De viris illustribus
De excellentibus ducibus exterarum gentium
(von den ausgezeichneten Feldherren fremder Völker)
1 (1) [8] Ohne Zweifel, mein Atticus, wird es sehr Viele geben, die diese Gattung geschichtlicher Darstellung für unbedeutend und der Person so großer Männer nicht für würdig genug erachten, wenn sie erzählt lesen, wer den Epaminondas die Musik gelehrt hat, oder wenn unter seinen Vorzügen erwähnt wird, daß er ein gewandter Tänzer und geschickter Flötenspieler gewesen sei. Doch werden das mehrentheils solche sein, die ohne Kenntniß der griechischen Litteratur nichts für recht halten wollen, was nicht mit ihren eigenen Sitten übereinstimmt. Kommen diese zu der Einsicht, daß nicht Allen das Gleiche für anständig und unanständig gilt, sondern daß sich das Urtheil jedesmal nach dem Brauch der Vorfahren richte, so werden sie sich nicht wundern, daß ich bei der Schilderung der Eigenschaften von Griechen auch deren Sitten zur Richtschnur genommen habe. Für Cimon z. B., diesen so ausgezeichneten Athener, war es keineswegs schimpflich, seine leibliche Schwester zum Weibe zu haben1, da es nämlich so bei seinen Mitbürgern Brauch war. Dagegen wird eben dies nach unsern Sitten für fündhaft gehalten. In Griechen land gereicht es den Jünglingen zur Ehre, so viele Liebhaber als möglich zu haben2. Zu Lacedämon gibt es keine so vornehme Wittwe, [9] die nicht durch Lohn gedungen zur Mahlzeit käme3. Zu den ruhmvollsten Dingen fast in ganz Griechenland gehörte es, zu Olympia als Sieger aufgerufen zu werden4, und die Bühne zu betreten und dem Volke zum Schauspiel zu dienen galt für Niemand unter diesen Stämmen für schimpflich. Aber alles dies wird bei uns theils für entehrend, theils für gemein und dem Anstande zuwider betrachtet. Hinwiederum ist sehr Vieles nach unsern Sitten wohlanständig, was bei jenen für anstößig gilt. Welcher Römer z. B. scheut sich sein Weib zu einem Gastmahle zu bringen? oder wessen Hausfrau hat nicht den vordersten Theil des Hauses inne5 und weilt nicht unter dessen zahlreichen Besuchern? Ganz anders in Griechenland. Dort wird sie weder zu einem Gastmahl gezogen außer unter Verwandten, noch hat sie ihren Sitz wo anders als im innern Theile des Hauses, dem sogenannten Frauengemache, wohin außer den nächsten Anverwandten Niemand Zutritt hat. Doch mehr hier aufzuzählen hält mich der große Umfang meines Buches6 ab, dann auch der Drang das darzustellen, was ich begonnen habe. Ich gehe also an mein Vorhaben und will in diesem Buche das Leben ausgezeichneter Feldherrn erzählen.
Miltiades
1 (1) [10] Als sich der Athener Miltiades, Cimon’s Sohn7, wie durch das Alter seines Geschlechtes und den Ruhm seiner Vorfahren, so durch sein eigenes maßvolles Verhalten vor allen Andern auszeichnete und in dem Alter stand, daß seine Mitbürger nicht mehr blos Gutes von ihm hoffen, sondern auch zuversichtlich erwarten konnten, er werde sich als der Mann zeigen, für den sie ihn, nachdem er sich bewährt, erkannten: traf es sich, daß die Athener nach dem Chersones Colonisten senden wollten. Da es eine große Anzahl solcher Leute gab, und Viele Betheiligung an dieser Auswanderung begehrten, so wurden einige aus ihrer Mitte erwählt und nach Delphi geschickt, um sich Rath zu erholen und den Apollo zu befragen, wen sie am besten zum Anführer nähmen. Denn damals waren jene Gegenden im Besitz der Thracier, mit denen Kämpfe zu erwarten standen. Diesen Abgesandten gebot die Pythia auf ihre Frage ausdrücklich, sie sollten den Miltiades zu ihrem Feldherrn wählen: thäten sie das, so würde ihr Beginnen glücklichen Erfolg haben. In Folge dieser Antwort des Orakels segelte Miltiades mit auserlesener Mannschaft und einer Flotte nach dem Chersones. Als er nach Lemnos kam und die Bewohner dieser Insel unter die Botmäßigkeit der Athener zu bringen wünschte, forderte er die Lemnier auf, sie sollten sich freiwillig unterwerfen: doch die erwiderten spottend, dann wollten sie es thun, wenn jener von Haus aus mit dem Aquilo nach Lemnos gesegelt käme. Dieser Wind nämlich weht, da er von Norden kommt, den von Athen her schiffenden [11] entgegen. Da Miltiades keine Zeit zum Verweilen hatte, lenkte er den Lauf der Flotte nach seinem Ziele hin und gelangte in den Chersones.
2 (1) Hier bemächtigte er sich in kurzem nach Zerstreuung der Barbarenhaufen des ganzen Landstriches, welchen er gewünscht hatte, legte an geeigneten Plätzen Befestigungen an, vertheilte die Menge, die er mit sich gebracht, auf den Ländereien und bereicherte sie durch häufige Streifzüge. Und dabei half ihm nicht minder seine Klugheit als sein Glück. Denn als er durch seine tapfern Krieger die feindlichen Heerhaufen vernichtet hatte, ordnete er die Angelegenheiten mit der größten Unparteilichkeit und beschloß selbst dort zu bleiben. Denn er genoß unter ihnen das Ansehn eines Königs, wenn er auch den Namen nicht führte, und hatte dies ebensosehr durch seine Gerechtigkeit wie durch seine Eigenschaft als Befehlshaber erreicht. Auch erfüllte er nichtsdestoweniger seine Pflichten gegen Athen, von wo er ausgezogen war; und so kam es, daß er nicht minder mit Einwilligung derer, die ihn ausgeschickt hatten, als derer, mit welchen er ausgezogen war, fortwährend den Oberbefehl behielt. Nachdem die Niederlassung auf dem Chersones in solcher Weise begründet war, wandte er sich wieder nach Lemnos und forderte der gestellten Bedingung gemäß ihm die Stadt zu übergeben: denn jene hatten gesagt, wenn er mit Nordwind von Haus aus zu Schiff zu ihnen gelangte, so wollten sie sich ergeben: er sei aber auf dem Chersones zu Hause. Die Carer, welche damals Lemnos bewohnten, wagten, obwohl dieser Ausgang der Sache gegen ihre Erwartung war, dennoch keinen Widerstand, nicht sowohl durch ihr Wort als durch die günstige Lage ihres Gegners in die Enge getrieben, und wanderten aus der Insel aus. Mit [12] gleichem Glücke brachte er auch die übrigen Inseln, die den Namen Cycladen führen,8 unter die Botmäßigkeit der Athener.
3 (1) Zur selbigen Zeit beschloß der Perserkönig Darius mit einem Heere, das er aus Asien nach Europa übergesetzt hatte, Krieg gegen die Scythen zu beginnen9. Er schlug eine Brücke über den Ister-Strom, um daselbst seine Schaaren hinüberzuführen. Als Wächter dieser Brücke ließ er, während er selbst abwesend wäre, die Fürsten zurück, die er aus Jonien und Aeolis mit sich geführt, und deren jedem er den dauernden Oberbefehl über eine der Städte eben jener Landschaften übergeben hatte. So nämlich gedachte er am leichtesten die in Asien wohnenden Griechen unter seiner Botmäßigkeit zu erhalten, wenn er die Bewachung der Städte seinen Anhängern anvertraute, denen im Fall seines Unterganges keine Hoffnung auf Rettung übrig bliebe. Unter dieser Anzahl von Männern, denen jene Brückenwacht anvertraut wurde, befand sich damals auch Miltiades. Als hier nun wiederholt Boten meldeten, mit Darius’ Sache stehe es schlimm, und er werde von den Scythen bedrängt, ermahnte Miltiades die Wächter der Brücke, die vom Glück gebotene Gelegenheit zur Befreiung Griechenlands nicht aus der Hand zu lassen. „Würde nämlich Darius sammt den Schaaren, die er mit sich hinübergeschafft, zu Grunde gehen, so werde nicht allein Europa gesichert sein, sondern auch die in Asien wohnenden griechischen Stammgenossen frei werden von der Herrschaft der Perser und von der Gefahr vor denselben; und das sei leicht zu bewirken. Denn bräche man die Brücke ab, so werde der König binnen wenigen Tagen entweder durch das Schwert der Feinde oder durch Mangel umkommen.“ Da die Mehrzahl diesem Rathe beistimmte, trat der Milesier Histiäus der Ausführung desselben entgegen und sprach: „Nicht ein und dasselbe sei für sie, die die oberste Gewalt in den Händen hätten, und für die Menge vortheilhaft, da sich ja auf des Darius Herrschaft ihre eigene Macht stütze. Käme [13] jener um, so würden sie selbst aus ihren Machthaberposten vertrieben und von ihren Mitbürgern zur Strafe gezogen werden. Daher stimme er so wenig mit der Absicht der Uebrigen überein, daß er vielmehr für sie nichts vortheilhafter erachte als die Befestigung der persischen Herrschaft.“ Da nun dessen Ansicht die Meisten beipflichteten, so verließ Miltiades in der sichern Voraussicht, daß bei so vielen Mitwissern seine Rathschläge dem König zu Ohren kommen würden, den Chersones und siedelte wieder nach Athen über.10 Obwohl also sein Rath nicht durchging, so ist er doch höchlich zu loben, da er dabei mehr auf die Freiheit Aller als auf seine eigene Herrschaft bedacht war.
4 (1) Darius aber, als er aus Europa nach Asien zurückgekehrt war, rüstete auf die Mahnung seiner Freunde, daß er doch Griechenland unter seine Botmäßigkeit bringen solle, eine Flotte von 500 Schiffen11 aus und stellte sie unter den Befehl des Datis und Artaphernes, und gab diesen 200000 Fußgänger und 10000 Reiter. Als Ursache aber des Krieges stellte er hin: „er sei der Feind der Athener, weil mit ihrer Unterstützung die Jonier Sardes erobert und seine Besatzung getödtet hätten“12. Die königlichen Feldherrn landeten auf Euböa13, bemächtigten sich schnell Eretria’s und schleppten alle Bürger dieser Gemeinde fort und sandten sie nach Asien an den König. Von dort gingen sie nach Attica und führten ihr Heer auf die marathonische Ebene, die von der Stadt ungefähr zehntausend Schritte entfernt liegt. Erschreckt durch diesen ihnen so nahe gerückten und so gewaltigen Krieg, suchten die Athener nirgends als bei den Lacedämoniern Hülfe, und sandten den Phidippus, einen Eilboten von der Gattung, die man Hemerodromen14 nennt, nach Lacedämon, um zu melden, wie schleunige Hülfe ihnen noth thue. Zu Haus aber er nannten sie zehn Feldherrn15 ihr Heer zu befehligen, darunter den Miltiades. Unter diesen gab es großen Zwiespalt, ob man die Stadt vertheidigen, oder dem Feind entgegenrücken und durch eine Schlacht entscheiden solle. Vor Allen drang der eine Miltiades darauf, daß [14] man so bald als möglich ein Lager aufschlüge: „geschähe dies, so werde einestheils den Bürgern der Muth wachsen, da sie sähen, daß man an ihrer Mannhaftigkeit nicht verzweifle, anderntheils ebendadurch der der Feinde gedämpft werden, wenn sie bemerkten, man wage es mit so geringer Macht gegen sie zu kämpfen.“
5 (1) In dieser Noth kam kein Staat den Athenern zu Hülfe, ausgenommen die Platäer. Die schickten ihnen 1000 Kriegsleute, und so wurde durch deren Zuzug die Zahl der Bewaffneten auf 10000 gebracht: doch brannte dieses Häuflein von wunderbarer Kampfbegierde. Woher es auch kam, daß der Einfluß des Miltiades den seiner Collegen überwog. Auf seinen Rath also führten die Athener ihre Mannschaften aus der Stadt und schlugen an einem passenden Platze ein Lager auf. Darauf am folgenden Tage begannen sie am Fuß des Gebirges die Schlacht16, nachdem sie ihre Stellung in einem nicht allzu offenen Terrain genommen hatten (es standen nämlich an vielen Stellen einzelne Bäume), mit dem Zweck im Auge, um theils durch die Höhe des Gebirges gedeckt zu werden, theils durch die Baumreihen der feindlichen Reiterei ein Hinderniß zu schaffen, damit sie nicht von der Ueberzahl umzingelt würden. Obwohl Datis den Platz für die Seinigen nicht günstig sah, wünschte er dennoch, auf die Anzahl seiner Truppen vertrauend, zu schlagen, um so mehr, weil er es für rathsam hielt zu kämpfen, bevor die Lacedämonier zu Hülfe kämen. Daher führte er 100000 Mann zu Fuß und 10000 Reiter in’s Treffen und begann die Schlacht. In dieser aber zeigte sich die Tapferkeit der Athener so entschieden überwiegend, daß sie die zehnfache Anzahl der Feinde in die Flucht schlugen und ihnen solchen Schrecken einjagten, daß die Perser nicht nach ihrem Lager, sondern auf die Schiffe eilten17. Bis heute noch gibt es nichts ruhmvolleres alß diesen [15] Kampf, denn nie hat in einem andern eine so kleine Schaar eine so gewaltige Kriegsmacht niedergeworfen.
6 (1) Es scheint nicht ungeeignet zu bemerken, was für eine Belohnung dem Miltiades für diesen Sieg zu Theil wurde, damit man desto leichter einsehen lerne, wie der natürliche Entwicklungsgang aller Staaten der gleiche ist. Wie nämlich die Ehrenbezeigungen des römischen Volkes ehedem selten und geringfügig waren, aber ebendeshalb ruhmvoll, jetzt dagegen verschwenderisch und werthlos: so, finden wir, war es auch einst bei den Athenern. Denn jenem Miltiades wurde für die Befreiung Athen’s und des ganzen Griechenland folgende Ehre zu Theil: daß, als man in der Pöcile18 genannten Säulenhalle die Schlacht von Marathon durch ein Gemälde darstellen ließ, sein Bild unter den zehn Feldherrn die erste Stelle erhielt, und daß er die Krieger anfeuerte und den Kampf begann. Eben dasselbe Volk hat, nachdem es zu größerer Macht gelangt und durch die von den Behörden vertheilten Spenden19 verderbt war, dem Demetrius von Phaleron20 300 Bildsäulen zu errichten beschlossen.
7 (1) Nach jener Schlacht gaben die Athener wiederum dem Miltiades eine Flotte von 70 Schiffen, um die Inseln, welche die Barbaren unterstützt hatten, zu bekriegen. Mit diesem Oberbefehl ausgerüstet nöthigte er die meisten zum Gehorsam zurückzukehren, einige eroberte er auch mit Gewalt. Als er unter andern die auf ihren Reichthum stolze Insel Paros nicht durch Unterhandlung wiedergewinnen konnte, schiffte er seine Mannschaften aus, schloß die Stadt mit Verschanzungen ein und schnitt ihr alle Zufuhr ab; dann, nachdem [16] er verschiedene Arten Schutzdächer21 gebaut hatte, rückte er näher an die Mauern heran22. Als es nun bereits soweit war, daß er sich der Stadt bemächtigen konnte, gerieth fern auf dem Festlande23, ich weiß nicht durch welchen Zufall, nächtlicher Weile ein Hain in Brand, den man von der Insel aus sehen konnte. Sowie dieses Feuer von den Bewohnern der Stadt und den Belagerern bemerkt wurde, kam beiden Theilen der Gedanke, es möchte ein von der persischen Flotte gegebenes Signal sein. Und so kam es, daß einerseits die Parier abgehalten wurden sich zu ergeben, andererseits Miltiades, aus Besorgniß daß die persische Flotte herankommen könnte, die errichteten Belagerunswerke anzündete und mit derselben Anzahl Schiffe, womit er ausgesegelt war, nach Athen zurückkehrte, zum großen Verdrusse seiner Mitbürger. Man klagte ihn daher des Verrathes an, daß er, als er Paros erobern konnte, vom Perserkönig bestochen unverrichteter Sache abgezogen sei. Er lag damals an einer Verwundung darnieder, die er bei der Belagerung der Stadt erhalten hatte; weshalb sein Bruder Tisagoras24 vor Gericht für ihn sprach, da er selbst nicht im Stande sei sich zu vertheidigen. Nachdem die Sache untersucht war, wurde er zwar nicht zum Tode, jedoch zu einer Geldstrafe verurtheilt, und diese Buße ihm zu 50 Talenten25 berechnet: so viel hatte nämlich der Aufwand für jene Flotte betragen. Weil er dies Geld im Augenblick nicht bezahlen konnte, warf man ihn in’s Staatsgefängniß, und daselbst starb er26.
8 (1) [17] Obwohl es der Vorwurf wegen Paros war, um deswillen er angeklagt wurde, so war dennoch der Grund seiner Verurtheilung ein anderer. Die Athener hegten nämlich in Folge der Tyrannis des Pisistratus27, die kurz vorher stattgefunden hatte, große Furcht vor jeglicher Uebermacht eines ihrer Mitbürger. Von Miltiades nun, der oftmals und hohe Befehlshaberposten bekleidet hatte, glaubten sie, es sei ihm unmöglich als Privatmann zu leben, zumal da es schien, als ob ihn die Gewohnheit des Herrschens zum Streben darnach verlocken müsse. Denn auf dem Chersones hatte alle jene Jahre hindurch, die er dort wohnte, die Herrschaft in seinen Händen gelegen, und man hatte ihn als Tyrann bezeichnet, wiewohl als einen gerechten. Denn er hatte dies nicht durch Gewalt erreicht, sondern mit dem Willen seiner Mitbürger, und behauptete diese Macht durch die Trefflichkeit seines Charakters. Alle die aber heißen und gelten für Tyrannen, welche dauernde Macht in einem Staate besitzen, der vorher frei gewesen ist. Miltiades aber war ein Mann von edelster Charakterbildung und einer wunderbaren Leutseligkeit, so daß Niemand so gering war, dem nicht der Zutritt zu ihm offen gestanden hätte, er besaß großes Ansehen bei allen Staaten, einen berühmten Namen und den höchsten Ruhm kriegerischer Tüchtigkeit. In Anbetracht dessen wollte das Volk lieber ihn unschuldig strafen, als selbst länger in Furcht sein.
Themistokles
1 (1) Es folgt der Athener Themistocles, Neocles’ Sohn. Seine Fehler im frühen Jünglingsalter hat der Mann durch hohe Vorzüge [18] wieder gutgemacht, so daß Niemand über ihn, Wenige ihm gleichgestellt werden. Doch muß ich von seinen Anfängen beginnen. Sein Vater Neocles war aus edlem Geschlecht. Er heirathete eine Halicarnasische Bürgerin, die ihm den Themistocles gebar. Da dieser durch ein zu ausschweifendes Leben und seine Geldverschwendung das Mißfallen seiner Aeltern erregte, so enterbte ihn sein Vater. Diese Schmach jedoch brach ihm nicht den Muth, sondern wirkte vielmehr seine Erhebung. Da er nämlich einsah, nur mit höchster Anstrengung diesen Flecken tilgen zu können, widmete er sich mit ganzer Kraft dem öffentlichen Dienste, und war eifriger darauf bedacht, sich Freunde und einen guten Namen zu machen. Viel beschäftigte er sich bei den Gerichten über Privatstreitigkeiten, oft trat er in der Volksversammlung auf; keine wichtigere Sache ward ohne ihn ausgeführt; schnell fand er, was noththat, leicht legte er es auch mit Worten dar. Und nicht weniger gewandt wie in der Erfindung zeigte er sich bei der Ausführung, weil er, wie Thucydides sagt, nicht allein die gegenwärtigen Verhältnisse am richtigsten beurtheilte, sondern auch das Zukünftige durch die scharfsinnigsten Schlüsse errieth. So geschah es, daß er in Kurzem berühmt wurde.
2 (1) Den ersten Schritt aber zur Betheiligung an der Staatsverwaltung that er im corcyräischen Kriege28, zu dessen Führung er vom Volke zum Feldherrn ernannt wurde, und als solcher nicht allein im damaligen Kriege, sondern auch für die Folgezeit den Staat streitgerüsteter machte. Da nämlich die Staatseinkünfte aus den Bergwerken durch die von den Behörden vertheilten Geldspenden Jahr für Jahr verloren gingen, so überredete er das Volk, von diesem Gelde eine Flotte von 100 Schiffen zu bauen. Nachdem diese schleunigst hergestellt war, demüthigte er zunächst die Corcyräer, dann sorgte er durch Verfolgung der Seeräuber für die Sicherheit des Meeres. Und dabei bereicherte er nicht nur die Athener, sondern machte sie auch sehr geschickt im Seekriege. Wie heilsam dies für das gesammte Griechenland war, erfuhr man im Perser-Kriege29. Als nämlich Xerxes zu Wasser und zu Lande den Krieg gegen das gesammte Europa begann, mit einer so ungeheuern Truppenmacht, wie sie vor und nach ihm [19] Keiner gehabt hat: denn seine Flotte bestand aus 1200 Kriegsschiffen, die von 2000 Lastschiffen begleitet waren, die Massen des Landheeres aber aus 700000 Mann zu Fuß und 400000 zu Roß30: als, sage ich, die Kunde von seiner Annäherung nach Griechenland gekommen war, und man erzählte, es sei vorzugsweise auf die Athener abgesehen wegen der marathonischen Schlacht, so schickten diese nach Delphi, um sich Rath zu holen, was in Betreff ihrer zu thun wäre. Den Fragenden antwortete die Pythia, sie sollten sich durch hölzerne Mauern schützen. Wie nun den Sinn dieser Antwort Niemand verstand, machte ihnen Themistocles klar, der Rath des Apollo sei, sie sollten sich mit ihrer Habe auf die Schiffe begeben: denn das sei die vom Gott bezeichnete hölzerne Mauer. Nachdem sie diesen Rath gut geheißen, fügten sie zu den früheren ebensoviel neue Dreiruderer31, und schafften alle ihre bewegliche Habe theils nach Salamis, theils nach Trözen32;33 die Burg und die Besorgung der Heiligthümer stellten sie unter Obhut der Priester und einer kleinen Anzahl Greise, die übrige Stadt verließen sie.
3 (1) Des Themistocles Rath fand bei den meisten Staaten keinen Beifall, und sie waren mehr geneigt zu Lande zu kämpfen. Daher schickte man eine auserlesene Schaar mit dem lacedämonischen Könige Leonidas, um die Thermopylen zu besetzen und den Barbaren das weitere Vordringen zu wehren. Diese vermochten sich der Masse der Feinde gegenüber nicht zu behaupten und fanden sämmtlich an jener Stelle den Tod.34 Die gemeinschaftliche griechische Flotte aber, die [20] aus 300 Schiffen bestand, worunter 200 athenische, stieß zuerst bei Artemisium35 zwischen Euböa und dem Festlande mit der Seemacht des Königs zusammen. Themistocles suchte nämlich Meerengen auf, um nicht von der Ueberzahl umgangen zu werden. Obwohl nun das Treffen hier unentschieden geblieben war, wagten die Griechen dennoch nicht an diesem Platze zu bleiben, weil zu fürchten stand, sie möchten, wenn ein Theil der feindlichen Schiffe um Euböa herumsegelte36, auf zwei Seiten von Gefahr bedroht werden. Deshalb also verließen sie Artemisium und stellten ihre Flotte Athen gegenüber bei Salamis auf.
4 (1) Xerxes aber zog nach Erstürmung der Thermopylen sofort nach Athen, und da es Niemand vertheidigte, tödtete er die auf der Burg vorgefundenen Priester und zerstörte es durch Feuer37. Als nun die Flottenmannschaft durch diese Feuersbrunst in Schrecken gesetzt nicht zu bleiben wagte, und die Meisten riethen, man solle auseinandergehen, jeder in seine Heimath, und sich hinter den Mauern der Städte vertheidigen: widersetzte sich allein Themistocles und behauptete, vereint vermöchten sie den Feinden die Spitze zu bieten; zerstreut, betheuerte er, würden sie zu Grunde gehen, und gab dem lacedämonischen Könige Eurybiades38, der damals den Oberbefehl führte, sein Wort, daß es so kommen werde. Als er diesen aber nicht nach Wunsch zu stimmen vermochte, so sandte er in der Nacht den von seinen Sklaven, welchen er für den treuesten hielt, zum König, um diesem in seinem Auftrage zu melden: „seine Gegner seien im Begriff zu fliehen. Zerstreuten sie sich, so werde er den Krieg nur mit größerer Anstrengung und in längerer Zeit beendigen, da er genöthigt sein würde, sie einzeln zu verfolgen. Griffe er sie dagegen sofort an, so werde er in kurzer Zeit alle auf einmal bewältigen.“ Der Zweck dabei war, daß alle gegen ihren Willen zum entscheidenden Kampfe gezwungen würden. [21] Als der Barbarenkönig das gehört, kämpfte er, keine List darunter vermuthend, am folgenden Tage an einem für sich sehr ungünstigen, für seine Feinde dagegen äußerst vortheilhaften Platze, an einer so engen Stelle des Meeres, daß sich die Menge seiner Schiffe gar nicht entwickeln konnte39. Den Sieg über ihn verdankte man also noch mehr der Klugheit des Themistocles als den Waffen Griechenlands.
5 (1) Obwohl Xerxes hier unglücklich gewesen war, blieb ihm dennoch eine so gewaltige Streitmacht übrig, daß er auch noch mit dieser die Gegner überwältigen konnte. Noch einmal aber wurde er von demselben Manne aus seinem Vortheil verdrängt. Da nämlich Themistocles besorgte, jener möchte den Krieg fortzuführen beharren, so benachrichtigte er ihn, man gehe damit um, die Brücke, die er über den Hellespont geschlagen hatte, zu zerstören und ihm die Rückkehr nach Asien abzuschneiden, und machte ihm dies auch glaublich.40 Daher kehrte er auf demselben Wege, den er in sechs Monaten zurückgelegt hatte, in weniger als dreißig Tagen nach Asien zurück, und wähnte sich von Themistocles nicht besiegt, sondern errettet. So wurde durch eines einzigen Mannes Klugheit Griechenland befreit, und Asien von Europa überwunden. Dies der andere Sieg, der sich mit den marathonischen Tropäen vergleichen läßt. Denn auf gleiche Weise wurde bei Salamis von einer kleinen Anzahl Schiffe die gewaltigste Flotte seit Menschengedenken völlig geschlagen.
6 (1) Groß zeigte sich Themistocles in diesem Kriege, nicht minder groß aber im Frieden. Da nämlich die Athener an dem phalerischen weder einen geräumigen noch guten Hafen hatten, so wurde auf seinen [22] Rath der dreifache Hafen des Piräeus41 angelegt und dann mit Mauern umgeben, so daß er der Stadt selbst an Pracht gleich kam, an Nützlichkeit sie übertraf. Desgleichen stellte er die Mauern von Athen wieder her, nicht ohne besondre Gefahr für seine eigne Person. Da nämlich die Lacedämonier in den Einfällen der Barbaren einen schicklichen Grund fanden, um behaupten zu können, keine Stadt außerhalb des Peloponnes dürfe Mauern haben, damit es keine befestigten Plätze gäbe, wo sich die Feinde festsetzen könnten, so suchten sie den Mauerbau der Athener zu hindern. Ihr Zweck dabei war jedoch ein ganz anderer, als es den Anschein haben sollte. Die Athener hatten sich durch ihre beiden Siege bei Marathon und Salamis so hohen Ruhm bei allen Völkern erworben, daß die Lacedämonier einsahen, sie würden mit jenen über die Führerschaft unter den Griechen in Streit gerathen. Und deshalb wünschten sie dieselben so schwach als möglich. Wie sie aber vernahmen, es würden Anstalten zum Mauerbau getroffen, schickten sie Gesandte nach Athen, dies zu verbieten. Solange diese zugegen waren, hörten die Athener auf und sagten, sie wollten wegen dieser Angelegenheit Gesandte nach Sparta schicken. Diese Gesandtschaft übernahm Themistocles, und zwar reiste er zuerst allein ab; den übrigen Gesandten gab er die Weisung, erst dann sich auf den Weg zu machen, wenn die Mauer eine genügende Höhe erreicht zu haben schiene. Unterdeß sollten Alle, Sklaven und Freie, Hand an’s Werk legen und keinen Platz schonen, er möchte Tempel- oder Privat- oder Staatseigenthum sein, und überallher herbeischaffen, was sie zum Befestigungsbau tauglich erachteten. So kam es, daß die Mauern Athens aus Stücken von Kapellen und Grabmälern bestanden.
7 (1) Wie aber Themistocles in Sparta eingetroffen war, vermied er vor der Behörde zu erscheinen, und suchte die Zeit so lange wie möglich hinzuziehen, unter dem Vorwande, daß er seine Collegen erwarte. Als die Lacedämonier sich beklagten, das Werk schreite nichtsdestoweniger fort, und er wolle sie in diesem Punkte täuschen, folgten [23] unterdeß auch die übrigen Gesandten nach. Da er von diesen vernahm, nur noch ein kleiner Theil der Befestigungsarbeiten sei zu vollenden, ging er zu den Ephoren42 der Lacedämonier, in deren Händen die oberste Gewalt lag, und behauptete vor ihnen: sie seien falsch berichtet worden, und es sei daher billig, daß sie redliche und angesehene Männer, denen man Glauben schenken könne, absendeten, um die Sache zu untersuchen. Unterdeß sollten sie ihn als Geisel dabehalten. Man willfahrete ihm und schickte drei Gesandte nach Athen, die die höchsten Ehrenämter bekleidet hatten. Mit diesen befahl Themistocles seinen Collegen abzureisen und gab ihnen die Weisung, die lacedämonischen Gesandten nicht eher zu entlassen, als er selbst zurückgesandt wäre. Wie er nun glaubte, daß sie in Athen angelangt seien, trat er vor die Behörde und den Rath der Lacedämonier43 und bekannte vor ihnen ganz freimüthig: „auf seinen Rath hätten die Athener, was sie auch nach dem gemeinsamen Völkerrechte thun dürften, ihre National-, Vaterlands – und Hausgötter, um sie leichter vor dem Feinde zu schützen, mit Mauern umschlossen, und darin hätten sie nichts gethan, was gegen den Vortheil Griechenlands wäre. Denn ihre Stadt liege den Barbaren gegenüber wie ein Bollwerk da, an welchem die Flotten des Perserkönigs schon zweimal gescheitert seien. Die Lacedämonier aber handelten weder löblich noch recht, wenn sie mehr in’s Auge faßten, was ihrer eigenen Herrschaft, als was dem gesammten Griechenland dienlich sei. Daher möchten sie, wenn sie die eigenen Gesandten, die sie nach Athen geschickt hatten, wiederhaben wollten, ihn selbst zurücksenden: sonst würden sie jene nie wieder in ihr Vaterland zurückkehren sehen.“
8 (1) Dennoch entging er nicht der Mißgunst seiner Mitbürger. Aus derselben Besorgniß nämlich, um welcher willen Miltiades verurtheilt [24] worden war, wurde er durch das Scherbengericht44 aus dem Vaterlande vertrieben45, und verlegte seinen Wohnsitz nach Argos. Da er hier wegen seiner vielen großen Eigenschaften in hohem Ansehen lebte, schickten die Lacedämonier Gesandte nach Athen, ihn in seiner Abwesenheit anzuklagen, daß er mit dem Perserkönig einen Bund zur Unterjochung Griechenlands geschlossen habe. Auf diese Anklage hin wurde er abwesend als Verräther verurtheilt. Wie er das hörte, siedelte er, weil er sich in Argos nicht hinreichend sicher sah, nach Corcyra über. Als er dort bemerkte, daß die Häupter dieser Insel fürchteten, Lacedämonier und Athener möchten ihnen um seinetwillen den Krieg erklären, entwich er zum Molosser-König46 Admetus, der sein Gastfreund war. Da der König bei seiner Ankunft augenblicklich abwesend war, ergriff er, um nach seiner Aufnahme desto treulicheren Schutz zu finden, dessen kleine Tochter und eilte mit ihr in ein Heiligthum, dem die feierlichste Verehrung gezollt wurde. Von da entfernte er sich nicht eher, als bis ihn der König mittelst Handschlages seines Schutzes versicherte, und den gewährte er ihm auch. Als nämlich von Seiten des athenischen und lacedämonischen Staates seine Auslieferung verlangt wurde, verrieth er seinen Schützling nicht und warnte ihn, auf seiner Hut zu sein, da es schwierig sei, an einem so nahe gelegenen Orte ohne Gefahr zu verweilen. Daher ließ er ihn nach Pydna47 geleiten und gab ihm soviel Bedeckung mit, als er für hinreichend hielt. Hier bestieg Themistocles der ganzen Mannschaft unbekannt ein Schiff. Als dies durch einen heftigen Sturm nach Naxos getrieben wurde, wo sich damals ein athenisches Heer befand, sah er sein sicheres Verderben, wenn er dorthin käme. So von Noth getrieben entdeckte er dem Schiffseigner, wer er sei, und versprach ihm viel, wenn er ihn retten würde. Der, von Mitleid für einen so berühmten Mann ergriffen, hielt Tag und Nacht sein Schiff fern von der Insel auf der Rhede vor Anker, und litt nicht, daß es Jemand verließ. Von dort gelangte er nach Ephesus, woselbst er den Themistocles an’s Land setzte. Dieser erwies sich ihm nachher für seine Dienste dankbar.
9 (1) [25] Ich weiß, daß die meisten Schriftsteller berichtet haben, Themistocles sei unter Xerxes’ Regierung nach Asien hinübergegangen. Doch schenke ich lieber dem Thucydides48 Glauben, weil er unter denen, von welchen wir eine Geschichte jener Zeit besitzen, ihm dem Zeitalter nach am nächsten stand, und überdieß sein Landsmann war. Dieser aber sagt, es sei jener zu Artaxerxes49 gekommen und habe ihm folgenden Brief überschickt: „Ich, Themistocles, komme zu dir, unter den Männern Griechenlands derjenige, welcher das meiste Unheil über dein Haus gebracht hat, so lange es für mich ein Muß war gegen deinen Vater Krieg zu führen und mein Vaterland zu vertheidigen. Dagegen habe ich ihm viel mehr Gutes erwiesen, nachdem ich selbst gesichert war, jener aber in Gefahr gerieth. Als er nämlich nach der Schlacht bei Salamis nach Asien zurückkehren wollte, benachrichtigte ich ihn durch ein Schreiben, daß seine Gegner damit umgingen, die Brücke, die er über den Hellespont geschlagen hatte, zu zerstören und ihn einzuschließen: und durch diese Botschaft wurde er aus der Gefahr gerettet. Jetzt aber fliehe ich zu dir von ganz Griechenland verfolgt und ausgetrieben und bitte um deine Freundschaft. Erlange ich diese, so sollst du einen nicht minder treuen Freund an mir haben, als jener einen tapfern Feind an mir gefunden hat. Doch bitte ich darum, daß du mir in Betreff der Punkte, die ich mit dir zu besprechen wünsche, ein Jahr lang Frist geben und nach dessen Ablauf mir gestatten wollest, vor dir zu erscheinen.“
10 (1) Der König, der seine hohen geistigen Eigenschaften bewunderte und sich einen solchen Mann zum Freunde zu machen wünschte, [26] gewährte seine Bitte. Jener verwandte nun alle diese Zeit auf die Litteratur und Sprache der Perser, und erwarb sich darin einen so hohen Grad von Kenntniß, daß er vor dem König viel gewandter gesprochen haben soll, als es die eingebornen Perser vermochten. Nachdem er dem König bei dieser Gelegenheit unter vielem andern das sehr willkommene Versprechen gemacht hatte, derselbe werde, wenn er seinen Rathschlägen folgen wolle, Griechenland im Kampfe überwältigen: kehrte er, von Artaxerxes mit reichen Geschenken bedacht, nach Kleinsien zurück und schlug seinen Wohnsitz in Magnesia50 auf. Diese Stadt nämlich hatte ihm der König verliehen, mit der Bestimmung, daß sie ihm das Brot liefern solle (die jährlichen Einkünfte von dieser Landschaft betrugen aber 50 Talente); desgleichen Lampsacus zur Beschaffung des Weines und Myus, um daraus die Zukost für die Mahlzeit zu bestreiten. Zwei Denkmäler dieses Mannes haben sich bis auf unsre Tage erhalten: sein Grabmal in der Nähe Athens, worin er begraben liegt, und eine Bildsäule auf dem Markte von Magnesia. Ueber seinen Tod51 finden sich bei den Meisten verschiedene Nachrichten; ich jedoch ziehe wieder vor, dem Thucydides als Gewährsmann zu folgen, welcher erzählt, er sei zu Magnesia an einer Krankheit gestorben, jedoch nicht in Abrede stellt, es sei das Gerücht gegangen, daß er selbst Gift genommen, da er verzweifelt habe, was er dem Könige in Betreff der Unterjochung Griechenlands versprochen hatte, erfüllen zu können. Derselbe Historiker berichtet, seine Gebeine seien von seinen Freunden heimlich in Attica beigesetzt worden, weil dies bei einem als Verräther Verurtheilten gesetzlich nicht gestattet war.
Aristeides
1 (1) [27] Der Athener Aristides, des Lysimachus Sohn, war ungefähr ein Zeitgenosse des Themistocles; weshalb er mit diesem um den höchsten Einfluß im Staate rang, denn ihre Bestrebungen standen einander entgegen. An ihnen konnte man aber wahrnehmen, um wieviel die Beredtsamkeit der Rechtlichkeit überlegen ist. Obwohl sich nämlich Aristides durch Uneigennützigkeit dermaßen auszeichnete, daß er allein seit Menschengedenken, soweit wenigstens meine Kunde geht, den Beinamen des Gerechten erhielt; wurde er dennoch von Themistocles gestürzt und vermittelst des bekannten Scherbengerichtes mit einer Verbannung von zehn Jahren belegt52. Da er nun merkte, daß die gegen ihn aufgereizte Menge nicht zu besänftigen sei, und beim Weggehen aus der Versammlung einen sah, der auf seinem Täfelchen für seine Verbannung aus dem Vaterlande stimmte, so soll er denselben gefragt haben, warum er das thäte, und was denn Aristides verbrochen hätte, um ihn so harter Strafe für werth zu achten. Hierauf erwiderte Jener: „er kenne den Aristides gar nicht, aber es wolle ihm nicht gefallen, daß derselbe so eifrig danach gestrebt habe, vor anderen den Namen des Gerechten zu erhalten.“ Er hatte indeß die gesetzmäßige Zeit der Strafe nicht ganz auszuhalten, da er, als Xerxes nach Griechenland gekommen war, ungefähr sechs Jahre nach seiner Verbannung durch einen Volksbeschluß wieder in’s Vaterland zurückgerufen wurde.53
2 (1) An der Seeschlacht bei Salamis jedoch, die noch vor seiner Befreiung von der Strafe geliefert wurde, nahm er Antheil.54 Ebenso [28] war er Feldherr der Athener bei Platää, in dem Kampfe, worin Mardonius geschlagen und das Barbarenheer vernichtet wurde55. Und andere berühmte Kriegsthaten von ihm, als was von diesem seinen Oberbefehl berichtet wird, gibt es zwar nicht, dagegen viele Handlungen der Gerechtigkeit, Unparteilichkeit und Unbestechlichkeit: vor allen Dingen, daß es, als er sich zugleich mit Pausanias, unter dessen Führung Mardonius in die Flucht geschlagen worden war,56 auf der gemeinschaftlichen griechischen Flotte befand, durch seine Unparteilichkeit dahin kam, daß der Oberbefehl zur See von den Lacedämoniern auf die Athener übertragen wurde57. Bis dahin nämlich waren die Lacedämonier sowohl zu Wasser als zu Lande Führer der Griechen. Damals aber bewirkte des Pausanias übermüthiges Betragen und des Aristides Gerechtigkeit, daß beinahe alle griechischen Staaten mit den Athenern in Bund traten und diese zu ihren Führern gegen die Barbaren erkoren.
3 (1) Welchen Geldbeitrag jeder Staat zur Erbauung von Schiffen und Rüstung von Heeren leisten solle, um die Barbaren, wenn sie vielleicht den Krieg zu erneuern versuchten, desto leichter zurückzutreiben, dies festzusetzen wurde Aristides erwählt, und auf sein Gutachten wurden jährlich 460 Talente nach der Insel Delos zusammengebracht, welche sie zu ihrer gemeinsamen Schatzkammer bestimmten. Später jedoch wurde alles dies Geld58 nach Athen hinübergeschafft. Wie weit die Uneigennützigkeit des Mannes ging, dafür gibt es keinen sicherern Beweis als den, daß er, obwohl er so große Schätze verwaltet hatte, dennoch in solcher Armuth starb, daß er kaum die Mittel zu seinem Begräbniß hinterließ. Deshalb wurden auch seine Töchter auf Staatskosten erhalten und bei ihrer Verheirathung mit einer Aussteuer aus [29] dem gemeinsamen Schatze ausgestattet. Er starb aber ungefähr vier Jahre nach der Vertreibung des Themistocles aus Athen59.
Pausanias
1 (1) Der Lacedämonier Pausanias war ein ausgezeichneter Mann, aber sich ungleich in jedem Lebensverhältniß. Denn wie er durch treffliche Eigenschaften hervorstrahlte, ebenso wird er durch Fehler verdunkelt. Seine berühmteste That ist die Schlacht bei Platää60. In ihr nämlich wurde unter seiner Führung der Meder Mardonius61, Statthalter und Schwiegersohn des Königs, und vor allen Persern durch persönliche Tapferkeit und Klugheit ausgezeichnet, mit einem Heere von 200000 Fußgängern, die Mann für Mann erlesen waren, und 20000 Reitern durch eine nicht gar große Schaar Griechen62 in die Flucht geschlagen, und der Feldherr selbst kam im Kampfe um. Durch diesen Sieg nun stolz gemacht, begann er in vielen Beziehungen die alte Ordnung umzustoßen und höherhinaus zu trachten. Zuvörderst aber zog er sich dadurch Tadel zu, daß er damals aus der Beute einen goldenen Dreifuß zu Delphi aufgestellt hatte, mit einer Aufschrift des Inhaltes: „unter seiner Führung seien die Barbaren bei Platää vernichtet worden, und dieses Sieges wegen habe er ihn dem Apollo als Weihgeschenk dargebracht.“ Diese Zeilen kratzten die Lacedämonier aus und schrieben nichts weiter darauf als die Namen der Staaten, durch deren Hülfe die Perser besiegt worden waren.
2 (1) [30] Nach dieser Schlacht schickten sie wiederum den Pausanias mit der gemeinschaftlichen Flotte nach Cypern und dem Hellespont, um die Besatzungen der Barbaren aus diesen Gegenden zu vertreiben63. Hiebei von gleichem Glücke begünstigt, fing er an sich hochmüthiger zu benehmen und nach größerer Macht zu streben. Da er nämlich bei der Eroberung von Byzanz mehrere vornehme Perser und darunter einige Verwandte des Königs gefangen genommen hatte, schickte er dieselben heimlich an Xerxes zurück, während er vorgab, sie seien aus dem Gewahrsam entflohen, und mit ihnen den Gongylus aus Eretria, der dem König einen Brief überbringen sollte, worin nach dem Bericht des Thucydides Folgendes geschrieben stand: „Der Feldherr der Spartaner Pausanias schickt dir die zu Byzanz gefangenen, nachdem er erfahren, daß sie deine Verwandten sind, zum Geschenk, und wünscht mit dir in verwandtschaftliche Verbindung zu treten. Gib ihm also, wenn du damit einverstanden bist, deine Tochter zur Gemahlin. Thust du es, so verspricht er, mit deiner Beihülfe Sparta und das übrige Griechenland unter deine Botmäßigkeit zu bringen. Wenn du hievon etwas ausgeführt zu sehen wünschest, wohlan, so schicke einen zuverlässigen Mann an ihn, mit dem er sich besprechen könne.“ Der König, der über die Rettung so vieler ihm so nahe stehender Männer höchlich erfreut war, sandte sofort den Artabazus mit einem Briefe an Pausanias, worin er ihm große Lobsprüche ertheilte, ja ihn bat, nichts zu sparen, um sein Versprechen in’s Werk zu setzen. Habe er es vollführt, so werde er keinen seiner Wünsche unerfüllt lassen. Von des Königs Geneigtheit in Kenntniß gesetzt, wurde Pausanias nur noch eifriger die Sache [31] auszuführen, gerieth aber dadurch bei den Lacedämoniern in Verdacht. Er wurde daher mittlerweile nach Hause beschieden, angeklagt und zwar nicht zum Tode, aber doch zu einer Geldstrafe verurtheilt; weshalb man ihn auch nicht wieder zur Flotte schickte.
3 (1) Dennoch kehrte jener nicht lange darauf aus eigenem Antriebe zum Heere zurück und trat hier auf eine keinesweges schlaue, sondern thörichte Weise mit seinen Plänen hervor. Denn nicht nur die vaterländischen Sitten, sondern auch Lebensweise und Kleidung änderte er; umgab sich mit königlicher Pracht und medischen Gewändern, ließ sich von medischen und ägyptischen Trabanten begleiten, tafelte nach persischer Gewohnheit üppiger, als es seine Umgebung aushalten konnte, gewährte den darum Nachsuchenden keine Erlaubniß ihn zu sprechen und ertheilte stolze Bescheide und grausame Befehle.64 Nach Sparta wollte er nicht zurückkehren, sondern hatte sich nach dem Flecken Colonä im Gebiete von Troja begeben, woselbst er nicht minder für das Vaterland als für ihn selbst verderbliche Pläne schmiedete. Als dies die Lacedämonier erfuhren, schickten sie ihm Boten mit dem Stabe65, worauf nach ihrer üblichen Weise geschrieben stand: wenn er nicht heimkehrte, würde er zum Tode verurtheilt. Auf diese Botschaft kehrte er, auch damals noch hoffend mittelst Geldes und seines Einflusses die drohende Gefahr abwenden zu können, in die Heimath zurück, wurde aber, sobald er dort ankam, von den Ephoren in das Staatsgefängniß geworfen. Denn nach den spartanischen Gesetzen kann das jeder Ephor am Könige thun66. Doch verhalf er sich wieder zur Freiheit, blieb aber nichtsdestoweniger im Verdacht, da sich die Ansicht erhielt, er stehe mit dem Könige in Verbindung. Es gibt eine Gattung Leute, welche Heloten heißen, deren eine große Menge die Ländereien der Lacedämonier bebaut und Sklavendienste verrichtet. Auch diese, argwohnte man, wiegle er durch das Versprechen der Freiheit auf. Aber da in Betreff dieser Dinge keine offene Beschuldigung vorlag, deren er hätte überführt werden können, so glaubte man über einen so ausgezeichneten und berühmten Mann nicht nach Verdachtsgründen urtheilen zu dürfen, sondern abwarten zu müssen, bis die Sache von selbst an den Tag käme.
