1 (1) [19] Mittlerweile hatte Alexander den Cleander mit Geld abgeschickt, um aus dem Peloponnes Truppen zu werben, und führte, nachdem er die Angelegenheiten von Lykien und Pamphylien geordnet hatte, sein Heer zu der Stadt Kelänä1. Mitten durch die Stadt strömte zu jener Zeit der Fluß Marsyas2, berühmt durch die sagenreichen Gedichte der Griechen. Seine Quelle entspringt aus dem höchsten Gipfel des Berges und stürzt mit lautem Wassergebrause auf den darunter befindlichen Felsen; von da breitet er sich aus und bewässert die umliegenden Gefilde, klar und nichts andres als sein eignes Wasser mit sich fortführend. Daher gab seine dem ruhigen Meere ähnliche Färbung Gelegenheit zu einer Erfindung der Dichter, indem man erzählte, die Nymphen ließen sich, von Liebe zu dem Flusse gefesselt, auf jenem Felsen nieder. Übrigens behält er seinen Namen, so lange er innerhalb der Stadtmauern fließt; hat er sich dagegen aus den Befestigungswerken hinausgewunden, wo er mit gewaltigerem Wogendrange flutet, nennt man ihn Lykus. Alexander zog in die von ihren Bewohnern verlassene Stadt ein, die Burg aber, in die sie geflohen waren, schickte er sich an zu bestürmen, sandte jedoch vorher einen Herold, ihnen anzukündigen, wenn sie dieselbe nicht übergäben, sollte ihnen das äußerste widerfahren. Jene führten den Herold bis auf einen sowohl durch seine Lage als seine Mauern hoch emporragenden Turm und hießen ihn [20] schauen, was das für eine Höhe sei, und dem Alexander sagen: er und die Bewohner der Burg schätzten die Befestigungswerke nicht nach gleichem Maßstabe. Sie wüßten sich uneinnehmbar; im äußersten Falle wollten sie ihrer Pflicht getreu sterben. Wie sie übrigens die Burg ringsum eingeschlossen und alles für sie von Tag zu Tage knapper werden sahen, schlossen sie einen Waffenstillstand auf sechzig Tage, mit der Bedingung, den Platz zu übergeben, wenn unterdes Darius ihnen keine Hilfe gesandt hätte. Nachdem von dort kein Entsatz erschien, stellten sie sich zur festgesetzten Frist dem Könige zur Verfügung. Dann kamen gleichzeitig Gesandte der Athener zu ihm mit der Bitte, ihnen die am Fluß Granikus gemachten Gefangenen3 zurückzugeben. Er gab den Bescheid, nicht nur diese, sondern auch die übrigen Griechen werde er den Ihrigen zurückstellen lassen, sobald der persische Krieg beendet sei.
2 (1) Nun aber zog er, da sein Trachten gegen Darius ging, der, wie er erfahren, noch nicht den Euphrat überschritten hatte, überallher sämtliche Truppen zusammen, um mit seiner ganzen Macht an die Entscheidung dieses gewaltigen Krieges zu gehen. Phrygien, durch das sein Heer marschierte, war ein Land, mehr mit Dörfern als Städten bebaut. Damals war dort die ehedem berühmte Residenz des Midas: Gordium heißt die Stadt, vom Flusse Sangarius durchströmt und in gleicher Entfernung vom Schwarzen wie vom cilicischen Meere gelegen.4 Es ist das, wie ich in Erfahrung gebracht habe, die Strecke, wo Kleinasien zwischen diesen Meeren am schmalsten ist, indem beide das Land gleichsam in einen engen Hals zusammendrängen; und weil es, wiewohl mit dem Festlande zusammenhängend, großenteils von den Fluten umschlossen ist, so hat es das Aussehen einer Insel und würde ohne die geringe Scheidewand, die es ihnen entgegenstellt, die Meere, die es jetzt trennt, zusammenfließen lassen. [21] Nachdem Alexander die Stadt unterworfen hatte, trat er in den Tempel des Jupiter. Dort sah er den Wagen, auf welchem sicherer Kunde zufolge Gordius, des Midas Vater, gefahren war, durch äußere Schönheit von den geringeren und gewöhnlich gebrauchten Wagen nicht eben sehr verschieden. Merkwürdig war das Joch, das durch mehrere in einander verschlungene Knoten, deren Verknüpfung sich nicht wahrnehmen ließ, angebunden war.5 Als ihm hierauf die Einwohner versicherten, es gebe einen Orakelspruch, daß sich derjenige der Oberherrschaft über Asien bemächtigen werde, der die unentwirrbaren Bänder löste, so ergriff ihn die Begierde, diesen Spruch zu erfüllen. Um den König befand sich eine Schar von Phrygiern sowohl als Makedoniern, jene in banger Erwartung, diese ob der verwegenen Zuversicht des Königs in Besorgnis: denn da die Lagen des Bandes in der Art gebunden waren, daß man weder erraten noch mit dem Blick wahrnehmen konnte, von wo die Verschlingung beginne oder wohin sie sich verliere6, so hatte er sie, indem er die Lösung unternahm, besorgt gemacht, es möchte das fruchtlose Beginnen als ein Vorzeichen gedeutet werden. Er jedoch, nachdem er sich lange vergeblich mit den versteckten Verknotungen abgemüht hatte, rief: „Es kommt auf eines heraus, wie man sie löst!“ und indem er alle Riemen mit dem Schwerte durchhieb, machte er den Orakelspruch zunichte oder, wenn man will, erfüllte ihn.
3 (1) Da er hierauf beschlossen hatte, dem Darius, wo er immer wäre, zuvorzukommen, setzte er, um sich den Rücken gesichert zu halten, den Amphoterus über die Flotte an der Küste des Hellespont, über die Truppen aber7 den Hegelochus und beauftragte sie, Lesbos, Chios und Kos von den feindlichen Besatzungen zu befreien. Für die Kriegsbedürfnisse wies er ihnen fünfhundert Talente8 [2 357 700 [22] Reichsmark] an: an Antipater9 und diejenigen, welche die griechischen Städte befehligten, schickte er sechshundert [2 829 200 Reichsmark]; den Bundesgenossen wurde geboten, die vertragsmäßigen Schiffe zu stellen, die den Hellespont10 beschützen sollten. Denn noch wußte er nicht, daß Memnon11 gestorben war; auf ihn hielt er daher alle seine Sorge gerichtet, wohl wissend, daß alles ohne Schwierigkeit sein werde, wenn dieser nichts unternähme. Und bereits war man bis zur Stadt Ankyra12 gekommen, wo er nach einer Zählung seiner Truppen Paphlagonien betrat. In der Nähe waren einst die Sitze der Heneter13, von denen, wie manche glauben, die Veneter abstammen sollen. Alles dies Land zeigte sich dem Könige unterwürfig, und durch Stellung von Geiseln erlangten sie es, zu keiner Tributzahlung genötigt zu werden, da sie auch den Persern keinen bezahlt hätten. Zum Befehlshaber dieser Gegend machte er den Kalas; er selbst zog, durch die neuerdings aus Makedonien Angekommenen verstärkt, nach Kappadokien.
4 (1) Aber Darius, den die Nachricht vom Tode des Memnon, wie ganz natürlich, sehr erschüttert hatte, beschloß mit Aufgebung aller andern Hoffnungen den entscheidenden Kampf selbst zu unternehmen: denn was durch seine Heerführer geschehen war, das verwarf er alles und meinte, der Mehrzahl von ihnen habe es an Sorgfalt, allen an Glück gefehlt. Nachdem er also bei Babylon ein Lager aufgeschlagen, stellte er, damit man den Krieg mit um so größerem Mute begänne, seine gesamte Macht zur Schau und veranstaltete nach Xerxes’ Beispiele14 [14] vermittelst einer herumgeführten Umzäunung, die eine Menge von zehntausend Bewaffneten faßte, eine Zählung seiner Truppen. Von Sonnenaufgang bis zur Nacht zogen die Scharen in der bestimmten Reihenfolge in die Umzäunung. Daraus entlassen lagerten sie sich auf den Gefilden Mesopotamiens, eine beinahe unzählbare Masse zu Roß und zu Fuß, dem Anschein nach noch größer, als sie in Wirklichkeit war.15 Perser waren es hunderttausend, worunter volle dreißigtausend Reiter. Die Meder hatten zehntausend zu Roß, fünfzigtausend zu Fuß. Barkanische Reiter16 waren zweitausend, mit Streitäxten und leichten, am meisten der Cetra ähnelnden Schilden bewaffnet; ihnen folgten zehntausend Fußgänger mit gleicher Bewaffnung wie die Reiter. Die Armenier hatten vierzigtausend zu Fuß nebst siebentausend Reitern geschickt; die Hyrkaner volle sechstausend nach dem Maßstab jener Völkerschaften vortreffliche Reiter nebst tausend Tapurischen Reitern.17 Die Derbiker hatten vierzigtausend zu Fuß bewaffnet, von denen die Mehrzahl Spieße mit eherner oder eiserner Spitze trug, manche das Holz nur im Feuer gehärtet hatten; auch ihnen folgten zweitausend Reiter von gleichem Stamme. Vom Kaspischen Meere war ein Heerhaufe von achttausend Fußgängern gekommen, dazu zweihundert Reiter. An sie schlossen sich andere wenig bekannte Völkerschaften, die zweitausend zu Fuß und die doppelte Anzahl von Reitern gerüstet hatten. Zu diesen Truppen kamen noch dreißigtausend griechische Söldner in trefflichster Manneskraft: denn die Baktrianer, Sogdianer, Inder und die übrigen Anwohner des Roten Meeres18, Völkerschaften, [24] deren Namen ihm selbst sogar unbekannt waren, hatte die Eile verhindert herbei zu rufen. Und so fehlte es ihm an nichts weniger, als an der Masse der Truppen.
5 (1) Da, über den Anblick dieser Masse hocherfreut und durch die gewöhnliche Lügenhaftigkeit der Hofschranzen in seinen Hoffnungen noch bestärkt, wandte er sich zu dem Athener Charidemus19, der ein kriegskundiger Mann und dem Alexander um seiner Verbannung willen feind war, da man ihn auf dessen Befehl aus Athen vertrieben hatte, und hub an ihn zu fragen, ob er ihm genugsam gerüstet deuchte, den Feind zu zermalmen. Doch dieser, seiner Lage und des Übermutes der Könige vergessend, erwiederte: „Die Wahrheit wirst vielleicht du nicht hören wollen, und ich, wenn ich sie jetzt nicht sage, werde sie ein andermal vergeblich aussprechen. Diese gewaltige Heeresrüstung, diese Masse unzähliger, aus dem ganzen Orient aufgebotener Völkerschaften kann wohl deinen Nachbarn furchtbar sein; sie glänzt in Purpur und Gold und strahlt in Waffen und einem Reichtum, von dem sich, wer ihn nicht mit Augen gesehen, keine Vorstellung machen kann. Die makedonische Schlachtreihe dagegen, allerdings von wildem und schmucklosem Äußern, deckt mit ihren Schilden und Speeren unerschütterliche Kolonnen und dichtgefügte Mauern von Männern. Sie selbst nennen es Phalanx, eine standfeste Schar von Fußvolk: Mann schljetzt sich an Mann, Waffe an Waffe; des Winkes ihres Befehlshabers gewärtig, sind sie geschult der Fahne zu folgen und Reih und Glied zu halten. Was immer befohlen wird, jeder hat sorgsam acht darauf: Front zu machen, zu schwenken, nach den Flügeln zu marschieren, die Kampfart zu verändern, verstehen die Soldaten eben so gut wie die Führer. Und damit du nicht glaubst, es fessele sie die Begierde nach Gold und Silber, so wisse: noch hat sich diese Disziplin unter der Zucht der Entbehrung erhalten. Der Erdboden dient den Ermüdeten als Lager; die Speise, die sie sich neben ihrer Kriegsarbeit bereiten, sättigt sie; der Stunden des Schlafes sind weniger als der Nacht. Meinst du nun, die thessalischen Reiter, die Akarnanen und Ätoler, diese im Kampf unbesiegte Mannschaft, werden sich mit Schleudern und im Feuer gehärteten Spießen in die Flucht schlagen [25] lassen? Dazu bedarf es ebenbürtiger Kräfte. In jenem Lande, welches sie erzeugte, mußt du deine Hilfstruppen suchen, dorthin schicke dies Gold und Silber hier, um dir Soldaten zu werben.“ Darius war von weicher und sanfter Gemütsart, verderbte nicht mehrenteils das Glück einen freundlichen Charakter. Unfähig also, die Wahrheit zu hören, befahl er, den Gastfreund, der sich in seinen Schutz begeben und ihm gerade damals so nützlichen Rat gab, fortzuschleppen und hinzurichten. Dieser, ohne auch jetzt seine Freimütigkeit zu verleugnen, sagte: „Der Rächer meines Todes ist vor der Thür: er selbst, gegen den ich dir meinen Rat gegeben, wird dich dafür, daß du ihn verschmäht hast, bestrafen. Du aber, den die Schrankenlosigkeit seiner Herrschergewalt so plötzlich verwandelt hat, wirst der Nachwelt ein Zeugnis sein, wie die Menschen, wenn sie blind dem Glücke vertrauen, selbst ihrer gewohnten Natur untreu werden.“ Indem er dies rief, stießen ihn die damit beauftragten Diener nieder. Zu spät erst beschlich Reue den König; er gestand, daß jener wahr gesprochen, und hieß ihn beerdigen.
