1. Nach der Ermordung Cäsar’s, ungefähr im Jahre der Stadt 709., erneuerten sich die bürgerlichen Kriege. Die Mörder Cäsar’s genoßen nämlich die Gunst des Senats. Antonius, von der Partei Cäsar’s, suchte durch einen Bürgerkrieg ihre Macht zu brechen. Er störte die öffentliche Ruhe durch allerlei Umtriebe, erlaubte sich manche Verbrechen und wurde deshalb vom Senat für einen Feind erklärt. Mit seiner Verfolgung wurden die zwei Consuln Pansa und Hirtius, so wie der junge Octavianus beauftragt. Dieser war damals achtzehen Jahre alt, ein Neffe Cäsars, den Derselbe mit der Verordnung, daß er seinen Namen führe, zu seinem Erben eingesetzt hatte. Dieser ist derselbe, welcher nachher Augustus hieß und Alleinherrscher wurde. So zogen also drei Heerführer gegen Antonius aus und schlugen ihn. Indeß traf der Tod beide Consuln im Laufe ihres Siegs. So hatte der einzige Cäsar Augustus drei Heere zu befehligen.
2. Der fliehende Antonius nahm nun nach dem Verluste seines Heers seine Zuflucht zu Lepidus, welcher Reiterobrist Cäsar’s gewesen, und damals bedeutende Truppenmassen beisammen hatte: und hier fand er Aufnahme und Schutz. Auf die Verwendung des Lepidus söhnte sich Cäsar mit Antonius aus, und als wollte er den Tod seines Vaters rächen, der ihn in seiner letzten Willenserklärung an Kindes statt angenommen hatte, rückte er mit seinem Heere nach Rom und erzwang sich, erst zwanzig Jahre alt, das Consulat. Den Senat erklärte er mit Antonius und Lepidus in die Acht und begründete eine Soldatenregierung. Auch der Redner Cicero und viele andere Edle wurden von diesen Männern getödtet.
3. Inzwischen [710.] erregten die Mörder Cäsars, Brutus und Cassius, einen bedeutenden Krieg. Es standen nämlich in Macedonien und im ganzen Orient viele Heere, deren sie sich bemächtigten. Es zogen daher gegen sie Cäsar Octsvianus Augustus und Marcus Antonius (denn Lepidus blieb zur Deckung Italiens zurück), und bei der Macedonischen Stadt Philippi kam es zur Schlacht. Im ersten Gefecht wurden Cäsar und Antonius zurückgedrängt: doch kam Cassius, das Haupt des Adels, um: im zweiten wurden Brutus und eine sehr große Anzahl von Vornehmen, welche Jenen in den Krieg gefolgt waren, geschlagen und niedergemacht. Es wurde nun eine Theilung des Reichs veranstaltet, nach welcher Augustus Spanien, Gallien und Italien, Antonius Kleinasien, Pontus und die Morgenländer erhielt. Indeß erregte der Consul Cajus Antonius, ein Bruder Dessen, der mit Cäsar gegen Brutus und Cassius gefochten hatte, in Italien einen Bürgerkrieg. Bei Perusia, einer Tuskischen Stadt, wurde er geschlagen und gefangen genommen, jedoch nicht hingerichtet [712.].
4. Inzwischen erregte Sextus Pompejus, ein Sohn Cnejus Pompejus des Großen, einen sehr ernstlichen Krieg in Sicilien, wo die Trümmer der Partei des Brutus und Cassius unter ihm sich sammelten. Cäsar Augustus Octavianus und Marcus Antonius führten den Krieg gegen Sextus Pompejus. Es kam endlich ein Frieden zu Stande.
5. Um diese Zeit machte Marcus Agrippa in Aquitanien1 glückliche Fortschritte, und Cajus Ventidius Bassus schlug die Perser, welche einen Einfall in Syrien machten, in drei Treffen [713.]. Den Sohn des Königs Orodes, Pascorus, tödtete er an demselben Tage, an welchem der Persische König Orode durch seinen Feldherrn Surena den Crassus erschlagen hatte. Dieser war der Erste, der über die Parther und zwar mit vollem Recht zu Rom triumphirte.
