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De Progenie Augusti Caesaris

Dieses Werk ist eine mittelalterliche Fälschung! Trotzdem wird es für Interessenten zur Verfügung gestellt.

Das Geschlecht des Octavianus Augustus

nebst einem Abrisse der Regierungsgeschichte Rom’s

1. Ruhmvoller Beherrscher der Völker! Deine ehrenvolle Aufforderung, ein schriftliches Denkmal von der Abkunft Deiner erlauchten Familie1 und der frühern Regierungsgeschichte Roms von Anfang an aufzustellen, hat einen lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Ich folge nun Deinem huldvollen Verlangen, und werde mich bemühen, einiges Lob des Talents, wenn auch nicht großer Anstrengung zu verdienen. Denn es haben Geschichtsschreiber und andere fleißige Schriftsteller des Alterthums die Aufgabe, welche Du mir stellst, nach ihrem ganzen Umfange gelöst: auch weiß ich wohl, daß Du der Kenntnis der wichtigsten Ereignisse längst die umfassendste Aufmerksamkeit widmetest. Indeß kenne ich Deinen Willen; und so werde ich mich an die Unternehmung wagen, den Stamm Deines uralten Geschlechts, das jetzt auf der höchsten Stufe der Majestät sein Haupt zu den Sternen erhebt, in gedrängter Darstellung zu entwickeln. Zwar liegt der Ursprung Deines Stammes fern, und nur bedächtlichen Schrittes sollte ich seinem Laufe folgen; dennoch will ich meinen Gegenstand in rascher Folge zu entwickeln suchen. Heil Dir, gnädigster Cäsar Augustus!

2. Der gesammte Inbegriff des festen Landes, das rings von den Wogen des Weltmeer’s bespült wird, theilen die Geschicht- und Erdbeschreiber in drei Abschnitte. Der erste derselben dehnt sich zwischen Mitternacht und Mittag gegen Morgen, und heißt Asien: der zweite hat seine Gränzen auf der einen Seite, wo er mit Asien zusammenhängt, an der Mündung des Flusses Tanais [Don] und dem Gebiet der Hyrkaner, sodann an dem mitternächtlichen Meere, und auf der entgegengesetzten Seite am mittelländischen, und schließt gegen Abend mit den entferntesten Gegenden Spaniens: es ist dieses Europa. Der dritte Erdtheil, Afrika, beginnt mit Aegypten und dem Nil, verläßt hierauf die Gränzen Asiens, zieht sich zwischen Mittag und dem mittelländischen Meere hin, und endigt gegen Abend mit der Küste des Atlantischen Oceans.

3. Asien ist der dritte der Erdtheile, wenn man diese der Zahl nach betrachtet: zeiht man aber die Größe in Betracht, so scheint dasselbe die Hälfte des festen Landes auf der Erde auszumachen. Es hat seinen Namen von einer Frau, einer morgenländischen Königin erhalten. Hier liegt unter anderen Provinzen auch Kleinasien. In diesem ist der Bezirk von Phrygien, der seinen Namen von Phrygia, einer Tochter des Aesepus und der Europa, oder, wie Andre erzählen, des Jupiter und der Europa hat. Dardanus, ein Sohn des Jupiter und der Elektra, einer Tochter des Atlas, soll auf der Götter Geheiß seine Heimath verlassen, und aus Italien, oder (nach der Erzählung Anderer) von der Insel Creta, von vielem Volk begleitet, in dieses Phrygien gekommen, eine Stadt gebaut und dieselbe nach sich Dardania genannt haben. Daher wurde das Stammgeschlecht das Dardanische und die Landesbewohner umher Dardaniden genannt. Unter seiner Regierung soll Teucer, der aus seinem Vaterlande vertrieben worden war, durch den Ruf des neuen Königreichs angezogen, mit einer Anzahl auserwählter junger Leute nach Phrygien gekommen seyn. Hier wurde er von Dardanus, nachdem er ihm aufrichtige Treue gelobt hatte, zur Theilnahme an der Regierung berufen, damit die Mauern der jungen Stadt durch eine ansehnlichere Bevölkerung gefüllt würden. Diese beiden Könige stimmten wohl zusammen: so wuchs Dardania an Macht und Größe, und genoß eine Zeitlang Frieden. Teucer’s Güte und Freundlichkeit bei allen Regierungsgeschäften war so groß, daß sich nach seinem Tode, als Dardanus allein noch lebte, das Volk, welches bisher das Dardanische hieß, den Namen Teukrer gab, ein Beweis der Achtung, die seinem Andenken geweiht wurde. Virgilius [Aen. VI, 648. nach Voß] deutet darauf in dem Verse:

Hier ist altes Geschlecht, des Teukrus herrlicher Abstamm.

4. Dardanus hatte einen Sohn, Erichthonius, dem er sterbend den Thron hinterließ. Erichthonius wurde der Vater des Trous [Tros]. Dieser zeichnete sich durch Gerechtigkeit und Frömmigkeit aus, veränderte aber den Namen Dardania, und ließ die Stadt nach sich Troja heißen. Dieses ist der Ursprung des Trojanischen Namens. Trous hatte zwei Söhne, nämlich Ilus und Assaracus. Ilus, als der Aeltere, erhielt nach des Vaters Tod die Regierung, und baute innerhalb der Mauern jene prächtige, hoch berühmte Burg, welche nach seinem Namen Ilium hieß: daher heißen die Trojaner die Ilier. Er hinterließ einen Sohn, Laomedon. In seine Regierungszeit fällt die Überfahrt des Iason und Herkules nach Colchis, um in Begleitung einer Anzahl junger, thatkräftiger Griechen das goldene Vließ, wornach sie verlangte, zu erobern. Um sich von ihren Beschwerden zur See zu erholen, wandten sie sich nach Phrygien: allein Laomedon ließ ihnen aus Uebermuth oder Furcht vor dem weltberühmten Volke, dem sie angehörten, in drohendem Tone bedeuten,2 sich wieder zu entfernen.