6 (1) Es war da ein Sohn Mentors, Namens Thymodes, ein rüstiger junger Mann: diesem wurde vom Könige aufgetragen, alle fremden Söldner, auf die er seine meiste Hoffnung setzte, von Pharnabazus in Empfang zu nehmen, um sie während des Krieges zu verwenden. Dem Pharnabazus selbst übertrug er den Oberbefehl, den er vorher an Memnon gegeben hatte.20 Ängstlich, um der ihn bedrängenden Sorgen willen, beunruhigten den König auch während des Schlafes Bilder der drohenden Ereignisse, mochten sie aus krankhafter Seelenstimmung oder prophetischer Vorahnung hervorgehen. Es deuchte ihm, das Lager Alexanders leuchte von einem hellen Feuerscheine, und kurz darauf, als werde Alexander in eben einem solchen Gewande, wie er es selbst [einst] getragen, zu ihm hergeführt, und als ritte derselbe dann durch Babylon und wäre plötzlich samt dem Rosse vor seinen Augen verschwunden. In bezug hierauf hatten die Wahrsager durch verschiedene Auslegung die Gemüter in sorgenvolle Spannung versetzt. Einige erklärten diesen Traum als günstig für den König, weil das [26] feindliche Lager gebrannt und er den Alexander ohne sein königliches Gewand im gewöhnlichen persischen Anzuge hätte zu sich führen sehen. Manche gaben eine entgegengesetzte Deutung21: nämlich die Erscheinung des leuchtenden makedonischen Lagers zeige Glanz für Alexander an; und daß dieser sich der Herrschaft über Asien bemächtigen werde, sei ihnen darum nicht zweifelhaft, weil Darius in dem Augenblick, da er zum König ernannt wurde, das gleiche Gewand getragen hätte. Auch an alte Vorzeichen, wie das zu geschehen pflegt, hatte ängstliche Besorgnis erinnert. Man gedachte nämlich, wie Darius im Beginn seiner Herrschaft befohlen, die persische Säbelscheide mit der Form zu vertauschen, wie sie die Griechen hatten22, und wie die Chaldäer dies sofort dahin gedeutet hätten, die Herrschaft über die Perser werde auf die übergehen, deren Waffen er nachgeahmt. Er selbst übrigens zeigte sich sowohl über die Auslegung der Wahrsager, die man unter dem Volke verbreitete, als über die nächtliche Traumerscheinung sehr erfreut und befahl an den Euphrat vorzurücken.
7 (1) Es ist eine von den Vätern her überlieferte Gewohnheit der Perser, erst nach Sonnenaufgang weiter zu marschieren. Wenn es schon heller Tag war, wurde vom Zelte des Königs mit dem Horn das Zeichen gegeben. Über dem Zelte, so daß es von allen gesehen werden konnte, erglänzte das in Krystall gefaßte Bildnis der Sonne.23 Die Ordnung des Zuges war aber folgende. Voran wurde auf silbernem Altar das sogenannte heilige und ewige Feuer24 getragen. Demnächst schritten Magier25, die ein altes Nationallied sangen. Den Magiern folgten dreihundert fünf und sechzig Jünglinge in purpurnen Mänteln, an Zahl den Tagen des ganzen Jahres gleich, [27] da auch bei den Persern das Jahr in so viele Tage geteilt ist. Hierauf zogen weiße Rosse den dem Jupiter26 geheiligten Wagen, worauf ein Pferd von ausgezeichneter Größe folgte, welches das Sonnenroß hieß. Goldene Gerten und weiße Gewänder schmückten diejenigen, welche die Pferde führten. In geringer Entfernung kamen zehn Wagen mit reicher Gold- und Silberverzierung. Ihnen folgte die Reiterei der zwölf Perserstämme27, verschieden durch Bewaffnung und Eigentümlichkeit ihrer Erscheinung. Hieran schloß sich zunächst die Schar, welche bei den Persern die der Unsterblichen28 heißt, gegen zehntausend Mann stark. Keine andere war in höherem Grade mit der Pracht barbarischen Reichtums ausgestattet: sie trugen goldene Ketten, desgleichen ein goldgesticktes Kleid und Ärmelröcke, die sogar mit Edelsteinen verziert waren. Nach kurzem Zwischenraume folgten die sogenannten Verwandten des Königs29, fünfzehntausend Mann; doch war diese Schar weibisch gekleidet und mehr durch verschwenderische Pracht als durch schöne Waffen bemerklich. Die ihnen zunächst folgende Abteilung hieß die der Speerträger, gewohnt, das königliche Gewand in Empfang zu nehmen. Sie schritten dem Wagen des Königs voran, worauf er selbst hochthronend einherfuhr. Beide Seiten des Wagens zierten aus Gold und Silber gearbeitete Götterbildnisse; bunt mit schimmernden Edelsteinen war das Joch besetzt, über welches zwei goldene, eine Elle hohe Bilder emporragten, das eine des Ninus, das andere des Belus30; zwischen beiden das geweihte Symbol eines goldenen Adlers, der seine Fittiche auszubreiten schien.
8 (1) Die Kleidung des Königs war vor allen durch verschwenderische Pracht bemerklich. Dem Purpurrock war in der Mitte Weiß [28] eingewebt, den goldgestickten Mantel schmückten goldene Habichte31, die mit den Schnäbeln gegen einander zu kämpfen schienen, und an dem goldenen Gurt, der ihn nach Weiberart umschloß, hatte er einen Säbel hängen, dessen Scheide aus Edelstein bestand. Der königliche Hauptschmuck hieß bei den Persern Kidaris; er war mit einer blau und weißen Binde umschlossen. Dem Wagen folgten zehntausend Lanzenträger, die silberverzierte Lanzen und Wurfspieße mit goldenen Spitzen trugen; zur Rechten aber und zur Linken begleiteten den König ungefähr zweihundert der vornehmsten seiner Verwandten. Diesen Zug schlossen dreißigtausend Mann zu Fuß, denen vierhundert Rosse des Königs folgten. Dann nach dem Zwischenraum eines Stadiums [0,185 km] fuhr auf einem Wagen die Mutter des Darius, Sisigambis, und auf einem andern befand sich seine Gattin. Die Schar der die Königinnen begleitenden Frauen ritt auf Pferden. Hierauf folgten fünfzehn Wagen, die man Armamaxä32 heißt, worauf sich die Kinder des Königs nebst ihren Erzieherinnen befanden und ein Haufe Verschnittener, die allerdings bei jenen Völkern nicht so verachtet sind. Dann fuhren die dreihundertundsechzig Kebsweiber des Königs, ebenfalls in königlichem Gewand und Schmuck. Hinter ihnen wurde von sechshundert Maultieren und dreihundert Kamelen der Schatz des Königs getragen, unter dem Geleit einer Wache von Bogenschützen. Diesem Zuge zunächst kamen die Weiber der Verwandten und Freunde des Königs, gefolgt von den Scharen der Marketender und Troßknechte. Den Beschluß machten, die Nachhut zu bilden, Leichtbewaffnete, ein jeder Haufe unter seinem eigenen Führer. Wenn man dagegen die makedonische Heeresordnung betrachtete, so bot sich ein ganz verschiedener Anblick dar, indem Mann und Roß nicht von Gold noch bunten Gewändern, sondern in Eisen und Erz schimmerten. Ein Zug, gleich bereit still zu halten oder weiter zu ziehen, weder durch Troß noch Gepäck sehr beschwert, nicht nur des Zeichens, sondern sogar des Winkes seines Führers gewärtig. Dem Lager gebrach es nicht an Raum, dem Heere nicht an Lebensmitteln. So stand dem Alexander in der Schlacht seine Mannschaft völlig zu [29] Gebote; Darius, der Gebieter über so ungeheure Massen, sah sich durch das enge Gelände, worauf er kämpfte, auf dieselbe geringe Anzahl beschränkt, die er an seinem Feinde verachtet hatte.
9 (1) Unterdeß hatte Alexander den Abistamenes über Cappapocien gesetzt und war auf seinem Marsche nach Cilicien mit seinem ganzen Heere in die Gegend gekommen, die das Lager des Cyrus heißt. Dort nämlich hatte Cyrus, als er gegen Krösus nach Lydien zog, ein Standlager gehabt.33 Die Stelle war fünfzig Stadien [9,249 km] von dem Eingange entfernt, der sich nach Cilicien öffnet: bei den Einwohnern heißt dieser äußerst enge Paß, der durch seine natürliche Lage künstlich angelegten Befestigungswerken gleichkommt, Pylä.34 Der Befehlshaber über Cilicien, Arsames, beschloß also, eingedenk der im Beginn des Krieges von Memnon erteilten Mahnung, dessen unter den früheren Umständen heilsamen Rat jetzt zu spät in Ausführung zu bringen. Er verwüstete, um dem Feinde eine Einöde zu schaffen, Cilicien mit Feuer und Schwert und zerstörte alles, was von Nutzen sein konnte, um das Land, das er nicht zu schützen vermochte, unfruchtbar und nackt hinter sich zu lassen. Weit nützlicher dagegen wäre es gewesen, den engen Eingang, der den Schlüssel zu Cilicien bildet, mit einer starken Besatzung zu versehen und den günstiger Weise die Straße beherrschenden Bergrücken besetzt zu halten, von wo aus er ohne Gefahr den unten anrückenden Feind entweder hätte aufhalten oder vernichten können. So aber ließ er nur eine geringe Anzahl zur Besatzung der Gebirgspfade dort und wich selbst zurück, ein Verheerer des Landes, das er vor Verheerungen hätte schützen sollen. Natürlich hielten die Zurückgelassenen sich für verraten und vermochten nicht einmal vor dem Anblicke des Feindes stand zu halten, obwohl eine noch geringere Anzahl den Platz hätte behaupten können.
10 (1) Cilicien wird nämlich von einem ununterbrochenen rauhen und steilen Gebirgsjoche eingeschlossen, das sich vom Meere aus erhebt und wie in einer busen- oder bogenförmigen Krümmung mit [30] seinem andern Ende wieder an einem entfernten Punkte der Küste ausläuft. Über diesen Gebirgsrücken, wo er sich am weitesten vom Meere landeinwärts zurückzieht, führen drei beschwerliche und äußerst enge Pässe, die ausschließlich den Zugang zu Cilicien bilden. Doch ist das Land, wo es sich nach dem Meere hin absenkt, auch eben, und zahlreiche Bäche durchschneiden seine Gefilde: die berühmten Flüsse Pyramus und Kydnos fließen dort. Der Kydnos ist nicht wegen der Breite, sondern wegen der Durchsichtigkeit seiner Gewässer bemerkenswert, indem er von seinen Quellen aus in sanfter Strömung über einen kiesigen Boden dahingleitet, ohne Gießbäche aufzunehmen, die das Bett des ruhig fließenden aufwühlen könnten; und so ergjetzt er sich ungetrübt und zugleich äußerst kühl, da ihn sehr anmutige Ufer umschatten, an Klarheit überall seinen Quellen gleich, in das Meer. Viele durch die Dichter bekannte Denkmäler jener Gegend hatte die Länge der Zeit zerstört. Man zeigte, wo einst die Städte Lyrnessus und Thebe35 gestanden, ferner die Typhonshöhle36 und den korykischen Wald, wo der Safran wächst, und noch anderes, wovon nichts als die Kunde übrig geblieben war.