6. Pompejus brach inzwischen den Frieden, wurde aber in einer Seeschlacht geschlagen, flüchtete sich nach Asien und wurde ermordet. [716.] Antonius, der Kleinasien und die Morgenländer inne hatte, trennte seine Ehe mit der Schwester des Cäsar Augustus Octavianus, und nahm die Königin von Aegypten, Cleopatra, zur Gemahlin. Auch er schlug sich mit den Persern: in den ersten Treffen blieb er Sieger: auf dem Rückmarsche litt er hingegen durch Hunger und Krankheiten. Die Perser setzten ihm auf seiner Flucht nach, und sein Rückzug wurde als Niederlage betrachtet.
7. Auch er fachte einen blutigen Bürgerkrieg an, wozu ihn seine Gemahlin, Cleopatra, die Königin von Aegypten reizte, indem sie in ihrer weiblichen Eitelkeit auch in Rom zu herrschen wünschte. Er wurde von August in der weltberühmten Seeschlacht bei Aktium [721.], das in Epirus liegt, besiegt und floh hierauf nach Aegypten. Bei seiner hoffnungslosen Lage, da Alles zu Augustus überging, entleibte er sich selbst: Cleopatra legte sich eine Schlange an, und starb durch deren Gift. Aegypten wurde von Octavianus Augustus mit dem Römischen Reiche vereinigt, und dem Cnejus Cornelius Gallus als Statthalter untergeben. Dieses war der erste Römische Oberrichter in Aegypten.
8. Als auf diese Weise ale Kriege in der [Römischen] Welt beendigt waren, kehrte Octavianus Augustus nach Rom zurück, zwölf Jahre nach seiner Erhebung zum Consul. Von nun an stand er vier und vierzig Jahre allein an der Spitze der Staatsverwaltung. Denn zwölf Jahre hatte er letztere mit Antonius und Lepidus getheilt. So umfaßt der ganze Zeitraum seiner Regierung sechs und fünfzig Jahre. Er starb eines gewöhnlichen Todes in dem Campanischen Städtchen Atella sechs und siebenzig Jahre alt, und wurde in Rom auf dem Marsfeld begraben. Nicht mit Unrecht schrieb man ihm in den meisten Rücksichten göttergleiche Eigenschaften zu. Denn nicht leicht erreichte Jemand sein Glück im Krieg und seine Müßigung in Frieden. In den vier und vierzig Jahren seiner Alleinherrschaft benahm er sich höchst bürgerfreundlich: gegen Jedermann bewies er viele Großmuth und die größte Treue gegen seine Vertrauten: Diese umgab er mit solchem Glanze, daß sie beinahe auf gleicher Höhe mit ihm standen.
9. Zu keiner Zeit war der Römische Staat blühender. Denn, abgesehen von den bürgerlichen Kriegen, in welchen er jedoch stets Sieger blieb, vereinigte er mit dem Römischen Reich Aegypten, Cantabrien,2 Dalmatien, welches zwar öfters besiegt, jedoch damals erst völlig unterworfen wurde: ferner Pannonien,3 Aquitanien, Illyrien, Rhätien,4 Vindelicien5 und Salassien6 innerhalb der Alpen: alle Seestädte vom Pontus: unter letzteren waren die berühmtesten Bosporus und Panticapäa.7 Die Dacier8 besiegte er in einigen Gefechten. Auch schlug er gewaltige Heeresmassen der Deutschen, und drängte sie selbst über die Elbe zurück, welche weit jenseits des Rheins im Barbarenlande fließt. Uebrigens bediente er sich bei diesem Kriege seines Stiefsohns Drusus, so wie bei dem Kriege in Pannonien seines andern Stiefsohns Tiberius. In diesem Kampfe führte er 40,000 Gefangene aus Deutschland weg, und ließ sie jenseits des Rheins in Gallien ansiedeln. Armenien nahm er den Parthern wieder ab: die Perser stellten ihm zum erstenmal Geißeln, auch gaben sie die Römischen Feldzeichen, welche sie bei ihrem Siege über Crassus erbeutet hatten, zurück.