5. Sie sahen sich genöthigt, dieser Weisung zu folgen und sich anderswohin zu wenden, da es ihnen an Kräften und Waffen fehlte, um Widerstand zu leisten. Indeß erbitterte sie die erfahrene Beschimpfung, und sie drohten dem trotzigen König sogleich den Untergang. Als sie nun ihre Angelegenheit in Betreff des Vliesses beendigt, und nach Griechenland zurückgekommen waren, veranlaßte Herkules im Andenken an die von dem Phrygischen König erlittene Demüthigung die Häupter Griechenland’s und die ausgezeichnetsten Jünglinge zur Einschiffung, und segelte auf der also besetzten Flotte gegen Troja. Hier ließ er an den Küsten die Krieger ausschiffen, und zog im Sturmschritt gegen die Mauern Troja’s. Als Laomedon Dieses bemerkte, verließ er, ohne zuvor seine Schaaren geordnet zu haben, mehr kühn, als vorsichtig die Stadt, um außerhalb derselben dem feindlichen Angriffe zu begegnen, gerieth aber in einen Hinterhalt, und fiel nach muthiger Gegenwehr. Der größte Theil seiner Leute wurde niedergemacht oder gerieth in Gefangenschaft.

6. Die Stadt befand sich nun in der größten Verwirrung, als Herkules gegen dieselbe anrückte, und da weder die Mauern vertheidigt waren, noch an den Thoren Widerstand geleistet wurde, einzog. Hier verwüstete er Alles mit Feuer und Schwert. Laomedon’s Schwester, Hesione, gab er dem Könige von Salamis, Telamon, der die Mauern Troja’s zuerst bestiegen hatte und in das Thor eingedrungen. Jener andre Teucer, der aus seinem Vaterlande entflohen war, und in Sidonia ein zweites Salamis baute, war ein Sohn von ihr. Ihn meint unser Virgilius [Aen. I, 619 f.], indem er Dido zu Aeneas sagen läßt:

Selbst gedenk' ich, wie Teukrus einmal gen Sidon daherkam,
Fern aus heimischen Fluren verbannt, und mit Hülfe des Belus
Suchend ein neues Gebiet.

Laomedon wurde von einem Sohne, Priamus, der damals anderswo auf einem Waffenzuge begriffen war, überlebt. Auf die Nachricht von dem Untergang seines Vaters und der heimathlichen Stadt, kehre er zurück, und sparte weder Kosten noch Mühe, um die zerstörte Stadt wieder aufzubauen, welche in Kurzem mit Thürmen aus Marmor und Quadersteinen, öffentlichen und Privatgebäuden ausgestattet wurde, und mehr Glanz und Sicherheit wie zuvor gewann.

7. Assaracus, ein Sohn des Trous, und Bruder des Ilus, wie oben erwähnt wurde, zeugte den Capys, Capys den Anchises, Anchises den Aeneas, Aeneas den Ilus, mit dem Zunamen Ascanius, dessen Mutter Creusa war. Es heißt Derselbe auch Julus, und von ihm stammt das Julische Geschlecht ab, woher, mein gnädigster Kaiser, der Name deiner Familie kommt, wie auch Virgilius [Aen. I, 267.] sagt:

Aber Ascanius drauf, den jetzt die Benennung Julus
Zunamt, Ilus vordem, als machtvoll Ilios herrschte.

8. Priamus ließ nun an Griechenland die Forderung machen, Telamon müsse seine Schwester Hesione, die als Sklavin zugleich zu seiner Buhlerin herabgewürdigt ward, entweder ehelichen oder zurückgeben. Er wurde aber verlacht, und man gewährte ihm keines von Beiden. Deßhalb schiffte ein Sohn des Priamus, Alexander, der auch Paris hieß, an der Spitze der auserlesensten Jünglinge nach Griechenland, und raubte die Gemahlin des Königs Menelaus, Helena, die schönste Frau Griechenlands. Darob bewaffneten sich die Griechischen Könige, belagerten unter Agamemnon zehen Jahre lang Troja, nahmen es ein, und legte es in Schutt und Asche, so dass es dem Boden gleich wurde.

9. Nach dem Willen der Griechen durften zwei Trojanische Fürsten sich hinwegbegeben. Diese hatten beständig zum Frieden und zur Zurückgabe der Helena gerathen, und standen als Gastfreunde der Griechischen Gesandten, Ulysses und Diomedes, bei Diesen in größter Achtung. Diese waren Antenor und Aeneas. Jener war ein Sohn des Assuerus, eines Mannes von hohem Range, und einer Schwester des Laomedon, oder, nach Andern, des Priamus: der zweite stammte, wie oben dargethan wurde, von königlichem Geblüte. Diese rüsteten eine Flotte aus, und besetzten dieselbe mit allerlei Geräthschaften aus ihrer Vaterstadt, und mit Personen, die sie nach ihrem Wohlgefallen auswählten. Hierauf fuhren sie mit vollen Segeln nach der hohen See, durchschifften das Aegäische und Jonische Meer, steuerten an den Argolischen Städten vorüber, und wandten sich, da es das Schicksal so wollte, gegen Italien.

10. Antenor wandte sich aus dem Jonischen Meere zur Rechten, zog sich zwischen Dyrrhachium und Brundusium durch die weite Mündung der oberen See,3 gegen Mitternacht, ließ auf der einen Seite Dalmatien, Liburnien und Illyrien, auf der anderen Apulien und Picenum liegen, erreichte die obersten Küsten des Adriatischen meeres, verließ die See, und schiffte den Fluß Brentensia4 hinauf. Hier bemächtigte er sich eines Landstrichs, und wählte ihn zu einem Wohnsitz für sich und die Seinigen. Die Euganeer, welche damals dort wohnte, wurden von ihm unterworfen, und so gründete er Patavium. Unter anderen Begleitern hatte er eine große Zahl Cneter mit sich genommen. Diese stammten aus Paphlagonien, waren aus ihrem Vaterlande vertrieben worden, und hatten sich als Verbannte nach Troja begeben, welches damals im Kriege begriffen war. Jetzt verbreiteten sie sich weithin über die Besitzungen der Nachbarn und bedeckten Alles mit ihren Schwärmen. Daher erhielten die dortigen Völker nach ihnen den Namen, und der Bezirk wurde Venetia genannt. Antenor’s Ankunft an diesem Orte besingt Virgilius [Aen. I, 242 ff.] folgendermaßen:

Konnte ja doch Antenor, dem Schwarm der Achäer entronnen,
Tief zur Illyrischen Bucht und dem innersten Reich der Liburner
Eingeh'n ohne Gefahr, und umsteuern den Quell des Timavus,
Wo er mit dumpfen Getöse des Bergs, neun Schlünden entrollend,
Geht zu brechen das Meer, und den Schwall an die Felder emporbraust.
Dennoch gründete Jener Pataviums Stadt und der Teucrer
Wohnungsort, gab Namen dem Volk und heftete Troja's
Rüstungen. Friede nunmehr und behagliche Ruhe beglückt ihn.