4 (1) [32] Unterdeß erhielt ein junger Mensch aus Argilus67, den Pausanias als Knaben auf unzüchtige Weise geliebt hatte, von diesem einen Brief an Artabazus, und da er Verdacht schöpfte, es möchte darin etwas über ihn geschrieben stehen, weil noch keiner der in einer solchen Angelegenheit dorthin gesandten wiedergekehrt war, so lockerte er die Schnur des Briefes, entfernte das Siegel und las, daß ihm der Tod bestimmt sei, wenn er ihn an den Ort seiner Bestimmung brächte. Zugleich standen in dem Schreiben Dinge, die sich auf die Uebereinkunft zwischen dem König und Pausanias bezogen. Diesen Brief nun übergab er den Ephoren. Hier darf die Besonnenheit der Lacedämonier nicht unerwähnt bleiben: nämlich nicht einmal durch diese Anzeige wurden sie bewogen, sich der Person des Pausanias zu bemächtigen, sondern glaubten nicht eher Gewalt anwenden zu dürfen, als bis er sich selbst verriethe. Daher ertheilten sie dem Angeber Weisung, was geschehen solle. Zu Tänarum68 steht ein Tempel des Neptun, welchen zu verlegen die Griechen für Frevel halten. Dorthin floh jener Angeber und setzte sich am Altare nieder. Daneben nun brachten sie einen unterirdischen Raum an, von dem aus man hören konnte, was jemand mit dem Argilier sprach, und dorthin stiegen einige von den Ephoren hinab. Sobald Pausanias hörte, der Argilier sei zum Altare geflohen, kommt er bestürzt dorthin, und als er ihn als einen Schutzflehenden des Gottes am Altare sitzen sieht, fragt er ihn nach der Ursache dieses so plötzlichen Entschlusses. Jener eröffnet ihm, was er aus dem Briefe ersehen habe. Jetzt noch mehr bestürzt, legt sich Pausanias auf’s Bitten: „er solle nichts kund werden lassen, und ihn, der sich so viele Verdienste um ihn erworben, nicht verrathen. [33] Gewähre er ihm das, und stehe er ihm, der in so wichtige Angelegenheiten verwickelt sei, bei, so solle ihm reiche Belohnung zu Theil werden.“
5 (1) Nachdem dies die Ephoren mit angehört hatten, hielten sie es für besser ihn in der Stadt zu ergreifen. Sie begaben sich also dorthin, und auch Pausanias kehrte, im Glauben den Argilier versöhnt zu haben, nach Lacedämon zurück. Da auf der Straße, als man bereits im Begriff war sich seiner zu bemächtigen, merkte er aus der Mine eines Ephoren, der ihn zu warnen wünschte, daß man ihm nachstelle. Daher entfloh er, seinen Verfolgern um wenige Schritte voraus, in das Heiligthum der Minerva mit dem Beinamen Chalkioikos69. Um sein Entkommen von da zu hindern, ließen die Ephoren sogleich die Thüren des Tempels verrammeln und das Dach abdecken, damit er unter freiem Himmel schneller stürbe. Man erzählt, die Mutter des Pausanias habe damals noch gelebt, und schon hochbetagt habe dieselbe, nachdem sie von dem Verbrechen ihres Sohnes gehört, unter den ersten einen Stein zur Einmauerung ihres Sohnes zum Eingange des Tempels gebracht. So befleckte Pausanias seinen hohen Kriegsruhm durch ein schimpfliches Ende. Als man ihn halbtodt aus dem Tempel trug, hauchte er sogleich sein Leben aus70. Der Leichnam des Todten sollte nach der Forderung Einiger ebendahin gebracht werden, wohin man die zum Tode Verdammten stürzte71; die Meisten jedoch waren dagegen und man scharrte ihn in einiger Entfernung von dem Platze ein, wo er gestorben war. Von dort wurde er später auf Befehl des delphischen Gottes wieder ausgegraben und an derselben Stelle bestattet, wo er geendet hatte.
Kimon
1 (1) [34] Der Athener Cimon, des Miltiades Sohn, hatte einen sehr schweren Jugendanfang. Da nämlich sein Vater die ihm zugeschätzte Geldbuße nicht an den Staat hatte bezahlen können und deshalb im Gefängnisse gestorben war, so wurde Cimon in gleicher Haft gehalten und konnte nach den athenischen Gesetzen nicht freigelassen werden, wenn er nicht die Geldsumme, um die sein Vater gestraft worden war, bezahlte. Er hatte aber seine leibliche Schwester, Namens Elpinice, zur Gattin, nicht minder durch den Brauch72 dazu bewogen als durch Zuneigung zu derselben. Denn in Athen darf man seine vom gleichen Vater stammende Schwester ehelichen. Mit dieser nun wünschte sich ein gewisser Callias zu vermählen, der nicht sowohl aus vornehmer Familie als äußerst reich war, da er bedeutende Summen aus den Bergwerken gewonnen hatte. Er unterhandelte daher mit Cimon, daß er sie ihm zum Weibe gäbe: erfülle man seinen Wunsch, so wolle er das Geld für ihn bezahlen. Da dieser jedoch einen solchen Handel von sich wies, so erklärte Elpinice, sie werde nicht dulden, daß der Sohn des Miltiades im Gefängniß umkomme, da sie es nunmehr hindern könne, und sie werde den Callias heirathen, wenn er sein Versprechen erfüllt hätte.
2 (1) [35] Auf solche Weise von der Haft befreit, gelangte Cimon schnell zum höchsten Einfluß im Staate. Denn er besaß hinreichende Beredtsamkeit, außerordentliche Freigebigkeit und große Kenntniß im bürgerlichen Rechts- wie im Kriegswesen, weil er von klein auf mit seinem Vater im Feldlager gelebt hatte. Daher hielt er nicht nur die städtische Bürgerschaft in seiner Hand, sondern vermochte auch durch sein Ansehen sehr viel beim Heere. Als er zum ersten Mal Feldherr war, schlug er am Flusse Strymon ein zahlreiches Heer der Thracier in die Flucht, gründete die Stadt Amphipolis und führte 10000 Athener als Colonisten dorthin. Zum zweiten Mal Feldherr besiegte er bei Mycale die aus 200 Schiffen bestehende Flotte der Cyprier und Phönicier, eroberte sie und focht noch an demselben Tage mit gleichem Glück zu Lande. Nach Eroberung der feindlichen Schiffe nämlich setzte er sogleich seine Truppen an’s Land und warf durch einen einzigen Angriff die gewaltige Streitmacht der Barbaren nieder. Als er, in Folge dieses Sieges mit reicher Beute beladen sich wieder nach der Heimath wendete, bestärkte er, weil damals schon einige Inseln wegen der drückenden Herrschaft Athens abgefallen waren, die wohlgesinnten in ihrer Treue, die abtrünnigen zwang er zum Gehorsam zurückzukehren. Scyros, welches damals Doloper bewohnten, verheerte er, weil sich diese trotzig bezeigten, vertrieb die alten Einwohner aus Stadt und Insel und vertheilte die Ländereien unter seine Mitbürger. Den auf ihren Reichthum vertrauenden Thasiern benahm er durch seine bloße Ankunft den Muth zum Widerstand. Von der so gewonnenen Beute wurde die Burg von Athen auf ihrer Südseite befestigt.73
3 (1) [36] Während er durch diese Thaten alle seine Mitbürger überstrahlte, gerieth er in die gleiche Ungunst wie sein Vater und die übrigen Häupter des athenischen Staates. Denn er wurde durch das Scherbengericht, das auf Griechisch Ostrakismos heißt, mit einer zehnjährigen Verbannung belegt74. Es that dies jedoch schneller den Athenern, als ihm selbst leid. Mit ruhiger Fassung hatte er sich der Ungunst75 seiner undankbaren Mitbürger gefügt, als die Lacedämonier den Athenern den Krieg erklärten und man sofort anfing seine bekannte Tüchtigkeit zu vermissen. Daher wurde er fünf Jahre nach seiner Verbannung in sein Vaterland zurückberufen76. Er hielt es jedoch, weil er mit den Lacedämoniern in gastfreundschaftlichem Verhältnisse stand, für zweckmäßiger sich nach Lacedämon zu begeben, und vermittelte, nachdem er aus eigenem Antriebe dorthin gegangen war, den Frieden zwischen den beiden so mächtigen Staaten. Darauf, und zwar nicht allzulange, wurde er als Befehlshaber mit 200 Schiffen nach Cypern gesendet, verfiel hier, nachdem er den größern Theil der Insel bezwungen, in eine Krankheit und starb in der Stadt Citium77.
4 (1) Ihn haben die Athener lange sowohl im Kriege als im Frieden vermißt. Denn er war äußerst freigebig, so daß er in seinen Landhäusern und Gärten, die er an verschiedenen Orten besaß, niemals einen Wächter aufstellte, um der Früchte wahrzunehmen, damit niemand gehindert wäre nach Belieben von seinen Sachen zu genießen. [37] Immer folgten ihm Diener mit Geld, um, wo jemand Hülfe bedurfte, sogleich etwas geben zu können, damit er nicht, wenn er die Gabe verschöbe, sie zu verweigern schiene. Oft, wenn er zufällig einem Schlechtgekleideten begegnete, gab er ihm seinen Mantel. Täglich ließ er sein Mahl so reichlich bereiten, daß er Alle, die er noch ungeladen auf dem Markte sah, zu sich einlud;78 und dies unterließ er keinen Tag zu thun. Keinem blieb sein Schutz, keinem seine Hülfe, keinem seine Geldmittel versagt; Viele machte er reich; gar manche so arm Verstorbene, daß sie keine Mittel zu ihrem Begräbniß hinterlassen hatten, ließ er auf seine Kosten bestatten. Bei einem solchen Betragen ist es durchaus nicht zu verwundern, wenn sein Leben sorgenfrei, sein Tod schmerzlich betrauert war.
Lysander
1 (1) Der Lacedämonier Lysander hinterließ einen berühmten Namen, der jedoch mehr durch sein Glück als seine Tüchtigkeit79 gewonnen war. Daß er nämlich die Athener, die nun den Krieg 26 Jahre führten, völlig aufgerieben hat, liegt für Jedermann am Tage; auf welche Weise er das aber erreicht hat, weiß man nicht. Denn nicht durch die Tapferkeit seines eigenen Heeres geschah es, sondern in Folge der schlechten Mannszucht seiner Gegner, die, weil sie den Befehlen ihrer Feldherren ungehorsam die Schiffe verlassen und sich auf dem Lande zerstreut hatten, den Feinden in die Hände fielen80. Hierauf aber ergaben sich die Athener den Lacedämoniern81. Durch diesen Sieg [38] übermüthig, nahm sich Lysander, der schon vorher immer ränkesüchtig und tollkühn gewesen war, so viel heraus, daß durch ihn die Lacedämonier in Griechenland im höchsten Grade verhaßt wurden. Denn obschon die Lacedämonier häufig wiederholt hatten, ihr Grund zum Kriege sei der, die maßlose Herrschaft der Athener zu brechen, arbeitete gleichwohl Lysander, nachdem er sich beim Ziegenflusse der feindlichen Flotte bemächtigt hatte, auf nichts anderes hin, als alle Staaten in seine Gewalt zu bekommen, wenn er auch den Schein annahm, als thue er es um der Lacedämonier willen. Denn, nachdem überall die Anhänger der athenischen Partei vertrieben waren, hatte er in jedem Staate zehn Männer auserwählt, denen er den Oberbefehl und die höchste Gewalt anvertraute. Aber unter deren Zahl wurde Niemand zugelassen, der nicht entweder mit ihm in gastfreundschaftlicher Verbindung stand, oder sich ihm eidlich ganz zu eigen erklärt hatte.
2 (1) Nachdem er solchermaßen in allen Städten eine Zehnmännerherrschaft eingesetzt hatte, geschah Alles nach seinem Winke. Von seiner Grausamkeit nun und Treulosigkeit wird es hinreichen, einen einzigen Fall als Beispiel anzuführen, um nicht durch Aufzählung mehrerer die Leser zu ermüden. Als er siegreich aus Asien zurückkehrte und sich seitwärts nach Thasos gewendet hatte82, beabsichtigte er diesen Staat zu vernichten, weil er den Athenern vorzügliche Treue bewiesen hatte, gleich als wenn die die festeste Freundschaft zu halten pflegten, die vorher die standhaftesten Gegner gewesen sind.83 Er sah jedoch ein, wenn er seine Absicht nicht verbärge, so würden sich die Thasier zerstreuen und auf ihre Sicherheit bedacht sein. …
3 (1) [39] Daher hoben die Lacedämonier die in ihrem Namen von ihm eingesetzte Zehnmännerherrschaft wieder auf. Aus Verdruß hierüber faßte er den Anschlag, die Könige in Lacedämon abzuschaffen84. Doch sah er ein, daß er dieß nur mit Hülfe eines Götterspruches ausführen könne, weil die Lacedämonier Alles vor die Orakel zu bringen gewohnt waren. Zuerst versuchte er das delphische zu bestechen; als ihm das nicht gelang, machte er sich an Dodona. Auch dort abgewiesen, schützte er, in der Meinung die Afrikaner leichter bestechen zu können, ein Gelübde vor, das er dem Jupiter Ammon erfüllen müsse. In dieser Hoffnung reiste er nach Afrika, wurde aber von den Vorstehern des Jupitertempels gewaltig getäuscht. Denn nicht genug, daß sie sich nicht bestechen ließen, schickten sie auch noch Gesandte nach Lacedämon, den Lysander anzuklagen, daß er die Priester des Heiligthums zu bestechen versucht habe. Nachdem er auf diese Beschuldigung in Anklage versetzt, aber durch die Abstimmung der Richter frei gesprochen worden war, wurde er den Orchomeniern zu Hülfe gesandt und von den Thebanern bei Haliartus getödtet85. Wie richtig das Urtheil über ihn ausgefallen sei, dafür diente eine nach seinem Tode in seiner Wohnung vorgefundene Rede zum Beweis, worin er den Lacedämoniern anräth, nach Abschaffung der königlichen Würde aus der Mitte des ganzen Volkes einen Anführer für den Krieg zu wählen; [40] und zwar war sie so verfaßt, daß sie mit dem Ausspruche der Götter übereinzustimmen schien, von dem er im Vertrauen auf sein Geld nicht zweifelte, daß er ihn für sich gewinnen werde. Diese Rede soll ihm der Halicarnasser Cleon aufgesetzt haben.
4 (1) Und hier darf nicht unerwähnt bleiben, was der Statthalter des Perserkönigs Pharnabazus86 that. Da nämlich Lysander als Flottenbefehlshaber87 während des Krieges viele grausame und habsüchtige Handlungen begangen hatte, und argwohnte, daß seinen Mitbürgern darüber Nachricht zugegangen sein möchte, bat er den Pharnabazus, ihm ein Zeugniß an die Ephoren mitzugeben, wie vorwurfsfrei er den Krieg geführt und die Bundesgenossen behandelt habe, und darüber recht genau zu berichten, da seine Aussage hierin von großem Gewicht sein werde. Jener gibt ihm bereitwillig seine Zusage und verfaßt eine umfang- und wortreiche Schrift, worin er ihm die größten Lobeserhebungen ertheilt. Als Lysander diese gelesen und gutgeheißen hatte, schob Einer während des Siegelns eine andere schon gesiegelte von gleicher Größe und so täuschender Aehnlichkeit, daß man sie nicht unterscheiden konnte, unter, worin auf das Ausführlichste über seine Habsucht und Treulosigkeit Klage erhoben war. Wie nun Lysander von dort heimkehrte, überreichte er, nachdem er vor der obersten Behörde über das, was er gethan, nach Gutdünken berichtet hatte, als Zeugniß dafür die ihm von Pharnabazus mitgegebene Schrift. Die Epboren nahmen, als er sich entfernt, Einsicht davon und gaben sie ihm dann selbst zu lesen. So wurde er ohne sein Wissen selbst sein eigener Ankläger.
Alkibiades
1 (1) [41] Es folgt der Athener Alcibiades, des Clinias Sohn. An ihm scheint die Natur versucht zu haben, was zu schaffen in ihrer Macht stehe. Denn unter Allen, die über ihn berichtet haben, steht es fest, daß Niemand, sei es in Fehlern oder Tugenden, ausgezeichneter gewesen sei als er. Geboren in einem sehr angesehenen Staate, aus edelstem Geschlecht, unter allen seinen Altersgenossen bei weitem der Schönste, in jeder Sache gewandt und äußerst klug (denn er war zu Wasser und zu Lande ein trefflicher Feldherr); von einer Beredtsamkeit, die den größten Einfluß ausübte, da sein Organ und seine Worte so viel Einnehmendes befassen, daß ihm kein anderer Redner die Spitze bieten konnte; reich; wo es die Umstände forderten, thätig und ausdauernd; freigebig, prachtliebend in den Bedürfnissen sowohl als in der ganzen Weise seines Lebens, leutselig, nie schmeichelnd, den Zeitverhältnissen sehr schlau Rechnung tragend: zeigte sich eben dieser Mann, sobald er sich gehen ließ, und kein Anlaß vorhanden war, sich geistiger Anspannung zu unterziehen, schwelgerisch, ausschweifend, wollüstig und unmäßig, so daß Alle staunten, wie in ein und demselben Manne sich solche Unähnlichkeit und so widersprechende Eigenschaften finden konnten.
2 (1) Erzogen wurde er im Hause des Pericles, dessen Stiefsohn88 er gewesen sein soll, unterrichtet von Socrates; sein Schwiegervater war Hipponicus, der reichste Mann unter Allen griechischer Zunge: kurz, hätte er selbst der eigene Schöpfer seiner Vorzüge sein wollen, er hätte weder an Jemand sich zahlreicherer entsinnen, noch größere verlangen können, als ihm theils die Natur, theils das Glück verliehen hatte. Im angehenden Jünglingsalter wurde er von vielen auf die bei den Griechen übliche Weise89 geliebt, darunter von Socrates, wovon Plato im „Gastmahl“ Erwähnung thut. Dort nämlich wird Alcibiades eingeführt, wie er erzählt, daß er die Nacht bei Socrates [42] zugebracht und dessen Lager nicht anders verlassen habe, als wie es sich für den Sohn geziemt hätte, das des Vaters zu verlassen. Selbst mehr herangereift, liebte er ebenfalls Viele, und that in diesen Verhältnissen vieles, soweit dies eben bei anstößigen Dingen möglich ist, auf eine feine und witzige Weise.90 Auch würde ich es mittheilen, wenn ich nicht wichtigeren Dingen den Vorzug gäbe.
3 (1) Im peloponnesischen Kriege erklärten die Athener durch seinen Rath und Einfluß bewogen den Syracusanern den Krieg91. Diesen zu führen wurde er selbst zum Feldherrn ernannt und erhielt außerdem in Nicias und Lamachus zwei Amtsgenossen. Während der Rüstungen dazu geschah es, bevor noch die Flotte absegelte, daß in einer Nacht alle Hermensäulen92 in Athen mit Ausnahme einer einzigen, die vor der Thür des Andocides stand, zu Boden geworfen wurden. Daher hieß seitdem jene Säule der Mercur des Andocides. Da es einleuchtend war, daß dies nicht ohne eine größere Verbindung Vieler geschehen sei, welche, wie sich annehmen ließ, nicht eine Privatangelegenheit, sondern den Staat zum Gegenstande haben, so wurde der Menge eine große Furcht eingejagt, es möchte plötzlich irgend eine Gewalt im Staate auftauchen und die Freiheit des Volkes zu unterdrücken suchen. Dies schien am meisten auf Alcibiades zu passen, der für mächtiger und einflußreicher als ein gewöhnlicher Privatmann galt. Denn Viele hatte er durch seine Freigebigkeit an sich gefesselt, noch [43] Mehrere durch seinen Beistand vor Gericht zu Anhängern gewonnen; und so kam es, daß, so oft er öffentlich erschien, sich Aller Augen auf ihn lenkten, und Keiner im Staate ihm gleichgeachtet wurde. Deshalb baute man auf ihn nicht nur die größten Hoffnungen, sondern fürchtete ihn auch, weil er ebensowohl sehr viel schaden als nützen konnte. Dazu traf ihn die böse Nachrede, daß es hieß, es würden in seiner Wohnung Mysterien93 abgehalten, was nach athenischer Sitte für einen großen Frevel galt. Und zwar glaubte man, der Zweck dabei sei nicht eine religiöse Feier, sondern eine Verschwörung.
4 (1) Dieser Beschuldigung halber wurde er von seinen Gegnern in der Volksversammlung zur Rede gesetzt. Da aber die Zeit des Auszuges in den Krieg nahe bevorstand, so forderte er mit Rücksicht darauf und wohlbekannt mit der Gewohnheit seiner Mitbürger, wenn man über ihn Etwas verhandelt wissen wolle, so solle man lieber, so lange er noch gegenwärtig, eine Untersuchung anstellen, als ihn abwesend auf die Beschuldigung seiner Hasser anklagen. Seine Gegner jedoch beschlossen unter den gegenwärtigen Verhältnissen, weil sie merkten, ihm nicht schaden zu können, sich ruhig zu verhalten und die Zeit zu erwarten, wo er fortgezogen sein würde, um dann ihren Angriff auf den Abwesenden zu richten; und also thaten sie. Wie sie nämlich glaubten, Jener sei in Sicilien angelangt, legten sie den Abwesenden wegen Frevels an den Heiligthümern in Anklagestand. Als ihm deshalb von der Obrigkeit Botschaft nach Sicilien gesandt wurde, daß er heimkehrte und sich vor Gericht vertheidigte, wollte er, obwohl er die beste Hoffnung hatte, seinen Auftrag glücklich zu vollführen, doch nicht ungehorsam sein, und bestieg den Dreiruderer, der zu seiner Wegführung ausgeschickt worden war. Auf diesem nach [44] Italien und zwar nach Thurii gelangt, hielt er es bei reiflicher Erwägung der maßlosen Willkür und Grausamkeit seiner Mitbürger gegen die Vornehmen für das zweckmäßigste, dem drohenden Ungewitter aus dem Wege zu gehen, stahl sich heimlich von seinen Wächtern fort und kam von dort zuerst nach Elis, dann nach Theben. Nachdem er aber gehört, er sei zum Tode verurtheilt, seine Güter mit Beschlag belegt, und, was in der That geschehen war, die eumolpidischen Priester94 vom Volke gezwungen worden, ihn zu verfluchen, damit aber das Andenken dieser Verfluchung desto besser beurkundet wäre, sei eine Abschrift davon, auf einer steinernen Säule eingehauen, öffentlich aufgestellt worden: so siedelte er nach Lacedämon über. Dort führte er, wie er laut zu äußern pflegte, nicht gegen sein Vaterland, sondern gegen seine Widersacher Krieg, da diese zugleich auch die Feinde des Vaterlandes seien: denn obwohl sie einsähen, wie viel er dem Staate nützen könne, hätten sie ihn doch verbannt und mehr die Befriedigung ihrer Leidenschaft als das Gemeinwohl im Auge gehabt. Auf seinen Rath also schlossen die Lacedämonier mit dem Perserkönig95 Freundschaft, dann befestigten sie Decelea in Attica und hielten durch eine für die Dauer dort hingelegte Besatzung Athen im Belagerungszustande96. Ebenso wurde durch ihn Jonien vom Bündnisse mit Athen abtrünnig gemacht97, und in Folge davon begannen sie die entschiedene Oberhand im Kriege zu gewinnen.
5 (1) Doch wurden sie durch alles dies dem Alcibiades nicht sowohl befreundet, als ihm vielmehr aus Furcht abgeneigt. Da sie nämlich des so scharfsinnigen Mannes ausnehmende Klugheit in allen Dingen wahrnahmen, hegten sie große Besorgniß, er möchte einmal aus Liebe zu seinem Vaterlande von ihnen abfallen und sich mit den Seinen aussöhnen. Deshalb entschlossen sie sich eine Gelegenheit zu suchen, [45] ihn zu ermorden. Das konnte dem Alcibiades nicht lange verborgen bleiben, da er einen Scharfblick besaß, der sich nicht täuschen ließ, zumal wenn er sich vornahm auf seiner Hut zu sein. Er begab sich daher zu Tissaphernes98, dem Statthalter des Königs Darius99. Als er dessen vertraute Freundschaft gewonnen hatte und sah, wie die Macht der Athener nach ihrem Unglück in Sicilien100 dahinschwand, die der Lacedämonier dagegen wuchs, trat er zuerst mit Pisander als Feldherr ein Heer bei Samos befehligte, durch Unterhändler in Verbindung und brachte seine Rückkehr zur Sprache. Denn es war dieser ein Gesinnungsgenosse des Alcibiades, kein Freund der Volksherrschaft und ein Begünstiger der Optimaten. Von diesem im Stiche gelassen, wurde er zuerst durch Vermittelung des Thrasybulus, des Sohnes des Lycus, vom Heere aufgenommen und zum Feldherrn bei Samos erwählt101; dann auf Verwendung des Theramenes durch einen Volksbeschluß wieder in den vorigen Zustand eingesetzt, und ihm dem abwesenden zugleich mit Thrasybulus und Theramenes der gleiche Oberbefehl verliehen. Während des Oberbefehls derselben trat eine solche Veränderung der Dinge ein, daß die Lacedämonier, die kurz zuvor als Sieger dagestanden hatten, erschreckt um Frieden baten. Denn sie waren in fünf Land- und drei Seetreffen besiegt worden, in welchen letzteren sie 200 Dreiruderer verloren hatten, die ihnen genommen und in die Hände der Feinde gefallen waren. Alcibiades hatte im Verein mit seinen Amtsgenossen Jonien und den Hellespont wiedergewonnen, außerdem noch viele griechische Städte an der asiatischen Küste102, von denen sie mehrere, worunter Byzanz, erobert, ebensoviele aber auch durch kluges Benehmen zum Bündniß mit Athen vermocht hatten, weil sie gegen die Unterworfenen Schonung bewiesen. So kamen sie mit Beute beladen, nachdem sie ihr Heer bereichert und die wichtigsten Thaten vollbracht hatten, nach Athen103.
6 (1) [46] Da ihnen die ganze Bürgerschaft in den Piräeus entgegengekommen war, brannten Alle so vor Erwartung den Alcibiades zu sehen, daß die Menge nach seinem Dreiruderer zusammenströmte, gleich als ob er allein angekommen wäre. Denn davon war das Volk überzeugt, sowohl die früheren unglücklichen als die jetzigen glücklichen Ereignisse seien durch ihn herbeigeführt worden, und es maß daher den Verlust Siciliens wie die Siege der Lacedämonier der eigenen Schuld bei, weil es einen solchen Mann aus dem Staate vertrieben hätte. Eine Ansicht, die allerdings nicht des Grundes zu ermangeln schien. Denn seitdem er begonnen hatte, das Heer zu befehligen, waren die Feinde weder zu Wasser noch zu Lande fähig gewesen, ihnen die Spitze zu bieten. Sobald er daher sein Schiff verlassen hatte, begleiteten, obwohl Theramenes und Thrasybulus zugleich mit ihm den Oberbefehl geführt hatten und gleichzeitig in den Piräeus gekommen waren, dennoch Alle ihn allein; und allgemein wurde er, was früher niemals andern als den olympischen Siegern104 widerfahren war, mit goldenen Kränzen und Binden beschenkt. Unter Thränen nahm er solche Beweise des Wohlwollens seiner Mitbürger entgegen; gedachte er doch der Bitterkeit der früheren Zeit. Nachdem er die Stadt erreicht, hielt er vor dem versammelten Volke eine solche Rede, daß Niemand so roh war, der nicht über sein Schicksal geweint und sich gegen die erbittert gezeigt hätte, durch die er aus dem Vaterlande vertrieben worden war, gleich als ob ihn ein anderes Volk, nicht jenes selbige, das jetzt weinte, als Religionsfrevler verdammt hätte. Man stellte ihm also aus dem Staatsfiscus seine Güter zurück, und eben jene eumolpidischen Priester, die ihn verflucht hatten, wurden genöthigt den Fluch wieder aufzuheben, während die Säulen, worauf die Verfluchung geschrieben stand, in’s Meer gestürzt wurden.
7 (1) [47] Doch dieser Triumph des Alcibiades dauerte nicht allzulange. Zwar wurden ihm alle Ehrenbezeigungen zuerkannt, der ganze Staat in Krieg und Frieden in seine Macht gegeben105, um nach des Einen Willen verwaltet zu werden, und da er selbst verlangte, daß man ihm in Thrasybulus und Adimantus zwei Amtsgenossen geben solle, ihm dies zugestanden: als er nun aber mit der Flotte nach Asien gesegelt war, fiel er, weil er bei Cyme106 nicht ganz nach Wunsch gekämpft hatte, auf’s Neue in Ungunst. Denn nichts, glaubte man, könne ihm mißlingen. Woher es kam, daß man Alles, was weniger glücklich ausfiel, seinem Verschulden zuschrieb, indem es hieß, es sei entweder aus Nachlässigkeit oder bösem Willen geschehen; und so ging es auch damals. Man gab ihm nämlich Schuld, er habe, vom Perserkönig bestochen, Cyme nicht nehmen wollen. Demnach bin ich der Ansicht, daß ihm hauptsächlich die allzuhohe Meinung der Leute von seinem Genie und seiner militärischen Tüchtigkeit verderblich geworden sei. Denn nicht weniger als man ihn liebte, fürchtete man auch, er möchte durch sein Glück und seine Macht übermüthig werden und Verlangen nach der Tyrannis bekommen. Um dieser Ursachen willen enthoben sie ihn abwesend seines Amtes und setzten einen Andern an seine Stelle107. Wie er dies vernahm, hatte er keine Lust nach Hause zurückzukehren, sondern begab sich nach Pactye108, woselbst er drei feste Schlösser, Bornoi, Bizanthe und Neontichos, anlegte, und mit einer geworbenen Schaar als der Erste aus einem griechischen Staate in das innere Thracien eindrang, da er für ruhmvoller hielt, sich mit Beute von Barbaren als von Griechen zu bereichern. Dadurch hatte er Zuwachs an Berühmtheit und Macht gewonnen und sich einige der thracischen Könige eng befreundet.
8 (1) [48] Dennoch konnte er von der Liebe zum Vaterlande nicht lassen. Es hatte nämlich der athenische Feldherr Philocles seine Flotte am Ziegenflusse aufgestellt, nicht weit davon aber stand der Feldherr der Lacedämonier Lysander, welcher damit umging, den Krieg so sehr wie möglich in die Länge zu ziehen, weil die Seinigen vom Perserkönige Geld erhielten, den erschöpften Athenern dagegen außer Waffen und Schiffen nichts mehr übrig geblieben war. Da erschien Alcibiades beim Heere der Athener und begann hier vor den Augen des Kriegsvolkes Unterhandlungen: „er wolle, wenn sie es wünschten, den Lysander zwingen, entweder eine Schlacht zu liefern oder um Frieden zu bitten. Die Lacedämonier, versichert er, wollten deshalb nicht zur See kämpfen, weil ihr Landheer stärker sei als ihre Flotte: für ihn aber sei es ein Leichtes, den thracischen König Seuthes dahinzubringen, daß er den Lysander vom Lande vertreibe; und dann müsse dieser unausbleiblich entweder sich in eine Seeschlacht einlassen oder den Krieg beilegen.“ Obwohl nun Philocles einsah, daß jener wahr rede, wollte er dennoch auf seine Forderungen nicht eingehen, weil er merkte, wenn er den Alcibiades aufnehme, werde er beim Heere nichts mehr gelten; und ereigne sich etwas Glückliches, so werde er keinen Theil daran haben, dagegen stoße ihnen ein Unglück zu, die Anklage wegen des Verschuldens davon allein auf sich nehmen müssen. Sich von ihm trennend sagte Alcibiades: „Weil du dich dem Siege des Vaterlandes widersetzest, erinnere ich dich wenigstens, daß du, dem Feind so nahe, ein Schiffslager anlegst; denn es steht zu fürchten, daß sich bei der schlechten Mannszucht eurer Truppen dem Lysander Gelegenheit biete, euer Heer zu überfallen.“ Und darin täuschte er sich nicht. Denn als Lysander durch Späher erfahren hatte, daß das Kriegsvolk der Athener auf’s Land nach Beute ausgegangen und die Schiffe beinahe ohne Bemannung zurückgelassen seien, ließ er den günstigen Augenblick zum Kampfe nicht vorüber und brachte durch jenen Angriff den Krieg gänzlich zu Ende109.
9 (1) Doch hielt Alcibiades nach Besiegung der Athener seinen bisherigen Aufenthalt nicht für sicher genug und zog sich ganz in das Innere von Thracien oberhalb der Propontis zurück, in der Hoffnung, [49] dort werde sich sein Geschick am leichtesten verbergen lassen. Falsch jedoch. Die Thracier nämlich, als sie merkten, er sei mit großen Schätzen gekommen, lauerten ihm auf und raubten ihm, was er mitgebracht hatte, seiner Person konnten sie sich nicht bemächtigen. Da er nun sah, daß es für ihn in Griechenland bei der ausgedehnten Macht der Lacedämonier keinen sichern Platz gebe, ging er zum Pharnabazus110 nach Asien hinüber;111 und diesen nahm er durch seine seine Bildung so für sich ein, daß ihm keiner seiner andern Freunde höher stand. Hatte er ihm doch die Veste Grynium in Phrygien gegeben, aus deren Gebiete er jährlich 50 Talente an Steuern bezog. Doch genügte dem Alcibiades dieser Zustand nicht, noch konnte er ertragen, daß Athen besiegt und von den Lacedämoniern geknechtet war. Daher trieb ihn all’ sein Sinnen und Denken zur Befreiung des Vaterlandes. Allein er sah, dies sei ohne den Perserkönig112 nicht zu bewerkstelligen, und wünschte deshalb sich dessen Freundschaft zu erwerben, zweifelte auch nicht, dies leicht erreichen zu können, wenn er nur Gelegenheit gefunden hätte, sich ihm zu nähern. Er wußte nämlich, daß sich dessen Bruder Cyrus heimlich mit Unterstützung der Lacedämonier zum Kriege gegen ihn rüste: konnte er ihm das offenbaren, so sah er voraus, daß er sich hohe Gunst erwerben würde.
10 (1) Während er damit umging und den Pharnabazus bat, ihn zum Könige zu schicken, hatten gleichzeitig Critias und die übrigen Tyrannen113 zu Athen zuverlässige Boten an Lysander nach Asien geschickt, um ihm mitzutheilen, wenn er den Alcibiades nicht aus dem Wege räume, werde nichts von allen seinen Einrichtungen in Athen Bestand haben. Wünsche er daher seinem Werke Dauer, so solle er jenen verfolgen. Hierdurch bewogen beschloß der Lacedämonier ganz ernstlich mit Pharnabazus zu unterhandeln. Er kündigte ihm also das Bündniß zwischen dem Könige und den Lacedämoniern auf, wenn er ihm nicht den Alcibiades lebend oder todt überlieferte. Seinem Dringen widerstand der Satrap nicht, und wollte lieber die Pflicht der Menschlichkeit verletzen als die Macht des Königs verringert sehen. [50] Er sandte daher den Susametres und Bagäus zur Ermordung des Alcibiades ab, da derselbe in Phrygien weilte und seine Reise zum König vorbereitete. Die Abgesandten geben heimlich den Leuten der Umgegend, wo sich damals Alcibiades aufhielt, den Auftrag ihn umzubringen; und diese, da sie ihn nicht mit gewaffneter Hand anzugreifen wagten, trugen Nachts eine Menge Holz um das Häuschen zusammen, worin er schlief, und zündeten dies an, um ihn, den sie sich im Handgemenge zu überwältigen nicht getrauten, durch Feuer zu tödten. Sobald jener vom Geprassel der Flammen erwachte, riß er, obwohl man ihm sein Schwert heimlich weggenommen hatte, den Dolch seines Freundes heraus – denn es begleitete ihn ein Gastfreund aus Arcadien, der sich niemals von ihm hatte trennen wollen – befahl diesem zu folgen und raffte auf, was augenblicklich an Gewändern vorhanden war. Diese schleuderte er in’s Feuer und über sprang so die Gluth der Flammen. Wie ihn jedoch die Barbaren der Feuersbrunst entronnen sahen, schossen sie aus der Ferne mit Pfeilen und tödteten ihn und brachten sein Haupt zu Pharnabazus. Ein Weib aber, das gewöhnlich bei ihm gelebt hatte, bedeckte ihn mit ihrem Frauengewande und verbrannte den Todten in der Flamme des Hauses, die den Lebenden zu verzehren angeschürt worden war. So starb Alcibiades in einem Alter von ungefähr vierzig Jahren114.
11 (1) Diesem Manne, der von so vielen geschmäht worden ist, haben drei der glaubwürdigsten Geschichtschreiber die höchsten Lobsprüche ertheilt: Thucydides, der sein Zeitgenosse, Theopompus, der etwas später geboren war, und Timäus.115 Und zwar haben sich die beiden Letzteren, die sonst so sehr geneigt sind zu tadeln, ich weiß nicht wie es kommt, bei diesem Einen an’s Loben gewöhnt116. Denn das, was oben geschrieben steht, haben sie von ihm gerühmt, und ferner noch Folgendes. Da er zu Athen, dieser so prächtigen Stadt geboren war, habe er alle an Glanz und Pracht der Lebensweise übertroffen. Nachdem er von dort verbannt zu den Thebanern gekommen sei, habe er sich so sehr deren Lieblingsbeschäftigungen hingegeben [51], daß es ihm Niemand in körperlicher Kraft und Anstrengung gleichthun konnte; denn alle Böotier bemühen sich mehr um Körperstärke als um Schärfe des Geistes. Ebenso habe er sich bei den Lacedämoniern, nach deren Sitten für die höchste Tugend Ausdauer galt, einer so strengen Lebensart befleißigt, daß er es in Einfachheit der Nahrung und Kleidung allen Lacedämoniern zuvorthat. Er habe bei den Thraciern, einem trunksüchtigen und der Wollust ergebenen Volke, gelebt, und auch sie in diesen Stücken übertroffen. Er sei zu den Persern gekommen, denen es als das höchste Lob gelte tapfer zu jagen und schwelgerisch zu leben, und dieser ihrer Gewohnheit habe er sich so anbequemt, daß jene selbst ihn darin höchlich bewunderten. Auf diese Weise habe er erreicht, daß er überall, wo er sich aufhalten mochte, für den Ersten galt und äußerst werth und theuer geachtet wurde. Doch genug über ihn; ich beginne mit den übrigen.
Thrasybulos
1 (1) Der Athener Thrasybulus, des Lycus Sohn. Ist die Tüchtigkeit allein für sich, ohne Rücksicht auf das Glück abzuwägen, so weiß ich nicht, ob ich nicht diesem Manne den ersten Platz unter Allen anweisen soll. Soviel ohne Bedenken: ich stelle Niemanden höher in Treue, Standhaftigkeit, hohem Muthe und Vaterlandsliebe.117 Denn was Viele gewollt, Wenige aber vermocht haben, ihr Vaterland von einem Tyrannen zu befreien, glückte ihm in dem Grade, daß er das von dreißig Tyrannen unterdrückte aus der Knechtschaft zur Freiheit [52] führte. Doch ich weiß nicht warum, obwohl ihn Niemand in jenen Tugenden überbot, haben ihn dennoch viele an Berühmtheit übertroffen. Erstens im peloponnesischen Kriege vollführte er Vieles ohne Beihülfe des Alcibiades, dieser Nichts ohne die seinige; aber durch eine gewisse angeborne Gabe machte sich derselbe das Alles zusammen zu Nutzen. Obschon bei allen jenen Thaten außer dem Feldherrn auch die Soldaten und das Glück betheiligt sind, weil im Zusammenstoß der Schlacht die Entscheidung von der klugen Berechnung auf die Kraftanstrengungen und die Masse der Kämpfenden übergeht; so daß mit vollem Recht einen Theil davon der Soldat, das meiste aber das Glück vom Feldherrn in Anspruch nehmen, und sich in Wahrheit rühmen darf, mehr dabei gethan zu haben als die Klugheit des Führers. Darum aber ist jene herrliche That ganz und gar Eigenthum des Thrasybulus, da er, als die von den Lacedämoniern vorgesetzten dreißig Tyrannen Athen unter dem Drucke der Knechtschaft hielten, eine große Anzahl Bürger, die das Schicksal im Kriege verschont hatte, verbannten oder tödteten, und die Güter der Meisten mit Beschlag belegten und unter sich theilten, nicht nur der Erste, sondern anfangs es auch allein war, der ihnen den Krieg erklärte118.
2 (1) Als er nämlich nach Phyle, einem starkbefestigten Castell in Attica floh119, hatte er nicht mehr als dreißig von seinen Anhängern bei sich. Dies war der Anfang zur Rettung der Athener, dies die Stütze für die Freiheit des so berühmten Staates. Und wirklich wurde er hier in seiner Verlassenheit anfangs von den Tyrannen verachtet; ein Umstand, der gerade jenen, die ihn verachteten, zum Verderben, ihm, dem Verachteten, zum Heile ausschlug. Denn er machte jene lässig zur Verfolgung, diese kräftigte er, da man ihnen Zeit ließ, sich zu rüsten. Um so mehr also ist von Allen die Regel zu beherzigen, daß man nichts im Kriege geringachten müsse, und daß es nicht ohne [53] Grund heiße, die Mutter des Vorsichtigen pflege nicht zu weinen. Doch wehrte sich die Macht Thrasybul’s nicht nach seiner Erwartung, da schon damals in jenen Zeiten die guten Bürger wackerer für die Freiheit sprachen als kämpften. Von Phyle zog er nach dem Piräeus und befestigte Munychia. Diesen Platz unternahmen die Tyrannen zweimal zu stürmen, wurden aber schimpflich zurückgetrieben und flohen mit Verlust der Waffen und des Gepäckes geraden Weges in die Stadt zurück. Thrasybulus bewies nicht weniger Klugheit als Tapferkeit. Er verbot nämlich den Fliehenden ein Leid zuzufügen, da es sich zieme, daß ein Bürger des andern schone. Auch wurde keiner verwundet, der nicht zuerst die Absicht zeigte loszuschlagen; keinen Gefallenen beraubte er seiner Kleider; nichts rührte er an als Waffen, die er brauchte, und Gegenstände des täglichen Bedarfes. Im zweiten Treffen fiel Critias, das Haupt der Tyrannen, als er gerade dem Thrasybul gegenüber auf das Tapferste kämpfte.
3 (1) Nach seinem Falle kam der König der Lacedämonier Pausanias den Athenern zu Hülfe, und brachte zwischen Thrasybulus und denen, welche die Stadt behaupteten, den Frieden unter folgenden Bedingungen zu Stande120: Niemand außer den dreißig Tyrannen und den zehn, welche nach ihnen zu Befehlshabern ernannt dem Beispiel der früheren Grausamkeit gefolgt waren,121 sollte verbannt, oder seine Güter mit Beschlag belegt, die Verwaltung des Staates dem Volke zurückgegeben werden. Eine höchst rühmliche Handlung des Thrasybulus war auch die, daß er nach Abschluß des Friedens, als er den größten Einfluß im Staate besaß, ein Gesetz vorschlug, daß Niemand früher geschehener Dinge wegen angeklagt oder bestraft werden solle. Dies nannte man das Amnestiegesetz. Doch ließ er dasselbe nicht bloß geben, sondern sorgte auch, daß es in Kraft blieb. Denn als einige von denen, die mit ihm verbannt gewesen waren, diejenigen, mit welchen man sich durch einen Staatsvertrag ausgesöhnt hatte, [54] umbringen wollten, hinderte er es und hielt, was er versprochen hatte.
4 (1) Für diese großen Verdienste wurde ihm vom Volke eine aus zwei Oelzweigen geflochtene Ehrenkrone überreicht, und weil seine Bürgerfreundlichkeit, nicht Gewalt dieselbe abgenöthigt hatte, erregte sie keinen Neid und war äußerst ruhmvoll für ihn. Klüglich also sagte jener Pittacus, der unter die Zahl der sieben Weisen gerechnet wurde, als ihm die Mytilenäer viele Tausend Morgen Landes zum Geschenk anboten: „Gebt mir, ich bitte euch, nichts, was mir Viele beneiden und noch Mehrere begehren möchten. Deshalb will ich davon nicht mehr als hundert Morgen nehmen, die sowohl meinen genügsamen Sinn als euern guten Willen bezeugen mögen.“ Denn kleine Geschenke pflegt man dauernd, reiche nicht sicher zu besitzen. Mit jenem Kranze also zufrieden, begehrte weder Thrasybulus mehr, noch hielt er sich von irgend Jemand an Ehren übertroffen. Als er später als Feldherr mit der Flotte in Cilicien gelandet war, und man in seinem Lager nicht sorgfältig genug Wache hielt, wurde er von den Barbaren, bei einem nächtlichen Ausfalle derselben aus ihrer Stadt, in seinem Zelte getödtet122.
Konon
1 (1) [55] Der Athener Conon123 trat im peloponnesischen Kriege in die Staatsverwaltung ein, und seine Wirksamkeit während desselben war von großer Bedeutung. Denn nicht nur zu Lande befehligte er Heere, sondern er vollbrachte auch als Flottenbefehlshaber wichtige Thaten; so daß ihm aus diesem Grunde vorzügliche Ehre erwiesen ward. Er allein nämlich führte den Oberbefehl über alle Inseln, und nahm während desselben die lacedämonische Colonie Pherä ein. Auch zu Ende des peloponnesischen Krieges war er Feldherr, als die Streitmacht der Athener am Ziegenflusse von Lysander auf’s Haupt geschlagen wurde. Doch war er damals abwesend, und um so größere Fehler [56] wurden dabei begangen. Denn er war sowohl ein kriegskundiger als pünktlicher Anführer, so daß Niemand in jener Zeit bezweifelte, die Athener würden, wenn er zugegen gewesen wäre, jene Niederlage nicht erlitten haben.
2 (1) Nach dieser unglücklichen Wendung der Dinge fragte er, als er hörte, seine Vaterstadt werde belagert, nicht darnach, wo er selbst sicher leben, sondern von wo er seinen Mitbürgern Hülfe bringen könne. Er begab sich daher zu Pharnabazus, dem Statthalter von Jonien und Lydien, der zugleich Schwiegersohn und Verwandter des Königs war, und erreichte durch viele Anstrengungen und Gefahren, daß er bei diesem als Günstling großen Einfluß erhielt. Die Lacedämonier hatten nämlich nach Besiegung der Athener an ihrem Bündniß mit Artaxerxes nicht festgehalten, sondern, um denselben zu bekriegen, den Agesilaus nach Asien gesandt124, hauptsächlich auf Antrieb des Tissaphernes, der, vorher einer der Vertrauten des Königs, an dessen Freundschaft zum Verräther geworden und mit den Lacedämoniern in Verbindung getreten war. Dem Agesilaus gegenüber galt nun zwar Pharnabazus als Oberfeldherr, in Wahrheit aber befehligte Conon das Heer, da Alles nach seiner Anordnung geschah. Hier war er nun für Agesilaus, diesen so ausgezeichneten Heerführer, ein großes Hinderniß, und trat häufig dessen Plänen entgegen; und es war ganz offenbar, wenn er nicht gewesen wäre, würde Agesilaus dem König Asien bis an den Taurus entrissen haben. Nachdem jener von seinen Mitbürgern heimgerufen worden war, weil die Böotier und Athener an die Lacedämonier Krieg erklärt hatten125, blieb Conon dessen ungeachtet bei den Statthaltern des Königs und war ihnen Allen von großem Nutzen.
