1 (1) Als eben der Tag anbrach und die Sonne die hohen Punkte beleuchtete, erschienen Männer in der Bewaffnung von Seeräubern auf dem Berge, der an den Ausflüssen des Nil die sogenannte herakleotische1 Mündung überragt. Sie blieben ein wenig stehen und ließen ihr Auge über das zu ihren Füßen liegende Meer schweifen und richteten dann, wie sie auf der hohen See kein Fahrzeug, welches ihnen Beute versprach, bemerken konnten, ihren Blick auf das nahe befindliche Ufer. Hier sah es folgendermaßen aus. Ein Kauffahrteischiff war mit Tauen an das Land befestigt, welches keine Bemannung, aber eine reiche Ladung hatte. Dies konnte man auch aus der Ferne vermuthen, weil die Last das Wasser bis zum dritten Reif des Schiffes herauf drückte. Das Ufer war ganz bedeckt mit frischen, theils vollständig, theils halb todten Leichen, denen noch Körpertheile zuckten, was bewies, daß der Kampf eben beendigt sei. Uebrigens deuteten die Merkmale, die man wahrnahm, nicht auf einen redlichen Krieg hin, vielmehr waren jämmerliche Ueberreste eines unseligen Gastmahls, das hiemit geendigt hatte, beigemischt: Tische, noch mit Speisen gefüllt, andere in den Händen der auf der Erde Liegenden, die sie anstatt Waffen gebraucht hatten: denn man hatte sich zu dem Kampfe plötzlich vorbereitet: wieder andere verbargen Einige, die sich vermuthlich darunter hatten verstecken wollen: Mischkrüge, die theils umgeworfen waren, theils den Händen derer entfielen, die sie gehalten und sie zum Trinken oder anstatt Steine gebraucht hatten: das plötzlich eingebrochene Unglück führte eine neue Anwendung der Gegenstände herbei und lehrte die Becher als Geschosse benützen. Einer lag da mit einem Beile verwundet, ein anderer von einem Kieselsteine getroffen, den man sich aus der Brandung genommen, ein dritter durch ein Scheit Holz zerschmettert, ein vierter von einem Feuerbrande versengt, kurz, jeder war auf eine andere Weise getödtet, doch die meisten hatte Bogen und Pfeil umgebracht. In der That hatte die Gottheit einen unendlich mannigfaltigen Anblick auf einem kleinen Raum hergestellt, Wein mit Blut befleckt, Kampf an Gelage gereiht, Mord und Zechen, Spende und Todtschlag verbunden, und dieses Schauspiel zeigte sie den egyptischen Räubern. Diese ließen sich zur Beschauung dieser Dinge auf dem Berge nieder und wußten nicht, was sie aus der Scene machen sollten: die Getödteten hatten sie zwar, die Sieger aber bemerkten sie nirgends, sie sahen einen glänzenden Sieg und eine unberührte Beute, nur ein unbemanntes, sonst ungeplündertes Schiff, als wenn es von Vielen bewacht würde und in Frieden vor Anker läge. Obwohl sie nun nicht wußten, welche Bewandtniß es mit der Sache hätte, so faßten sie doch den Gewinn und die Beute in’s Auge: sie erklärten sich selbst also für die Sieger und gingen drauf los.
2 (1) Als sie nur noch eine kurze Strecke von dem Schiffe und den Gebliebenen entfernt waren, begegnete ihnen ein noch seltsamerer Anblick als der vorige. Auf einem Felsblock saß ein Mädchen von wunderbarer Schönheit, die man für eine Göttin hätte halten sollen: man sah ihr den tiefen Schmerz über ihre gegenwärtige Lage an, aber dennoch athmete ihr Wesen einen edlen Muth. Ihr Haupt war mit einem Lorbeer bekränzt, der Köcher hing an der Schulter und der Bogen stützte sich auf den linken Arm: die Hand hing nachlässig herab; den Ellbogen der andern Hand ließ sie auf dem rechten Beine ruhn und umfaßte sich mit den Fingern die Wangen, während sie zur Erde blickte und einen da liegenden Jüngling sorgfältig betrachtete, dessen Kopf sie in die Höhe hielt. Er war von Wunden übel zugerichtet und schien sich wie aus einem tiefen Schlafe, beinahe dem Schlafe des Todes, allmälig zu erholen, aber auch so strahlte er von männlicher Schönheit und die von dem herabfließenden Blute gefärbte Wange glänzte in einem desto blendenderen Weiß. Ermattung schloß ihm die Augen, doch der Anblick des Mädchens zog sie an und er mußte sehen, nur weil er sie sah. Nachdem er Luft gesammelt und tief Athem geholt, sagte er mit leiser Stimme: Bist du mir wirklich erhalten, mein süßes Mädchen, oder hat auch dich der Kampf mit fortgerafft? vermagst du aber auch nach dem Tode nicht dich von mir zu trennen, sondern umschwebt deine Erscheinung und dein Geist mein Geschick?2 „Auf dir beruht mein Sein und Nichtsein“, versetzte das Mädchen. Siehst du dieses? (dabei wies sie auf ein Schwert, welches sie auf dem Schooße hatte) dein Aufathmen hinderte mich bisher, es zu gebrauchen. Mit diesen Worten sprang sie von dem Steine auf: die Räuber auf dem Berge, von dem Anblick wie vom Bliz getroffen, versteckten sich vor Verwunderung und Schrecken hinter verschiedenen Gebüschen. Denn aufgerichtet erschien sie ihnen größer und göttlicher, die Pfeile klirrten bei ihrer Bewegung, das goldgestickte Gewand glänzte in der Sonne und ihr Haar unter dem Kranze flog bacchantinnenartig umher und bedeckte den größten Theil ihres Rückens3. Dies setzte sie nun zwar in Schrecken, aber mehr noch, als das, was sie sahn, der Umstand, daß sie nicht wußten, was vorgegangen war. Einige hielten sie für eine Göttin, und zwar für die Göttin Artemis oder für die einheimische Isis, andere für eine Priesterin, die, von einem der Götter in Raserei versetzt, den vielen Mord, den man sah, verübt hatte. Dies waren ihre Meinungen, die Wahrheit aber wußten sie noch nicht. Doch das Mädchen warf sich plötzlich auf den Jüngling, umschlang ihn ganz, weinte, küßte, streichelte ihn, wehklagte und traute nicht, ihn in den Armen zu haben. Als dies die Egypter sahn, kamen sie auf andere Gedanken und sagten: Wie sollte das eine Göttin thun? wie würde ein göttliches Wesen einen Leichnam so leidenschaftlich küssen? Sie ermunterten einander, kühn zu sein und nahe heranzugehen, um sich Kenntniß der Wahrheit zu verschaffen. Sie raffen sich auf, laufen herab und finden das Mädchen noch mit den Wunden des Jünglings beschäftigt. Sie blieben stehn und hielten sich hinten, sie hatten nicht den Muth, weder etwas zu sagen, noch zu thun. In Folge des Geräusches und des Schattens, der ihr Auge traf, blickte das Mädchen empor und dann wieder zur Erde: die ungewöhnliche Farbe und die räuberartige Erscheinung der Männer in Waffen erschreckte sie nicht im Mindesten, sie wandte sich ganz zur Pflege des da liegenden Jünglings. So verachtet aufrichtige Zuneigung und reine Liebe alles Schmerzvolle und Angenehme, das von außen kommt, und zwingt die Seele, nur auf den einen geliebten Gegenstand zu sehen und an ihn zu denken.
3 (1) Wie aber die Räuber vorbeigingen und ihr gegenüber standen und etwas unternehmen zu wollen schienen, blickte das Mädchen wieder auf. Als sie die schwarzen, wild aussehenden Gestalten sah, sagte sie: Seid ihr die Schattenbilder der Gefallenen, so beunruhigt ihr uns nicht mit Recht: die meisten von euch haben sich gegenseitig mit eigener Hand umgebracht; die durch uns starben, haben es nach dem Gesetze der Nothwehr und als Strafe für den an der Keuschheit versuchten Frevel erduldet. Seid ihr aber lebendige Menschen, so ist euer Gewerbe wohl das von Räubern, wie es scheint: ihr seid zur guten Stunde gekommen. Befreit uns aus dem Elende, das uns umgibt, und macht durch unsern Tod dem Trauerspiele unseres Lebens ein Ende. So sprach sie in einem tragischen Tone. Die Räuber, die von alledem nichts verstanden, verließen die Beiden nun, indem sie ihnen in ihrer Schwäche eine starke Wache bestellten, und eilten zum Schiffe, um die Ladung herauszunehmen. Die andern zahlreichen und mannigfaltigen Gegenstände beachteten sie nicht; Gold, Silber, werthvolle Steine und serische Gewänder schleppten sie heraus, so viel Jeder vermochte. Als sie genug zu haben glaubten, und zwar so viel, um auch die Habsucht von Räubern zu befriedigen, legten sie ihre Beute auf das Ufer nieder und vertheilten sie in tragbare Portionen, wobei sie nicht den Werth der genommenen Gegenstände, sondern die gleiche Schwere berücksichtigten: über das Mädchen und den Jüngling wollten sie nachher verfügen. Und in diesem Augenblick kommt eine andere Bande, von zwei Männern zu Pferde geführt, heran. Wie diese die früheren erblickten, flohen sie, ohne die Hand zu erheben und ohne etwas von der Beute wegzunehmen, um nicht verfolgt zu werden, so gut sie laufen konnten, davon, weil sie selber nur zehn waren und dreimal so viel herbei gekommen sahen. So wurden die Liebenden, wenngleich noch nicht eigentlich Gefangene, schon zum zweiten Mal gefangen genommen. Die Räuber hatten nun zwar zu der Plünderung nicht übel Lust, trotzdem aber hielten sie vor Staunen inne und zugleich, weil sie sich nicht erklären konnten, was sie sahen. Sie vermutheten wohl, daß die vielen Leichen von den früheren Räubern herrühren. Wie sie aber die Jungfrau in einer fremdartigen, stattlichen Tracht sahn, welche die auf sie eindringenden Schrecknisse so unbeachtet ließ, als wären sie gar nicht da, und mit den Wunden des Jünglings ganz beschäftigt über sein Leiden, wie über eigenes Schmerz empfand, zollten sie ihr wegen ihrer Schönheit und Seelengröße Bewunderung, der Verwundete flößte ihnen Schrecken ein. So schön und groß lag er da, er hatte sich bereits allmälig erholt und bekam seinen gewöhnlichen Blick wieder.
