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Antiquitas
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2. Buch

1 (1) Bei der Erzählung der von den Scythen1 vollbrachten Thaten, welche groß und ruhmreich genug waren, muß mit einem Zurückgehen auf ihren Ursprung begonnen werden. (2) Denn sie hatten einen Anfang, der nicht weniger ausgezeichnet war, als ihre Herrschaft; auch wurden sie durch die trefflichen Eigenschaften der Männer nicht mehr berühmt, als durch die der Weiber, (3) insofern nämlich sie selbst das Parthische2 und Bactrische3 Reich, ihre Weiber aber das der Amazonen4 gründeten, (4) so daß es bei einer Betrachtung der [62] Thaten ihrer Männer und Frauen völlig ungewiß bleibt, welches der beiden Geschlechter bei ihnen das ausgezeichnetere war. (5) Der Stamm der Scythen ist immer für den ältesten gehalten worden, obgleich zwischen den Scythen und Aegyptiern lange ein Streit über das Alter ihres Geschlechts geführt wurde, (6) indem die Aegyptier sich rühmten, „im Anfange der Dinge, als die andern Länder theils von allzugroßer Sonnenhitze geglüht, theils von ungeheurem Froste gestarrt hätten, so daß sie nicht nur nicht im Stande gewesen zuerst Menschen zu erzeugen, sondern nicht einmal Ankömmlinge aufzunehmen und zu erhalten, ehe man gegen die Hitze oder Kälte Körperbedeckungen erfunden, oder die Mißstände der Gegenden durch künstlich ersonnene Mittel gemildert habe, (7) sei in Aegypten immer ein so gemäßigtes Klima gewesen, daß weder winterliche Kälte, noch die Glut der Sommersonne seine Bewohner gedrückt habe, (8) und der Boden so fruchtbar, daß kein Land an Nahrungsmitteln zum Nutzen der Menschen ergiebiger gewesen sei. (9) Mit Recht müßte man daher glauben, daß hier zuerst Menschen entstanden seien, wo sie sich am leichtesten ernähren5 ließen.“ (10) Dagegen meinten die Scythen, „ein gemäßigtes Klima sei kein Beweis für hohes Alter, (11) denn die Natur habe, sobald sie höhere Grade von Kälte und Wärme für die [einzelnen] Gegenden unterschieden, sogleich auch [alle] lebende Wesen zur Ausdauer in ihrem Aufenthaltsorte geeignet erschaffen, (12) aber auch den Gattungen der Bäume und Feldfrüchte sei nach Verhältniß der Umstände eine zweckmäßige Verschiedenheit verliehen worden; (13) und je rauher der Himmelsstrich bei den Scythen sei, als bei den Aegyptiern, desto kräftiger seien sie auch an Körper und Geist. (14) Wenn übrigens die Welt, die jetzt aus Theilen bestehe, [63] einst Ein Ganzes6 gewesen, sei es, daß im Anfange der Dinge eine überschwemmende Wasserfluth die Erde bedeckt gehalten, oder daß das Feuer, welches auch die Welt hervorgebracht, Alles inne gehabt habe, so hätten die Scythen bei beiden Arten des Urzustandes den Vorzug der früheren Entstehung. (15) Denn habe das Feuer zuerst die Welt inne gehabt, welches, allmälig erloschen, der Erde einen festen Grund gegeben, so sei kein Theil früher als der nördliche durch die Winterfröste vom Feuer geschieden worden, so daß auch jetzt noch kein Theil mehr von Frost starre; (16) Aegypten aber und das ganze Morgenland habe sehr langsam ein gemäßigtes Klima erhalten, da es ja noch jetzt von der sengenden Sonnenhitze glühe. (17) Wenn dagegen alles Land der Erde einst in die Tiefe des Meeres versenkt gewesen, so seien sicherlich beim Abflusse des Wassers die am höchsten gelegenen Theile immer zuerst bloßgelegt worden, an den tiefsten Bodenstellen aber habe das Wasser am längsten verweilt, (18) und je früher ein jeder Theil der Erde trocken geworden, desto früher habe er angefangen lebende Wesen hervorzubringen. (19) Nun liege aber Scythien so viel höher, als alle [andern] Länder, daß alle dort entspringenden Flüsse in den Mäotischen See7 und dann weiter in das Pontische und Aegyptische Meer8 hinabströmten; (20) Aegypten dagegen, das durch so vieler Könige und Jahrhunderte Sorgfalt und Aufwand geschützt und gegen die Gewalt hereinbrechender Gewässer mit so gewaltigen Dämmen überbaut, von so vielen Kanälen durchschnitten worden sei, daß es, obgleich das Wasser durch jene zurückgehalten, von diesen aber aufgenommen werde, nichts desto weniger ohne die Ableitung des Nils nicht habe angebaut werden können, noch es jetzt könne9 [64] – dieses scheine in Bezug auf das Alterthum der Bevölkerung das letzte10, da es in Folge der Aufdämmungen der Könige oder des Schlamm mit sich führenden Nils11 auch das jüngste der Länder zu sein scheine.“ (21) Da nun die Aegyptier durch diese Beweißgründe geschlagen waren, haben die Scythen immer für älter gegolten.

2 (1) Scythien also, das sich nach Osten hin erstreckt, ist auf der einen Seite vom Pontus, auf der andern von dem Riphäischen Gebirge12, im Rücken von Asien und dem Flusse Phasis13 eingeschlossen. (2) Es dehnt sich weit in die Länge und Breite aus. (3) Die Bewohner haben unter einander keine Grenzmarken; denn sie bauen weder das Land, noch habent sie irgend ein Haus oder ein [festes] Obdach oder einen [bleibenden] Sitz, da sie beständig ihre Heerden von großem und kleinem Vieh weiden und unbebaute Einöden zu durchschweifen pflegen. (4) Ihre Weiber und Kinder führen sie auf Wagen mit sich, die sie der Regengüsse und des Winters wegen mit [65] Thierhäuten bedecken und als Häuser gebrauchen. (5) Ihre Gerechtigkeit hat sich durch den Geist des Volks, nicht durch Gesetze gebildet. (6) Kein Verbrechen gilt bei ihnen für schwerer, als der Diebstahl; denn da sie ihre Heerden von großem und kleinem Vieh ohne den Schutz einer Wohnung14 halten, was würde ihnen [davon] in ihren Wäldern übrig bleiben, wenn das Stehlen erlaubt wäre?15 (7) Nach Gold und Silber trachten sie nicht auf gleiche Weise, wie andre Menschen16. (8) Sie nähren sich von Milch und Honig. (9) Der Gebrauch der Wolle und der Kleider ist ihnen unbekannt, und obgleich sie von fortwährender Kälte geplagt werden, bedienen sie sich doch nur der Felle von größerem oder kleinerem Wild17. (10) Diese Genügsamkeit erzeugte bei ihnen auch die Rechtlichkeit der Handlungsweise, da sie nicht nach fremden Eigenthum begehren; denn [nur] da ist Begierde nach Reichthum, wo auch Gebrauch von ihm gemacht wird. (11) Ja, möchte sich doch eine ähnliche Mäßigung und Enthaltsamkeit von fremdem Gute auch bei den übrigen Sterblichen finden! (12) Wahrlich dann würde nicht eine solche Menge von Kriegen alle Jahrhunderte hindurch in sämmtlichen Ländern fortwährend geführt werden, (13) und Schwert und Waffen würden nicht mehr Menschen hinwegraffen, als das natürliche Todesloos. (14) Ganz wunderbar muß es daher erscheinen, daß die Natur ihnen das verleiht, was die Griechen durch die lange Belehrung weiser Männer und die Vorschriften der Philosophen nicht erreichen können, und daß die verfeinerte Bildung bei einer Vergleichung mit dem ungebildeten [66] Barbarenthum von diesem übertroffen wird. (15) Um so viel dienlicher ist Jenen die Unkenntniß der Laster, als diesen die Kenntniß der Tugend.

