Vorwort
[3] Da ich mich über die Grundsätze, denen ich bei meinen Uebersetzungen zu folgen pflege, schon in den Vorreden zu den früher von mir übersetzten Autoren hinlänglich ausgesprochen habe, so bemerke ich hier nur, daß dieser Verdeutschung des Justinus die neueste Recension von Jeep zu Grunde gelegt und jede Abweichung von ihr in den Noten angegeben ist, die übrigens größtentheils für nicht gelehrte Leser bestimmt sind. Von früheren Uebersetzungen dieses Schriftstellers habe ich namentlich die Schwarz’sche verglichen und ihrer Benutzung Manches zu verdanken. Die wenigen in [ ] eingeschlossenen Worte sind von mir der Deutlichkeit und des [4] bessern Verständnisses wegen hinzugesetzt worden, ohne im Lateinischen Texte vorhanden zu sein, die Klammern aber nur derjenigen Leser wegen beigefügt, welche die Uebersetzung mit dem Original vergleichen.
Einleitung
[5] Das unter dem Namen des Justinus auf uns gekommene Geschichtwerk ist keine Originalarbeit, sondern nur ein kurzer Auszug aus dem leider verloren gegangenen umfangreichen Werke des Trogus Pompejus. Dieser Geschichtschreiber (der nach Plinius hist. nat. VII, 3, 3. und X, 33, 51. auch noch ein naturhistorisches Werk über die Thiere verfaßte, vgl. auch Charis. p. 79, 4) lebte zur Zeit des Augustus und stammte, wie wir aus Justinus selbst (XLIII a. E.) wissen, von einer gallischen Familie aus dem Volksstamme der Vocontier1 ab. Sein Großvater, ebenfalls Trogus Pompejus genannt, hatte im Sertorianischen Kriege vom Cnejus Pompejus das Bürgerrecht erhalten und daher auch dessen Namen angenommen, sein Oheim von väterlicher Seite im Mithridatischen Kriege Reiterschwadronen des Pompejus befehligt, und sein Vater unter C. Julius Cäsar gedient und zugleich die Stelle seines Geheimschreibers bekleidet2, von seinen eigenen Lebensumständen aber haben wir nicht die geringste Kenntniß. Als ein überaus beredter Mann (vgl. Justin’s Vorrede und Flav. Vopiscus im Leben des Probus c. 2) schrieb er in lateinischer Sprache ein Geschichtwerk, das 44 Bücher umfaßte und den Titel Philippische (d. h. Macedonische) Geschichte führte, weil die Geschichte des von Alexander d. Gr. gegründeten Weltreichs gleichsam den Kern und Mittelpunkt des Ganzen bildet, an welchen die übrigen geschichtlichen Ereignisse nur angereiht werden, und weil außer Alexander selbst die beiden Philippe am Anfange und Ende der Macedonischen Geschichte eine Hauptrolle darin spielen, überdieß aber auch der Grieche Theopompus, den Trogus besonders benutzte und nachahmte, einem seiner beiden Hauptwerke gleichfalls den Titel Philippika gegeben hatte. Nachdem nämlich Trogus in den 6 ersten Büchern die ganze ältere Geschichte vom Ninus an als einleitenden Uebergang zur Macedonischen Geschichte kurz abgehandelt hat, beschäftigt er sich vom [6] 7. bis zum 41. Buche hauptsächlich mit letzterer, an welche er die gleichzeitige und spätere Geschichte der übrigen Völker und Reiche bis zum Jahre Roms 729 oder 25 n. Chr. G., also bis nach August’s Tode, anknüpft und aus ihr herleitet. Dabei hat er aber seinem wohl geordneten und gut geschriebenen Werke auch eine Menge geographischer und antiquarischer, ja selbst mythologischer Notizen eingeflochten, die ihm ein nicht geringes Interesse verleihen. Daß es aber durchaus nicht sein Plan war, eine alle Völker gleichmäßig umfassende, allgemeine Weltgeschichte zu schreiben, wie Justinus in seiner Vorrede durch die Worte Graecas et totius historias orbis – – – composuit anzudeuten scheint, erhellet sowohl aus dem Auszuge des Letzteren selbst, als auch aus den unten beigefügten Vorreden der einzelnen Bücher.