11 (1) Als Alexander in die Gebirgspässe, die den Namen Pylä führen, eingerückt war und die Lage der Örtlichkeit betrachtete, soll er sich wie kein anderes Mal über sein Glück gewundert haben: bloß durch Steine, gestand er, hätte er verschüttet werden können, wenn Leute da gewesen wären, sie auf die unten Heranziehenden herabzuwälzen. Die Straße war kaum für vier Bewaffnete breit genug, und der Rücken des Berges überragte den nicht nur engen, sondern mehrenteils auch sehr steilen Pfad, den häufige, aus dem Fuß des [31] Berges hervorquellende Bäche durchschnitten. Doch hatte er leichtbewaffnete Thraker vorausgehen lassen, um die Gebirgssteige zu durchforschen, damit kein verborgener Feind auf die Heranziehenden hervorbräche. Auch eine Schar Bogenschützen hatte die Höhe besetzt, mit gespannten Bogen; sie hatten Weisung, ihrerseits nicht weiter zu marschieren, sondern sich kampfbereit zu halten. Auf diese Weise gelangte der Zug zur Stadt Tarsus, in welche gerade in dem Augenblicke die Perser Feuer warfen, um dem Feinde den Eintritt in die reiche Stadt zu wehren. Alexander sandte jedoch den Parmenio mit einer kampffertigen Abteilung zur Löschung des Brandes voraus, und nachdem er gehört, daß die Barbaren bei der Ankunft der Seinigen die Flucht ergriffen hätten, zog er in die von ihm gerettete Stadt ein.
12 (1) Mitten durch diese hin strömt der Kydnos, von dem wir so eben gesprochen haben, und es war gerade Sommerszeit37, deren Hitze keine andere Küste mehr als die cilicische mit ihrer Sonnenglut versengt, und die heißesten Tagesstunden hatten begonnen. Da ladet den mit Staub und Schweiß bedeckten König die klare Flut des Flusses ein, den noch erhitzten Körper zu baden. Er legt also vor den Augen des Heeres sein Gewand ab (denn auch das, meinte er, werde ihm wohl anstehen, den Seinen zu zeigen, daß er sich mit einer schlichten und leicht zu beschaffenden Körperpflege begnüge) und steigt in den Fluß hernieder. Kaum aber ist er hineingestiegen, so macht ein plötzlicher Frostschauer seine Glieder erstarren, Blässe überzieht ihn, und fast alle Lebenswärme weicht aus dem Körper. Einem Sterbenden gleich heben ihn die Diener in ihren Armen auf und bringen ihn, kaum noch bei Besinnung, in sein Zelt. Grenzenlose Besorgnis, ja fast schon Trauer wie um einen Toten herrschte im Lager; unter Thränen jammerte man, daß in solchem Sturm und Drang der Ereignisse der berühmteste König, den die Geschichte aller Zeiten kenne, nicht wenigstens in der Schlacht, nicht von Feindeshand niedergestreckt, sondern beim Baden im Flusse ihnen entrissen und dahingerafft sei. Heran dringe Darius, der nun Sieger, bevor er den Feind gesehen. Sie selbst müßten nach denselben Ländern, [32] die sie siegreich durchzogen, zurückweichen; alles sei entweder von ihnen oder vom Feinde verheert; bei ihrem Zug durch wüste Einöden könnten sie, auch wenn sie niemand verfolgen wollte, bloß durch Mangel und Hunger vernichtet werden. Wer wollte den Fliehenden Befehle erteilen? wer es wagen, Alexanders Stelle einzunehmen? Gesetzt auch, sie gelangten auf ihrer Flucht bis zum Hellespont, wer werde ihnen eine Flotte bereit halten, denselben zu überschreiten? Und wieder wandte sich ihr Mitleid dem Könige selbst zu, und ihrer selbst vergessend klagten sie, daß diese Jugendblüte, diese Geisteskraft, dieser ihr König zugleich und Kamerad von ihnen getrennt und losgerissen werde.
13 (1) Unterdeß begann der Atem freier zu gehen, der König schlug die Augen auf, und als er bei allmählich zurückkehrender Besinnung die umstehenden Freunde erkannte, schien die Gewalt der Krankheit schon um deswillen gemindert, weil er nun selbst die Größe der Gefahr fühlte. Allein die geistige Niedergeschlagenheit drückte auch auf den Körper, da Botschaft da war, daß Darius in fünf Tagen in Cilicien stehen werde. Gebunden also, klagte er, werde er diesem überliefert, der gewaltigste Sieg ihm aus den Händen gerissen, und er sterbe im Verborgenen eines unrühmlichen Todes in seinem Zelte. Und nachdem er zugleich mit den Ärzten auch seine Freunde hatte hereinkommen lassen, sprach er: „In welchem Momente meiner Wirksamkeit mich das Verhängnis erfaßt hat, seht ihr. Mich deucht, ich höre das Klirren der feindlichen Waffen, und ich, der zuerst den Krieg begonnen, werde jetzt herausgefordert. Darius hat also, da er mir einen so übermütigen Brief schrieb38, mit meinen Verhängnis zu Rate gesessen; doch soll es ihm nicht frommen, wenn meine Kur in der Weise, wie ich es will, möglich ist. Langsam wirkende Mittel und bedächtige Ärzte abzuwarten, erlaubt meine Lage nicht: selbst entschlossen zu sterben ist besser für mich, als langsam gesund zu werden. Und somit sei den Ärzten, wenn sie irgend welche Hilfe, irgend welche Kunst besitzen, dies gesagt: Ich begehre nicht sowohl Hilfe gegen den Tod als gegen die Kriegsgefahr.“ Durch solch vorschnelle [33] Tollkühnheit waren alle in die äußerste Besorgnis versetzt. Jeder hub also an ihn zu bitten, er solle durch Voreiligkeit die Gefahr nicht vermehren, sondern sich den Ärzten anvertrauen; unerprobte Heilmittel seien ihnen nicht ohne Grund verdächtig, da, ihn zu verderben, der Feind sogar seine nächste Umgebung durch Bestechung zu verlocken suche. Darius nämlich hatte bekannt machen lassen, wer Alexander töte, solle von ihm tausend Talente [4715400 Reichsmark] haben. Darum, meinten sie, würde keiner auch nur wagen wollen ein Mittel zu versuchen, das als neu Verdacht erwecken könnte.
14 (1) Unter anderen berühmten Ärzten war dem Könige aus Makedonien auch Philippus gefolgt, ein Akarnanier von Geburt und dem Alexander äußerst treu gesinnt. Denn da er ihm schon als Knaben zum Begleiter und Wächter beigegeben worden war, so hing er an ihm nicht nur als seinem Könige, sondern auch Pfleglinge, mit außerordentlicher Liebe. Dieser versprach ein zwar nicht waghalsiges aber doch energisches Mittel bringen und die heftige Gewalt der Krankheit durch einen Heiltrank mindern zu wollen. Keinem gefiel sein Versprechen außer dem einzigen, auf dessen Gefahr er es gab. Denn alles vermochte er leichter zu ertragen als Aufschub: vor seinen Augen schwebten Schlacht und Waffen, und der Sieg, meinte er, beruhe darauf, wenn er sich nur an die Spitze stellen könne. Selbst das war ihm nicht recht, daß er das Heilmittel, wie der Arzt ihm angekündigt, erst am dritten Tage nehmen sollte. Mittlerweile erhält er von Parmenio, dem treuesten seiner Würdenträger, einen Brief, worin ihn dieser warnt, sein Leben nicht dem Philippus anzuvertrauen, da derselbe von Darius durch tausend Talente und die Aussicht auf Vermählung mit dessen Schwester bestochen sei. Durch diesen Brief fühlte er sich in die heftigste Unruhe gestürzt, und im stillen erwog er bei sich, was ihm nach beiden Seiten hin bald Furcht bald Hoffnung einflüsterten. „Soll ich dabei beharren den Trank zu nehmen? Daß, wenn ich Gift erhalte, nicht einmal ohne meine eigene Schuld zu geschehen scheint, was mir widerfährt? – Über meinen treuen Arzt soll ich den Stab brechen? In meinem Zelte geduldig der Krankheit erliegen? – Nein, besser ists, durch das [34] Verbrechen eines andern, als durch meine eigene Furcht umzukommen!“ Nachdem er lange hin und her geschwankt, teilt er niemand mit, was ihm geschrieben war, und schiebt den Brief, mit seinem Fingerringe versiegelt, unter das Polster, worauf er ruhte.
15 (1) Nachdem unter diesen Überlegungen zwei Tage verstrichen waren, erschien der vom Arzte bestimmte Tag, und dieser trat mit einem Becher herein, worin er die Medizin aufgelöst hatte. Bei seinem Anblick erhob sich Alexander auf seinem Lager, nahm, indem er den Brief Parmenios in seiner Linken hielt, den Becher und trank ihn unerschrocken aus: hierauf hieß er den Philippus den Brief lesen und wandte kein Auge von der Miene des Lesenden, ob er wohl irgend eine Spur von bösem Gewissen in seinem Gesicht entdecken könne. Doch dieser, als er den Brief durchgelesen, zeigte mehr Unwillen als Furcht, und indem er seinen Mantel und den Brief vor dem Bette niederwarf, rief er: „Mein König, immer zwar hing mein Atem und Leben von dem deinigen ab, jetzt aber, meine ich, beruht es in Wahrheit ganz auf deinen heiligen und teuren Atemzügen. Die Beschuldigung des Königsmordes, die gegen mich geschleudert ist, wird deine Herstellung vernichten; von mir gerettet, wirst du auch mir das Leben erhalten. Laß, so bitte und beschwöre ich dich, ohne alle Furcht die Arznei deine Adern durchdringen und gönne deinem Geist eine kurze Zeit lang die Ruhe, die dir deine allerdings treuen, aber unbequem geschäftigen Freunde durch ihre unzeitige Besorgnis rauben.“ Diese Worte benahmen dem König nicht nur die Sorge, sondern erfüllten ihn auch mit Freude und froher Hoffnung. Darum sprach er: „Mein Philippus, wenn es dir die Götter frei gestellt hätten, auf welche Art du am besten meine Gesinnung gegen dich erproben wolltest, so würdest du gewiß einen andern Weg gewählt haben, doch einen sicherern Beweis, als du erhalten, hättest du gar nicht wünschen können. Im Besitze dieses Briefes habe ich gleichwohl, was du mir gemischt, getrunken, und nun glaube mir, daß ich nicht weniger um die Rechtfertigung deiner Treue, als um meine Wiederherstellung besorgt bin.“ Mit diesen Worten reichte er dem Philippus seine Rechte.
16 (1) Übrigens war die Wirkung des Arzneimittels so stark, das die darauf folgenden Erscheinungen die Anklage Parmenio’s zu unterstützen [35] schienen. Der Atem stockte und ging mühsam. Doch Philippus ließ nichts unversucht: er erwärmte den Körper mit Unschlägen, er erweckte den Ohnmächtigen durch den Geruch bald von Speise bald von Wein, und sobald er ihn wieder zur Besinnung kommen sah, ließ er nicht ab, ihn bald an seine Mutter und Schwestern, bald an den nahen großen Sieg zu erinnern. Wie sich aber die Medizin durch die Adern verbreitet hatte und ihre heilsame Kraft allmählich im ganzen Körper gespürt werden konnte, erlangte erst der Geist, danach, schneller als man erwarten konnte, auch der Körper seine alte Kraft wieder. Denn schon am dritten Tage, nachdem er sich in diesem Zustande befunden, trat er vor die Augen seiner Soldaten. Aber nicht minder als den König selbst war das Heer begierig den Philippus zu sehen: jeder einzelne erfaßte seine Rechte und drückte ihm wie einem hilfreichen Gotte seinen Dank aus. Denn kaum auszusprechen ist es, wie sie, abgesehen von der diesem Volke angeborenen Verehrung für ihre Könige, besonders für diesen König teils von Bewunderung erfüllt, teils von Liebe entbrannt waren. Erstens schien er schon nichts ohne göttliche Hilfe zu beginnen; denn da ihm überall das Glück zur Seite stand, war ihm seine Tollkühnheit zum Ruhme ausgeschlagen. Auch sein Alter39, für so große Unternehmungen kaum reif, dennoch ihnen vollkommen gewachsen, verlieh allen seinen Thaten einen gewissen Glanz. Und selbst was für geringfügiger zu gelten pflegt, gewinnt meistens im Kriege desto mehr die Zuneigung des gemeinen Mannes, ich meine die in ihrer Mitte vorgenommenen körperlichen Übungen, die nur wenig von der gewöhnlichen unterschiedene Lebensweise und Kleidung, das kriegerische Feuer: durch alles dies, mochten es nun natürliche Geistesgaben oder durch Bildung gewonnene Eigenschaften sein, hatte er bewirkt, daß er nicht minder geliebt als verehrt wurde.