3 (1) Dreimal verschafften sie sich die Oberherrschaft über Asien; sie selbst aber blieben stets von fremder Herrschaft entweder unberührt, oder [wenigstens] unbesiegt. (2) Den Darius, König von Persien, trieben sie in schimpflicher Flucht aus Scythien fort18; (3) den Cyrus metzelten sie sammt seinem ganzen Heere nieder19; (4) den Feldherrn Alexanders des Großen Zopyrion vernichteten sie auf gleiche Weise mit allen seinen Truppen20; (5) von der Römer Waffen haben sie gehört, sie aber nicht gefühlt. (6) Das Parthische und das Bactrianische Reich haben sie selbst gegründet21. (7) Sie sind ein für Strapazen und Krieg abgehärteter Volksstamm; ihre Körperkräfte sind ungeheuer; sie erwerben Nichts, was sie zu verlieren fürchten müßten; als Sieger begehren sie Nichts außer Ruhm. (8) Den ersten Krieg kündigte der ägyptische König Sesostris den Scythen an22, nachdem er zuvor Unterhändler geschickt hatte, die den Feinden Unterwerfung vorschreiben sollten. (9) Allein die Scythen, schon vorher durch die Nachbarvölker von der Ankunft des Königs benachrichtigt, antworten den Abgeordneten: (10) „[nur] aus Uebermuth23 habe der Anführer eines so wohlhabenden Volkes gegen Unbemittelte einen Krieg begonnen, den er mehr daheim zu fürchten gehabt hätte24, weil die Entscheidung des Kampfes ungewiß, (11) keine Belohnungen des Sieges zu erwarten und der Verlust offenbar sei. (12) Deshalb würden die Scythen nicht warten, bis er zu ihnen käme, da sich so ungleich [67] mehr für sie Wünschenswerthes bei dem Feinde fände, sondern von selbst der Beute entgegengehen.“ Und diesen Worten folgte sofort die That. (13) Als der König erfahren hatte, daß sie mit solcher Schnelligkeit heranzögen, wendete er sich zur Flucht und kehrte mit Zurücklassung seines Heeres und alles Kriegsmaterials in sein Reich zurück25. (14) Die Scythen aber hielten die Sümpfe von Aegypten ab. (15) Von da zurückgekehrt, unterjochten sie Asien26 und machten es zinsbar, indem sie ihm mehr zum Zeichen ihrer Oberherrschaft, als zur Belohnung ihres Siegs eine mäßige Abgabe auferlegten. (16) Nachdem sie fünfzehn Jahre mit der Unterjochung Asiens zugebracht hatten, wurden sie durch die dringenden Bitten ihrer Frauen zurückgerufen, welche ihnen durch Abgeordnete verkünden ließen, „wenn sie nicht zurückkehrten, so würden sie sich Nachkommenschaft durch die Grenznachbarn zu verschaffen suchen und nicht zugeben, daß für die Zukunft der Stamm der Scythen durch die Frauen27 unterginge.“ (17) Diesen war also Asien eintausend fünfhundert Jahre hindurch28 zinsbar. (18) Der Entrichtung der Abgabe machte Ninus, König der Assyrier, ein Ende.

4 (1) Bei den Scythen aber wurden in der Zwischenzeit zwei königliche Jünglinge, Plinus und Scolopitus, durch eine Partei der Vornehmen aus der Heimath vertrieben; sie zogen eine sehr große Menge junger Leute mit sich, ließen sich an der [68] Küste von Cappadocien29 neben dem Flusse Thermodon30 nieder und besetzten die darunter liegenden Themiscyrischen Gefilde31. (3) Nachdem sie hier viele Jahre lang die Grenznachbarn zu berauben gewohnt gewesen waren, wurden sie durch eine Verschwörung der Völker hinterlistiger Weise ermordet. (4) Als ihre Frauen sahen, daß zu ihrer Verbannung auch noch ihr Wittwenthum gekommen sei, ergriffen sie die Waffen und vertheidigten ihr Gebiet, zuerst nur den Krieg daraus entfernend, bald aber auch selbst Kriege beginnend. (5) Auch gaben sie den Gedanken, sich mit den Grenznachbarn zu verheirathen, auf, indem sie dieß eine Knechtschaft, nicht eine Ehe nannten. (6) Ein Beispiel einzig in seiner Art [in der Geschichte] aller Jahrhunderte: nachdem sie gewagt hatten, einen Staat ohne Männer [an Volkszahl] zu vermehren32, behaupten sie ihn jetzt sogar mit Verachtung der Männer. (7) Und damit nicht Einige von ihnen glücklicher als die Andern schienen, tödteten sie [auch] die Männer, welche zu Hause zurückgeblieben waren. (8) Auch ward ihnen Rache für ihre erschlagenen Männer durch Aufreibung ihrer Grenznachbarn. (9) Hierauf, als sie den Frieden errungen hatten, lassen sie sich, damit ihr Geschlecht nicht aussterbe, in geschlechtlichen Umgang mit den Nachbarn ein. (10) Wurden männliche Sprößlinge geboren, so tödteten sie dieselben. (11) Die Mädchen gewöhnten sie nach gleicher Weise, wie sich selbst, nicht an ein ruhiges Leben und Wollspinnen, sondern an Waffen, Pferde und Jagdübungen, nachdem sie ihnen als kleinen Kindern die rechte Brust ausgebrannt hatten, damit das Abschießen von Pfeilen nicht gehindert würde, weshalb sie den Namen [69] Amazonen33 erhielten. (12) Sie hatten zwei Königinnen, Marpessa34 und Lampedo, welche nach Scheidung des Heeres in zwei Theile, schon damals durch ihre Thaten berühmt geworden, abwechselnd Kriege führten, indem sie [gleichfalls] abwechselnd die Landesgrenzen vertheidigten, (13) und damit es zum Gelingen ihrer Unternehmungen nicht an gehörigem Ansehen fehlte, sich Töchter des Mars zu sein rühmten. (14) Nachdem sie also den größten Theil Europa’s unterjocht hatten, nahmen sie auch einige Staaten Asiens ein. (15) Hier gründeten sie Ephesus35 und viele andere Städte, und entließen sodann einen Theil des Heeres mit ungeheurer Beute in die Heimath. (16). Die Uebrigen, welche zur Behauptung der Herrschaft über Asien zurückgeblieben waren, werden sammt ihrer Königin Marpessa durch einen vereinten Angriff der Barbaren erschlagen. (17) An deren Stelle trat nun ihre Tochter Orithya als Königin, welcher, ihre außerordentliche Kriegskenntniß abgerechnet, auch wegen ihrer für ihre ganze Lebenszeit bewahrten Jungfrauschaft große Bewunderung zu Theil wurde. (18) Durch ihre Tapferkeit erhielt der Ruhm und Ruf der Amazonen einen solchen Zuwachs, daß jener König36 dem Hercules, der ihm zwölf Dienste zu leisten schuldig war, als etwas Unmögliches den Auftrag ertheilte, ihm die Waffen der Amazonenkönigin zu überbringen. (19) Dieser segelt daher mit neun Kriegsschiffen in [70] Begleitung der vornehmsten Jünglinge Griechenlands dahin ab und greift sie unvermuthet an. (20) Damals beherrschten zwei Schwestern das Amazonenreich, Antiope und Orithya; aber Orithya führte gerade auswärts einen Krieg. (21) Als daher Hercules an der Küste der Amazonen landete, war bloß eine geringe Anzahl beisammen, da die Königin Antiope nichts Feindseliges befürchtete. (22) Und so kam es, daß nur Wenige, durch den plötzlichen Angriff aufgeschreckt, die Waffen ergriffen und den Feinden den Sieg leicht machten. (23) Viele wurden daher getödtet und gefangen; unter Letzteren zwei Schwestern der Antiope, Melanippe vom Hercules, Hippolyte vom Theseus37. (24) Theseus aber behielt seine Gefangene als Siegespreis, nahm sie zur Ehe und zeugte mit ihr den Hippolytus. (25) Hercules gab nach dem Siege die gefangene Melanippe ihrer Schwester zurück und empfing als Lösepreis die Waffen der Königin. Nachdem er so den erhaltenen Befehl vollzogen, kehrte er zum Könige zurück. (26) Als aber Orithya erfährt, daß ihre Schwestern mit Krieg überzogen worden und daß der Räuber ein Athenischer Fürst sei, muntert sie ihre Gefährtinnen auf und sagt: „vergebens sei sowohl die Bucht des Pontus38, als Asien unterworfen worden, wenn sie noch, nicht sowohl Kriegen mit den Griechen, als vielmehr ihren Räubereien ausgesetzt wären.“ (27) Dann bittet sie den König von Scythien, Sagylus, um Hülfe, und stellt ihm vor, daß [auch] sie zum Stamme der Scythen gehörten, ferner die Tödtung ihrer Männer, die Veranlassungen zum Kriege, und wie sie es durch ihre Tapferkeit dahin gebracht hätten, daß die Scythen in dem Rufe ständen, nicht lässigere Frauen als Männer zu haben. (28) Durch den Ruhm seines Stammes bewogen, schickte er ihnen seinen Sohn Panasagorus mit einer gewaltigen Reiterschaar zu Hülfe. (29) Da sie sich aber in Folge einer vor dem [71] Kampfe entstandenen Uneinigkeit von den Hülfsvölkern verlassen sahen, wurden sie von den Athenern im Treffen besiegt; (30) doch fanden sie einen Zufluchtsort in dem Lager der Bundesgenossen, mit deren Hülfe sie von andern Völkern unangetastet in ihr Reich zurückkehrten. (31) Nach der Orithya bemächtigte sich Penthesilea der Regierung, welche im Trojanischen Kriege39, wo sie gegen die Griechen Hülfe leistete, unter den tapfersten Männern große Beweise von Tapferkeit gab. (32) Nachdem später Penthesilea getödtet und ihr Heer aufgerieben worden war, bestanden die [Nachkömmlinge der] Wenigen, die im Reiche zurückgeblieben waren, obgleich sie sich nur mit Mühe gegen die Grenznachbarn vertheidigten, bis auf Alexanders des Großen Zeiten fort. (33) Eine Königin derselben, Minithya oder Thalestris, erlangte den Beischlaf Alexanders dreizehn Tage lang, um einen Sprößling von ihm zu gebären40, fand aber, in ihr Reich zurückgekehrt, kurze Zeit darauf mit dem ganzen Stamme der Amazonen ihren Untergang.