10. Die Scythen und Judier, welchen bis dahin der Römische Name fremd gewesen war, schickten ihm Geschenke und Gesandtschaften. Auch Galatien,9 zuvor ein Königreich, wurde zur Provinz gemacht: Lollius war der Erste, der als Proprätor dasselbe verwaltete. Auch im Auslande war er so beliebt, daß Könige, die mit dem Römischen Volk verbündet waren, zu Ehren August s Städte baueten, welchen sie den Namen Cäsarea belegten. So König Juba in Mauretanien: das Gleiche geschah in Palästina, wo noch jetzt eine berühmte Stadt dieses Namens steht. Viele Könige verließen ihre Reiche, um ihm ihre Huldigung darzubringen: im Römischen Aufzuge mit der Toga bekleidet, gingen sie ihm zur Seite, wenn er im Wagen oder zu Pferd erschien. Nach seinem Tode wurde er vergöttert. Den Staat lies er seinem Nachfolger Tiberius im glücklichsten Zustande zurück: [J. 14. n. Chr.] Dieser war sein Stiefsohn, wurde hernach sein Tochtermann, und zuletzt an Sohnesstatt von ihm angenommen.
11. Die trägste Unthätigkeit, abscheuliche Grausamkeit, frevelhafte Habgier und schändliche Wollust bezeichnen die Regierungsgeschichte Tiber’s. Niemals wohnte er selbst einem Feldzuge bei: er führte die Kriege durch seine Unterfeldherren. Einige Könige lockte er durch Schmeicheleien in seine Nähe und entließ sie niemals wieder. Unter ihnen war Archelaus von Cappadocien, dessen Reich er sogar in eine Provinz verwandelte, mit dem Befehle, die größte Stadt nach seinem Namen zu benennen. Dieselbe heißt noch jetzt Cäsarea: früher war ihr Name Mazaka. Zur allgemeinen Freude starb er im drei und zwanzigsten Jahre seiner Regierung, acht und siebenzig Jahre alt, in Campanien. [J. 37. n. Chr.]
12. Sein Nachfolger war Cajus Cäsar, mit dem Beinamen Caligula, ein Enkel von Drusus, dem Stiefsohn August s, und Neffe von Tiberius. Er war ein ruchloser, blutdürstiger Mensch, neben dem die Abscheulichkeiten Tiber’s als gering erschienen. Er unternahm einen Krieg gegen Deutschland, rückte in’s Gebiet der Sueven10 ein, ohne etwas Bedeutendes auszuführen. Mit seinen Schwestern lebte er in Unzucht: von Einer Derselben erkannte er sogar eine Tochter an. Habsucht, Wollust, Grausamkeit machten ihn aller Welt zur Plage, da wurde er neun und zwanzig Jahre alt, im dritten Jahre, zehenten Monate und achten Tag seiner Regierung in seinem Pallaste ermordet.
13. Auf ihn folgte Claudius, ein Oheim Caligula s und Sohn von Drusus, dem Großvater Caligula s, der bei Mainz ein Denkmal hat. Dieser regierte mittelmäßig: Ruhe und Mäßigung bezeichnen manchen seiner Schritte: indeß verfuhr er auch öfters grausam und ungeschickt. Er bekriegte Britannien, wohin seit Julius Cäsar kein Römer den Fuß gesetzt hatte, besiegte es durch den Cnejus Sentius und Aulus Plautius, berühmte Männer von angesehenem Hause, und hielt einen glänzenden Triumph. [43. n. Chr.] Auch einige Inseln, auf dem Meere jenseits Britannien gelegen, verband er mit dem Römischen Reich, welche die Orcaden hießen. Seinem Sohne gab er daher den Namen Britannicus. Gegen Einige seiner Vertrauten benahm er sich mit herablassender Artigkeit. So ließ er dem Plautius, einem Mann von vornehmer Geburt, der im Kriege mit Britannien manche Großthaten verrichtet hatte, bei dessen Triumphe den Vortritt, und ging ihm zur linken Seite, als er das Capitol bestieg. Es lebte Claudius vier und sechzig Jahre und regierte vierzehen. Nach seinem Tode wurde er für heilig erklärt, und der Göttliche genannt. [54. n. Chr.]