4 (1) Endlich näherte sich der Hauptmann der Räuber dem Mädchen, faßte sie bei der Hand und heißt sie aufstehen und ihm folgen. Zwar verstand sie von seinen Worten nichts, da sie aber den Befehl ahnete, zog sie den Jüngling, der selber sie nicht losließ, mit sich fort und drohte, indem sie das Schwert ihrer Brust näherte, sich umzubringen, wenn sie den Jüngling nicht mitnähmen. Der Hauptmann verstand einiges aus ihren Worten, mehr aus ihren Geberden und steigt, weil er erwartete, in dem Jüngling, falls er am Leben bliebe, einen Beistand für die wichtigsten Angelegenheiten zu haben, selbst von seinem Pferde herunter, dasselbe befiehlt er seinem Knappen und setzt die bei den Gefangenen hinauf. “ Seine andern Leute heißt er die Beute zusammenpacken und folgen, er selbst läuft zu Fuß neben den Beiden her und sucht sie zu stützen, wenn einer heruntergleiten wollte. Das gab nun einen ganz artigen Aufzug. Der Herr schien der Sklave zu sein und der Sieger ließ sich herbei, seinen Gefangenen zu dienen. So weiß der Ausdruck des Adels und der Anblick der Schönheit sogar Räubersitten sich unterzuordnen, und vermag wildere Naturen zu bewältigen.
5 (1) Als sie etwa zwei Stadien an dem Ufer hingegangen waren, wandten sie sich und schritten die Anhöhen hinan auf den Berg los: das Meer ließen sie rechts liegen, überstiegen mit Mühe die Höhen und eilten einem See zu, der an der andern Seite des Berges lag. Seine Beschaffenheit war folgende: Die ganze Gegend wird von den Egyptern die Weide genannt, sie ist eine Vertiefung des Landes, welche Ueberstauungen des Nils aufnimmt und ein See wird, der in der Mitte eine unergründliche Tiefe hat und überall in Sümpfe ausläuft: was bei den Meeren die Ufer, das sind bei Seen die Sümpfe. In diesen Sümpfen also leben alle Egypter, die das Räuberhandwerk treiben. Hier hat der Eine, wenn irgendwo ein kleines Stück Erde hervorragt, seine Hütte aufgeschlagen; ein Anderer lebt auf seinem Kahne, der ihm als Fahrzeug und Wohnsitz zugleich dient; auf diesem spinnen die Frauen, auf ihm gebären sie. Ist ein Kind geboren, so ist seine erste Nahrung die Milch der Mutter, späterhin die Fische des Sees, die an der Sonne gedörrt werden. Wenn der Vater merkt, daß es den Trieb bekommt, zu kriechen, so bindet er ihm einen Riemen an die Knöchel4, der es bis an das Ende des Kahnes oder der Hütte gehen läßt, ein Leiter von neuer Art, den er in der Fessel dem Kinde gibt.
6 (1) Manch ein Rinderhirt wurde in dem See geboren, hatte ihn zum Ernährer und sah den See als sein Vaterland an. Derselbe gewährt den Räubern einen hinlänglich festen Zufluchtsort. Deshalb strömen nach ihm alle Leute dieses Gewerbes zusammen, das Wasser benützen sie als Mauer, und das in Menge im See wachsende Rohr vertritt ihnen die Schußwehr der Pallisade. Durch Pfade, die sie sich in vielfachen Krümmungen und Verschlingungen gebahnt haben und die für sie wegen ihrer Kenntniß leicht befahrbar, für andere unzugänglich find, haben sie sich ein großes Schutzmittel gegen einen plötzlichen Ueberfall verschafft. Eine solche Bewandtniß hat es mit dem See und den darin wohnenden Hirten.
7 (1) An ihn kamen die Räuber, als die Sonne sich schon dem Untergange näherte. Das junge Paar ließen sie von den Pferden steigen und schafften die Beute in die Kähne. Nun erschien eine große Menge der zu Hause gebliebenen Räuber von allen Enden des Sees hervorkommend, sie eilten herbei und empfingen den Hauptmann, dem sie wie ihrem Könige begegneten. Die Fülle von Beute, die sie sahen, und die wunderbare Schönheit des Mädchens, die sie anstaunten, machte sie glauben, ihre Gewerbsgenossen hätten etwa Heiligthümer oder goldreiche Tempel geplündert und die Priesterin selbst mitgeraubt, oder vermutheten sie in ihrer Rohheit gar, daß das belebte Bild der Göttin selber entführt sei. Unter vielen Lobsprüchen auf seine Tapferkeit geleiteten sie den Hauptmann in seine Wohnung. Diese war ein von den andern entlegenes Inselchen, welches für ihn und wenige Begleiter zu seinem Quartier ausgesondert war. Hier angelandet, entließ er die Menge nach Hause mit dem Befehle, daß alle am folgenden Tage zu ihm kommen sollten. Er selbst bleibt mit seiner gewöhnlichen, nicht zahlreichen Begleitung zurück, setzt den Andern etwas vor und genießt selbst eine Kleinigkeit. Die Liebenden übergibt er einem jungen Hellenen, der vor Kurzem ein Gefangener der Räuber geworden war, um sich mit ihnen zu unterhalten: er weist ihnen eine Hütte in der Nähe an und trägt ihm auf, für den Jüngling im Uebrigen zu sorgen und das Mädchen vor jeder Unbill zu schützen. Hierauf legt er sich, von dem anstrengenden Wege ermüdet und mit Gedanken über die gegenwärtige Begebenheit beschäftigt, zur Ruhe.
8 (1) In dem Sumpfe herrschte Stille und die Nacht war bis zur ersten Wache vorgeschritten; diese Ruhe vor Störungen benützten die Liebenden, ihren Klagen freien Lauf zu lassen, denn die Nacht steigerte bei ihnen die Empfindung ihrer Leiden, weil nichts Auge, noch Ohr anzog und die Seele sich nur mit dem Schmerz beschäftigen konnte. Nachdem das Mädchen viel bei sich geseufzt (auf Befehl des Hauptmanns war sie allein auf einer elenden Streu gebettet) und viele Thränen vergossen hatte, sagte sie endlich: O Apollo, wie gar zu sehr und hart strafst du uns für unsere Vergehn: unsere vergangenen Leiden genügen deiner Rache nicht, der Verlust unserer Angehörigen, unsere Gefangennahme durch die Piraten, die unzähligen Gefahren auf dem Meere, nun schon die zweite Gefangennahme auf dem Lande durch die Räuber, und noch Schlimmeres, als das Ueberstandene, haben wir zu erwarten! Und womit wirst du dem ein Ziel setzen? wenn durch einen Tod, frei von Schande, so ist das Ende erwünscht; sollte aber Jemand meiner Ehre zu nahe treten, die auch Theagenes5 noch nicht verletzt hat, so werde ich der Schande durch Selbstmord zuvorkommen und mich so rein wie bisher bis zum Tode erhalten und die Keuschheit als schönen Schmuck in mein Grab mitnehmen. Es wird aber keinen strengeren Richter geben, als du bist. Während sie noch sprach, fiel ihr Theagenes in die Rede: Halt ein, Charikleia, meine Geliebte, mein Leben! Deine Klagen sind zwar gerecht, du erbitterst aber die Gottheit mehr, als du denkst: wir müssen nicht schelten, sondern sie anflehn: durch Gebete, nicht durch Vorwürfe wird die höhere Macht gnädig gestimmt. Du hast Recht, entgegnete sie: doch wie ist dir? fragte sie. Wohler, antwortete er, und besser seit dem Abend nach der Behandlung des Jünglings, die mir den brennenden Schmerz der Wunden gelindert hat. Am Morgen wirst du noch mehr Erleichterung verspüren, sagte der mit ihrer Bewachung Betraute. Ein solches Kraut werde ich dir verschaffen, welches am dritten Tage die Wunden schließt: ich habe es durch die That erprobt. Seit ich hier Gefangener bin, hat es, wenn einer der Untergebenen des Hauptmanns in einem Gefecht eine Wunde erhielt, bei der Anwendung des erwähnten Krautes niemals vieler Tage zu seiner Heilung bedurft. Daß eure Lage mir zu Herzen geht, darf euch nicht Wunder nehmen. Dem Anscheine nach seid ihr Leidensgefährten von mir, und sodann bemitleide ich euch als Hellenen, da ich selbst ein Hellene bin. Ein Hellene? o ihr Götter! riefen die Beiden vor Freude zugleich aus. Wahrhaftig ein Hellene von Herkommen und Sprache. Vielleicht wird es nun ein Aufathmen von unsern Leiden geben. Wie soll man dich nennen? fragte Theagenes. „Knemon.“ Woher bist du? „Aus Athen.“ Welch’ ein Schicksal hast du gehabt? Frage nicht weiter, versezte Knemon. Warum regst du das an und willst es an den Tag bringen? wie es in der Tragödie heißt6. Meine Leiden würden zu den eurigen keine zeitgemäße Episode sein. Ueberdem wird auch der übrige Theil der Nacht zu ihrer Erzählung nicht ausreichen und ihr bedürft nach den vielen Anstrengungen des Schlafs und der Ruhe.