5 (1) Nachdem die Scythen auf ihrem dritten Feldzuge in Asien41 acht Jahre lang von ihren Weibern und Kindern entfernt gewesen waren, werden sie in ihrer Heimath von einem Sclavenkriege empfangen. (2) Ihre Weiber nämlich, des langen Wartens auf die Männer müde, und in der Meinung, daß dieselben nicht mehr durch Krieg aufgehalten würden, sondern vernichtet wären, verheirathen sich mit den zur Hütung der Heerden zurückgelassenen Sclaven, (3) welche nun ihre als Sieger heimkehrenden Herren gleich Fremdlingen mit den Waffen von ihren Grenzen abwehren. (4) Da der Sieg zwischen ihnen abgewechselt hatte, werden die Scythen daran gemahnt, die Art des Kampfes zu verändern, indem sie bedenken, daß sie nicht mit Feinden, sondern mit Sclaven zu kämpfen haben, und daß diese nicht durch Waffen-, sondern durch Herrenrecht besiegt werden [72] müßten: Peitschen, nicht Waffen42 hätten sie in’s Treffen mitzubringen, und mit Weglassung der Schwerter Ruthen und Geißeln und das übrige Rüstzeug, das Sclaven Furcht einflößte, in Bereitschaft zu setzen. (5) Der Vorschlag fand Beifall, und als Alle, so ausgerüstet, wie vorgeschrieben worden war, gegen den Feind anrückten, drohen sie den Ueberraschten mit Peitschenhieben und setzen sie in solche Bestürzung, daß sie diejenigen, die sie mit dem Schwerte nicht hatten besiegen können, durch Furcht vor Peitschenhieben besiegten, und jene, nicht wie überwundene Feinde, sondern wie entlaufene Sclaven die Flucht ergriffen. (6) Alle, die man fangen konnte, büßten am Kreuze. (7) Auch die Weiber, sich nichts Guten bewußt, endeten theils mit dem Schwerte, theils mit dem Stricke ihr Leben. (8) Hierauf herrschte bei den Scythen bis zu den Zeiten des Königs Janthyrus43 Friede. (9) Diesen überzog, wie schon oben erzählt worden ist44, der Perserkönig Darius mit Krieg, weil er die Hand seiner Tochter nicht erhalten hatte45, (10) und rückte mit siebenmalhunderttausend Kriegern in Scythien ein; weil er aber fürchtete, es möchte von den Feinden, die ihm keine Gelegenheit zu einer Schlacht gaben, durch Abbrechen der Brücke über den Ister46 der Rückzug abgeschnitten werden, floh er mit einem Verluste von achtzigtausend Mann ängstlich zurück, (11) welche Einbuße jedoch bei einem solchen Ueberflusse an Menschen nicht unter die Unfälle gerechnet wurde. (12) Darauf unterjochte er Asien und Macedonien47, und besiegte auch die Jonier48 in einem Seetreffen. (13) Als er hierauf erfuhr, daß die Athener [73] den Joniern gegen ihn Hülfe geleistet hätten, wendete er den ganzen Kriegssturm gegen sie49.