11. Sehr oft hörte ich dich, großer Kaiser, über diese Stelle nach deiner tiefen Weise reden, und Zweigel äußern über das Zeichen, welches Aeneas und Antenor auf ihren Feldzeichen führen mochten. Ich glaube daher diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen zu dürfen, ohne die Stelle unseres Virgilius, wo er von Antenor sagt:

Und gab Namen dem Volk

näher zu betrachten. Er will wohl sagen: Antenor ließ beide Völker, nämlich die Italier und Phrygier, welche diese Gegenden bewohnten, den Namen Trojaner oder (nach Andern) Antenoriden führen.

Und heftete
Rüstungen;

er hing Waffen und ein Feldzeichen in den Tempeln auf. Denn es war Sitte des Alterthums, nach einem Feldzuge und den Beschwerden desselben in den Tempeln der Götter Waffen aufzuhängen. Daher heißt es:

Und heftete Troja's
Rüstungen.

Troja war, wie Einige versichern, unter den Waffen in den Tempeln aufgehängt als das Feldzeichen. Troja5 bedeutet nämlich in der Italischen und Lateinischen Sprache ein Mutterschwein oder eine Sau. Auf diese Wort spielt der Dichter nach seiner Freiheit an. Denn weil der Name des Thiers mit dem der Stadt Troja zusammenstimmte, so ließ Antenor eine Abbildung desselben als Feldzeichen auf seiner Fahne anbringen, zum Gedächtnis der zerstörten Stadt Troja. Indessen möchten die Thaten des Aeneas einen wahrscheinlichern Grund darbieten, warum es so gehalten wurde: ich fahre daher weiter fort.

12. Aeneas durchschiffte auf derselben Fahrt die Griechischen und Achäischen Gewässer, und besuchte in Epirus den Helenus, der über die Argolischen Städte die Herrschaft ausübte. Es berichtet die Geschichte, Pyrrhus, des Achilles Sohn, habe nach der Zerstörung Troja’s die vormalige Gemahlin des Hektor, Andromache, und den Sohn des Priamus, Helenus, als Sklaven mit sich genommen. Hierauf ehelichte er eine Tochter des Menelaus, Hermione, und überließ Andromache dem Helenus. Nachher wurde er von Orestes umgebracht, und hinterließ, da er ohne Kinder starb, die Verwaltung seines Reiches dem Helenus. Dieß berichtet Maro ebendaselbst [Aen. III, 282 f.], wenn Aeneas zur Dido also spricht:

– – – – Es erfreut, so vielen Argolischen Städten
Doch zu entfliehen, und zu finden durch Feind' und Gefahren den Ausgang.

Und bald nachher [294 ff.]:

Hier ertönet dem Ohr ein Gerücht unglaublicher Thaten,
Helenus, Priamus Sohn, sey Grajischer Städte Gebieter,
Zepter und Eh' einnehmend des Aeakidischen Pyrrhus,
Und in die Sippschaft sey Andromache wieder vermählet.

Dieser Helenus weissagte dem Aeneas die Zukunft, und legte ihm als Prophet die Winke der Götter aus, daß er an der Stelle einen ruhigen Wohnsitz finden werde, wo er in Italien an der Tiber ein Mutterschwein mit dreißig Jungen gewahr werden würde. Im dritten Gesang [Aen. III, 388. ff.] läßt Maro den Helenus zu Aeneas Folgendes sprechen:

Zeichen sag' ich dir an; du halte sie fest im Gedächtniß.
Wenn dir Bekümmerten einst an der Fluth des gesonderten Stromes
Unter des Bords Steineichen die ungeheure Bache
Nach der Geburt, umwühlt von dreißig Frischlingen, daliegt,
Weiß, am Boden gestreckt, und weiß um die Euter die Ferklein;
Dort sey die Lage der Stadt, dort stätige Ruhe der Mühsal.

13. Aeneas verabschiedete sich, begab sich nach der äußersten Küste Italiens, und verlor auf der Fahrt um Sicilien seinen alten Vater Anchises. Hierauf wurde er lange auf dem untern [Etrurischen] Meere, einem feindseligen Gestirn preisgegeben, von den Wogen umhergeworfen, und gewann die Afrikanische Küste. Als die See wieder ruhiger wurde, kehrte er nach Italien zurück, und landete an der Mündung der Tiber. Die Bewohner dieser Gegend beherrschte damals der König Latinus, ein Sohn des Faunus. Dieser wurde über das Aussehen, welches die unerwartete Erscheinung nach Titus Livius erregte, unruhig, und rückte dem Aeneas mit Bewaffneten entgegen. Es kam hierauf zu einer Unterredung, welche sich von beiden Seiten mit friedlichen Gesinnungen schloß; und der König gab seine Tochter, Lavinia, welche er dem König der Rutuler, Turnus, zuerst zugesagt hatte, dem Trojanischen Anführer zur Frau. Aeneas baute jetzt eine Stadt, welche er nach dem Namen seiner Gemahlin Lavinium6 hieß.