9 (1) Als sie aber nicht abließen und ihn inständig baten, doch ja zu erzählen, weil sie es für den größten Trost hielten, gleiche Leiden zu hören, so fängt Knemon also an: Mein Vater Aristippus war ein Athener und Mitglied des oberen Rathes7, seinem Vermögen nach gehörte er der mittleren Klasse der Bürger an. Als ich das Unglück hatte, meine Mutter zu verlieren, entschloß er sich zu einer zweiten Heirath, weil er es nicht für gerathen hielt, seine Hoffnungen blos auf mir, seinem einzigen Sohne, beruhen zu lassen; er führte also eine Frau Namens Demänete heim, die zwar artig aussah, aber die Veranlassung allen Unheils war. Sobald sie in unser Haus kam, gewann sie meinen Vater ganz und beredete ihn, Alles zu thun, was sie nur wollte, indem sie den Alten durch ihre Schönheit und ihre sonstigen Aufmerksamkeiten anzog; denn sie verstand es, wie irgend eine, in sich verliebt zu machen, und hatte die Kunst, zu fesseln, vollständig inne. Wenn mein Vater ausging, seufzte sie, kam er nach Hause, so lief sie ihm entgegen, blieb er lange weg, so machte sie ihm Vorwürfe und sagte: Hätte es noch ein Weilchen gedauert, so wäre ich gestorben, und bei jedem Worte umarmte sie ihn, und bei ihren Küssen weinte sie. Durch alles das wurde mein Vater bezaubert und fühlte und sah nur sie. Anfänglich schien sie auch mich als ihren Sohn zu betrachten, wodurch sie desgleichen den Vater gewann: mitunter gab sie mir einen Kuß und wünschte beständig, sich an mir zu erfreun. Ohne jeglichen Argwohn ließ ich mir das zuerst gefallen, wunderte mich aber über die mütterliche Gesinnung, die sie gegen mich zeigte. Wie sie sich mir aber immer dreister näherte und die Küsse feuriger wurden, als sich schickte, und ihr von Sittsamkeit sich entfernender Blick mich schon zum Argwohn führte, da floh ich sie gewöhnlich und wies sie ab, wenn sie mir nahe kam. Und was soll ich euch durch eine ausführliche Schilderung lästig fallen? welche Verführungskünste sie anwandte, welche Versprechungen sie machte? Bald nannte sie mich ihr Söhnchen, bald ihren Liebsten, dann wiederum ihren Erben und gleich darauf ihr Leben: kurz, sie vermischte die anständigen Benennungen mit den verführerischen und gab genau Acht, auf welche ich lieber einginge: in ernsthafteren Dingen stellte sie sich als Mutter, in den Tändeleien enklärte sie sich unumwurden als Liebhaberin.
10 (1) Die Sache nahm nun folgendes Ende. Bei der Feier der großen Panathenäen8, wann die Athener das Schiff zu Lande an Athene schicken, befand ich mich unter der Zahl der Jünglinge: nachdem ich den gewöhnlichen Hymnus auf die Göttin mitgesungen und die üblichen Ceremonien in der Procession mitgemacht hatte, begab ich mich in der Tracht, die ich anhatte, in dem Staatskleide und mit dem Kranz auf dem Kopfe nach Hause. Wie sie mich sah, gerieth sie ganz außer sich, verbarg ihre Liebe gar nicht mehr, sondern lief in unverhüllter Begierde auf mich zu und sagte, mich umarmend: O mein junger Hippolyt, mein Theseus!9 Wie glaubt ihr, daß ich damals geworden sei, da ich jetzt noch bei der Erzählung erröthe? Des Abends ging der Vater in das Prytaneum10 essen und wollte bei dem Feste und dem allgemeinen Gelage die Nacht über da zubringen. Nachts kommt sie zu mir und will von mir etwas Unerlaubtes erlangen. Wie ich aber durchaus widerstand und gegen alle Liebkosungen, Versprechungen und Drohungen festblieb, entfernte sie sich mit einem tiefen, schweren Seufzer. Nur die Nacht ließ die Schändliche vergehen und begann dann sogleich ihre Nachstellungen gegen mich. Erstlich stand sie gar nicht aus dem Bette auf: als der Vater kam und nach dem Grunde fragte, schützte sie Unpäßlichkeit vor und gab ihm Anfangs nicht einmal recht Antwort. Auf sein Andringen und seine oftmaligen Fragen, was ihr denn begegnet sei, sagte sie: Der auch zu mir so herrliche Jüngling, unser gemeinschaftlicher Sohn, den ich, die Götter sind meine Zeugen, oft mehr als dich liebte, merkte aus einigen Anzeichen, daß ich guter Hoffnung sei, was ich dir verbarg, bis ich es gewiß wüßte: er paßte deine Abwesenheit ab, und als ich ihn in der gewöhnlichen Weise ermahnte und ihn aufforderte, vernünftig zu sein, und nicht immer an Trunkenheit und Frauenzimmer zu denken (ich hatte es an ihm wohl bemerkt, gegen dich aber schwieg ich, um nicht in den Verdacht einer Stiefmutter zu kommen): als ich nun so allein mit ihm sprach, um ihm das Erröthen zu ersparen, stieß er mir, (wie er mich und dich sonst beschimpft, schäme ich mich zu sagen), mit dem Fuß an den Leib und richtete mich zu, wie du siehst.
11 (1) Als der Vater das hörte, sprach er nicht, fragte nicht, gestattete mir keine Vertheidigung: in der Ueberzeugung, daß die Frau bei ihrer Gesinnung gegen mich keine Lüge von mir sagen würde, schlug er sogleich, wie er mich im Hause traf, auf mich, der ich nichts ahnete, mit der Faust los, rief Sklaven herbei und ließ mich mit Peitschenhieben mißhandeln, ohne daß ich auch nur wußte, weshalb ich geprügelt wurde. Nachdem er seinen Zorn gestillt hatte, sagte ich: Jetzt sollte ich doch wenigstens, wenn nicht früher, den Grund der Schläge erfahren. Hierüber noch mehr aufgebracht, rief er aus: O über den Hohn! von mir will er seine ruchlosen Thaten lernen. Damit wandte er sich fort und eilte zur Demänete. Diese begann nun eine zweite Nachstellung gegen mich, denn noch war ihre Wuth nicht gesättigt. Sie hatte ein Mädchen Thisbe, die zur Cither zu singen verstand und sonst nicht übel aussah. Diese sandte sie gegen mich, natürlich mit der Weisung, mich zu lieben. Thisbe war auf der Stelle in mich verliebt, und während sie früher meine öfteren Anträge abgewiesen, lockte sie mich damals auf jede Weise an, durch Blicke, Winke, Zeichen. Ich Thor war überzeugt, auf einmal schön geworden zu sein, und nahm sie endlich Nachts zu mir in mein Zimmer. Sie kam ein zweites und drittes Mal und besuchte mich dann schon unaufhörlich. Als ich ihr einst rieth, mir ihre Besuche nicht zu oft zu machen, damit ihre Frau es nicht merke, sagte sie: Du scheinst mir doch gar zu unschuldig zu sein, Knemon. Wenn du es für schlimm hältst, daß ich, ein Dienstmädchen und eine Kaufsklavin, bei dir ertappt werde, welcher Strafe würdig wirst du die erklären, die Ehebruch treibt, trotzdem daß sie von edler Herkunft zu sein behauptet, ihren gesetzmäßigen Mann hat und weiß, daß ihr Vergehen mit dem Tode endigt? „Schweig,“ rief ich: das kann ich nicht glauben. Und doch werde ich dir, falls es dir recht ist, den Buhlen auf der That zeigen. Dann ist es etwas Anderes, wenn du willst, entgegnete ich. Ich werde es, sagte sie, sowohl weil du von ihr so gemißhandelt bist, als auch eben so sehr meinetwegen: ich habe von ihrer thörichten Eifersucht immer das Aergste auszustehn. Sieh aber zu, daß du ein Mann bist, wenn du ihn kriegst.