6 (1) Weil wir nun einmal auf die Kriege der Athener gekommen sind, welche so zu Ende geführt wurden, daß sie nicht nur die Erwartung, wie sie geführt werden würden, sondern auch, nachdem sie geführt waren, allen Glauben überstiegen, und auf die Thaten der Athener, welche50 dem Erfolge nach noch größer waren, als den Wünschen nach, so müssen wir mit wenigen Worten auf den Ursprung der Stadt zurückgehen, (2) auch51 weil sie nicht, wie die übrigen Völker, von einem niedrigen Anfange bis zur größten Höhe emporwuchsen. (3) Denn sie allein rühmen sich außer ihrem Wachsthum auch ihres Ursprungs; (4) indem nämlich nicht Ankömmlinge, noch ein von allen Orten her zusammengelesenes, schmutziges Volksgemisch der Stadt ihren Ursprung gab52, sondern sie auch demselben Boden entstammt sind, den sie bewohnen, und ihr Wohnsitz zugleich ihr Ursprung ist. (5) Sie lehrten zuerst die Bearbeitung der Wolle und den Gebrauch des Oeles und Weins. Auch das Pflügen und Getreidesäen zeigten sie denen, die sich [noch] von Eicheln nährten. (6) Die Wissenschaften, die Religionsgebräuche53, die Beredtsamkeit und die Ordnung der bürgerlichen Verfassung haben Athen gleichsam zum Tempel. (7) Vor Deucalion’s54 [74] Zeiten hatten sie einen König Cecrops55, welchen sie, wie das ganze Alterthum fabelhaft ist, für zweigestaltig ausgaben56, weil er zuerst den Mann mit der Frau durch Ehe verband. (8) Ihm folgte Cranaus, dessen Tochter Atthis dem Lande seinen Namen gab. (9) Nach ihm regierte Amphictyon57, welcher die Stadt zuerst der Minerva58 weihte und den Namen Athenä gab. (10) Zu seiner Zeit raffte eine Ueberschwemmung den größeren Theil der Völkerschaften Griechenlands hinweg. (11) [Nur] die blieben übrig, welche Zufluchtsörter auf den Bergen aufnahmen, oder die auf Fahrzeugen zum König von Thessalien Deucalion schifften, von welchem es daber heißt, daß er das Menschengeschlecht geschaffen habe. (12) Darauf kam nach der Ordnung der Thronfolge die Regierung auf den Erechtheus59 herab, unter welchem die Aussaat des Getreides zu Eleusis60 vom Triptolemus erfunden wurde, (13) welchem Geschenke zu Ehren die heiligen Nächte der geheimen Weihen gestiftet wurden. (14) And Aegeus, des Theseus61 Vater, besaß die Regierung zu Athen. Ihn verließ durch eine Trennung der Ehe Medea62 wegen ihres erwachsenen [75] Stiefsohns und begab sich mit ihrem vom Aegeus empfangenen Sohne Medius nach Colchis. (15) Nach Aegeus besaß Theseus63 und darauf dessen Sohn Demophoon, der den Griechen gegen die Trojaner Hülfe leistete, den Thron. (16) Zwischen den Athenern und Doriern64 fanden aus alter Feindschaft [mancherlei] Reibungen statt. Diese wollten die Dorier durch einen Krieg rächen und befragten daher die Orakel über den Ausgang des Kampfes. (17) Die Antwort lautete: „sie würden Sieger sein, wenn sie den König der Athener nicht tödteten.“ (18) Als es zum Kriege gekommen war, wird den Kämpfern vor Allem die Schonung des Königs anbefohlen. (19) Die Athener hatten zu jener Zeit65 den Codrus zum König, der, als er sowohl die Antwort des Gottes, als den Befehl der Feinde erfahren hatte, nach Vertauschung des Königsgewandes zerlumpt und mit einem Reisigbündel auf dem Nacken in das Lager der Feinde geht. (20) Hier wird er unter dem Haufen der sich ihm Entgegenstellenden von einem Soldaten, den er in schlauer Absicht mit seiner Sichel66 verwundet hatte, getödtet. Als des Königs Leichnam erkannt wurde, gehen die Dorier ohne Treffen aus einander; (21) und so werden die Athener durch die Mannhaftigkeit ihres Anführers, der sich für das Heil des Vaterlandes dem Tode dahin gab, vom Kriege befreit.

7 (1) Nach Codrus herrschte kein König mehr zu Athen, was dem Gedächtnisse seines Namens zu Liebe geschah. (2) Die Verwaltung des Staats wurde obrigkeitlichen Personen immer [76] auf ein Jahr67 überlassen. (3) Aber die Bürgerschaft hatte damals keine Gesetze68, weil die Willkür der Könige statt der Gesetze galt. (4) Daher wurde Solon, ein Mann von ausgezeichneter Gerechtigkeit, erwählt69, um durch Gesetze den Staat gleichsam neu zu gründen, (5) und dieser wußte bei den Unterhandlungen zwischen Volk und Senat so gut das rechte Maß zu finden70, daß er von beiden gleichen Dank erntete (da er doch, wenn er Etwas zu Gunsten des einen Standes in Vorschlag gebracht hätte, dem andern zu mißfallen erwarten mußte). (6) Unter den vielen vortrefflichen Handlungen dieses Mannes war auch folgende merkwürdig. (7) Zwischen den Athenern und Megarern71 war über den eigenthümlichen Besitz der Insel Salamis72 fast bis zur Vernichtung mit den Waffen gekämpft worden. (8) Nach vielen Niederlagen fing es an bei den Athenern als Todsünde zu gelten, wenn Jemand den Vorschlag thäte, auf den Besitz der Insel Anspruch zu machen. (9) Solon, besorgt, entweder durch Schweigen das Wohl des Staates schlecht zu berathen, oder durch Äeußerung seiner Meinung sich zu schaden, heuchelt daher einen plötzlichen Anfall von Wahnsinn, durch welchen entschuldigt er Verbotenes nicht nur reden, sondern auch thun durfte. (10) Entstellt in seinem Aeußern, stürzt er nach Art der Wahnsinnigen auf die Straße hinaus, (11) und beginnt, als ein Zusammenlauf von Menschen entstanden ist, um seine Absicht desto mehr zu verbergen, in Versen, in denen er [177] sonst nie zu sprechen pflegte, dem Volke das anzurathen, was verboten war, (12) wodurch er Aller Gemüther so ergriff, daß auf der Stelle der Krieg gegen die Megarer beschlossen und die Insel nach Besiegung der Feinde ein Besitzthum der Athener wurde.

8 (1) Die Megarer indessen, eingedenk des gegen die Athener angefangenen und [wieder] aufgegebenen Kriegs, bestiegen, um den Schein zu vermeiden, vergebens die Waffen gerührt zu haben, die Schiffe, um die Frauen der Athener bei dem Eleusinischen Feste73 des Nachts zu überfallen. (2) Auf erhaltene Kunde davon stellte Pisistratus die junge Mannschaft in einem Hinterhalte auf, und befiehlt den Frauen, selbst beim Anrücken der Feinde das Fest mit dem gewohnten Geschrei und Geräusch zu feiern, damit Jene nicht merkten, daß man sie wahrgenommen. (3) Als nun die Megarer aus den Schiffen gestiegen waren, griff er sie unvermuthet an, vernichtete sie und segelte sofort mit der eroberten Flotte, auf der er Weiber unter die Männer gemischt hatte, damit sie den Schein gefangen genommener Frauen gäben, schnell nach Megara. (4) Als die Megarer die Form der Schiffe und die erstrebte Beute erkannten, kommen sie bis zum Hafen entgegen; sie werden niedergehauen, und es fehlte wenig, daß Pisistratus die Stadt erobert hätte. (5). So verschafften die Dorier74 durch ihre Ränke den Feinden den Sieg. (6) Alein Pisistratus, als hätte er für sich, nicht für sein Vaterland gesiegt, bemächtigt sich durch List der Alleinherrschaft75. (7) Nachdem er sich nämlich zu Hause freiwillig hat geißeln lassen, geht er mit zerfleischtem Körper hinaus auf die Straße, (8) zeigt in einer zusammenberufenen Versammlung dem Volke seine Wunden, und klagt über die Grausamkeit der Großen, von denen er solches erlitten zu haben vorgab. (9) Seinen Worten fügt er noch Thränen bei, und durch seine gehässige Rede wird das leichtgläubige Volk entflammt. Wegen seiner Liebe zum [78] Bürgerstande, heuchelt er, sei er dem Senate verhaßt, (10) und erhält zur Beschützung seiner Person den Beistand einer Leibwache, vermittelst welcher er die Alleinherrschaft an sich riß und dreiunddreißig Jahre lang regierte76.