3 (1) Tissaphernes war vom König abgefallen, obwohl dies weniger dem Artaxerxes als den Uebrigen einleuchtete. Denn wegen seiner vielen und großen Verdienste übte er beim König noch Einfluß, auch als er bereits seiner Pflicht untreu geworden war. Und man darf sich nicht wundern, wenn dieser, eingedenk daß er durch jenes Hülfe seinen Bruder Cyrus besiegt hatte, nicht leicht dahin gebracht [57] wurde, es zu glauben. Um also den Tissaphernes anzuklagen, ward Conon von Pharnabazus an den König geschickt. Dort angelangt begab er sich zuerst nach persischer Sitte zum Chiliarchen Tithraustes, der die zweite Stelle im Reiche einnahm, und zeigte an, daß er mit dem Könige zu sprechen wünsche. Denn ohne diese Meldung wird Niemand zugelassen. Jener sagte ihm: „Es hat keinen Anstand, überlege jedoch, ob du das Beabsichtigte lieber mündlich oder schriftlich mit ihm verhandeln willst. Es ist nämlich unerläßlich, wenn du vor das Antlitz des Königs trittst, niederzufallen und anzubeten (was bei den Griechen προσκύνησις heißt). Ist dir das lästig, so wirst du ebenso gut durch meine Vermittelung, wenn du mich mit deinen Aufträgen bekannt machst, das was du wünschest, erreichen.“ Hierauf erwiderte Conen: „Mir für meine Person ist es wahrlich nicht lästig, dem König jedwede Ehre zu erzeigen; doch fürchte ich, es möchte meinem Staate, da ich aus einem solchen komme, der den andern Völkern zu gebieten pflegt, zum Vorwurf gereichen, wenn ich mich mehr nach den ausländischen als nach seinen Sitten richte.“ Daher übergab er ihm das, was er wollte, schriftlich.
4 (1) Als der König dies gelesen, machte der Rath dieses Mannes solchen Eindruck auf ihn, daß er sowohl den Tissaphernes für einen Feind erklärte, als auch dem Conon befahl, die Lacedämonier zu bekriegen und ihm freistellte, sich, wen er wolle, zum Kriegszahlmeister auszuwählen. Doch Conon sagte, diese Wahl sei nicht Sache seiner Entschließung, sondern des Königs selbst, der seine Leute am besten kennen müsse; doch rathe er, dem Pharnabazus diesen Auftrag zu ertheilen. Von dort wurde er reich beschenkt an’s Meer entsendet, um den Cyprern und Phöniciern und den übrigen Seestaaten die Stellung von Kriegsschiffen anzubefehlen, und eine Flotte zu rüsten, mit der er im nächsten Sommer das Meer beschützen könnte; als Gehülfe aber wurde ihm, wie er selbst gewünscht, Pharnabazus beigegeben. Wie dies den Lacedämoniern kund ward, betrieben sie ihre Rüstung nicht ohne Sorge, weil ihnen, wie sie meinten, ein schwererer Krieg bevorstand, als wenn sie mit den Barbaren allein zu kämpfen hätten. Denn sie sahen, ein tapferer und erfahrener Führer werde die königliche Macht befehligen und mit ihnen streiten, dem sie es weder an Klugheit noch an Zahl der Streitkräfte zuvorthun könnten. [58] Da sie in dieser Voraussetzung eine große Flotte zusammengezogen hatten und unter Führung des Pisander ausgesegelt waren, griff sie Conon bei Cnidus an, schlug sie in einer großen Schlacht, nahm viele ihrer Schiffe weg und versenkte noch mehrere126. Durch diesen Sieg wurde nicht allein Athen, sondern das gesammte Griechenland, das unter der Herrschaft der Lacedämonier gestanden hatte, wieder frei. Conon fuhr mit einem Theil seiner Schiffe nach seiner Vaterstadt, ließ die von Lysander zerstörten Mauern, beide, des Piräeus und der Stadt Athen, wieder aufbauen und schenkte seinen Mitbürgern 50 Talente an Geld, die er von Pharnabazus erhalten hatte127.
5 (1) Ihm ging es wie den übrigen Sterblichen, daß er sich im Glück weniger bedachtsam zeigte als im Unglück. Denn als er die Flotte der Peloponnesier überwunden hatte, und die seinem Vaterlande widerfahrene Unbill gerächt zu haben meinte, fing er an mehr zu erstreben, als er zu erreichen im Stande war. Doch waren seine Absichten patriotisch und billigenswerth, weil er lieber die Macht seiner Vaterstadt als die des Königs gemehrt zu sehen wünschte. Da er sich nämlich durch jene Seeschlacht bei Cnidus hohes Ansehen nicht nur unter den Barbaren, sondern auch bei allen griechischen Staaten begründet hatte, begann er heimlich dahin zu arbeiten, daß Jonien und Aeolis den Athenern zurückerstattet würde. Dies wurde nicht sorgfältig genug verheimlicht, und der Statthalter in Sardes, Tiribazus forderte ihn daher zu sich, unter dem Vorgeben, ihn in einer wichtigen Angelegenheit an den König senden zu wollen. Als er aber dieser Botschaft Folge leistete und zu ihm kam, wurde er in’s Gefängniß geworfen128, in welchem er eine Zeit lang verblieb. Von da haben Einige berichtet, sei er zum König abgeführt und dort getödtet worden. Der Historiker Dinon dagegen, dem ich hinsichtlich der persischen Geschichte den meisten Glauben schenke, schreibt, er sei entflohen, will jedoch zweifelhaft lassen, ob dies mit oder ohne Wissen des Tiribazus geschehen sei.
Dion
1 (1) [59] Der Syracusaner Dion, des Hipparinus Sohn, stammte aus edlem Geschlechte und war in die Tyrannis der beiden Dionyse verflochten. Denn der ältere von ihnen129 hatte die Schwester Dion’s, Aristomache zur Gemahlin, die ihm zwei Söhne, Hipparinus und Nisäus, und ebensoviel Töchter, mit Namen Sophrosyne und Arete, gebar. Von diesen letzteren verheirathete er die ältere an seinen Sohn Dionysius, dem er auch die Herrschaft hinterließ, die andere, die Arete, an Dion. Dion aber besaß außer der vornehmen Verwandtschaft und dem Ruhme edler Vorfahren viele andere ihm von der Natur verliehene Vorzüge, namentlich einen bildsamen, milden und für Künste und Wissenschaften empfänglichen Geist, herrliche Körperbildung, was gar sehr zur Empfehlung dient, außerdem große von seinem Vater ererbte Reichthümer, die er selbst noch durch die Geschenke der Tyrannen vermehrt hatte. Er war der Vertraute des älteren Dionysius, und zwar nicht minder seines Charakter als der Verwandtschaft halber. Denn wenn ihm auch die Grausamkeit des Dionysius nicht gefiel, so wünschte er ihn doch wegen seiner engen Beziehung zu ihm und noch mehr um der Seinigen willen erhalten zu sehen. Er leistete dem Tyrannen bei wichtigen Angelegenheiten Dienste, und sein Rath vermochte viel bei demselben, es sei denn daß irgendwo dessen eigene zu mächtige Leidenschaft dazwischentrat. Alle Gesandtschaften vollends, die von einiger Bedeutung waren, wurden von Dion übernommen, der, indem er sich ihnen sorgfältig unterzog und sie treulich ausführte, den Ruf der Grausamkeit, in welchem der Tyrann stand, durch seine feine Bildung verdeckte. Als ihn Dionysius zu den Carthagern gesendet hatte, verehrten ihn diese so hoch, daß sie nie einem Manne griechischer Zunge gleiche Bewunderung gezollt haben.
2 (1) Das entging auch dem Dionysius nicht, der es merkte, welche Zierde er für ihn sei. Und darum geschah es, daß er sich ihm vor [60] allen Andern außerst willfährig zeigte, und ihn nicht anders wie seinen Sohn liebte. Konnte er doch, als die Kunde nach Sicilien gelangt war, Plato sei nach Tarent gekommen, es dem Jüngling nicht abschlagen, ihn herüberholen zu lassen, da Dion vor Begier brannte denselben zu hören. Er gewährte ihm also seine Bitte und brachte den Plato unter vielem Gepränge nach Syracus.130 Diesem schenkte Dion so hohe Bewunderung und Liebe, daß er sich ihm ganz hingab; nicht weniger Freude fand aber auch Plato an Dion. Daher kehrte er auch, obwohl er von Dionysius grausam mißhandelt worden war, indem dieser nämlich Befehl gab, ihn zu verkaufen, dennoch auf die erneuten Bitten Dion’s nach Syracus zurück. Unterdeß verfiel Dionysius in eine Krankheit. Als er an dieser hart darniederlag, fragte Dion die Aerzte, wie er sich befinde, und bat sie zugleich ihm es offen zu sagen, wenn er etwa in größerer Gefahr wäre: denn er wünsche mit ihm über die Theilung des Reiches zu sprechen, weil er meinte, daß die von jenem erzeugten Söhne seiner Schwester Antheil an der Herrschaft erhalten müßten. Dieses Gespräch verschwiegen die Aerzte nicht, sondern hinterbrachten es dem jüngern Dionysius; worauf dieser, um dem Dion die Gelegenheit zu Verhandlungen zu entziehen, die Aerzte nöthigte, seinem Vater einen Schlaftrunk zu geben. Als den der Kranke genommen, versank er wie in einen tiefen Schlaf und starb131.
3 (1) Das war die Veranlassung zu der Spannung zwischen Dion und Dionysius, die noch durch Vielerlei vermehrt wurde. Doch erhielt sich zuerst eine Zeit lang noch eine scheinbare Freundschaft unter ihnen. Da Dion nicht abließ in Dionysius zu dringen, daß er den Plato aus Athen holen ließe, um dessen Rathschläge zu hören, so willfahrte dieser ihm132, da er doch in irgendetwas seinem Vater [61] nachahmen wollte. Und gleichzeitig brachte er auch den Geschichtschreiber Philistus133 nach Syracus zurück, einen Freund nicht minder der Tyrannen überhaupt als des Tyrannen insbesondere. Doch über diesen ist weitläufiger in dem Buche gesprochen, welches ich über die griechischen Geschichtschreiber verfaßt habe. Plato aber vermochte durch sein Ansehen bei Dionysius soviel, und seine Beredtsamkeit wirkte so mächtig, daß er ihn überredete, die Tyrannis aufhören zu lassen und den Syracusanern die Freiheit wiederzugeben. Von dieser Absicht wurde er jedoch durch den Rath des Philistus zurückgebracht und begann noch weit grausamer zu werden.
4 (1) Wie er nun bemerkte, daß er von Dion an Geist, Ansehen und Beliebtheit beim Volke übertroffen werde, fürchtete er, er möchte diesem, wenn er ihn bei sich behielte, irgend eine Gelegenheit bieten ihn zu stürzen. Er gab ihm daher ein dreirudriges Schiff, um sich darauf fort nach Corinth zu begeben, mit dem Bedeuten, daß er dies um ihrer beider willen thue, damit nicht, da sie sich gegenseitig fürchteten, einer den andern durch einen Angriff überraschte134. Da sich der Tyrann durch dieses Verfahren von vielen Seiten Unwillen und großen Haß zuzog, ließ er alle bewegliche Habe Dion’s auf ein Schiff packen und sandte sie ihm zu; denn er wünschte die Meinung verbreitet, als handle er so nicht aus Haß gegen den Mann, sondern um seiner eigenen Sicherheit willen. Nachdem er aber erfahren, jener rüste im Peloponnes Mannschaft und beabsichtige ihn zu bekriegen, gab er Dion’s Gemahlin Arete einem Andern zum Weibe, und ließ seinen Sohn so erziehen, daß er sich, indem man seinen Begierden freien Lauf ließ, mit den schändlichsten Lüsten befleckte. Man führte nämlich dem Knaben, bevor er noch mannbar war, Buhlerinnen zu, überlud ihn durch Zechgelage und Schmausereien und ließ ihm nicht die geringste Zeit nüchtern zu werden. Der junge Mensch vermochte [62] sich nach der Rückkehr seines Vaters in das Vaterland in die veränderte Lebenslage (denn man hatte ihm, um ihn von seiner früheren Lebensweise abzubringen, Aufseher beigegeben) so wenig zu schicken, daß er sich vom Dache des Hauses herabstürzte und so seinen Tod fand. Doch ich kehre zum Obigen zurück.
5 (1) Als Dion nach Corinth gelangt, und ebendahin der ehemalige Befehlshaber der Reiterei, Heraclides gekommen war, gleichfalls von Dionysius vertrieben, begannen beide sich auf alle Weise zum Kriege zu rüsten. Doch rückten sie nicht sehr vorwärts, weil die seit vielen Jahren begründete Tyrannenherrschaft für äußerst mächtig gehalten wurde, so daß sich nur Wenige für die Theilnahme an dem gefahrvollen Unternehmen gewinnen ließen. Allein Dion, vertrauend weniger auf seine Soldaten als auf den Haß gegen den Tyrannen, zog voll hohen Muthes mit nur zwei Lastschiffen aus, eine seit fünfzig Jahren bestehende Herrschaft135, die durch 500 Kriegsschiffe, 10000 Reiter und 100000 Mann zu Fuß geschützt ward, anzugreifen; und, was aller Welt wunderbar erschienen ist, warf dieselbe so leicht über den Haufen, daß er drei Tage nach seiner Landung in Sicilien in Syracus einzog136. Daraus kann man wahrnehmen, wie keine Herrschaft sicher ist, außer die durch Wohlwollen befestigte. Zu jener Zeit war Dionysius abwesend und erwartete, im Wahne, daß Niemand ohne große Heeresmacht zu ihm herankommen werde, die Flotte seiner Gegner in Italien137. Doch täuschte er sich hierin. Denn Dion brach durch eben die, welche unter der Botmäßigkeit seines Gegners gestanden hatten, den Uebermuth des Herrschers und bemächtigte sich des ganzen Theiles von Sicilien, der in Jenes Gewalt gewesen war, desgleichen der Stadt Syracus mit alleiniger Ausnahme der Burg und der an die Stadt grenzenden Insel; und brachte es dahin, daß der Tyrann unter folgenden Bedingungen138 Frieden anbot: Sicilien sollte Dion behalten, Italien Dionysius, Syracus Apollocrates, dem Dion unter Allen das meiste Vertrauen schenkte.
6 (1) [63] Diesen so günstigen und so unerwarteten Ereignissen folgte ein plötzlicher Wechsel, da das Glück vermöge der ihm eigenen Wandelbarkeit, den es kurz zuvor erhoben hatte, zu stürzen unternahm. Zuerst übte es seine Macht am Sohne, dessen ich oben Erwähnung that. Denn als er sein Weib wiedergewonnen hatte, die einem andern gegeben war, und seinen Sohn aus heilloser Ueppigkeit zur Tugend zurückführen wollte, empfing er als Vater die schwerste Wunde durch den Tod des Sohnes. Dann entstand Zwiespalt zwischen ihm und Heraclides, der, weil er ihm nicht die erste Stelle zugestehen wollte, sich eine Partei warb. Auch galt derselbe nicht weniger als Dion bei den Optimaten, mit deren Zustimmung er die Flotte befehligte, während jener das Landheer unter sich hatte. Das ertrug Dion nicht mit Gleichmuth und führte jenen Vers aus dem zweiten Gesange Homers139 an, dessen Sinn ist: der Staat könne bei einer Herrschaft Vieler nicht gut verwaltet werden. Dieser Ausspruch erregte großen Unwillen, da er damit den Wunsch enthüllt zu haben schien, Alles in seiner Gewalt zu haben. Diesen Unwillen aber suchte er nicht durch Nachgiebigkeit zu besänftigen, sondern durch Härte zu unterdrücken, und als Heraclides nach Syracus kam, ließ er denselben tödten.
7 (1) Diese That jagte Allen gewaltigen Schrecken ein, indem sich nach Jenes Ermordung Niemand für sicher hielt. Er aber vertheilte nach Beseitigung seines Gegners sehr willkührlich das Vermögen derer, von denen er wußte, daß sie zur Gegenpartei gehört hatten, unter die Soldaten140. Als er damit fertig, begann, da der durch diese Geschenke verursachte tägliche Aufwand sehr bedeutend war, bald das Geld zu fehlen, und es blieb ihm nichts, wonach er die Hände hätte ausstrecken können, als die Besitzthümer seiner Anhänger. Das hatte die Folge, daß er, als er die Gunst der Soldaten wiedergewonnen, die der [64] Optimaten einbüßte. Die Sorge um diese Dinge nur beugte seinen Muth, und ungewohnt, übel von sich reden zu hören, ertrug er es nicht gleichgültig, daß diejenigen übel über ihn urtheilten, deren Lobpreisungen ihn kurz zuvor bis zum Himmel erhoben hatten. Das Volk aber redete, solange ihm die Stimmung des Heeres feindlich war, ganz rückhaltslos, und pflegte ihn einen unerträglichen Tyrannen zu schelten.
8 (1) Während er angesichts dieser Verhältnisse nicht wußte, wie er sie friedlicher gestalten sollte, und sorgte, wohin das enden werde, kommt ein gewisser Callicrates141, der athenischer Bürger und zugleich mit ihm aus dem Peloponnes nach Sicilien gekommen war, ein verschlagener und zum Betrug abgefeimter Mensch ohne irgend Pflicht und Gewissen, zu Dion und sagt: „derselbe sei wegen der aufgebrachten Stimmung des Volkes und des Hasses der Soldaten in großer Gefahr, der er nicht anders entgehen könne, als wenn er irgend einem seiner Anhänger den Auftrag gebe, sich ihm feindlich gesinnt zu stellen. Fände er einen hierzu geeigneten, so werde er leicht Aller Gesinnung erforschen und seine Gegner beseitigen, da seine Feinde ihre widerspänstige Sinnesart diesem offenbaren würden.“ Der Rath wird gutgeheißen, und mit dieser Rolle Callicrates selbst betraut, der nun das unvorsichtige Vertrauen Dion’s als Waffe benutzt, zu seiner Ermordung Genossen wirbt, mit seinen Gegnern Zusammenkünfte hält und sie durch gegenseitigen Schwur bestärkt. Da Viele darum wußten, was im Werke sei, wurde die Sache bekannt und der Schwester Dion’s, Aristomache, sowie seiner Gemahlin Arete hinterbracht. Beide begaben sich in heftiger Bestürzung zu dem, dessen Gefahr sie mit Furcht erfüllte. Doch er leugnet, daß ihm Callicrates Nachstellungen bereite, vielmehr geschehe, was man thue, auf sein Geheiß. Gleichwohl führen die Frauen den Callicrates in den Tempel der Proserpina und nöthigen ihn zu schwören, daß von seiner Seite dem Dion nicht die geringste Gefahr drohe. Dieser aber, weit entfernt, sich durch den Eid abschrecken zu lassen, wurde dadurch vielmehr zur Beschleunigung angetrieben, aus Furcht, daß sein Plan an den Tag käme, bevor noch das Beabsichtigte vollbracht wäre.
9 (1) [65] Solches bedenkend, übergab er am nächsten Festtage, als sich Dion von der Festversammlung entfernt zu Hause hielt, und sich in einem der oberen Gemächer niedergelegt hatte, den in das Unternehmen Eingeweihten die befestigteren Punkte der Stadt, schloß die Wohnung jenes mit Wachen ein und stellte zuverlässige Leute an die Thür, mit der Weisung diesen Posten nicht zu verlassen. Ferner bemannte er einen Dreiruderer mit Bewaffneten, übergab ihn seinem Bruder Philostratus und befahl damit im Hafen hin und herzurudern, gleich als ob er die Ruderer üben wollte, um nämlich, wenn etwa das Schicksal seine Pläne hinderte, ein Schiff zu haben, worauf er fliehen und sich retten könnte. Aus der Zahl seiner Anhänger aber erwählt er einige junge Leute aus Zakynthos von außerordentlicher Kühnheit und Körperstärke und gibt ihnen den Auftrag, unbewaffnet zu Dion zu gehen, so daß es scheine, als kämen sie mit ihm zu sprechen. Diese wurden, weil man sie kannte, eingelassen. Aber sie hatten nicht sobald die Schwelle des Gemaches überschritten, als sie die Thüre verriegeln, auf den auf freiem Lager Ruhenden eindringen und ihn binden. Es entsteht Lärm, so laut, daß man es draußen hören kann. Hier konnte, wie schon früher mehrmals bemerkt worden ist,142 jeder leicht wahrnehmen, wie verhaßt die Alleinherrschaft und wie beklagenswerth das Leben derer sei, die lieber gefürchtet als geliebt sein wollen. Denn selbst die Wächter143, wären sie treugesinnt gewesen, hätten ihn, wenn sie die Thüre erbrachen, retten können, da die Zakynthier unbewaffnet den Lebenden festhielten, und von draußen eine Waffe forderten. Da ihm aber Niemand zu Hülfe kam, so reichte ihnen ein Syracusaner Namens Lyco ein Schwert durch das Fenster, womit sie Dion tödteten.
10 (1) Als nach vollbrachtem Morde die Menge neugierig eingedrungen war, wurden von den Nichtbetheiligten einige als Schuldige niedergehauen. Denn nachdem sich schnell das Gerücht verbreitet, an Dion sei Gewalt geübt, waren Viele zusammengeströmt, die eine solche [66] That nicht billigten, und diese tödteten aus falschem Verdacht einige Unschuldige, als hätten sie das Verbrechen begangen. Sobald die Nachricht von seinem Tode bekannt wurde, trat eine wunderbare Veränderung in der Volksstimmung ein. Die ihn nämlich bei seinen Lebzeiten einen Tyrannen zu nennen gewohnt gewesen waren, ebendiese priesen ihn jetzt als Befreier des Vaterlandes und Vertreiber des Tyrannen. So war plötzlich dem Haß Mitleiden gefolgt, ja sie hätten ihn, wenn es möglich gewesen wäre, mit ihrem eigenen Blute vom Acheron zurückkaufen mögen. Daher wurde er, nachdem man ihn auf Staatskosten bestattet, an einem der besuchtesten Plätze der Stadt mit einem Grabdenkmale beehrt. Sein Tod erfolgte ungefähr im fünfundfünfzigsten Jahre seines Alters144, vier Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Peloponnes nach Sicilien.
Iphikrates
1 (1) Der Athener Iphicrates hat sich noch mehr als durch große Thaten durch seine Kriegskunst berühmt gemacht. Denn er war ein so vorzüglicher Anführer, daß er nicht allein mit den Ersten seines Zeitalters verglichen, sondern nicht einmal von den früheren einer über ihn gestellt wurde. Viele Zeit brachte er im Feldlager zu, oft befehligte er Heere, niemals war er durch sein Verschulden unglücklich, immer siegte er durch kluge Ueberlegung, und war darin so ausgezeichnet, daß er Vieles im Kriegswesen theils neu erfunden, theils verbessert hat. Er änderte nämlich die Waffen des Fußvolkes: während dies bis zur Zeit seines Commando sehr große Schilde, kurze Speere und kleine Schwerter hatte, setzte er dagegen an die Stelle der Parma die Pelta, [67] von welcher seitdem die Fußgänger Peltasten heißen, damit sie bei ihren Bewegungen und zum Angriff leichter wären;145 er verdoppelte die Länge des Speeres und verlängerte die Schwerter. Ebenso änderte er die Art der Panzer und gab ihnen statt der ehernen Kettenpanzer linnene. Dadurch machte er aber die Soldaten freier beweglich, indem er die Last verringerte und für etwas sorgte, was den Körper ebenso gut deckte und dabei leicht war.
2 (1) Krieg führte er gegen die Thracier; den Seuthes146, einen Bundesgenossen der Athener, setzte er wieder in sein Reich ein. Bei Corinth führte er den Heerbefehl mit so trefflicher Mannszucht, daß es niemals in Griechenland Truppen gegeben hat, die geübter gewesen wären, oder auf des Führers Befehl pünktlicher gehorcht hätten; auch gewöhnte er sie, wenn vom Feldherrn das Zeichen zur Schlacht gegeben war, ohne Hülfe ihres Anführers so geordnet anzutreten, daß sie einzeln vom geschicktesten Feldherrn aufgestellt schienen. Mit diesem Heere vernichtete er eine Mora147 der Lacedämonier, eine That, die in ganz Griechenland hoch gefeiert wurde. Ein anderes Mal in demselben Kriege schlug er ihr ganzes Heer in die Flucht und erlangte dadurch großen Ruhm. Als Artaxerxes148 gegen den ägyptischen König Krieg beginnen wollte, erbat er sich von den Athenern den Iphicrates zum Anführer, um ihn über ein Heer von Miethstruppen, deren Zahl sich auf 12000 belief, zu setzen. Und diese unterwies er so in aller Kriegskunst, daß, wie einst römische Soldaten den Namen Fabianer149 erhielten, so bei den Griechen die Iphicratenser den höchsten Ruhm besaßen. Er war es auch, der den Lacedämoniern zu Hülfe kam und die Angriffe des Epaminondas hemmte150. Denn hätte nicht seine Ankunft nahe bevorgestanden, so würden die Thebaner nicht eher von Sparta gewichen sein, bis sie es genommen und niedergebrannt hätten.151
3 (1) [68] Er war aber von hohem Muth, großem Körper und eine Feldherrngestalt, so daß er Jedem durch seinen bloßen Anblick Bewunderung einflößte, doch bei Anstrengungen, wie Theopompus berichtet, zu schlaff und zu wenig ausdauernd, aber ein Patriot und sehr treu. Dies bewies er sowohl bei andern Gelegenheiten, als hauptsächlich bei der Beschützung der Kinder des Macedoniers Amyntas152. Eurydice nämlich, die Mutter des Perdiccas und Philippus, floh nach dem Tode des Amyntas mit diesen beiden Knaben zu Iphicrates und wurde durch dessen Streitmacht vertheidigt. Bis in sein hohes Alter erhielt er sich die geneigte Gesinnung seiner Mitbürger. Einmal, im Bundesgenossenkriege153, hatte er sich zugleich mit Timotheus gegen eine Criminalanklage zu vertheidigen, wurde aber durch das Gericht freigesprochen. Er hinterließ von einer Thracierin, der Tochter des Königs Cotys, einen Sohn Namens Menestheus. Als man diesen fragte, wen von beiden er mehr schätze, seinen Vater oder seine Mutter, erwiderte er: „meine Mutter.“ Und da dies Allen wunderbar deuchte, sagte er: „dennoch mit Recht. Denn mein Vater hat, soviel an ihm lag, in mir einen Thracier erzeugt, meine Mutter dagegen einen Athenienser.“
Chabrias
1 (1) [69] Es folgt der Athener Chabrias. Auch er wurde unter die vorzüglichsten Feldherrn gerechnet und vollbrachte viele bemerkenswerthe Thaten. Die glänzendste darunter ist jedoch seine Erfindung in dem Treffen, welches er bei Theben lieferte, als er den Böotiern zu Hülfe gezogen war154. Dort nämlich rechnete der ausgezeichnete Heerführer Agesilaus sicher auf den Sieg, weil er bereits die Söldnerschaaren in die Flucht getrieben hatte. Da gebot Chabrias der allein noch standhaltenden Phalanx nicht vom Platze zu weichen und wies sie an, das Knie gegen den Schild gestemmt155, mit gefällter Lanze den Angriff der Feinde aufzunehmen. Wie Agesilaus diese neue Erscheinung erblickte, wagte er nicht vorzurücken, sondern ließ die Seinigen, die schon zum Angriff eilten, durch Trompetensignal zurückrufen. Dies wurde dermaßen in ganz Griechenland gepriesen und gefeiert, daß auf Chabrias’ Wunsch die Bildsäule, welche ihm die Athener auf ihrem Markte auf Staatskosten setzten, in jener Stellung ausgeführt wurde. Und seitdem geschah es, daß nachher Athleten und andere derartige Künstler, wenn sie den Sieg errungen hatten, bei Errichtung von Bildsäulen die ihnen eigenthümliche Stellung156 beibehalten ließen.
2 (1) Chabrias führte aber in Europa viele Kriege als Feldherr der Athener, in Aegypten kämpfte er auf eigene Faust. Er zog nämlich, dem Nectenebis zu Hülfe und befestigte dessen Herrschaft. Gleiches [70] that er auf Cyprus, hier jedoch vom athenischen Staat dem Evagoras zum Beistand gesendet, und wich nicht eher von dannen, als bis er die ganze Insel im Kampfe überwunden hatte; woraus den Athenern großer Ruhm erwuchs. Unterdeß entbrannte der Krieg zwischen den Aegyptern und Persern. Die Athener waren mit Artaxerxes verbündet, die Lacedämonier mit den Aegyptern, von denen ihr König Agesilaus großen Gewinn zog. Dies sah Chabrias, und da er dem Agesilaus in keiner Beziehung nachstand, zog er ihnen auf eigne Faust zu Hülfe und befehligte die ägyptische Flotte, das Landheer Agesilaus.157
3 (1) Da schickten die Feldherrn des Perserkönigs Gesandte nach Athen, um sich zu beschweren, daß Chabrias auf Seite der Aegypter gegen ihren König Krieg führe. Die Athener setzten ihm einen bestimmten Tag fest und ließen ihm sagen, wenn er bis dahin nicht heimgekehrt wäre, würden sie ihn zum Tode verurtheilen. Auf diese Botschaft kehrte er nach Athen zurück, doch blieb er daselbst nicht länger als unumgänglich nothwendig war. Denn er weilte nicht gern unter den Augen seiner Mitbürger, weil er sehr fein zu leben und sich zu üppigem Genusse hinzugeben pflegte, als daß er dem Neid der Menge hätte entgehen können. Denn es ist ein den großen und freien Staaten gemeinsamer Uebelstand, daß der Neid der Begleiter des Ruhmes ist, und daß man die gern herabzusetzen sucht, die man höher hervorragen sieht; auch ertragen die Armen nicht mit Gleichmuth den Anblick fremden Wohlstandes und Reichthums. Deshalb war Chabrias, so lange es ihm möglich, meist abwesend. Aber nicht er allein war gern von Athen abwesend, sondern beinahe alle die großen Männer thaten das Gleiche, weil sie soweit vom Neide entfernt zu sein hofften, als sie sich den Blicken ihrer Mitbürger entzogen hatten. Deshalb lebte Conon meist auf Cypern, Iphicrates in Thracien, Timotheus auf Lesbos, Chares zu Sigeum: dieser Letztere zwar den andern genannten [71] an Thaten und Charakter unähnlich, dennoch aber zu Athen geehrt und mächtig.
4 (1) Chabrias aber fand im Bundesgenossenkriege seinen Tod auf folgende Weise. Die Athener machten einen Angriff auf Chios. Auf ihrer Flotte befand sich Chabrias, ohne den Rang eines Befehlshabers, obwohl er alle Befehlshaber an Ansehen überragte, und die Soldaten mehr auf ihn als auf ihre Vorgesetzten achteten. Eben dieser Umstand aber beschleunigte seinen Untergang. Indem er nämlich trachtet zuerst in den Hafen einzudringen und dem Steuermann befiehlt das Schiff dorthin zu lenken, bereitete er sich selbst sein Verderben. Denn als er in denselben vorgedrungen war, folgten die übrigen Schiffe nicht, und während er hierauf ringsum von Feinden angegriffen, äußerst tapfer kämpfte, begann sein Fahrzeug, vom Schnabel eines andern Schiffes durchbohrt, zu sinken. Obwohl er nun von dort hätte fliehen können, wenn er sich in’s Meer gestürzt hätte, da die athenische Flotte nahe genug war, die Schwimmenden aufzunehmen: wollte er doch lieber sterben, als seine Waffen wegwerfen und das Schiff, worauf er gefahren war, verlassen. Anders entschlossen sich die Uebrigen, die durch Schwimmen in Sicherheit gelangten. Er dagegen, der einen ehrenvollen Tod einem beschimpften Leben158 vorzog, wurde im Handgemenge durch die feindlichen Waffen getödtet159.
Timotheos
1 (1) [72] Es folgt der Athener Timotheus, Conons Sohn. Dieser vermehrte den von seinem Vater ererbten Ruhm durch viele treffliche Eigenschaften. Denn er war beredt, unverdrossen, rastlos thätig, des Kriegswesens und nicht minder der Staatsverwaltung kundig. Zahlreich sind seine Großthaten, am berühmtesten jedoch folgende. Er unterwarf im Kriege die Olynthier und Byzantier, nahm Samos ein, und zwar gab er diese Insel, bei deren Belagerung in dem früheren Kriege160 die Athener 1200 Talente aufgewendet hatten, ohne die geringsten Kosten für die Staatskasse dem Volke zurück; führte Krieg gegen den Cotys und brachte von diesem 1200 Talente an Beute in den öffentlichen Schatz; entsetzte das belagerte Cyzicus; zog zugleich mit Agesilaus dem Ariobarzanes zu Hülfe, und während der Lacedämonier baares Geld von jenem empfing,161 wollte er lieber seinen Mitbürgern einen Zuwachs an Ländereien und Städten verschaffen, als etwas nehmen, wovon er einen Theil in sein eignes Haus hätte bringen können. Deshalb erhielt er Crithote und Sestos.162
2 (1) Desgleichen umschiffte er als Flottenbefehlshaber den Peloponnes und plünderte das Gebiet der Lacedämonier, schlug ihre Flotte in [73] die Flucht, brachte Corcyra unter die Herrschaft der Athener und gewann ihnen zugleich die Epiroten, Athamanen, Chaoner und alle die Völkerschaften, die an jenem Meere wohnen, zu Bundesgenossen. In Folge davon ließen die Lacedämenier von dem langwierigen Kampfe ab und gestanden freiwillig den Athenern den Vorrang in der Seeherrschaft163 zu, indem sie unter der Bedingung Friede schlossen, daß die Athener zur See Führer sein sollten. Dieser Sieg erfüllte die Athener mit solcher Freude, daß damals zuerst der Friedensgöttin auf Staatskosten ein Altar errichtet und ein Weihepolster164 aufgestellt wurde. Um das Andenken an dieses ruhmvolle Ereigniß zu erhalten, setzten sie dem Timotheus auf dem Markte aus Staatsmitteln eine Bildsäule; und zwar war er bis zu jener Zeit der Einzige, dem die Ehre zu Theil wurde, daß das Volk, nachdem es dem Vater eine Bildsäule errichtet, auch dem Sohne eine widmete. So frischte die danebengestellte neue des Sohnes die alte Erinnerung an den Vater wieder auf.
3 (1) Als er hochbejahrt war und aufgehört hatte Aemter zu bekleiden, begann die Athener von allen Seiten Krieg zu bedrängen. Samos war abtrünnig geworden, der Hellespont abgefallen, der schon damals mächtige Macedonier Philipp führte vielerlei im Schilde, und an Chares, den man diesem gegenübergestellt hatte, glaubte man nicht genügenden Schutz zu besitzen. Man wählt den Menestheus zum Feldherrn, den Sohn des Iphicrates und Schwiegersohn des Timotheus, und beschließt, daß er den Krieg zu führen ausziehen solle. Ihm werden als Beirath zwei durch Uebung und Einsicht ausgezeichnete Männer, sein Vater und Schwiegervater zur Seite gestellt, um ihren Rath zu hören, weil beide in so hohem Ansehen standen, daß man sichere Hoffnung hegte durch sie das Verlorene wiedererlangen zu können. Als diese nach Samos abgesegelt waren, zog auch Chares, von ihrer Ankunft in den dortigen Gewässern unterrichtet, mit seinen Streitkräften ebendahin, damit es nicht schiene, als ob etwas ohne ihn geschehen wäre. Da traf es sich, als sie sich der Insel näherten, daß [74] ein gewaltiger Sturm ausbrach. Die beiden alten Feldherren hielten es für gut diesem auszuweichen und legten mit ihrer Flotte bei; jener dagegen, voll thörichten Leichtsinnes, ohne dem Rathe der Aelteren Folge zu leisten, fuhr, um den Ausschlag in seiner Hand zu haben, bis zu dem beabsichtigten Punkte und schickte einen Boten an Timotheus und Iphicrates, ihm ebendorthin zu folgen. Von da zog er sich nach einem unglücklichen Gefecht und nach Verlust mehrerer Schiffe auf seinen früheren Standort zurück und schickte amtlich einen Bericht nach Athen, es würde ihm leicht gewesen sein Samos zu nehmen, wenn ihn nicht Timotheus und Iphicrates im Stiche gelassen hätten.165 Das Volk leidenschaftlich, argwöhnisch und ebendeshalb veränderlich, feindselig, neidisch (auch wegen allzugroßer Macht schuldigte man sie an) ruft sie nach Hause zurück, wo sie des Verrathes angeklagt werden. Durch das darüber entscheidende Gericht wurde Timotheus verdammt und seine Buße auf 100 Talente abgeschätzt; worauf er sich, vom Hasse seiner undankbaren Mitbürger genöthigt, nach Chalcis begab166.
4 (1) Da nach seinem Tode das Volk über seinen Urtheilspruch Reue empfand, minderte es die Strafsumme um neun Zehntheil und befahl seinem Sohne Conon zehn Talente zur Herstellung eines Theiles der Mauer zu zahlen. Hierbei konnte man die Wandelbarkeit des Glückes beobachten. Dieselben Mauern nämlich, die der Großvater Conon von der feindlichen Beute der Vaterstadt wiederaufgebaut hatte, wurde der Enkel zur größten Schmach der Familie genöthigt aus seinen [75] Mitteln herzustellen. Für des Timotheus maßvolles und weises Leben aber vermöchte ich sehr viele Zeugnisse vorzulegen, doch will ich mich mit einem begnügen, weil man daraus leicht wird abnehmen können, wie theuer er den Seinen war. Als er, noch ein junger Mann, sich zu Athen gegen eine Anklage zu vertheidigen hatte, kamen zu seinem Beistande nicht nur seine Freunde und seine Gastfreunde aus dem Privatstande zusammen, sondern darunter auch der thessalische Tyrann Jason, der damals alle andern an Macht überragte. Während dieser sich zu Haus ohne Trabanten nicht für sicher hielt, kam er nach Athen ohne die geringste Schutzwache, und achtete seinen Gastfreund so theuer, daß er sich lieber einer Lebensgefahr aussetzen, als dem Timotheus bei der Vertheidigung seines guten Namens nicht beistehen wollte. Gleichwohl führte Timotheus gegen diesen später auf Befehl des Volkes Krieg; die Pflichten gegen das Vaterland galten ihm für heiliger, als die der Gastfreundschaft. Dieses Zeitalter des Iphicrates, Chabrias und Timotheus war das letzte athenischer Feldherren, und nach ihrem Tode gab es in dieser Stadt keinen bemerkenswerthen Heerführer mehr. Jetzt komme ich zu dem tapfersten und klügsten Manne unter allen Barbaren, mit Ausnahme der beiden Carthager Hamilcar und Hannibal. Ueber ihn werde ich um deswillen ein Mehreres berichten, weil theils seine meisten Thaten weniger bekannt sind, theils das, was ihm glücklich gelang, nicht durch die Zahl seiner Truppen, sondern durch seine große Klugheit, worin er es damals Allen zuvorthat, erreicht wurde. Diese Ereignisse aber können nicht klar werden, wenn ich nicht ihren Hergang entwickele.
Datames
1 (1) [76] Datames, der von einem Carer Namens Camisares und einer scythischen Mutter stammte, gehörte zuerst zu dem Corps, welches die Palastwache bei Artaxerxes bildete. Sein Vater Camisares hatte, weil er ein persönlich tapfrer und im Kriege entschlossener Mann und vom König bei vielen Gelegenheiten treu erfunden war, den an Cappadocien grenzenden Theil von Cilicien, welchen die Leucosyrer bewohnen, zu verwalten. Wie er einem militärischen Posten vorzustehen wisse, zeigte Datames zuerst in dem Kriege, den der König gegen die Cadusier167 führte168, indem sich dort, nachdem viele Tausend von den Königlichen gefallen waren, seine Wirksamkeit von großem Werth zeigte. Und so kam es, daß ihm, da Camisares in jenem Kriege seinen Tod gefunden hatte, die väterliche Provinz übergeben wurde.
2 (1) Gleiche Tapferkeit bewies er später, als Autophrodates auf des Königs Befehl die Abtrünnigen mit Krieg überzog. Denn durch ihn wurden die Feinde, die schon in’s Lager eingedrungen waren, geworfen, und das noch übrige Heer des Königs gerettet. Seit dieser That begann man ihm die Führung wichtigerer Unternehmungen zu übertragen. Es war damals ein Fürst in Paphlagonien Namens Thuys, aus altem Geschlecht, der von jenem Pylämenes herstammte, von dem Homer erzählt, er sei im trojanischen Kriege von Patroclus getödtet worden.169 Diesen beschloß der König, weil er ihm ungehorsam war, mit Krieg zu überziehen, und betraute mit diesem Auftrage den Datames, der dem Paphlagonier verwandt und mit ihm Geschwisterkind war. Deshalb wollte Datames erst einen Versuch machen, seinen Verwandten ohne Waffengewalt zum Gehorsam zurückzubringen. Als er jedoch, vom Freunde sich keiner Nachstellung versehend, ohne Schutzwache zu ihm gegangen war, wäre er beinahe umgekommen; denn [77] Thuys beabsichtigte ihn heimlich zu ermorden. Den Datames begleitete seine Mutter, die Vaterschwester des Paphlagoniers. Diese erfuhr, was im Werke sei, und warnte ihren Sohn, der nun durch Flucht der Gefahr entging und dem Thuys den Krieg erklärte. Obwohl er bei diesem Kriege von Ariobarzanes170, dem Satrapen von Lydien, Jonien und ganz Phrygien, im Stiche gelassen wurde, beharrte er doch nicht minder eifrig und nahm den Thuys sammt seinem Weibe und seinen Kindern lebendig gefangen.
3 (1) Er gab sich nun Mühe, daß die Kunde von diesem Ereigniß nicht früher als er selbst zum Könige gelangte. Deshalb begab er sich ohne Jemandes Wissen an den Ort, wo sich der König aufhielt, und kleidete am folgenden Tage den Thuys, der ein Mann von ungeheurer Körpergröße und furchtbarem Aussehen war, da er eine dunkle Hautfarbe und langgewachsenes Haupt- und Barthaar hatte, in ein Staatsgewand, wie es die königlichen Satrapen zu tragen pflegten, putzte ihn auch mit einer Halskette und goldenen Armbändern und sonstigem königlichen Schmuck: er selbst in einen doppelten Bauernmantel und einen zottigen Kittel gehüllt, auf dem Haupt eine Jägerkappe, in der Rechten eine Keule, in der Linken eine Koppel, mit der gefesselt er den Thuys vor sich her trieb, wie wenn er ein gefangenes wildes Thier führte. Da er wegen des ungewohnten Aufputzes und der fremden Gestalt Aller Augen auf sich zog, und deshalb ein großer Zusammenlauf entstand, fanden sich Einige, die den Thuys erkannten und es dem Könige ansagten. Erst wollte er es nicht glauben und schickte deshalb den Pharnabazus, es zu erkunden. Wie er aber von diesem erfuhr, was geschehen war, befahl er, ihn sogleich hereinzulassen, höchlich erfreut sowohl über das Ereigniß als über den Aufzug, und besonders daß ein vornehmer Fürst unerwarteter Weise in seine Gewalt gerathen war. Er beschenkte daher den Datames prächtig und schickte ihn zu dem Heere, welches damals unter des Pharnabazus und Tithraustes Befehl zur Führung des ägyptischen Krieges zusammengezogen wurde, indem er befahl, daß er die gleiche Macht wie jene [78] bekleiden solle. Nadidem aber der König den Pharnabazus abgerufen hatte, wurde ihm der Oberbefehl übertragen171.
4 (1) Während er dort mit dem größten Eifer sein Heer rüstete und sich anschickte, nach Aegypten zu marschiren, wurde ihm plötzlich ein Schreiben vom König zugesandt, daß er den Aspis angreifen solle, in dessen Besitz Cataonien war, ein Landstrich, welcher oberhalb Cilicien an den Grenzen von Cappadocien liegt. Aspis nämlich, der eine gebirgige und durch Castelle befestigte Gegend bewohnte, gehorchte nicht nur nicht der Herrschaft des Königs, sondern beunruhigte auch die angrenzenden Districte, und ließ rauben, was von Transporten an den König ging. Obwohl Datames weit entfernt von jenen Gegenden stand und von einem wichtigeren Unternehmen abgezogen wurde, glaubte er dennoch dem Wunsche des Königs nachkommen zu müssen. Deshalb bestieg er mit wenigen, aber tapfern Männern ein Schiff, denn er meinte, was auch eintraf, daß er leichter den Unvorbereiteten mit geringer Mannschaft überwältigen werde, als den Gerüsteten mit einem noch so großen Heere. Auf diesem Schiffe nach Cilicien gelangt, schiffte er sich aus und erreichte, nachdem er Tag und Nacht marschirend den Taurus überschritten hatte, den Ort, wohin er gewollt hatte. Er forscht, wo sich Aspis aufhalte, und erfährt, er sei nicht weit entfernt und auf die Jagd ausgezogen. Während er ihn auskundschaftet, wird die Ursache seiner Ankunft bekannt. Aspis rüstet die Pisidier und seine Begleitung zum Widerstande. Sobald dies Datames hört, ergreift er die Waffen und heißt die Seinen folgen; er selbst eilt im vollen Rosseslauf dem Feinde zu. Wie ihn Aspis von fern auf sich heranstürzen sieht, geräth er in Furcht und vom Versuch eines Widerstandes abstehend ergibt er sich. Datames läßt ihn fesseln und übergibt ihn dem Mithridates, ihn zum Könige zu führen.
5 (1) Während dies geschieht, fällt dem Artaxerxes ein, von welch’ wichtigem Kriege er seinen ersten Feldherrn zu einem so geringfügigen Unternehmen abgeschickt habe; er macht sich selbst Vorwürfe und schickte, weil er den Datames noch nicht ausgerückt wähnte, einen Boten zu dem Heere nach Ace172, ihm zu sagen, er solle das Heer nicht verlassen. Bevor dieser an das Ziel seiner Reise gelangte, traf er auf dem Wege [79] mit denen zusammen, die den Aspis führten. Da sich Datames durch diese Schnelligkeit das Wohlwollen des Königs in hohem Grade erworben hatte, zog er sich nicht in geringerem den Neid der Hofleute zu, weil sie sahen, daß Jener mehr als sie Alle gelte. Und deshalb verschworen sich alle miteinander zu seinem Sturze. Hierüber schickte dem Datames sein Freund, der königliche Schatzmeister Pandantes, einen Bericht, worin er ihn belehrt: „es drohe ihm große Gefahr, wenn sich unter seinem Oberbefehl etwas Unglückliches in Aegypten zutrüge. Denn das sei der Könige Gewohnheit, widrige Ereignisse der Schuld der Leute, günstige ihrem eignen Glücke zuzuschreiben. So komme es, daß sie sich leicht bewegen ließen, die zu verderben, unter deren Leitung sie hörten, daß ein Unglück geschehen sei. Er aber werde in um so größerer Gefahr sein, weil er die, denen der König vorzugsweise sein Ohr leihe, zu seinen ärgsten Feinden habe.“ Nachdem er diesen Brief gelesen, als er bereits zum Heere nach Ace zurückgekehrt war, beschloß er, wohl wissend, daß jener die Wahrheit geschrieben, vom Könige abzufallen. Doch that er nichts, was mit seiner Pflicht unvereinbar gewesen wäre. Denn er setzte den Mandrocles aus Magnesia über das Heer; er selbst mit seinen Anhängern entwich nach Cappadocien und besetzte das daran grenzende Paphlagonien, ohne offen zu zeigen, wie er gegen den König gesinnt sei. Insgeheim schloß er mit dem Ariobarzanes Freundschaft, warb Mannschaft und übergab die Bewachung der festen Städte seinen Anhängern.