(17) Darius aber zog auf die Nachricht von der Krankheit Alexanders, so schnell er es nur immer mit einem so schwerfälligen Heerhaufen vermochte, an den Euphrat und setzte, nachdem er darüber Brücken geschlagen, voll Eifers Cilicien zu besetzen, doch wenigstens in [36] fünf Tagen40 sein Heer hinüber. Alexander war nach Wiederherstellung seiner Körperkräfte bereits zur Stadt Soli gelangt; und nachdem er sich ihrer bemächtigt, trieb er eine Geldbuße von zweihundert Talenten [943100 Reichsmark] ein und legte in die Burg eine Besatzung. Dann erfüllte er durch Spiel und Feiertag die für seine Herstellung gethanen Gelübte und zeigte hierbei, wie zuversichtlich er die Barbaren verachte: es wurden nämlich dem Äskulap und der Minerva feierliche Spiele veranstaltet. Während er denselben beiwohnte, kam ihm von Halikarnaß die frohe Botschaft, die Perser seien von den Seinigen in einer Schlacht überwunden, und auch die Myndier, Kaunier41, sowie der größte Teil jenes Landstriches ihm unterworfen. Nach Beendigung des Festspieles also brach er mit seinem Heere auf, schlug über den Fluß Pyramus eine Brücke und gelangte zu der Stadt Mallos; sodann durch einen zweiten Tagemarsch nach Kastabulum. Hier begegnete dem Könige Parmenio, den er vorausgesandt hatte, den Weg über das Gebirge zu erforschen, durch welches man dringen mußte, um zur Stadt Issos zu gelangen42. Und zwar hatte sich dieser der dortigen Engpässe bemächtigt, eine mäßige Besatzung zurückgelassen und sogar Issos eingenommen, das von den Barbaren verlassen war. Von da war er vorgerückt, hatte die Truppen, welche die inneren Teile des Gebirges besetzt hielten, verjagt, alles durch Besatzungen gesichert und kam nun, nachdem er sich zum Herrn der Straße gemacht, wie eben gesagt worden ist, in einer Person Vollbringer und Bote des ihm Aufgetragenen, herbei. Der König führte hierauf sein Heer nach Issos. Als er daselbst einen Kriegsrat hielt, ob man weiter vorrücken oder [37] hier die neuen Truppen erwarten solle, die, wie man wußte, aus Makedonien heranzogen, gab Parmenio seine Meinung dahin ab, daß kein anderer Ort für eine Schlacht geeigneter sei. Hier nämlich würden die Truppen beider Könige einander an Zahl gleich sein, weil der enge Raum keine großen Massen fassen könne: sie selber hätten die Ebenen und offenen Gefilde zu vermeiden, wo sie umgangen und von zwei Seiten her vom Feinde erdrückt werden könnten. Er befürchte nicht, daß man durch die Tapferkeit der Feinde, sondern durch die eigene Ermattung besiegt werde, während die Perser, wenn sie sich weitläufiger aufstellen könnten, allmählich durch frische Mannschaft ersetzt werden würden. Leicht überzeugte sich der König, wie begründet dieser heilsame Rat sei, und also beschloß er den Feind zwischen den engen Thälern des Gebirges zu erwarten.
18 (1) Es befand sich im Heere des Königs ein Perser, Namens Sisenes, der einst vom Stadthalter Ägyptens an Philipp geschickt und von diesem durch Geschenke und jegliche Art von Ehrenbezeigung ausgezeichnet worden war, so daß er den Aufenthalt im Vaterlande mit dem Leben in der Fremde vertauschte. Nachher war er dem Alexander nach Asien gefolgt und zählte zu dessen treuen Freunden. Diesem überbrachte ein kretensischer Soldat einen mit einem Siegelringe versiegelten Brief, dessen Zeichen freilich nicht bekannt war. Darius Statthalter Nabarzanes hatte ihn geschickt und ermunterte den Sisenes, irgend eine seiner edlen Abkunft und seiner Vorfahren43 würdige That zu vollführen, das werde ihm beim Könige große Ehre eintragen. Diesen Brief versuchte Sisenes, im Bewußtsein seiner Unschuld, mehrmals zu Alexander zu bringen; doch da er den König von so viel Sorgen und Vorbereitungen zum Kampfe umlagert sah, so verschob er es allmählich auf eine passendere Zeit, erregte aber dadurch den Verdacht, als gehe er mit einem verbrecherischen Plane um. Der Brief war nämlich, bevor er ihm übergeben worden, in die Hände Alexanders gefallen. Dieser hatte ihn gelesen, mit einem unbekannten Siegelringe verschlossen und ihn so dem Sisenes bringen lassen, um die Treue des Fremden auf die Probe zu stellen. Weil er nun aber mehrere Tage nicht zum König gekommen war, so schien [38] es, als ob er den Brief in verbrecherischer Absicht verschwiegen habe, und er wurde inmitten des Zuges von den Kretensern, ohne Zweifel auf Befehl des Königs, getötet.
19 (1) Und bereits waren die griechischen Söldner, welche Thymodes von Pharnabazus übernommen hatte, Darius hauptsächlichste und nahezu einzige Hoffnung, zu demselben gestoßen.44 Diese rieten ihm angelegentlichst, wieder umzuwenden und sich auf die ausgedehnten Gefilde Mesopotamiens zurückzuziehen. Verwerfe er diesen Rat, so solle er wenigstens seine unzähligen Truppen teilen und nicht unter einem einzigen Streiche des Schicksals die ganze Macht seines Reiches zusammensinken lassen. Dieser Rat erregte weniger das Mißfallen des Königs, als das seiner Großen. Der Griechen Treue, hieß es, sei zweifelhaft; feiler Verrat drohe von ihnen, und eine Teilung der Truppen wünschten sie aus keinem andern Grunde, als um selbst, von den übrigen getrennt, das, was ihnen etwa anvertraut sein würde, an Alexander auszuliefern. Das allersicherste würde sein, sie rings mit dem ganzen Heere einzuschließen und unter einem Hagel von Geschossen zu begraben, um als warnendes Beispiel zu dienen, wie Treulosigkeit nicht ungerächt bleibe. Doch Darius, seinem reinen und milden Charakter gemäß, erklärte entschieden, daß er eine solche Unthat nicht begehen werde, die, welche seinen Versprechungen gefolgt wären, seine eigenen Soldaten, niedermetzeln zu lassen. Welcher Fremdling werde dann ihm ferner sein Leben anvertrauen wollen, wenn er seine Hand durch den Mord so vieler Söldner befleckt hätte? Niemand dürfte einen thörichten Rat mit dem Leben büßen; denn wäre es gefährlich zu raten, so würde es niemand geben, der raten wollte. Endlich würden sie ja selbst täglich zu ihm zur Beratung berufen und sprächen ihre verschiedenen Meinungen aus, und dennoch gelte nicht der für treuer, der den klügsten Rat gegeben. Daher ließ er den Griechen sagen, er für seinen Teil danke ihnen für den gut gemeinten Rat, doch würde er, wenn er sich immer zurückziehen wollte, ohne Zweifel den Feinden sein Reich preisgeben. Die Kriege hingen von der öffentlichen Meinung ab, und wer zurückweiche, von dem glaube man, er fliehe. Den Krieg aber in die Länge zu ziehen, dafür [39] sei schwerlich irgend ein Grund vorhanden, da für eine so gewaltige Masse, zumal bei schon bevorstehendem Winter, in einer wüsten und wechselsweise von seinen und des Feindes Soldaten verheerten Gegend die Lebensmittel nicht ausreichen würden. Auch teilen könne er das Heer nicht, ohne gegen der Väter Sitte zu handeln, die stets ihre gesamte Streitmacht in den Entscheidungskampf geführt hätten. Und in der That sei der vorher so furchtbare und, so lange er selbst fern gewesen, von eitler Zuversicht geblähte König jetzt, seitdem er seine Annäherung gemerkt, aus einem Tollkühnen ein Vorsichtiger geworden und habe sich in den engen Schluchten des Gebirges versteckt, ähnlich dem feigen Wilde, das sich bei dem Geräusche Vorübergehender in den Schlupfwinkeln der Wälder verberge. Jetzt täusche er gar seine Soldaten durch eine vorgeschützte Krankheit. Doch länger wolle er ihn nicht den Kampf verweigern lassen: in jener Höhle, in die sie sich zaghaft verkrochen, wolle er die Zögernden überwältigen. Das hieß mehr prahlerisch als wahr gesprochen.
20 (1) Übrigens entsandte er all sein Geld und seine besten Kostbarkeiten unter einer mäßigen militärischen Bedeckung nach Damaskus in Syrien. Das übrige Heer führte er nach Cilicien, während nach alter Sitte seine Gattin und Mutter dem Zuge folgten. Auch seine Töchter und ein kleiner Sohn begleiteten den Vater. Zufällig gelangte in ein und derselben Nacht hier Alexander zu den Engpässen, die den Zugang zu Syrien bilden, dort Darius an die Stelle, die den Namen des Amanischen Thores45 führt. Und die Perser bezweifelten nicht, daß die Makedonier, nach Räumung des von ihnen eingenommenen Issos, auf der Flucht seien; denn sie hatten sogar [40] einige Verwundete und Kranke, die dem Zuge nicht folgen konnten, aufgefangen. Allen diesen befahl Darius, auf Antrieb seiner von barbarischem Blutdurst lechzenden Höflinge, die Hände abzuhauen, die Wundflächen auszubrennen und sie dann umherzuführen, um sein ganzes Heer zu sehen und, wenn sie alles genugsam betrachtet, ihrem Könige das Gesehene zu verkünden. Er brach also mit seinem Heere auf und setzte über den Fluß Pinarus, um dem, wie er meinte, Fliehenden dicht auf dem Nacken zu bleiben.
21 (1) Aber die, welchen er hatte die Hände abhauen lassen, gelangten in das makedonische Lager und verkündigten, Darius folge ihnen, so schnell er nur immer könne. Kaum wollte man ihnen Glauben schenken. Daher sandte Alexander Späher in die Gegenden am Meere voraus und hieß sie erforschen, ob Darius selbst da wäre oder ob einer seiner Feldherrn die Vermuthung veranlaßt hätte, als rückte das gesamte Heer an. Doch als die Späher zurückkehrten, erblickte man in der Ferne eine ungeheure Heeresmasse. Dann begannen auf dem ganzen Gefilde die Wachtfeuer zu leuchten, und alles schien wie von einer einzigen Feuersbrunst entflammt, da sich die ungeordnete Masse, hauptsächlich wegen der Lasttiere, ziemlich weitläufig lagerte. Schnell erteilte er daher den Seinigen Befehl, da, wo man stand, das Lager abzustecken, hocherfreut, daß es nun, wie er so sehnlichst gewünscht, gerade auf jenem engen Gelände zur Schlacht kommen solle. Jedoch verwandelte sich, wie es zu geschehen pflegt, wenn der Zeitpunkt der letzten Entscheidung herannaht, seine Zuversicht in Besorgnis. Eben jenes Glück, durch dessen Begünstigung er so große Erfolge errungen, fürchtete er jetzt, und schloß nicht mit Unrecht aus dem, was es ihm gewährt, auf seine Wandelbarkeit. Nur eine einzige Nacht sei es noch, die den Ausgang dieser wichtigen Entscheidung verzögere. Hinwiederum gedachte er, wie viel größer der Lohn als die Gefahr, und sei es auf der einen Seite ungewiß, ob er siegen, so auf der andern jedenfalls gewiß, daß er ehrenvoll und ruhmbedeckt sterben werde. Er befahl also den Soldaten sich körperlich zu stärken und dann in der dritten Nachtwache geordnet und bewaffnet zu sein. Er selbst stieg auf den Rücken eines hohen Berges und brachte unter dem Leuchten zahlreicher Fackeln nach Vätersitte den Schutzgöttern des Ortes ein Opfer dar. Und schon [41] hatte, wie vorausbestimmt war, der Soldat das dritte Trompetensignal vernommen und stand gleich gerüstet zum Marsche, wie zum Kampfe: da kam der Befehl im Geschwindschritt vorzurücken; und bei Sonnenaufgang erreichte man die Engpässe, die zu besetzen beschlossen war. Darius, meldeten die Vorposten, stehe dreißig Stadien [5,549 km] von hier entfernt. Da gebot er dem Zuge still zu halten, legte selbst seine Waffen an und ordnete die Schlachtreihen.