9 (1) Nach seinem Tode wird der Eine seiner Söhne, Diocles77, nachdem er eine Jungfrau gewaltsam entehrt hatte, von dem Bruder des Mädchens getödtet. (2) Der Andere, Namens Hippias, läßt, da er die väterliche Herrschaft im Besitz hatte, den Mörder seines Bruders greifen, (3) welcher, als er durch die Folter gezwungen werden sollte, die Mitwisser des Mordes zu nennen, alle Freunde des Zwingherrschers nannte; (4) und wie ihn nach deren Hinrichtung der letztere fragte, ob noch sonst welche darum wüßten, erwiderte er, es sei Niemand weiter übrig, nach dessen Tod er begierig trachte, als der Zwingherrscher selbst. (5) Durch dieses Wort zeigte er sich als Sieger über denselben Zwingherrn, nachdem er die Keuschheit seiner Schwester gerächt hatte. (6) Da nun die Bürgerschaft durch die Herzhaftigkeit dieses Mannes an ihre Freiheit erinnert worden war, wird endlich Hippias vom Throne gestoßen und in die Verbannung gejagt78. (7) Er begab sich zu den Persern und bot sich dem König Darius, welcher damals, wie oben berichtet worden ist79, die Athener mit Krieg überzog, zum Heerführer gegen sein Vaterland an. (8) Als nun die Athener von dem Anrücken des Darius hörten, erbaten sie sich Hülfe bei den Lacedämoniern, einem damals mit ihnen verbündeten Staate. (9) Da sie aber [79] sahen, daß diese durch Eidestreue vier Tage lang zurückgehalten wurden80, bewaffneten sie, ohne die Hülfe abzuwarten, zehntausend Bürger und tausend Mann Platäische Hülfstruppen81, und rückten gegen sechsmalhunderttausend Feinde auf den Marathonischen Gefilden82 zur Schlacht aus. (10) Anführer sowohl in diesem Kriege, als Urheber des Raths, die Hülfe [der Lacedämonier] nicht abzuwarten, war Miltiades, den eine solche Zuversicht ergriffen hatte, daß er mehr Hülfe in der Schnelligkeit zu finden glaubte, als in den Bundesgenossen. (11) So groß war daher die Kampflust der zur Schlacht Ausziehenden, daß sie, als noch ein Raum von tausend Schritten zwischen beiden Schlachtlinien war, vor dem Abschießen der Pfeile im Schnelllaufe den Feind erreichten. (12) Und dieser Kühnheit fehlte es nicht an Erfolg; denn sie kämpften mit solcher Tapferkeit, daß man hätte glauben sollen, auf dieser Seite ständen Männer, auf jener eine Schafheerde. (13) Besiegt flohen die Perser auf ihre Schiffe, von denen viele versenkt, viele weggenommen wurden. (14) In dieser Schlacht war die Tapferkeit der Einzelnen so groß, daß es schwer zu entscheiden schien, wem das größte Lob gebührte. (15) Unter den Uebrigen strahlte jedoch der Ruhm des jungen Themistocles hervor, bei welchem sich schon damals die Anlage zur künftigen Feldherrngröße zeigte. (16) Auch der Ruhm des Cynegirus, eines Athenischen Kriegers, ist durch große Lobsprüche der Schriftsteller gefeiert worden. (17) Als er in der Schlacht Unzählige niedergestreckt und die fliehenden Feinde zu den Schiffen getrieben hatte, hielt er ein [mit ihnen] beladenes Schiff mit der Rechten fest, und ließ es nicht eher los, als bis er die Hand verlor; (18) auch da noch, nachdem ihm die Rechte abgehauen war, [80] ergriff er das Schiff mit der Linken, und als er selbst diese verloren hatte, hielt er zuletzt das Schiff mit den Zähnen fest. (19) O dieser Tapferkeit des Mannes, die so groß war, daß er, durch so vieles Niedermetzeln nicht ermüdet, nicht besiegt durch den Verlust beider Hände, zuletzt verstümmelt und wie ein reißendes Thier mit den Zähnen kämpfte! (20) Die Perser verloren zweimalhunderttausend Mann, sei es in der Schlacht, sei es durch Schiffbruch83. (21) Auch Hippias, der Athenische Zwingherrscher, der Anstifter und Erreger dieses Krieges, fiel, indem die rächenden Götter des Vaterlands die [verdiente] Strafe über ihn verhängten.

10 (1) Unterdessen stirbt auch Darius84, als er den Krieg erneuern wollte, mitten unter den Zurüstungen, mit Hinterlassung vieler Söhne, die er theils während, theils vor seiner Regierung bekommen hatte. (2) Unter diesen eignete sich Ariämenes85, der älteste, nach dem Vorrechte des Alters die Regierung an, ein Recht, welches sowohl die Ordnung der Geburt als die Natur selbst den Völkern gegeben hat. (3) Darauf aber erhob auch Xerxes Ansprüche, nicht wegen der Ordnung der Geburt, wohl aber wegen der Glücksumstände dabei; (4) denn Ariämenes sei zwar dem Darius zuerst, aber [noch] als einem Privatmanne, er dagegen dem Könige zuerst geboren worden. (5) Daher könnten seine Brüder, die vor ihm gezeugt wären, zwar das Privatvermögen, welches Darius damals besessen, nicht aber die Regierung in Anspruch nehmen; er sei der erste Sohn, den der Vater schon als König und im Besitze des Throns als solchen bekommen und anerkannt habe. (6) Dazu komme, daß Ariämenes nicht nur von einem Vater, sondern auch von einer Mutter, als sie noch im Privatstande gelebt hätten, und auch von [81] einem mütterlichen Großvater, der Privatmann gewesen, herstamme; (7) er aber sei von einer königlichen Mutter geboren, und habe auch seinen Vater nur als König gesehen, deßgleichen zum mütterlichen Großvater den König Cyrus gehabt, nicht den Erben, sondern den Gründer des so großen Reiches; (8) und wenn auch der Vater beide Brüder im Besitz gleichen Rechtes hinterlassen hätte, so stehe er doch in Bezug auf mütterliches und großväterliches Recht voran. (9) Diesen Streit bringen sie einstimmigen Sinnes vor ihren väterlichen Oheim Artaphernes wie vor einen Familienrichter86, der, als er die Sache zu Hause untersucht hatte, dem Xerxes den Vorzug gab; (10) und der Streit war ein so brüderlicher, daß weder der Sieger verhöhnte, noch der Besiegte sich beklagte, und daß sie selbst während des Streites einander Geschenke sandten, und unter sich nicht bloß fröhliche, sondern auch trauliche Gastmähler hielten, auch der Schiedsrichterspruch selbst ohne Zeugen und ohne Zank erfolgte. (11) So theilten also damals Brüder die größten Reiche unter einander87 mit weit größerer Mäßigung, als jetzt kleine väterliche Erbgüter getheilt werden. (12) Xerxes88 rüstete sich nun zu dem von seinem Vater begonnenen Kriege gegen Griechenland fünf Jahre lang. (13) As dieß Demaratus, König der Lacedämonier, erfuhr, der sich als Verbannter bei Xerxes aufhielt89, schreibt er, freundschaftlicher gegen sein Vaterland nach der Verbannung, als gegen den König nach empfangenen Wohlthaten, damit [die Griechen] nicht durch einen unerwarteten Krieg überrascht würden, der Obrigteit Alles ausführlich auf hölzernen Täfelchen und überzieht sie wieder mit dem vorigen Wachs90, (14) [82] damit nicht entweder die Schrift ohne Ueberzug die Sache offenbare, oder das frische Wachs den Betrug verrathe; dann übergibt er dieselben einem treuen Sclaven mit dem Befehl, sie der Obrigkeit der Spartaner einzuhändigen. (15) Als sie nach Lacedämon gebracht wurden, waren sie lange Zeit ein Gegenstand des Nachsinnens, weil man weder Etwas darauf geschrieben sah, noch vermuthen konnte, daß sie ohne Absicht geschickt wären, und man hielt die Sache für um so wichtiger, je mehr sie in Dunkel gehüllt sei. (16) Während die Männer nicht aus bloßen Vermuthungen herauskommen konnten, errieth die Schwester91 des Königs Leonidas die Absicht des Schreibenden. (17) So wird also das Wachs abgeschabt und der Kriegsplan entdeckt. (18) Schon hatte Xerxes siebenmalhunderttausend Mann aus seinem Reiche bewaffnet und dreimalhunderttausend von den Hülfstruppen, (19) so daß nicht ohne Grund berichtet worden ist, Flüsse wären von seinem Heere ausgetrunken worden92 und ganz Griechenland hätte kaum sein Heer fassen können. (20) Auch soll er eine Flotte von tausend93 Schiffen gehabt haben. (21) Diesem großen Heereszuge fehlte es an einem Anführer. (22) Wenn man übrigens den König betrachtet, so darf man nur seine Reichthümer, nicht aber den Feldherrn in ihm loben; denn jener war eine solche Fülle in seinem Reiche, daß, obgleich Flüsse von der Menge [seines Heeres] ausgeleert wurden, dennoch königliche Schätze übrig blieben. (23) Ihn selbst sah man immer zuerst auf der Flucht und zuletzt in der Schlacht; in Gefahren war er feig, wenn es aber Nichts zu fürchten gab, aufgeblasen; (24) [83] ja er ließ sogar noch vor einem Kriegsversuche im Vertrauen auf seine Streitkräfte, gleich als sei er der Gebieter der Natur selbst, Berge ebnen, die Tiefen der Thäler ausfüllen, Meere theils überbrücken94, theils zur Bequemlichkeit der Schifffahrt durch einen kürzeren Weg verbinden95.