6 (1) Aber wegen der Winterzeit ging dies weniger glücklich von Statten. Er hört, daß die Pisidier eine Anzahl Truppen gegen ihn rüsten und sendet seinen Sohn Arsideus mit einer Heeresabtheilung dorthin: der Jüngling fällt in einem Treffen. Nun marschirt der Vater dorthin mit keiner zu zahlreichen Mannschaft, indem er verheimlicht, welche Wunde ihm geschlagen sei, weil er früher an den Feind zu gelangen wünschte, als die Kunde von dem unglücklichen Gefecht zu den Seinen gelangte, damit nicht durch die Nachricht vom Tode seines Sohnes der Muth der Soldaten geschwächt würde. Er kommt an dem gewünschten Ziele an und schlägt sein Lager an solchen Stellen auf, daß er weder von der Menge der Gegner umringt, noch [80] gehindert werden konnte, selbst freie Hand zum Kampfe zu haben. Es begleitete ihn sein Schwiegervater Metrobarzanes als Befehlshaber der Reiterei. Dieser ging, an der Sache seines Schwiegersohnes verzweifelnd, zu den Feinden über. Wie dies Datames hörte, sah er ein, wenn es unter seine Leute käme, daß er von einem ihm so nahe verwandten Manne verlassen worden sei, so würden die Uebrigen dessen Entschlusse folgen. Er streuet also unter dem Kriegsvolk aus: „auf seinen Befehl sei Metrobarzanes unter dem Schein eines Ueberläufers ausgerückt, um die Feinde, wenn er von ihnen aufgenommen wäre, desto leichter zu vernichten. Darum zieme es sich nicht, denselben zu verlassen, sondern mit dem ganzen Heere sogleich zu folgen. Thäten sie das entschlossenen Muthes, so würden die Gegner keinen Widerstand leisten können, da sie sowohl innerhalb als außerhalb ihres Lagerwalles niedergehauen würden.“ Als man dies gutgeheißen, führt er das Heer hinaus und folgt immer nur dem Metrobarzanes; in dem Augenblick aber, wo dieser bei den Feinden angelangt war, befiehlt er anzugreifen. Die Pisidier, durch den unerwarteten Vorgang erschreckt, fallen auf den Gedanken, die Ueberläufer hätten verrätherischer Weise und auf Verabredung gehandelt, um, wenn sie aufgenommen wären, desto mehr Verderben zu bringen. Sie greifen also zuerst diese an. Diese, die gar nicht wissen, was vorgeht, oder warum es geschieht, sehen sich gezwungen, mit denen zu kämpfen, zu denen sie übergegangen waren, und auf deren Seite zu stehen, die sie verlassen hatten. Da nun keine Partei ihrer schonte, wurden sie schnell zusammengehauen. Die übrigen Pisidier, welche Widerstand leisteten, greift Datames an, wirft sie im ersten Anlauf, verfolgt die flüchtigen, tödtet viele und nimmt das Lager der Feinde ein. Durch diese List vernichtete er zu gleicher Zeit die Verräther und besiegte die Feinde, und wandte das zum Heil, was zu seinem Verderben ersonnen war. Niemals habe ich im Vergleich hierzu von einem scharfsinnigeren Einfall irgend eines Feldherrn, noch von schnellerer Ausführung gelesen.
7 (1) Dennoch wurde diesem Manne sein ältester Sohn Sysinas abtrünnig, ging zum König über und berichtete über den Abfall seines Vaters. Auf diese Nachricht sandte Artaxerxes, weil er einsah, er habe es mit einem tapfern und entschlossenen Manne zu thun, der, wenn er überlegt habe, den Muth zur Ausführung besitze, bevor er [81] aber etwas unternehme, zu überlegen pflege, den Autophrodates nach Cappadocien. Um diesem das Eindringen unmöglich zu machen, suchte Datames das Gebirge, worauf sich die cilicischen Pässe befinden, vor ihm zu besetzen. Doch konnte er seine Truppen nicht so plötzlich zusammenziehen. Daran also gehindert, wählte er sich mit der von ihm zusammengezogenen Mannschaft einen solchen Platz, daß er weder von den Feinden eingeschlossen werden, noch sein Gegner vorüberziehen konnte, ohne durch die Oertlichkeit in eine gefährliche Klemme zu gerathen, und im Fall, daß er selbst dort kämpfen wollte, die Menge der Feinde seiner geringen Anzahl nicht viel zu schaden vermochte.
8 (1) Obwohl dies dem Autophrodates nicht entging, beschloß er doch lieber zu kämpfen, als mit einem so zahlreichen Heere zurückzuweichen oder so lange müssig auf einer Stelle zu bleiben. Er hatte nämlich 20000 Mann barbarische Reiter, 100000 Mann zu Fuß, von der Gattung, die bei den Persern Kardaker heißt, desgleichen von derselben 3000 Schleuderer; außerdem 8000 Kappadocier, 10000 Armenier, 5000 Paphlagonier, 10000 Phryger, 5000 Lyder, ungefähr 3000 Aspendier173 und Pisidier, 2000 Cilicier, ebensoviel Captianer174, 3000 griechische Söldner und eine sehr große Menge leichter Truppen. Diesen Massen gegenüber beruhte alle Hoffnung des Datames auf ihm selbst und der örtlichen Beschaffenheit der Gegend, denn er hatte nicht den zwanzigsten Theil der Truppen jenes. Auf dies beides also vertrauend kämpfte er, und hieb viele Tausend seiner Gegner nieder, während von seinem Heere nicht mehr als tausend Mann gefallen waren. Deshalb stellte er am folgenden Tage ein Siegeszeichen an dem Platze auf, wo man am vorigen gestritten hatte. Als er von dort aufgebrochen war und trotz seiner geringeren Truppenzahl doch immer in allen Gefechten Sieger blieb, weil er sich nie in einen Kampf einließ, außer wo er die Gegner in einem engen Terrain eingeschlossen hatte (und das glückte ihm bei seiner Bekanntschaft mit der Gegend und bei seiner schlauen Erfindsamkeit öfter): so mahnte Autophrodates, der sich den Krieg mehr zum Nachtheile des Königs als seines Gegners hinziehen sah, zu Friede und Freundschaft, damit er sich mit dem Könige aussöhnen könne. Obwohl nun Datames am sichern Bestand einer Aussöhnung zweifelte, nahm er dennoch den Vorschlag an und erklärte, er wolle Gesandte an Artaxerxes schicken. So wurde der [82] Krieg, den der König gegen ihn begonnen hatte, beigelegt, und Autophrodates zog sich nach Phrygien zurück.
9 (1) Der König jedoch, dessen sich ein unversöhnlicher Haß gegen Datames bemächtigt hatte, suchte, nachdem er gesehen, daß derselbe im Kriege nicht zu überwältigen sei, ihn durch Meuchelmord zu tödten; doch diesem entging er mehrmals. Z. B. als ihm gemeldet wurde, es stellten ihm Einige nach, die er zu seinen Freunden rechnete. Weil die Anzeige über sie von ihren Feinden ausging, so meinte er weder unbedingt glauben, noch die Sache unbeachtet lassen zu müssen; vielmehr wollte er eine Probe machen, ob ihm Wahres oder Falsches hinterbracht worden sei. Er marschirte also dahin, wo auf dem Wege, jener Mittheilung zufolge, der Hinterhalt gelegt sein würde, wählte aber Einen aus, der ihm an Körperbildung und Wuchs sehr ähnlich sah, gab ihm seine Kleider und hieß ihn an der Stelle des Zuges gehen, wo er es selbst gewohnt war. Er selbst aber begann den Marsch in der Rüstung und Kleidung eines gewöhnlichen Soldaten inmitten seiner Leibwächter. Nachdem nun der Zug an jene Stelle gelangt war, machten die Auflaurer, durch die Reihenfolge desselben und die Kleidung getäuscht, ihren Angriff auf den, der den Platz des Datames einnahm. Es hatte aber Datames denen, mit welchen er marschirte, die Weisung ertheilt, sich bereit zu halten, dasselbe zu thun, was sie ihn thun sähen. Sobald er nun die heraneilenden Auflaurer bemerkte, schleuderte er selbst seine Wurfspieße nach ihnen, und da Alle zusammen das Gleiche thaten, sanken sie durchbohrt nieder, bevor sie den Gegenstand ihres Angriffes erreichten.
10 (1) Dennoch wurde dieser so schlaue Mann endlich vom Mithridates, des Ariobarzanes Sohne, überlistet. Dieser versprach nämlich dem König, ihn zu tödten, wenn er ihm die königliche Erlaubniß gebe, Alles was er wolle, ungestraft thun zu dürfen, und ihm die Zusicherung hierüber nach persischer Sitte durch seine Rechte bekräftigte. Wie er diese vom Könige geschickt175 erhalten hatte, rüstete er Truppen und schloß mit Datames ein Bündniß, ohne jedoch persönlich mit ihm zusammenzukommen. Dann beunruhigte er die königlichen Provinzen, eroberte feste Schlösser und machte viele Beute, die er theils unter die [83] Seinen vertheilte, theils an Datames schickte; desgleichen übergab er ihm mehrere feste Schlösser. Indem er dies lange Zeit that, überzeugte er Jenen, daß er einen unversöhnlichen Kampf gegen den König begonnen habe; und doch erbat er sich nichtsdestoweniger, um ihm keinen Argwohn, als ob er ihm nachstelle, einzuflößen, weder eine persönliche Unterredung mit ihm, noch bemühte er sich vor seine Augen zu treten. In dieser Weise hielt er, obwohl entfernt, Freundschaft mit ihm, so daß sie nicht sowohl durch gegenseitige Dienste, als durch den gemeinschaftlichen Haß, der sie gegen den König erfüllte, verbunden zu sein schienen.
11 (1) Als er dies glaubte hinreichend bewiesen zu haben, benachrichtigte er den Datames, es sei an der Zeit, größere Heere zu rüsten und gegen den König selbst Krieg zu unternehmen, und wenn es ihm recht wäre, möchte er in Betreff dessen an einen beliebigen Ort zu einer Unterredung kommen. Nachdem dies Billigung gefunden, wird ein Zeitpunkt für die Unterredung und ein Ort, wohin man zusammenkommen wolle, gewählt. Dorthin geht Mithridates mit einem, dem er sein vollstes Vertrauen schenkte, einige Tage früher, vergräbt an mehreren Stellen einzelne Schwerter und merkt sich diese Stellen genau. Am Tage der Unterredung selbst aber schickt man beiderseits einige Leute, den Ort zu durchforschen und sie selbst zu durchsuchen; dann kommen sie in Person zusammen. Als sie sich hier eine Zeit lang unterredet und nach verschiedenen Seiten entfernt hatten, und Datames bereits ein ziemliches Stück weg war, kehrt Mithridates, bevor er zu den Seinen gelangt war, um keinen Verdacht zu erwecken, zu der selben Stelle zurück, setzt sich da, wo eine Waffe vergraben lag, nieder, als wenn er aus Müdigkeit ausruhen wollte, und ruft den Datames zurück, unter dem Vorgeben, bei ihrem Gespräch etwas vergessen zu haben. Unterdeß zieht er die verborgene Waffe hervor, versteckt sie von der Scheide entblößt unter seinem Kleide und spricht zu Datames, wie er sich nähert, er habe im Weggehen bemerkt, daß sich ein Platz, der in ihrem Gesichtskreise lag, zur Aufschlagung eines [84] Lagers eigne. Indem er nun diesen mit dem Finger bezeichnete und jener dorthin blickte, durchbohrte er ihn von hinten mit dem Schwerte und tödtete ihn, bevor ihm Jemand zu Hülfe eilen konnte176. So wurde jener Mann, der Viele durch Schlauheit, Keinen durch Verrath gefangen hatte, durch erheuchelte Freundschaft überlistet.
Epaminondas
1 (1) Es folgt der Thebaner Epaminondas, der Sohn des Polymnis. Bevor ich über diesen schreibe, glaube ich den Lesern das vorausbemerken zu müssen, daß sie nicht fremde Sitten nach den eigenen beurtheilen, oder glauben, was ihnen selbst geringere Geltung hat, habe es in gleicher Weise auch bei den Uebrigen gehabt. Nach unsern Sitten z. B. hat bekanntlich die Person eines vornehmen Mannes nichts mit Musik zu thun, Tanzen vollends würde sogar zum Vergehen angerechnet; den Griechen dagegen erscheint das Alles wohlgefällig und lobenswerth. Wenn ich aber ein deutliches Abbild von der gewohnten Lebensweise und der Wirksamkeit des Epaminondas geben will, meine ich nichts übergehen zu dürfen, was dazu dienen kann, dasselbe in’s rechte Licht zu setzen. Daher will ich zuerst von seiner Abstammung sprechen, dann, in welchen Lehrgegenständen und von wem er Unterricht erhalten hat, nachher von seinem Charakter, seinen geistigen Fähigkeiten und was sonst etwa bemerkenswerth erscheinen wird, zuletzt von seinen Kriegsthaten177, die von den Meisten über die tapfern Thaten Aller gestellt werden.
2 (1) [85] Er stammte also von dem Vater, den ich nannte, aus achtbarer Familie. Armuth war schon von den Vorfahren her sein Erbtheil, eine Bildung aber erhielt er, wie kein Thebaner in höherem Grade. Denn Cither spielen und zum Schall der Saiten singen lernte er vom Dionysius, der als Musiker nicht weniger berühmt war wie Damon oder Lamprus, deren Namen allgemein bekannt sind; Flöte spielen von Olympiodor, Tanzen von Calliphron. Zum Lehrer in der Philosophie aber hatte er den Tarentiner Lysis, einen Pythagoräer, und diesem war er so ergeben, daß der Jüngling den düstern und strengen Greis allen seinen Altersgenossen im Umgange vorzog, und ihn nicht eher von sich ließ, als bis er in den philosophischen Wissenschaften seine Mitschüler soweit übertraf, daß man leicht erkennen konnte, er werde es auf gleiche Weise in den übrigen Künsten Allen zuvorthun. Und diese Dinge sind nach unsrer gewohnten Anschauungsweise geringfügig oder vielmehr verächtlich, in Griechenland dagegen gereichten sie allerdings einst zu großem Lobe. Nachdem er in das Ephebenalter178 getreten war und sich mit den Uebungen der Ringschule zu beschäftigen begann, strebte er nicht sowohl nach großer Körperstärke als nach Gewandtheit. Denn jene, meinte er, sei den Athleten nöthig, diese für den Krieg nützlich. Deshalb übte er sich hauptsächlich im Lauf, und im Ringen soweit, als es stehend möglich war zu umschlingen und zu kämpfen179. Den meisten Fleiß aber wandte er auf Waffenübungen.
3 (1) Zu dieser körperlichen Tüchtigkeit hatten sich noch größere geistige Vorzüge gesellt. Denn er war maßvoll, klug, bedachtsam, wußte die Zeitverhältnisse weise zu benutzen, war kriegskundig, persönlich tapfer, äußerst muthvoll und so wahrheitsliebend, daß er nicht einmal im Scherze eine Unwahrheit sagte. Ebenso war er Herr über sich selbst, sanft und duldsam bis zu einem bewunderungswürdigen Grade, und ertrug es, wenn ihm nicht nur vom Volk, sondern auch [86] von seinen Freunden Unrecht geschah. Namentlich war er ein treuer Bewahrer anvertrauter Geheimnisse, was bisweilen nicht weniger nützt als Beredtsamkeit, und eifrig im Zuhören, da er meinte, daß man sich so am leichtesten unterrichte. Kam er daher in eine Gesellschaft, wo entweder über den Staat verhandelt oder über Philosophie Unterhaltung gepflogen wurde, so ging er niemals eher weg, als bis das Gespräch zu Ende geführt war. Seine Armuth war ihm so wenig beschwerlich, daß er vom Staate nichts als den Ruhm für seine Dienste nahm, und bei der Sorge für sich selbst sich der Mittel seiner Freunde nicht bediente. Dagegen machte er von dem Vertrauen, das sie in ihn setzten, zur Unterstützung Anderer einen solchen Gebrauch, daß man meinen konnte, er besitze Alles mit seinen Freunden gemeinschaftlich. Denn war entweder einer seiner Mitbürger vom Feinde gefangen, oder die Tochter eines Freundes heirathsfähig und konnte wegen Armuth nicht vermählt werden, so hielt er einen Rath der Freunde und bestimmte nach ihrem Vermögen, wieviel ein jeder geben solle. Und wenn er diese Summe aufgebracht hatte, führte er, bevor er das Geld in Empfang nahm, den, der es suchte, zu denen, die es zusammenschossen, und ließ sie es ihm persönlich auszahlen, damit der, in dessen Hände das Capital kam, wüßte, wieviel er jedem schuldig sei.
4 (1) Auf die Probe gestellt wurde seine Uneigennützigkeit vom Diomedon aus Cyzicus. Dieser hatte es nämlich auf Bitten des Königs Artaxerxes180 übernommen, den Epaminondas durch Geld zu bestechen. Er kam mit einer großen Last Goldes nach Theben und gewann einen Jüngling Namens Micythus, den Epaminondas damals ganz besonders liebte, für seine Absicht. Micythus ging nun zum Epaminondas und eröffnete ihm, weshalb Diomedon gekommen sei. Doch dieser erklärte dem Diomedon in eigner Person: „Es bedarf gar keines Geldes. Denn will der König das, was für Theben ersprießlich ist, so bin ich bereit, es unentgeltlich zu thun; will er aber das Gegentheil, dann hat er nicht Gold und Silber genug. Denn nicht um die Schätze aller Welt mag ich die Vaterlandsliebe hingeben. Daß du mich, der ich dir unbekannt bin, versucht und dir ähnlich geglaubt hast, wundert mich nicht und ich verzeihe es dir. Ziehe aber eilig von hinnen, damit du nicht Andere bestichst, da es dir mit mir mißlungen. Und du, Micythus, gibst diesem sein Geld wieder, oder, [87] thust du es nicht auf der Stelle, so werde ich dich der Obrigkeit überliefern“ Als ihn hierauf Diomedon bat, daß er sicher abreisen und seine mitgebrachten Schätze fortnehmen dürfe, erwiderte er: „Dafür will ich allerdings sorgen, doch nicht um deinet-, sondern um meinetwillen, damit, wenn dir das Geld genommen würde, nicht irgend Jemand sagen mag, es sei das als ein Raub an mich gekommen, was ich als Geschenk nicht hätte nehmen wollen.“ Und da ihm jener auf die Frage, wohin er geleitet sein wolle, Athen nannte, gab er ihm eine Schutzwache, um sicher dorthin zu gelangen. Aber selbst das war ihm nicht genug, sondern er sorgte auch durch Vermittelung des Atheners Chabrias, über den ich oben gesprochen habe, daß er ungefährdet ein Schiff besteigen konnte. Dieses Beispiel seiner Uneigennützigkeit wird genügen. Zwar könnte ich noch sehr viele anführen, doch muß ich mich beschränken, weil ich in diesem einen Bande das Leben sehr vieler ausgezeichneter Männer zusammenzufassen entschlossen bin, deren Leben einzeln mehrere Schriftsteller vor mir in vielen Tausend Zeilen181 dargestellt haben.
5 (1) Auch war er beredt, so daß ihm kein Thebaner in der Kunst der Rede gleichkam, und zwar ebenso treffend in kurzen Antworten, als schmuckvoll im zusammenhängenden Vortrage. Er hatte einen gewissen Meneclides, ebenfalls aus Theben, zum Widersacher und Gegner bei der Staatsverwaltung, einen, für einen Thebaner nämlich, ziemlich geübten Redner, denn jener Volksstamm besitzt mehr Körperkraft als geistige Befähigung. Weil dieser den Epaminondas im Kriegswesen sich hervorthun sah, pflegte er die Thebaner zu ermahnen, dem Kriege Frieden vorzuziehen, damit sie nicht nach Jenes Feldherrndiensten Verlangen trügen. Zu diesem sagte er: „Du täuschest deine Mitbürger durch ein leeres Wort, indem du ihnen vom Kriege abräthst; denn unter dem Namen der Ruhe erwirbst du ihnen die Knechtschaft. Friede wird durch Krieg gewonnen. Wer ihn daher dauernd genießen will, muß im Kriege geübt sein. Darum, wollt ihr an der Spitze Griechenlands stehen, so müßt ihr euch im Lagerleben, [88] nicht in der Ringschule üben.“ Als ihn eben jener Meneclides tadelte, daß er kinderlos sei und kein Weib genommen habe, namentlich aber wegen der Anmaßung, daß er sich dünke dem Agamemnon an Kriegsruhm gleichzukommen, versetzte er: „Höre doch auf, Meneclides, mir wegen einer Gattin Vorwürfe zu machen, da ich in diesem Punkte deinen Rath am allerwenigsten hören möchte (Meneclides stand nämlich im Verdacht des Ehebruchs). Wenn du aber glaubst, daß ich dem Agamemnon nacheifre, so irrst du dich. Denn dieser hat im Bunde mit dem gesammten Griechenland kaum in zehn Jahren eine einzige Stadt genommen; ich dagegen habe mit alleiniger Hülfe dieser unsrer Stadt und an einem Tage durch Besiegung der Lacedämonier182 das ganze Griechenland befreit.“
6 (1) Als er in die Versammlung der Arcader kam183, mit dem Antrage, daß sie sich mit Theben und Argos verbünden möchten, verlangte dagegen der athenische Gesandte Callistratus, der damals Alle an Beredtsamkeit übertraf, sie sollten sich vielmehr an die Athener anschließen, und schmähte in seiner Rede vielfach auf Thebaner und Argiver, indem er unter andrem sagte: „Die Arcader sollten nur beachten, was für Bürger beide Staaten hervorgebracht hätten, von denen sie auf die übrigen schließen könnten. Argiver z. B. seien die Muttermörder Orestes und Alcmäon184 gewesen, aus Theben aber stamme Oedipus, der seinen Vater ermordet und dann mit seiner Mutter Kinder gezeugt habe.“ Diesem entgegnete Epaminondas in seiner Erwiderung, als er die übrigen Punkte besprochen hatte und nun zu jenen beiden Vorwürfen kam: „er bewundere nur die Thorheit des attischen Redekünstlers, der ja nicht beachtet habe, daß jene Männer, die doch zu Hause unschuldig geboren waren, als man sie wegen des begangenen Verbrechens aus ihrer Vaterstadt vertrieben, von den Athenern aufgenommen worden seien.“ Am glänzendsten aber leuchtete [89] seine Beredtsamkeit zu Sparta bei seiner Gesandtschaft von der leuctrischen Schlacht185. Dort nämlich, wohin die Gesandten aller Bundesgenossen gekommen waren, klagte er vor dieser so zahlreichen Gesandtenversammlung die Gewaltherrschaft der Lacedämonier in einer Weise an, daß er jener Macht nicht minder durch diese Rede wie durch die leuctrische Schlacht erschütterte. Denn damals bewirkte er, was sich nachher zeigte, daß die Lacedämonier der Hülfe ihrer Bundesgenossen verlustig gingen.
7 (1) Für seine Geduld und seinen Gleichmuth bei ungerechter Behandlung seitens seiner Mitbürger, da er es für sündhaft hielt, dem Vaterlande zu zürnen, dient Folgendes zum Zeugniß. Als ihm die Thebaner aus Mißgunst den Heerbefehl nicht hatten geben wollen, und ein des Krieges unkundiger Führer gewählt worden war, durch dessen Versehen jene Truppenzahl in eine Lage gerieth, daß Alle wegen ihrer Rettung in großer Sorge waren, weil sie auf einem engen Terrain eingeschlossen von den Feinden umlagert wurden: so fing man an nach der Umsicht des Epaminondas Verlangen zu tragen, der sich, ohne einen Posten zu bekleiden, als Soldat daselbst befand. Als man sich nun seine Hülfe erbat, ließ er der Erinnerung an die Zurücksetzung keinen Raum, sondern brachte das Heer aus der Einschließung befreit unversehrt nach Hause zurück186. Und nicht blos einmal handelte er so, sondern öfter. Am berühmtesten aber ist, wie er ein Heer gegen die Lacedämonier in den Peloponnes geführt hatte, von zwei Amtsgenossen begleitet, deren einer Pelopidas war, ein tapferer und entschlossener Mann187. Da diese sämmtlich in Folge der Anschuldigungen ihrer Gegner in Ungunst gerathen waren, so daß man ihnen den Oberbefehl entzog und andere Feldherrn an ihre Stelle setzte: so gehorchte Epaminondas dem Volksbeschlusse nicht, überredete auch seine Collegen, das Gleiche zu thun, und führte den begonnenen Krieg weiter. Denn er sah ein, wenn er anders handelte, würde das ganze Heer durch der Feldherrn Unvorsichtigkeit und Ungeschicklichkeit im Kriege zu Grunde gehen. Es gab ein Gesetz in Theben, welches die Todesstrafe darauf setzte, wenn Jemand den Oberbefehl länger behielte, [90] als es gesetzlich bestimmt wäre. Ueberzeugt nun, daß dies Gesetz zur Sicherung des Staates gegeben sei, wollte es Epaminondas nicht zu dessen Verderben kehren, und führte den Oberbefehl vier Monate länger, als es das Volk befohlen hatte.
8 (1) Nach erfolgter Heimkehr wurden seine Amtsgenossen auf diese Anschuldigung angeklagt. Doch er gestattete ihnen, den ganzen Handel auf ihn zu wälzen und zu behaupten, daß man auf seine Veranlassung dem Gesetze ungehorsam gewesen sei. Wie jene durch diese Vertheidigung von der Anklage befreit waren, glaubte Niemand, daß Epaminondas sich verantworten werde, weil er nicht wüßte, was er sagen solle. Doch er trat vor Gericht, leugnete nichts von dem, was ihn die Gegner zur Last legten, und bekannte sich zu Allem, was seine Collegen gesagt hatten, weigerte sich auch nicht, sich der Strafe des Gesetzes zu unterwerfen; nur um das Eine bat er, daß man in das Protocoll seines Processes schreiben möge: „Epaminondas ist von den Thebanern mit dem Tode bestraft worden, weil er sie gezwungen hat, bei Leuctra die Lacedämonier zu besiegen188, denen vor seinem Oberbefehl kein Böotier kühn genug gewesen ist, im Treffen in’s Auge zu schauen, und weil er durch diese eine Schlacht nicht allein Theben vom Untergange gerettet, sondern auch das gesammte Griechenland befreit hat; weil er ferner beide Theile dahinbrachte, daß die Thebaner Sparta bestürmten189, die Lacedämonier zufrieden waren, wenn sie sich gerettet sehen könnten, und weil er nicht eher aufgehört hat Krieg zu führen, als bis er Messene190 wiederhergestellt und die Stadt jener belagert hatte.“ Als er so gesprochen, erhob sich allgemeines heiteres Gelächter, und kein Richter wagte seine Stimme über ihn abzugeben. So ging er auf die ruhmvollste Weise aus einem Processe über Leben und Tod bervor.
9 (1) [91] Zuletzt, wie er als Feldherr bei Mantinea191, nachdem er die Schlachtreihen geordnet, zu kühn auf die Feinde eindrang, wurde er von den Lacedämoniern erkannt, und in der Meinung, daß ihres Vaterlandes Heil auf dem Tode dieses Einen beruhe, stürzten sie sich sämmtlich auf den Einen, und ließen nicht eher ab, als bis sie unter großem Gemetzel und nachdem Viele getödtet waren, den Epaminondas, der selbst auf das tapferste kämpfte, aus der Ferne von einem Wurfspieß durchbohrt zusammensinken sahen. Sein Fall bemmte eine Zeit lang das Vordringen der Böotier, dennoch gaben sie den Kampf nicht eher auf, als bis sie die Gegner niedergeworfen hatten. Als aber Epaminondas merkte, daß er tödtlich verwundet sei, und zugleich, daß er, wenn er das vom Speere im Körper zurückgebliebene Eisen herauszöge, sofort den Geist aufgeben werde, ließ er es solange darin, bis ihm verkündet wurde, die Böotier hätten gesiegt. Nachdem er dies gehört, rief er: „Ich habe genug gelebt, denn ich sterbe unbesiegt!“ Dann zog er das Eisen heraus und hauchte auf der Stelle sein Leben aus192.
10 (1) Niemals vermählte er sich. Als ihn in diesem Punkte, weil er nun keine Kinder hinterließe, Pelopidas, der einen übel berufenen Sohn hatte, tadelte und sagte, er sorge in dieser Beziehung schlecht für das Vaterland, so erwiderte er: „Siehe zu, daß du nicht schlechter für dasselbe sorgst, da du ihm einen solchen Sohn hinterlassen wirst. Doch kann mir auch ein Stamm nicht fehlen. Denn ich hinterlasse als meine Tochter die Schlacht bei Leuctra, die unausbleiblich nicht nur mich überleben, sondern sogar unsterblich sein muß.“ Damals, als die Verbannten unter des Pelopidas Führung Theben einnahmen und die lacedämonische Besatzung von der Burg vertrieben, hielt sich Epaminondas, solange man unter den Bürgern mordete, zu Hause, weil er die schlechten Patrioten weder vertheidigen, noch gegen sie kämpfen wollte, um nicht seine Hände mit Bürgerblut zu beflecken. Denn jeden Sieg über Bürger hielt er für jammervoll. Dagegen, als man bei der Cadmea mit den Lacedämoniern zu kämpfen begann, stand er unter den Ersten. Ueber seine Tugenden und sein Leben wird [92] genug gesagt sein, wenn ich das eine hinzufüge, was Niemand in Abrede stellt, daß Theben sowohl vor der Geburt als nach dem Tode des Epaminondas fortwährend fremdem Befehle gehorcht hat193, dagegen, so lange er den Staat leitete, das Haupt von ganz Griechenland gewesen ist. Woraus sich abnehmen läßt, daß der eine Mann mehr wog als der ganze Staat.
Pelopidas
1 (1) Der Thebaner Pelopidas ist mehr dem Geschichtskundigen als dem großen Publicum bekannt, so daß ich in Zweifel bin, in welcher Weise ich seine Vorzüge auseinandersetzen soll. Ich fürchte nämlich, wenn ich seine Thaten ausführlich darzulegen beginne, so möchte es scheinen, als schriebe ich nicht eine Erzählung seines Lebens, sondern Geschichte; berühre ich nur die Hauptsachen, so möchte für die der griechischen Litteratur Unkundigen nicht deutlich genug hervortreten, was für ein großer Mann er gewesen ist. Daher will ich, soviel ich vermag, beiden Uebelständen begegnen und sowohl eine Uebersättigung der Leser vermeiden, als ihrer Unkenntniß abhelfen. Als der Lacedämonier Phöbidas ein Heer nach Olynth führte und seinen Weg durch das Gebiet von Theben nahm, besetzte er die Burg der Stadt, welche Cadmea heißt194, auf Betrieb einer kleinen Anzahl Thebaner195, die, um der Gegenpartei leichter Widerstand leisten zu können, es mit den Lacedämoniern hielten; und zwar that er dies auf eigene Entschließung, [93] nicht auf Beschluß seines Staates. In Folge davon riefen ihn die Lacedämonier vom Heere ab und belegten ihn mit einer Geldbuße; trotzdem aber gaben sie den Thebanern ihre Burg nicht zurück, weil es ihnen, nachdem man einmal gegenseitig Feindschaft gefaßt, vortheilhafter däuchte, daß jene in Belagerungsstand gehalten, als daß sie frei würden. Denn nach Beendigung des peloponnesischen Krieges und Besiegung Athens glaubten sie es mit den Thebanern zu thun zu haben und hielten diese für die einzigen, die ihnen gegenüber Widerstand wagen würden. Von dieser Ansicht ausgehend hatten sie ihren Anhängern die höchsten Posten im Staate übergeben und die Häupter der andern Partei theils getödtet, theils in die Verbannung geschickt; und unter andern war auch dieser Pelopidas, von dem ich hier zu schreiben begonnen habe, vertrieben und seines Vaterlandes beraubt.
2 (1) Fast alle diese Verbannten hatten sich nach Athen begeben, nicht um der Muße zu pflegen, sondern in der Absicht, wo ihnen in nächster Nähe das Schicksal einen Ort darböte, dort einen Versuch zur Wiedergewinnung der Vaterstadt zu machen. Sobald es also Zeit zur Ausführung des Planes schien, wählten sie im Einverständniß mit denen, die zu Theben ihre Gesinnung theilten, zum Ueberfall auf ihre Feinde und zur Befreiung des Staates einen Tag aus, wo die höchsten Beamten196 zusammen ein Festmahl zu halten pflegten. Oft sind große Dinge durch keine gar große Truppenzahl ausgeführt worden, aber niemals wahrlich ging der Sturz einer so gewaltigen Macht von einem so schwachen Anfange aus. Denn zwölf junge Männer traten aus der Zahl der Verbannten zusammen, während es im Ganzen nicht mehr als hundert waren, die sich so großer Gefahr aussetzen wollten. Und doch wurde durch dies kleine Häuflein die Macht der Lacedämonier tödtlich getroffen. Denn nicht blos mit der Gegenpartei, sondern mit den Spartanern begannen sie damals den Krieg, die an der Spitze von ganz Griechenland standen; aber die Herrlichkeit ihrer Herrschaft stürzte, und zwar gar nicht lange darnach, von diesem Anlasse her erschüttert, durch die leuctrische Schlacht zusammen. Jene zwölf also, deren Führer Pelopidas war, verließen Athen zu einer Tageszeit, um [94] beim Dunkelwerden des Himmels in Theben eintreffen zu können, und gingen von Jagdhunden begleitet197, Netze auf den Schultern und in Bauerntracht, damit ihr Marsch desto geringern Verdacht erweckte. Angelangt aber gerade zu der Zeit, wo sie es gewollt hatten, erreichten sie glücklich das Haus des Charon, von welchem Tag und Stunde bestimmt worden war.
3 (1) Hier will ich, wiewohl es nicht mit zur vorliegenden Erzählung gehört, die Bemerkung einschalten, wie verderblich allzugroße Sicherheit zu sein pflege. Den thebanischen Behörden nämlich war sogleich zu Ohren gekommen, daß Verbannte in die Stadt gekommen seien. Das beachteten sie aber, in Zechen und Schmausen vertieft, so wenig, daß sie sich nicht einmal Mühe gaben, über eine so wichtige Sache Nachforschung anzustellen. Dazu kam noch, ihre Verblendung noch mehr in’s Licht zu setzen: man brachte einem von ihnen, dem Archias, der damals das höchste obrigkeitliche Amt zu Theben bekleidete, einen Brief vom Archias aus Athen, worin Alles über den Ausmarsch jener berichtet stand. Als dieser ihm überreicht wurde, wie er bereits beim Mahle lag, schob er ihn, versiegelt wie er war, unter das Polster und sagte: „Ernste Dinge auf morgen.“ Alle jene aber wurden bei schon vorgerückter Nacht, trunken vom Weine von den Verbannten unter Pelopidas’ Führung niedergemacht. Als dies vollbracht war und man das Volk zu den Waffen und zur Freiheit gerufen hatte, strömten nicht nur die Bewohner der Stadt, sondern auch das Landvolk von allen Orten zusammen, vertrieben die Besatzung der Lacedämonier von der Burg, befreiten das Vaterland von dem Belagerungszustande und tödteten theils die Urheber von der Besetzung der Cadmea, theils jagten sie dieselben in die Verbannung198.
4 (1) In jener so stürmischen Zeit blieb, wie ich oben sagte, Epaminondas, solange gegen Bürger gekämpft wurde, ruhig zu Hause, so daß der Ruhm, Theben befreit zu haben, dem Pelopidas ganz allein [95] gehört; den übrigen theilt er mehrentheils mit Epaminondas. Denn in der Schlacht bei Leuctra war er unter des Epaminondas Oberbefehl Führer der auserlesenen Schaar, die zuerst die Phalanx der Lacedämonier niederwarf. Außerdem stand er ihm bei allen gefahrvollen Unternehmungen zur Seite, wie er z. B., als jener Sparta angriff199, den andern Flügel befehligte200; um aber die Wiederherstellung von Messene201 zu beschleunigen, ging er als Gesandter nach Persien202. Mit einem Worte er war die zweite Person in Theben, doch so die zweite, daß er dem Epaminondas sehr nahe kam.
5 (1) Er hatte aber öfter mit Unglück zu kämpfen. Denn erstens, wie ich bereits bemerkte, sah er sich anfangs als Verbannter des Vaterlandes beraubt, dann, als er Thessalien unter die Botmäßigkeit von Theben zu bringen wünschte und sich durch das Gesandtschaftsrecht hinreichend geschützt glaubte, das ja bei allen Völkern für heilig zu gelten pflegte, wurde er von dem Tyrannen Alexander von Pherä zugleich mit Ismenias ergriffen und in’s Gefängniß geworfen. Ihn erlangte Epaminondas zurück, indem er den Alexander mit Krieg überzog203. Nach diesem Vorfalle konnte sich Pelopidas niemals im Herzen gegen seinen Beleidiger beruhigen und überredete daher die Thebaner Thessalien zu Hülfe zu ziehen und seine Tyrannen zu verjagen. Die oberste Leitung dieses Krieges wurde ihm anvertraut, und als er mit einem Heere dahin ausgezogen war, zauderte er nicht, sobald er den Feind erblickte, sich in einen Kampf einzulassen. Wie er nun in diesem Treffen den Alexander bemerkte, spornte er zornentbrannt sein Roß gegen ihn, und da er sich weit von den Seinigen entfernt hatte, sank er, durch einen Hagel von Geschossen durchbohrt, zusammen204. Und zwar geschah dies, als sich der Sieg ihm zuneigte, [96] denn schon waren die Reihen des Tyrannen in’s Schwanken gerathen. Hierauf beehrten alle Staaten Thessaliens den getödteten Pelopidas mit goldenen Kränzen und ehernen Standbildern, und seine Kinder mit einem reichen Geschenke an Ackerland.
Agesilaos
1 (1) Dem Lacedämonier Agesilaus ist sowohl von den übrigen Geschichtschreibern, als besonders von Xenophon205, dem Schüler des Socrates, großes Lob ertheilt worden; denn mit diesem war er eng befreundet. Zuerst lag er mit seines Bruders Sohne Leotychides in Streit wegen der Königswürde. Den Lacedämoniern wurde nämlich von ihren Vorfahren die Sitte vererbt, immer zwei Könige zu haben, mehr dem Namen als der Herrschergewalt nach, aus den beiden Familien des Procles und Eurysthenes, die zuerst aus Hercules’ Stamme zu Sparta Könige gewesen sind. Aus der einen von diesen beiden Familien in die Stelle der andern als König einzutreten war nicht gestattet, so daß jede ihre eigene Reihenfolge bewahrte. Zuerst wurde Rücksicht genommen, wer der älteste von den Söhnen des verstorbenen Königs sei. Hatte dieser aber einen männlichen Nachkommen nicht hinterlassen, dann wurde gewählt, wer der Verwandtschaft nach der nächste war. Gestorben war König Agis, der Bruder des Agesilaus206. Er hatte einen Sohn Namens Leotychides hinterlassen, den er bei seiner Geburt nicht als seinen Sohn anerkannt, doch sterbend für den seinigen erklärt hatte. Dieser stritt mit seinem Oheim Agesilaus um die Ehre des Königthums, erreichte jedoch nicht, was er wünschte. Denn durch Begünstigung Lysanders, der, wie wir oben sahen, ein [97] ränkesüchtiger und damals einflußreicher Mann war, wurde Agesilaus vorgezogen.
2 (1) Sobald dieser von der königlichen Macht Besitz genommen hatte, überredete er die Lacedämonier, Heere nach Asien zu schicken und den Perserkönig zu bekriegen, indem er ihnen bewies, es sei vortheilhafter in Asien als in Europa zu kämpfen.207 Es hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, Artaxerxes rüste Flotten und Landheere, sie nach Griechenland zu schicken. Sobald ihm Vollmacht ertheilt war, verfuhr er mit solcher Schnelligkeit, daß er eher mit seinen Truppen in Asien anlangte208, als die königlichen Statthalter von seinem Ausmarsche wußten. Und so kam es, daß er sie alle ungerüstet und seines Angriffes gewärtig traf. Wie Tissaphernes, der damals unter den Feldherren des Königs den Oberbefehl führte, seine Ankunft erfuhr, bat er den Laconier um einen Waffenstillstand, indem er vorgab sich zu bemühen, daß es zwischen den Lacedämoniern und dem Könige zu einer Uebereinkunft käme, in Wahrheit aber, um Truppen zu rüsten; und er erlangte denselben auf drei Monate. Beide aber schwuren, den Waffenstillstand ohne Trug halten zu wollen. Bei diesem Vertrag beharrte Agesilaus mit der größten Gewissenhaftigkeit, während dagegen Tissaphernes nichts Andres that, als sich zum Kriege rüsten. Obwohl dies der Laconier merkte, hielt er dennoch seinen Schwur und versicherte viel damit zu erreichen, weil Tissaphernes durch seinen Meineid sowohl die Menschen seiner Sache entfremde, als auch die Götter gegen sich erzürne. Er dagegen befestige durch Bewahrung des Eides den Muth seines Heeres, wenn es wahrnähme, die Gottheit stehe auf ihrer Seite, und mache sich zugleich die Menschen geneigter, da sie sich denen zuzuwenden pflegten, die sie ihren Eid halten sähen.
3 (1) [98] Nachdem die Frist des Waffenstillstandes abgelaufen war, hatte der Barbar, in der gewissen Ueberzeugung, daß die Feinde, weil er selbst sehr viele Schlösser in Carien hatte und diese Gegend zu jener Zeit weitaus für die reichste galt, dahin hauptsächlich ihren Angriff richten würden, alle seine Truppen dorthin zusammengezogen. Allein Agesilaus wandte sich nach Phrygien und verheerte dies, ehe sich Tissaphernes irgendwo regte. Mit vieler Beute bereichert führte er dann sein Heer nach Ephesus in die Winterquartiere zurück, legte hier Waffenwerkstätten an und betrieb mit großer Emsigkeit die Kriegsrüstungen. Und damit man sich um so eifriger waffne und desto vorzüglicheres Rüstzeug beschaffe, setzte er Belohnungen zur Vertheilung an diejenigen aus, die in dieser Beziehung ausgezeichnete Emsigkeit bewiesen. Gleiches that er bei den verschiedenen Kriegsübungen, daß er die, welche es den Uebrigen zuvorthäten, reichlich beschenkte. Durch diese Mittel also erreichte er, daß er ein nicht minder trefflich gerüstetes als geübtes Heer besaß. Als es ihm Zeit dünkte die Truppen aus den Winterquartieren zu ziehen209, sah er voraus, wenn er offen kundgäbe, wohin er marschiren wolle, so würden es die Feinde nicht glauben, sondern andre Gegenden mit Besatzungen versehen und keinen Zweifel hegen, daß er anders handeln werde, als er kundgegeben hätte. Als er daher sagte, er werde nach Sardes marschiren, glaubte Tissaphernes wiederum Carien vertheidigen zu müssen; wie er sich aber hierin getäuscht und überlistet sah, zog er zu spät den Seinigen zu Hülfe. Denn als er dorthin kam, hatte Agesilaus bereits viele Plätze erobert und sich reicher Beute bemächtigt. Da aber der Laconier sah, daß ihm die Feinde an Reiterei überlegen seien, ließ er sich nie auf flachem Felde beikommen, sondern nahm nur an solchen Orten den Kampf an, wo das Fußvolk mehr ausrichten konnte. Also trieb er, so oft er sich in ein Treffen einließ, die viel zahlreicheren feindlichen Truppen in die Flucht und hielt sich während eines Verweilens in Asien so, daß er nach der Ansicht Aller für den Sieger galt.
4 (1) Während er bereits mit dem Gedanken umging nach Persien zu marschiren und den König selbst anzugreifen, kam zu ihm im Auftrag der Ephoren ein Bote aus der Heimath: die Athener und Böotier [99] hätten den Lacedämoniern den Krieg erklärt, er solle daher nicht zögern zu kommen. Bei dieser Gelegenheit ist seine Pflichttreue gegen das Vaterland nicht minder hochzuschätzen, wie seine kriegerische Tüchtigkeit. Obwohl er nämlich ein siegreiches Heer befehligte und die zuversichtlichste Hoffnung hatte das Perserreich zu erobern, gehorsamte er doch mit solcher Selbstbeherrschung den Befehlen der fernen Obrigkeit, als ob er sich als Privatmann im Rathhause zu Sparta befände. O daß doch seinem Beispiele unsre Feldherrn210 hätten folgen wollen! Doch wir wollen zum obigen zurückkehren. Agesilaus zog der reichsten Herrschaft einen guten Ruf vor und hielt es für weit ruhmvoller den Gesetzen des Vaterlandes gehorcht, als Asien im Kriege überwunden zu haben. Dieses Sinnes also setzte er seine Truppen über den Hellespont und verfuhr mit solcher Schnelligkeit, daß auf dem Wege, den Xerxes im Laufe eines Jahres211 zurückgelegt hatte, er in dreißig Tagen aus Asien nach Griechenland herübermarschirte. Als er nicht gar weit mehr vom Peloponnes entfernt war, versuchten es die Athener und Böotier mit ihren übrigen Verbündeten ihm bei Coronea212 Widerstand zu leisten; doch besiegte er sie alle in einer harten Schlacht213. Bei diesem Siege war der allergrößte Ruhm für ihn, daß er, als sehr Viele sich vom Wege der Flucht in den Tempel der Minerva geworfen hatten, und man ihn fragte, was mit ihnen geschehen solle, obwohl er in der Schlacht einige Wunden empfangen hatte und gegen alle, die ihm gegenüber die Waffen getragen, aufgebracht schien, dennoch der Gottesfurcht mehr einräumte als dem Zorn und sie zu verletzen verbot. Nicht aber blos in Griechenland that er dies, daß er die Tempel der Götter als unverletzlich betrachtete, sondern auch bei den Barbaren erhielt er mit der größten Ehrfurcht alle Heiligthümer und Altäre. Daher äußerte er offen, er wundre sich, warum man die, welche der Schutzflehenden an denselben nicht schonten, nicht für Tempelschänder ansehe, oder die der Gottesfurcht zuwiderhandelnden nicht härter bestrafe als die Tempelräuber.