12 (1) Nachdem ich es versprochen, ging sie damals fort: in der dritten Nacht weckt sie mich aus dem Schlafe und zeigt mir an, daß jetzt der Buhle darin sei. Der Vater, sagte sie, sei in Folge eines plötzlichen Geschäftes hinaus auf das Feld gegangen, und jener habe, wie er mit Demänete verabredet, sich eben hineingeschlichen: ich müsse mich auch auf Gegenwehr einrichten und nicht unbewaffnet hingehn, damit der Uebelthäter nicht entweiche. So that ich, nahm meinen Dolch und ging, während Thisbe mir mit einer Fackel voranschritt, nach dem Schlafzimmer. Bei meinem Herannahn schimmert ein Lichtstrahl wie von einer Lampe von innen heraus, und ich reiße die verschlossene Thür, zornig wie ich war, mit Gewalt auf. Mit dem lauten Ruf: Wo ist der Verbrecher? der herrliche Liebhaber dieses Musters von Keuschheit? stürze ich hinein und trat vor, um Beide zu durchstoßen. Doch, ihr Götter! aus dem Bette kommt mein Vater hervor, wirft sich mir zu Füßen und sagt; Halt ein wenig an, mein Sohn! habe Erbarmen mit deinem Vater! schone die grauen Haare, die dich ernährten. Wir haben dich beschimpft, aber deine Rache muß nicht bis zu unserm Tode gehn. Laß dich nicht ganz von dem Zorn übermannen, und beflecke nicht deine Hände durch den Mord des Vaters. In diesen und noch andern Worten flehte er kläglich: ich aber stand wie vom Blitz getroffen, sprachlos, gelähmt da, ich sah mich nach Thisbe um, die sich, ich weiß nicht wie, aus dem Staube gemacht hatte, betrachtete Sopha und Zimmer ringsum und wußte nichts zu sagen, vermochte nichts zu thun. Auch das Schwert fiel mir aus der Hand: und dies raffte Demänete schnell auf. Der Vater aber, als er nichts mehr zu befürchten hatte, packte mich und ließ mich binden, wobei Demänete ihn viel anstachelte und schrie: Sagte ich das nicht vorher, daß man sich vor dem jungen Menschen in Acht nehmen müsse, und daß er uns nachstellen wird, wenn sich ihm eine Gelegenheit bietet? Ich sah seinen Blick, ich erkannte seine Gesinnung. Mit den Worten: „du sagtest es vorher, ich glaubte dir aber nicht,“ hielt der Vater mich damals gefesselt, und gestattete mir nicht, obgleich ich es wollte, ihn von der Wahrheit in Kenntniß zu setzen.
13 (1) Mit dem Morgen schleppte er mich in den Fesseln, wie ich war, vor das Volk, streute sich Asche auf das Haupt und sprach: Nicht unter solchen Hoffnungen zog ich diesen jungen Menschen, ihr Athener, auf, sondern in der Erwartung, daß er die Stütze meines Alters sein würde. Gleich von seiner Geburt an ließ ich ihn die eines Freien würdige Erziehung genießen und ihn in den Anfangsgründen der Wissenschaften unterweisen, bewirkte seine Aufnahme unter die Stammes- und Geschlechts-Genossen11, ließ ihn in die Jünglinge eintragen, und den Gesetzen gemäß zu unserem Mitbürger erklären, und fußte auf ihn die Hoffnung meines ganzen Lebens. Da er aber alles das vergessen, und erstens mich beschimpft und meine rechtmäßige Frau hier mit Schlägen gemißhandelt hat, und endlich Nachts mit einem Schwerte auf mich los gekommen ist, und nur so viel daran fehlte, daß er ein Vatermörder wurde, als der Zufall durch unerwarteten Schreck ihm das Schwert aus den Händen entgleiten ließ, so habe ich zu euch meine Zuflucht genommen, und klage ihn vor euch an, weil ich ihn nicht selbst tödten wollte, obgleich es mir nach den Gesetzen erlaubt ist12, sondern euch alles anheimstellte, in der Meinung, es sei besser, durch das Gesetz die Rache an dem Sohne zu nehmen, als durch Mord. Und zugleich vergoß er Thränen. Auch Demänete wehklagte und gab sich den Anschein, über mich tiefen Schmerz zu empfinden; sie nannte mich einen Unglücklichen, einen, der zwar mit Recht, aber frühzeitig sterben würde, der von Rachegeistern auf seine Eltern losgetrieben wäre. Sie vergoß aber nicht sowohl Thränen des Mitleids, als sie durch dieselben ein Zeugniß gegen mich ablegte und durch ihr Jammern die Anklage als wahr bekräftigte. Wie ich verlangte, man solle auch mir das Wort geben, trat der Gerichtsschreiber zu mir, und trieb mich durch die Frage in die Enge, ob ich mit dem Schwerte auf den Vater losgegangen sei? Auf meine Antwort: „Ja, aber höret wie“, schrieen alle und entschieden, man dürfe mir gar keine Vertheidigung verstatten, die einen wollten mich steinigen, andere mich dem Henker übergeben und mich in den Abgrund13 stoßen lassen. Da ich aber immer fort, so lange der Lärm dauerte, und die ganze Zeit hindurch, in der sie über meine Bestrafung abstimmten, „o Stiefmutter“ ausrief, „wegen der Stiefmutter tödtet man mich, die Stiefmutter verdirbt mich ohne Urtheil und Gericht“, so fiel den Meisten das auf und sie bekamen Verdacht, wie die Sache sich wirklich verhalte. Gehört wurde ich nun auch damals nicht, denn das Volk war von unaufhörlichem Lärm in Beschlag genommen.
14 (1) Als man die Stimmen zählte, hatten mich 1700 zum Tode verurtheilt, von denen einige auf Steinigung, andere auf das Barathron erkannt hatten, die übrigen, etwa 1000, hatten, da sie etwas auf den Verdacht gegen die Stiefmutter gaben, mich mit ewiger Verbannung bestraft. Diese Letzteren drangen durch, denn obwohl geringer an Zahl, wurden sie doch die Mehrheit, weil die übrigen sich gespalten hatten. So wurde ich von dem väterlichen Herde und aus dem Vaterlande vertrieben, jedoch blieb die den Göttern verhaßte Demänete wenigstens nicht ungestraft. Auf welche Art, sollt ihr ein ander Mal hören; jetzt müßt ihr des Schlafes pflegen, die Nacht ist weit vorgeschritten, und ihr braucht viel Ruhe. Du wirst uns nur noch mehr abmatten, sagte Theagenes, wenn die schändliche Demänete in deiner Erzählung ungestraft bleibt. So höret denn, sprach Knemon, wenn ihr es so wollt. Nach meiner Verurtheilung ging ich, wie ich war, in den Piräus, und da ich dort ein eben in See gehendes Schiff antraf, fuhr ich nach Aegina, weil ich hörte, daß dort Verwandte meiner Mutter leben. Ich stieg ans Land, machte die Gesuchten ausfindig, und lebte zuerst ganz angenehm. Den zwanzigsten Tag nachher kam ich in meiner gewohnten Weise umherstreifend in den Hafen, als eben eine Jacht einlief. Ich blieb ein wenig stehn und sah zu, woher sie wäre und was sie für Passagiere brächte. Die Treppe lag noch nicht recht fest, als einer heraussprang, auf mich zulief und mich umarmte. Es war Charias, einer meiner Altersgenossen. „Ich bringe dir eine frohe Botschaft, lieber Knemon, sagte er. Du bist an deiner Feindin gerächt; Demänete ist todt.“ Ich wünsche dir zwar Glück und Leben, mein Charias, entgegnete ich; weshalb eilst du aber über die frohe Botschaft so fort, als wenn du ein Unglück meldetest? Theile mir auch die Art und Weise mit, denn ich fürchte sehr, daß sie eines gewöhnlichen Todes gestorben und dem verdienten entgangen ist. Die Gerechtigkeit hat uns noch nicht ganz verlassen, um mit Hesiod zu reden14, sagte Charias; zuweilen kann man von ihr noch etwas sehn, zwar schiebt sie die Vergeltung lange hinaus, auf so Sündhafte aber wirft sie ein scharfes Auge, wie sie nun auch die schändliche Demänete strafte. Von dem, was geschah oder gesprochen wurde, blieb mir nichts verborgen, da mir Thisbe, wie du weißt, wegen unseres Verhältnisses alles erzählte. Nach deiner ungerechten Verbannung empfand dein armer Vater bald über das Geschehene Reue, und siedelte sich nach einem entlegenen Landgute über, wo er seinen Sinn verzehrend, wie der Dichter sagt15, lebte. Die Demänete aber trieben die Rachegöttinen sogleich daher, sie liebte dich in deiner Abwesenheit rasender, und hörte nicht auf zu jammern, angeblich über dich, in Wirklichkeit um sich selber: Tag und Nacht rief sie deinen Namen, nannte dich ihren liebsten Sohn, ihr Leben, so daß auch ihre Freundinnen, wann sie zu ihr kamen, sich verwunderten und sie lobten, daß sie als Stiefmutter die Gefühle einer Mutter zeige, und sie zu trösten und aufzurichten versuchten. Allein sie sagte, ihr Leiden sei untröstlich, und die Andern wüßten nicht, welch’ ein Stachel in ihrem [16] Herzen stecke.