11 (1) So furchtbar sein Eintritt in Griechenland war, so schmählich und schimpflich war sein Abzug. (2) Denn da Leonidas, König der Spartaner, mit viertausend Kriegern den Engpaß der Thermopylen96 besetzt hatte, befiehlt Xerxes aus Verachtung der kleinen Anzahl [nur] denjenigen, deren Verwandte in der Schlacht bei Marathon getödtet worden waren, den Kampf zu beginnen. (3) Diese bildeten, indem sie die Ihrigen zu rächen suchten, den Anfang der Niederlage; als darauf der [übrige] unnütze Haufe nachrückte, wird das Blutbad noch größer. (4) Drei Tage lang wurde hier zum Schmerz und Aerger der Perser gekämpft97. (5) Als am vierten Tage dem Leonidas gemeldet wurde, daß der oberste Gipfel des Berges von zwanzigtausend Feinden besetzt sei, ermahnt er die Bundesgenossen, sie möchten zurückgehen und sich für bessere Zeiten des Vaterlandes aufsparen; (6) er müsse mit den Spartanern sein Heil versuchen, eine größere Pflicht habe er gegen sein Vaterland, als gegen sein Leben, die Uebrigen aber müßten zum Schutze Griechenlands erhalten werden. (7) So zogen denn die Uebrigen, als sie des Königs Befehle vernommen, ab, und bloß die Lacedämonier blieben zurück. (8) Am Anfang dieses Krieges war ihnen auf ihre Anfrage vom Orakel zu Delphi die Antwort ertheilt worden, [84] entweder der König oder die Stadt der Spartaner müsse fallen; (9) und deßhalb hatte der König Leonidas, als er in den Krieg zog, die Seinigen auf solche Weise ermuthiget, damit sie wissen sollten, er ziehe hin mit einem Herzen, das auf den Tod gefaßt sei. (10) Den Engpaß hatte er deßhalb besetzt, um mit seinem kleinen Häuflein entweder ruhmvoller zu siegen, oder mit geringerem Verluste für den Staat zu fallen. (11) Als demnach die Bundesgenossen entlassen waren, ermahnt er die Spartaner, sie sollten dessen eingedenk sein, daß sie fallen müßten, wie sie auch kämpften, und sich hüten, den Schein zu geben, als ob sie mit mehr Muth dageblieben wären, als gekämpft hätten; (12) auch dürfe man nicht warten, bis sie vom Feinde umzingelt würden, sondern sie müßten, so lange noch die Nacht Gelegenheit dazu böte, die Sorglosen und Fröhlichen überfallen; (13) nirgends würden sie als Sieger ehrenvoller ihren Tod finden, als im Lager der Feinde. (14) Es war nichts Schweres, die schon zu sterben Entschlossenen dazu zu überreden. (15) So ergreifen sie denn sogleich die Waffen, und sechshundert Männer98 brechen in das Lager von fünfmalhunderttausend ein und stürmen sofort auf das Zelt des Königs los, um entweder mit ihm, oder, wenn sie vorher überwältigt würden, gerade an seinem Aufenthaltsorte99 zu sterben. (16) Es entsteht Getümmel im ganzen Lager. Die Spartaner durchstreifen, nachdem sie den König nicht gefunden, siegreich das ganze Lager, hauen und werfen Alles nieder, da sie ja wissen, daß sie nicht in Hoffnung des Sieges, sondern zur Rache für ihren Tod kämpfen. (17) Das Treffen zog sich vom Anfange der Nacht in den größten Theil des Tages hinein. (18) Endlich fielen sie nicht besiegt, sondern durch Siegen ermattet, mitten unter ungeheuern Haufen erschlagener Feinde. (19) Xerxes beschloß, nachdem er zwei Schläge im Kampfe zu Lande empfangen100, sein Heil zur See zu versuchen.