5 (1) [100] Nach jener Schlacht zog sich der ganze Krieg um Corinth zusammen und erhielt den Namen des corinthischen.214 Als hier unter Führung des Agesilaus in einem einzigen Treffen zehntausend Feinde getödtet worden waren und durch diesen Verlust die Macht der Gegner gebrochen schien, war er so weit entfernt sich dessen stolz zu rühmen, daß er vielmehr das Schicksal Griechenlands beklagte, daß so viele durch die Schuld der Gegner von ihm besiegt gefallen seien: „denn,“ sagte er, „mit Aufopferung dieser Anzahl hätte man, wenn die Griechen vernünftig wären, die Perser mit Vernichtung strafen können.“ Ebenso, als er die Gegner hinter die Mauern der Stadt getrieben hatte und Viele zu einem Angriffe auf Corinth riethen, entgegnete er: „das vertrage sich nicht mit seinem Charakter, da es seine Sache sei, die Abtrünnigen zu nöthigen, zum Gehorsam zurückzukehren, nicht aber die berühmtesten Städte Griechenlands zu erobern. Denn,“ fuhr er fort, „wollen wir die vernichten, die mit uns gegen die Barbaren gestanden haben, so werden wir die Zerstörung gegen und selbst kehren, während jene ruhig zusehen. Dann aber werden sie uns, sobald sie wollen, ohne Mühe überwältigen.“
6 (1) Mittlerweile traf die Lacedämonier jenes Unglück bei Leuctra215. Um nicht dorthin marschiren zu müssen, wollte er, obwohl ihn sehr Viele zum Auszuge drängten, wie wenn er eine Ahnung von dem Ausgange hätte, überhaupt nicht ausziehen. Dagegen, als Epaminondas Sparta bestürmte216, das keine Mauern hatte, bewährte er sich als Feldherr so, daß damals Allen einleuchtete, wenn er nicht gewesen wäre, würde es kein Sparta mehr gegeben haben. Eben bei jener Gefahr gereichte ein schneller Entschluß von ihm Allen zum Heile. [101] Einige junge Leute nämlich wollten, durch die Ankunft der Feinde erschreckt, zu den Thebanern übergehen und hatten einen hochgelegenen Punkt außerhalb der Stadt besetzt. Da es nun Agesilaus als höchst verderblich erkannte, wenn man merkte, daß jemand zum Feinde überzugehen beabsichtige, so kam er mit seinen Getreuen dorthin und lobte, wie wenn sie es aus guter Absicht gethan hätten, ihren Gedanken diesen Punkt zu besetzen, auch er habe bemerkt, daß dies geschehen müsse. So gewann er durch verstellte Lobsprüche die jungen Leute wieder und hinterließ, nachdem er ihnen einige von seinen Begleitern beigegeben, den Platz gesichert. Denn jene, durch eine Anzahl solcher, die in ihren Plan nicht eingeweiht waren, vermehrt, wagten sich nicht zu rühren, und um so lieber, weil sie, was sie im Sinn gehabt, verborgen wähnten.
7 (1) Ohne Zweifel haben sich die Lacedämonier nach der leuctrischen Schlacht niemals erholt, noch ihre frühere Macht wiedererlangt, während indeß Agesilaus nicht abließ seinem Vaterlande, wie er immer konnte, aufzuhelfen. Da es nämlich den Lacedämoniern vorzugsweise an Geld fehlte, so zog er allen, die vom Perserkönig abgefallen waren, zu Hülfe und unterstützte sein Vaterland durch die Geldsumme, die er von ihnen erhielt. Und dabei war hauptsächlich zu bewundern, daß er, obwohl ihm von Königen, Fürsten und Staaten so reiche Geschenke verehrt wurden, doch niemals etwas davon in sein eigenes Haus brachte, noch in irgend etwas weder von der Lebensart noch Kleidung der Lacedämonier abwich. Er begnügte sich mit einem eben solchen Hause, wie es der Urvater seines Geschlechtes, Eurysthenes217, gehabt hatte, und wer in dasselbe trat, konnte kein Zeichen der Genußsucht, keines der Ueppigkeit, viele dagegen der Abhärtung und Enthaltsamkeit, wahrnehmen; denn es war so eingerichtet, daß es sich in Nichts von dem jedes beliebigen unbemittelten Privatmannes unterschied.
8 (1) Und dieser große Mann erfuhr in gleichem Grade, wie er die Natur bei Ertheilung geistiger Vorzüge zur Gönnerin gehabt hatte, deren Mißgunst in Bezug auf seine Körperbildung. Denn er war von kleinem Wuchs, schmächtigem Körper und an einem Fuße lahm, was ihn sogar einigermaßen verunstaltete. Und wer ihn nicht kannte und [102] sein Aeußeres sah, verachtete ihn; wer aber seine trefflichen Eigenschaften kennen gelernt hatte, konnte ihn nicht genug bewundern. So ging es ihm in der That, als er im Alter von achtzig Jahren dem Tachus218 nach Aegypten zu Hülfe gezogen war219. Dort hatte er sich mit den Seinigen ohne irgend ein Dach auf der Meeresküste gelagert, seine Ruhestatt war so bereitet, daß man die Erde mit Stroh bedeckt und darauf nichts weiter als eine Thierhaut geworfen hatte, und alle seine Gefährten lagerten in der gleichen geringen und abgenutzten Kleidung, so daß ihr Aufzug nicht nur keinen König unter ihnen andeutete, sondern der Vermuthung Raum gab, es möchten nicht allzu wohlhabende Leute sein. Sobald die Nachricht von seiner Ankunft den Leuten des Königs Tachus hinterbracht worden war, wurden schnell Geschenke aller Art dorthin geschafft. Als sie nun den Agesilaus suchten, konnte man ihnen kaum glaublich machen, daß es einer von denen sei, die damals dort lagerten. Wie sie ihm hierauf im Namen des Königs die mitgebrachten Sachen übergaben, nahm jener nichts außer Kalbfleisch und mancherlei Zukost, wie man ihrer im Augenblick bedurfte; Salben, Kränze und Nachtisch vertheilte er unter die Sklaven, das Uebrige hieß er sie wieder mitnehmen. Darob verachteten ihn die Barbaren noch mehr, weil sie meinten, er habe aus Unbekanntschaft mit den guten Sachen vorzugsweife jene Dinge gewählt. Als er vom König Nectanabis mit 220 Talenten beschenkt, die er seinem Volke zum Geschenk bringen wollte, auf der Rückkehr aus Aegypten begriffen war und den Hafen zwischen Cyrene und Aegypten, der der Menelaushafen heißt, erreicht hatte, verfiel er in eine Krankheit und starb220. Daselbst umgossen ihn seine Freunde, um den Leichnam leichter nach Sparta bringen zu können, weil sie keinen Honig hatten, mit Wachs und brachten ihn so nach Hause.
Eumenes
1 (1) [103] Es folgt Eumenes aus Cardia221. Hätte der Tüchtigkeit dieses Mannes gleiches Glück entsprochen, so würde er zwar nicht größer, da wir die Größe nach der Tüchtigkeit, nicht nach dem Glück bemessen, aber weit berühmter geworden sein und noch mehr in Ehren gestanden haben. Denn da sein Leben in die Blüthezeit der Macedonier fiel, beeinträchtigte es ihn, der unter diesen lebte, sehr, daß er ein Fremder war, und nichts fehlte ihm, als von macedonischem Adel zu stammen. Denn obwohl er in seiner Heimath einem sehr edeln Geschlechte angehörte, erregte es doch den Unwillen der Macedonier, ihn sich zuweilen vorgezogen zu sehen. Aber dennoch ließen sie es sich gefallen, da er Alle an Sorgfalt, Wachsamkeit, Ausdauer und Schlauheit und Gewandtheit des Geistes übertraf. Als ein ganz junger Mensch gewann er die Zuneigung Philipps, des Sohnes des Amyntas, und erwarb sich in kurzer Zeit dessen innigstes Vertrauen. Denn schon aus dem Jüngling leuchteten die Anlagen zum tüchtigen Manne. Deshalb hatte er ihn als seinen Schreiber zur Seite, ein Amt, welches bei den Griechen viel ehrenvoller als bei den Römern ist. Denn bei uns gelten Schreiber222 genau genommen, wie sie es auch wirklich sind, für Lohnbediente; bei jenen hingegen gelangt Niemand zu diesem Posten, als wer aus anständiger Familie oder von erprobter Treue und Thätigkeit ist, weil er nothwendig in alle Entschließungen eingeweiht sein muß. Diesen Platz im Vertrauen Philipp’s behauptete er sieben Jahre. Nach dessen Tode223 nahm er dieselbe Stelle dreizehn Jahre224 bei Alexander ein. In der letzten Zeit befehligte er auch die eine Abtheilung der Reiterei, die den Namen Hetären führte. Beiden stand er [104] immer im Rath zur Seite und wurde als eingeweiht in alle ihre Angelegenheiten betrachtet.
2 (1) Als nach Alexanders zu Babylon erfolgtem Tode225 die Reiche unter die Freunde desselben vertheilt wurden und die Aufrechthaltung der obersten Gewalt dem übertragen worden war, welchem der sterbende Alexander seinen Fingerreif gegeben hatte, dem Perdiccas: denn daraus hatten Alle geschlossen, er habe ihm die Regierung anvertraut, bis seine Kinder mündig geworden wären (abwesend nämlich waren Crateros und Antipater, die noch höher im Vertrauen zu stehen schienen, todt Hephästio, den Alexander, wie leicht zu bemerken var, vor Allen am höchsten geschätzt hatte): zu jener Zeit also wurde dem Eumenes Cappadocien gegeben, oder vielmehr zugesagt, da es damals in Feindesgewalt war. Ihn hatte Perdiccas sehr eifrig an sich zu fesseln gesucht, weil er an dem Manne große Treue und Thätigkeit wahrnahm, und nicht bezweifelte, derselbe werde ihm, wenn er ihn an sich gezogen, bei den Dingen, auf die er hinarbeitete, von großem Nutzen sein. Er gedachte nämlich, wonach fast Alle im Besitz großer Macht Verlangen tragen, Antheile Aller an sich zu reißen und unter sich zu vereinigen. Doch hegte nicht er allein solche Absichten, sondern ebenso alle Uebrigen, die zu den Freunden Alexanders gehört hatten. Zuerst hatte sich Leonnatus vorgenommen, sich Macedoniens vor den Andern zu bemächtigen. Durch viele große Versprechungen bemühte er sich den Eumenes zu bewegen, daß er den Perdiccas verließe und mit ihm in Verbindung träte. Als er ihn dazu nicht verlocken konnte, suchte er ihn zu tödten und hätte es gethan, wäre nicht jener heimlich bei Nacht aus dem Bereich seiner Posten entflohen.
3 (1) Mittlerweile entzündeten sich jene Kriege, die nach Alexanders Tode bis zur Vernichtung geführt wurden, und Alle vereinigten ihre Angriffe zur Ueberwältigung des Perdiccas226. Obwohl er nun [105] diesen zu schwach sah, da er allein gegen Alle zu stehen genöthigt war, so verließ er dennoch den Freund nicht, noch war er eifriger bedacht sich zu sichern als Treue zu bewahren. Perdiccas hatte ihn über den Theil Asiens zwischen dem Taurusgebirge und dem Hellespont gesetzt, und ihn allein seinen europäischen Gegnern gegenübergestellt; er selbst war Aegypten anzugreifen gegen Ptolemäus ausgezogen. Eumenes hatte weder zahlreiche noch zuverlässige Truppen, weil sie noch ungeübt und erst kurz zuvor zusammengezogen waren; es nahten aber, wie es hieß, und hatten den Hellespont überschritten Antipater und Crateros, zwei sowohl durch Berühmtheit als Kriegserfahrung hervorragende Männer, mit einem großen Heere von Macedoniern: die macedonischen Soldaten aber standen damals in demselben Rufe, in dem jetzt die römischen stehen, da immer die, welche sich der Oberherrschaft bemächtigten, für die tapfersten gegolten haben. Eumenes sah nun ein, wenn es seinen Truppen bekannt würde, gegen wen man sie führe, so würden sie nicht nur nicht marschiren, sondern auch sofort auf diese Nachricht auseinandergehen. Deshalb schien es ihm das Klügste, seine Soldaten auf Seitenwegen zu führen, wo sie die Wahrheit nicht erfahren könnten und sie glauben zu machen, sie zögen gegen irgend einen Barbarenstamm. Er brachte daher diesen Entschluß zur Ausführung und führte sein Heer in die Schlacht und begann das Treffen, ehe noch seine Soldaten wußten, mit wem sie stritten. Auch das bewirkte er durch frühere Besetzung des Terrains, daß er mehr mit Reiterei, woran er überlegen war, kämpfen konnte als mit Fußvolk, das er von geringerer Güte besaß.
4 (1) Als man im heftigsten Zusammenstoß beider Parteien einen großen Theil des Tages gegen einander gestritten hatte, fielen der Feldherr Crateros und Neoptolemus, der zweite Befehlshaber nach ihm. Mit diesem letzteren traf Eumenes selbst zusammen. Sich wechselseitig umschlingend stürzten beide von den Rossen zur Erde, so daß man sehen konnte, wie sie mit Erbitterung kämpften und mehr noch mit der Kraft des Hasses als des Körpers stritten; und nicht eher konnte man sie auseinanderreißen, als bis der eine das Leben aushauchte. Eumenes ward von jenem durch einige Streiche verwundet, verließ aber nichtsdestoweniger das Gefecht nicht, sondern bedrängte die Feinde nur heftiger. Nachdem hier die Reiter geschlagen, der Feldherr [106] Crateros getödtet und viele der Vornehmsten gefangen waren, bat das Fußvolk, da es auf ein Terrain gerathen war, wo es gegen den Willen des Eumenes nicht entrinnen konnte, ihn um Frieden. Doch wie er ihnen zugestanden war, hielten sie den Vertrag nicht, sondern zogen sich, sobald sie konnten, zu Antipater zurück. Den Crateros, der sterbend aus der Schlacht getragen wurde, suchte Eumenes wieder in’s Leben zu rufen; als ihm dies nicht gelang, ließ er ihn, angemessen der hohen Stellung des Mannes und seiner frühern Freundschaft mit ihm (denn bei Lebzeiten Alexanders hatten sie in freundschaftlichem Verhältnisse gestanden), feierlichst bestatten und schickte seine Gebeine nach Macedonien zurück an die Gattin und die Kinder desselben.
5 (1) Während dies am Hellespont geschah, wurde Perdiccas am Nil von Seleucus und Antigenes getödtet227, und die höchste Gewalt ging auf Antipater über. Da wurden nun die von ihm Abtrünnigen durch ein Kriegsgericht anwesend zum Tode verurtheilt, unter andern auch Eumenes. Dieser Schlag erschütterte ihn zwar, doch warf er ihn nicht nieder, und er führte nichtsdestoweniger den Krieg fort. Aber wenn auch die beschränkte Lage seinen hohen Muth nicht brach, so beugte sie ihn doch. Auf seiner Verfolgung begriffen, wurde Antigonus, obwohl er an allen Truppengattungen Ueberfluß hatte, häufig auf den Märschen von ihm beunruhigt, und vermochte niemals an ihn heranzukommen außer an solchen Punkten, wo es Wenige mit vielen aufnehmen konnten. Zuletzt jedoch wurde er, da Klugheit ihn nicht hatte fangen können, durch die Menge eingeschlossen. Dennoch befreite er sich mit Verlust von vielen der Seinigen aus dieser Lage und entfloh nach einer phrygischen Feste Namens Nora228. Hier wurde er belagert, und da er bei dem Verharren an einem Orte die Pferde seiner Reiter einzubüßen besorgte, weil kein Raum war sie herumzujagen, so war es eine kluge Erfindung von ihm, wie ein Thier auch an einem Ort stehend in Feuer gebracht und getummelt werden konnte, um theils mit mehr Lust zu fressen, theils nicht ohne Körperbewegung zu bleiben. Er band den Kopf mittelst eines Riemen so hoch hinauf, daß es mit den vordern Füßen die Erde nicht völlig berühren konnte,229 dann nöthigte [107] er es hinten durch Schläge Sprünge zu machen und mit den Hufen auszuschlagen; und diese Bewegung brachte es nicht weniger in Schweiß, als wenn es die Bahn durchrannt hätte. So gelang ihm, was Allen wunderbar erschien, daß er trotz der mehrmonatlichen Belagerung230 seine Pferde ebenso schön aus der Feste führte, als ob er sie in einer ebenen Gegend gehabt hätte. Während dieser Einschließung verbrannte er bald, bald zerstörte er, so oft es ihm beliebte, die Belagerungsmaschinen und Befestigungen des Antigonus. Er hielt sich aber an dem einen Orte, solange der Winter dauerte, weil er da nicht unter freiem Himmel lagern konnte. Der Frühling nahte: er stellt sich, als wolle er sich ergeben, aber während er über die Bedingungen unterhandelt, täuscht er die Feldherrn des Antigonus und zog sich und alle die Seinigen unversehrt aus der Schlinge231.
6 (1) Als Olympias, die Alexanders Mutter gewesen war, ihm nach Asien Brief und Boten schickte, jenen Rath zu hören, ob sie sich, um es wiederzugewinnen, nach Macedonien begeben und sich der dortigen Angelegenheiten bemächtigen solle, denn sie wohnte damals im Epirus: so rieth er ihr zuerst sich ruhig zu verhalten und zu warten, bis Alexanders Sohn232 zur Regierung gelangte; triebe sie aber ein besonderes Gelüste nach Macedonien, so solle sie aller Beleidigungen vergessen und gegen Niemand ein allzu hartes Regiment üben. Von alledem that jene nichts. Denn sie ging nach Macedonien und zeigte sich dort äußerst grausam. Sie bat aber den fernen Eumenes, nicht zuzugeben, daß die erbittertsten Feinde des Hauses und der Familie Philipps auch dessen Stamm ausrotteten, sondern den Söhnen Alexanders beizustehen. Wolle er ihr willfahren, so solle er so bald als möglich Heerhaufen rüsten und sie ihr zu Hülfe führen. Um ihm dies [108] leichter zu ermöglichen, habe sie an alle treugebliebenen Feldherrn geschrieben, daß sie ihm gehorchen und seinem Rathe folgen sollten. Hierdurch bestimmt hielt es Eumenes für besser, wenn es das Schicksal so fügte, seinen Wohlthätern dankbar unterzugehen, als denselben undankbar zu leben.
7 (1) Deshalb zog er Truppen zusammen und rüstete sich zum Kriege gegen Antigonus233. Es waren mehrere vornehme Macedonier bei ihm, unter andern Peucestes, der zu der Leibwache Alexanders gehört hatte, damals aber die Landschaft Persis inne hatte, und Antigenes, unter dessen Befehl die macedonische Phalanx stand. Aus Besorgniß also vor Mißgunst (der er aber doch nicht zu entgehen vermochte), wenn er als Ausländer vor andern Macedoniern, deren es dort eine Menge gab, die oberste Gewalt in die Hand nähme, richtete er im Hauptquartier234 unter Alexanders Namen235 ein Zelt auf, und ließ darin einen goldenen Thron mit Scepter und Krone aufstellen und sich täglich Alle dort versammeln, um hier über die wichtigsten Dinge zu beschließen; da er sich geringerer Mißgunst auszusetzen glaubte, wenn der Krieg unter dem scheinbaren Oberbefehl Alexanders und unter Vorschützung seines Namens geführt würde. Und dies erreichte er auch. Denn da man nicht zu des Eumenes, sondern zu des Königs Hauptquartier zusammenkam und daselbst über die Angelegenheiten berathschlagte, so blieb er gewissermaßen im Hintergrund, während doch Alles durch ihn allein geschah.
8 (1) [109] Im Gebiete der Parätacer236 kämpfte er mit Antigonus237, nicht in förmlicher Schlacht, sondern auf dem Marsche, und nöthigte ihn, nachdem er ihm einen übeln Empfang bereitet, nach Medien zurückzukehren und dort zu überwintern. Er selbst vertheilte in den darangrenzenden Districten der Landschaft Persis seine Truppen in die Winterquartiere, nicht wie er wollte, sondern wie es der Wille der Soldaten erzwang. Denn jene Phalanx Alexanders des Großen, die Asien durchzogen und das Perserreich erobert hatte, alten Ruhmes sowohl als auch Uebermuthes voll, verlangte den Führern nicht gehorchen zu müssen, sondern zu gebieten, wie es jetzt auch unsre Veteranen238 machen. Daher steht zu fürchten, daß sie thun, was jene gethan haben, nämlich durch ihr zuchtloses und allzu übermüthiges Betragen Alles zu Grunde richten, und zwar nicht weniger die, auf deren Seite sie stehen, als die, gegen welche sie kämpfen. Wenn daher Jemand das Verhalten jener Veteranen liest, so wird er es dem der unsern gleich finden und urtheilen, daß nichts als die Zeit den Unterschied mache. Doch ich kehre zu jenen zurück. Sie hatten sich Winterquartiere gewählt, nicht dem Kriegsbrauch, sondern dem eigenen Wohlleben angemessen, und sich weit von einander getrennt. Da dies Antigonus erfuhr und einsah, daß er seinen Gegnern, wann sie vor bereitet wären, nicht gewachsen sei, beschloß er einen ganz ungewöhnlichen Plan zu fassen. Es gab zwei Wege, worauf man aus Medien, wo er überwinterte, zu den Winterquartieren der Gegner gelangen konnte. Der kürzere von beiden durch Wüsteneien, die wegen Wassermangels Niemand bewohnte, war ungefähr zehn Tagereisen lang; der andere, auf dem sich alles bewegte, machte einen noch einmal so langen Bogen, war aber reich an Vorräthen und bot an Allem Ueberfluß. Marschirte er auf diesem, so sah er ein, daß die Gegner von seiner Annäherung unterrichtet sein würden, ehe er selbst noch den dritten Theil des Weges zurückgelegt hätte; zöge er dagegen durch die Wüste, so hoffte er den Feind unvorbereitet zu überfallen. Um dies zu bewerkstelligen, befahl er soviel als möglich Schläuche und sogar Ledersäcke239 anzuschaffen, ferner Futter, außerdem Mundvorrath auf zehn Tage, gleich gekocht, damit im Lager so wenig als möglich [110] Feuer gemacht würde. Welchen Marsch er vorhatte, hielt er vor Allen geheim. So gerüstet brach er auf dem beschlossenen Wege auf.
9 (1) Die Hälfte ungefähr hatte er zurückgelegt, als in Folge des Rauches240 im Lager an Eumenes die Vermuthung gemeldet wird, daß der Feind sich nähere. Die Führer kommen zusammen, man fragt was zu thun sei. Alle sahen ein, daß sich ihre Truppen nicht so schnell zusammenziehen ließen, als, wie es schien, Antigonus da sein würde. Während hier Alle in Verwirrung waren und an ihrem ganzen Heil verzweifelten, versprach Eumenes, wenn sie Schnelligkeit anwenden und das Befohlene thun wollten, was sie vorher nicht gethan, so wolle er der Sache abhelfen. Denn wenn der Feind in fünf Tagen herüber sein könnte, so wolle er seinerseits bewirken, daß er wenigstens um ebensoviel Tage aufgehalten würde. Sie sollten daher die Runde machen, und ein jeder seine Truppen zusammenziehen. Den schnellen Anmarsch des Antigonus aber zu hemmen, greift er zu folgender List. Er schickt zuverlässige Männer an den Fuß des Gebirges, das dem Marsche der Gegner im Wege lag, und ertheilte ihnen die Weisung, bei Beginn der Nacht, in so weiter Ausdehnung sie könnten, möglichst große Feuer anzuzünden, diese in der zweiten Nachtwache schwächer zu machen, und in der dritten241 ganz herabgehen zu lassen, und durch diesen nachgeahmten Lagerbrauch bei den Feinden den Verdacht zu erwecken, es sei dort ein Lager, und ihre Annäherung sei voraus angezeigt. Gleiches sollten sie in der folgenden Nacht thun. Die Leute, denen der Auftrag gegeben war, besorgen ihn pünktlich. Antigonus erblickt nach Einbruch der Dunkelheit die Feuer, er glaubt, man habe von seiner Annäherung gehört, und die Gegner hätten dorthin ihre Truppen zusammengezogen. Er ändert seinen Plan, und da er nunmehr den Eumenes nicht unerwartet angreifen könne, marschirt er seitwärts und wendet sich nach jenem längeren Umweg der an Vorräthen [111] reichen Straße. Dort wartet er einen Tag, die Erschöpfung seiner Soldaten durch Ruhe zu mindern und die Thiere zu stärken, um mit einem desto frischeren Heere kämpfen zu können.
10 (1) Hier überbot Eumenes den listigen Feldherrn an Schlauheit und hemmte dessen Schnelligkeit; dennoch half es ihm nicht viel. Denn durch die Mißgunst der ihn begleitenden Anführer und die Treulosigkeit der macedonischen Veteranen wurde er, obwohl er in einem Treffen gesiegt hatte, dem Antigonus ausgeliefert242, da ihm doch das Heer vorher dreimal zu verschiedenen Zeiten geschworen hatte, ihn vertheidigen und niemals verlassen zu wollen. Doch so groß war die Eifersucht Einiger auf seine Tüchtigkeit, daß sie lieber treulos werden als ihn nicht verderben wollten. Und Antigonus, wiewohl er sein ärgster Feind gewesen war, hätte ihn, wenn es die Seinigen gestattet hätten, am Leben erhalten, weil er einsah, daß ihm bei den Dingen, die bereits offenbar Allen bevorstanden, Niemand von größerem Nutzen sein könne. Denn es drohten Seleucus, Lysimachus und Ptolemäus, durch ihre Macht schon bedeutend, gegen ihn loszubrechen, und mit ihnen stand ihm der Kampf um die Oberherrschaft bevor. Doch seine Umgebung litt es nicht, weil sie sahen, wenn Eumenes aufgenommen würde, würden sie alle im Vergleich mit jenem gering geachtet sein. Antigonus selbst aber war so aufgebracht gegen ihn, daß er allein durch sichre Aussicht auf die oberste Gewalt besänftigt werden konnte.
11 (1) Daher sagte er, als er ihn in Gewahrsam gab, und ihn der Oberste der Wächter fragte, wie er ihn gehalten wünschte: „Wie den muthigsten Löwen oder den wildesten Elephanten.“ Denn er hatte noch keinen Entschluß gefaßt, ob er ihn am Leben ließe, oder nicht. Es besuchten aber den Eumenes beiderlei Arten von Leuten, theils solche, die sich aus Haß an seinem Sturze eine Augenweide bereiten wollten, theils solche, die aus alter Freundschaft mit ihm zu sprechen und ihn zu trösten wünschten; viele auch, die sein Aeußeres kennen [112] zu lernen trachteten, wie der aussähe, den sie so lange in so hohem Grade gefürchtet, und auf dessen Untergang sie immer ihre Hoffnung auf Sieg gestützt hatten. Eumenes aber, da er sich länger gefangen sah, sprach zu Onomarchus, dem obersten Befehlshaber des Wachpostens: „er wundere sich, warum man ihn schon drei Tage lang so gefangen halte; denn es passe sich nicht für einen so klugen Mann wie Antigonus, den Besiegten so falsch zu behandeln: vielmehr solle er ihn entweder tödten oder frei lassen.“ Da dies dem Onomarchus gar trotzig gesprochen schien, entgegnete er: „Wie? wenn du soviel Muth hattest, warum bist du nicht lieber in der Schlacht gestorben, als daß du in die Gewalt deines Feindes fielst?“ Hierauf Eumenes: „O wenn doch wenigstens das geschehen wäre! doch es kam deshalb nicht so, weil ich niemals mit einem stärkeren als ich zusammengetroffen bin, da ich mit Keinem handgemein wurde, der mir nicht unterlegen wäre. Denn nicht durch die Tapferkeit der Feinde, sondern durch der Freunde Verrath bin ich gestürzt.“ Und das war nicht unrichtig … Denn er besaß anstandsvolle Würde und eiserne Kraft Beschwerden zu ertragen, aber war nicht sowohl von großem Körperbau, als von anmuthiger Gestalt.
12 (1) Da Antigonus nicht allein über ihn zu beschließen wagte, brachte er die Sache zur Berathung. Hier waren erst Alle voll Bestürzung und Verwunderung, daß noch nicht die Todesstrafe an einem Manne vollzogen sei, der ihnen so viele Jahre so übel mitgespielt, daß sie oft zur Verzweiflung gebracht worden wären, der ihre obersten Führer getödtet, kurz, der allein von solcher Bedeutung sei, daß, so lange er lebe, sie selbst nicht sicher sein könnten, nach seinem Tode dagegen keine Schwierigkeit mehr finden würden. Schließlich fragten sie, wenn er jenem das Leben schenkte, wen er dann zum Freund haben werde; denn sie würden mit Eumenes zusammen nicht bei ihm bleiben. Nachdem er so die Gesinnung des Rathes erfahren, ließ er sich doch bis zum siebenten Tage Zeit zur Ueberlegung. Dann aber, wie er bereits fürchten mußte, es möchte ein Aufstand im Heere ausbrechen, verbot er irgend Jemand zu ihm zu lassen, und befahl ihm die tägliche Kost zu entziehen. Denn, sagte er, er wolle dem keine Gewalt anthun, der einst sein Freund gewesen sei. Eumenes wurde jedoch, nachdem ihn der Hunger nicht länger als drei Tage gequält, [113] als mit dem Heere aufgebrochen wurde, ohne Wissen des Antigonus von seinen Wächtern getödtet.
13 (1) Ein solches Lebensende hatte Eumenes im Alter von 45 Jahren, da er vom zwanzigsten an, wie ich oben zeigte, sieben dem Philipp gedient, dreizehn bei Alexander den gleichen Platz eingenommen, davon ein Jahr eine Abtheilung der Reiterei befehligt, nach dem Tode Alexanders des Großen aber als Feldherr Heere angeführt und die bedeutendsten Führer theils zurückgeschlagen, theils getödtet hatte, gefangen nicht durch die Tapferkeit der Antigonus, sondern durch den Meineid der Macedonier. Eine wie hohe Meinung von ihm alle die hegten, welche nach Alexander dem Großen Könige hießen, kann man am leichtesten daraus abnehmen, daß Niemand, solange Eumenes lebte, sich König nennen ließ, sondern Statthalter; daß sich dagegen dieselben Männer nach Jenes Tode sogleich243 Abzeichen und Namen des Königs beilegten, und daß sie, was sie anfangs verkündet hatten, nämlich den Söhnen Alexanders den Thron zu bewahren, nicht erfüllen wollten, sondern nach Beseitigung dieses einen Verfechters244 ihre wahre Gesinnung enthüllten. Voran gingen bei dieser Frevelthat Antigonus, Ptolemäus, Seleucus, Lysimachus, Cassander. Antigonus aber übergab den Leichnam des Eumenes seinen Verwandten zur Beerdigung. Diese bestatteten ihn unter anständiger militärischer Feier und unter Begleitung des ganzen Heeres, und ließen seine Gebeine nach Cappadocien zu Mutter, Gattin und Kindern desselben bringen.
Phokion
1 (1) [114] Obwohl der Athener Phocion oft Heere befehligte und die höchsten Aemter im Staate erhielt, ist er doch weit bekannter durch sein unbescholtenes Leben als durch seine Leistungen im Kriege. Dieser gedenkt daher Niemand245, während jenes in hohem Rufe stand, so daß er deshalb den Beinamen „der Rechtschaffene“ erhielt. Er blieb nämlich fortwährend arm, da er doch bei den häufig ihm übertragenen Ehrenstellen und der ihm vom Volk ertheilten höchsten Gewalt sehr reich hätte sein können. Als er reiche Geldgeschenke vom König Philipp zurückwies, und die Gesandten in ihn drangen sie zu nehmen, zugleich mit der Erinnerung: wenn er auch selbst leicht deren entrathen könne, möge er doch an seine Kinder denken, denen es bei so großer Armuth schwer sein werde, diesen hohen Ruhm ihres Vaters zu behaupten; so erwiderte er ihnen: „Werden sie mir ähnlich sein, dann wird eben dieser kleine Acker, der mich zu so hohem Ansehen erhoben hat, zu ihrer Nahrung ausreichen; sollen sie mir hingegen unähnlich werden, dann will ich ihrer Ueppigkeit nicht auf meine Kosten246 Nahrung und Wachsthum geben.“
2 (1) Eben dieser Mann zog sich, da er unter glücklichen Verhältnissen fast sein achtzigstes Jahr erreicht hatte, in der letzten Zeit seines Lebens in hohem Grade den Haß seiner Mitbürger zu: zuerst, weil er sich mit Demades247 wegen Uebergabe der Stadt an Antipater verständigt hatte, und auf seinen Rath Demosthenes nebst den Uebrigen, [115] die für wohlverdient um den Staat galten, durch einen Volksbeschluß in die Verbannung getrieben worden waren248. Und zwar hatte nicht allein das Unwillen erregt, daß er das Vaterland übel berathen, sondern auch, daß er dem Freunde nicht Treue bewährt hatte. Denn von Demosthenes gehoben und unterstützt hatte er die hohe Stellung erstiegen, welche er einnahm, indem ihn dieser gegen den Chares249 anstiftete. Auch war er von demselben vor Gericht, als er sich gegen peinliche Klagen zu verantworten hatte, einigemal vertheidigt worden und frei ausgegangen. Diesen nun vertheidigte er, als er angeklagt war, nicht nur nicht, sondern verrieth ihn sogar. Sein Sturz aber wurde hauptsächlich durch eine Beschuldigung veranlaßt. Als nämlich Phocion die oberste Gewalt im Staate bekleidete, und ihn Dercylus warnte, daß der Feldherr Cassanders, Nicanor, etwas gegen den Piräeus der Athener im Schilde führe, zugleich ihn auffordernd sich vorzusehen, daß die Stadt nicht der Zufuhr beraubt werde, so leugnete er laut vor dem Volke das Vorhandensein einer Gefahr und versprach sich dafür verbürgen zu wollen. Aber nicht gar lange nachher bemächtigte sich Nicanor des Piräeus; und als das Volk diesen wiederzugewinnen bewaffnet zusammenströmte, rief er nicht nur Niemanden zu den Waffen, sondern wollte nicht einmal die Bewaffneten anführen. Aber ohne den Piräeus kann Athen überhaupt nicht bestehen.
3 (1) [116] Es gab zu jener Zeit zwei Parteien zu Athen, deren eine für das Volk, die andere für die Optimaten wirkte. Zu letzterer gehörten Phocion und Demetrius aus Phaleron. Beide Parteien stützten sich auf macedonischen Schutz; denn die Volksmänner hielten es mit Polysperchon, die Optimaten mit Cassander. Mittlerweile wurde Cassander vom Polysperchon aus Macedonien vertrieben. Hierdurch gewann das Volk die Oberhand, vertrieb sogleich die Führer der Gegenpartei, darunter Phocion und Demetrius aus Phaleron250, zu Kapitalstrafen verurtheilt251 aus dem Vaterlande, und schickte deshalb Gesandte an Polysperchon, um von diesem die Bestätigung seiner Beschlüsse zu erbitten252. Ebendorthin begab sich auch Phocion. Sobald er ankam, befahl man ihm dem Namen nach vor König Philipp, in der That aber vor Polysperchon sich zu vertheidigen; denn dieser leitete damals die Angelegenheiten des Königs. Hier von Agnon angeklagt, den Piräeus an Nicanor verrathen zu haben, wurde er auf Beschluß des Rathes in’s Gefängniß geworfen und nach Athen abgeführt, damit dort den Gesetzen nach über ihn Gericht gehalten würde.
4 (1) Hier langte man an, indem er, vor Alter zu Fuß nicht mehr kräftig genug, auf einem Wagen gefahren wurde. Ein großer Zusammenlauf erfolgte, da Einige, eingedenk seines alten Ruhmes, den Greis bemitleideten, die Meisten aber heftiger Zorn anstachelte, weil man ihn im Verdacht hatte, den Piräeus verrathen zu haben, hauptsächlich aber, weil er sich im hohen Alter dem Vortheil des Volkes widersetzt hatte. Deswegen gestattete man ihm nicht einmal zu Ende zu sprechen253 und sich zu vertheidigen. Dann wurde er nach Vollziehung gewisser gesetzmäßiger Formen durch das Gericht verurtheilt und den Elfmännern übergeben, denen nach athenischer Sitte die nach den Gesetzen des Staates Verurtheilten zur Vollstreckung der Todesstrafe [117] übergeben zu werden pflegen. Als man ihn nun zum Tode führte, begegnete ihm Euphyletus, der sein Freund gewesen war. Dieser rief unter Thränen: „O wie Unwürdiges duldest du, Phocion!“ „Doch nicht Unerwartetes“, antwortete jener, „denn dieses Ende haben die meisten berühmten Athener genommen.“ So groß war bei ihm der Haß der Menge, daß ihn kein Freier zu beerdigen wagte; weshalb er von Sklaven begraben wurde.
Timoleon
1 (1) Es folgt der Corinthier Timoleon. Unzweifelhaft groß zeigte sich dieser Mann nach Aller Urtheil. Denn ihm allein glückte, was vielleicht keinem Andern, nicht nur das Vaterland, das ihn geboren, vom Drucke eines Tyrannen zu befreien, sondern auch in Syracus, wohin er zu Hülfe geschickt worden war, die bereits eingewurzelte Knechtschaft auszurotten und ganz Sicilien, das viele Jahre lang durch Krieg verheerte und von Barbaren unterdrückte, wieder in seinen früheren Zustand zu versetzen. Bei diesen Vorgängen aber wurde er von wechselndem Geschick betroffen, und trug, was für schwerer gilt, noch mit weit größerer Weisheit das Glück als das Unglück. Als nämlich sein Bruder Timophanes, von den Corinthiern zum Feldherrn gewählt, sich mit Hülfe seiner Söldner der Tyrannis bemächtigt hatte254, und er an der Herrschaft hätte theilnehmen können, war er soweit entfernt, sich bei der Frevelthat zu betheiligen, daß er vielmehr die Freiheit seiner Mitbürger höher achtete als das Leben seines Bruders, und es für besser hielt, den Gesetzen zu gehorchen, als über [118] seine Vaterstadt zu herrschen. Dieses Sinnes ließ er durch einen Zeichendeuter und einen gemeinsamen Verwandten, an den ihre leibliche Schwester verheirathet war, seinen Bruder, den Tyrannen, tödten. Er selbst hielt nicht nur seine Hand fern davon, sondern wollte auch nicht zusehen, wie man das Blut des Bruders vergoß. Denn er blieb, bis die Sache geschehen wäre, fern auf einem Wachposten, damit keiner der Trabanten zu Hülfe eilen könnte. Diese so herrliche That fand nicht bei Allen gleiche Billigung, indem Manche meinten, er habe die Bruderpflicht verletzt, und mit Gehässigkeit den Ruhm seines Verdienstes schmälerten. Seine Mutter vollends ließ ihn nach jener That weder nach Hause zu sich, noch konnte sie ihn sehen, ohne ihn unter Verwünschungen einen gottlosen Brudermörder zu nennen. Dadurch wurde er so tief erschüttert, daß er zuweilen daran dachte, seinem Leben ein Ende zu machen und sich durch den Tod den Augen der undankbaren Menschen zu entziehen.
2 (1) Mittlerweile bemächtigte sich nach Ermordung des Dion zu Syracus Dionysius auf’s neue dieser Stadt255, und seine Gegner baten die Corinthier um Hülfe und verlangten von ihnen einen Anführer für den Krieg. Timoleon wurde hingeschickt und vertrieb mit unglaublichem Glücke den Dionysius aus ganz Sicilien256. Obwohl er ihn hätte tödten können, that er es doch nicht, sondern sorgte, daß jener sicher nach Corinth gelangte, weil die Corinthier oft durch die Macht beider Dionyse unterstützt worden waren, und er das Andenken an diese Wohlthat erhalten wünschte; weil er ferner nur den Sieg für herrlich hielt, wobei mehr Milde als Grausamkeit waltete; endlich damit man nicht blos mit den Ohren vernähme, sondern mit Augen sähe, was für einen Mann und welch’ mächtigen Herrscher er zu einem solchen Loose herabgestürzt habe. Nach des Dionysius Abzug führte er mit Hycetas257 Krieg, einem früheren Gegner des Dionys; daß er dies aber nicht aus Haß gegen die Tyrannis, sondern aus Begierde darnach gewesen war, dafür diente zum Beweise, daß er nach Vertreibung des Dionys selbst der Herrschaft nicht entsagen wollte. Als dieser überwunden war, schlug Timoleon ein ungeheures Heer der [119] Carthager am Flusse Crinissus258 und nöthigte sie, die schon mehrere Jahre Sicilien in Besitz hatten, zufrieden zu sein, wenn sie Afrika behalten dürften. Auch nahm er den italischen Heerführer Mamercus259 gefangen, einen gewaltigen Kriegsmann, der zur Unterstützung der Tyrannen nach Sicilien gekommen war260.
3 (1) Da er, nachdem er dies vollbracht, in Folge des langdauernden Krieges nicht nur die Ländereien, sondern auch die Städte verödet sah, so suchte er soviel als möglich Ansiedler zusammenzubringen, erst Sicilier, dann ließ er Corinthier kommen, weil von diesen Syracus zuerst gegründet worden war. Den alten Bürgern gab er das Ihrige zurück, unter die neuen vertheilte er die im Kriege herrenlos gewordenen Besitzungen, die zerstörten Stadtmauern und die verödeten Heiligthümer stellte er wieder her, den Staaten gab er Gesetze und ihre Freiheit wieder, und schuf nach einem so gewaltigen Kriege auf der ganzen Insel solche Ruhe, daß er als der Gründer jener Städte erschien, nicht die, welche sie zuerst gegründet hatten. Die Burg zu Syracus, die Dionys261 befestigt hatte, um die Stadt im Zaume zu halten, zerstörte er von Grund aus, die übrigen Bollwerke der Tyrannis ließ er abtragen und gab sich Mühe, daß so wenig Spuren der Knechtschaft wie möglich zurückblieben. Obwohl er so viel Macht besaß, daß er selbst gegen den Willen der Sicilier über sie hätte gebieten können, aber auch die Liebe Aller in so hohem Grade, daß er ohne Jemandes Weigerung die Herrschaft behaupten konnte: so wollte er doch lieber geliebt als gefürchtet sein. Daher legte er seinen Oberbefehl, sobald er konnte, nieder und verlebte seine noch übrigen Jahre als Privatmann zu Syracus. Das war aber keinesweges [120] unklug gehandelt. Denn was die Uebrigen als Könige durch Gewalt vermocht haben, errreichte er durch seine Beliebtheit. Keine Ehre mangelte ihm, und nichts wurde nachher zu Syracus vom Staate ausgeführt, worüber man eher Beschluß gefaßt hätte, als man des Timoleon Meinung gehört. Keines Andern Rath wurde je dem seinigen, ich sage nicht vorgezogen, sondern nur damit verglichen; und dies geschah ebensosehr um seiner Klugheit als um seiner Beliebtheit willen.
4 (1) Als er schon im vorgerückten Alter stand, verlor er ohne eine Krankheit das Licht seiner Augen. Doch trug er dieses Unglück so gleichmüthig, daß ihn weder Jemand klagen hörte, noch ihn deshalb weniger bei Privat- und öffentlichen Angelegenheiten thätig sah. So oft im Theater eine Volksversammlung gehalten wurde,262 kam er wegen seines leidenden Zustandes dorthin auf einem Zweigespann, und sprach so vom Wagen herab, was ihm geeignet schien. Und Niemand legte ihm dies als Hochmuth aus, denn niemals ging aus seinem Munde ein stolzes oder prahlerisches Wort. Ja, wenn er seinen Ruhm verkünden hörte, sagte er nie etwas Anderes, als: „er sage und wisse den Göttern dafür ganz besondern Dank, daß sie gerade, wo sie beschlossen hätten Sicilien wiederaufzuhelfen, ihn vorzugsweise dabei zum Führer gewollt hätten.“ Denn er glaubte, daß nichts auf Erden ohne den Willen der Götter geschehe. Darum hatte er in seinem Hause der Göttin Automatia263 eine Capelle errichtet und hielt diese äußerst heilig.
5 (1) Zu der seltenen Trefflichkeit des Mannes kamen noch wunderbare Zufälligkeiten. Seine Hauptschlachten nämlich lieferte er alle an seinem Geburtstage; woher es kam, daß das gesammte Sicilien seinen Geburtstag wie einen Festtag ansah. Als ihm ein gewisser Laphystius, ein frecher und undankbarer Mensch, das Versprechen abnöthigen wollte, vor Gericht zu erscheinen, weil er ihn, wie er sagte, auf Grund des [121] Gesetzes belangen wolle, und Viele zusammenliefen, um die Frechheit des Menschen thätlich zu züchtigen: bat Timoleon Alle, dies nicht zu thun. Denn damit dies dem Laphystius und jedem Andern freistände, habe er sich den schwersten Mühsalen und größten Gefahren unterzogen. Denn das sei das Ideal der Freiheit, wenn Jedem erlaubt sei im Wege des Gesetzes zu versuchen, was er wolle. Ebenso, als ein Mensch von gleichem Schlage wie Laphystius, Namens Demänetus, in der Volksversammlung seine Thaten herabzusetzen begann und einige Schmähungen gegen Timoleon ausstieß, sagte dieser: „Nun erst sehe er seinen Wunsch erfüllt; denn das habe er immer von den unsterblichen Göttern erfleht, daß sie den Syracusanern wieder eine solche Freiheit gewähren möchten, wo es Jedem freistände, über wen er wolle, ungestraft zu reden.“ Als er gestorben war264, wurde er von den Syracusanern auf öffentliche Kosten in dem Gymnasium265, das den Namen Timoleonteum führt, unter dem Zudrange von ganz Sicilien bestattet.
Von den Königen
1 (1) Das waren ungefähr die Feldherrn griechischer Nation, die bemerkenswerth scheinen möchten, mit Ausnahme der Könige, die ich nicht berühren wollte, da Aller Thaten in einem besondern Buche266 erzählt sind. Doch sind es nicht sehr viele. Der lacedämonische König Agesilaus aber war es, wie die übrigen spartanischen Könige, nur dem Namen, nicht der Macht nach. Unter denen dagegen, die mit [122] wirklicher Obergewalt regierten, waren die ausgezeichnetsten nach meinem Urtheil, von den Persern Cyrus267 und Darius268, des Hystaspes Sohn, die beide aus dem Privatstande durch ihre Tüchtigkeit zur Herrschaft gelangten. Der erstere derselben fiel bei den Massageten in einer Schlacht, Darius starb in Folge hohen Alters. Außerdem drei aus dem gleichen Stamme: Xerxes269 und die beiden Artaxerxes, mit den Beinamen Macrochir und Mnemon. Von Xerxes ist am berühmtesten, daß er mit den seit Menschengedenken gewaltigsten Heermassen zu Wasser und zu Lande Griechenland mit Krieg überzog. Macrochir270 dagegen hat vorzüglich den Ruhm einer sehr ansehnlichen und schönen Körpergestalt, der eine außerordentliche kriegerische Tüchtigkeit zum Schmuck diente. Denn kein Perser war persönlich tapfrer als er. Mnemon271 endlich besaß den Ruf großer Gerechtigkeit. Denn als er durch eine verbrecherische That seiner Mutter seine Gattin verloren hatte, gab er seinem Schmerz nur so weit Raum, daß ihn noch die Kindesliebe überbot. Von diesen drei zahlten die beiden gleichnamigen der Natur ihre Schuld durch eine Krankheit, der dritte fiel durch das Schwert seines Feldherrn Artabanus.
2 (1) Aus dem macedonischen Stamme aber ragten zwei durch den Ruhm ihrer Thaten weit über die übrigen hervor: Philippus, des Amyntas Sohn272, und Alexander der Große273. Dieser letztere wurde zu Babylon durch eine Krankheit weggerafft, Philipp zu Aegä274, als er in’s Schauspiel ging, nahe beim Theater von Pausanias ermordet. Unter den Epiroten einer, Pyrrhus275, der gegen das römische Volk Krieg führte. Als dieser die Stadt Argos im Peloponnes [123] erstürmte, kam er durch einen Steinwurf um. Desgleichen ein Sicilier, Dionysius der ältere276. Denn er war persönlich tapfer, kriegskundig und, was nicht leicht bei einem Tyrannen vorkommt, durchaus nicht ausschweifend; nicht üppig, nicht geizig, kurz nach nichts begierig als nach dauernder Alleinherrschaft und ebendeshalb grausam. Denn indem er diese zu befestigen strebte, schonte er das Leben keines, von dem er Nachstellung argwohnte. Nachdem er sich durch seine Tüchtigkeit die Tyrannis gewonnen, behauptete er sie mit großem Glücke. Denn er starb mehr als 60 Jahre alt bei blühendem Zustande seiner Herrschaft, und in einer so langen Reihe von Jahren sah er keinen seiner Nachkommen sterben, obwohl er mit drei Frauen Kinder erzeugt hatte und ihm viele Enkel geboren waren.