22 (1) Dem Darius verkündigten erschrockene Landleute die Annäherung der Feinde, obwohl er kaum glauben wollte, daß die, welche er als Flüchtlinge verfolgte, ihm sogar entgegenrückten. Es war daher keine geringe Bestürzung, die sich aller bemächtigte, da sie mehr zum Marsche als zur Schlacht gerüstet waren, und in stürmischer Eile griffen sie zu den Waffen. Aber eben diese Eilfertigkeit, indem sie hierhin und dorthin stürzten und die Ihrigen zu den Waffen riefen, erregte nur noch größere Furcht. Einige waren auf den Rücken des Berges gestiegen, um von da den feindlichen Zug zu erblicken; die meisten zäumten ihre Rosse. In dem der Einheit entbehrenden und nicht des Kommandos eines einzigen gewärtigen Heere war durch die mannigfache Verwirrung alles in Unordnung geraten. Anfangs beschloß Darius mit einem Teile seiner Truppen den Bergrücken zu besetzen, um sowohl von vorn als im Rücken den Feind einzuschließen, während er zugleich auch vom Meere her, das seinen rechten Flügel deckte, ihm andere entgegenwerfen und ihn so von allen Seiten bedrängen wollte. Außerdem hatte er zwanzigtausend Mann nebst einem Haufen Bogenschützen vorausgesandt, mit dem Auftrage, den zwischen beiden Heeren fließenden Pinarus zu überschreiten und sich den makedonischen Truppen entgegenzuwerfen: könnten sie das nicht durchführen, so sollten sie in die Berge zurückweichen und heimlich den hintersten Teil des feindlichen Heeres umgehen. Allein das Schicksal, das mächtiger als alle Berechnung ist, vereitelte diesen zweckmäßigen Plan, indem die einen aus Furcht seinen Befehl nicht auszuführen wagten, die andern ihn vergeblich ausführten; denn wo die Teile wanken, gerät das Ganze in Verwirrung.
23 (1) Die Schlachtordnung aber war folgendermaßen aufgestellt: Nabarzanes deckte mit der Reiterei, der ungefähr zwanzigtausend Schleuderer und Bogenschützen beigegeben waren, den rechten Flügel. [42] Auf eben diesem stand Thymodes, der die dreißigtausend griechischen Söldner zu Fuß befehligte. Dies war ohne Zweifel der Kern des Heeres, eine Schar, der makedonischen Phalanx gewachsen. Auf dem linken Flügel hatte der Thessalier Aristomedes zwanzigtausend Mann asiatischer Infanterie. Die streitbarsten Völkerschaften waren als Reserve aufgestellt. Den König selbst, der auf dem gleichen Flügel zu kämpfen beabsichtigte, begleiteten dreitausend auserlesene Reiter, seine gewöhnliche Leibwache, und ein Heerhaufe von vierzigtausend Mann zu Fuß.46 Dann kamen die hyrkanischen und medischen Reiter, an die sich weiterhin, rechts und links verteilt, die Reiterei der übrigen Völkerschaften anschloß. Diesem auf die angegebene Weise geordneten Zuge gingen sechstausend Speerschützen und Schleuderer voraus. Was irgend auf jenem engen Gelände zugänglich war, war von Truppen erfüllt, und die Flügel erstreckten sich einerseits bis zum Gebirge und anderseits bis zum Meere. Die Gattin und die Mutter des Königs, sowie das übrige Heer von Weibern, hatte man in die Mitte genommen.
24 (1) Alexander stellte die Phalanx, den stärksten Teil des makedonischen Heeres, in der Front auf. Den rechten Flügel deckte Parmenio’s Sohn Nikanor. Ihm zunächst standen Könos, Perdikkas, Meleager, Ptolemäus und Amyntas, die ein jeder ihre eigene Abteilung führten. Auf dem linken Flügel, der bis zum Meere reichte, waren Kraterus und Parmenio, doch ersterer unter Parmenio’s Oberbefehl. Die Reiterei war auf beiden Flügeln aufgestellt, den rechten deckten die Thessalier in Verbindung mit den Makedoniern, den linken die Peloponnesier. Vor dieser Schlachtordnung hatte er eine Schar Schleuderer mit Bogenschützen untermischt aufgestellt. Auch Thraker und Kretenser, ebenfalls leicht bewaffnet, gingen dem Zuge voran. Denen endlich, welche von Darius ausgeschickt den Bergrücken besetzt hielten, stellte er die Agrianer47 gegenüber, die kürzlich aus Griechenland angelangt waren. Dem Parmenio aber hatte er geboten, so weit als möglich seine Reihen nach dem Meere zu auszudehnen, [43] damit man desto entfernter von den Bergen bliebe, welche die Barbaren besetzt hielten. Doch diese hatten weder gewagt den Anrückenden Widerstand zu leisten, noch die Vorübergezogenen zu umgehen, sondern waren, hauptsächlich durch den Anblick der Schleuderer erschreckt, geflohen. Und dieser Umstand sicherte die Flanke Alexanders, für die er gefürchtet hatte, sie möchte von obenher beunruhigt werden. Zweiunddreißig Mann in Front marschierten die Bewaffneten, da das enge Gelände eine weitere Ausdehnung der Reihen nicht zuließ. Dann begannen sich allmählich die Biegungen der Berge zu erweitern und größeren Raum zu gewähren, so daß nicht allein das Fußvolk in mehr Gliedern48 marschieren, sondern auch die Reiterei sich um die Flanken ausbreiten konnte.
25 (1) Schon waren beide Schlachtordnungen einander in Sicht, doch noch außerhalb Schußweite, als zuerst die Perser ein wildes und furchtbares Geschrei erhoben. Von den Makedoniern wird es erwidert, und stärker als nach Verhältnis ihrer Heereszahl, da es von den Gebirgsrücken und ungeheuren Waldungen zurückgeworfen wurde. Denn immer geben umliegende Wälder und Felsen jeglichen dagegen gerufenen Laut mit vervielfachtem Schalle zurück. Alexander ritt dem Zuge voran, wiederholentlich mit der Hand die Seinigen zurückhaltend, damit sie nicht von der zu großen Eile atemlos und mit unsicherer Kraft die Schlacht begännen. Und wenn er an einen Zug heranritt, redete er die Soldaten auf verschiedene Weise an, wie es eines jeden Charakter angemessen war. Die Makedonier, die Sieger so vieler Schlachten in Europa, die zur Unterjochung Asiens und des äußersten Orientes nicht sowohl auf seinen als auf ihren eignen Antrieb ausgezogen waren, erinnerte er an ihre altgewohnte Tapferkeit. Als Befreier des Erdkreises, und wenn sie die einstigen Grenzmarken des Herkules und Vater Bacchus49 passiert, würden sie nicht nur den Persern, sondern allen Völkern ihr Joch auflegen. Baktrien und [41] Indien würden makedonische Provinzen sein. Was sie jetzt sähen, sei nur der geringste Teil, aber durch einen Sieg werde sich ihnen alles öffnen. Nicht in den steilen Felsgebirgen Illyriens und Thrakiens50 sollten sie unfruchtbare Mühsal bestehen: die Beute des ganzen Orients biete sich ihnen dar. Kaum werde ihr Schwert Arbeit finden; das ganze feindliche Heer, das schon aus eigener Furcht im Wanken begriffen sei, könnten sie mit den bloßen Schilden vor sich niederwerfen. Dazu wurde sein Vater Philipp, der Besieger Athens, als Zeuge angerufen, und das Bild des kürzlich gebändigten Böotiens und der gänzlichen Zerstörung seiner berühmten Hauptstadt ihnen wieder vor die Seele geführt. Endlich gedachte er des Flusses Granikus, gedachte der so zahlreichen eroberten oder unterworfenen Städte, und wie alles hinter ihnen niedergeworfen sei und unter ihren Füßen liege. Wenn er sich den Griechen näherte, erinnerte er sie, wie diese Völker Griechenland mit Krieg überzogen, erst von des Darius, dann des Xerxes Übermut getrieben, welche Erde und Wasser von ihnen forderten, um den Unterjochten weder einen Trunk aus der Quelle noch die gewohnte Nahrung übrig zu lassen. Er erwähnte, wie ihre Tempel in Schutt und Asche verwandelt, ihre Städte erobert, alle Bande göttlichen und menschlichen Rechtes zerrissen worden seien. Die Illyrier aber und Thraker, die von Raub zu leben gewohnt waren, hieß er hinschauen auf die in Gold und Purpur schimmernden Reihen der Feinde, die nur Beute für sie, keine Waffen trügen. Drauf losgehen sollten sie, und sie, die Männer, jenen weibischen Memmen ihr Gold entreißen. Ihre rauhen Gebirgskämme und ihre nackten, von ewigem Eis starrenden Bergpfade sollten sie mit den reichen Gefilden und Ländereien der Perser vertauschen.
26 (1) Bereits war man in Schußweite gelangt, als die persische Reiterei wild auf den linken feindlichen Flügel einstürmte: denn Darius, vermutend, daß die Phalanx die Stärke des makedonischen Heeres sei, wünschte die Entscheidung durch einen Reiterkampf herbeizuführen. Und schon wurde auch der rechte Flügel Alexanders umgangen. Sobald dies der Makedonier wahrnahm, befahl er zwei Schwadronen Reitern an dem Bergrücken Halt zu machen; die übrigen [45] warf er entschlossen mitten in die Entscheidung des Kampfes. Dann zog er allmählich die thessalischen Reiter aus der Schlachtordnung zurück und hieß ihren Befehlshaber heimlich das eigene Heer im Rücken umgehen, sich an Parmenio anschließen und dessen Befehle ungesäumt vollführen. Und schon waren die Makedonier mitten in die Perser hinein und hielten sich, rings von denselben umschlossen, vortrefflich; aber dicht gedrängt und gleichsam zusammengekeilt, vermochten sie keine Geschosse zu schleudern: denn kaum geworfen, verfingen sich dieselben, da sie nach einer Richtung zusammentrafen, und fuhren schwachen und unwirksamen Stoßes nur sparsam in die Feinde, die Mehrzahl, ohne Schaden zu thun, in die Erde. Also genötigt handgemein zu werden, zogen sie ungesäumt die Schwerter. Und da nun floß das Blut in Strömen; denn beide Schlachtreihen waren so eng aneinander geraten, daß Schild auf Schild traf und man sich mit den Schwertern nach dem Gesicht stach. Da konnte kein Feigling, keine Memme zurücktreten: Fuß an Fuß, als ob Zweikämpfe ausgefochten würden, standen sie auf ein und demselben Flecke, bis sie sich durch Besiegung des Gegners Raum schafften, und dann erst konnten sie vorwärts schreiten, wenn der Feind zu Boden lag. Doch ein frischer Gegner empfing die Ermatteten, und selbst die Verwundeten konnten nicht wie sonst die Schlacht verlassen, da von vorn der Feind angriff und im Rücken die Ihrigen nachdrängten.