14. Unser Virgilius aber erzählt den erwähnten Vorgang anders. Er weiß nichts davon, daß Latinus bewaffnet ausgerückt sey, sondern behauptet, Aeneas hätte eine Gesandtschaft an den König geschickt, deren Vorschläge Diesen besänftigten, so daß er seine Tochter Lavinia dem Trojanischen Ankömmling überließ, nachdem noch Winke der Götter dazu gekommen waren. Turnus, erbost über den Schimpf, daß ihm die bestimmte Gemahlin entzogen ward, fiel den Aeneas mit bewaffneter Hand an, indem Latinus ihn weder davon abhielt, noch ihn dazu ermunterte. Aeneas trachtete jetzt, seine Kriegsmacht durch auswärtige Hülfe zu verstärken, und fuhr den Fluß hinauf, um Euander, der damals die Küstengegenden, wo jetzt Rom steht, beherrschte, um Unterstützung zu bitten. Da sah er, wie ihm Helenus geweissagt hatte, ein Mutterschwein mit dreißig Jungen am Boden liegen, und erkannte darin das sicherste Zeichen eines ruhigen Wohnsitzes. Er beschloß hierauf, dieses Thier der Götterkönigin Juno zu opfern, was Virgilius im achten Gesang [Aen. VIII, 82 ff.] erzählt:

Siehe, da beut sich den Jungen die plötzliche Wundererscheinung:
Weiß das Gehölz durchschimmernd, mit Säuglingen ähnlicher Weiße,
Lag am grünen Gestad', ansehnlichen Wuchses, die Bache,
Die der fromme Aeneas dir, dir, hochherrliche Juno,
Opfernd weiht, und zugleich mit dem Schwarm an deinen Altar stellt.

Auf derselben Stelle soll Aeneas die Stadt Lavinium erbaut haben, und nach Einigen war dieses Ereigniß für die Trojaner die Veranlassung zur Abbildung eines Schweines; sey es, um der Stelle, wo der Königssitz gegründet wurde, ein Andenken zu stiften; oder weil der Anblick des Schweines ihnen ein Vorzeichen von ruhiger Niederlassung gewährt hatte; oder (wie oben bemerkt wurde) um dem Namen Troja’s ein bleibendes Gedächtniß zu erhalten, da dieses Wort mit der Benennung jenes Thieres in der Italischen Sprache gleichlautend ist.

15. Außerdem berichten einige Geschichtschreiber, Aeneas habe sich, nach der Gewohnheit der Seefahrer, zu seinem Bedürfnisse mit eßbaren Thieren versehen, und darunter ein lebendiges Schwein bei sich gehabt. Zugleich habe er vom Orakel die Weisung erhalten, wenn er in Italien gelandet hätte, dieses Schwein laufen zu lassen: auf der Stelle, wo man es wieder fände, solle er eine Stadt bauen. Diesem gemäß habe er an der Campanischen Küste, bei dem See Avernus und bei Bajä, das Thier frei gehen lassen, worauf es an den Uferhöhen der Tiber wieder gefunden worden sey. Deßwegen sey von ihm das Bild eines Schweines auf das Feldzeichen gebracht worden. Aus demselben Grunde sagt auch Helenus zu Aeneas im dritten Buche [Aen. III, 463.]:

Sehe denn, hebe durch That das gewaltige Troja zum Aether.

D. h. das Trojanische Feldzeichen.

Wenn ich mich mit der Erörterung dieses Gegenstandes umständlicher beschäftigte, als mein ursprünglicher Plan erwarten ließ, so bitte ich dich, mein gnädigster Gebieter, den Grund in meiner öfteren Wahrnehmung deiner Zweifel in dieser Sache, so wie der schwankenden Vorstellungen, welche viele Andere davon haben, zu suchen. Ist es doch sehr natürlich, dass man bei dem Gebrauche der ältesten Schriftwerke, zur Erforschung eines der Zeit nach uns so ferne liegenden Gegenstandes, auf mancherlei Bedenklichkeiten stoßen wird. Doch mein Zweck erfordert, wieder einzulenken.

16. Aeneas besuchte den Euander, und erhielt, was er wünschte, indem zu seinem Beistande Palla, Euander’s Sohn, eine Abtheilung der kräftigsten Krieger ihm zuführte. Der Trojaner gewann über Turnus die Oberhand: Dieser wurde in einigen glänzenden Treffen geschlagen, und endlich getödtet. Der Sieger Aeneas bestieg nach dem Tode des Latinus den Thron. Er starb nach einer dreijährigen Regierung, wurde auf dem Ufer des Flusses Numicius7 begraben und unter dem Namen Jupiter Indiges verehrt.

17. Ihn überlebte sein Sohn Askanius, welchen ihm Creusa in Troja geboren hatte. Dieser überließ die Stadt Lavinium seiner Stiefmutter Lavinia und seinem Bruder Silvius, dessen Mutter diese Lavinia war, und baute nicht ferne davon auf dem Albanischen Hügel die Stadt Alba. Zwischen der Erbauung von Lavinium und Alba soll ein Zeitraum von dreißig Jahren liegen.

18. Nach dem Tode des Askanius regierte sein Bruder Silvius, der auch den Namen Julus führt. Von Diesem stammt das Julische Geschlecht, und der alte Beiname deiner edlen Ahnen, mein Kaiser! Uebrigens lassen es die Geschichtschreiber des Alterthums unbestimmt, ob Silvius oder Askanius den Namen Julus geführt habe. Dieser Silvius, den nach dem Tode ihres Gemahls Lavinia in Italien gebar, erhielt den Namen der Nachgeborene. Aus Furcht vor ihrem Stiefsohn Askanius entwich dessen Mutter in ihrer Schwangerschaft, und gebar ihr Kind in einem Walde bei einem Hirten, Namens Tityrus. Daher erhielt er den Namen Silvius, und Maro läßt den Anchises, als er dem Aeneas seine Nachkommenschaft beschreibt, Folgendes sagen [Aen. VI, 759 ff.]:

Jener Jüngling (du schaust), vom lauteren Schafte gestützet,
Wandelt zunächst dem Lichte durch's Loos, und zuerst in des Aethers
Anhauch steigt er empor, verwandt mit Italischem Blute,
Silvius dein nachsprossender Sohn, ein Name von Alba,
Den dir, hochbetagter, Lavinia spät, die Gemahlin,
Auferzieht im Gehölz, den Königezeugenden König,
Woher unser Geschlecht obherrscht in der langen Alba.

19. Dieser Silvius hinterließ einen Sohn, Silvius Aeneas. Dessen Sohn war Latinus, von welchem die alten Latiner ihren Namen erhielten, so wie auch der Beiname Silvius nach Einigen den Albanischen Königen um seinetwillen ertheilt wurde. Virgilius scheint übrigens der Meinung zu seyn, es sey dieser Name den Albanischen Königen von dem nachgeborenen Silvius beigelegt worden.

