Als Mitgift begehrte er nur zwei goldene Löwen, welche sodann später eingeschmelzt wurden. Der Gott selbst ward in einem goldenen Standbild aufgestellt, und mit vielfältigem Schmuck behängt. Auf diese Weise vergeudete er die großen Summen, die er in dem öffentlichen Schatze fand, und die Einkünfte reichten nicht zu seinen Verschwendungen hin.
13 (1) Dieser Sardanapal, bei dem sogar die Götter sich ehelich verbinden mußten, lebte selbst auf’s Unzüchtigste. [Er heirathete viele Frauen, und hielt noch viel mehrere [ohne gesetzlichen Titel] in seinem Harem, nicht als ob er ihrer bedurft hätte, sondern um bei dem Liebesgenuß mit seinen Lustknaben ihre Kunstgriffe nachzuahmen, [und sie zu Genossen seiner Schändlichkeiten zu nehmen, indem er sich immer unter ihnen herumtrieb. Viele Unzüchtigkeiten, die nachzusagen oder anzuhören Einer nicht aushalten würde, that er mit seinem Körper und ließ sich thun. Nur einige Lüderlichkeiten, welche, vor Aller Augen getrieben, nicht verhehlt werden können, will ich erzählen. Er ging bei Nacht in Schenken, durch falsche Haare maskirt, und versah, was die Wirthinnen in solchen Häusern zu thun pflegten; er kam in berüchtigte Lusthäuser, trieb die Dirnen hinaus, und trieb dort mit seinen Lustknaben sein Unwesen; er bestimmte endlich in dem Palast ein eigenes Zimmer für seine Geilheiten, stand nackt, wie die Lustdirnen, unter die Thür, zog den in goldenen Ringen hängenden Vorhang zurück und suchte die Vorübergehenden mit schmachtender, gebrochener Stimme herbeizulocken. Es kamen dann auch immer welche, die herbeschieden waren. Wie in andern Dingen, so hatte er auch hiefür seine Aufspürer in Menge, durd welde diejenigen [1841] ausgekundschaftet wurden, welche am besten seine unzüchtigen Lüste befriedigen konnten. Dafür mußten sie jedoch zahlen, und er that sich auf solchen Erwerb viel zu Gut, stritt mit den Genossen seiner Ausschweifungen und behauptete, mehr Liebhaber als sie zu haben und mehr sich zu erwerben.
14 (1) Dies that er mit Allen, die mit ihm fleischlichen Umgang hatten; einen begünstigten Mann jedoch hatte er, den er deshalb zum Cäsar ernannt wissen wollte. Auch als Wettfahrer trat er auf, im grünen Gewand zu Hause, wenn man das ein Haus nennen will; Kampfrichter waren theils seine vertrauteren Gesellschafter [Ritter und kaiserliche Hofbediente] selbst die Obristen der Leibwachen, seine Großmutter, seine Mutter und seine Frauen, auch sogar einige vom Senat und der Stadtpräfekt Leo. Da sah man denn den Wagenlenker wie einen gemeinen Wettfahrer bei den Kampfrichtern und den Soldaten unter tiefen Verbeugungen um Goldstücke betteln. [Wenn er Einem Recht sprach, hatte er noch allein etwas Männliches, in allem Anderen zeigte er im Handeln sowohl als im Ton der Stimme weibische Weichlichkeit.] Er tanzte beständig nicht bloß auf der Orchestra, sondern auch gewissermaßen, wenn er ging, opferte, Besuche empfing oder zum Volke redete. Endlich wählte er sich (damit ich wieder auf seine Verheirathungen zurückkomme) einen Gemahl, ließ sich Frau, Gebieterin, Augusta heißen, spann Wolle, trug eine Art Netzhaube und schminkte sich [mit Bleiweiß und Karmin] die Augen. Einmal ließ er sich den Bart scheeren und gab deshalb ein Fest; später aber ließ er sich die Haare ausrupfen, um auch hierin Weib zu seyn; oft nahm er auch im Bette Besuche der Senatoren an.