Hat auch Justinus nirgends die Quellen angegeben, aus denen Trogus schöpfte3, so kann es auch nicht zweifelhaft sein, daß es namentlich die späteren griechischen Geschichtschreiber Theopompus, Ktesias, Ephorus, Timäus, Polybius, Posidonius u. A., doch auch Herodot und Xenophon waren, während er auch die römischen Quellen, namentlich den Livius, in dessen Manier er überhaupt wohl geschrieben hat, nicht unberücksichtigt ließ (vgl. Justin. XXXVIII, 3 a. E. u. VIII, 5 mit der Anmerk.), und alle diese Quellen und weitschichtigen Hülfsmittel scheint er mit großer Gewissenhaftigkeit und kritisch prüfendem Urtheil benutzt zu haben, so daß einzelne Verstöße, Mißverständnisse und Verwechselungen4 wohl mehr auf Rechnung des Epitomators, als des Verfassers selbst kommen dürften.
Was nun diesen Epitomator Justinus betrifft, so sind unsre Nachrichten über ihn äußerst dürftig und mangelhaft; selbst seinen Namen kennen wir nicht vollständig, indem ihn die meisten Handschriften schlechthin Justinus, einige aber Marcus Justinus Frontinus und andre wieder Marcus Junianus Justinus nennen. Eben so ungewiß ist auch sein Zeitalter, und nur so viel mit Sicherheit anzunehmen, daß er vor dem 5. christlichen Jahrhunderte gelebt hat, da Schriftsteller des 4. und 5. Jahrhunderts, wie Ammianus Marcellinus, Hieronymus, Augustinus und Orosius, Citate aus ihm entlehnen; daß er aber bereits im Zeitalter der Antonine, also etwa um’s Jahr 160 nach Chr. gelebt habe, was man früher in Folge des in die Dedication am Ende der Vorrede eingeschwärzten, aber sich in keiner Handschrift findenden Namens des Antoninus annahm, ist durch Nichts zu erweisen. Auch von seinen sonstigen Verhältnissen ist uns nicht das Geringste bekannt. Seine Arbeit nun scheint sich Justinus ziemlich leicht gemacht und keinen bestimmten Plan dabei verfolgt zu haben, indem er, wie die bereits erwähnten Vorreden [7] zeigen, vieles Wichtige ganz übergangen, minder Wichtiges dagegen, was seinem in der Vorrede angedeuteten Hauptzwecke einer angenehmen Belehrung und einer Aufstellung nachahmungswürdiger Beispiele am meisten entsprach, zu umständlich dargestellt und darüber nicht selten den chronologischen Zusammenhang der Begebenheiten ganz aus den Augen verloren hat, so daß sein Werk im Ganzen doch nur ein ziemlich mittelmäßiges und unvollständiges Lehrbuch der Geschichte ist, das aber trotzdem, besonders im Mittelalter, eine große Auctorität und viele Leser hatte, und dessen Erhaltung immerhin ein nicht geringer Gewinn für uns ist, da es so manche Begebenheiten, die wir nur aus ihm kennen, der Vergessenheit entrissen hat und bei aller Kürze und Mangelhaftigkeit doch sehr viel Interessantes, ja einzelne sehr lebendige und malerische Schilderungen enthält, und sich dabei auch durch seine moralische Tendenz empfiehlt, weßhalb man sich über die große Anzahl von Ausgaben und Uebersetzungen der Schrift nicht wundern darf.
Der Stil des Werks trägt, während Trogus selbst unstreitig in klassischem Latein schrieb, natürlich schon den Charakter der spätern, dem Verfall zueilenden Zeit, und zeigt das ihr eigene Streben nach declamatorischem Schwulst und rhetorischer Verkünstelung, während er auf der andern Seite auch wieder in Folge allzugroßer Kürze nicht selten an Dunkelheit leidet, und sich auch im Gebrauch vieler unklassischen Wörter und Wortverbindungen nur wenig über den Stil eines Aurelius Victor, Eutropius u. s. w. erhebt.
Anmerkungen
1 Welcher im südlichen Frankreich zwischen der Rhone and Durance wohnte.
2 Justin. a. a. O sagt: patrem quoque sub Caio Caesare militasse epistolarumque et legationum, simul et anuli curam habuisse.
3 Vergl. darüber besonders Heeren’s Abhandlung de Trogi Pompeii eiusque epitomatoris Justini fontibus et auctoritate in den Comment. Soc. Gotting. Vol. XV. 1802, auch abgedruckt in Frotscher’s Ausg. des Justinus.
4 Welche sämmtlich in den Noten bemerkbar gemacht und berichtigt worden sind.