27 (1) Alexander erfüllte eben so sehr Soldaten- als Feldherrnpflicht, indem er nach dem glänzenden Ruhme51 strebte, den König getötet zu haben. Darius thronte nämlich hoch auf einem Wagen, ein gewaltiger Sporn sowohl für die Seinen, ihn zu schützen, als für die Feinde, ihren Angriff auf ihn zu richten. Als daher sein Bruder Oxathres den Alexander auf ihn eindringen sah, warf er ihm die von ihm befehligten Reiter gerade vor dem königlichen Wagen entgegen. Die übrigen durch seine Waffen und seine Körperstärke weit überragend, besonders aber von einem Mut und einer Bruderliebe der seltensten Art beseelt, in dieser Schlacht jedenfalls [46] glänzend, schmetterte er die einen, die unvorsichtig vordrangen, zu Boden, andere trieb er in die Flucht. Allein die Makedonier, die um Alexander waren, brachen, durch gegenseitigen Zuruf ermutigt, mit diesem selbst in die Reihen der Reiter ein. Da nun gab es förmliche Haufen von Leichen. Um den Wagen des Darius lagen die vornehmsten Führer, vor den Augen ihres Königs eines ruhmvollen Todes gestorben, alle das Antlitz am Boden, wie sie im Kampfe niedergesunken waren, mit Wunden vorn auf der Brust. Darunter erkannte man Atizyes und Rheomithres und den Statthalter von Ägypten Sabaces, die Befehlshaber großer Heerhaufen: um sie aufgetürmt die weniger bekannte Menge von Fußvolk und Reitern. Auch von den Makedoniern wurden zwar nicht viele, doch gerade die beherztesten getötet, und unter andern Alexanders rechte Hüfte leicht von einer Schwertspitze gestreift. Und schon war es nahe daran, daß die Rosse, welche Darius zogen, von Speeren durchbohrt und durch den Schmerz wild gemacht, am Joche rissen und den König vom Wagen schleuderten: als derselbe, aus Furcht, lebendig in die Hand der Feinde zu geraten, herabsprang und auf ein Pferd, das ihm zu eben diesem Zwecke folgte, gehoben wurde, indem er sogar die Abzeichen seiner Herrschaft, damit sie seine Flucht nicht verrieten, schimpflich von sich warf. Da vollends zerstreuten sich die übrigen voll Entsetzen, und jeder stürzte dahin, wo sich ihm ein Weg zur Flucht öffnete, die Waffen von sich werfend, die sie erst kurz zuvor zu ihrem Schutze ergriffen hatten: so scheut der Schrecken selbst das, was ihm helfen kann. Die Flüchtlinge verfolgte die von Parmenio abgeschickte Reiterei, und zufällig hatte die Flucht alle nach jenem Flügel fortgerissen. Auf dem rechten Flügel dagegen bedrängten die Perser heftig die thessalische Reiterei, und bereits war eine Schwadron durch ihr bloßes Anstürmen niedergeritten, als die Thessalier entschlossen ihre Rosse herumwarfen und von ihrer Flucht wieder in die Schlacht zurückkehrten, wo sie die in ihrer Siegeszuversicht zerstreuten und ungeordneten Barbaren unter gewaltigem Gemetzel zu Boden warfen. Rosse sowohl als Reiter der Perser, schwerfällig durch die aneinandergefügten Panzerplatten, führten ein solches Manöver, bei dem es doch hauptächlich auf Schnelligkeit ankommt, nur mühsam aus, so daß [47] beim Herumwerfen ihrer Rosse die Thessalier unangefochten52 sie niedermachten.
28 (1) Nachdem ihm dieses so glückliche Gefecht gemeldet war, begann Alexander, der vorher nicht gewagt hatte die Barbaren zu verfolgen, nun auf beiden Flügeln siegreich, den Fliehenden nachzusetzen. Nicht mehr als tausend Reiter folgten ihm, dennoch fiel eine ungeheure Menge von Feinden. Doch wer zählt als Sieger oder auf der Flucht die Truppen? Also wurden sie von so wenigen gleich einer Herde Vieh gejagt, und dieselbe Furcht, die sie zur Flucht trieb, hemmte die Flüchtigen. Die Griechen jedoch, die auf Darius’ Seite gefochten hatten, waren unter Führung des Amyntas53, der, ein früherer Offizier Alexanders, jetzt zum Feinde übergegangen war, von den übrigen abgeschnitten, entronnen, ohne daß dies gerade wie eine Flucht aussah. Die Barbaren schlugen sehr verschiedene Wege der Flucht ein, die einen in gerader Richtung der Straße nach, die nach Persien führte, manche eilten nach versteckten Felsen und Gebirgswäldern in der Umgebung, nur wenige nach dem Lager des Darius. Aber auch in dies, das von aller Art Reichtum strotzte, war [48] der Sieger bereits eingedrungen. Eine ungeheure Masse Goldes und Silbers, das nicht Kriegszwecken, sondern dem Luxus diente, war bald von den Soldaten geplündert, und da sie zu vieles fortschleppten, waren die Wege hier und da mit geringeren Beutestücken bedeckt, die die Habsucht beim Gewinne kostbarerer verschmäht hatte. Und schon war man bis zu den Frauen gelangt, denen ihr Schmuck, je kostbarer er zu sein pflegt, um so gewaltsamer abgerissen wurde: selbst ihrer Leiber schonte nicht Gewaltthat und Begierde. Je nachdem das Schicksal einer jeden war, hatten sie alles mit Geheul und Verwirrung erfüllt, und keine Art Jammerscene fehlte, da die Grausamkeit und Zügellosigkeit des Siegers unter allen Klassen und Altern wütete. Hier konnte man auch ein Beispiel von dem Wankelmute des Glückes erblicken, indem die Diener, die dem Darius das mit aller Pracht und Reichtumsfülle ausgestattete Zelt hergerichtet hatten, dieses selbige für Alexander bewahrten, gleich als wäre er ihr alter Gebieter. Denn dies allein war von den Soldaten unberührt gelassen, nach der hergebrachten Sitte, den Sieger im Zelte des besiegten Königs aufzunehmen.
29 (1) Aller Augen und Gemüter aber hatten die gefangene Mutter und Gemahlin des Darius auf sich gezogen: verehrungswürdig jene nicht nur durch ihre majestätische Erscheinung, sondern auch durch ihr Alter; diese durch die Schönheit ihrer Gestalt, die selbst durch dieses ihr Schicksal keine Einbuße erlitten hatte. Auf dem Arme hielt sie ihren kleinen, noch kaum sechsjährigen Sohn, der mit der Aussicht auf eine so glänzende Stellung geboren war, wie sie sein Vater soeben eingebüßt. Aber im Schoße der greisen Großmutter lagen die beiden erwachsenen Töchter, nicht nur durch den eigenen, sondern auch durch deren Schmerz niedergebeugt. Um sie stand eine große Schar vornehmer Frauen, das Haar zerrauft, die Gewänder zerrissen54, ihrer früheren Herrlichkeit vergessen, und riefen ihre Königinnen und Herrinnen mit den Namen, die ihnen wohl vordem, aber nicht mehr jetzt zukamen. Diese selbst forschten, ihres eigenen Unglückes uneingedenk, auf welchem Flügel Darius gestanden und welches das Geschick des Kampfes gewesen sei. Sie könnten, sagten sie, nicht gefangen sein, [49] wenn der König lebte. Doch den hatte, indem er von Zeit zu Zeit sein Pferd wechselte, die Flucht weiter und weiter fortgerissen. In der Schlacht aber fielen hunderttausend Perser zu Fuß und zehntausend Reiter. Auf seiten Alexanders dagegen gab es fünfhundertundvier Verwundete; vom Fußvolk wurden im Ganzen zweiunddreißig55 vermißt, von der Reiterei einhundertundfünfzig getötet. So geringe Opfer kostete ihn der gewaltige Sieg.
30 (1) Alexander selbst kam, von der Verfolgung des Darius ermüdet, als die Nacht einbrach und keine Hoffnung ihn einzuholen vorhanden war, in das kurz zuvor von den Seinigen genommene Lager. Hierauf ließ er die Freunde, mit denen er den meisten Umgang pflegte, zu sich einladen; denn da ihm nur die Haut an der Hüfte oberflächlich gestreift war, so hinderte ihn dies nicht am Mahle teilzunehmen. Da erschreckte plötzlich aus dem nächsten Zelte ein Jammergeschrei, mit fremdartigem Geheul und Schmerzenstönen56 vermischt, die Schmausenden. Auch die Abteilung, die vor dem Zelte des Königs Wache hielt, griff aus Furcht, es möchte dies der Anfang eines größeren Tumultes sein, zu den Waffen. Die Ursache des plötzlichen Schreckens war, daß die Mutter und Gemahlin des Darius mit den vornehmen gefangenen Weibern den König, den sie getötet glaubten, mit furchtbarem Gestöhn und Wehgeschrei beklagten. Einer von den gefangenen Eunuchen nämlich, der gerade vor ihrem Zelte gestanden hatte, erkannte den Mantel, den Darius, wie wir vorhin sagten, von sich geworfen, um sich nicht durch seine Tracht zu verraten, in den Händen dessen, der ihn gefunden und ihn nun getragen brachte, und in dem Wahne, er sei dem Getöteten ausgezogen worden, hatte er die falsche Todesnachricht hinterbracht. Als Alexander diesen Irrtum der Frauen erfuhr, soll er über das Schicksal des Darius und ihre treue Liebe Thränen vergossen haben. Und im ersten Augenblicke hatte er dem Mithrenes, der ihm Sardes überliefert hatte, Befehl gegeben zu gehen und sie zu [50] trösten, da derselbe der persischen Sprache mächtig war. Dann fürchtete er jedoch, der Verräter möchte den Unwillen und Schmerz der Gefangenen erneuern, und sandte aus seiner Begleitung den Leonnatus mit dem Auftrage, ihnen anzuzeigen, daß sie irrtümlich um den Lebenden wehklagten. Jener kam mit einigen Trabanten in das Zelt, worinnen sich die Gefangenen befanden, und gebot zu melden, daß er im Auftrage des Königs komme. Sobald jedoch die Diener im Vorgemach die Bewaffneten erblickten, rannten sie im Wahne, es sei um ihre Herrinnen geschehen, in das Zelt und schrieen, der letzte Augenblick sei gekommen, es seien Leute da, die gefangenen Frauen zu töten. Da nun diese sie weder abhalten konnten, noch einzulassen wagten, so harrten sie schweigend, ohne Antwort zu geben, was der Sieger über sie beschlossen. Als Leonnatus lange auf jemand gewartet, der ihn hineinführen sollte, ließ er, als niemand hervorzukommen wagte, seine Trabanten im Vorgemach und trat in das Zelt ein. Doch eben dieser Umstand, daß er, ohne eingelassen zu sein, gleichsam eingebrochen war, hatte die Frauen in Bestürzung gesetzt. Die Mutter und Gemahlin des Königs warfen sich ihm daher zu Füßen und huben an zu bitten, er möge ihnen gestatten, bevor sie getötet würden, den Leichnam des Darius nach Landessitte zu beerdigen: hätten sie diese letzte Pflicht gegen den König erfüllt, so wollten sie ungesäumt sterben. Leonnatus entgegnete, Darius lebe, und ihnen selbst werde nicht nur kein Leid geschehen, sondern sie sollten auch im Glanze ihres früheren Ranges als Königinnen leben. Da erst ließ sich Darius’ Mutter vom Boden aufheben.