15 (1) War sie aber einmal für sich, so überhäufte sie die Thisbe mit Vorwürfen und sagte zu ihr: O du geschäftiges Werkzeug der Grausamkeit, zu meiner Liebe hast du mir nichts genützt, um mich aber meines Theuersten zu berauben, hast du dich schneller gezeigt, als das Wort, und mir nicht einmal Zeit gegeben, meinen Entschluß zu ändern. Und es war klar, daß sie der Thisbe unter allen Umständen ein Leid zufügen würde. Da nun Thisbe ihre Gebieterin schwer erzürnt, und aus Kummer zu allen Nachstellungen gegen sich geneigt, und vor Zorn und Liebe wahnsinnig sah, so beschloß sie ihr zuvorzukommen und sich selbst Rettung zu verschaffen, indem sie jener einen Hinterhalt legte. Sie ging also zu ihr und sagte: Was ist das, Frau? Weshalb klagst du dein Mädchen ohne allen Grund an? Deinem Willen bin ich immer und auch jetzt nach Kräften nachgekommen. Ist etwas nicht nach Wunsch abgelaufen, so muß man das dem Zufall zuschreiben: wenn du befiehlst, bin ich bereit, durch einen neuen Anschlag alles wieder gut zu machen. Welcher ließe sich wohl finden, Beste, entgegnete Demänete, da derjenige, in dessen Macht es allein steht, fort ist, und da mich die unerwartete Menschenfreundlichkeit der Richter vernichtet hat: wäre er gesteinigt, wäre er getödtet, so würde mein Leiden zugleich mit zu Grabe getragen sein. Der einmal aufgegebene Gegenstand schwindet aus der Seele, und was nicht mehr erwartet wird, läßt den Leidenden von ihrem Kummer Ruhe. Nun aber bilde ich mir ein, ihn zu sehen, wähne den Abwesenden zu hören, schäme mich vor seinen Vorwürfen über die ungerechte Nachstellung, und hoffe ihn einmal zu begegnen und zu genießen, oder nehme mir vor, zu ihm zu gehn, wo er auch ist. Das brennt, das macht rasend. Doch ich leide mit Recht, ihr Götter. Weshalb suchte ich ihn nicht zu gewinnen, anstatt ihm nachzustellen? weshalb flehte ich nicht, sondern verfolgte? Wies er mich anfangs ab? Ei natürlich: ich war nicht für ihn, er scheute sich, das Bett seines Vaters zu beflecken. Vielleicht hätte er sich mit der Zeit weicher stimmen und durch Worte überreden lassen. Doch ich Entmenschte und Grausame gerieth nicht als eine Liebende, sondern wie eine Gebieterin darüber außer mir, daß er nicht auf Befehl gehorchte, und daß er die Demänete verschmähte, der er an Schönheit und Jugend weit überlegen war. Was meintest du aber für eine leichte Abhülfe, meine gute Thisbe? Für die Menge, sagte Thisbe, ist Knemon aus der Stadt gegangen, und hat dem Urtheil gehorsam Attika verlassen, mir aber, die ich deinetwegen, liebe Frau, alles betreibe, ist es nicht verborgen, daß er sich hier vor der Stadt versteckt hält. Du hast gewiß von der Flötenspielerin Arsinoe gehört: mit dieser hatte er ein Verhältniß. Nach seinem Unglück hat ihn das Mädchen bei sich aufgenommen und hält ihn durch das Versprechen, ihn zu begleiten, zurück: bei ihr verbirgt er sich, bis sie sich reisefertig gemacht hat. Ach wie glücklich ist Arsinoe, sagte Demänete; erst hatte sie mit Knemon Umgang, und jetzt wird sie ihn auf der Reise begleiten. Was kann uns aber das helfen? Viel, liebe Herrin, entgegnete Thisbe. Ich werde mich in Knemon verliebt stellen, und Arsinoe, die von ihrem Geschäfte mir längst bekannt ist, auffordern, mich Nachts an ihrer Stelle zu ihm zu führen. Geschieht das, so müßtest du dich dann für Arsinoe ausgeben, und ihn als Arsinoe besuchen. Ich werde auch dafür sorgen, daß er sich mit einem kleinen Rausche zu Bette legt. Bist du am Ziel deiner Wünsche angelangt, so wird dir wahrscheinlich deine Liebe Ruhe lassen; bei vielen erkaltet die Begierde nach dem ersten Versuche, denn die Sättigung der Liebe ist ihre endliche Befriedigung. Bleibt sie aber, was wir nicht wünschen wollen, nun, kommt Zeit, kommt Rath, wie es heißt. Bis dahin wollen wir für den Augenblick sorgen.
16 (1) Demänete billigte diesen Plan, und bat bei dem Beschlossenen Eile anzuwenden. Thisbe verlangte von ihrer Gebieterin einen Tag, um es in’s Werk zu setzen, ging zur Arsinoe und sagte: Kennst du den Teledemus? Auf ihre Bejahung fuhr fie fort: Nimm uns heute auf; ich habe versprochen, die Nacht mit ihm zuzubringen. Er wird früher kommen, ich erst dann, wann ich die Frau zu Bette gebracht habe. Danach lief sie zu Aristippus auf das Landgut, und sprach: Ich komme, Herr, um mich selbst bei dir anzuklagen: mache mit mir, was du willst. Den Sohn hast du durch mich verloren, zwar nicht mit meiner Absicht, ich bin aber mit daran Schuld gewesen. Ich merkte, daß die Herrin keinen guten Wandel führe, sondern dein Bett schände; da ich nun für mich selbst fürchtete, es dürfte mir schlecht ergehn, wenn die Sache durch einen Andern herauskäme, und du mir zugleich sehr leid thatest, daß dir deine Behandlung der Frau auf diese Weise vergolten würde, so trug ich Bedenken, es dir selbst zu melden, ich zeigte es aber dem jungen Herrn an, indem ich Nachts zu ihm ging, damit Keiner es merke und sagte, ein Buhle schlafe bei der Frau. Wie du weißt, hatte er von ihr vorher eine Kränkung erlitten: daher glaubte er, ich sage, der Ehebrecher sei jetzt eben bei ihr, und stürzte, von unbezwinglichem Zorn übermannt, den Dolch ergreifend, unbekümmert darum, daß ich ihn vielfach zurückzuhalten suchte und ihn bedeutete, von jetzt sei nicht die Rede, oder auch in der Meinung, ich wäre andern Sinnes geworden, wie rasend in euer Schlafzimmer. Das Uebrige ist dir bekannt. Gegenwärtig kannst du dich vor dem Sohne, wenn er auch jetzt in der Verbannung ist, rechtfertigen, und an der, die euch beide beleidigte, Rache nehmen. Ich werde dir heute deine Frau in den Armen ihres Buhlen und noch dazu in einem fremden Hause außerhalb der Stadt zeigen. „Wenn du das thust, sprach Aristippus, soll die Freiheit dein Lohn sein: nach der Rache an der Feindin werde ich vielleicht noch weiter leben, denn lange brennt es in mir, und obwohl mir die Sache verdächtig war, verhielt ich mich dennoch aus Mangel an Beweisen ruhig. Was soll ich aber thun?“ Du kennst den Garten, sagte sie, wo das Grabdenkmal der Epikuräer ist16. Dahin komm am Abend und warte.
17 (1) Mit diesen Worten lief sie zur Demänete und sagte: Putze dich, du mußt dort zierlicher erscheinen; alle meine Versprechungen habe ich dir ausgerichtet. Demänete umarmte sie und that, wie ihr Thisbe befahl. Schon am Abend nahm Thisbe sie an der Hand und führte sie nach dem verabredeten Orte. Als sie sich diesem näherten, hieß Thisbe sie ein wenig stehn bleiben, lief voraus und bat die Arsinoe, sich in ein anderes Haus zu entfernen und sie ungestört zu lassen. Der junge Mensch, sagte sie, ist eben in die Geheimnisse der Liebe eingeweiht und schämt sich noch. Wie diese gehorchte, kehrt sie zurück und nimmt die Demänete mit sich: dann führt sie dieselbe hinein, bringt sie zu Bett und nimmt die Lampe weg, damit sie nämlich nicht von dir, dem in Aegina Verweilenden, erkannt würde. Sie forderte sie auf, bei der Befriedigung ihrer Sehnsucht sich ja ruhig zu verhalten und sagte: Ich gehe jetzt nach dem Jünglinge und werde ihn dir bringen: er sitzt hier in der Nachbarschaft bei dem Glase. So ging sie fort und trifft den Aristipp an der verabredeten Stelle und treibt ihn an, zu kommen und den Ehebrecher festzunehmen. Aristipp folgt ihr, stürzt, wie er an das Haus kam, hinein und schrie, während er das Bett bei dem schwachen Schimmer des Mondes kaum finden konnte: Da hab’ ich dich, du Gottverhaßte. Und wie er das sagte, öffnete sofort Thisbe die Thür mit möglichst großem Geräusch und rief: O über den verkehrten Zufall, der Buhle ist uns entwischt. Jetzt sieh zu, Herr, daß dir nicht auch das Zweite mißlingt. Sei getrost, antwortete Aristipp: die Schändliche, die ich am meisten wollte, habe ich. Damit packte er sie und schleppte sie nach der Stadt zu. Demänete aber, die wie natürlich alle Umstände einsah, ihre getäuschte Erwartung, die Schande, die ihr die Sache brachte, die Strafe, mit der sie die Gesetze bedrohten, riß sich, bekümmert, daß sie ertappt war, und erzürnt über die Täuschung, als sie an dem Brunnen in der Akademie war, den du kennst, wo die Polemarchen den Heroen das übliche Todtenopfer darbringen, aus den Händen des Alten los und stürzte sich kopfüber hinein. So lag die Elende elendiglich da. Aristipp aber sagte damals: „ich habe von dir die verdiente Strafe, bevor die Gesetze sie mir geben“, und theilte nachher den ganzen Hergang dem Volke mit. Nachdem er mit Mühe Verzeihung erlangt, ging er die Freunde und Bekannten an, ob er vielleicht deine Rückkehr erwirken könnte. Ob ihm dies gelungen, kann ich nicht sagen: wie du siehst, bin ich in einer eigenen Geschäftsangelegenheit hierher gefahren. Doch darfst du erwarten, daß das Volk dir die Rückkehr bewilligen und daß dein Vater kommen werde um dich zu suchen: wenigstens hieß es so.