20. Dieser Silvius zeugte den Alba, Alba den Atys, Atys den Capys, Capys den Capetus, Capetus den Tiberinus. Dieser ertrank in dem Flusse Albula, und veränderte dadurch dessen Namen, indem derselbe von nun an Tiber hieß.

21. Tiberinus hinterließ einen Sohn, Agrippa. Dieser war der Vater von Romulus Silvius, welcher keine Kinder hatte. Derselbe wurde vom Blitze getödtet, und hinterließ dem Aventinus aus demselben Geschlecht die Regierung. Dieser gab mit seinem Hinscheiden dem Hügel, in welchem er begraben wurde, den Namen.

22. Der Nachfolger des Aventinus war Proka. Zwei Söhne, Numitor und Amulius, überlebten ihn. Der Eine derselben, Amulius, stürzte seinen ältern Bruder vom Thron, brachte dessen männliche Nachkommenschaft um, und weihte die Tochter, Rhea Silvia, damit sie nicht Mutter würden, zur Vestalin. Rhea gebar aber Zwillinge, Remus und Romulus, nach der Erzählung vom Mars. Als Dieß Amulius erfuhr, ließ er die Mutter in’s Gefängniß werfen, und die Zwillinge wurden nach einem königlichen Befehle in dem Bette der Tiber ausgesetzt. Nun versichert die Sage, ein königlicher Hirt, Faustulus, sey zufällig auf eine Wölfin gestoßen, welche die Zwillinge säugte: und er habe dieselben seiner Frau, Laurentia, gebracht, um sie zu ernähren. Als die Jünglinge heranwuchsen, und an Körper und Geist erstarkt waren, machten sie in Wäldern und Hainen auf das Wild Jagd, und übten allmählig eine Meisterschaft über die benachbarten Hirten aus. Endlich fiel Remus in einen Hinterhalt, und wurde als der Plünderung schuldig vor Amulius geführt. Weil er aber angeklagt war, in Gesellschaft seines Bruders Romulus einen Einfall in das Gebiet Numitor’s gemacht zu haben, wurde er an seinen mütterlichen Großvater zur Todesstrafe ausgeliefert. Allein unter dem Schutze der Hirten machten die Enkel von hier aus einen Angriff auf den Königssitz, erschlugen den Amulius und setzten den Numitor wieder in sein Reich ein. Nicht unbemerkt wollte ich hier lassen, Cäsar Augustus, daß dieser Fürst der letzte Albanische König aus dem Julischen Geschlechte war, und die späteren Angehörigen desselben bis auf Julius Cäsar und die Zeit deiner heilvollen Erscheinung, du Zierde der Könige, keinen Thron bestiegen, sondern im Privatstande lebten. Denn wenn ich die Geschlechtsfolge deiner Ahnen recht verstehe, so gehört Romulus, der Gründer der Stadt Rom und deines Thrones, von welchem die mütterliche, nicht aber die väterliche Abstammung bekannt ist, nicht zu deiner Familie.

23. Jetzt werde ich die Römischen Könige, Consuln, Diktatoren, Kriegs- und Volkstribunen in der Ordnung aufführen, damit du einen Ueberblick über die Römische Regierungsgeschichte von der frühesten Zeit bis auf dein beglücktes Jahrhundert erhaltest.

Die Zwillinge weihten also den Palatinischen Berg, wo sie aufgewachsen und von den Hirten erzogen worden waren, zum Bau einer kleinen Stadt. Allein sie vertrugen sich nicht mit einander, und ließen daher durch die Stimme der Religion bestimmen, Welchem der Thron gebühre. Einige berichten, im Streite hierüber sey Remus getödtet worden. Andre sagen, Remus habe gegen den Befehl die kaum angefangenen Mauern übersprungen, und sey von Romulus, dem der Thron zugefallen war, mit einem Beil erschlagen worden: die Stadt aber habe von ihrem Stifter den Namen Rom erhalten. Man erzählt, Romulus habe den Grund zu der von ihm erbauten Stadt in seinem zweiundzwanzigsten8 Jahre, vierhundertdreiunddreißig Jahre nach der Einnahme von Troja, den 21. April gelegt. Zuerst errichtete er Tempel und gab Gesetze; nahm hierauf, um sich äußere Würde zu geben, die Zeichen des Königthums an, und umgab sich mit Liktoren. Um die Stadt zu bevölkern, eröffnete er ein Asyl, und bestellte als öffentlichen Rath des Staates hundert Senatoren, welchen er ihres Ansehens wegen den Namen Väter gab: auch ließ er den benachbarten Völkern bekannt machen, daß er dem Neptunus Equester zu Ehren öffentliche Spiele veranstalten werde. Die angränzenden Stämme erschienen mit ihren Familien, um den Anblick der neunen Einrichtungen und der Spiele zu genießen. Während aber die Aufmerksamkeit der Ankömmlinge auf das Schauspiel gerichtet war, wurden die Jungfrau’n der Sabiner und eine Anzahl Anderer von den Römern geraubt und geehlicht. Die Verwandten der Entführten rüstetetn sich zur Rache für die erlittene Beschimpfung zu einem Kriege. Und es knüpften sich eine Menge Kriege an dieses Ereigniß an. Den ersten Einfall in das Römische Gebiet machten die Cänineer, welche geschlagen wurden, während Romulus ihren König Akro tödtete, und mit eigner Hand die ihm abgenommene Waffenrüstung an einer den Hirten heiligen Eiche auf dem Kapitolium aufhing. Ebendaselbst baute er dem Jupiter Feretrius einen Tempel, der in Rom zuerst geweiht wurde. Auch soll nach Einigen der erste Triumph über die Cänineer gefeiert worden seyn. Hierauf machten die Antemnaten, um zu plündern, einen feindlichen Zug gegen Rom, wurden aber von Romulus besiegt und in die Stadt aufgenommen. Hierauf rückte Romulus gegen die Crustuminer, welche jetzt aufstanden, mit bewaffneter Macht aus, besiegte den Feind und nöthigte ihn mit seinen Leuten, in Rom zusammen zu wohnen. Zuletzt bestand er mit den Sabinern einen noch hitzigern Kampf. Ihr Anführer, Titus Tatius, nahm die Veste des Kapitoliums weg, welche ihm aber die Tapferkeit des Romulus bald wieder entriß. Allein jetzt erschienen die geraubten Frauen, riefen mit Thränen in den Augen das Erbarmen der Streiter an, und bestimmten beide Theile, daß Friede geschlossen und aus beiden Königreichen ein einziges gebildet wurde. Es verlegten nämlich die Sabiner den Sitz ihrer Herrschaft nach Rom, und es bestand mehrere Jahre unter Romulus und Titus Tatius eine gemeinschaftliche Regierung. Tatius starb zuerst, indem er von den Laurentern9 im fünften Jahre seiner Regierung zu Rom getödtet wurde. Romulus, der ihn überlebte, hielt nach dem Siege über die Fidenater und Vejenter bei dem Kapreischen Sumpfe eine Versammlung: da erhub sich ein plötzliches Ungewitter mit heftigem Regen, und verfinsterte die Sonne; und während die Blitze sich kreuzten, verschwand er, und wurde nicht wieder gesehen. Seine Regierung hatte siebenunddreißig Jahre gedauert.