31 (1) Nachdem Alexander am folgenden Tage seine Soldaten, deren Leichname man gefunden, sorgfältig hatte bestatten lassen, befahl er auch den vornehmsten Persern die gleiche Ehre zu erweisen und gestattete der Mutter des Darius die, welche sie wollte, nach Landessitte zu begraben.57 Diese ließ einige wenige, die ihr durch Verwandtschaft am nächsten standen, dem Verhältnis ihrer gegenwärtigen Lage gemäß beerdigen; denn sie glaubte, daß das Leichengepränge, womit die Perser die letzte Pflicht gegen die Verstorbenen [51] erfüllten, Unwillen erregen möchte, da die Sieger ohne Aufwand verbrannt wurden. Als nun den Leichnamen der Gefallenen die gebührende Ehre erwiesen war, schickte Alexander an die gefangenen Frauen Botschaft, daß er selbst komme, und ohne die Schar seiner Begleiter einzulassen, trat er allein mit Hephästion in das Zelt. Dieser war ihm unter allen seinen Freunden bei weitem der teuerste, war mit ihm zugleich auferzogen, und seinem Urteil unterwarf er alle seine geheimen Angelegenheiten. Auch hatte kein anderer das Recht ihn freimütig zu erinnern, wiewohl er sich dessen so bediente, daß es ihm mehr vom Könige zugestanden, als von ihmselbst in Anspruch genommen schien. Und war er einesteils Alexander an Alter gleich, so übertraf er ihn andernteils an äußerer Gestalt. Daher hielten die Königinnen ihn für den König und fielen nach ihrer Sitte vor ihm nieder. Als hierauf einige von den gefangenen Eunuchen ihnen zeigten, welches Alexander sei, warf sich Sisigambis zu dessen Füßen und entschuldigte ihre Unkentnnis, da sie den König nie zuvor gesehen hätten. Doch dieser richtete sie mit der Hand empor und sprach: „Du hast dich nicht geirrt, Mutter, denn auch dieser ist Alexander.“
32 (1) Hätte er bei dieser Selbstüberwindung bis zum Ende seines Lebens beharren können, so würde er nach meinem Dafürhalten glücklicher gewesen sein, als er es dem Anschein nach war, da er in ähnlichem Triumphzuge wie Vater Bacchus alle Länder vom Hellespont bis zum Ozean siegreich durchmessen hatte. Dann hätte er sicherlich Stolz und Jähzorn, jene unbezwinglichen Laster, besiegt; hätte sich enthalten, beim Mahle seine Freunde zu ermorden, und sich gescheut die ausgezeichnetsten Kriegsmänner, die mit ihm so viele Völker bezwungen hatten, ungehört hinrichten zu lassen. Aber noch nicht hatte sich die Flut des Glückes über seine Seele ergossen, und darum trug er dasselbe im Anbeginn mit Mäßigung und Weisheit, während er zuletzt seine Überfülle nicht zu fassen vermochte. Damals wenigstens benahm er sich so, daß er alle früheren Könige an Selbstbeherrschung und Milde übertraf. Sein Verhalten gegen die durch ihre Schönheit ausgezeichneten königlichen Jungfrauen war so untadelig, als ob sie mit ihm von gleichem Vater stammten. Der Gemahlin des Darius, die von keiner ihrer Altersgenossinnen [52] an herrlicher Körpergestalt übertroffen wurde, war er selbst so weit entfernt zu nahe zu treten, daß er mit größter Sorgfalt darüber wachte, daß niemand der Gefangenen eine schimpfliche Zumutung stellte. Allen ihren Schmuck ließ er den Frauen zurückgeben, und es mangelte ihnen in ihrer Gefangenschaft nicht das geringste von der Herrlichkeit ihres früheren Ranges, außer dem Selbstgefühl. Sisigambis sprach daher zu ihm: „O König, du verdienst es, daß wir das, was wir ehedem für unsern Darius erflehten, für dich erflehen, und bist, wie ich sehe, der Herrschaft wert, da du diesen großen König nicht nur an Glück, sondern auch an milder Gesinnung übertroffen hast.58 Du nennst mich zwar Mutter und Königin, doch bekenne ich mich als deine Sklavin, und wenn ich die Höhe meines vorigen Glückes zu ermessen vermag, so verstehe ich auch die Last meines gegenwärtigen Loses zu ertragen. Deine Sache ist es, wenn du lieber durch Milde als durch Grausamkeit bezeugt wissen willst, welch’ unbeschränkte Gewalt du über uns besessen.“ Der König hieß sie guten Mutes sein und nahm den kleinen Sohn des Darius auf seinen Arm, und als dieser, ohne sich durch den Anblick des vorher nie gesehenen Mannes im geringsten schrecken zu lassen, die Händchen um seinen Nacken schlang, rief er, von der Unerschrockenheit des Knaben gerührt, sich zu Hephästion wendend aus: „Wie wünschte ich doch, daß Darius etwas von dieser Gesinnung an sich hätte!“
33 (1) Als er hierauf das Zelt verlassen, weihte er am Ufer des Flusses Pinarus dem Jupiter, dem Herkules und der Minerva drei Altäre und marschierte dann nach Syrien. Zuvor jedoch schickte er den Parmenio nach Damaskus voraus, woselbst sich der Schatz des Königs befand. Da dieser erfuhr, daß auch ein Satrap des Darius des Weges vorausgezogen sei, so fürchtete er, man möchte seine geringe Zahl verachten, und beschloß zahlreichere Mannschaft an sich zu ziehen. Doch fiel zufällig den von ihm vorausgeschickten Spähern ein Marder59 in die Hände, der vor Parmenio gebracht demselben einen vom [53] Befehlshaber von Damaskus an Alexander gerichteten Brief übergab, mit dem Beifügen, derselbe trage kein Bedenken, den ganzen königlichen Hausrat samt dem Gelde auszuliefern. Parmenio befahl, den Mann in Gewahrsam zu halten, und öffnete den Brief, worin geschrieben stand, Alexander möchte schleunig einen von seinen Feldherren mit einer geringen Truppenzahl senden, dem er alles übergeben könnte, was der König in seiner Verwahrung zurückgelassen.60 Er schickte daher den Marder unter Bedeckung an den Verräter zurück. Der entfloh jedoch den Händen seiner Wächter und gelangte vor Tagesanbruch nach Damaskus. Hierdurch war Parmenio, der eine List fürchtete, stutzig gemacht, und wagte es nicht den unbekannten Marsch ohne Führer anzutreten; doch befahl er, im Vertrauen auf das Glück seines Königs, Landleute, die ihm auf dem Marsche als Führer dienen könnten, aufzufangen. Diese waren schnell gefunden, und am vierten Tage gelangte er zur Stadt, während deren Befehlshaber schon fürchtete, man möchte ihm kein Vertrauen geschenkt haben. Derselbe gebot daher, gleich als ob er den Befestigungswerken der Stadt zu wenig traue, vor Sonnenaufgang den königlichen Schatz, der bei den Persern Gaza heißt, nebst den besten Kostbarkeiten fortzuschaffen, anscheinend um zu flüchten, in der That aber, um dem Feinde die Beute in die Hände zu liefern.
34 (1) Viele tausend Männer und Weiber folgten ihm bei seinem Auszuge aus der Stadt, eine Schar, die jedem Mitleiden einflößen mußte, nur nicht dem, dessen Schutze sie anvertraut war. Denn damit der Lohn für seinen Verrat desto größer ausfalle, beabsichtigte er dem Feinde eine noch willkommenere Beute als alles Geld entgegenzuführen, vornehme Männer, Weiber und Kinder der Feldherrn des Darius, dazu die Gesandten der griechischen Städte, welche Darius, als wären sie da in der sichersten Festung, in den Händen des Verräters zurückgelassen hatte. Gangabä heißen bei den Persern die Leute, die auf ihren Schultern Lasten tragen. Als es diese, da plötzlich ein Sturm Schneemassen herabschüttete und der Erdboden von Eis starrte, nicht länger aushalten konnten, so hüllten sie sich in die von Gold und Purpur glänzenden Gewänder, [54] die sie nebst dem Gelde trugen, ohne daß es jemand wagte sie daran zu hindern, da das Unglück des Königs auch den Niedrigsten freie Hand gegen ihn gab. Sie boten daher dem Parmenio den Anblick eines gar nicht verächtlichen Zuges, so daß dieser aus wachsamer Sorge die Seinigen mit wenig Worten wie zu einem ordentlichen Treffen anfeuerte und ihnen befahl, den Pferden die Sporen zu geben und ungestümen Laufes auf den Feind loszustürmen. Die Lastträger jedoch ließen vor Furcht ihre Bürde im Stich und ergriffen die Flucht, und auch ihr bewaffnetes Geleite begann, voll gleicher Furcht, die Waffen wegzuwerfen und sich nach den ihnen bekannten Schlupfwinkeln zu flüchten. Hatte doch ihr Befehlshaber, indem er sich stellte, als sei er selbst auch in Schrecken geraten, alles mit Angst erfüllt. Auf dem ganzen Gefilde lagen die königlichen Schätze, jenes Geld, zum Sold für eine ungeheure Truppenzahl bestimmt, jener Schmuck so vieler vornehmen Männer, so vieler angesehenen Frauen, goldene Gefäße, goldene Zäume, mit königlicher Pracht ausgeschmückte Zelte, auch Wagen von den Ihrigen verlassen und voll unermeßlichen Reichtums – ein Anblick, selbst für die Plünderer jammervoll, wenn irgend etwas der Habsucht Schranken setzen könnte. Denn was durch das unglaubliche und alle Vorstellungen übersteigende Glück so vieler Jahre angehäuft worden war, sah man dort teils an den Baumstämmen zerrissen, teils in den Schlamm getreten. Die Hände der Freibeuter reichten für die Beute nicht aus.
35 (1) Und bereits hatte man auch die erreicht, die zuerst geflohen waren. Die Frauen führten vielfach ihre kleinen Kinder mit sich; darunter waren des Ochus61, der vor Darius geherrscht hatte, jungfräuliche Töchter, die schon vormals durch den Wechsel der Dinge vom Gipfel der väterlichen Macht herabgestürzt waren, denen aber jetzt das Schicksal noch ein grausameres Los aufbürdete. Unter dem gleichen Haufen befand sich auch die Gemahlin des genannten Ochus und die Tochter des Oxathres, des Bruders von Darius, sowie die Gemahlin des Artabazus, des obersten Würdenträgers, mit ihrem Sohne Namens Ilioneus. Auch die Gemahlin des Pharnabazus, dem der König den Oberbefehl über die Seeküste anvertraut hatte, [55] wurde mit ihrem Sohne gefangen genommen, ferner drei Töchter Mentors und die Gemahlin62 und der Sohn des berühmten Feldherrn Memnon; und kaum war das Haus irgend eines Großen bei diesem grenzenlosen Unglücke unbeteiligt. Ebenso die Lakedämonier und Athener, die sich mit Verletzung des makedonischen Bündnisses an die Perser angeschlossen hatten: Aristogiton, Dropides und Iphikrates, die durch Namen und Abkunft unter den Athenern hochberühmt waren, und die Lakedämonier Pausippus, Onomastorides, Monimus und Kallikratides, auch sie in ihrer Heimat zu den Vornehmen zählend. Die Summe des geprägten Geldes betrug zweitausendsechshundert Talente [12260200 Rmk.], die des verarbeiteten Silbers fünfhundert Talente an Gewicht [13100 Kilogr.]. Außerdem wurden dreißigtausend Menschen nebst siebentausend mit Gepäck beladenen Lasttieren gefangen. Übrigens trafen die Götter, die oft späte Rächer sind63, den Verräter dieser großen Herrlichkeit schnell mit der verdienten Strafe. Einer von seinen Mitschuldigen nämlich, der, wie ich glaube, vor der Würde des Königs auch noch unter jenen unglücklichen Verhältnissen Scheu empfand, brachte das Haupt des getöteten Verräters vor Darius, dem Verratenen ein willkommener Trost. Denn einerseits war er an seinem Feinde gerächt, andrerseits sah er die Erinnerung an seine Majestät noch nicht aus allen Gemütern entschwunden.
Anmerkungen
1 Kelänä war unter den Persern die Hauptstadt der großphrygischen Satrapie, an der Quelle des von Curtius hier gar nicht erwähnten Mäander. Unter den Seleukiden wurden die Bewohner in die in der Nähe gegründete neue Hauptstadt Apamea Kibotus versetzt, und die alte Stadt verfiel. Hierauf beziehen sich im folgenden die Worte „zu jener Zeit“.
2 Marsyas war ein phrygischer Satyr, dem Apollo, nachdem er ihn im musikalischen Wettkampfe besiegt hatte, die Haut abzog. Aus den Thränen, welche die übrigen Wald- und Feldgottheiten um ihren Genossen weinten, entstand der Fluß Marsyas.