15 (1) Der Gemahl der neuen Augusta war Hierocles, ein [1842] karischer Sklave, [früher Lustknabe des Gordius, von dem er auch das Wettfahren erlernte, wobei er sich auf eine sonderbare Weise die Gunst Elegabals gewann. Er stürzte bei einem Wettfahren vom Wagen gerade vor dem Sitze des Sardanapalus nieder, verlor beim Fallen den Helm und vor ihm stand er mit dem glatten Kinn und dem blonden Lockenhaar und ward alsbald in den Palast fortgerissen. Hier gewann er durch seine nächtlichen Verdienste ihn bald so, daß er hoch zu Ehren kam und mehr als der Kaiser selbst vermochte, und daß man es ganz in Ordnung fand, daß seine Mutter, noch Sklavin, von den Soldaten nach Rom geführt wurde und gleichen Rang mit den Gemahlinnen der Consularen erhielt. Oft wurden nämlich von ihm auch Andere zu Ehre und Macht erhoben, weil sie entweder an seinem Aufstande Theil genommen, oder sie in ehebrecherischem Verhältniß mit ihm lebten: denn er wollte, (um auch hierin die unzüchtigsten Frauen nachzuahmen), dafür angesehen sein und ließ sich oft geflissentlich auf der That ertappen, worüber er von dem Manne [Hierocles] tüchtig ausgescholten wurde und Schläge erhielt, daß er oft blaue Male im Gesichte davon trug. Jenen aber liebte er nicht blos mit oberflächlichem Ungestüm, sondern ernstlich und mit nachhaltiger Leidenschaft, so daß er darüber nicht nur nicht unwilig ward, sondern im Gegentheil ihn darob nur um so mehr liebte, und ihn sogar zum Cäsar ernennen wollte, und seiner Großmutter, welche es ihm verwehren wollte, deshalb drohte, und seinetwegen selbst die Gunst seiner Soldaten verscherzte; und daß dieß später die Veranlassung zu seinem Verderben ward.
16 (1) Ein gewisser Aurelius Zoticus, aus Smyrna gebürtig, den man auch von seines Vaters Kunst den Koch zu nennen pflegte, ward von ihm mit besonderer Zuneigung beehrt, fiel dann in [1843] Ungnade und es ward ihm zum Heile. Der Mann hatte einen athletischen, schönen Körper und übertraf Alle an Größe des männlichen Glieds. Dies ward dem Kaiser von seinen Aufspürern hinterbracht, er wurde plötzlich von den Kampfspielen weggerissen und unter so großem Gepränge, wie es weder Augarus unter Severus, noch Teridates unter Nero gehabt hatte, nach Rom geführt. Er ward von dem Kaiser, noch ehe er ihn gesehen hatte, zum Kämmerer ernannt, [mit dem Namen von Avitus, des Kaisers Großvater, beehrt und wie bei einem Feste mit Kränzen geschmückt,] unter allgemeiner Beleuchtung in den Palast geleitet. Bei seinem Anblicke sprang Jener im Takte auf und als dieser ihn, wie billig mit den Worten „Gebieter und Kaiser,“ begrüßte, erwiderte er, indem er den Nacken mädchenhaft bog und die Augen niederschlug, ohne sich lange zu bedenken: „Nenne mich nicht Gebieter! ich bin nur Gebieterin!“ Er ging mit ihm sogleich in das Bad, und wurde, als er bei weiterer Entblößung ihn ganz seinem Rufe entsprechend fand, von so geiler Brunst ergriffen, daß er sich, wie eine Geliebte, an seine Brust legte, und an seinem Busen sein Abendmahl einnahm. Hierocles aber mußte befürchten, er möchte noch größere Gewalt, als selbst über ihn bekommen, und, wie es bei Eifersüchtigen gewöhnlich ist, von ihm zu Falle gebracht werden, ließ ihm durch die ihm befreundeten Weinschenken einen schwächenden Trank beibringen. Der Mann blieb die ganze Nacht zu dem Liebesgeschäft unfähig, ward, aller seiner Gunstbeweise wieder verlustig, aus dem Palast, aus Rom und später sogar aus ganz Italien fortgejagt, und dies war sein Glück. [Ja der Kaiser trieb seine Geilheit so weit, daß er von den Aerzten haben wollte, sie sollten ihn durch anatomische Kunst zum weiblichen Genuß [1844] der Liebe empfänglich machen, wofür er ihnen große Belohnung verhieß.]
17 (1) Aber bald darauf sollte dieser Sardanapalus selbst den seiner Verruchtheit würdigen Lohn empfangen. Durch das, was er that und mit sich treiben ließ, ward er dem Volke unb den Soldaten, denen er so sehr schmeichelte, verhaßt, und wurde endlich von letzteren mitten im Lager niedergemacht. Der Hergang war folgender. Er führte den Bassianus, sein Geschwisterkind, in den Senat, und nahm ihn, während Mäsa und Soämis ihm zu beiden Seiten standen, zum Sohne an, pries sich glücklich, daß er mit einemmal eines solchen Sohnes Vater sey, als ob er so viel älter an Jahren als dieser wäre, und erklärte, er brauche jetzt keines andern Sohnes, um sein Haus vor künftigen Unfällen sicher zu stellen; Elegabalus habe ihm befohlen, dieß zu thun und ihn Alexander zu nennen. Ich meines Theils glaube gern, daß es wirklich durch göttliche Fügung geschehen ist und schließe dies nicht sowohl aus dem, was er selbst sagte, als aus dem, was ihm ein Anderer sagte, daß ein Alexander, aus Emesa kommend, sein Nachfolger werden würde, so wie auch aus dem, was sich in Obermysien und in Thracien begeben hat.