14. Ihm folgte auf dem Throne Nero. Dieser hatte mit seinem Oheim, Caligula, die größte Aehnlichkeit. Er entwürdigte und schwächte das Römische Reich. Seine Ueppigkeit und Verschwendung war unerhört: er badete z. B. nach Caligula s Vorgang in warmen und kalten Oehlen, fischte mit goldenen Netzen, welche er an purpurnen Bändern emporzog. Eine Unzahl von Senatoren ließ er hinrichten: er war der Feind aller Guten. Zuletzt würdigte er so schmählich herab, daß er auf der Bühne, wie ein Musiker oder Schauspieler gekleidet, tanzte und sang. Er befleckte sich mehrfach mit Verwandtenmord, indem er Bruder, Gemahlin und Mutter hinrichten ließ. Er zündete die Stadt Rom an, um sich eine Vorstellung von dem Anblick machen zu können, welchen einst das eroberte Troja im Brande dargeboten. An kriegerische Unternehmungen wagte er sich gar nicht: Britannien verlor er beinahe. Es wurden nämlich unter ihm die zwei angesehensten Städte eingenommen und zerstört; Armenien nahmen die Parther weg, und führten Römische Legionen unter dem Joche hindurch. Jedoch wurden zwei Provinzen unter ihm erworben, der Polemonische11 Pontus, welchen König Polemo selbst abtrat, und die Cottischen Alpen nach dem Tode des Königs Cottus.
15. Durch sein Betragen ein Gegenstand des Fluchs im ganzen Römischen Reich geworden, von seiner ganzen Umgebung auf einmal verlassen, wurde er vom Senate für einen öffentlichen Feind erklärt. Man wollte ihn nun zum Vollzug der gesetzlichen Strafe abholen, welche darin bestand, entkleidet, den Kopf in eine Gabel hineingezwängt, durch die Stadt geführt, bis zum Tod mit Ruthen gestrichen, und dann vom Tarpejischen Felsen herabgestürzt zu werden. Er aber entkam aus seinem Pallaste, und entleibte sich selbst auf dem bei der Stadt gelegenen Gut seines Freigelassenen, welches 4 Meilen von Rom zwischen der Salarischen und Romentanischen Straße liegt. In Rom erbaute er diejenigen öffentlichen Bäder, welche vormals den Namen der Neronischen führten, und jetzt die Alexandrinischen heißen. Er wurde zwei und dreißig Jahre alt und regierte vierzehen. Mit ihm starb das Geschlecht August’s aus. [68. n. Chr.]
16. Auf Nero folgte Servius Galba, ein Senator von uraltem Adel, bereits drei und siebenzig Jahre alt. Von Spanien und Gallien wurde er zum Kaiser gewählt, und bald vom ganzen Heer mit Freuden anerkannt. Denn sein Privatleben war durch kriegerische und bürgerliche Thaten bezeichnet: öfters war er Consul und Proconsul gewesen, häufig hatte er in den schwierigsten Kriegen an der Spitze der Heere gestanden. Seine Regierung dauerte nur kurze Zeit: sie fing gut an: jedoch hatte Galba zu viel Vorliebe für strenge Maßregeln. Er verlor sein Leben in Folge der Nachstellungen Otho s, im sieben und dreißigsten Monate seiner Thronbesteigung: auf dem Forum in Rom wurde er erwürgt und in seinen Gärten begraben, welche an der Aurelischen Straße unweit der Stadt liegen. [69. n. Chr.]