24. Nach Romulus herrschte Numa Pompilius, vom Sabinischen Volk, ausgezeichnet durch Frömmigkeit und Gerechtigkeit. Er wußte den Nachbarn ihre Erbitterung zu benehmen, und weihte dem doppelten Janus einen Tempel. War dieser geöffnet, so bedeutete es Krieg: war er geschlossen, Frieden. Hierauf beschäftigte er sich mit den Angelegenheiten der Religion, um die rohen Gemüther milder zu stimmen durch Angewöhnung an Furcht vor den Göttern: ordnete heilige Gebräuche an, wählte Priester, setzte den geweihten Stand der Vestalinnen ein und ernannte zuerst einen Oberpriester: theilte die Tage in heilige und gemeine und das Jahr in zwölf Monate. Er starb nach einer dreiundvierzigjährigen Regierung, während welcher er die höchste Achtung bei seinem eigenen Volke und den Nachbarn genossen hatte.

25. Der dritte König, welcher gewählt wurde, war Tullus Hostilius, ein vorzüglicher Krieger, und noch muthiger als Romulus. Ein Krieg, den er mit den Albanern zu führen hatte, wurde so beendigt, daß einige Wenige ihr Blut und Glück daran setzten. Es befanden sich im Römischen Heere Drillinge, die Horatier, und gleich viele unter den Albanern, die Curiatier. Einer Uebereinkunft zu Folge, wurde einem Kampfe zwischen diesen Kriegern die ganze Sache überlassen, so daß derjenige Staat, dessen Kämpfer den Sieg errängen, die Oberhand über den anderen erhalten sollte. Die Horatier siegten, und die Albaner kamen unter Römische Botmäßigkeit. Sofort machten die Fidenater und Vejenter einen Einfall in’s Römische Gebiet. Sie wurden besiegt und zurückgeschlagen, obschon der Albanische Diktator, Metius, der vertragsmäßig mit einem Heere hatte erscheinen sollen, im Augenblick der größten Gefahr die Sache der Römer durch Einnahme einer entfernten Stellung verrätherisch preis gab. Tullus befahl hierauf, den Metius zwischen ein Viergespann zu binden, dasselbe nach verschiedenen Seiten anzutreiben, und ihn also zu zerreißen: Alba aber zu zerstören, und die sämmtlichen Albaner nach Rom abzuführen. Den Cölischen Berg zog er in den Umkreis der Stadt, da Rom an Einwohnern und Macht zunahm. Mit den Sabinern, welche zur Zeit des Titus Tatius in ihrem väterlichen Wohnsitz zurückgeblieben waren, hatte er einen schweren Krieg, besiegte sie aber. Im zweiunddreißigsten Jahre seiner Regierung endigte er, vom Blitz getroffen, und wurde nebst seiner ganzen Wohnung vom Feuer verzehrt.

26. Auf Tullus folgte Ankus Marcius, der sich im Frieden wie im Krieg gleich sehr auszeichnete. Kriegswesen und Religion waren seine wichtigste Angelegenheit: Göterdienst, Erbauung und Ausschmückung von Tempeln waren die ersten Gegenstände seiner Aufmerksamkeit. Sobald aber die Umstände es geboten, war er ganz Soldat, und machte einen Zug gegen die Latiner, welche zuerst einen Krieg gegen ihn anfingen, eroberte und zerstörte Politorium, den einzigen festen Platz der Latiner; sämmtlichen Bewohnern, die er in dem Städtchen vorfand, gab er die Bestimmung, sich in Rom einzubürgern. Den Hügel Janikulus verband er mit der Stadt, und baute eine Pfahlbrücke über die Tiber: durch die Ebene zog er den Quiriten-Graben und baute das erste Gefängniß; die Gränzen des Römischen Gebietes dehnte er bis an das Meer aus, da wo die Tiber ihre Mündung hat. Hier baute er die Stadt Ostia und legte um dieselbe Salzwerke an. Der Tempel des Jupiter Feretrius wurde [von ihm] vergrößert. Ankus starb im vierundzwanzigsten Jahre seiner Regierung.

27. Priskus Tarquinius, der von Tarquinii in Etrurien stammte, gelangte nun auf den Thron. Er hatte einen Krieg mit den Latinern, eroberte die Stadt Apiola und kehrte als Sieger mit gewaltiger Beute zurück. Er stiftete öffentliche Spiele, baute den Cirkus, und verstärkte die Centurien im Kriege mit den Sabinern. Seine Thätigkeit und Kraft verschaffte ihm den Sieg über sie, worauf er die dem Feind abgenommenen blutigen Waffen in den Anio werfen ließ. Dieser Fluß führte sie in die Tiber; und so kam die Nachricht von seinem herrlichen Siege nach Rom. In einem zweiten Treffen trieb er dieselben Gegner wieder zu Paaren, und unterwarf sich die Stadt Kollatia. Ruhmbedeckt kehrte er nach Rom zurück, und war nach Einigen der Erste, der einen Triumph hielt. Mit den alten Latinern gerieth er in einen Krieg, und machte erst dann mit ihnen Friede, nachdem er ihnen die Städte Kornikulum, Fikuluna, Kameria, Krustumerium, Ameriola, Medullia und Nomentum, mit Gewalt weggenommen hatte. Nun erst wandte er seine Aufmerksamkeit auf Errichtung öffentlicher Gebäude. Er umgab die Stadt mit einer Mauer aus Backsteinen; die Niederungen zwischen den Hügeln, und andere schlammigte, mit Unrath angefüllte, Plätze, ließ er durch Abzugs-Kanäle reinigen. Auf dem Kapitolium begann er ein großes Werk, den Bau des Jupitertempels. Im siebenunddreißigsten Jahre seiner Regierung starb er, ermordet von den zwei Söhnen des Ankus.