12 (1) Als aber der Heerführer der Athener, Themistocles, [85] sah, daß die Jonier, um deren willen sie den Krieg auf sich genommen hatten, zur Unterstützung des Königs mit einer Flotte herbeigekommen wären, so beschloß er, sie auf seine Seite zu locken, (2) und da er keine Gelegenheit zu einer Unterredung mit ihnen hatte, so ließ er an den Orten, wo sie landen mußten, Wahrzeichen aufstellen und auf Steine die Inschrift setzen: (3) „Welcher Wahnsinn beherrscht euch, Jonier? welche Unthat habt ihr im Sinne? ihr gedenkt die zu bekriegen, die einst eure Gründer101 und erst jüngst eure Beschützer102 waren? (4) Haben wir etwa deßhalb eure Mauern gegründet, damit es Leute gäbe, welche die unsrigen zerstören könnten? (5) Welchen andern Grund zum Kriege mit uns hätte denn Darius früher haben sollen, als den, daß wir euch bei eurer Empörung nicht im Stiche ließen? (6) Weßhalb geht ihr nicht aus jener Haft in unser Lager über? (7) Oder wenn dieß zu unsicher für euch ist, so zieht euch wenigstens, wenn die Schlacht begonnen hat, zurück, rudert rückwärts und verlaßt den Krieg[sschauplatz.]“ (8) Vor Beginn der Seeschlacht hatte Xerxes viertausend Bewaffnete nach Delphi geschickt, um den Tempel des Apollo auszuplündern103, (9) ganz als ob er nicht blos mit den Griechen, sondern auch mit den unsterblichen Göttern Krieg führte; (10) aber diese Schaar wurde durch Regengüsse und Blitze völlig vernichtet, damit er erkennen sollte, wie Menschenkräfte so gar Nichts wären gegen die Götter. (11) Hierauf steckte er die menschenleeren Städte Thespiä, Platää104 und Athen in Brand und wüthete mit Feuer gegen Gebäude, weil er es mit dem Schwerte gegen Menschen nicht konnte. (12) Die Athener hatten nämlich nach der Schlacht bei Marathon, da sie Themistocles im Voraus darauf aufmerksam machte, daß jener [86] Sieg über die Perser nicht das Ende des Kriegs, sondern der Grund zu einem noch größeren sein werde, zweihundert Schiffe erbaut. (13) Als daher Xerxes heranrückte, überzeugt Themistocles Alle, (es war ihnen nämlich auf ihre Anfrage vom Orakel zu Delphi die Antwort ertheilt worden, sie sollten ihre Wohlfahrt durch hölzerne Mauern schirmen)105, in dem Glauben, daß damit der Schutz der Schiffe angedeutet werde, (14) das Vaterland seien die Einwohner, nicht die Mauern, und der Staat beruhe nicht auf den Gebäuden, sondern auf den Bürgern; (15) sie würden also besser daran thun, ihr Heil den Schiffen, als der Stadt anzuvertrauen. Auch der Gott selbst rathe zu dieser Maßregel. (16) Da diefer Rath Beifall fand, verließen sie die Stadt, vertrauten Weiber und Kinder mit ihren kostbarsten Habseligkeiten abgelegenen Inseln an106, und bestiegen selbst bewaffnet die Schiffe. (17) Das Beispiel der Athener ahmten auch andere Städte nach. (18) Als daher die ganze Flotte der Verbündeten vereinigt und auf einen Seekrieg gespannt war, und um nicht von der Menge umzingelt zu werden, die Salaminische Meerenge107 besetzt hatte, entsteht Uneinigkeit unter den Häuptern der Staaten. (19) Als nun diese den Krieg im Stiche lassen und zum Schutze ihres Eigenthums auseinander gehen wollten, läßt Themistocles, aus Furcht, die Streitkräfte möchten durch den Weggang der Bundesgenossen geschwächt werden, dem Xerxes durch einen treuen Sclaven melden, er könne Griechenland am leichtesten erobern, wenn es an einem Orte vereinigt wäre. (20) Wenn aber die Völkerschaften, die schon abziehen wollten, sich [87] zerstreut hätten, würde er sie einzeln mit größerer Mühe verfolgen müssen. (21) Durch diese List bestimmt er den König, das Zeichen zur Schlacht zu geben. Auch die Griechen, durch die Ankunft der Feinde überrascht, beginnen den Kampf mit vereinten Kräften. (22) Unterdessen bleibt der König, als Zuschauer der Schlacht, mit einem Theile der Schiffe am Ufer zurück. (23) Artemisia aber, die Königin von Halicarnassus108, welche dem Könige zu Hülfe gekommen war, betrieb mitten unter den ersten Anführern den Kampf auf’s hitzigste. (24) Da konnte man denn freilich, wie an einem Manne weibische Furcht, so an einem Weibe männliche Kühnheit erblicken. (25) Da der Kampf [noch] zweifelhaft war, fingen die Jonier nach dem Befehl des Themistocles sich allmälig der Schlacht zu entziehen an, und ihr Abfall brach den Muth der Uebrigen. (26) So werden die Perser, sich nach der Flucht umsehend, geworfen und kurz darauf, im Treffen besiegt, in die Flucht geschlagen. (27) Bei dieser ängstlichen Eilfertigkeit aber wurden viele Schiffe genommen, viele versenkt; mehrere jedoch, nicht weniger die Wuth des Königs als den Feind fürchtend, eilen zerstreut nach Hause.

13 (1) Den durch diese Niederlage bestürzten und rathlosen Xerxes geht Mardonius109 an (2) und ermahnt ihn in sein Reich abzuziehen, damit nicht das, wie gewöhnlich, Alles vergrößernde Gerücht von dem unglücklichen Kampfe eine Empörung errege; (3) er solle ihm dreimalhunderttausend aus allen Truppen erlesene Krieger zurücklassen, mit welchem Heerhaufen er entweder zu seinem110 Ruhme Griechenland unterjochen, oder, wenn der Erfolg ein anderer sein sollte, ohne Schimpf für ihn den Feinden weichen würde. (4) Nach Billigung dieses Vorschlags wird dem Mardonius das Heer übergeben; die übrigen Truppen in’s Reich zurückzuführen schickt sich der König selbst [88] an. (5) Allein die Griechen fassen, als sie von der Flucht des Königs hören, den Entschluß, die Brücke, welche er bei Abydus111 gleichsam als Besieger der See hatte schlagen lassen, abzubrechen, damit er, wenn ihm der Rückzug abgeschnitten wäre, entweder mit seinem Heere vernichtet, oder aus Verzweiflung über seine Lage als Besiegter um Frieden zu bitten gezwungen würde. (6) Doch Themistocles, welcher fürchtete, die abgeschnittenen Feinde möchten ihre Verzweiflung in Tapferkeit verwandeln und sich den Weg, der ihnen außerdem nicht offen stände, mit dem Schwerte eröffnen, äußerte wiederholt, es blieben noch gerade genug Feinde in Griechenland zurück, man brauche ihre Zahl nicht durch Aufhalten zu vermehren, (7) und schickt, da er durch seinen Rath die Uebrigen nicht umzustimmen vermochte, denselben Sclaven [abermals] zum Xerxes, setzt ihn von dem Plane in Kenntniß und räth ihm durch beschleunigte Flucht sich des Uebergangs zu bemeistern112. (8) Jener, durch die Botschaft bestürzt gemacht, übergibt die Truppen den Feldherren, um sie hinzuführen; er selbst eilt mit wenigen [Begleitern] auf Abydus zu. (9) Da er hier113 die Brücke durch Winterstürme zerstört fand, setzte er ängstlich auf einem Fischerkahne über. (10) Es war ein der Beschauung und der Erwägung des menschlichen Schicksals werther Auftritt, durch einen wunderbaren Wechsel der Umstände den Mann, den kurz vorher kaum das gesammte Meer faßte, auf einem kleinen Fahrzeuge versteckt, den, dessen Heere durch ihre Menge die Länder belastet hatten, sogar aller Bedienung von Sclaven entbehrend zu erblicken. (11) Auch der Marsch der Landtruppen, die er den Feldherrn zugewiesen hatte, verlief nicht glücklicher, da zu den täglichen Strapazen (denn sich Fürchtende haben keine Ruhe) auch noch Hungersnoth gekommen war. (12) Der viele Tage anhaltende Mangel hatte sodann auch eine [89] Seuche herbeigeführt, und die Gräßlichkeit des Dahinsterbens war so groß, daß die Wege mit Leichnamen angefüllt wurden, und Vögel und Raubthiere, durch die Lockspeise gereizt, dem Heere nachfolgten.