3 (1) Außerdem gab es große Könige unter den Freunden Alexanders des Großen, die nach dessen Tode Herrschaften in Besitz nahmen, darunter Antigonus und dessen Sohn Demetrius277, Lysimachus, Seleucus und Ptolemäus.278 Antigonus wurde in einer Schlacht, wo er gegen Seleucus und Lysimachus kämpfte, getödtet279. Einen gleichen Tod erlitt Lysimachus280 durch Seleucus, da sie nach Auflösung ihres Bündnisses sich unter einander bekriegten. Demetrius aber wurde, als er seine Tochter mit Seleucus vermählt hatte, und trotzdem sich keine dauernde Freundschaft zwischen beiden erhalten konnte, im Kriege gefangen und starb, der Schwiegervater im Kerker des Schwiegersohnes, an einer Krankheit281. Nicht gar lange nachher wurde auch Seleucus von Ptolemäus Ceraunus hinterlistig ermordet282, den er, von seinem Vater aus Alexandria vertrieben und fremder Hülfe bedürftig, bei sich aufgenommen hatte. Ptolemäus selbst283 aber soll, nachdem er noch bei seinen Lebzeiten seinem Sohne das Reich übergeben, von eben diesem umgebracht worden sein284. Da ich über diese genug gesagt zu haben glaube, scheint es mir nicht ungeeignet, den [124] Hamilcar und Hannibal nicht zu übergehen, die es bekanntlich an Geistesgröße und Schlauheit allen Afrikanern zuvorgethan haben.
Hamilkar
1 (1) Der Carthager Hamilcar, Hannibals Sohn, mit dem Beinamen Barcas, machte im ersten punischen Kriege, doch erst in den letzten Jahren desselben, als ein ganz junger Mann in Sicilien den Anfang ein Heer zu befehligen. Während es aber zur Zeit seiner Ankunft285 mit der Sache der Carthager zu Wasser und zu Lande schlecht ging, wich er selbst, wo er zugegen war, niemals vor dem Feinde, noch bot er ihm eine Blöße, sondern beunruhigte ihn oft bei günstiger Gelegenheit und ging immer als Sieger davon. Dadurch vertheidigte er, als die Punier beinahe Alles in Sicilien verloren hatten, den Berg Eryx so, daß es schien, als wäre dort gar kein Krieg geführt worden. Mittlerweile beschlossen die Carthager, nachdem sie von dem römischen Consul C. Lutatius286 bei den ägatischen Inseln287 in einer Seeschlacht besiegt worden waren288, dem Kriege ein Ende zu machen und überließen dieses Geschäft dem Ermessen des Hamilcar. Obwohl dieser von Kampfbegierde brannte, glaubte er [125] dennoch den Frieden anstreben zu müssen, weil er einsah, daß sein Vaterland, durch Ausgaben erschöpft, die Leiden des Kriegs nicht länger ertragen könne; doch geschah dies so, daß er sogleich bei sich gedachte, wenn die Verhältnisse sich nur einigermaßen gebessert hätten, den Krieg zu erneuern und die Römer fort und fort zu bekämpfen, bis sie entweder durch Tapferkeit siegten289 oder besiegt sich für überwunden erklärten. In dieser Absicht schloß er den Frieden290, zeigte sich aber dabei so trotzig, daß er, als Catulus sich den Krieg beizulegen weigerte, wenn nicht er und die Seinigen, die den Eryx besetzt hielten, mit Ablieferung der Waffen Sicilien verließen, erklärte, er wolle sich lieber unter den Trümmern seines Vaterlandes begraben, als mit solcher Schmach heimkehren. Denn es sei seiner Tapferkeit nicht angemessen, die vom Vaterlande gegen den Feind empfangenen Waffen den Gegnern zu überliefern. Seiner Hartnäckigkeit gab jener nach.
2 (1) Doch fand er, als er nach Carthago kam, den Staat in einer viel andern Lage, als er gehofft hatte. Denn in Folge der lang dauernden auswärtigen Bedrängniß entbrannte ein so heftiger innerer Krieg, daß niemals Carthago in gleicher Gefahr geschwebt hat, außer als es zerstört wurde. Zuerst fielen die Soldtruppen ab, die gegen die Römer gedient hatten, an Zahl 20000. Diese machten ganz Afrika abtrünnig und griffen Carthago selbst an. Und so sehr wurden die Punier durch diese Gefahren in Schrecken gesetzt, daß sie sogar die Römer um Hülfstruppen baten, die sie auch erhielten.291 Endlich aber, [126] als sie schon der Verzweiflung nahe waren, ernannten sie den Hamilcar zum Feldherrn292. Dieser schlug nicht allein die Feinde von den Mauern Carthago’s zurück, obwohl sie zu mehr als 100000 Bewaffneten angewachsen waren, sondern bedrängte sie auch so, daß sie auf einem engen Terrain eingeschlossen noch in größerer Zahl durch Hunger, als durch das Schwert umkamen. Alle die abgefallenen Städte, darunter Utica und Hippo, die mächtigsten in ganz Afrika, gewann er dem Vaterlande wieder293. Aber auch damit begnügte er sich nicht, sondern erweiterte noch die Grenzen des Reiches und schuf in ganz Afrika solche Ruhe, daß es schien, als wäre dort in vielen Jahren kein Krieg gewesen.
3 (1) Als dies nach Wunsch vollendet war, bewirkte er voll kühnen und den Römern feindlichen Muthes, um desto leichter einen Anlaß zum Kriege zu finden, daß er als Feldherr mit einem Heere nach Spanien geschickt wurde294, und nahm dahin seinen neunjährigen Sohn Hannibal mit. Außerdem begleitete ihn ein ausgezeichneter und schöner junger Mann Namens Hasdrubal. Von diesem verbreiteten Einige das Gerede, daß ihn Hamilcar auf eine unziemliche Weise liebe; denn einem so bedeutenden Manne konnten Lästerer nicht fehlen. So kam es, daß der Aufseher über die Sitten dem Hasdrubal verbot, jenen zu begleiten. Hamilcar gab ihm aber seine Tochter zur Gattin, weil nach ihren Sitten dem Schwiegersohne der Umgang mit dem Schwiegervater nicht untersagt werden konnte. Dieses Mannes erwähne ich deshalb, weil er, nachdem Hamilcar gefallen295, das Heer befehligte und wichtige Thaten vollführte, und weil er zuerst durch Bestechung die alten Sitten der Carthager verderbte, und weil nach seinem Tode Hannibal vom Heere das Commando empfing296.
4 (1) [127] Nachdem aber Hamilcar über das Meer gesetzt und nach Spanien gelangt war, führte er mit Glück wichtige Unternehmungen aus, unterwarf sehr große und kriegerische Völkerschaften, und bereicherte ganz Afrika durch Rosse, Waffen, Mannschaften297 und Geld. Als er damit umging, den Krieg nach Italien zu tragen, wurde er im neunten Jahre nach seiner Ankunft in Spanien in einer Schlacht, wo er gegen die Vettonen kämpfte, getödtet. Sein unaufhörlicher Haß gegen die Römer scheint hauptsächlich den zweiten punischen Krieg angefacht zu haben. Denn sein Sohn Hannibal wurde durch die unablässigen Beschwörungen seines Vaters dahin gebracht, daß er lieber sterben, als sich nicht mit den Römern messen wollte.
Hannibal
1 (1) Es folgt der Carthager Hannibal, Hamilcars Sohn. Wenn wahr ist, woran Niemand zweifelt, daß das römische Volk Völker durch Tapferkeit besiegt hat, so darf man nicht leugnen, daß Hannibal die übrigen Feldherrn an Klugheit so weit übertroffen hat, als das römische Volk sämmtliche Nationen an Tapferkeit überragt. Denn so oft er mit demselben in Italien kämpfte, blieb er immer Sieger. Wäre er daher nicht daheim durch die Mißgunst seiner Mitbürger gelähmt worden, so scheint es, hätte er die Römer überwinden können. Doch die Eifersucht der Vielen besiegte die Tüchtigkeit des Einen. Den von seinem Vater aber gleichsam ererbten Haß gegen die Römer bewahrte er so treu, daß er eher den Geist als ihn aufgab. Ja, als er aus dem Vaterlande vertrieben war und fremder Hülfe bedurfte, [128] hörte er doch niemals auf mit seiner geistigen Kraft die Römer zu bekämpfen.
2 (1) Denn um von Philipp298 zu schweigen, in welchem er, ohne mit ihm persönlich zusammenzukommen, den Römern einen Feind erweckte, so war zu jener Zeit der mächtigste unter allen Königen Antiochus299. Diesen erfüllte er mit solchem Kriegseifer, daß er sogar vom rothen Meere aus seine Waffen nach Italien zu tragen beabsichtigte. Zu demselben kamen römische Gesandte, um seine Gesinnung zu erforschen und sich zu bemühen, durch heimliche Ränke den Hannibal beim König zu verdächtigen, als ob er von ihnen bestochen anders dächte als früher. Da sie das nicht vergebens gethan, und Hannibal es erfuhr und sich von den geheimeren Berathungen ausgeschlossen sah, ging er bei sich bietender Gelegenheit zum König, und fügte, nachdem er viel von seiner Treue und seinem Hasse gegen die Römer gesprochen, folgendes hinzu: „Als mein Vater Hamilcar, wie ich noch ein Knabe von nicht mehr als neun Jahren war, als Feldherr von Carthago nach Spanien abzugehen im Begriffe stand, brachte er Jupiter, dem Höchsten und Besten, Opfer dar. Während diese gottesdienstliche Handlung vollzogen wurde, fragte er mich, ob ich mit ihm in den Krieg gehen wolle. Da ich dies freudig annahm und ihn zu bitten begann, daß er mich unbedenklich mitnähme, erwiderte er: ‚Ich will es thun, wenn du mir das Versprechen gibst, welches ich fordere.‘ Zugleich führte er mich an den Altar, an welchem das Opfer begonnen war, und hieß mich nach Entfernung der Uebrigen denselben anfassen und schwören, niemals mit den Römern Freundschaft halten zu wollen. Diesen meinem Vater gelobten Eid habe ich bis in dieses Alter so treu gehalten, daß Niemand zweifeln darf, ich werde auch in der übrigen Zeit die gleiche Gesinnung bewahren. Hegst du also in Bezug auf die Römer freundschaftliche Absichten, so wirst du nicht unklug thun, mir es zu verbergen; dann aber, wann du dich zum Kriege mit ihnen rüsten willst, wirst du dir selbst im Lichte stehen, wenn du mich nicht dabei zum obersten Leiter machst.“
3 (1) [129] In dem angegebenen Alter also ging er mit seinem Vater nach Spanien300; nach dessen Tode aber, als Hasdrubal Oberfeldherr geworden301, befehligte er die ganze Reiterei. Nachdem auch dieser getödtet war, übertrug ihm das Heer den Oberbefehl302, und dies wurde, da man es nach Carthago meldete, von Seiten des Staates bestätigt. So wurde Hannibal, noch nicht 25 Jahre alt, Oberfeldherr und unterwarf in den nächsten drei Jahren durch Krieg alle Völkerschaften Spaniens; Sagunt, das mit den Römern verbündet war, eroberte er mit Gewalt303, und rüstete drei sehr große Heere. Eines davon sandte er nach Afrika, das andre ließ er mit seinem Bruder Hasdrubal in Spanien zurück, das dritte führte er mit sich nach Italien. Er überschritt das Pyrenäengebirge304, kämpfte, wo er immer seinen Weg nahm, mit allen Bewohnern, und ließ keinen Feind von dannen, ohne ihn besiegt zu haben. Nachdem er zu den Alpen gelangt war, die Italien von Gallien trennen, und die nie Jemand vor ihm mit einem Heere überschritten hatte außer dem griechischen Hercules, weshalb heutzutage dies Gebirg das grajische heißt: hieb er die Alpenbewohner, die ihn am Uebergange zu hindern versuchten, zusammen, öffnete den Zugang zu diesen Gegenden, bahnte Wege und erreichte, daß da ein gerüsteter Elephant schreiten konnte, wo vorher ein einzelner unbewaffneter Mann kaum hatte kriechen können. Auf diesem Wege führte er seine Truppen herüber und gelangte nach Italien305.306
4 (1) An der Rhone hatte er mit dem Consul P. Cornelius Scipio gekämpft und ihn zum Weichen gebracht.307 Mit ebendemselben stritt er [130] zu Clastidium am Po und trieb ihn verwundet in die Flucht.308 Zum drittenmal rückte derselbe Scipio mit seinem Collegen Tiberius Longus an der Trebia gegen ihn. Er ließ sich mit ihnen in einen Kampf ein und schlug beide309. Von dort überstieg er durch das Gebiet der Ligurer die Apenninen, um nach Etrurien zu gehen. Auf diesem Marsche überfiel ihn eine so schwere Augenkrankheit, daß er nachher niemals das rechte Auge gleich gut gebrauchen konnte. Während er noch an dieser Krankheit litt und in einer Sänfte getragen wurde, schloß er den Consul C. Flaminius am trasimenischen See durch einen Hinterhalt ein und tödtete ihn, und ebenso kurz nachher den Prätor C. Centenius, der mit einer auserlesenen Schaar das Gebirg besetzt hielt310. Von da gelangte er nach Apulien, woselbst ihm die beiden Consuln C. Terentius und L. Aemilius entgegenrückten. Beider Heere besiegte er in einer Schlacht und tödtete den Consul Paulus nebst einigen andern Consularen, darunter den Gn. Servilius Geminus, der im vorigen Jahre Consul gewesen war311.
5 (1) Nachdem er diese Schlacht geschlagen, zog er ohne Widerstand zu finden gen Rom, und verweilte auf den der Stadt benachbarten Bergen312. Als er hier einige Tage gelagert hatte und nach Capua zurückkehrte, warf sich ihm der römische Dictator Q. [131] Fabius Maximus auf dem falernischen Gebiet entgegen313. Daselbst auf einem engen Terrain eingeschlossen, befreite er sich Nachts ohne irgend welchen Verlust für sein Heer, und täuschte den so schlauen Feldherrn Fabius. Unter dem Schutze der Nacht nämlich band er Reisigbündel an die Hörner von Kindern, zündete sie an und trieb eine große Menge dieser Thiere in weiter Ausdehnung zerstreut gegen den Feind. Und durch den Anblick dieser plötzlichen Erscheinung jagte er dem römischen Heere solche Furcht ein, daß Niemand den Lagerwall zu verlassen wagte. Nur wenige Tage nach diesem Ereigniß lockte er den Befehlshaber der Reiter M. Minucius Rufus, der sich mit dem Dictator in den Oberbefehl theilte, durch List zu einem Treffen vor und schlug ihn in die Flucht. Den Tiberius Sempronius Gracchus, der zum zweitenmal Consul war, lockte er im Lucanerlande, ohne selbst dabei zu sein, in einen Hinterhalt und tödtete ihn314. Auf gleiche Weise tödtete er den M. Claudius Marcellus, der fünfmal Consul gewesen war, bei Venusia315. Zu weitläufig wäre es, die Schlachten aufzuzählen. Es wird also mit dem Einen genug gesagt sein, um sich daraus abnehmen zu können, welch’ großer Mann er war: solange er in Italien blieb, hielt ihm Niemand im offenen Kampfe Stand, Niemand schlug seit der Schlacht bei Cannä ihm gegenüber auf offenem Felde ein Lager auf.316
6 (1) Von hier unbesiegt zur Vertheidigung seines Vaterlandes zurückgerufen317, führte er den Krieg gegen den P. Scipio, den Sohn des Publius, den er zuerst an der Rhone, dann am Po, zum drittenmal an der Trebia in die Flucht geschlagen hatte.318 Mit diesem wünschte er, da die Mittel seines Vaterlandes bereits erschöpft waren, für den Augenblick den Krieg beizulegen, um später desto kräftiger kämpfen zu können. Er kam mit ihm zu einer Unterredung zusammen: über die Bedingungen jedoch vereinigte man sich nicht. Wenige Tage nachdem dies geschehen, lieferte er jenem bei Zama eine Schlacht319: er wurde geschlagen und gelangte, was kaum glaublich scheint, in zwei [132] Tagen und ebensoviel Nächten nach Hadrumetum, das von Zama ungefähr dreihundert Meilen320 entfernt ist. Auf dieser Flucht bereiteten ihm die Numidier, die mit ihm zugleich aus der Schlacht entkommen waren, Nachstellungen; doch er entging ihnen nicht allein, sondern überwältigte sie sogar selbst. Zu Hadrumetum sammelte er die Reste der Flüchtigen, und zog durch neue Werbungen in wenig Tagen zahlreiche Mannschaften zusammen.
7 (1) Während er auf das eifrigste mit Rüsten beschäftigt war, legten die Carthager den Krieg mit den Römern bei321. Nichtsdestoweniger befehligte er nachher ihr Heer und führte nebst seinem Bruder Mago Unternehmungen in Afrika aus,322 bis zum Consulate des P. Sulpicius und C. Aurelius. In diesem Jahre nämlich kamen carthagische Gesandte nach Rom, um dem römischen Senate und Volke Dank zu sagen, daß sie mit Carthago Frieden geschlossen, ihnen deshalb eine goldne Krone zu verehren und zugleich zu bitten, daß ihre Geiseln zu Fregellä323 wohnen dürften, und die Gefangenen zurückgegeben würden. Diesen wurde auf einen Beschluß des Senates geantwortet: ihr Geschenk sei angenehm und willkommen; die Geiseln sollten da wohnen, wo sie es erbäten; die Gefangenen aber würden sie nicht zurückschicken, weil sie den Hannibal, auf dessen Anstiften der Krieg begonnen worden, und der der erbittertste Feind des römischen Volkes sei, immer noch mit dem Oberbefehl bekleidet beim Heere hätten, ingleichen seinen Bruder Mago. Wie die Carthager diese Antwort vernahmen, riefen sie den Hannibal und Mago nach Hause zurück.324 Nach seiner Rückkehr dorthin wurde er zum Prätor ernannt, im zweiundzwanzigsten Jahre, nachdem er König325 gewesen. Denn wie zu Rom [133] die Consuln, so wurden zu Carthago jährlich zwei Könige auf ein Jahr gewählt. In diesem Amte zeigte Hannibal dieselbe sorgfältige Thätigkeit wie im Kriege. Denn er bewirkte, daß in Folge neuer Steuern nicht allein das Geld vorhanden war, welches man den Römern vertragsmäßig zahlen mußte, sondern auch welches übrig blieb, es in den Staatsschatz zu legen. Dann, ein Jahr nach seiner Prätur, unter dem Consulat des M. Claudius und L. Furius kamen Gesandte von Rom nach Carthago. Da Hannibal vermuthete, sie seien abgeschickt, seine Auslieferung zu fordern, so bestieg er, bevor sie der Senat vor sich ließ, heimlich ein Schiff326 und floh nach Syrien zum Antiochus. Als dies bekannt wurde, schickten die Punier zwei Schiffe, um ihn, wenn sie ihn einholen könnten, zu ergreifen, zogen seine Güter ein, zerstörten sein Haus von Grund aus und sprachen über ihn das Urtheil der Verbannung aus.
8 (1) Dennoch kam Hannibal im dritten Jahre nach seiner Flucht aus der Heimath, unter dem Consulat des L. Cornelius und Q. Minucius mit fünf Schiffen nach Afrika im Gebiete von Cyrene, ob sich vielleicht die Carthager in Hoffnung und Vertrauen auf Antiochus zum Kriege verlocken ließen, da er diesen bereits überredet hatte, mit Heeresmassen nach Italien zu ziehen. Dorthin berief er seinen Bruder Mago. Wie dies die Punier erfuhren, belegten sie den Mago abwesend mit gleicher Strafe wie seinen Bruder. An ihrem Unternehmen also verzweifelnd lichteten jene die Anker und spannten die Segel auf, und Hannibal zwar gelangte zum Antiochus; über Mago’s Tod ist eine doppelte Nachricht überliefert, indem Einige berichtet haben, er sei durch Schiffbruch, Andre, er sei durch seine eignen Sklaven umgekommen. Antiochus aber, wenn er ebenso bei der Betreibung des [134] Krieges Jenes Rathschlägen hätte folgen wollen, wie er es anfangs that, als er ihn begann, würde näher der Tiber als den Thermopylen327 um die oberste Herrschaft gestritten haben. Wiewohl ihn nun Hannibal Vieles thöricht unternehmen sah, ließ er ihn dennoch nirgends im Stich. Er befehligte eine kleine Anzahl Schiffe, die er aus Syrien nach Kleinasien zu führen beauftragt war, und kämpfte mit ihnen im pamphylischen Meere gegen die Flotte der Rhodier. Obwohl aber die Seinigen in diesem Kampfe der Ueberzahl der Gegner unterlagen, blieb er doch selbst auf dem Flügel, wo er focht, siegreich.
9 (1) Als Antiochus geschlagen war, fürchtete er ausgeliefert zu werden,328 was auch ohne Zweifel geschehen wäre, wenn er sich hätte beikommen lassen, und ging deshalb nach Creta zu den Gortyniern, um hier zu überlegen, wohin er sich begeben solle329. Der Allen an Schlauheit überlegene Mann sah indeß, er werde, wenn er keine Vorkehrungen träfe, wegen der Habsucht der Cretenser in großer Gefahr schweben. Er führte nämlich eine große Geldsumme mit sich, wovon sich, wie er wußte, das Gerücht verbreitet hatte. Darum griff er zu folgender List. Mehrere Weinkrüge füllte er mit Blei, zuoberst aber deckte er sie mit Gold und Silber zu. Diese stellte er in Gegenwart der Häupter des Staates im Tempel der Diana auf, mit dem Vorgeben, daß er sein Geld ihrem Schutze anvertraue. Nachdem er sie so irre geführt, füllte er eherne Bildsäulen, die er mit sich führte, mit seinem ganzen Gelde an und warf sie in seiner Wohnung auf dem Hofe hin, während die Gortynier mit großer Sorgfalt den Tempel bewachten, nicht sowohl vor den Andern als vor Hannibal, damit er nicht ohne ihr Wissen das Geld nähme und mit sich fortführte.
10 (1) So rettete der Punier sein Eigenthum, täuschte alle Cretenser und gelangte nach Pontus zum Prusias. Bei diesem zeigte er dieselbe Gesinnung gegen Italien und betrieb nichts Anderes, als den [135] König gegen die Römer zu rüsten und zu üben. Da er dessen eigene Macht zu schwach sah, gewann er ihm die andern Könige und verbündete ihm kriegerische Völkerschaften. Ein Feind desselben war der den Römern sehr eng befreundete pergamenische König Eumenes, und beide führten zu Wasser und zu Lande Krieg mit einander. Um so mehr wünschte ihn Hannibal zu überwältigen. Aber dort wie hier konnte Eumenes mehr ausrichten um seines Bündnisses mit den Römern willen. Hätte er ihn also beseitigt, so hoffte er, sollte das Uebrige leichter von Statten gehen. Ihn zu tödten, schlug er folgenden Weg ein. In wenig Tagen wollte man eine Seeschlacht liefern. Hannibal stand an Zahl der Schiffe nach, mußte also mit List kämpfen, da er an Waffenmacht dem Feind nicht gewachsen war. Er befahl nun möglichst viele giftige Schlangen lebendig zu fangen und sie in irdene Gefässe zu werfen. Als er deren eine große Menge zusammengebracht, rief er an dem Tage, wo er die Seeschlacht schlagen wollte, die Flottenmannschaft zusammen und ertheilte ihnen die Weisung, daß sie alle das eine Schiff des König Eumenes angreifen, vor den übrigen nur sich begnügen sollten sich zu vertheidigen. Das würden sie leicht durch die Menge der Schlangen bewerkstelligen. Auf welchem Schiffe aber der König fahre, daß sie das wüßten, wolle er schon machen. Fingen oder tödteten sie denselben, so versprach er, daß ihnen das großen Lohn tragen sollte.
11 (1) Nach dieser Ermahnung an die Soldaten wurde die Flotte von beiden Theilen in’s Treffen geführt. Als die Schlachtordnung gebildet war, schickte Hannibal, bevor man das Zeichen zum Kampfe gab, um die Seinigen in Kenntniß zu setzen, an welcher Stelle Eumenes sei, in einem Nachen einen Herold mit dem Stabe ab. Sobald dieser zu den Schiffen der Gegner kam, und einen Brief zeigend erklärte, daß er den König suche, wurde er sogleich zu Eumenes gebracht, weil Niemand bezweifelte, daß etwas wegen des Friedens darin stände. Nachdem so der Herold den Seinigen das Schiff des Führers angezeigt, zog er sich an den Ort zurück, von wo er ausgegangen war. Eumenes aber, als er den Brief öffnete, fand nichts darin, als was zu seiner Verspottung diente. Wiewohl er sich nun über die Veranlassung dazu verwunderte, und man sie nicht errieth, zögerte er dennoch nicht, sogleich das Treffen zu beginnen. Beim [136] Zusammenstoß griffen die Bithynier nach Hannibals Weisung sämmtlich das Schiff des Eumenes an. Da der König ihrem Andrang nicht Stand zu halten vermochte, suchte er sein Heil auf der Flucht, und diese wäre ihm nicht geglückt, hätte er sich nicht in den Bereich der Schutzmannschaften zurückgezogen, die auf der benachbarten Küste aufgestellt waren. Als die übrigen pergamenischen Schiffe ihre Gegner ziemlich heftig bedrängten, fing man plötzlich an auf sie die oben erwähnten irdenen Gefässe zu schleudern. Das Werfen derselben erregte anfangs das Gelächter der Kämpfer, und man konnte nicht begreifen, wozu dies geschähe. Wie sie aber ihre Schiffe mit Schlangen angefüllt erblickten, steuerten sie, durch die unerwartete Erscheinung erschreckt, da sie nicht wußten, was sie zuerst vermeiden sollten, mit ihren Schiffen rückwärts und zogen sich auf ihr Schiffslager zurück. So überwand Hannibal durch List die Waffen der Pergamener; und nicht blos damals, sondern auch sonst noch mehrmals zu Lande schlug er durch seine Klugheit die Gegner.
12 (1) Während sich dies in Asien zutrug geschah es zufällig, daß Gesandte des Prusias zu Rom bei dem Consular L. Quintius Flamininus330 speisten, und daselbst einer von ihnen, als das Gespräch auf Hannibal kam, sagte, der befinde sich im Reiche des Prusias. Dies berichtete am folgenden Tage Flamininus dem Senate. Die Väter der Stadt, die, solange Hannibal lebe, niemals vor dessen Anschlägen sicher zu sein vermeinten, schickten Gesandte nach Bithynien, unter ihnen den Flamininus, um den König zu bitten, nicht ihren erbittertsten Feind bei sich zu behalten, sondern ihnen denselben auszuliefern. Diesen wagte Prusias nicht eine abschlägige Antwort zu geben, dessen weigerte er sich jedoch, daß man etwas von ihm verlangte, was gegen das Recht der Gastfreundschaft wäre: sie selbst möchten ihn, wenn sie könnten, ergreifen; seinen Aufenthaltsort würden sie leicht ausfindig machen. Hannibal pflegte sich nämlich an ein und demselben Orte aufzuhalten, in einem festen Schlosse, das ihm der König zum Geschenk gegeben hatte; und er hatte dasselbe so gebaut, daß es auf allen Seiten des Gebäudes Ausgänge hatte, aus Besorgniß nämlich, daß das, was dann wirklich eintraf, geschähe. Als die römischen Gesandten dorthin gekommen waren und mit einer Anzahl Leute sein Haus umstellt hatten, sagte der vom Thor ausschauende [137] Sklave dem Hannibal an, es zeigten sich außergewöhnlich viele Bewaffnete. Dieser gebot ihm um alle Thüren des Gebäudes die Runde zu machen und ihm schnell zu melden, ob er gleicherweise von allen Seiten eingeschlossen sei. Als ihm der Sklave eilige Rückmeldung gemacht, wie es stände, und ihm angezeigt hatte, daß alle Ausgänge besetzt seien, sah er ein, daß das nicht zufällig geschehen, sondern daß es auf ihn abgesehen sei, und daß er nicht mehr länger am Leben bleiben könne. Um es nun nicht auf fremden Machtspruch zu verlieren, nahm er eingedenk seiner früheren ausgezeichneten Thaten Gift, das er immer bei sich zu tragen gewohnt war331.
13 (1) So kam der so tapfere Mann, nachdem er viele und mannigfache Mühsale überstanden, im siebzigsten Jahre332 zur Ruhe. Unter welchem Consulat er endete, darüber ist man nicht einig. Denn Atticus333 in seinem Jahrbuche berichtet, er sei unter den Consuln M. Claudius Marcellus und Q. Fabius Labeo gestorben; Polybius334 dagegen unter L. Aemilius Paulus und Cn. Bäbius Tamphilus; Sulpicius Blitho335 aber unter P. Cornelius Cethegus und M. Bäbius Tamphilus. Und dieser so große Mann, den so große Kriege vielseitig beschäftigten, widmete doch einige Zeit den Wissenschaften. Denn es gibt einige Schriften von ihm, in griechischer Sprache verfaßt, unter andern die an die Rhodier über die Thaten des Cn. Manlius Vulso336 in Asien. Die Kriegsthaten Hannibals haben viele aufgezeichnet, darunter aber zwei, die ihn auf seinen Kriegszügen begleiteten und mit ihm lebten, solange es das Schicksal zuließ, Silenus und der Lacedämonier Sosilus. Und zwar war dieser Sosilus sein Lehrer in der griechischen Litteratur. Doch es ist Zeit dieses Buch zu schließen und das Leben der römischen Feldherrn zu erzählen, damit man ihre und der auswärtigen Thaten vergleichen und so desto leichter beurtheilen könne, welche Männer den Vorzug verdienen.
De Latinis historicis
(von den lateinischen Geschichtsschreibern)
Cato
1 (1) [138] M. Cato, aus dem Municipium Tusculum, lebte als junger Mann, bevor er sich um Ehrenstellen bemühte, im Sabinerlande, woselbst er ein ihm von seinem Vater hinterlassenes Erbgut besaß. Von dort siedelte er, wie der gewesene Censor M. Perpenna337 zu erzählen pflegte, auf Anrathen des L. Valerius Flaccus, den er im Consulat und in der Censur zum Collegen hatte, nach Rom über und begann das Forum zu besuchen338. Seine ersten Kriegsdienste that er im Alter von 17 Jahren339 unter dem Consulat des Q. Fabius und M. Claudius340. Als Kriegstribun341 stand er in Sicilien. Von dort zurückgekehrt folgte er dem G. Claudius Nero in den Krieg, und seine Mitwirkung in der Schlacht bei Sena342, wo Hannibals Bruder, [139] Hasdrubal fiel, galt für erheblich. Als Quästor wurde er dem Consul P. Africanus343 zugetheilt344; doch lebte er mit ihm nicht dem engen Verhältnisse dieses Amtes gemäß, denn sein ganzes Leben lang war er dessen Gegner. Plebejischer Aedil345 wurde er mit C. Helvius346. Als Prätor erhielt er zur Provinz Sardinien347, von wo er, früher als Quästor aus Afrika zurückkehrend, den Dichter Q. Ennius348 nach Rom gebracht hatte, was ich ihm nicht geringer anschlage, als jeden noch so ansehnlichen Triumph über Sardinien.
2 (1) Das Consulat verwaltete er mit L. Valerius Flaccus349, nachdem ihm durch’s Loos das diesseitige Spanien als Provinz zu Theil geworden war,350 und brachte von dort einen Triumph heim. Da er länger daselbst verweilte, wollte ihn P. Scipio Africanus, zum [140] andernmal Consul, dessen Quästor in seinem ersten Consulat er gewesen war, aus der Provinz vertreiben, um ihm selbst darin zu folgen; doch vermochte Scipio, obwohl er gerade den größten Einfluß im Staate besaß, dies nicht mit Zustimmung des Senates durchzusetzen, weil damals der Staat nicht nach Einfluß, sondern nach Recht verwaltet wurde. Deshalb dem Senate grollend, blieb er nach Ablauf seines Consulates, ohne eine Bestellung zu übernehmen, in der Stadt. Cato aber, als er ebenfalls mit Flaccus zum Censor erwählt worden war351, führte dies Amt mit großer Strenge352. Theils nämlich strafte er sehr viele Vornehme, theils nahm er viele neue Bestimmungen in sein Edict353 auf, um dadurch der Ueppigkeit zu steuern, die damals bereits zu wuchern begann. Gegen achtzig Jahre354, vom jungen Manne an bis zum äußersten Greisenalter, ließ er nicht ab sich um des Staates willen Feindschaften auszusetzen. Von Vielen angefochten,355 erlitt er nicht nur keine Einbuße an seinem guten Namen, sondern wuchs, solange er lebte, an Ruhm seiner Tugenden.
3 (1) In allen Dingen zeigte er eine ausgezeichnete Thätigkeit. Denn er war ein einsichtsvoller Landmann, erfahrener Rechtsgelehrter, bedeutender Feldherr, ganz löblicher Redner und eifriger Freund der Litteratur. Und obwohl er sich auf die Beschäftigung mit der letzteren [141] erst als ein schon älterer Mann geworfen hatte, machte er doch solche Fortschritte darin, daß nicht leicht etwas aus der griechischen oder italischen Geschichte zu finden war, was ihm unbekannt gewesen wäre. Von seinem Jünglingsalter an verfaßte er Reden. Als Greis begann er ein Geschichtswerk zu schreiben, das aus sieben Büchern besteht. Das erste enthält die Thaten der Könige des römischen Volkes; das zweite und dritte die Ursprünge aller Staaten Italiens, weshalb er allen den Namen „Ursprünge“ gegeben zu haben scheint. Das vierte aber begreift den ersten punischen Krieg, das fünfte den zweiten. Und zwar ist dies alles summarisch dargestellt. Auf gleiche Weise hat er die übrigen Kriege bis zur Prätur des Servius Galba356, des Verheerers von Lusitanien, erzählt. Und zwar nennt er nicht die Heerführer357 in diesen Kriegen, sondern bemerkt die Ereignisse ohne Namennennung. In eben diesen Büchern erzählt er, was in Italien und den beiden Spanien358 Merkwürdiges entweder geschieht oder zu sehen ist. Und es tritt darin viel Fleiß und Genauigkeit zu Tage, aber keine Gelehrsamkeit. Von dem Leben und dem Charakter dieses Mannes habe ich ein Mehreres in der Schrift erzählt, die ich auf Bitten des T. Pomponius Atticus besonders über ihn verfaßt habe, weshalb ich die Verehrer Cato’s auf jenes Buch verweise.
Atticus
1 (1) [142] Pomponius Atticus, ein Abkömmling aus einer uralten Familie359 des Römerstammes, behielt fortwährend die von seinen Vorfahren ererbte Ritterwürde. Er hatte einen sorgsamen, willfährigen, nach den damaligen Zeitverhältnissen reichen und besonders den Wissenschaften ergebenen Vater, der, seiner eigenen Liebe zu den Wissenschaften gemäß, den Sohn in allen Fächern unterrichten ließ, worin das jugendliche Alter unterwiesen werden muß. Es besaß aber der Knabe außer Empfänglichkeit des Geistes die höchste Anmuth des Organes und der Stimme, so daß er nicht allein schnell auffaßte, was ihm gelehrt wurde, sondern auch trefflich vortrug. Daher wurde er im Knabenalter als ausgezeichnet unter seinen Altersgenossen gerühmt, und that sich glänzender unter ihnen hervor, als daß es seine hochsinnigen Mitschüler gleichmüthig hätten ansehen können. Er feuerte also durch seinen Eifer alle an. Unter ihnen befanden sich L. Torquatus360, C. Marius361 der Sohn und M. Cicero362, die er durch seinen Umgang so an sich fesselte, daß ihnen für alle Zeit Niemand theurer war.
2 (1) Der Vater starb frühzeitig. Er selbst war als junger Mensch wegen seiner Verwandtschaft mit P. Sulpicius, der als Volkstribun getödtet wurde363, bei dessen Gefahr nicht unbetheiligt. Denn des Pomponius Base Anicia war mit des Sulpicius Bruder, Servius364 verheirathet. Wie er also nach Ermordung des Sulpicius sah, daß der Staat durch den Aufstand Cinna’s365 in Verwirrung gestürzt und [143] ihm keine Möglichkeit geboten sei, seiner würdigen Stellung gemäß zu leben, ohne bei einer von den beiden Parteien anzustoßen, da die Bürger unter einander entzweit waren und die einen sich an Sulla’s, die andern an Cinna’s Partei anschlossen: so hielt er den Zeitpunkt für geeignet seinen Studien nachzugehen und begab sich nach Athen366. (Nichtsdestoweniger jedoch unterstützte er den jungen Marius, als er für einen Feind erklärt worden war, durch seine Mittel, indem er ihm die Flucht durch Geld erleichterte.) Und damit dieser sein Aufenthalt in der Fremde nicht irgend einen Verlust für sein Vermögen herbeiführte, brachte er einen großen Theil seiner Gelder eben dahin. Hier lebte er nun so, daß er sämmtlichen Athenern mit Recht äußerst werth war. Denn abgesehen von seinem Einfluß, den schon der junge Mann in hohem Grade besaß, half er häufig den Verlegenheiten ihres Staatshaushaltes durch seine Mittel ab. So oft sie sich nämlich zu einer Staatsanleihe genöthigt sahen und günstige Bedingungen nicht erhalten konnten, schlug er sich immer in’s Mittel, und zwar so, daß er weder unbilligen Zins von ihnen nahm, noch auch sein Capital länger bei ihnen stehen ließ, als es bestimmt war. Beides aber war vortheilhaft für sie, indem er weder durch Nachsicht ihre Schuld zu einem alten Schaden werden, noch durch vermehrten Zins dieselbe anwachsen ließ. Zu diesen Diensten kam auch noch Freigebigkeit andrer Art, indem er sämmtliche Bürger mit Getreide beschenkte, so daß der einzelne sieben Maß Weizen erhielt; dieses Maßquantum nämlich heißt in Athen ein Medimnus.
3 (1) Sein Benehmen war der Art, daß er gegen die Geringsten leutselig, den Vornehmsten gegenüber als einer ihres Gleichen erschien. Und so kam es, daß sie ihm von Seiten des Staates alle mögliche Ehre erwiesen und ihn zu ihrem Mitbürger zu machen wünschten; doch wollte er von diesem Geschenk keinen Gebrauch machen, weil Einige die Auslegung367 aufstellen, daß durch Annahme eines fremden Bürgerrechtes [144] das römische verloren gehe. So lange er dort war, widersetzte er sich ihrer Absicht ihm ein Standbild zu errichten, abwesend vermochte er es nicht zu hindern. Daher stellten sie an den am meisten in Ehren gehaltenen Plätzen ihm und dem Midias368 einige auf: dieser war nämlich bei der ganzen Staatsverwaltung ihr Beistand in Rath und That. Jenes erste also war ein Geschenk des Glückes, daß er vor andern Städten gerade in der geboren wurde, wo sich der Sitz der Weltherrschaft befand, so daß er sie zugleich zur Vaterstadt und zum heimathlichen Wohnsitze hatte; das andre ein Beweis seiner Klugheit, daß er, als er sich in den Staat begeben hatte, der an Alter, Bildung und Gelehrsamkeit alle andern überragte, diesem vor Allen werth und theuer war.
4 (1) Als Sulla auf seiner Rückehr aus Asien dorthin kam369, hatte er, so lange er daselbst verweilte, den Pomponius um sich, gefesselt durch des jungen Mannes Bildung und Kenntnisse. Denn Griechisch sprach er so gut, daß es schien, als sei er ein geborner Athener; der Wohllaut aber, womit er das Lateinische redete, war so groß, daß man deutlich sah, er besitze eine gewisse angeborne, nicht erlernte Anmuth. Ebenso trug er griechische und lateinische Gedichte auf eine ganz unübertreffliche Weise vor. Daher kam es, daß Sulla ihn nirgends von sich ließ und ihn mit sich nach Rom zu nehmen wünschte. Als er ihn dazu zu überreden versuchte, entgegnete Pomponius: „Stehe ab, ich bitte dich, mich gegen die führen zu wollen, mit denen gegen dich die Waffen zu tragen ich dadurch vermieden habe, daß ich Italien verließ.“ Sulla dagegen lobte das Pflichtgefühl des jungen Mannes und befahl bei seiner Abreise ihm alle Geschenke zu überbringen, die er zu Athen erhalten hatte. Bei seinem mehrjährigen Aufenthalte in Athen, während dessen er theils seinem Vermögen so viel Sorge zuwandte, als es die Pflicht eines pünktlichen Hausvaters erheischte, theils alle übrige Zeit den Wissenschaften oder dem Staatswesen der Athener widmete, erfüllte er nichtsdestoweniger doch auch in [145] Rom selbst seine Pflichten gegen die Freunde. Denn wie er wiederholt zu ihren Wahlcomitien kam, so ließ er es auch nicht an sich fehlen, wenn es sich um irgend eine Sache von größerer Wichtigkeit handelte. Dem Cicero z. B. bewies er bei allen seinen Gefahren370 eine seltene Treue, und als derselbe in die Verbannung ging, schenkte er ihm 250000 Sesterze371. Nachdem es aber in Rom ruhig geworden war, zog er dorthin zurück, wenn mir recht ist, unter dem Consulat des L. Cotta und L. Torquatus372. Diesen Tag beging der gesammte Staat der Athener so, daß sie durch Thränen bezeugten, wie schmerzlich sie nach ihm verlangen würden.
5 (1) Seiner Mutter Bruder war der römische Ritter und Freund des L. Lucullus373, Q. Cäcilius, ein reicher Mann, aber von höchst schwierigem Charakter. Dem rauhen Wesen desselben begegnete er so rücksichtsvoll, daß er sich das Wohlwollen des Mannes, mit dem es Niemand aushalten konnte, ohne Störung bis zu dessen hohem Alter bewahrte. Hierauf aber erntete er die Früchte seines ehrerbietigen Benehmens. Bei seinem Tode nämlich nahm ihn Cäcilius durch Testament zum Sohne an und setzte ihn zu Dreiviertheil als Erben ein: eine Erbschaft, die ihm gegen 10,000,000 Sesterze eintrug. Atticus’ Schwester war mit Q. Tullius Cicero374 verheirathet, und diese Verbindung hatte M. Cicero zu Stande gebracht, mit dem er seit ihrer Schulcameradschaft auf das engste verbunden lebte, noch viel vertrauter als mit Quintus, so daß man daraus abnehmen kann, wie bei der Freundschaft Aehnlichkeit des Charakters größern Einfluß übt als Verwandtschaft. Auf das innigste war er auch mit Q. Hortensius375 befreundet, der dazumal den ersten Rang als Redner einnahm, so daß sich nicht unterscheiden ließ, wer von beiden ihn mehr liebte, [146] Cicero oder Hortensius. Und, was das schwierigste, er erreichte, daß unter denen, die um so hohen Ruhm mit einander wetteiferten, keine eifersüchtige Anfeindung stattfand, und daß er das Band war, das solche Männer zusammenhielt.
6 (1) Im Staatsleben verhielt er sich so, daß er immer zur Optimatenpartei gehörte und zu ihr gerechnet wurde, ohne sich jedoch den bürgerlichen Stürmen zu überlassen, weil er meinte, die sich ihnen aussetzten, seien nicht besser Herren ihrer selbst, als die von Seestürmen hin und hergeworfen würden. Um Ehrenstellen, obwohl sie ihm nicht minder wegen der Gunst, die er genoß, als wegen seiner Würdigkeit offen standen, bewarb er sich nicht, weil man bei den Bestechungen einer so maßlosen Aemterjagd sich weder nach Vätersitte376 darum bewerben, noch sie mit Beobachtung der Gesetze erlangen könne, und weil sich bei der Sittenverderbniß des Volkes nicht ohne Gefahr zum Frommen des Staates verwalten ließen. Versteigerungen von Seiten des Staates377 wohnte er niemals bei; niemals wurde er bei Staatspachtungen378 Bürge oder Unternehmer. Gegen Niemand trat er weder in eigener Person als Ankläger, noch als Mitkläger auf; nie brachte er seine eignen Angelegenheiten vor den Richter; nie hielt er ein Gericht ab379. Die ihm von vielen Consuln und Prätoren angetragenen Präfecturen380 nahm er in der Weise an, daß er keinem in seine Provinz folgte, sondern mit der Ehre zufrieden war und den Gewinn für sein Vermögen verschmähte: ja nicht einmal mit Q. Cicero wollte er nach Asien gehen, da er bei diesem die Stelle eines Legaten381 hätte einnehmen können. Denn er meinte, es schicke sich nicht für ihn, da er die Prätur selbst nicht gewollt habe, einem Prätor als Beamter zu folgen. Hierbei aber war er nicht nur auf Bewahrung einer würdigen Stellung, sondern auch auf seine Ruhe bedacht, indem er selbst den Verdacht eines Vorwurfes382 vermied. Und so wurde seine achtungsvolle Aufmerksamkeit Allen um so werther, da man sah, sie habe ihren Grund in seiner Dienstfertigkeit, nicht in Furcht oder Hoffnung.
7 (1) [147] Als er ungefähr sechzig Jahre alt war, trat der cäsarianische Bürgerkrieg ein383. Er machte Gebrauch von der Dienstbefreiung384, zu der ihn sein Alter berechtigte, und verließ die Stadt nach keiner Seite hin. Was seine Freunde, die zu Pompejus gingen, an Bedürfnissen hatten, gab er ihnen alles von seinem Vermögen. Bei dem ihm befreundeten Pompejus selbst erregte er keinen Anstoß. Denn er besaß von ihm keine Auszeichnung, wie die Uebrigen, die durch seine Vermittelung entweder Ehrenstellen oder Reichthum gewonnen hatten, und die zum Theil sehr wider ihren Willen ihm in den Krieg folgten, theils auch zum größten Verdrusse desselben daheim blieben. Des Atticus ruhiges Verbleiben in Rom war aber Cäsar so willkommen, daß er nach seinem Siege, als er Privatleuten brieflich die Zahlung von Geldsummen anbefahl, ihm nicht nur damit nicht beschwerlich fiel, sondern auch aus Rücksicht für ihn seiner Schwester Sohn und den Q. Cicero, die der pompejanischen Partei angehört hatten, begnadigte. So entging er durch einen alten Grundsatz seines Lebens den neuen Gefahren.