17. Nach der Ermordung Galba s griff Otho nach dem Scepter. Was seine Abkunft betrifft, so war das Geschlecht seiner Mutter edler, als das seines Vaters: doch war keines von beiden unberühmt. Während seines Privatlebens war er ein Weichling und Gesellschafter Nero’s. Im Laufe seiner Regierung war er nicht im Stande, eine Probe von seinem Werth zu geben. Es war nämlich um dieselbe Zeit, wo Otho den Galba hatte tödten lassen, auch Vitellius von den Heeren an Deutschlands Grenze zum Kaiser erhoben worden. Er unternahm nun gegen ihn einen Krieg, wurde aber bei Betriacum [Caneto] in Italien in einem unbedeutenden Gefechte geschlagen. Obwohl er nun sehr ansehnliche Truppenmassen zum Krieg beisammen hatte und die Soldaten in ihn drangen, nicht so schnell alle Hoffnung auf einen guten Ausgang des Kriegs fallen zu lassen, gab er sich doch selbst den Tod mit den Worten, es sey an seiner Person nicht so viel gelegen, um ihretwegen einen Bürgerkrieg anzufangen. So starb er durch eigenen Entschluß im acht und dreißigsten Jahre seines Alters, am fünf und neunzigsten Tage seiner Regierung.
18. Mun bestieg Vitellius den Thron, der Abkömmling einer mehr geehrten, als vornehmen Familie. Denn sein Vater hatte, obwohl nicht von hoher Geburt, doch drei Jahresconsulate bekleidet. Dieser machte sich als Kaiser sehr verächtlich: er war durch Härte und Grausamkeit, noch mehr aber durch Völlerei und Gefräßigkeit berüchtigt. Denn er nahm an einem Tage oft vier bis fünf förmliche Mahlzeiten ein. Von seinem berühmtesten Mahle, das ihm sein Bruder Vitellius gab, sind Berichte auf die Nachwelt gelangt: wo neben dem übrigen Aufwand 2000 Fische und 7000 Stücke Geflügel aufgetragen worden seyn sollen. Sein Wunsch war, Nero ähnlich zu seyn, und er verhehlte denselben so wenig, daß er den irdischen Resten Nero s, welche nicht anständig genug begraben waren, seine Ehrfurcht bezeugte. Er wurde von den Feldherren des Vespasianus ermordet, nachdem er vorher den Sabinus, einen Bruder des Kaisers Vespasian, hatte tödten, und mit dem Capitol verbrennen lassen. Nun aber wurde Vitellius ergriffen, und unter den größten Beschimpfungen entkleidet mit aufwärts gebundenem Haar und emporgerichtetem Haupt, indem ihm ein Degen unter das Kinn gehalten ward, öffentlich durch die Stadt geschleppt und ihm Gesicht und Brust von Jedermann, der ihm begegnete, mit Koth beworfen: endlich wurde er erwürgt, in die Tiber geworfen und mußte sogar das gewöhnliche Begräbniß entbehren. Er starb im sieben und fünfzigsten Jahre seines Alters, und im achten Monate und ersten Tag seiner Regierung [69. n. Chr.].
19. Sein Nachfolger war Vespasianus, der in Palästina zum Kaiser erhoben wurde. Dieser Fürst war zwar niedrig geboren, jedoch den Besten an die Seiten zu stellen. Sein Privatleben war sehr ruhmvoll: denn er war von Claudius nach Deutschland, und hernach nach Britannien geschickt worden, hatte 32 Treffen bestanden, 2 ansehnliche Völkerschaften, 20 Städte und die Insel Vecta [Wight], welche zunächst an Britannien liegt, mit dem Römischen Reiche verbunden. Während seiner Regierung benahm er sich zu Rom mit vieler Mäßigung: nur war er allzu geldgierig, ohne sich jedoch rechtswidrige Gelderpressungen zu erlauben. So vorsichtig und genau er auch für seine Einnahmen sorgte; so eifrig war er im Wohlthun, namentlich gegen Bedürftige. Nicht leicht hatte ein Regent vor ihm größere oder zweckmäßigere Freigebigkeit erprobt. Er war voll Milde und Gelindigkeit, und bestrafte selbst Majestätsverbrecher gegen seine Person nicht leicht anders, als mit Verweisung. Unter ihm wuchs Judäa dem Römischen Reiche zu und mit ihm Jerusalem, die vornehmste Stadt Palästinas. Achaja, Lycien, Rhodus, Byzanz, Samos, Bezirke, welche bis dahin selbständig waren, eben so Thracien, Cilicien, Commagene, Länder, die inzwischen unter befreundeten Königen standen, machte er zu Römischen Provinzen.