3 Während des ganzen Krieges kämpften für Darius eine große Menge griechischer Söldner. Eine Anzahl derselben, darunter mehrere Athener, waren am Granikus in Alexanders Hände gefallen.
4 In Wirklichkeit liegt Gordium dem Schwarzen Meere weit näher als dem cilicischen. Auch die folgenden Angaben beruhen auf sehr unvollkommener geographischer Anschauung, da die geringste Breite der Halbinsel zwischen den genannten Meeren mindestens sechzig geographische Meilen beträgt.
5 An den vorderen Teil der Deichsel nämlich.
6 Es waren also die beiden Enden des Jochriemens durch künstliche Verknotung so versteckt, daß sie sich nicht entdecken ließen.
7 „Über die Truppen aber“, womit nämlich jene Flotte bemannt wurde. Vergl. 4, 23.
8 Bei der Rechnung nach Talenten ist in der Regel das attische Silber-Talent zu verstehen, nach welchem zu Alexanders Zeit fast bei allen Griechen gerechnet wurde. Es war = 4715 Reichsmark.
9 Antipater war von Alexander beim Antritt seines Perserzuges zum Statthalter Makedoniens und Hüter Griechenlands bestellt worden.
10 Unter Hellespont ist hier nicht bloß die Meerenge selbst, sondern die ganze Küstenlandschaft um dieselbe zu verstehen.
11 Memnon, ein Rhodier im Dienst des Darius, befehligte am Granikus die griechischen Soldtruppen, nahm dann mit der persischen Flotte die Inseln Chios und Lesbos ein und beabsichtigte von dort den Krieg nach Europa zu spielen, als er bei der Belagerung von Mytilene starb.
12 Ankyra, jetzt Angora, wurde später einer der Hauptplätze der aus Europa nach Kleinasien eingewanderten Kelten (Galater).
13 Die Heneter sollen nach der Zerstörung Trojas unter dem Troer Antenor aus Paphlagonien ausgewandert sein und sich am Adriatischen Meere angesiedelt haben.
14 Xerxes hatte das Gleiche gethan, als er bei Doriskus in Thrakien sein Heer musterte. Herodot VII, 59, 60.
15 Weil sie sich nämlich sehr weitläufig gelagert hatten. Die nun folgende Aufzählung ergiebt die Gesamtsumme von 311,200 Mann. Diodor giebt die Heereszahl auf 400,000 M. zu Fuß und 100,000 Reiter an, Plutarch und Arrian sogar auf 600,000 M.
16 Die Barkaner ebenso wie die Hyrkaner und Derbiker wohnten östlich vom Kaspischen Meere. Die Cetra war ein von den Spaniern entlehnter leichter Lederschild ohne Holzgestell, von welchem die Römer ihre leichten Truppen cetrati nannten.
17 Sonach Foß’ evidenter Verbesserung mille Tapuris statt militatura.
18 Rotes Meer, Mare rubrum oder Erythraeum, hieß bei den Alten das Meer zwischen Indien, Arabien undAfrika, wozu sowohl der Persische als der Arabische Meerbusen gehört.
19 Charidemus gehörte mit Demosthenes und Hyperides zu der Partei, die in Athen dem Makedonischen Einflusse entgegenwirkte.
20 Also über die Flotte im Ägäischen Meere.
21 Nach Walchs Konjektur contra für das Handschriftliche non, wonach keine Lücke angenommen zu werden braucht.
22 Der persische Säbel war gekrümmt, das griechische Schwert gerade. Natürlich wurde nicht bloß die Scheide, sondern die ganze Waffe verändert.
23 Die Sonne (Mithra) wurde von den Persern als eine ihrer hauptsächlichsten Gottheiten verehrt. Mehrfach werden ihr geweihte Rosse erwähnt, vergl. Xenophon, Anabasis 4, 5. Kyropädie 8, 3, 6.
24 Auch das Feuer war den Persern hochheilig, als Sohn Ahuramasdas (Ormuzds) und Symbol des guten Prinzipes, das die bösen Geister verscheuchte.
25 Magier ist der Name der persischen Priester.
26 Durch Jupiter wird hier die oberste Gottheit der Perser, Ahuramasda (Ormuzd), der Himmelsgott und Schöpfer der Welt bezeichnet.
27 Die Bewohner der Landschaft Persis, die herrschende Nation im großen Perserreiche.
28 Die Unsterblichen, so genannt, weil ihre Zahl stets voll erhalten und augenblicklich ergänzt wurde, waren eine schon von Cyrus eingerichtete Leibgarde zu Fuß.
29 Es waren wahrscheinlich Hofbediente, die diesen Ehrentitel führten.
30 Ninus und Belus galten als Gründer, dieser des babylonischen, jener des assyrischen Reiches. Der goldene Adler zwischen ihnen war das Symbol der königlichen Macht.
31 Die Vögel des Ahuramasda.
32 Eine Art sehr bequemer Wagen, die rings zu verschließen waren: Kutschen.
33 Richtiger war es der jüngere Cyrus, der nach Xenophon, Anabasis 1, 2, 20 hier gelagert hatte. S. Arrian 2, 4, 3.
34 Dieses griech. Wort (πύλαι) bedeutet „Thor“ und dient mehrfach zur Bezeichnung von Gebirgspässen.
35 Lyrnessus und Thebe sind aus Homer bekannt, erstere als Vaterstadt der Briseis, der Geliebten Achills (Ilias 2, 690); aus letzterer stammte Chryseis und Andromache (Ilias 2, 691. 1, 366. 6, 397). Sie lagen in Mysien unweit Troja, waren aber von Ciliciern bewohnt, weshalb sie hier irrtümlich nach Cilicien selbst verlegt werden.
36 Die Typhonshöhle hieß auch die korykische von der benachbarten Stadt Korykos. Der Sage nach wurde Zeus im Kampfe mit dem Ungeheuer Typhon von diesem erst besiegt, und, der Sehnen an Händen und Füßen beraubt, in dieser Höhle niedergelegt. Hermes und Pan aber stahlen die Sehnen und setzten sie dem Zeus wieder ein, der hierauf seinen Gegner bezwang.
37 Da die Schlacht bei Issus gegen Ende Oktober oder Anfang November vorfiel (Arrian 2, 11, 10), so ist diese Zeitangabe unrichtig. Doch kann es in jenen Gegenden auch im Oktober sehr heiß sein.
38 Die Erzählung davon stand wahrscheinlich in den verlorenen zweiten Buche.
39 Beim Antritt seines Perserzuges (334 v. Chr.) war Alexander zweiundzwanzig Jahre alt.
40 Man hätte bei der ungeheuren Heereszahl noch mehr Zeit für den Übergang erwarten können. Denn die oben (Kap.4) angegebene Zahl ist durch den unermeßlichen Troß fast noch verdoppelt zu denken.
41 Myndos und Kaunos, zwei Städte an der karischen Küste, erstere westlich unweit Halikarnaß, letztere weiter östlich am Fluße Kalbis gelegen.
42 Das Thal, worin Issos liegt, ist von Gebirgsketten eingeschlossen, die den Gesamtnamen Amanus führen. Die westliche Kette mußte Alexander überschreiten, wenn er aus der cilicischen Ebene nach Issos wollte, und Parmenio war abgeschickt, um den darüberführenden Paß zu besetzen. Die östliche Kette trennt das issische Thal von Syrien, s. unten zu Kap. 20.
43 Es ist mit den neueren Herausgebern maioribus statt moribus zu lesen.
44 Sie waren von Lesbos zu Schiffe nach Tripolis in Phönikien gebracht worden.
45 Über die Gebirgskette des Amanus, die das Thal von Issos im Osten begrenzt und von Syrien trennt, führen mehrere Pässe. Der nördlichere heißt Pylae Amanicae: durch ihn führte Darius sein Heer aus Syrien nach Issos und gelangte so in den Rücken Alexanders, während dieser gleichzeitig durch den südlicheren Paß, der sich dicht am Meere hinzieht und Pylae Syriae hieß, nach Syrien vordrang. So marschierten beide Heere, ohne es zu wissen, an einander vorbei. Sobald jedoch Alexander davon unterrichtet war, kehrte er auf demselben Wege nach Issos zu zurück. In der Schlacht war daher die makedonische Front nach Nordwesten, die persische nach Südosten gerichtet.
46 Die Unklarheit und Ungenauigkeit dieses Berichtes leuchtet von selbst ein, s. zu Kap. 27, Anm. 49.
47 Volksstamm auf der thrakisch-makedonischen Grenze am Strymon, als Bogenschützen berühmt.
48 D. h. mit ausgedehnterer Front.
49 Die Sage läßt Herkules auf seinen Zügen bis zu den Säulen des Herkules (Straße von Gibraltar), Bacchus bis nach Indien gelangen. Alexanders Pläne gingen nicht nur auf die Eroberung Indiens, sondern er gedachte dann auch den Westen bis zu den Säulen des Herkules zu unterwerfen.
50 Gegen Illyrier und Thraker hatte Alexander im ersten Jahre seiner Herrschaft Krieg geführt.
51 Im Tert steht opimum decus mit Beziehung auf die spolia opima bei den Römern, wenn der Feldherr den feindlichen Feldherrn im Kampfe erlegt und seiner Rüstung beraubt hatte.
52 Es ist inulti für multi zu lesen, eos einzufügen. – Übrigens ist der Verlauf der Schlacht von Curtius nicht mit genügender Klarheit entwickelt. Genauer ist die Schilderung bei Arrian 2, 8–11, aus welcher der Hergang so zu ergänzen ist: Im Centrum bildeten das Vordertreffen des persischen Heeres die griechischen Soldtruppen, dem Kerne der makedonischen Phalanx gegenüber. Darius befand sich im Mittelpunkte seiner Stellung. Zwischen beiden Heeren floß der Bach Pinaros, mit zum Teil sehr steilen Uferabhängen. Den Angriff eröffnete Alexander persönlich mit seinem rechten Flügel, indem er im Lauf über den Pinaros setzte und sich auf den linken Flügel der Perser stürzte, der alsbald geworfen wurde. Nicht so leicht wurde seinem Centrum der Übergang über den Bach, da hier teils das Gelände schwieriger war, teils die griechischen Söldner mit großer Tapferkeit stritten. Als jedoch der rechte makedonische Flügel, von der Verfolgung der Perser ablassend, den Griechen in die Flanke fiel, mußten auch sie weichen. Auf der andern Seite kämpfte die persische Reiterei so lange erfolgreich gegen die thessalische, bis sie sowohl die Flucht des Darius, als das Zurückweichen der griechischen Söldner wahrnahm. Darius aber hatte gleich, als er seinen linken Flügel geworfen sah, die Flucht ergriffen, erst zu Wagen, dann zu Roß.
53 Nicht mit dem Kap. 24 genannten Feldherrn Alexanders zu verwechseln. Wie 4, 5 zeigt, begleiteten ihn nur viertausend Griechen. Vergleiche auch 4, 1.
54 Zum Zeichen des tiefsten Schmerzes zerriß man das Obergewand vorn auf der Brust.
55 Statt XXXII setzt Hedicke CCCII, also zusammen dreihundert und zwei statt zweiunddreißig. – U.
56 Im Text planctus, was eigentlich die Schläge bezeichnet, welche Trauernde im höchsten Jammer gegen Brust, Arme und Haupt führen.
57 Die Perser begruben ihre Toten, da es ihnen als todeswürdiges Verbrechen galt, einen Leichnam in das von ihnen göttlich verehrte Feuer zu werfen.
58 So nach Foß’ Ergänzung dignus es [imperio]; andere Heilungsversuche der offenbar verdorbenen Stelle liegen weiter ab. – U.
59 Die Marder waren ein räuberischer Volksstamm südlich vom Kaspischen Meere, Nachbarn der Hyrkaner, s. unten 6, 16.
60 So nach Zumpts Ergänzung cui traderet quaecunque. etc. – U.
61 Artaxerxes III. Ochus herrschte von 361–338.
62 Diese Wittwe Memnons hieß Barsine. Von ihr wurde später dem Alexander ein Sohn Namens Herkules geboren. Vgl. 10, 20.
63 So nach Foß’ von Vogel aufgenommener Konjektur seri saepe ultores. – U.