28. Nach ihm wurde Servius Tullius zum König erklärt, der Sohn einer gefangenen vornehmen Frau,10 welche während ihrer Schwangerschaft aus Kornikulum nach Rom gebracht worden war. Im Hause des Tarquinius kam er zur Welt, und erhielt dort seine Erziehung. Er unternahm zuerst einen Krieg gegen die Vejenter und Etrusker, überwand sie mit großer Tapferkeit, und kehrte als ruhmgekrönter Sieger zurück. Er war der Erste, der eine Schätzung einführte, um Jedem für den Frieden und Krieg seine Pflichten bestimmen zu können. Das Volk theilte er in Klassen und Centurien. Mit Kraft und Einsicht handhabte er sowohl die innere Verwaltung,11 als die auswärtigen Verhältnisse. Eines Tags ließ er alle Bürger, Fußgänger und Ritter, was die Waffen tragen konnte, auf dem Marsfeld zusammenkommen: hier stellte er das Heer in Schlachtordnung, und opferte zu dessen Sühnung ein Schwein, ein Schaf und einen Stier. Und so kam der Name des [fünfjährigen] Sühnopfers auf die Nachwelt. Damals sollen 80,000 Bürger gezählt worden seyn. Zwei12 Hügel wurden um diese Zeit mit der Stadt verbunden, der Viminalische, der Quirinalische und der Esquilinische (wo er seinen Palast hatte), welche er auch, wie die Stadt, mit Wall, Graben und Mauer umgab. Der Diana erbaute er einen Tempel. Zuletzt wurde er von Lucius Tarquinius, einem Sohne des Priskus Tarquinius, und seinem eigenen Schwiegersohn, im vierunddreißigsten Jahre seiner Regierung, in dem Cyprischen Stadtbezirk umgebracht.

29. Sofort griff Tarquinius nach dem Scepter: allein er führte die Regierung, welche er auf eine unedle Weise an sich gebracht hatte, so gewaltthätig, daß er sich den Beinamen des Stolzen zuzog. Väter und Senat behandelte er tyrannisch, und ohne sich an die Zustimmung des Volks zu kehren, folgte er bei allen seinen Unternehmungen seiner eigenen Willkühr. Nach eigener Machtvollkommenheit verfügte er Einkerkerungen, Todesurtheile, Hinrichtungen. Mit den Volskern stand er im Krieg: er schlug sie, und nahm ihnen die Städte Suessa und Pometia13 weg. Die Unterjochung der Gabier war nicht die Frucht eines Sieges, sondern der Ränke: und er ergriff gegen dieselben sehr grausame Maßregeln. Mit den Aequitolern und Etruskern schloß er Verträge. Den Tempel des Jupiter auf dem Kapitolium, welchen sein Vater begonnen hatte, vollendete er mit sehr großem Aufwand und Anstrengung bis zur höchsten Spitze. Junius Brutus bewirkte seine Verbannung. Es hatte nämlich sein Sohn Sextus Tarquinius die Lukretia entehrt; daher mußte er mit seiner ruchlosen Gemahlin und seinen Söhnen entfliehen. Dieses geschah im fünfunddreißigsten Jahre seiner Regierung, und im zweihundertvierundvierzigsten der Stadt.

30. Nach Vertreibung der Könige regierten Consuln je ein Jahr den Römischen Staat. Der Senat bestand unveränderlich als der eigentliche Körper der Regierung: die Consuln waren gleichsam seine Glieder. Berathung und Beschließung der Regierungsmaßregeln war Sache des Senats: die Consuln bildeten die vollziehende Gewalt.

Diktator, Volksauszüge

31. Die Gewalt des Diktators stand über den andern Obrigkeiten. Wenn der Römische Staat in eine dringende Gefahr gerieht, wurde, um allgemeine Furcht hervorzubringen, ein Diktator gewählt, und in seiner Person alle Staatsgewalten vereinigt. In Folge der heftigsten Streitigkeiten zwischen den Patriciern und dem Volke, zog dieses, zum großen Schreck des Adels, aus der Stadt auf den Aventinischen, nach Andern auf den heiligen Hügel14: und man vermochte es nicht eher zur Rückkehr zu bewegen, bis ihm die Befugniß, Volkstribunen zu erwählen, zugestanden wurde.

Die Decemvirn

32. In der Folge kamen die öffentlichen Angelegenheiten in die Hände der Decemvirn. Der Beschluß war, zehen Männer sollten, ohne daß eine andere Obrigkeit bestünde, auf ein Jahr die Geschäfte der Regierung besorgen. Es war im dreihundertsten Jahre der Stadt, als die hartnäckige Gewissenlosigkeit des Appius Claudius, eines Mannes von der größten Gewaltthätigkeit, das Ende dieser Regierungsform herbeiführte. Er ließ sich von seinem ruchlosen Hange zur Wollust hinreißen, die Virginia, eine Jungfrau vom besten Rufe, zu entehren. Jetzt wurden die Decemvirn gezwungen, ihr Amt niederzulegen; und man kam wieder auf die Consuln zurück.

Kriegstribune

33. Bei einem bald darauf erfolgten Aufstande setzte das Volk, auf den Antrieb der Volkstribunen, es durch, daß ihm neben den Letztern auch Kriegstribunen gegeben wurden. Doch konnten Patricier wie Bürgerliche, ohne Unterschied, zu dieser Würde gelangen, wenn sie nur einmal das Consulat verwaltet haben.