20. Beleidigungen und Feindseligkeiten vergaß er gerne. Wenn Sachwalter oder Philosophen sich auf eine unverständige Art über ihn äußerten, so ließ er es sich in Geduld gefallen. Blos auf Erhaltung der Kriegszucht hielt er mit beharrlichem Ernst. In Gemeinschaft mit seinem Sohne Titus feierte er einen Triumph über Jerusalem. Vom Senat und Volk, ja aller Welt, wegen seiner Eigenschaften geschätzt und geliebt, starb er auf seinem Landgut im Sabinischen Gebiete an einem heftigen Durchfall im neun und sechzigsten Jahre seines Alters, im neunten Jahre und dem siebenten Tage seiner Regierung. Auch er wurde unter die Götter versetzt. Auf seine Ueberzeugung von dem Gewicht der Geburtsstunde seiner Kinder baute er so sehr, daß er die mehrmals gegen ihn eingeleiteten Verschwörungen bei ihrer Entdeckung als höchst gleichgültig behandelte, und sich im Senat der Worte bediente, er wisse gewiß, entweder werden ihm seine Söhne auf dem Throne folgen, oder Niemand..
21. Es gelangte nun sein Sohn Titus, der auch den Namen Vespasianus führte, zur Regierung [79. n. Chr.]; ein Mann, durch jede Art von Vorzügen so ausgezeichnet, daß er die Liebe und Wonne des menschlichen Geschlechts genannt wurde. Rednertalent, Tapferkeit, Mäßigung waren ihm in hohem Grade eigen: Rechtsfälle bearbeitete er in Lateinischer, Gedichte und Trauerspiele verfertigte er in Griechischer Sprache. Bei der Belagerung von Jerusalem, der er unter seinem Vater beiwohnte, erlegte er 12 angreifende Feinde mit eben so vielen Pfeilschüssen. Sein Benehmen auf dem Throne war so menschenfreundlich, daß er nie Jemand bestrafte: einige Verschworene, welche von ihrer Schuld überführt waren, behandelte er nach diesem Vorgange mit dem gleichen Zutrauen, wie vorher. Seine Gefälligkeit und Güte ging soweit, daß er Niemanden Etwas abschlug. Als ihm seine Vertrauten einst hierüber ihr Erstaunen bezeugten, ließ er die Worte hören: es dürfe Niemand traurig vom Kaiser weggehen. Eines Tages fiel ihm beim Mahle ein, daß er heute Niemanden eine Wohlthat erzeigt hätte: da sprach er: meine Freunde! ich habe heute einen Tag verloren! Er baute in Rom ein Amphitheater, bei dessen Einweihung 5000 wilde Thiere erlegt wurden.
22. Daher war er ein Gegenstand seltener Begeisterung und Liebe. Er starb auf dem selben Landgut, wo auch sein Vater geendigt hatte, an einer Krankheit, zwei und vierzig Jahre alt, zwei Jahre, acht Monate, zwanzig Tage nach seiner Thronbesteigung. [87. n. Chr.] Der öffentlihe Schmerz über seinen Tod war so tief, als ob Alle wie Verwaiste den eigenen Vater zu betrauern hätten. An den Senat gelangte gegen Abend die Nachricht von seinem Hintritte, worauf derselbe noch in der nämlichen Nacht in Eile auf der Curie sich verssammelte, und sich in Lobsprüche und Danksagungen gegen den Entseelten ergoß, dergleichen ihm bei seinem Leben und in’s Angesicht nie ertheilt wurden. Er wurde unter die Götter versetzt.