18 (1) Das meldete mir Charias. Das Weitere, wie ich hierher kam und welche Schicksale ich hatte, bedarf einer längeren Rede und Zeit. Dabei weinte er. Es weinten auch die Beiden, angeblich seinetwegen, in Wirklichkeit aber jedes in der Erinnerung an seine eigenen Leiden; und sie hätten nicht aufgehört zu klagen, wenn nicht in Folge des Vergnügens, welches ihnen das Jammern gewährte, ein Schlaf sie befallen und ihren Thränen ein Ende gemacht hätte. So schliefen sie nun. Thyamis aber (so hieß der Hauptmann der Räuber) hatte den größten Theil der Nacht ruhig zugebracht, dann war er, von einigen beunruhigenden Träumen erschreckt, ganz des Schlafes beraubt worden, so daß er über ihre Deutung zweifelhaft, vor Sorge schlaflos da lag. Um die Zeit, wann die Hähne krähn, sei es, daß sie, wie es heißt, durch ein natürliches Gefühl des Herannahens der Sonne sich regen, um den Gott zu begrüßen, oder daß sie durch die Wärme und das Streben sich zu bewegen und schneller Futter zu bekommen, die Hausgenossen durch ihren Ruf zur Arbeit zu erwecken, kommt ihm folgender wunderbare Traum. Er glaubte, in Memphis, seiner Vaterstadt, den Tempel der Isis zu besuchen und ihn ganz von Fackelfeuer erleuchtet zu sehn, Altäre und Herde waren von Blut benetzt und mit allerlei Fleisch gefüllt, Vorhallen und Gänge mit Menschen, die alles mit verworrenem Geräusch und Lärm erfüllten. Bei seinem Eintritt in das Heiligthum selbst kam ihm die Göttin entgegen und händigte ihm die Charikleia ein, indem sie sagte: Diese Jungfrau übergebe ich dir, Thyamis: du wirst sie haben, aber nicht besitzen, du wirst viel mehr ungerecht sein und die Fremde tödten: sie wird aber nicht ermordet werden. Wie er dies im Traume sah, war er ganz rathlos und wandte es nach allen Seiten, was es wohl bedeuten könnte. Endlich ermüdet zwängte er seinem Traume die ihm erwünschte Deutung auf. „Du wirst sie haben und nicht besizen“ verstand er so, daß sie seine Frau und nicht mehr eine Jungfrau sein werde; die Worte „du wirst sie tödten“, bezog er auf den Tod, den er ihrer Jungfräulichkeit geben wollte, wovon Charikleia nicht sterben würde.
19 (1) Auf diese Weise, die ihm sein Wunsch an die Hand gab, legte er den Traum aus. Mit dem Morgen ließ er die ersten seiner Untergebenen zu sich kommen und gebot ihnen, den Raub, den er mit dem ehrbareren Namen Beute belegte, mitzubringen. Desgleichen schickte er nach Knemon, und hieß ihn die seiner Bewachung Anvertrauten vorführen. Als das geschah, riefen die Beiden aus: „O welch ein Schicksal erwartet uns jetzt“, und baten Knemon inständig, ihnen beizustehn, wenn er könnte. Dieser versprach es und hieß sie guten Muthes sein: er versicherte, der Hauptmann sei kein reiner Barbar, im Gegentheil, er habe etwas Mildes in seinem Charakter, er stamme aus einem angesehenen Geschlechte und habe sein gegenwärtiges Leben aus Noth gewählt. Als sie hingeführt waren und die übrige Menge sich versammelt hatte, nahm Thyamis, die Insel zum Versammlungsort erklärend, auf einer Erhöhung Platz, befahl dem Knemon seine Worte auch den Gefangenen zu verdolmetschen, (denn er verstand schon egyptisch, Thyamis aber nicht fertig hellenisch) und sprach: Kameraden, wie ich stets gegen euch gesinnt gewesen bin, wißt ihr. Es ist euch bekannt, daß ich ein Sohn des Oberpriesters in Memphis bin, da ich aber nach dem Hintritt meines Vaters das Priesteramt nicht erhielt, weil mein jüngerer Bruder gefetzvergessen genug war, es zu stehlen, so nahm ich zu euch meine Zuflucht, um Rache zu erlangen und die Würde wieder an mich zu bringen. Von euch würdig befunden, euch zu beherrschen, habe ich bisher mir nicht mehr angeeignet, als jeder bekommt, sondern bin bei einer Vertheilung der Schätze mit dem gleichen Antheil zufrieden gewesen, oder wenn Gefangene verkauft wurden, machte ich den Erlös zum Gemeingut, in der Ueberzeugung, daß ein guter Führer an den Thaten den größten, an dem Gewinne den gleichen Antheil haben müsse. Gefangen genommene Männer reihte ich uns selbst ein, wenn sie uns durch ihre Körperkraft nützen konnten, die Schwächeren verkaufte ich. Gegen Weiber habe ich mir nie einen Frevel zu Schulden kommen lassen, die von guter Herkunft gab ich entweder für Geld los oder aus bloßem Mitleid mit ihrem Schicksal, die geringeren aber, die nicht mehr die Gefangenschaft, als die Gewohnheit zu dienen zwang, vertheilte ich an Jegliche von euch als Dienerinnen. Für jetzt verlange ich von euch nur eins von der Beute, dieses fremde Mädchen hier, die ich mir zwar selbst geben könnte, doch halte ich es für besser, sie aus den Händen und mit der Zustimmung Aller zu nehmen; denn es ist thöricht, der Gefangenen Gewalt anzuthun und dabei dem Willen der Freunde ersichtlich zuwider zu handeln. Allein auch diese Gunst fordere ich von euch nicht umsonst, dafür will ich nichts von der Beute der Andern haben. Weil der Priesterstand die gemeine Liebe verschmäht, habe ich mir dieses Mädchen nicht zur Befriedigung der Wollust, sondern zur Fortpflanzung meines Geschlechts erlesen. 20. Ich will euch auch die Gründe, die mich dabei leiteten, anführen. Erstlich scheint sie mir von edler Geburt zu sein. Ich schließe es aus dem Reichthum, den wir an ihr gefunden haben, und weil sie ungebrochen durch das gegenwärtige Unglück das Selbstgefühl ihrer früheren Lage bewahrte. Ferner halte ich sie für gut und sittsam. Denn wenn sie, an Wohlgestalt alle übertreffend, durch ihren Ehrfurcht gebietenden Blick die Beschauer in die Schranken des Anstandes weist, wie sollte sie nicht die beste Vermuthung von sich erregen? Was aber die Hauptsache von Allem ist, sie scheint mir Priesterin irgend eines der Götter zu sein; selbst in ihrer traurigen Lage hält sie es für arg und unerlaubt, das heilige Gewand und die Binde abzulegen. Welch passendere Vermählung könnte es nun geben, meine Freunde, als die, daß der Priester die Priesterin wählt?
21 (1) Alle stimmten bei und wünschten ihm Glück zu seiner Ehe. Hier auf nahm er wieder das Wort und sagte: Ich danke Euch; nun wäre aber Zeit zu erfahren, wie das Mädchen hierüber denkt. Müßte man nur das Gesetz der Gewalt in Anwendung bringen, so würde mein Wollen durchaus genügen; wer zwingen kann, für den ist es überflüssig zu fragen. Wenn es sich aber um eine Heirath handelt, so muß der beiderseitige Wille zusammenkommen. Er richtete dann das Wort an das Mädchen und fragte: Wie denkst du über eine Vermählung mit mir? Zugleich hieß er die Beiden sagen, wer sie wären und von welchen Eltern sie stammten. Lange Zeit heftete das Mädchen ihren Blick auf den Boden, bewegte häufig den Kopf und schien ihre Gedanken zu einer Rede zu sammeln. Endlich schaute sie dem Thyamis in’s Auge, den sie noch mehr als früher durch ihre Schönheit blendete (denn ihre Wange war von dem Nachdenken außergewöhnlich geröthet, und ihr Blick strahlte in feurigerem Glanze) und sagte, indem Knemon den Dollmetscher machte: Mehr gebührte wohl das Wort meinem Bruder Theagenes hier; denn ich glaube, daß vor Männern für das Weib Schweigen, für den Mann die Antwort sich geziemt.