18 (1) Kurze Zeit vorher nämlich kam ein Dämon, der sich für Alexanber den König der Macedonier ausgab, und ihm auch an Gestalt und Anzug vollkommen glich, in den Gegenden um die Donau, ich weiß nicht auf welche Weise, zum Vorschein, durchzog als Bacchant mit vierhundert Begleitern, die Thyrsusstäbe und Felle von Hirschkälbern trugen, aber Niemand etwas zu Leide thaten, Asien und Thracien. Alle, welche damals in Thracien waren, versichern einstimmig, daß ihm Einkehr und jegliches Bedürfniß auf öffentliche Kosten angewiesen ward, daß kein Befehlshaber, kein Soldat, kein [1845] kaiserlicher Einnehmer, kein Statthalter einer Provinz es wagte, ihn zur Rede zu stellen, oder sich ihm zu widersetzen. Wie in einem Festaufzuge zog er an hellem Tage bis nach Byzantium, wohin, wie er selbst sagte, sein Weg ihn führte. Von da ging er zu Schiff, landete an dem chalcedonischen Gebiet, brachte dort Nachts gewisse Opfer, vergrub ein hölzernes Pferd in die Erde und verschwand. Dies erfuhr ich während meines Aufenthalts in Asien, ehe sich noch in Rom mit Bassianus Etwas begeben hatte.
19 (1) So lange nun Sardanapalus seinen Vetter liebte, hatte er Nichts zu befürchten. Als er aber gegen Jedermann mißtrauisch wurde und merkte, daß die Stimmung sich ganz für Jenen entschied, wagte er es, andern Sinnes zu werden, und legte Alles darauf an, ihn aus dem Wege zu räumen. Wie er nun einmal wirklich den Versuch machte, richtete er nicht nur Nichts aus, sondern kam selbst in Todesgefahr. Alexander wurde nämlich von seiner Mutter, seiner Großmutter und den Soldaten sorgfältig bewacht; die Leibwachen fingen, so bald sie seinen Anschlag erfuhren, einen gewaltigen Aufstand an, und gaben sich nicht eher zu Ruhe, als bis Sardanapal mit Alexander in das Lager kam, demüthig um sein Leben bat und sich die Auslieferung einiger seiner Schandgenossen abdrängen ließ. Für Hierocles bat er auf’s Kläglichste und unter Thränen, bot selbst seine Kehle dar und sprach: „Nur den Einen laßt mir am Leben, Was ihr auch von ihm denken möget, oder tödtet lieber mich!“ Kaum vermochte er sie zu besänftigen und sein Leben zu retten. Auch seine Großmutter haßte ihn ob seiner Lebensweise, da er, wie sie sagte, nicht einmal Sohn des Antoninus sey, unb entschied sich mehr für Alexander, als ob dieser in Wahrheit ihm entsprossen wäre.
20 (1) Als er aber wieder einen Anschlag auf das Leben des [1846] Alexander gemacht hatte und die Leibwachen von Neuem sich empörten, erschien er mit ihm in dem Lager, wollte jedoch, als er merkte, man lasse ihn nicht aus den Augen, um ihn dann zu tödten, während beide Mütter offener als bisher, wider einander sich aussprachen und die Soldaten aufreizten, entfliehen, und wäre auch beinahe in einem Verschlage entkommen. Er wurde aber entdeckt und niedergemacht, in einem Alter von achtzehen Jahren, und mit ihm verlor seine Mutter, die ihn fest umschlungen hielt, ihr Leben. Beiden hieb man die Köpfe ab, und ihre Leichen wurden entblößt erst durch die ganze Stadt geschleppt, dann diejenige der Mutter irgend anderswohin, die seinige aber in den Fluß geworfen.
21 (1) Mit ihm mußten sterben Hierocles, die Obristen der Leibwache und Aurelius Eubules, der aus Emesa gebürtig war, [und seine Lüderlichkeit und Verworfenheit so weit trieb, daß das Volk schon früher seine Auslieferung gefordert hatte.] Er war Oberrechnungsführer gewesen und hatte an Einem fort Güter eingezogen. Jetzt wurde er von dem Volk und den Soldaten in Stücke zerrissen, und mit ihm der Stadtpräfekt Fulvius, an dessen, so wie an seines Vorgängers Stelle, wieder Comazon trat: denn wie zwischen die Akten eines Lustspiels eine Larve auf’s Theater gebracht wird, so mußte auch er den leeren Platz der Stadtpräfekten füllen. Der [Gott] Elegabalus selbst wurde ganz aus Rom vertrieben. Mit dem Tiberinus nahm es ein solches Ende, und Keiner von denen, welche die Empörung mit ihm angefacht hatten und unter ihm mächtig geworden waren, blieb am Leben.