14 (1) Unterdessen erobert Mardonius in Griechenland Olynthus114. (2) Auch die Athener lockt er zur Hoffnung auf den Frieden und zur Freundschaft mit dem König, indem er sich für Wiederherstellung ihrer niedergebrannten Stadt in noch größerem Umfange verbürgt. (3) Als er aber sieht, daß ihnen die Freiheit für keinen Preis feil ist, brennt er nieder, was sie zu bauen angefangen hatten, und führt sein Heer nach Böotien hinüber. (4) Dorthin folgte auch das Heer der Griechen, welches hunderttausend Mann zählte, und hier wurde eine Schlacht geliefert115. (5) Allein das Glück des Königs änderte sich mit dem Anführer nicht. Denn Mardonius ergriff besiegt mit Wenigen die Flucht, wie einem Schiffbruch entronnen. (6) Das mit königlichen Schätzen angefüllte Lager wurde genommen. Von da an ergriff die Griechen, nachdem sie das persische Gold unter sich getheilt hatten, zuerst die Ueppigkeit des Reichthums. (7) Zufällig wurde an demselben Tage, wo das Heer des Mardonius vernichtet ward, auch in einer Seeschlacht am Berge Mycale116 in Asien mit den Persern gekämpft. (8) Hier gelangte vor dem Beginn des Treffens, als die Flotten einander gegenüber standen, zu beiden Heeren die Nachricht, daß die Griechen gesiegt hätten und die Heerhaufen des Mardonius gänzlich vernichtet wären. (9) Welch eine Schnelligkeit des Gerüchts! Nachdem zur Morgenzeit die Schlacht in Böotien geliefert worden war, kam in den Mittagsstunden nach Asien, über so viele Meere und einen so großen Zwischenraum, binnen so wenigen Stunden die Siegesnachricht117. (10) [90] Als man nach Beendigung des Kriegs über die Belohnungen verhandelte, wurde nach allgemeinem Urtheil der Tapferkeit der Athener der Vorzug vor der aller Uebrigen zuerkannt. (11) Auch unter den Heerführern wurde Themistocles durch das Zeugniß der Staaten für den ersten erklärt, und vergrößerte so den Ruhm seiner Vaterstadt.

15 (1) So treffen denn die Athener, sowohl durch die Belohnungen des Kriegs, als durch Ruhm gehoben, Anstalt ihre Stadt von Neuem aufzubauen. (2) Da sie den Mauern einen größern Umfang gegeben hatten, fingen sie den Lacedämoniern verdächtig zu werden an, welche erwogen, einen wie großen Zuwachs an Macht eine befestigte Stadt denjenigen verschaffen würde, denen selbst die Zerstörung derselben einen so bedeutenden verschafft hätte. (3) Sie schickten daher Gesandte ab, die sie warnen sollten, sie möchten den Feinden keine Festungswerke und Zufluchtsörter bei einem künftigen Kriege erbauen. (4) Wie Themistocles sah, daß man die Stadt ihrer Hoffnungen wegen beneide, gab er, in der Meinung, man dürfe nicht zu schroff handeln, den Gesandten zur Antwort, es würden [Abgeordnete] nach Lacedämon kommen, um über diese Sache gemeinschaftlich mit ihnen zu berathen. (5) Als die Gesandten so entlassen waren, ermahnt er die Seinigen, das Werk zu beschleunigen. (6) Darauf reist er selbst nach einiger Zwischenzeit mit der Gesandtschaft ab, und indem er bald auf der Reise Unwohlsein heuchelt, bald über die Saumseligkeit seiner Mitgesandten klagt, ohne welche rechtsgültig Nichts verhandelt werden könne, sucht er, die Sache von Tag zu Tag verschiebend, Zeit zur Vollendung des Werkes zu gewinnen; (7) doch erhalten inzwischen die Spartaner Nachricht, zu Athen werde das Werk beschleunigt, weßhalb sie abermals Gesandte abordnen, um die Sache in Augenschein zu nehmen. (8) Da ertheilt Themistocles durch einen Sclaven den Athenern schriftlich die Weisung, die Gesandten in Fesseln zu schlagen und als Unterpfand zu behalten, damit man mit ihm [in Sparta] nicht zu hart [91] verfahre. (9) Darauf begibt er sich in die Versammlung der Lacedämonier und erklärt, Athen sei nun vollständig befestigt und einen Krieg, mit dem es überzogen würde, jetzt nicht nur durch seine Waffen, sondern auch durch seine Mauern zu bestehen im Stande. (10) Wenn sie etwa deßhalb eine zu harte Maßregel gegen ihn beschließen wollten, so möchten sie wissen, daß man ihre Gesandten als Unterpfand in Athen zurückbehalten habe. (11) Darauf macht er ihnen bittere Vorwürfe, daß sie nicht durch Tapferkeit, sondern durch die Schwäche ihrer Bundesgenossen Macht zu erlangen suchten. (12) So entlassen, wird er wie nach einem über die Spartaner gehaltenen Triumphe von seinen Mitbürgern empfangen. (13) Hierauf verheerten die Spartaner, um ihre Kräfte nicht durch Unthätigkeit zu Grunde zu richten, und den Krieg zu rächen, womit die Perser Griechenland schon zweimal heimgesucht hatten, von freien Stücken das Gebiet derselben. (14) Zum Anführer ihres Heeres und des der Bundesgenossen wählten sie den Pausanias, der sich aber, statt nach dem Oberbefehl, nach dem Throne von Griechenland strebend, vom Xerxes als Lohn für seinen Verrath die Hand von dessen Tochter ausbedingt, nachdem er, um sich der Treue des Königs durch irgend eine Gefälligkeit zu versichern, die Gefangenen zurückgegeben hat. (15) Außerdem schreibt er dem Xerxes, er solle alle Boten, die er an ihn senden würde, tödten lassen, damit die Sache nicht durch die Schwatzhaftigkeit der Leute verrathen würde. (16) Doch Aristides, der Anführer der Athener, vernichtete als Theilnehmer an diesem Kriege den Plan der Verrätherei, indem er den Unternehmungen seines Mitfeldherrn entgegentrat, und zugleich mit Weisheit zweckdienliche Maßregeln traf. Auch wird Pausanias nicht lange darauf angeklagt und verurtheilt118. (17) Als daher Xerxes sah, daß der vom Verrath gespielte Betrug bekannt geworden sei, trifft er von Neuem Anstalt zum Kriege. (18) Auch die Griechen stellen einen Anführer auf, und zwar den Athener Cimon, den Sohn jenes Miltiades, unter [92] dessen Anführung bei Marathon gekämpft worden war, einen jungen Mann, dessen künftige Größe die Beweise kindlicher Liebe verriethen. (19) Denn er kaufte [den Leichnam] seines Vaters, der auf die Beschuldigung der Veruntreuung öffentlicher Gelder in’s Gefängniß geworfen worden und darin gestorben war, dadurch zum Begräbniß los, daß er sich statt seiner die Fesseln anlegen ließ119. (20) Auch täuschte er im Kriege seine Wähler nicht, da er, seinem Vater an trefflichen Eigenschaften nicht nachstehend, den Xerxes, den er im Land- und Seekriege überwunden hatte, sich ängstlich in sein Reich zurückzuziehen nöthigte.

Highlights

  • Anonyme Kaisergeschichte
  • Sueton: Kaiserbiographien
  • Curtius Rufus: Geschichte Alexanders des Großen

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