22 (1) Da ihr aber auch mir das Wort verstattet habt, und ihr mir dies erste Zeichen eurer Menschenfreundlichkeit gebt, daß ihr eure Gerechtsame mehr durch Ueberredung als durch Gewalt zu erreichen versuchet, und weil überdem alles Gesagte mich betrifft, so bin ich genöthigt, meine Sitte und die der Jungfraun überhaupt zu überschreiten und die Anfrage des Siegers wegen meiner Hand und noch dazu vor einer so großen Versammlung von Männern zu beantworten. Unsere Geschichte ist folgende: Wir sind Ionier und gehören einer der ersten Familien in Ephesus an; unsere Eltern leben beide, und da das Gesetz solche Kinder zum Priesteramte beruft, so wurde ich Priesterin der Artemis, mein Bruder Priester des Apollo. Diese Ehre dauerte ein Jahr, und nach Ablauf dieser Zeit führten wir eine Procession nach Delos, wo wir musikalische und gymnische Wettkämpfe anordnen und unser Priesteramt nach einem vaterländischen Gebrauche niederlegen wollten. Ein Schiff wurde mit Gold- und Silbergeräth, mit Gewändern und dem übrigen Zubehör zu den Kampfspielen und dem Volksfeste beladen, und wir segelten ab; unsere Eltern blieben wegen vorgerückten Alters und aus Furcht vor dem Meere und der Fahrt zu Hause, die andern Bürger bestiegen in großer Menge theils dasselbe Schiff, theils benützten sie eigene Fahrzeuge. Den größten Theil der Fahrt hatten wir zurückgelegt, da fing auf einmal die See an hoch zu gehen, ein heftiger Sturm und das Meer aufwühlende, mit Regen vermischte Windstöße verschlagen das Schiff aus der Bahn, indem der Steuermann der Uebermacht des Unglücks wich, das Schiff der Gewalt der Wogen preis gab und dem Zufall es zu leiten überließ. Der jedesmalige Wind trieb uns nun sieben Tage und eben so viele Nächte da her, und endlich liefen wir an dem Gestade auf, wo wir von Euch gefangen genommen wurden. Die vielen Erschlagenen habt ihr dort gesehen; die Matrosen fielen nemlich bei dem Schmause, den wir zur Feier unserer Rettung begingen, über uns her und beschlossen uns wegen unserer Schätze zu tödten, bis wir mit vieler Noth und mit dem Verderben aller unserer Angehörigen, während die Mörder selbst tödteten und getödtet wurden, einen Sieg erlangten, den wir niemals hätten erlangen sollen, und als trauriger Rest einer so zahlreichen Gesellschaft errettet wurden. In dem Elend ist unser einziges Glück, daß einer der Götter uns in eure Hände führte und daß uns, da wir den Tod fürchten mußten, über eine Heirath Beschlüsse zu fassen verstattet wird, die ich in keiner Weise ausschlagen will. Denn daß die Gefangene für würdig befunden wird, das Bett des Siegers zu theilen, übersteigt alles Glück, und daß die den Göttern Geweihte die Hand des Sohnes eines Priesters, der, so Gott will, bald selbst Priester sein wird, erhalte, das scheint nicht ohne Fürsorge der Gottheit zutreffen zu können. Nur Eins bitte ich dich mir zu gewähren, Thyamis: laß mich zuvor in eine Stadt gehen, wo entweder ein Altar oder ein Tempel dem Apollo errichtet ist, und mein Priesteramt und seine Zeichen niederlegen, besser wäre es nach Memphis, wann du die Ehre der Priesterwürde erlangt haben wirst. So würde unsere Vermählung fröhlicher gefeiert werden, wenn sie sich an den Sieg anschließt und nach deinen glücklichen Thaten vollendet wird. Ob es noch früher geschehen soll, überlasse ich deiner Erwägung: nur möge ich zuvor im Stande sein, die vaterländischen Gebräuche zu erfüllen. Ich weiß, daß du mir es bewilligen wirst, da du von Jugend auf, wie du sagst, dem heiligen Stande gewidmet bist und die Frömmigkeit gegen die Götter hochhältst.
23 (1) Damit schloß sie ihre Worte und fing zu weinen an. Von den Anwesenden stimmten ihr alle Uebrigen bei, hießen es so machen und gaben durch Geschrei ihre Bereitwilligkeit kund; auch Thyamis willigte ein, halb freiwillig, halb unfreiwillig. Wegen seines Verlangens nach Charikleia hielt er selbst den gegenwärtigen Augenblick für einen Aufschub von unendlicher Länge: ihre Worte hatten ihn aber wie der Gesang einer Sirene bezaubert und zwangen ihn beizustimmen, zugleich erinnerte er sich an seinen Traum und vertraute, daß seine Vermählung in Memphis stattfinden würde. Nachdem er die Beute vertheilt und viel Auserlesenes bekommen hatte, das ihm die Andern freiwillig überließen, hebt er die Versammlung auf.
24 (1) Auf den zehnten Tag befiehlt er ihnen zum Zuge nach Memphis fertig zu sein. Den beiden Hellenen wies er ihr früheres Zelt an und Knemon wohnte auf seinen Befehl mit ihnen von nun an nicht mehr zu ihrer Bewachung, sondern um ihnen Gesellschaft zu leisten. Für ihren Unterhalt sorgte Thyamis in feinerer Weise als gewöhnlich, und ließ aus Rücksicht für die Schwester den Theagenes an demselben Theil nehmen. Charikleia hatte er beschlossen nicht häufig zu sehen, damit ihr Anblick nicht seine Sehnsucht entflamme und ihn zwinge, den Beschlüssen und seinen Aeußerungen zu wider zu handeln. Weil er es für unmöglich hielt, das Mädchen zu sehen und die Besonnenheit zu bewahren, so entsagte er in Folge dessen ihrem Anblick. Sobald alle sich entfernt und nach den verschiedenen Punkten des Sees sich zurückgezogen hatten, brach Knemon auf, um in einiger Entfernung vom See das Kraut zu suchen, welches er am Tage zuvor dem Theagenes versprochen hatte.
25 (1) Diese Zeit der Ruhe benützte Theagenes um zu weinen und zu klagen; zur Charikleia sagte er zwar kein Wort, doch rief er unablässig die Götter als Zeugen an. Auf ihre Frage, ob die Ursache ihr gewöhnliches und bekanntes Unglück, oder ob ihm etwas Neues widerfahren sei, entgegnete er: Was könnte es wohl Unerhörteres und Unbilligeres geben, als die Uebertretung der Gelöbnisse und Schwüre, daß Charikleia mich vergißt und in die Vermählung mit einem Andern willigt? Schweige, sagte das Mädchen, und sei mir nicht lästiger als das Unglück, und halte nicht mich, die du in der Vergangenheit durch ihre Thaten so erprobt hast, im Verdacht um bloßer Worte willen, die für den Augenblick und um des Nutzens willen gesprochen wurden. Andernfalls geschieht das Gegentheil, du selbst wirst eher verändert scheinen, als du mich verändert finden wirst. Unglücklich zu sein läugne ich nicht, meine Sittsamkeit aber aufzugeben, dazu könnte mich keine Gewaltthat überreden. Nur einen Verstoß gegen sie begangen zu haben bin ich mir bewußt, meine Liebe zu dir, und auch diese blieb in den Schranken der Sitte. Nicht auf die Ueberredung des Liebhabers, sondern auf dein Versprechen, mein Gatte zu werden, erklärte ich mich zuerst für die Deine, habe mich bisher auch von deinen Umarmungen rein erhalten, deine wiederholten Versuche abgewiesen und nur im Auge gehabt, ob unsere verabredete und beschworne rechtmäßige Verbindung einmal in Erfüllung gehen wird. Wie wärest du nun nicht thöricht, wenn du glauben wolltest, daß ich den Barbaren dem Hellenen, den Räuber dem Geliebten vorziehen werde? Was bezweckte denn nun jene schöne Rede von dir? fragte Theagenes. Daß du mich für deinen Bruder ausgabst, ist außerordentlich klug; es zieht den Thyamis von der Eifersucht ab und bewirkt, daß wir furchtlos mit einander zusammen sein können. Auch verstand ich sehr wohl, daß Ionien und die Irrfahrt nach Delos die Wirklichkeit und Wahrheit verhüllten und die Zuhörer in der That irre leiteten. Daß du aber so bereitwillig der Heirath beistimmtest, ausdrücklich in sie willigtest und die Zeit bestimmtest, das konnte ich weder, noch wollte ich es mir erklären. Ich wünschte lieber in die Erde zu sinken, als ein solches Ende meiner um dich erlittenen Mühen und meiner Hoffnungen zu sehen.
26 (1) Charikleia umarmte den Theagenes, küßte ihn tausend Mal, benetzte ihn mit Thränen und sagte: Wie gern höre ich diese deine Befürchtungen meinetwegen: auch sie zeigen, daß die vielen Unglücksfälle deine Liebe zu mir nicht gebrochen haben. Sei aber überzeugt, mein Theagenes, wir würden selbst diesen Augenblick nicht mit einander sprechen, hätte ich diese Versprechungen nicht gemacht. Du weißt, den Drang überwältigenden Verlangens spannt Widerstreben an, ein nachgiebiges und dem Wunsche zustimmendes Wort hemmt die erste siedende Hitze und beruhigt die Heftigkeit des Strebens durch das Angenehme der Zusage. Gemeiner liebende Menschen wollen als erste Probe ein Versprechen haben, und indem sie durch die Zusage den Sieg gewiß zu haben glauben, lassen sie sich von Hoffnungen wiegen und leben ruhiger. Aus diesen Erwägungen sagte ich mich ihm zu, das Weitere den Göttern oder dem Schutzgeist überlassend, dem von Anfang an die Ueberwachung unserer Liebe zugefallen ist. Ein oder zwei Tage haben oft viel zur Rettung gethan und Zufälle gewährten, was Menschen durch tausend Pläne nicht fanden. So schob ich das Gewisse durch das Ungewisse auf die Seite und suchte durch meinen Einfall für den Augenblick Frist. Indessen müssen wir, mein Geliebter, die Erdichtung wie der Ringer seinen Kunstgriff geheim halten und sie nicht nur allen Andern, sondern auch dem Knemon verschweigen. Zwar ist er gütig zu uns und ein Hellene, aber er ist ein Gefangener und wird, wenn es sich so trifft, dem Wunsche seines Gebieters sich eher bequemen. Weder die Zeit der Freundschaft, noch ein verwandtschaftliches Band gibt uns ein sicheres Unterpfand für seine Treue. Berührt er einmal in Folge eines Verdachtes unsere Verhältnisse, so müssen wir zuerst läugnen: mitunter ist auch die Lüge gestattet, wenn sie dem, der sie sagt, nützt, und dem, der sie hört, nicht schadet.