23. Bald darauf übernahm Domitianus, ein jüngerer Bruder des Titus, die Regierung. Mit Nero, Caligula, Tiberius hatte Dieser mehr Aehnkichkeit, als mit seinem Vater oder Bruder. In den ersten Jahren seiner Herrschaft benahm er sich zwar mit Mäßigung, verfiel aber bald in die schlimmsten Laster, Wollust, Rachsucht, Grausamkeit, Habgier und belud sich mit einem solchen Hasse, daß darüber die Verdienste seines Vaters uud Bruders vergessen wurden. Die vornehmsten Mitglieder des Senats ließ er hinrichten: er war der Erste, der sich als Herr und Gott begrüßen ließ: die Bildsäulen, welche ihm auf dem Capitol gesetzt wurden, durften blos von Gold und Silber seyn: seine Vetter ermordete er: endlich war er vom abscheulichsten Hochmuth besessen. Es kamen unter ihm vier Feldzüge vor: einer gegen die Sarmaten,12 ein andrer gegen die Catten13 und zwei gegen Dacien. Ueber die Dacier und Catten hielt er einen doppelten Triumph: hinsichtlich der Sarmaten begnügte er sich mit einem bloßen Lorbeer. Indeß hatten ihn in diesen Kriegen viele Unfälle betroffen. In Sarmatien nämlich wurde eine seiner Legionen mit ihrem Anführer niedergemacht, von den Daciern wurde ein vormaliger Consul, Oppius Sabinus, und der Befehlshaber der Leibwache Cornelius Fuscus mit einem zahlreichen Heere erschlagen. In Rom führte er viele Bauten aus: unter Anderm baute er das Capitol, das Forum mit den Durchgängen, das Odeum, die Götterhallen, den Tempel der Isis und den des Serapis,14 die Rennbahn. Seine Laster machten ihn aber am Ende so allgemein verhaßt, daß seine eigenen Leute sich wider ihn verschworen und ihn im Pallast ermordeten: er war fünf und vierzig Jahre alt und hatte 15 regiert [J. 96. n. Chr.]. Seine Leiche wurde auf eine schmachvolle Art durch gewöhnliche Todtengräber hinausgeschasft und auf gemeine Art begraben.
Anmerkungen
1 Das nachmalige Guyenne zwischen Bourdeaux und Bayonne.
2 Ungefähr Asturien und Biscaya.
3 Niederungarn und Slavonien, mit einem Theile von Niederöstreich, Krain, Bosnien, Kroatien.
4 Graubündten und Tyrol zum größten Theil, mit einem Stücke von Oberitalien.
5 Schwaben, südwärts von der Donau, mit einem Theile von Baiern.
6 Die Gegend von Aosta.
7 Jetzt ein Ort mit Namen Kersch Fenikol zwischen dem schwarzen und Asowschen Meer.
8 In Siebenbürgen, der Moldau und Wallachei.
9 Im nordöstlichen Theil Kleinasiens neben Phrygien. Gallische Vörker hatten sich da niedergelassen.
10 Damals die Anwohner der Weichsel und Elbe bis an die Ostsee. Uebrigens wissen andre Schriftsteller Nichts von diesem Zuge Caligula’s in’s Land der Sueven.
11 Es hatten nämlich die Römer, nachdem Pontus Römische Provinz geworden war, einen Theil des Landes einem Gliede des Mithridatischen Hauses überlassen.
12 Die europäischen Sarmaten wohnten zwischen der Ostsee, dem Don und den Carpathen, sie streiften bis an die Donau. Die Asiatischen Sarmaten, welche hier nicht gemeint sind, bewohnten Casan und Astrakan.
13 Die Bewohner von ganz Hessen und Thüringen.
14 Ursprünglich Aegyptische Gottheiten.