Dauer des Consulats

34. Endlich kam es wieder, zur Regierung der Consuln; bis auf die Herrschaft des Julius Cäsar, deines Vaters und Oheims, sah man ihre Fasces. Siebenhundertundzehn Jahre füllen sie, von der Gründung der Stadt an gerechnet, in unserer Geschichte.

Eroberungen während desselben und zu den Zeiten des Kaiserthums

35. Unter der Leitung dieser Staatsmänner, der Consuln, Diktatoren und Kriegstribunen, wurde innerhalb 447 Jahren ganz Italien mit Waffengewalt erobert: die Kottischen, die Pöninischen, Grajischen und Römischen Alpen kamen mit ihren Bewohnern, obwohl diese auf ihren Felsen abgehärtet genug waren, in unsre Gewalt. Afrika wurde dreimal besiegt, im ersten, zweiten und dritten Punischen Krieg, und nachdem beide Staaten unheilbar sich verblutet hatten, endlich dem Römischen Staat einverleibt. Sicilien, Sardinien, die Balearischen Inseln und Kreta wurden unser. Numidien kam nach dem Siege über Jughurta in unsre Gewalt. Spanien, so kriegerisch es ist, demüthigten unsre Waffen, freilich nicht ohne Verlust für uns. Celtiberien, Kantabrien, Asturien, Lusitanien, Numantia, ganz Galläcien beugten den Nacken. Gallien und Britannien waren für Julius Cäsar eine Arbeit von neun Jahren: dann erst wurden sie zinsbar. Hierauf wurden Illyrien, Istrien, Liburnien und Dalmatien bezwungen. Sofort ward eine Ueberfahrt nach Griechenland bewerkstelligt: ein Sieg über diese Land machte uns Epirus, Thessalien und Achaja unterthänig. Dreimal wurde Macedonien mit seinen Königen bezwungen, und endlich zur Provinz gemacht. Ueber die Thracier, das allerunbändigste Volk, Propontis, den Thracischen Bosporus nebst Byzantium erwarb sich die Römische Tapferkeit Siege. Du warest der Heerführer, siegreichster aller Fürsten, als die Römer an die Donau und den Rhein vordrangen, und deiner Thätigkeit haben wir die Eroberung der beiderseitigen Ufer dieser Flüsse zu verdanken. Beide Germanien, das untere und das obere, beugten sich einzig vor dir: Norikum, die Pannonier, Sueven, Markomannen, Dacier, Mösier und die übrigen nördlichen Völker wurden besiegt. Der Schrecken deiner Waffen durchdrang Europa, und erschütterte es nach allen Seiten bis zu seinen äußersten Gränzen. Schon früher waren wir in Asien eingedrungen. Antiochus, der mächtigste König Syriens, und Mithridates wurden besiegt; Syrien, Phönicien, Ctesiphon, Babylonien, Judäa, Palästina, Arabien, Cilicien und das ganze Pontische Reich, nebst Kleinasien, in welchem Phrygien, Lydien, Bithynien, Paphlagonien, Isaurien und Cappadocien liegen, unterwarfen sich der Römischen Oberherrschaft. Auch beide Armenien beugten sich, als sie von unsern Waffen genug gelitten hatten. Mesopotamien, zwischen dem Tigris und Euphrat, unterwarf sich endlich den Römern, nachdem es durch das Blut der Parther und Perser, mit welchen viele Kriege geführt wurden, gedüngt war. Zu verschiedenen Zeiten wurden langdauernde Kriege mit den Persern und Parthern geführt: beide Theile wurden von Niederlagen heimgesucht: endlich siegten die Römer, und geboten über die Widerspenstigen. Im Norden wurden die Kolchier, Iberier, Albanier, Scythen, Assyrier, Kaspier nebst ihren Amazonen unter der Leitung unsrer Heerführer unterjocht. Aegyptens Könige waren von freien Stücken unsre Freunde und Verbündete. Cyrene und ganz Libyen und Mauretanien kamen nach Julius Tode in Abhängigkeit von uns. Ja von dem äußersten Morgenlande schickten zuletzt die Indier eine Gesandtschaft an dich, glorreicher Gebieter, als du in dem entferntesten15 Abendland Krieg führtest. Denn so lange du herrschest, darf kein Theil der Welt unbesiegt bleiben. Heil dir für immer, Cäsar Augustus, unvergängliche, unsterbliche Zierde deines Jahrhunderts!

Anmerkungen

1 Das widersinnige scilicet irclytae posteritatis lassen wir mit einer Hdf. weg.

2 Sonst wird die Sache so erzählt. Herkules habe die Tochter des Königs, Hesione, von einem Seeungeheuer bedroht gesehen und gerettet, aber den ausbedungenen Lohn nicht erhalten, worauf er dem Könige die Zerstörung seiner Stadt ankündigte.

3 Das Adriatische Meer.

4 Entweder der alte Fluß Timavus, oder der Meduacus.

5 Daß das Wort Troja im ältern Latein diese Bedeutung gehabt habe, ist nicht erwiesen. Uebrigens sollen Trojanische Münzen die Abbildung eines Schweines auf ihrem Gepräge gehabt haben; wie Dieses auch bei alt-Römischen der Fall ist.

6 Man versetzt dieses Lavinium in die Gegend des heutigen Monte di Levano, oder des Städtchens Patrica.

7 Jetzt Rivo de Nemi.

8 Nach Andern in seinem achtzehnten Jahre.

9 Laurentische Gesandte waren von den Verwandten des Tatius beleidigt worden.

10 Ihr Name soll Ocresia gewesen seyn.

11 Statt paci tranquillae wird besser pace tranquilla gelesen werden.

12 Weil zwei genannt, aber drei aufgeführt sind, lesen Einige tres statt duo. – Nach Livius (I, 44.) scheint es, Messala habe blos die zwei ersten gemeint, da Tullius (dem Livius zu Folge) den Esquilinischen Hügel blos verschönerte.

13 Nach Livius (I, 41.) war Suessa Pometia Eine Stadt.

14 Nach Livius (II, 32.) geschah der erste Auszug auf den heiligen, und ein zweiter, viel späterer, auf den Aventinischen Berg.

15 Spanien.

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