8 (1) Es folgte jener Zustand nach Ermordung Cäsars385, wo der Staat in den Händen der beiden Brutus386 und des Cassius zu [148] liegen, und die ganze Bürgerschaft sich ihnen zugewendet zu haben schien. Sein Verhältniß zu M. Brutus war von der Art, daß dieser, obwohl ein jüngerer Mann, mit keinen seiner Altersgenossen vertrauter stand, als mit ihm dem Greise, und ihn nicht allein zum hauptsächlichsten Berather, sondern auch zum Tisch- und Hausfreunde hatte. Es wurde von Einigen der Plan gefaßt, daß für die Mörder Cäsars durch die römischen Ritter ein Privatschatz begründet werden solle; was sich, wie sie meinten, leicht ausführen ließe, wenn die Ersten jenes Standes Geld zusammenschössen. Deshalb wurde Atticus von einem Freunde des Brutus, C. Flavius, angegangen, daß er dabei an die Spitze treten möge. Doch dieser, der auch ohne Parteibestrebungen seinen Freunden dienstfertig sein zu müssen glaubte und sich immer von derartigen Parteizwecken entfernt gehalten hatte, antwortete: „wenn Brutus irgendwie von seinen Mitteln Gebrauch zu machen wünschte, so sollten sie ihm, soweit sie es zuließen, zu Gebote stehen; jedoch werde er deshalb mit Niemand weder verhandeln noch zusammentreten.“ So zerschlug sich jener Club Gleichgesinnter dadurch, daß dieser Eine nicht zustimmte. Aber nicht lange nachher begann Antonius die Oberhand zu gewinnen, so daß Brutus und Cassius an ihrer Sache verzweifelnd sich in das Exil der Provinzen begaben, die ihnen der Consul387 der Form halber gegeben hatte. Atticus, der, so lange jene Partei mächtig war, im Verein mit den andern kein Geld für dieselbe hatte herschießen wollen, schickte dem beiseite geschobenen und aus Italien weichenden Brutus ein Geschenk von 100000 Sesterzen, und ebenso befahl er ihm in Epirus388, ohne selbst dort zu sein, 300000 Sesterze auszuzahlen. Weder schmeichelte er dem nun um so mächtigeren Antonius, noch verließ er die verloren gegebenen.
9 (1) [149] Es folgte der um Mutina geführte Krieg389. Wollte ich ihn während desselben nur vorsichtig nennen, so würde ich ihn weniger, als er es verdient, rühmen, da er sich vielmehr als ein Seher zeigte, wenn man Sehergabe nennen darf, was unausgesetzte natürliche Charaktergüte war, die durch keine Zufälle erschüttert noch vermindert wird. Antonius war für einen Feind erklärt worden und aus Italien gewichen; Hoffnung auf Zurückberufung war nicht vorhanden. Nicht allein seine persönlichen Feinde, die damals äußerst mächtig und zahlreich waren, sondern auch solche, die sich an seine Gegner anschlossen und dadurch, daß sie ihm schadeten, irgend einen Vortheil zu gewinnen hofften, verfolgten die Freunde des Antonius, suchten seine Gemahlin Fulvia aller Mittel zu berauben und machten sogar Anschläge seine Kinder zu tödten. Atticus, obwohl der innigste Vertraute des Cicero und dem Brutus so nahe befreundet, zeigte sich nicht nur diesen in keiner Weise willfährig zu Feindseligkeiten gegen Antonius, sondern beschützte im Gegentheil dessen aus der Stadt fliehende Freunde nach Kräften, und half ihnen mit allem, was sie bedurften, aus. Dem P. Volumnius vollends gab er so viel, daß ihm ein Vater nicht mehr hätte geben können. Der Fulvia selbst aber, die mit allerlei gerichtlichen Händeln zu schaffen hatte und durch große Drohungen beunruhigt wurde, widmete er seine Dienste mit solcher Sorgfalt, daß sie niemals ohne Atticus vor Gericht erschien, und er für Alles als Bürge eintrat. Ja sogar, da jene zur Zeit ihres Glückes ein Landgut auf einen bestimmten Zahlungstermin gekauft hatte, und nun nach Eintritt ihres Unglückes kein Anlehen aufzutreiben vermochte, schlug er sich in’s Mittel und borgte ihr das Geld [150] ohne Zins und ohne alle contraktliche Versicherung, indem er es für den größten Gewinn erachtete, als dankbar eingedenk390 zu erscheinen und zugleich zu zeigen, daß er es mit den Menschen, nicht mit deren Glücke gut zu meinen pflege. Denn damals, als er so handelte, konnte Niemand glauben, daß er es der Zeitumstände halber thue, da Niemand daran dachte, daß Antonius zur Herrschaft gelangen werde. Doch tadelten ihn allmälig manche von den Optimaten, daß er die schlechten Patrioten zu wenig zu hassen schiene. Er aber, als ein Mann von selbstständigem Urtheil, richtete sein Augenmerk vielmehr darauf, was sich für ihn zu thun ziemte, als was Andere loben würden.
10 (1) Plötzlich trat ein Glückswechsel391 ein. Wie Antonius nach Italien zurückkehrte, hatte Jedermann den Atticus für äußerst gefährdet gehalten wegen seiner so innigen Freundschaft zu Cicero und Brutus. Darum hatte er sich, die Aechtung fürchtend, bei Annäherung der Imperatoren vom Forum zurückgezogen und hielt sich bei P. Volumnius verborgen, dem er, wie ich erzählte, kurz zuvor Hülfe geleistet (solcher Wechsel des Geschickes herrschte zu jener Zeit, so daß bald diese bald jene sich auf dem Gipfel der Macht oder in der größten Gefahr befanden); und bei sich hatte er den Q. Gellius Canus, der ihm an Jahren wie an Gesinnung gleich war. Auch das mag als Beispiel von des Atticus Charaktergüte dienen, daß er mit dem, den er als Knaben in der Schule kennen gelernt, so eng verbunden lebte, daß ihre Freundschaft bis zum spätesten Alter wuchs. Antonius aber, obwohl von so heftigem Haß gegen Cicero getrieben, daß er sich nicht nur ihm, sondern auch allen seinen Freunden feindselig zeigte und sie ächten wollte, war trotz der Mahnungen Vieler dennoch der Dienste des Atticus eingedenk und schrieb ihm, sobald er seinen Aufenthaltsort erforscht hatte, eigenhändig, er solle ohne Furcht sein und sogleich zu ihm kommen: er habe ihn und seinen Freund Canus von der Zahl der Geächteten ausgenommen. Und damit ihm keine Gefahr zustieße, [151] weil es Nachts geschah, schickte er ihm eine Schutzwache. So diente Atticus in der drohendsten Lage nicht allein sich selbst, sondern auch dem, den er so werth hielt, zur Schutzwehr. Denn nicht zu seiner Rettung allein bat er Jemand um Hülfe, sondern um gemeinschaftliche, so daß man deutlich sah, er begehre für sich kein Loos, das jener nicht theilte. Wenn man nun einen Steuermann ganz vorzüglich rühmt, der sein Schiff aus Unwetter und klippenreicher See rettet, warum sollte dessen Klugheit nicht für ausgezeichnet gelten, der aus so vielen und schweren bürgerlichen Stürmen unversehrt in den sichern Hafen gelangte?
11 (1) Sobald er sich aus diesen Gefahren emporgerungen, war er auf nichts anderes bedacht, als recht Vielen, womit er immer konnte, beizustehen. Da das Volk, durch die Belohnungen der Imperatoren bewogen, die Geächteten aufspürte, kam Keiner nach Epirus392, dem er es an irgend etwas hätte fehlen lassen; Keinem wurde die Erlaubniß verweigert sich dauernd dort aufzuhalten: ja auch nach der Schlacht bei Philippi und dem Untergange des C. Cassius und M. Brutus393 traf er Anstalt den gewesenen Prätor L. Julius Mocilla und dessen Sohn, sowie den Aulus Torquatus und die andern von gleichem Sckicksal betroffenen zu unterstützen, und ließ ihnen Alles aus Epirus nach Somothracien zuführen. Zu schwierig und auch unnütz würde es sein Alles aufzuzählen. Das Eine nur wünsche ich erkannt zu sehen, daß seine Freigebigkeit weder den Umständen angepaßt, noch schlau berechnet war. Man kann dies aus den Sach- und Zeitverhältnissen selbst abnehmen, weil er sich nicht an die Partei verkaufte, die im Besitz der Macht war, sondern immer den Bedrängten zu Hülfe eilte; da er wenigstens Brutus’ Mutter, Servilia, nach Jenes Tode keine geringere Verehrung bewies, als zur Zeit seines Glückes. So übte er Freigebigkeit, ohne mit Jemand in Freundschaft zu stehen, weil er Niemand beleidigte, und wenn er beleidigt wurde, dies stets lieber vergessen als rächen wollte. Dagegen bewahrte er empfangene Wohlthaten unauslöschlich in seinem Gedächtniß, während er sich dessen, was er selbst gegeben, nur so lange erinnerte, als [152] der Empfänger dankbar war. Daher machte er, daß es ein wahres Wort scheint: „Der Menschen eignes Wesen bildet ihr Geschick.“ Doch war er nicht eher der Bildner seines Geschickes als seiner selbst, er, der sich hütete, in keiner Sache mit Recht getadelt zu werden.
12 (1) Hierdurch bewirkte er, daß M. Vipsanius Agrippa, der mit dem jungen Cäsar394 durch die innigste Freundschaft verbunden war, obwohl er wegen seines Einflusses und der Macht Cäsars Gelegenheit zu jeder Verbindung hatte, vor allen andern seine Verwandtschaft wählte, und die Tochter eines römischen Ritters der Vermählung mit einer Hochgeborenen vorzog. Und der dieses Ehebündniß zu Stande brachte, war – ich darf es nicht verschweigen395 – der Triumvir für die Staatsverfassung396 M. Antonius. Obwohl er nur durch dessen Gönnerschaft seine Besitzungen hätte vermehren können, war er doch so fern von aller Geldgier, daß er davon bei Nichts Gebrauch machte, als um die Gefahren oder Nachtheile seiner Freunde durch Bitten abzuwenden. Und zwar war dies gerade zur Zeit der Aechtung sehr augenfällig. Als z. B. die Triumvirn die Güter seines Altersgenossen, des römischen Ritters L. Saufejus, der mehrere Jahre aus Neigung zur Philosophie in Athen wohnte und in Italien werthvolle Besitzungen hatte, nach der gewöhnlichen Weise, wie es damals bei solchen Sachen zuging, verkauft hatten: erreichte Atticus durch seine angestrengten Bemühungen, daß Saufejus durch ein und dieselbe Botschaft benachrichtigt wurde, er habe sein Vermögen verloren und wiedererlangt. Ebenso rettete er den L. Julius Calidus, von dem ich mit Recht glaube behaupten zu können, daß er seit Lucretius’ und Catullus’ Tode397 bei weitem der geschmackvollste Dichter sei, den unser Zeitalter hervorgebracht, und ein nicht minder braver Mann und in Künsten und Wissenschaften wohl unterrichtet, als er noch nach der Aechtung der Ritter in seiner Abwesenheit von dem Befehlshaber der Handwerkercompagnie des Antonius, P. Volumnius auf die Aechtungsliste gesetzt [153] worden war. Und es ist schwer zu entscheiden, ob dies bei der damaligen Lage für ihn mühevoller oder ruhmvoller gewesen sei, weil man bei jener Gefahr ersah, wie dem Atticus nicht minder seine abwesenden als seine anwesenden Freunde am Herzen lägen.
13 (1) Es galt aber dieser Mann auch für einen nicht weniger guten Hausvater als Bürger. Obwohl er nämlich viel Geld besaß, war doch Niemand weniger kaufsüchtig oder baulustig wie er. Dennoch wohnte er in der That vorzüglich schön und hatte Alles von besonderer Güte. Denn sein war das ihm von seiner Mutter Bruder erblich hinterlassene tamphilianische Haus auf dem quirinalischen Hügel, dessen Reiz indeß nicht im Gebäude, sondern in dem Parke bestand. Das Haus selbst nämlich war vor Alters gebaut und zeigte mehr Geschmack als Pracht, und er änderte nichts daran, außer wo ihn etwa Altersschäden dazu nöthigten. Seine Dienerschaft war, wenn man nach ihrem Nutzen zu urtheilen hat, vortrefflich, dem Aeußern nach kaum mittelmäßig. Denn es gab darunter in Sprache und Schrift sehr bewanderte Sklaven, vorzügliche Vorleser und eine Menge Abschreiber, so daß er nicht einmal einen Laufdiener hatte, der nicht das beides trefflich verstand. Ingleichen waren die übrigen Handarbeiter, deren die häusliche Bequemlichkeit bedarf, vorzüglich gut. Dennoch hatte er Keinen darunter, der nicht in seinem Hause geboren und gezogen worden wäre: ein Beweis nicht nur für seine Enthaltsamkeit, sondern [154] auch für seine Sorgfalt. Denn einestheils muß es für Sache des Enthaltsamen gelten, nicht maßlos begehren, wornach man die Mehrzahl verlangen sieht, anderntheils für ein Zeichen nicht geringer Thätigkeit, sich lieber durch sorgfältiges Bemühen als durch Geld etwas zu verschaffen. Er zeigte sich geschmackvoll, aber nicht prächtig, glänzend, aber nicht verschwenderisch, und seine ganze Sorge war auf Sauberkeit, nicht auf Ueberfluß gerichtet. Hausrath war in mäßiger, nicht überreicher Menge vorhanden, so daß er nach keiner von beiden Seiten hin auffallen konnte. Auch will ich nicht verschweigen, wie wohl es vielleicht Manchen unbedeutend erscheinen wird: obgleich er ein besonders stattlicher römischer Ritter war und mit nicht zu geringer Gastlichkeit Leute aller Stände zu sich einlud, so weiß ich doch, daß er sehr gleichmäßig nicht mehr als 3000 Sesterze monatlich laut seinem Tagebuche als Ausgabe für den Aufwand in Rechnung zu bringen pflegte. Und zwar rühme ich das nicht nach Hörensagen, sondern nach eigener Kenntnißnahme, da ich als sein vertrauter Freund oft bei seinen häuslichen Angelegenheiten zugegen gewesen bin.
14 (1) Niemand hörte bei seinen Gastmählern einen andern Ohrenschmaus als den Vorleser, was ich wenigstens für äußerst angenehm halte, und niemals speiste man bei ihm, ohne daß irgend etwas gelesen wurde, so daß die Gäste nicht weniger Genuß für den Geist als den Magen fanden. Denn er pflegte solche einzuladen, deren Denkungsweise von der seinigen nicht abwich. Als sich sein Vermögen so bedeutend vermehrt hatte, änderte er nichts an seinen täglichen Bedürfnissen, nichts an der gewohnten Lebensweise, und hielt so das richtige Maß ein, daß er sich weder bei 2,000,000 Sesterzen, die er von seinem Vater geerbt, zu wenig glänzend zeigte, noch bei 10,000,000 verschwenderischer lebte als anfangs, und daß er in beiderlei Vermögensverhältnissen auf gleicher Höhe beharrte. Er besaß keine Gärten, kein prächtiges Landhaus in der Nähe der Stadt oder am Meere, noch Landgüter in Italien außer den beiden bei Arretium und Nomentum398, und alle seine Geldeinkünfte beruhten auf seinen Besitzungen in Epirus und in der Stadt. Hieraus kann man ersehen, daß er den Verbrauch des Geldes nicht nach dessen Menge, sondern nach vernünftiger Ueberlegung abzumessen gewohnt war.399
15 (1) [155] Unwahrheit sagte er weder, noch konnte er sie vertragen. Und so war seine Freundlichkeit nicht ohne Strenge, doch auch sein Ernst nicht ohne Nachsicht, so daß schwer zu unterscheiden war, ob seine Freunde mehr Verehrung oder Liebe für ihn empfanden. Um was er immer gebeten wurde, so ertheilte er seine Zusagen nur nach gewissenhafter Ueberlegung, weil er es für das Zeichen nicht eines freigebigen, sondern leichtsinnigen Mannes hielt, zu versprechen, was er nicht halten könne. Desgleichen bewies er bei seinen Bemühungen um das, was er einmal zugesagt, solche Sorgfalt, daß es schien, als betreibe er nicht eine ihm aufgetragene, sondern eine eigene Angelegenheit. Niemals empfand er Verdruß über ein übernommenes Geschäft, denn er meinte, es handle sich dabei um seinen guten Namen, den er über alles theuer hielt. So kam es, daß er für die beiden Cicero, für Cato400, Q. Hortensius, Aulus Torquatus und noch viele andere römische Ritter alle Geschäfte besorgte. Hieraus läßt sich abnehmen, daß er nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Ueberzeugung sich von Staatsgeschäften fern gehalten habe.
16 (1) Für seine Liebenswürdigkeit aber kann ich kein besseres Zeugniß anführen als dies, daß er ebenso als junger Mann dem [156] greisen Sulla höchst angenehm erschien, wie als Greis dem jüngeren M. Brutus, mit seinen Altersgenossen Q. Hortensius und M. Cicero aber in einem solchen Verhältnisse lebte, daß schwer zu entscheiden ist, für welches Lebensalter er sich mehr geeignet habe. Wiewohl ihn Cicero ganz besonders liebte, so daß ihm nicht einmal sein Bruder Quintus theurer oder inniger vertraut war. Dafür zeugen außer den von ihm veröffentlichten Werken, worin er seiner Erwähnung thut, die elf Bücher Briefe401, die er von seinem Consulate an bis zu seinen letzten Lebenstagen an Atticus gerichtet hat. Wenn Jemand diese lesen wird, so dürfte er eine fortlaufende Geschichte jener Zeiten nicht sehr vermissen. Denn über die Parteibestrebungen der Oberhäupter, die Fehler der Führer, die Veränderungen im Staate ist darin Alles so genau berichtet, daß jedes auf das deutlichste hervortritt, und man leicht der Meinung werden kann, Vorsicht sei gewissermaßen Voraussicht. Denn Cicero hat nicht allein, was noch bei seinen Lebzeiten geschehen ist, als zukünftig vorausgesagt, sondern auch, was jetzt eintrifft, wie ein Seher prophezeit.
17 (1) Was soll ich aber von Atticus’ Liebe zu den Seinigen ein Mehreres sagen? da ich ja gehört, wie er selbst bei dem Leichenbegängniß seiner Mutter, die er als eine Neunzigerin begrub, sich in Wahrheit rühmte: „obwohl er 67 Jahre zähle, habe er sich nie mit seiner Mutter auszusöhnen brauchen, nie mit seiner Schwester, die mit ihm beinahe in gleichem Alter stand, in Zwist gelebt.“ Ein Beweis, daß es entweder niemals zwischen ihnen zu Beschwerden gekommen ist, oder daß er sich gegen die Seinigen so nachgiebig zeigte, daß er es für unrecht hielt, denen zu zürnen, die er zu lieben schuldig wäre. Und zwar that er dies nicht bloß aus natürlichem Gefühl, wiewohl wir diesem alle gehorchen, sondern auch in Folge seiner wissenschaftlichen Bildung. Denn die Vorschriften der hervorragendsten Philosophen hielt er sich so eingeprägt, daß er sie zur Regelung seines Lebens, nicht um damit zu prunken, benutzte.
18 (1) [157] Auch war er ein höchst eifriger Nachahmer der Vätersitte und Verehrer der Vorzeit, von der er eine so genaue Kenntniß besaß, daß er sie vollständig in dem Buche402 geschildert hat, worin er die höhern Beamten der Reihe nach aufzeichnete. Denn kein Gesetz, keinen Friedensschluß, keinen Krieg, keine berühmte That des römischen Volkes gibt es, die nicht darin zu ihrer Zeit angemerkt ständen; und was das schwierigste, er verwebte darin so den Ursprung der Familien, daß man daraus die Stammbäume der berühmten Männer kennen lernen kann. Ebendasselbe that er für sich besonders in andern Büchern, wie er z. B. auf Bitten des M. Brutus die junische Familie von ihrem Ursprunge an bis auf unsre Zeit der Reihe nach aufzählte, indem er bemerkte, von wem ein jeder stamme, und welche Ehrenstellen und zu welcher Zeit er sie erhalten habe. Ebenso auf Bitten des Claudius Marcellus bei der Familie der Marceller, und auf die des Cornelius Scipio und des Fabius Maximus bei denen der Fabier und Aemilier.403 Nichts kann aber für solche, die irgend begierig sind berühmte Männer kennen zu lernen, mehr Reiz haben als diese Bücher. Auch in der Dichtkunst versuchte er sich, ich denke, um nicht ohne den Genuß ihrer Annehmlichkeit zu bleiben. Er schilderte nämlich diejenigen Römer, die sich durch Ehren und herrliche Thaten vor ihren übrigen Mitbürgern hervorgethan, derart in Versen, daß er unter den einzelnen Bildnissen derselben ihre Thaten und Aemter in nicht mehr als je vier oder fünf Versen beschrieb; obwohl es kaum glaublich sein mag, daß so bedeutende Dinge so kurz dargestellt werden konnten. Es gibt auch ein in griechischer Sprache verfaßtes Buch von ihm über das Consulat des Cicero.
19 (1) [158] Bis dahin ist es von mir bei Atticus’ Lebzeiten herausgegeben worden. Jetzt will ich, weil das Schicksal gewollt hat, daß ich ihn überlebte, das Uebrige erzählen und, soviel ich kann, durch thatsächliche Beispiele den Lesern zeigen, daß, wie ich oben andeutete, mehrentheils einem jeden der eigene Charakter sein Schicksal schafft. Denn er, der sich mit dem Ritterstande, dem er entsprossen war, begnügte, gelangte zur Verwandtschaft mit dem Imperator, dem Sohne des Göttlichen404, während er schon vorher dessen Freundschaft durch nichts anderes gewonnen hatte, als durch die feine Lebensart, womit er auch die übrigen Häupter des Staates, welche jenem an Ansehen gleich, an Glück aber nachstanden, für sich eingenommen hatte. Denn von so ungemeinem Glücke wurde Cäsar begleitet, daß ihm das Geschick alles und jedes gewährte, was es irgend Einem vorher dargeboten, und ihm verschaffte, was bis dahin noch kein römischer Bürger hatte erreichen können. Es wurde aber dem Atticus aus Agrippa’s Ehe, dem er seine Tochter als Jungfrau vermählt hatte, eine Enkelin geboren. Diese verlobte Cäsar, als sie noch kaum ein Jahr alt war, mit seinem von der Drusilla geborenen Stiefsohne Tiberius Claudius Nero, und diese Verbindung knüpfte ein noch engeres Verhältniß zwischen ihnen und machte ihren Umgang häufiger.
20 (1) Wiewohl derselbe vor diesem Verlöbniß, nicht nur so oft er von Rom abwesend war, niemals an einen der Seinigen einen Brief schickte, ohne auch dem Atticus zu schreiben, was er treibe, namentlich was er lese, und an welchen Orten und wie lange er sich verweilen werde; sondern auch wenn er sich in der Stadt aufhielt und wegen seiner endlosen Geschäfte den Atticus weniger häufig bei sich haben konnte, als er gewünscht hätte, nicht leicht ein Tag dazwischen kam, wo er nicht an ihn schrieb, indem er bald irgend eine Auskunft in Betreff der alten Zeiten von ihm wünschte, bald ihm irgend eine Frage über einen poetischen Gegenstand vorlegte, bald scherzend ihm einen seiner etwas weitläufigen Briefe entlockte. Daher kam es, daß Cäsar, als der von Romulus gegründete Tempel des Jupiter Feretrius [159] auf dem Capitol, durch Alter und Vernachlässigung seines Daches beraubt, sich zum Einsturz neigte, ihn auf Atticus’ Mahnung wiederherstellen ließ. Nicht minder jedoch wurde er auch von M. Antonius aus der Ferne mit Briefen begrüßt, so daß es sich derselbe sogar aus den äußersten Regionen405 angelegen sein ließ den Atticus zu benachrichtigen, was er treibe. Was das bedeuten will, wird der leichter einsehen, der zu beurtheilen versteht, wie viel Klugheit dazu gehört, um sich den freundschaftlichen Verkehr und das Wohlwollen von Männern zu wahren, zwischen denen um der Oberherrschaft willen nicht allein Wetteifer, sondern eine so mächtige Eifersucht stattfand, wie sie nothwendig zwischen Cäsar und Antonius eintreten mußte, da jeder von beiden nicht allein der Gebieter Roms, sondern der Welt zu sein begehrte.
21 (1) Als er auf solche Weise 77 Jahre zurückgelegt hatte, und bis in sein spätestes Alter nicht weniger an Ansehen als an Einfluß und Vermögen gewachsen war (denn er machte viele Erbschaften aus keinem andern Grunde als um seiner Charaktergüte willen) und eine so glückliche Gesundheit genossen hatte, daß er in dreißig Jahren keiner Medizin bedurfte: bekam er eine Krankheit, die anfangs er selbst sowohl als die Aerzte gering achteten. Man hielt es nämlich für einen Stuhlzwang, wofür schnell und leicht wirkende Mittel verordnet wurden. Nachdem er damit drei Monate ohne irgend andere Schmerzen, als die ihm die Cur verursachte, zugebracht hatte, warf sich plötzlich die Krankheit so gewaltig ausschließlich auf den Mastdarm, daß zuletzt durch die Lenden Eitergeschwüre ausbrachen. Aber bevor ihm dies noch geschah, ließ er, nachdem er bemerkt, daß von Tag zu Tag die Schmerzen wuchsen und auch Fieberanfälle hinzutraten, seinen Schwiegersohn Agrippa zu sich holen und mit ihm den L. Cornelius Balbus und Sextus Peducäus. Wie er sie um sich sah, sprach er auf seinen Ellbogen gestützt: „Wie viel Sorge und Fleiß ich in dieser Zeit auf die Erhaltung meiner Gesundheit gewendet, brauche ich, da ich euch zu Zeugen dessen habe, nicht weitläufiger zu sagen. Da euch nun, wie ich hoffe, genugsam von mir dargethan ist, daß ich nichts unterlassen habe, was zu meiner Wiederherstellung dienen könnte, so [160] bleibt mir nur übrig, daß ich mir selbst zu helfen suche. Dies wünschte ich, sollte euch nicht unbekannt bleiben; es steht nämlich bei mir fest aufzuhören meiner Krankheit Nahrung zu geben. Denn durch alle die Speise, die ich in diesen Tagen zu mir genommen, habe ich nur mein Leben in der Art gefristet, daß ich die Schmerzen vermehrte ohne Hoffnung auf Genesung. Darum bitte ich euch erstens, meinen Entschluß gut zu heißen, sodann, euch keine Mühe zu geben mich durch Abmahnen daran zu hindern.“
22 (1) Als er diese Worte mit so fester Stimme und Miene gesprochen, daß es schien, als gehe er nicht aus dem Leben, sondern aus einer Wohnung in die andere, und als ihn gleichwohl Agrippa unter Thränen und Küssen bat und beschwor, zu dem, wozu die Natur nöthige, nicht selbst auch für seinen Theil hinzueilen, und sich, da er ja auch jetzt noch die schlimmen Tage überdauern könne, sich selbst und den Seinigen zu erhalten: so setzte er dessen Bitten durch seine schweigende Beharrlichkeit ein Ziel. Nachdem er sich so zwei Tage lang der Speise enthalten, wich plötzlich das Fieber und die Krankheit begann einen mildern Charakter anzunehmen. Dennoch führte er dessenungeachtet seinen Vorsatz aus; und so starb er am fünften Tage, nachdem er jenen Entschluß gefaßt, am letzten März im Consulate des Cn. Domitius und C. Sosius406. Hinausgetragen wurde er auf einer Bahre, wie er selbst verordnet, ohne alles Leichengepränge, unter Begleitung aller Patrioten und einem außerordentlichen Zudrange des Volkes. Man begrub ihn an der appischen Straße beim fünften Meilenstein im Grabmal seines Oheims Q. Cäcilius.
Fragmente
Aus einem Briefe der Cornelia, der Mutter der Gracchen, an ihren Sohn C. Gracchus während der Bewerbung um sein erstes Tribunat, im J. 124 v. Chr.:
[161] Du wirst sagen, es sei herrlich sich an seinen Feinden zu rächen. Niemandem kann dies größer und herrlicher erscheinen als mir, doch unter der Bedingung, daß man es ohne Schaden für den Staat erreichen kann. Insofern dies jedoch unmöglich ist, sollen unsre Feinde viel eher und bei weitem lieber nicht verderben und so wie jetzt fortexistiren, als daß der Staat umgestürzt werde und zu Grunde gehe.
An einer andern Stelle:
Einen förmlichen Eid vermöchte ich zu schwören, daß außer denen, die den Tiberius Gracchus getödtet, mir kein Feind so viel Beschwerde und Mühsal um dieser Dinge willen auferlegt hat als du. Und doch hättest du gerade die Pflichten aller meiner früheren Kinder auf dich nehmen und sorgen sollen, daß ich in meinem Alter so wenig wie möglich Bekümmerniß hätte, und daß du bei allem, was du thätest, hauptsächlich meinen Beifall suchtest und es für unrecht hieltest irgend etwas von Wichtigkeit gegen meinen Wunsch zu unternehmen, zumal ich nur noch eine kleine Lebensneige übrig habe. Kann dich denn nicht einmal diese kurze Frist bestimmen, nicht gegen meinen Willen zu handeln und den Staat umzustürzen? Wo soll endlich ein Stillstand eintreten? Wann wird unsre Familie aufhören zu rasen? wann wird diesem Treiben ein Ziel gesteckt sein? wann werden wir aufhören darnach zu jagen, uns selbst und andern Sorge zu schaffen? wann wird uns tiefe Scham erfüllen den Staat in Unordnung und Verwirrung zu stürzen? Ist das jedoch überhaupt unmöglich, so bewirb dich, wenn ich todt bin, um das Tribunat, und thue meinetwegen, was du willst, wenn ich nichts mehr fühle. Bin ich gestorben, so wirst du mir Todtenopfer bringen und die mütterliche Gottheit anrufen. Schämst du dich aber nicht, dann die Gottheit mit Gebeten [162] anzugehen, die du, solange sie lebte und bei dir war, verlassen und versäumt hast? Jupiter wolle nicht zugeben, daß du dabei beharrest und daß dir solcher Wahnwitz beikomme! Und beharrst du dennoch, so wirst du, fürchte ich, für dein ganzes Leben so viel Mühsal durch eigene Schuld auf dich laden, daß du in keiner Lage selbst mit dir zufrieden sein kannst.
Aus dem Buche von den lateinischen Geschichtschreibern:
Es darf dir nicht verborgen bleiben, daß diese einzige Gattung der lateinischen Litteratur nicht nur noch nicht den Leistungen Griechenlands entspricht, sondern überhaupt unausgebildet und durch den Tod Cicero’s in ihren Anfängen geblieben ist. Denn er war der einzige, der die Fähigkeit und sogar die Verpflichtung hatte die Geschichte in würdigen Worten darzustellen, da er ja der eigentlichen Beredtsamkeit, die ihm von den Früheren noch roh überliefert war, ihren herrlichen Glanz verliehen und die vor ihm formlose lateinische Philosophie durch die Kunst seiner Rede ausgebildet hat. Darum weiß ich nicht, ob der Staat oder die Muse der Geschichte mehr über seinen Tod trauern soll.
Aus einem Briefe an Cicero, bei Lactant. Instit. III, 15, 10.:
Ich bin so weit entfernt die Philosophie für eine Lehrerin des Lebens und die Schöpferin eines glückseligen Lebens zu halten, daß nach meiner Ansicht Niemandem Lehrer der Lebensweisheit mehr Noth thuen, als den meisten, die sich mit Erörterungen darüber beschäftigen. Denn ich sehe, daß ein großer Theil derer, die in der Philosophenschule sehr scharfsinnige Regeln über Sittsamkeit und Enthaltsamkeit aufstellen, gleichwohl im Taumel aller Wollüste leben.
Anmerkungen
1 S. darüber zu Cim. 1.
2 S. z. Alc. 2.
3 Diese Sitte wird sonst nirgends erwähnt. Wahrscheinlich jedoch ist diese Stelle des Textes verdorben und lautete ursprünglich anders.
4 Nämlich vom Herold, um vor den Kampfrichtern zu erscheinen und den Siegeskranz zu empfangen.
5 Das dem Eingange zunächst gelegene Atrium, wo um den Herd die Hausfrau mit den Mägden sich mit Spinnen, Weben und andern häuslichen Arbeiten zu beschäftigen pflegte.
6 Des Gesammtwerkes „über berühmte Männer“, s. die Einleitung.
7 Was Nepos im 1. u. 2. Cap. über Cimon’s Sohn Miltiades erzählt, beruht mit Ausnahme der Unterwerfung von Lemnos auf einer Verwechselung mit dessen Oheim Miltiades, dem Sohne des Cypselus. Dieser führte zur Zeit des Pisistratus und Crösus athenische Colonisten in den thracischen Chersones und erwarb die Herrschaft über jene Gegend. In dieser Herrschaft folgte ihm von seinen beiden Neffen, Stesagoras und Miltiades, den Söhnen Cimon’s, zuerst der ältere, Stesagoras. Nach dessen Tode wurde von den Pisistratiden sein jüngerer Bruder Miltiades in den Chersones geschickt, der von dort aus die Insel Lemnos den Athenern unterwarf. Vgl. Herodot VI, 34–39. u. 136–140.
8 Der Ausdruck ist ungenau, da Lemnos nicht zu den Cycladen gehört, und außer Lemnos und den Cycladen noch viele Inseln im ägäischen Meere liegen. Auch entbehrt die Thatsache der Beglaubigung, und wahrscheinlich hat N. das später Cap. 7. zu Anf. Berichtete aus Versehen hier bereits anticipirt.
9 Im J. 508 v. Chr.
10 Dies geschah erst viel später, bei Annäherung der persischen Flotte im J. 493. Vgl. Herodot IV, 34. 41.
11 Herodot gibt 600 Dreiruderer an, wozu noch die Transportschiffe kamen. Ueber die Zahl der Truppen schweigt derselbe.
12 Im J. 500.
13 Im J. 490.
14 Hemerodromen, ἡμεροδρόμοι, d. i. „Tagesläufer“, die in einem Tage eine sehr große Strecke zurückzulegen vermochten. Vgl. Liv. 31, 24, 4.
15 Zu Athen wurden alljährlich 10 Feldherrn, στρατηγοί, ernannt. N. braucht dafür das Wort praetor, was ursprünglich „den Anführer“ bezeichnet.
16 Der Angriff erfolgte so, daß die Athener den zwischen beiden Heeren befindlichen Raum von 8 Stadien oder 1000 Schritt im Lauf durcheilten. Was N. von ihrer gedeckten Stellung berichtet, gilt mehr von ihrem Lagerplatz als von ihrer Schlachtordnung. Vgl. Herodot VI, 110 ff.
17 Im J. 490.
18 Pöcile, Ποικίλη, näml. στοὰ „die bunte (Halle)“, so genannt wegen der dort befindlichen Gemälde.
19 Gemeint ist der Richtersold, der Sold für den Besuch der Volksversammlungen und das Eintrittsgeld zum Schauspiel, welche sämmtlich aus der Staatskasse abgewährt wurden.
20 Demetrius von Phaleron, einem Hafenplatze bei Athen, befehligte von 317–307 als Statthalter des Kassander in Athen.
21 N. nennt vineae ac testudines. Sie waren von Holz oder Flechtwerk, gegen Feuerbrände mit Rasen und Thierhäuten belegt, und dienten dazu die Soldaten theils bei der Arbeit theils beim Angriff zu decken. Letztere standen häufig auf Rädern und bargen die Mauerbrecher.
22 Im J. 489.
23 Ein Feuer auf dem Festlande konnte schwerlich von Paros aus gesehen werden; es brannte vielmehr auf einer der entfernteren Cycladen.
24 Miltiades hatte nur einen Bruder, den obenerwähnten Stesagoras, der aber damals längst todt war. Tisagoras hieß sein Großvater. Nach Herodot VI, 136. vertheidigten den Miltiades seine Freunde.
25 75000 Thalern, das Talent zu 1500 Thlr. Pr. Cour. gerechnet.
26 Im J. 489.
27 Sie währte mit mehreren Unterbrechungen von 560–526. Doch galten jene Worte zugleich von der Tyrannis des Pisistratiden Hippias, die erst 510 endete.
28 Dies ist ein Irrthum. Nicht mit Corcyra, sondern mit Aegia führten zu jener Zeit die Athener Krieg (um 483). Daß Them. damals Strateg gewesen sei, ist sonst nicht bekannt, aber er war im J. 482 Archont, was Nep. verwechselt zu haben scheint.
29 Im J. 480.
30 Nach Herodot führte X. aus Asien herüber 1,700,000 zu Fuß und 80,000 Reiter, wozu noch als Zuzug von den europäischen Völkerschaften ungefähr 200,000 Mann kamen.
31 Die Athener konnten nicht jetzt noch 100 Schiffe bauen, sondern sie hatten schon welche, bevor sie auf Them. Rath 100 neue bauten, und nur die an 200 fehlenden wurden jetzt gebaut. Nipperdey.
32 An der Nordostküste des Peloponnes.
33 Dies geschah erst nach dem Kampfe an den Thermopylen und der Seeschlacht bei Artemisium.
34 Nicht alle, sondern nur die Spartaner und Thespienser; die Thebaner wurden von den Persern verschont, die übrigen Bundesgenossen hatte Leonidas vorher entlassen. Herod. VII, 219 ff. Nipperdey.
35 Artemisium, das nördliche Vorgebirge der Insel Euböa. Der dortige Kampf war gleichzeitig mit dem bei den Thermopylen.
36 Die Perser versuchten wirklich durch den Euripus den Griechen in den Rücken zu fallen; allein die ausgesandten Schiffe gingen durch einen Sturm zu Grunde.
37 Durch Xerxes selbst wurde nur die Burg, die übrigens von der kleinen Zahl Zurückgebliebener tapfer vertheidigt wurde, verbrannt, die übrige Stadt erst im folgenden Jahre durch Mardonius.
38 Eurybiades war nicht König, sondern nur Feldherr der Lacedämonier und Oberbefehlshaber der gesammten griechischen Flotte. Themistocles führte nur die athenischen Schiffe.
39 Im J. 480.
40 Anders berichtet Herodot VIII, 97–110. den Hergang. Derselbe (VIII, 51. u. 115.), gibt auch nachher statt 6 Monaten nur 4, und statt 30 Tagen 45 an.
41 Der Hafenbau wurde schon unter dem Archontat des Them. (482) begonnen; die Vollendung desselben und die Befestigung aber geschah erst nach Erbauung der Stadtmauern. Nipperdey.
42 Die Ephoren (ἔφοροι, d. i. Aufseher) bildeten die oberste Behörde zu Lacedämon, die aus 5 Mitgliedern bestand, und der außer der Oberaufsicht über alle Beamten und über die innern Angelegenheiten des Staates, namentlich auch die Sorge für das Auswärtige und die Unterhandlung mit fremden Gesandten oblag. Die vorher und nachher erwähnte Behörde sind eben die Ephoren.
43 Der Rath der Lacedämonier hieß Gerusia (γερουσία, d. i. Rath der Alten), und bestand aus 28 Greisen, die das 60. Lebensjahr überschritten hatten, und den beiden Königen.
44 Durch das Scherbengericht (ὀστρακισμός) nöthigte man zu Athen Bürger, deren Macht und Einfluß der Freiheit gefährlich schien, den Staat auf 10 Jahre zu verlassen, jedoch ohne Nachtheil für ihre Ehre und ihr Vermögen. Die Entscheidung erfolgte auf einen in der Volksversammlung gestellten Antrag durch kleine Täfelchen oder Scherben (ὄστρακον), auf welche die Bürger den Namen des zu Verbannenden schrieben; doch waren 6000 Stimmen erforderlich, um die Verbannung zu verhängen.
45 Wahrscheinlich im J. 476.
46 Die Molosser wohnten in Epirus. Admetus war vorher nicht der Gastfreund des Them., sondern ihm eher feindlich gesinnt gewesen. Vgl. Thucyd. I. 136.
47 Stadt in Macedonien.
48 Ueber Thucydides s. die Einleit.
49 Von 473–425.
50 Magnesia hießen zwei Städte in Kleinasien, eine am Berge Sipylus in Lydien, die andere am Flusse Mäander in Carien; letztere ist hier gemeint. Lampsacus lag am Hellespont, Myus in Jonien. Unter den hier angegebenen und ähnlichen Formen war es Sitte der orientalischen Könige, die Einkünfte ganzer Städte an ihre Günstlinge zu verschenken.
51 Wahrscheinlich im J. 470.
52 Im J. 485
53 Das ehrgeizige Streben nach dem Vorrange lag mehr im Charakter des Themistocles als des Aristides, der nur aus Rechtlichkeitsgefühl öfters den zwar staatsklugen, aber nicht immer redlichen Absichten jenes entgegentrat. Die nachher mitgetheilte Anekdote berichtet Plut. Ar. 7 u. Apophthegm. 185 etwas abweichend.
54 Jedoch nicht auf der athenischen Flotte, wo er als Verbannter nicht sein durfte; sondern er eroberte auf eigene Hand die kleine Insel Psyttaleia bei Salamis und tödtete die dort befindlichen Perser.
55 Im J. 479.
56 Pausanias, als Feldherr der Lacedämonier, war Oberanführer des gesammten Griechen-Heeres bei Platää. Wegen des übermüthigen Betragens desselben vgl. Paus. 3.
57 Im J. 477.
58 D. h. der ganze zu Delos angesammelte Bundesschatz.
59 Im J. 473.
60 Im J. 479.
61 Mardonius war von Geburt nicht Meder, sondern Perser. Er war der Schwiegersohn des Darius Hystaspis.
62 Das gesammte Heer derselben bei Platää zählte zwar über 100000 Mann, am Kampfe aber nahmen nur die Lacedämonier, Athener und Tegeaten Theil. Vgl. Herod. IX. 52–70. Die Zahl des barbarischen Heeres gibt Herod. auf 300000 Mann mit Inbegriff der Reiterei an, wozu noch 50000 Mann griechische Hülfsvölker kamen. Statt des fehlerhaften quod cum ex praeda tripodem cet. lese ich quod tum. Der Dreifuß war nicht ein Weihgeschenk des Paus. selbst, sondern nur von diesem im Auftrage der Griechen aufgestellt; um so größer also die in der Aufschrift enthaltene Anmaßung.
63 Im J. 477.
64 Das hier geschilderte Betragen erlaubte sich Paus. nicht jetzt erst, sondern schon früher als Befehlshaber der Flotte, und es wurde eben Veranlassung zu seiner ersten Zurückberufung. Nipp.
65 Die Ephoren sowohl als die auswärts befindlichen Feldherren hatten runde Stäbe von gleicher Dicke. Wollte ein Theil dem andern eine geheime Nachricht geben, so wickelte er um seinen Stab einen langen schmalen Riemen, schrieb darauf dem Holz entlang die Botschaft und ließ dann durch den Boten nur den wieder abgewickelten Streifen überbringen, der nun blos von dem gelesen werden konnte, welcher ihn auf einen Stab von ganz gleicher Beschaffenheit wickelte. Dieser Stab, dann aber auch der Streifen mit der Botschaft hieß Skytale (σκυτάλη), was Nepos durch clava übersetzt.
66 Paus. war zwar nicht selbst König, genoß aber als Vormund des jungen Königs Pleistarchos königliche Rechte.
67 Stadt in Thracien.
68 Stadt und Vorgebirge an der Südspitze Laconiens. Die Unverletzlichkeit des Heiligthums ging auch auf den über, welcher in demselben Schutz suchte. Vgl. unten Cap. 5. und Them. 8.
69 Chalkioikos (Χαλκίοικος), d. h. „ein ehernes Haus bewohnend,“ weil jener Tempel zum Theil aus Erz war. Pausanias floh jedoch nicht in diesen Tempel selbst, sondern in ein zum Tempelbezirk gehörendes Haus, und nur dieses wurde verrammelt und abgedeckt, weil man ihn in dem heiligen Bezirke weder tödten noch gewaltsam ergreifen durfte. Auß derselben Scheu vor Entweihung des Heiligthumes trug man ihn auch, bevor er starb, hinaus. Vgl. Thucyd. I. 134.
70 Im J. 473.
71 Dies war ein Erdschlund bei Sparta, Namens Käadas (Καιάδας).
72 Die Ehe zwischen Bruder und Schwester, die von gleichem Vater (nicht auch von gleicher Mutter) stammten, scheint jedoch in Athen keinesweges häufig gewesen zu sein. Die ganze Erzählung sowohl von der Gefangenschaft des Cimon, als von seiner Verbindung mit Elpis nice beruht auf unsichern Nachrichten.
73 In dem Bericht des Nep. über die kriegerische Thätigkeit Cimon’s sind mehrere Ungenauigkeiten. Zuerst befehligte er mit Aristides und Pausanias auf dem Zuge gegen Cypern und Byzanz im J. 477 (Ar. 2. Paus. 2.). Bei dem Feldzuge in Thracien im J. 476 war die Hauptsache die Eroberung der von den Persern besetzten Stadt Eion. In dasselbe Jahr fällt die Eroberung der Insel Scyrus. Den Doppelsieg über Flotte und Landheer der Perser (denn Cyprer und Phönicier gehorchten damals dem Perserkönig) erfocht Cimon am Flusse Eurymedon in Pamphilien (469), während die Seeschlacht bei Mycale zehn Jahre früher (479) an demselben Tage wie die Schlacht bei Platää nicht durch Cimon, sondern durch Leotychides und Xanthippus gewonnen wurde. Die Unterwerfung der Insel Thasos endlich, die von Athen abgefallen war, erfolgte nicht auf das bloße Erscheinen Cimon’s, sondern erst nach drei jährigem Widerstande (467–465). Und erst während dieses Feldzuges wurde, jedoch nicht unter Cimon’s Führung, der Versuch gemacht, an der Mündung des Strymon eine Colonie, das nachherige Amphipolis, anzulegen, der indeß mißglückte, da die 10000 Colonisten auf einem Streifzuge in das Innere von den Thraciern vernichtet wurden. Die wirkliche Gründung von Amphipolis erfolgte erst 439.
74 Im J. 463.
75 Die Ungunst schrieb sich daher, daß man den Cimon beschuldigte, ein Gegner der Demokratie und zu großer Freund der Lacedämonier zu sein.
76 Im J. 458.
77 Im J. 449. Nicht in Citium starb Cimon, sondern bei der Belagerung dieser Stadt.
78 Die Einladung zur Mahlzeit erstreckte sich natürlich nur auf Arme, oder, wie Andere erzählen, nur auf seine armen Demosgenossen.
79 Kriegerische Tüchtigkeit durfte N. dem Lysander in seinem Falle absprechen. Ebenso ungerecht beschuldigt er ihn nachher der Habsucht, da er doch für seine Person uneigennützig war. Dagegen trifft ihn mit Recht der Tadel der Herrschsucht, Grausamkeit und Treulosigkeit. Die Schlacht am Ziegenflusse (Aegospotamos) im thracischen Chersones, denn diese ist hier gemeint, gewann er durch schlaues Abwarten des günstigen Momentes zum Angriff, nachdem er die Athener durch längeres Zögern sicher gemacht hatte. Dieser Sieg fällt übrigens in das 27. Jahr des Krieges, der 431 begonnen hatte.
80 Im J. 405.
81 Im J. 404.
82 Im J. 404.
83 Diese Worte sollen die vorzügliche Treue der Thasier gegen Athen erklären und scheinen auf den dreijährigen hartnäckigen Widerstand der ersteren zu gehen, nachdem sie im J. 467 von Athen abgefallen waren (vgl. zu Cim. 2). Doch fand auch im Lauf des peloponnesischen Krieges (411) ein neuer Abfall der Thasier von Athen statt. Uebrigens wollte Lys. nicht alle Bewohner der Insel, sondern nur die Anhänger der demokratischen oder athenischen Partei vernichten. Das Ende dieses Capitels mit dem weiteren Verlauf der Erzählung ist verloren gegangen und aus Polyän’s Kriegslisten I. 45, 4. so zu ergänzen: Er rief nun die Thasier in den Tempel des Hercules zusammen und gab ihnen die Zusicherung, daß Keinem ein Leid widerfahren solle. Als er aber so die Gegner sicher gemacht hatte, überfiel er dieselben nach einigen Tagen und ermordete sie sämmtlich. In Folge dieser Schandthat und vieler anderer Beschwerden über Lys. beschlossen die Lacedämonier auf den Antrag ihrer Könige seiner Willkürherrschaft ein Ende zu machen.
84 Nicht das beabsichtigte er nach sicherern Nachrichten, sondern nur die Königswürde, die bisher nur in zwei Familien erblich war, allen Spartanern oder wenigstens allen aus dem Geschlechte der Herakliden zugänglich zu machen. Vgl. Plut. Lys. 24. Diodor. XIV. 13.
85 Im J. 395.
86 Pharnabazus war Statthalter von Phrygien.
87 Im J. 404.
88 Dies ist unrichtig, ebenso daß er, wie Andre sagen, des Pericles Neffe gewesen sei. Vielmehr waren des Alcibiades Großvater und des Pericles Mutter Geschwister.
89 Diese griechische Knabenliebe war eine innige Freundschaft, welche Männer von reiferem Alter heranwachsenden Jünglingen widmeten, indem sie zugleich deren körperliche und geistige Ausbildung zu überwachen und zu fördern suchten. Sie begründete also, wie auch hier zwischen Socrates und Alcibiades, ein rein sittliches Verhältniß, das nur ausnahmsweise zu Unsittlichkeit ausartete. Die Römer, denen ein solches Verhältniß fremd war, haben oft falsche Urtheile darüber gefällt, wozu auch Nepos geneigt ist.
90 Man hat also zu verbinden quoad licitum est odiosa, und dies aus den folgenden Worten so zu ergänzen: quoad licitum est odiosa delicate jocoseque fieri.
91 Im J. 415.
92 Hermensäulen waren kurze Säulen oder Pfeiler mit dem Kopfe des Gottes Hermes (Mercur), deren in Athen sehr viele auf den Straßen und vor den Häusern standen.
93 Mysterien (μυστήρια) hießen geheime gottesdienstliche Zusammenkünfte, zu welchen nur den Eingeweihten der Zutritt offen stand. Am berühmtesten waren die eleusinischen, die in dem attischen Flecken Eleusis zu Ehren der Demeter (Ceres) begangen wurden. Von dem ursprünglichen Zwecke, den Begriff der Gottheit reiner, inniger und von Aberglauben freier aufzufassen, arteten die Mysterien mitunter zu Mißbräuchen und Ausschweifungen aus, weshalb es verboten wurde, daß Privatpersonen dergleichen veranstalteten.
94 Die Eumolpiden waren eine alte Priesterfamilie zu Athen, von Eumolpus, dem angeblichen Stifter der eleusinischen Mysterien stammend, der daher hauptsächlich die Feier dieser Mysterien oblag.
95 Perserkönig war damals Darius Nothus (423–405). Das Bündniß mit ihm wurde im J. 412 gleichzeitig mit dem Abfalle Joniens geschlossen. Die Befestigung Decelea’s erfolgte schon im Jahre vorher, 413.
96 Im J. 413.
97 Im J. 412.
98 Tissaphernes war Statthalter von Lydien und Carien. Pisander’s politische Ansichten theilte Alcibiades nicht, da er stets mehr ein Gegner der Optimatenpartei war.
99 Im J. 412.
100 Im J. 413.
101 Im J. 411.
102 Statt an der asiatischen Küste sollte es richtiger heißen an der thracischen, wo ja auch Byzanz lag. Denn in Asien wurden eben nur die Städte in Jonien und am Hellespont gewonnen.
103 Im J. 408.
104 Nämlich bei ihrem feierlichen Empfange in der Vaterstadt; denn in Olympia selbst erhielten sie nur Kränze aus Oelzweigen. Die Binden, taeniae, dienten zur Verzierung der Kränze. Daß dem Alcibiades eine Menge goldener Kränze überreicht worden seien, scheint Uebertreibung.
105 Dies ist von dem überwiegenden Einflusse zu verstehen, den damals Alcibiades ausübte.
106 Stadt in Aeolis in Kleinasien. Alcibiades hatte einen Plünderungszug dorthin unternoınınen und die Flotte unterdeß seinem Unterbefehlshaber Antiochus übergeben. Dieser ließ sich gegen des Alcibiades Befehl mit Lysander in ein Treffen ein und wurde geschlagen. Xenoph. Hell. I, 5, 11 ff.
107 Im J. 407.
108 Pactye lag im thracischen Chersones.
109 Im J. 405.
110 Ueber Pharnabazus s. zu Lys. 4.
111 Alcibiades begab sich gleich nach Asien und wurde hier von bithynischen Thrakern seiner Schätze beraubt.
112 Perserkönig war jetzt Artaxerxes Mnemon, 405–339.
113 Die 30 nach der Uebergabe der Stadt von Lysander zu Athen eingesetzten Tyrannen.
114 Im J. 404.
115 Ueber die genannten Historiker s. die Einleitung. Die früher erwähnten Schattenseiten im Charakter des Alcibiades wurden natürlich auch von ihnen nicht verschwiegen.
116 Wir lesen und verbinden nämlich laudando (Dat.) consuerunt, wie in den Handschriften steht.
117 Das Urtheil des N. über Thrasybulus leidet an großer Uebertreibung. Er war ein tüchtiger Soldat und achtungswerther Charakter, aber eine Größe zweiten Ranges. Alcibiades hat sehr vieles ohne Thrasybulus ausgeführt, und wo sie zusammen waren, war jener stets die Seele der Unternehmungen. Nipperdey.
118 Im J. 404.
119 Thras. floh erst nach Theben und nahm von dort aus Phyle ein, wo er auch, wiewohl erfolglos, von den Dreißig angegriffen wurde. Beim Zug nach dem Piräeus hatte er bereits 1000 Mann gesammelt. Xenoph. Hell. II, 4, 2. und 10.
120 Im J. 403.
121 Nicht diese zehn Männer, sondern die 10 Gewalthaber, die gleichzeitig mit den Dreißig im Piräeus geherrscht hatten, wurden ausgenommen. Xenoph. Hell. II, 4, 38.
122 Im J. 390.
123 Die Lebensbeschreibung des Conon enthält sehr viel Unrichtiges oder in falscher Reihenfolge Erzähltes. In der Schlacht am Ziegenfluß (Cap. 1.) war er zugegen, obwohl ihn die Schuld der Niederlage nicht traf, er rettete sich aber mit 8 Schiffen nach Cypern. Erst mehrere Jahre später ging er von dort nach Asien zu Pharnabazus, dem Statthalter von Phrygien, nicht von Lydien und Jonien, wo Tissaphernes befehligte. Hier wurde ihm bereits im J. 397 der Auftrag eine Flotte zu rüsten ertheilt (Cap. 4.). Hierauf bezieht sich die Nachricht (Cap. 1.) von seinem Oberbefehl über die Inseln, da die Flotte größtentheils von diesen und den asiatischen Küstenstädten aufzubringen war. Den Krieg gegen Agesilaus führte nicht Pharnabazus, sondern Tissaphernes, der weder vom König abgefallen war, noch die Lacedämonier zum Kriege veranlaßt hatte, aber wegen seiner ungeschickten und unglücklichen Kriegführung beim König verleumdet und auf dessen Befehl hingerichtet wurde (395). Conon, der also gar nicht gegen Agesilaus kämpfte, ging, weil die Flottenrüstung nicht vorwärts rückte, im J. 395 an den persischen Hof (Cap. 4.), wo er die nöthigen Geldmittel dazu erhielt. Ueber die fertige Flotte hatte dem Namen nach Pharnabazus den Oberbefehl, während sie in der That von Conon geführt wurde, der nun (394) die lacedämonische Flotte bei Cnidus, an der Küste von Carien, besiegte. Diese Niederlage entriß den Lacedämoniern die Herrschaft über die asiatischen Griechen; Athen war schon seit 403 frei gewesen. Conon ging mit einem Theil der Flotte nach den Küsten des Peloponnes, wo er das Gebiet von Pherä in Messenien verwüstete (Cap. 1.), und von da kehrte er nach Athen zurück, dessen Mauern eben von jenen 50 Talenten aufgebaut wurden (Cap. 4.). In die Gefangenschaft des Tiribazus gerieth er als Gesandter der Athener an diesen. Um 300 soll er auf Cypern an einer Krankheit gestorben sein.
124 Im J. 396.
125 Im J. 394.
126 Im J. 394.
127 Im J. 393.
128 Im J. 392.
129 Von 406–367.
130 Der ältere Dionys rief Plato nicht nach Syracus, sondern dieser kam von freien Stücken im J. 389. Seine Rückkehr erfolgte erst nach dem Tode des älteren, aber auf Einladung des jüngeren Dionys 367. Die Worte „brachte den Plato unter vielem Gepränge nach Syracus“ passen daher nur auf den jüngeren Dionys, von dem dagegen (Cap. 3.) unrichtig bemerkt ist, daß er hierbei seinem Vater hätte nachahmen wollen. Ueber den älteren Dionys vgl. „von den Königen“ 2.
131 Im J. 367.
132 Im J. 367.
133 Philistus aus Syracus war ein Freund des älteren Dionys, wurde aber, weil er dessen Nichte heimlich heirathete, verbannt. Vom jüngern Dionys zurückgerufen, kam er in dem Kampfe zwischen diesem und Dion um. Er führte nämlich einen Theil der Flotte des Dionysius, wurde aber von den Syracusanern geschlagen, gefangen genommen und in Stücke zerrissen. Er schrieb 11 Bücher sicilische Geschichte, die wir nicht mehr besitzen.
134 Im J. 366.
135 Im J. 406 hatte sich der ältere Dionys der Tyrannis bemächtigt.
136 Im J. 357.
137 Beim Uebersetzen von Griechenland nach Sicilien fuhr man gewöhnlich nach der Südspitze Italiens. Dion indeß hatte einen andern Weg eingeschlagen.
138 Die Friedensbedingungen des Dionysius wurden indeß nicht angenommen und im J. 356 erfolgte dessen vollständige Vertreibung. Apollocrates war ein Sohn des Dionys.
139 Ilias II, 204. οὐκ ἀγαθόν πολυκοιρανίης· εἷς κοίρανος ἔστω „Niemals frommt Vielherrschaft im Volk; nur Einer sei Herrscher.“
140 Die er sich durch die Ermordung des Heraclides entfremdet hatte.
141 Nicht Callicrates, sondern Callippus hieß jener Mensch.
142 Es geschieht dies nur oben im 5. Cap. Die andern Stellen müssen also in den verloren gegangenen Büchern des Nep. gestanden haben.
143 Man hat nicht an die von Callicrates aufgestellten Wächter, sondern an die gewöhnlichen Leibwächter des Dion zu denken, die jedoch vorher nicht erwähnt sind.
144 Im J. 353.
145 Parma war ein runder, Pelta ein leichter halbmondförmiger Schild. Peltasten jedoch, im Gegensatz zu den schwerbewaffneten Hopliten, gab es schon lange vor Iph. Dieser scheint nur die leichtere Bewaffnung vorzugsweise bei den Söldnern eingeführt zu haben.
146 Seuthes ist derselbe wie Alcib. 8.
147 Die Mora war eine Abtheilung des spartan. Fußvolkes, die zu verschiedenen Zeiten von 400 bis zu 900 Mann angegeben wird.
148 Artaxerxes ist Mnemon 405–359.
149 Wie es scheint, ist an Fabius Cunctator zu denken.
150 Im J. 369.
151 Die chronolog. Reihenfolge ist ungenau. Die Kriegsthaten in Thracien fallen in die Jahre 389–387, die bei Corinth 393–391, während des sogenannten corinthischen Krieges, der Feldzug in Aegypten 377–374.
152 Amyntas, König von Macedonien, Vater Philipp’s und Großvater Alexander des Gr. Iphicrates stand damals (368) mit einem Heere in Thracien.
153 Den Bundesgenossenkrieg führte Athen gegen seine abgefallenen Bundesgenossen Chios, Byzanz, Rhodus 357–355. Ueber den Proceß des Iphicr. s. Ausführlicheres Timoth. 3.
154 Im J. 378.
155 Sie mußten sich auf das rechte Knie niederlassen, das linke vorgebogene aber gegen den Schild stemmen, den sie am linken Arme trugen, und der nun den ganzen Körper gegen den Feind deckte.
156 Diese in den Handschriften verderbte Stelle lesen wir nämlich so: ut postea athletae ceterique artifices suis statibus in statuis ponendis uterentur,cum victoriam essentadepti.
157 Auch hier ist die chronologische Reihenfolge nicht genau beobachtet. Der Kriegszug nach Cypern, um den Evagoras gegen die Perser zu unterstützen, fällt in das J. 388, die erste Expedition nach Aegypten 379, die zweite, in Verbindung mit Agesilaus, 361. Zurückberufen wurde er von der ersten, nicht von der zweiten. Uebergangen ist von Nep. der wichtige Seesieg des Chabrias über die lacedämonische Flotte bei Naxos 376 im thebanisch-lacedämonischen Kriege.
158 Das Wegwerfen der Waffen galt für schimpflich.
159 Im J. 357.
160 Im J. 439, wo Pericles die Insel bekriegte und eroberte.
161 Die Verdächtigung des Agesilaus, als sei er eigennützig gewesen, ist ungerecht. Vgl. Ages. 7.
162 Crithote und Sestos lagen im thracischen Chersones am Hellespont.
Die Reihenfolge der Begebenheiten war diese: im J. 375 die im 2. Cap. erzählten Erfolge zur See während des thebanisch-lacedämonischen Krieges; um 366 der Zug zur Unterstützung des Satrapen von Phrygien Ariobarzanes, der von Artaxerxes abgefallen war. Hieran knüpfte sich die Eroberung von Samos. Im J. 364 folgte der Krieg gegen Olynth auf der macedonischen Halbinsel Chalcidice, das jedoch selbst nicht unterworfen wurde, ferner die Befreiung von Cyzicus in Kleinasien an der Propontis, und wahrscheinlich auch der Zug gegen Byzanz und den thracischen König Cotys.
163 Den die Athener durch den unglücklichen Ausgang des peloponneschen Krieges verloren hatten.
164 Ein Weihepolster (pulvinar) diente dazu, um die Bildnisse der Götter und die ihnen dargebrachten Opfergaben bei feierlichen Gelegenheiten darauf zu setzen. Altäre der Friedensgöttin gab es übrigens schon früher zu Athen.
165 Das hier Erzählte begab sich im Bundesgenossenkriege 355. Samos jedoch war nicht selbst abgefallen, sondern nur von den abgefallenen Bundesgenossen besetzt worden. Beim Hellespont ist vorzugsweise an Byzanz zu denken. Chares befehligte nicht gegen Philipp, sondern gegen die Bundesgenossen. „Die athenischen Feldherren fuhren nicht nach Samos, sondern nach Byzanz, dem die Feinde von Samos aus zu Hülfe eilten. Die Flotten trafen sich im Hellespont. Chares wollte trotz eines heftigen Sturmes die Schlacht beginnen, und da sich die übrigen Feldherren dessen weigerten, verklagte er sie in Athen, daß durch ihre Schuld die Schlacht unterblieben sei.“ Nipp.
166 Im J. 354. Tim. konnte die hohe Buße nicht bezahlen und ging daher in freiwillige Verbannung, um nicht wie Miltiades eingekerkert zu werden. Zu Chalcis auf Euböa starb er noch im J. 354.
167 Eine Völkerschaft in Medien am caspischen See.
168 Im J. 382.
169 Pylämenes wurde nach Homer (Il. V, 576.) nicht von Patroclus, sondern von Menelaus getödtet.
170 Der schon Timoth. I. erwähnte Satrap von Phrygien (nicht von Jonien und Lydien), der später von Artaxerxes abfiel, vgl. Cap. 5.
171 Im J. 379.
172 Seestadt in Phönizien, später Ptolemais, jetzt St. Jean d’Acre.
173 S. zu Trasyb. 4.
174 Captianer sind sonst nicht bekannt; möglich, daß der Name verschrieben ist.
175 Die Rechte schicken, dextram mittere, δεξιάν πέμπειν, war eine nicht ungewöhnliche Förmlichkeit. Es konnte entweder durch Vermittelung einer dritten Person oder durch schriftliche Versicherung geschehen. Man denke z. B. an den sterbenden Darius Codomannus.
176 Im J. 361.
177 Dieser Theil bleibt nachher unerledigt, insofern wenigstens eine besondere Aufzählung der Thaten des Epaminondas vermißt wird. Der Grund ist wohl, weil die hauptsächlichsten bereits im Laufe der übrigen Erzählung erwähnt sind.
178 Ephebe, ἔφηβος, hieß der Jüngling vom 18. bis zum 20. Lebensjahre.
179 Der Ringkampf pflegte nämlich auch dann noch fortgesetzt zu werden, wenn die Ringer zu Boden gefallen waren, also im Liegen. Dann entschied aber weniger die Behendigkeit als die Körperstärke.
180 Artaxerxes Mnemon 405–359.
181 in vielen Tausend Zeilen (versus): Die Alten schrieben bekanntlich ihre Bücher auf lange Streifen Papier oder Pergament, die zusammengerollt wurden (volumen). Deshalb zählten sie nicht nach Seiten, sondern nach Zeiten.
182 In der Schlacht bei Leuctra in Böotien im J. 371.
183 Im J. 370.
184 Alcmäon tödtete seine Mutter Eriphyle, weil durch ihren Verrath sein Vater Amphiaraus genöthigt worden war, an dem unglücklichen Kriegszuge der Sieben gegen Theben theilzunehmen, wobei er umkam.
185 Im J. 371.
186 Im J. 368.
187 Im J. 369.
188 Die Erwähnung dieser Schlacht gehörte genau genommen nicht her, weil sie nicht 369, sondern schon 371 vorfiel. Doch war sie des Epaminondas ausgezeichnetste und für sein Vaterland folgenreichste Waffenthat.
189 Ein eigentlicher Angriff auf die Stadt Sparta erfolgte im J. 369 noch nicht, sondern erst 362 vor der Schlacht bei Mantinea. Damals wurde nur die Umgegend der Stadt verwüstet.
190 Messene hatte seit den messenischen Kriegen unter der Herrschaft Sparta’s gestanden. Durch Epaminondas wurde es wieder zu einem selbstständigen Staate erhoben.
191 In Arcadien.
192 Im J. 362.
193 Dies ist nicht von einer wirklichen Unterthänigkeit zu verstehen, sondern so, daß Theben als ein Staat zweiten Ranges von den Hauptstaaten Athen und Sparta immer mehr oder minder abhängig war.
194 Im J. 382.
195 Von der Partei der Optimaten. Die Gegenpartei ist also die des Volkes.
196 Die höchsten Beamten führten in Theben den Namen Polemarchen.
197 Wir lesen nämlich cum canibus venaticis ierunt statt des handschriftlichen exierunt.
198 Im J. 379.
199 S. die Berichtigung zu Epamin. 8.
200 Im J. 369.
201 Messene wurde bereits 369 hergestellt. Durch seine Gesandtschaft im J. 367, die übrigens noch andere Zwecke hatte, bewirkte Pelop., daß auch der Perserkönig den Lacedämoniern befahl auf Messene zu verzichten.
202 Im J. 367.
203 Im J. 367.
204 Im J. 364.
205 Die „Agesilaus“ betitelte Lobschrift, welche hier Nep. im Sinne hat, und der er auch in seiner Lebensbeschreibung des Ag. mehrfach gefolgt ist, wurde allerdings früher allgemein dem Xenophon zugeschrieben. Es ist jedoch so gut wie gewiß, daß sie nicht von ihm herrührt.
206 Im J. 398.
207 Die Lacedämonier führten schon seit dem J. 400 Krieg in Asien mit dem König. Agesilaus wurde auf die Nachricht, daß der König eine Flotte rüste, mit neuen Truppen nach Asien gesandt.
208 Im J. 396.
209 Im J. 395.
210 Nep. denkt hier an Cäsar, Antonius und Octavianus, die dadurch, daß sie gegen die Befehle des Senates Provinzen behielten oder in Besitz nahmen, Veranlassung zu den Bürgerkriegen und zum Umsturz des Freistaates gaben.
211 Themist. 5 gab Nep. einer andern Quelle folgend nur 6 Monate an. Nach Herod. VIII. 51 waren es nur 4 Monate.
212 In Böotien
213 Im J. 394.
214 Der corinthische Krieg dauerte von 394-387. Die hier erwähnte Schlacht ereignete sich noch vor der bei Coronea, als Agesilaus noch auf dem Rückmarsche aus Asien begriffen war. Er konnte also auch nicht in derselben commandiren. Die Zahl der Gefallenen ist jedenfalls übertrieben.
215 Im J. 471.
216 Im J. 469.
217 Nicht aus des Eurysthenes, sondern aus des Procles Geschlecht sammte Ag.
218 Tachus hatte sich zum König von Aegypten aufgeworfen. Ag. verließ ihn bald und schloß sich an seinen Gegner Nectanabis an, der nun den Tachus vertrieb.
219 Im J. 361.
220 Im J. 361.
221 Stadt im Norden des thracischen Chersones.
222 Damit ist kein gewöhnlicher Schreiber gemeint, denn diese standen auch in Griechenland in keinem größern Ansehen als zu Rom, sondern der Posten eines Staatsschreibers oder Staatssecretärs.
223 Im J. 336.
224 336–323.
225 Im J. 323.
226 Im J. 321.
227 Im J. 321.
228 Im J. 320. Nora lag nicht in Phrygien, sondern zwischen Cappadocien und Cattaonien.
229 Richtiger würde gesagt sein: den Vorderkörper; denn der Riemen konnte nicht wohl anders als hinter den Vorderbeinen befestigt werden.
230 Die Einschließung dauerte nicht bloß mehrere Monate, sondern vom Winter des Jahres 320 bis zum Frühling 318, also über ein Jahr.
231 Im J. 318.
232 Von der Roxane, der damals etwa fünfjährige Alexander. Der andre Sohn Alexanders des Großen, von der Barsine, hieß Heracles.
233 Im J. 317.
234 Nepos braucht den Ausdruck principia, was bei den Römern den Hauptweg und den in dessen Mitte befindlichen Hauptplatz des Lagers bezeichnete, wo sich die Altäre, Feldzeichen, das Zelt des Feldherrn und der Versammlungsplatz der Befehlshaber befanden. Das griechische Lager hatte diese Einrichtung nicht, doch stand jenes Zelt in der Mitte des Lagers.
235 Des im vorigen Capitel erwähnten jungen Alexanders. Eumenes wollte den jungen, obwohl abwesenden König als Oberfeldherrn angesehen wissen, damit er selbst scheinbar im Range nicht höher stände, als die beim Heere befindlichen hohen macedonischen Befehlshaber.
236 Eine Völkerschaft zwischen Medien und Persis.
237 Im J. 316.
238 Veteranen hießen bei den Römern die altgedienten Krieger, welche die gesetzmäßige Zahl von Feldzügen mitgemacht hatten, sich aber dann noch für längeren Kriegsdienst anwerben ließen. Gegen das Ende der Republik hatten sich diese Truppen mehrfacher Meutereien gegen Julius Cäsar, Antonius und Octavianus schuldig gemacht.
239 Ledersäcke (cullei): Diese wurden sonst nicht zum Fortschaffen von Wasser gebraucht.
240 Der Kälte halber hatten die Soldaten des Antigonus dennoch Feuer angezündet.
241 Die Griechen theilten die Nacht nur in drei, die Römer in vier Nachtwachen.
242 Im J. 316.
243 Sogleich nach des Eumenes Tode nahmen sie nicht den königlichen Titel an, sondern erst im J. 306. Dagegen ist richtig, daß sie seit dem Tode des Eumenes die Sache der Familie Alexanders immer offener verriethen. Antigonus und Seleucus warfen sich in Asien, Ptolemäus in Aegypten, Lysimachus in Thracien, Cassander, Antipaters Sohn, in Macedonien zu Königen auf.
244 Nämlich der Rechte von Alexanders Familie.
245 Dies soll nicht heißen, daß man von Kriegsthaten des Phocion überhaupt nichts wisse, – er war 45 mal Strateg und ein anerkannt tüchtiger Feldherr – sondern nur, daß dieselben vor dem großen Ruhme seiner Rechtschaffenheit verschwinden. Der Ausdruck ist jedenfalls zu stark gewählt.
246 D. h. auf Kosten meines guten Namens, wenn man ihm nämlich hätte nachsagen können, daß er von den Macedoniern Geschenke genommen habe. Der Sohn des Phocion Namens Phocus lebte ausschweifend.
247 Ein athenischer Redner und Staatsmann, zur macedonischen Partei gehörig und Gegner des Demosthenes.
248 Im J. 322.
249 Ueber Chares vgl. Chabr. 3. Timoth. 3. Phocion ist hier von N. ungerecht beurtheilt. Ob ihm Demosthenes früher wirklich Dienste geleistet hatte, muß dahingestellt bleiben, ist aber sonst nicht bekannt. Als politische Gegner standen sich beide deshalb gegenüber, weil Demosthenes stets zum Kriege mit den Macedoniern rieth, Phocion dagegen das Heil des Staates im Frieden mit diesen zu erkennen glaubte. Der mit Antipater von Phocion und Demades im J. 322 abgeschlossene Vertrag war kein Verrath am Vaterlande, sondern der einzig noch übrige Weg, um Athen zu retten, weil Widerstand nicht möglich war: ebenso wenig aber ein Verrath an Demosthenes, da Antipater die Auslieferung desselben, sowie seiner übrigen Gegner als unabweisbare Bedingung forderte. Hinsichtlich des Piräeus berichten andere Schriftsteller, Phocion habe zwar die ersten Warnungen vernachlässigt, als aber Nicanor wirklich eingedrungen sei, habe er die Bürger gegen ihn aufgeboten, bei diesen jedoch keinen Gehorsam gefunden.
250 S. zu Milt. 6.
251 Sie wurden theils zum Tode, theils zur Verbannung verurtheilt, aber die ersteren entzogen sich der Hinrichtung durch die Flucht. Phocion selbst war noch nicht verurtheilt, sondern des Verrathes angeklagt, begab er sich zu Polysperchon, um sich zu rechtfertigen. Das Volk schickte aber ebenfalls Ankläger dorthin, die es erreichten, daß er nach Athen zurückgebracht wurde, um daselbst vor Gericht gestellt zu werden.
252 Im J. 318.
253 Nämlich vor Gericht. Die tobende Volksmenge unterbrach ihn wiederholt.
254 Im J. 364.
255 Im J. 346.
256 Im J. 344.
257 Hicetas war Tyrann von Leontini in Sicilien und vor der Ankunft des Timoleon von den Syracusanern gegen Dionys zu Hülfe gerufen worden. Allein er strebte selbst nach der Herrschaft von Syracus und verband sich deshalb mit den Carthagern. Timoleon bekriegte ihn von 344 bis 340, wo er ihn tödtete.
258 Im J. 341. Die Carthager behielten nach der Niederlage am Crinissus ihre Besitzungen bis zum Fluß Lycus (Plut. Timol. 34. Diod. XVI, 82.). Nipp.
259 Mamercus war Tyrann von Catana in Sicilien.
260 Im J. 339.
261 Dionys der ältere war es, der die Burg von Syracus befestigte.
262 Die Theater wurden bei den Griechen häufig als Versammlungsplätze benutzt.
263 Automatia ist die Göttin, welche die ohne menschliches Zuthun eintretenden Ereignisse bewirkt.
264 Im J. 337.
265 Gymnasien hießen bei den Griechen öffentliche Gebäude, welche zu körperlichen Uebungen aller Art bestimmt waren.
266 In dem Buche „von den Königen auswärtiger Nationen“, s. die Einleitung.
267 560–529.
268 521–485.
269 485–473.
270 Macrochir (μακρόχειρ) Langhand. 473–424.
271 Mnemon (μνήμων) mit gutem Gedächtniß. 405–359.
272 359–336.
273 336–323.
274 In Macedonien
275 297–272.
276 406–367.
277 Demetrius hatte den Beinamen Poliorcetes (πολιορκητής), der Städteeroberer.
278 Ueber die hier genannten Könige s. zu Eum. 13.
279 Im J. 301. Antigonus fiel in der Schlacht bei Ipsus in Phrygien.
280 Im J. 281.
281 Im J. 283.
282 Im J. 280.
283 Nicht der eben erwähnte Ceraunus (κεραυνός, Blitz), sondern sein Vater, mit dem Beinamen Lagi (d. i. Sohn des Lagus) oder Soter (σωτήρ, Retter). Der Sohn, welcher ihm in der Regierung folgte, hieß Ptolem. Philadelphus (φιλάδελφος, bruderliebend). Daß dieser aber seinen Vater getödtet habe, ist ein Irrthum.
284 Im J. 283.
285 Im J. 247. Bei Hamilcars Ankunft in Sicilien hatten die Carthager nur noch einige Punkte der Westspitze inne, dagegen hatten sie damals auf dem Meere die Oberhand. Hamilcar besetzte erst den Berg Circte (jetzt Monte Pellegrino bei Palermo), nachher auch die Stadt am Berge Eryx, dessen Gipfel und Fuß jedoch die Römer behaupteten. Die Aeußerung „es habe geschienen, als sei dort gar kein Krieg geführt worden“ ist ebenso übertrieben, wie die ähnliche am Schluß des 2. Cap.
286 C. Lutatius hieß vollständig C. Lutatius Catulus. Unten ist er nur mit dem letzteren Namen genannt.
287 Die ägatischen Inseln liegen an der Westspitze Siciliens.
288 Im J. 242.
289 Er glaubte, im vorigen Kriege hätten die Römer weniger durch ihre Tapferkeit, als durch die Ungeschicklichkeit der carthag. Feldherrn gesiegt.
290 Im J. 241.
291 Hülfstruppen schickten die Römer den Carthagern nicht, sondern sie ließen sie durch Zufuhr unterstützen, während sie ihren Gegnern Hülfe verweigerten.
292 Im J. 239.
293 Im J. 238.
294 Im J. 237.
295 Im J. 229.
296 Im J. 221.
297 Indem er die unterworfenen Völker nöthigte, den Carthagern Truppen zu stellen.
298 Philipp, der fünfte von Macedonien, 220–179 v. Chr. Er führte zwei Kriege gegen die Römer, 211–205 und 200–196.
299 Antiochus, der Große von Syrien, 223–187. Sein Krieg gegen die Römer dauerte von 192–189.
300 Im J. 237.
301 Im J. 229.
302 Im J. 221.
303 Im J. 219.
304 Im J. 218.
305 Im J. 218.
306 Im Frühjahr 218 ging Hannibal über den Ebro und eroberte das Land zwischen diesem Flusse und den Pyrenäen. Mit Beginn des Sommers überstieg er die Pyrenäen; an der Rhone langte er gegen Ende Juli an. Die Alpen überschritt er, und zwar auf dem Wege über den kleinen St. Bernhard, zu Anfang des September.
307 Das Treffen an der Rhone war ein nicht sehr bedeutendes Reitergefecht, worin nach andern Nachrichten die Römer Sieger blieben.
308 Nicht am Po, sondern am Ticinus fiel die erwähnte zweite Schlacht vor. Clastidium wurde erst nachher von Hannibal eingenommen.
309 Im J. 218.
310 Im J. 217.
311 Im J. 216.
312 Im J. 211.
313 Im J. 217.
314 Im J. 212.
315 Im J. 208.
316 Der Uebergang über den Apennin erfolgte im Frühjahr 217, die Schlacht am trasimenischen See noch im April dieses Jahres. Von da an sind die Ereignisse nicht in der rechten Reihenfolge erzählt. Der Feldzug des Dictator Fabius (Cunctator) gegen Hannibal, sowie die Besiegung des Minucius fällt noch in das J. 217, also noch vor die Schlacht bei Cannä gegen die Consuln C. Terentius Varro und L. Aemilius Paulus. Diese erfolgte 216, der Tod des Gracchus 212, der Zug Hannibals bis vor die Thore Rom’s erst 211. Ueber Gracchus und Marcellus – den Eroberer von Syracus – mußte es richtiger heißen, daß jener nach seinem zweiten, dieser während seines fünften Consulates getödtet worden sei.
317 Im J. 203.
318 Die fehlerhafte handschriftliche Lesart adversus P. Scipionem, quem – fugarat scheint so zu ergänzen: adversus P. Scipionem, Publii, quem – fugarat, filium. Wozu man Liv. 26, 18. vergleiche: P. Cornelius, Publii qui in Hispania ceciderat, filius. Die Römer pflegen, wenn sie neben dem Namen des Sohnes, wie sehr häufig, den des Vaters angeben, nur den Vornamen des letzteren zu setzen. Da diese genealogischen Beifügungen zudem abbrevirt zu werden pflegten – statt Publii filium blos P. F. – so konnte eine solche um so leichter ausfallen.
319 Im J. 202.
320 Nämlich römische, die Meile zu 1000 Schritt.
321 Im J. 201.
322 Dies scheint unrichtig, da der Friede den Carthagern verbot, ohne Einwilligung der Römer Krieg zu führen
323 Stadt in Latium.
324 Ueber Mago scheint die Nachricht des Livius 30, 19. richtiger, daß er zu Ende des J. 203, zu gleicher Zeit mit Hannibal, aus Ligurien nach Afrika zurückberufen worden, aber auf der Ueberfahrt an seinen Wunden gestorben sei.
325 Der carthagische Name für diese Beamten war Suffet.
326 Im J. 196.
327 Bei Thermopylä wurde Antiochus im J. 191 von den Römern geschlagen.
328 Antiochus schloß Frieden, nachdem er im J. 190 noch eine zweite Niederlage am Berge Sipylus im westlichen Kleinasien erlitten hatte. Er mußte die Auslieferung des Hannibal versprechen.
329 Im J. 189.
330 Nicht Lucius, sondern Titus Quintius Flamininus war der Name dieses Römers.
331 Im J. 183.
332 Im siebzigsten Jahre ist ungenau. War Hannibal 237 neun Jahr alt, so zählte er 183 nicht mehr als 63 Jahre. Die nachher angegebenen Consulate fallen der Reihe nach in die Jahre 183. 182. 181. Das erstgenannte hat am meisten für sich.
333 Atticus ist derselbe, dessen Leben noch folgt. Ueber sein Jahrbuch der röm. Geschichte s. Att. 18.
334 Ueber Polybius s. die Einleit.
335 Sulpicius Blitho ist sonst nicht bekannt.
336 Cn. Manlius Vulso besiegte im J. 189 die Gallier in Kleinasien und schloß den Frieden mit Antiochus, wobei die Rhodier als Bundesgenossen der Römer näher betheiligt waren.
337 M. Perpenna oder Perperna wurde wenige Jahre nach dem Tode Cato’s geboren und starb 49 v. Chr.
338 Um den gerichtlichen Verhandlungen, welche dort stattfanden, beizuwohnen und sich dadurch zum Redner und Staatsmann zu bilden.
339 Mit diesem Jahre wurde gewöhnlich der Kriegsdienst begonnen.
340 Im J. 214.
341 Jede Legion hatte deren sechs, welche abwechselnd das Commando führten.
342 Im J. 207. Sena, Stadt in Umbrien, jetzt Senigaglia.
343 P. Cornelius Scipio, der erst nach Beendigung des Krieges den Beinamen Africanus erhielt, war im Jahre vorher, 205, Consul gewesen; im J. 204 behielt er den Oberbefehl mit consularischer Gewalt.
344 Im J. 204, durch’s Loos; denn die Quästoren loosten darüber, welchem Consul oder Prätor sie folgen sollten. Ueber das enge Verhältniß derselben zu ihrem Vorgesetzten sagt Cicero (div. in Caec. 19, 61.): „es ist bei uns altherkömmliche Sitte, daß der Consul oder Prätor bei seinem Quästor gleichsam Vaterstelle vertrete.“
345 Neben den beiden plebejischen Aedilen gab es noch zwei curulische, die ursprünglich aus den Patriciern gewählt wurden.
346 Im J. 199.
347 Im J. 198.
348 Q. Ennius, im J. 239 v. Chr. zu Rudiä in Calabrien geboren, war einer der ältesten römischen Dichter, berühmt besonders durch ein episches Gedicht, Annales (Jahrbücher), worin er die römische Geschichte bis auf seine Zeit behandelte. Wie es scheint, stand er damals als Soldat in Sardinien.
349 Im J. 195.
350 Auch die Provinzen, in welche die Consuln und Prätoren zu gehen hatten, wurden durch das Loos bestimmt. Es war damals noch Brauch, daß Consuln und Prätoren während ihres Amtsjahres selbst in die Provinzen gingen, nicht erst nach Ablauf desselben, wie es später eingeführt wurde. Unten in seiner Erzählung von Scipio hat dies Nep. verwechselt. Nach Ablauf seines Consulates hatte dieser überhaupt keine Veranlassung mehr, sich in eine Provinz zu begeben.
351 Im J. 184.
352 Wegen seiner Strenge als Censor erhielt Cato den Beinamen Censorius.
353 Edicte hießen die öffentlichen Bekanntmachungen oder Verordnungen der Prätoren und Censoren beim Antritt ihres Amtes. Zum Theil waren die Bestimmungen dieser Edicte stehende, die sich jedesmal wiederholten.
354 Er starb 149, wurde also einige achtzig Jahre alt. Hier ist auf die ganze Lebenszeit ausgedehnt, was nur von der Zeit seiner Öffentlichen Wirksamkeit gelten kann.
355 Er soll gegen fünfzigmal gerichtlich angeklagt worden sein.
356 Servius Sulpicius Galba vernichtete im J. 150 durch Verrath einen großen Theil der Lusitaner (im jetzigen Portugal) und verkaufte die übrigen.
357 Er gab nämlich bei jedem Jahre die Namen der Consuln und Prätoren und die Provinzen an, in welche sie geschickt wurden; im Verlauf der Erzählung aber bediente er sich nur der Bezeichnungen „der Consul“ oder „der Prätor“.
358 Spanien wurde nämlich von den Römern in ein diesseitiges und jenseitiges getheilt Hispania citerior und ulterior.
359 Die Pomponier leiteten ihre Abstammung von Pompo, einem Sohne des Numa Pompilius her. Geboren war Atticus im J. 109 v. Chr.
360 L. Manlius Torquatus war im J. 65 v. Chr. Consul.
361 C. Marius ist der Sohn des bekannten Marius, des Besiegers der Cimbern und Teutonen.
362 M. Tullius Cicero, der berühmte Redner, geb. 106, Consul 63, gest. 43 v. Chr.
363 Im J. 88. P. Sulpicius wollte im J. 88 den Oberbefehl im mithridatischen Kriege von Sulla auf Marius übertragen, wurde aber von ersterem geächtet und getödtet.
364 D. h. mit Servius Sulpicius, dem Bruder des P. Sulpicius.
365 Im J. 87.
366 Im J. 86.
367 Nämlich des Gesetzes.
368 Midias war ein angesehener Athener, der bei der Einnahme Athens durch Sulla von diesem Schonung der übrig gebliebenen Bürger erlangt hatte.
369 Im J. 84, nach Beendigung des mithridatischen Krieges.
370 Die Gefahren Cicero’s begannen erst mit seinem Consulate im J. 63, seine Verbannung fällt in das J. 58. Da Atticus zu jener Zeit bereits wieder in Rom war, so führt Nep. dies nur als Beispiel für die Bereitwilligkeit des Atticus an seinen Freunden zu helfen.
371 Der Sesterz war eine Silbermünze im Werth von 21/2 As, ungefähr 6 kr. rhein.
372 Im J. 65.
373 L. Licinius Lucullus, bekannt als Feldherr im dritten mithridatischen Kriege und durch seinen ungeheuern Reichthum.
374 Q. Tullius Cicero, Bruder des Marcus.
375 Q. Hortensius Hortalus, geb. 114, gest. 50. Er war der berühmteste Redner, ehe Cicero sein Rednertalent vollständig entwickelte. Später war ihm dieser entschieden überlegen.
376 D. h. ohne Anwendung unedler Mittel.
377 Es sind namentlich die Versteigerungen von Gütern geachteter Bürger gemeint, durch deren Ankauf sich in jener Zeit Viele bereicherten.
378 Die Römer verpachteten alle Staatseinkünfte an einzelne Capitalisten oder an ganze Gesellschaften solcher, die dann auf ihre Rechnung die Beitreibung der Zölle, Steuern u. s. w. besorgten.
379 D. h. er ließ sich nicht vom Prätor zum Einzelrichter bei Privatprocessen ernennen.
380 Präfecturen hießen Befehlshaberstellen in den Provinzen, welche die Consuln oder Prätoren vergaben. Solche Posten boten viel Gelegenheit sich zu bereichern.
381 Legaten hießen die den Statthaltern der Provinzen zunächststehenden Amtsgehülfen.
382 Wegen etwaiger Erpressungen, wie sie sich die meisten Beamten in den Provinzen erlaubten.
383 Im J. 49.
384 Dienstbefreiung trat mit dem 46. Jahre ein.
385 Im J. 44.
386 Des nachher noch mehrmals genannten M. Junius Brutus und des D. Junius Brutus, die mit Cassius die Häupter der Verschwörung gegen Cäsar gewesen waren.
387 D. i. M. Antonius. Die Sachlage war diese. Brutus und Cassius mußten, nachdem das Volk und die Veteranen durch Antonius gegen die Mörder Cäsars aufgereizt worden waren, ihrer Sicherheit wegen Rom verlassen. Da sie aber als Prätoren gesetzlich nur 10 Tage von der Stadt abwesend sein durften, so bewirkte der Consul Antonius, um einen schicklichen Vorwand zu haben, sie noch länger von Rom entfernt zu halten, einen Senatsbeschluß, daß ihnen der Auftrag ertheilt würde, Getreide aus den Provinzen nach Rom zu schaffen, und zwar dem Brutus aus Asien, dem Cassius aus Sicilien. Den wahren Grund dieses Auftrages, und daß sie durch ihre Entfernung in die Provinzen gewissermaßen in’s Exil geschickt würden, sahen beide wohl ein. Allein an der Möglichkeit ihrer Rückkehr nach Rom verzweifelnd, beschlossen sie endlich, namentlich auf den Rath des Cicero, Italien zu verlassen. Statt daß sie sich jedoch, wie man glaubte, in die oben genannten Provinzen begaben, wendeten sie sich, durch das immer feindlicher werdende Verfahren des Antonius veranlaßt, nach Macedonien und Syrien, um von dort aus diesen zu bekriegen.
388 Dort besaß nämlich Atticus beteutende Güter, vgl. Cap. 11. und 14.
389 Im J. 43.
390 Atticus war weder der Fulvia noch dem Antonius von früher her in dem Grade verpflichtet, daß sich allein daher sein damaliges Benehmen gegen Leute von so verwerflichem Charakter erklären ließe. Ohne Zweifel bestimmte ihn vielmehr kluge Voraussicht der kommenden Ereignisse, wie sehr dies auch Nep. in Abrede stellt.
391 Jener Glückswechsel trat durch den Abschluß des Triumvirates zwischen Antonius, Octavianus und Lepidus ein.
392 Dorthin flüchteten viele Geächtete, weil jene Gegenden in der Gewalt des Brutus und Cassius waren. Die erwähnte Unterstützung fanden sie auf den Gütern des Atticus. Siehe zu Cap. 8.
393 Im J. 42.
394 Der junge Cäsar ist Octavianus, der dadurch, daß ihn Julius Cäsar adoptirt hatte, den Namen C. Julius Cäsar Octavianus erhalten hatte. M. Vipsanius Agrippa (geb. 63, gest. 12) war sein treuer Freund, kluger Rathgeber und ausgezeichneter Feldherr, dem er einen guten Theil seiner Erfolge verdankte.
395 Nep. glaubt die Nennung des Antonius als Vermittlers der Heirath entschuldigen zu müssen, da derselbe, als dies geschrieben wurde, bereits mit Octavianus verfeindet war.
396 Octavianus, Antonius und Lepidus nannten sich triumviri reipublicae constituendae, Triumvirn zur Feststellung der Staatsverfassung. Hier steht im Text kürzer blos triumvir reipublicae.
397 T. Lucretius Carus war der Verfasser eines Lehrgedichtes „von der Natur der Dinge“; C. Valerius Catullus, ein lyrischer Dichter und Freund des Nepos. Beide starben um das J. 50 v. Chr. Ihre Gedichte sind noch vorhanden.
398 Arretium lag in Etrurien, Nomentum im Sabinischen.
399 Die weise Sparsamkeit des Atticus hat Nepos um so nachdrücklicher hervorgehoben, je furchtbarer bereits damals sinnlose Verschwendung und Ueppigkeit unter den vornehmen Classen Roms überhandnahmen. Es zeigte sich dies vorzüglich in der Sucht eine Menge von Kunstwerken und andern kostbaren und seltenen Gegenständen aufzukaufen, um damit zu prunken. Man führte ungeheure und prächtige Bauten aus, und legte mit unglaublichem Aufwand Gärten und Landhäuser an. Es galt für einen Ehrenpunkt, nicht nur eine große Zahl, sondern auch besonders schöne und in allen möglichen Kunstfertigkeiten geübte Sklaven zu haben, die dann oft mit sehr hohen Preisen bezahlt wurden. Der Luxus bei Gastmählern wurde, abgesehen von dem Aufwand für die seltensten und kostbarsten Gerichte, noch dadurch gesteigert, daß man die Gäste bei Tafel durch Musiker, Sänger, Tänzer, Schauspieler u. dgl. unterhalten ließ. Alle solche kostbaren Liebhabereien vermied Atticus, obwohl ihm die Mittel dazu nicht fehlten. Seine Dienerschaft zog er sich sogar selbst aus den im Hause gebornen Sklaven heran. Die monatliche Ausgabesumme von 3000 Sesterzen würde jedoch zu gering erscheinen, wollte man nicht annehmen, daß damit nur die laufenden Ausgaben für den Haushalt gemeint seien.
400 Cato ist M. Porcius Cato mit dem Beinamen Uticensis, weil er sich nach der Schlacht bei Thapsus, um sich nicht dem Cäsar unterwerfen zu müssen, in Utica selbst tödtete, im J. 46 v. Chr.
401 Die jetzt vorhandene Sammlung von Briefen des Cicero an Atticus zählt 16 Bücher. Es scheint also bei der jedenfalls erst nach Atticus’ Tode erfolgten Herausgabe die Sammlung anders als vorher eingetheilt worden zu sein.
402 Es ist dies das bereits Hannib. 13. erwähnte „Jahrbuch (liber annalis)“ des Atticus, welches die ganze röm. Geschichte bis zum J. 54 v. Chr. umfaßte.
403 C. Claudius Marcellus war Consul 50 v. Chr. und Schwager des Octavianus. Cornelius Scipio war von Q. Metellus Pius adoptirt und hieß dann eigentlich Q. Cäcilius Metellus Pius Scipio, Schwiegervater des Pompejus, Consul 52 v. Chr., tödtete sich im Bürgerkriege 46 v. Chr. Q. Fabius Maximus war Consul und starb 45 v. Chr. Sowohl er als Scipio hatten Interesse an den Aemiliern, aus denen zwei Brüder, Söhne des Aemilius Paulus, Besiegers des Perseus, einer in’s Geschlecht der Scipionen, der andere in das der Fabii Maximi adoptirt waren. Nipp.
404 Der Sohn des Göttlichen (divi filius) heißt Octavian als Adoptivsohn des Julius Cäsar, der nach seinem Tode den Ehrennamen „der Göttliche“ erhalten hatte. – Tiberius Claudius Nero ist der spätere Kaiser Tiberius. Der vollständige Name seiner Mutter war Livia Drusilla.
405 Antonius hielt sich damals vorzugsweise in Aegyptien und Asien auf.
406 Im J. 32.