27 (1) Während Charikleia diese und ähnliche Rathschläge für ihr Bestes an die Hand gab, stürzte Knemon in großer Hast herein; schon durch sein Auge verrieth er große Bestürzung. Das Kraut bringe ich dir, Theagenes, sagte er; lege es auf und heile deine Wunden: ihr müßt aber auf andere Wunden und ein ähnliches Gemetzel vorbereitet sein. Auf die Bitte des Theagenes, sich deutlicher auszusprechen, versetzte er: Für jetzt ist nicht Zeit zu hören; es steht zu befürchten, daß die Thaten den Worten zuvorkommen. Folge mir sogleich: auch Charikleia möge uns begleiten. So nahm er beide mit sich und führte sie zu Thyamis. Als er diesen beschäftigt fand seinen Helm zu putzen und den Speer zu schärfen, rief er: Zu rechter Zeit bist du bei den Waffen; lege sie selber an und gib den Andern Befehl dazu. Eine so große Menge Feinde wie noch nie umringt uns und sie sind so nahe, daß ich sie über dem Hügel dort sich zeigen sah und spornstreichs gelaufen komme, um dir ihren Anmarsch anzuzeigen; unterwegs habe ich allen, denen ich konnte, geboten sich zu rüsten,
28 (1) Bei dieser Botschaft sprang Thyamis auf und fragte, wo Charikleia wäre, wie wenn er um sie mehr als um sich selbst besorgt wäre. Als Knemon sie ihm hinter dem nahen Pfosten versteckt zeigte, sagte er zu ihm allein: Nimm sie und führe sie in die Höhle, wo unsere Kostbarkeiten sicher verwahrt sind; laß sie da hinab, mein Freund, schließe wie gewöhnlich den Eingang mit dem Deckel und komme möglichst schnell zu uns. Der Krieg wird meine Sorge sein. Seinem Knappen befahl er ein Opferthier heranzuführen, damit sie den Kampf begönnen, nachdem sie zuerst den einheimischen Göttern ein Opfer dargebracht hätten. Knemon that, was ihm befohlen war, und führte Charikleia, die sich häufig nach ihrem Theagenes umsah und jammerte, in die Höhle. Diese war nicht ein Werk der Natur, wie es viele von selbst gebildete Klüfte über und unter der Erde gibt; die Kunst der Räuber hatte die Natur nachgeahmt, und sie war von den Händen der Egypter zur Aufnahme der Beute mühsam gegraben.
29 (1) Ihre Anlage war folgende. Der enge und dunkle Eingang lag unter der Thür eines versteckten Gebäudes, so daß die Schwelle desselben im Falle des Gebrauchs eine andere Thüre zu dem Wege hinab wurde; sie ließ sich leicht öffnen und schließen. Hierauf spaltete sich die Höhle ordnungslos in gekrümmte Gänge. Diese Pfade und Stege nach den Winkeln, theils kunstvoll einzeln sich schlängelnd, theils in einander fallend und wurzelartig sich in einander schlingend, mündeten im Grunde in einen weiten Raum, in den auch durch eine Oeffnung am Ende des Sees ein schwaches Licht hineinfiel.
Nachdem Knemon Charikleia hier hinabgelassen und sie durch seine Bekanntschaft mit dem Orte bis an das Ende der Höhle gebracht hatte, gab er sich vielfach Mühe, ihr Muth einzuflößen und versprach, mit Theagenes am Abend zu ihr zu kommen, den er vom Kampfe mit den Feinden zurückhalten werde; da sie aber nichts sprach und von ihrem Unglück wie vom Tode getroffen war, und mit Theagenes gleichsam ihr Leben verloren hatte, ließ er sie athemlos und stumm zurück und ging aus der Höhle. Sodann zog er die Schwelle hinauf, vergoß über ihr Schicksal und die ihm auferlegte Nothwendigkeit einige Thränen, daß er sie beinahe lebendig hätte begraben und Charikleia, die strahlendste Schönheit in der Welt, der Nacht und dem Dunkel übergeben müssen, und eilte zu Thyamis fort. Diesen findet er in vollem Kampfeseifer sammt Theagenes schon glänzend bewaffnet und eben damit beschäftigt, seine Leute, die sich bereits um ihn gesammelt hatten, zu größerer Wuth durch eine Rede zu entflammen. Er trat in ihre Mitte und sprach: Ich weiß nicht, Kameraden, wozu ich euch ausführlicher ermuntern soll, ihr bedürft keiner Erinnerung, denn ihr haltet immer den Krieg für das Leben, und überdem wird die Weitschweifigkeit der Worte durch das unerwartete Anrücken der Gegner abgeschnitten. Wenn diejenigen, deren Feinde bei Thaten sind, nicht schnell auf die gleiche Art Abwehr bewerkstelligen, so müssen sie in Allem, was sich gebührt, zu spät kommen. Mit dem Bewußtsein also, daß es sich bei uns nicht um Weib und Kind handelt, was allein genügt, um viele zum Kampfe zu spornen (auf diese nehmen wir weniger Rücksicht und ihrer werden wir so viel haben können als uns der Sieg erhält), sondern um unsere Existenz und unser Leben (denn ein Krieg mit Räubern hört nicht unter bestimmten Bedingungen auf und endigt nicht mit einem Vertrage, man muß vielmehr siegend am Leben bleiben oder gefangen sterben) so wollen wir an Leib und Seele geschärft uns in den Kampf mit den ärgsten Feinden stürzen.
30 (1) Nach diesen Worten sah er sich nach seinem Schildknappen Thermuthis um und rief ihn oft bei seinem Namen. Wie dieser nirgends zu erblicken war, eilte er im Laufe unter vielen Drohungen zu einer Fähre. Denn der Krieg war schon losgebrochen und man konnte auch aus der Ferne sehen, daß diejenigen bereits gefangen genommen wurden, welche die äußersten Punkte an dem Anfange des See’s bewohnten. Die Herangerückten steckten die Kähne und Hütten der in ihre Hände Fallenden oder Fliehenden in Brand. Von dieser Flamme, die sich nach dem Sumpfe verbreitete und das haufenweise aufgeschichtete Rohr erfaßte, blendete ein unsäglicher unerträglicher Feuerglanz das Auge und ein prasselndes Geräusch drang in das Ohr. Man betrieb und hörte den Krieg in jeder Gestalt. Die Einheimischen bestanden den Kampf mit aller Bereitwilligkeit und Kraft, die Feinde hatten durch ihre Anzahl und ihr unerwartetes Andringen das meiste Uebergewicht und tödteten die Einen auf dem Lande, Andere versenkten sie sammt ihren Kähnen und Behausungen in den See. Durch alles das erhob sich ein verworrenes Getöse in die Luft, von denen, die zu Lande und auf dem Wasser kämpften, tödteten und getödtet wurden, durch ihr Blut den See färbten und mit Feuer und Wasser rangen. Wie Thyamis dies sah und hörte, trat ihm wieder sein Traum vor die Seele, in dem er die Isis und ihren Tempel voll von Fackeln und Opfern er blickte. Nun glaubte er, was er jetzt sähe, sei die Erfüllung seines Traumes und er deutete die Erscheinung umgekehrt als früher: daß er Charikleia haben und nicht besigen werde, sei gesagt, weil sie ihm durch den Krieg entrissen wäre, die Worte, daß er sie ermorden und nicht verwunden werde, bezog er auf das Schwert und nicht auf die Vermählung. Mit vielen Schmähungen auf die Hinterlist der Göttin und in der Meinung, es sei entsetzlich, wenn ein Anderer Charikleia in seine Gewalt bekäme, gebot er seiner Umgebung ein wenig auszuhalten, sagt, sie müßten an Ort und Stelle bleibend um die Insel versteckt kämpfen und durch die Sümpfe ringsum gedeckte Angriffe machen, man könne zufrieden sein, falls man auch so nur der Menge der Feinde widerstehe, und kehrt alsdann angeblich um den Thermuthis zu suchen und zu den Göttern des Herdes zu beten und Niemanden zu folgen verstattend wie wahnsinnig nach seinem Hause zurück. Es ist die Art des Barbaren, von dem was er sich einmal vorgenommen hat, nicht leicht wieder abzugehen. Verzweifelt er an seiner Rettung, so pflegt er alles, was ihm lieb ist, vorher umzubringen, entweder in dem Wahne, er werde auch nach dem Tode mit ihnen zusammensein, oder um sie der Hand des Feindes und der Beschimpfung zu entziehen. Hiedurch vergißt Thyamis, obgleich von Feinden wie von einem Netze umschlungen, alles, was er unter Händen hatte, kommt so schnell er laufen konnte, von Liebe, Eifersucht und Zorn erfüllt zur Höhle, springt unter lautem Geschrei und meist egyptisch sprechend hinab, und da er am Eingang Eine antraf, die ihn hellenisch anredete, legt er, von der Stimme zu ihr geführt, die linke Hand auf ihren Kopf und stößt ihr das Schwert durch die Brust.
31 (1) So lag sie kläglich da und stieß einen jammervollen und den letzten Seufzer aus. Er selbst eilt hinauf, schiebt die Schwelle zu und trägt ein wenig Erde hinauf und sagt mit Thränen: „Das sind die Brautgeschenke, die du von mir erhältst.“ Alsdann kommt er zu den Kähnen und findet die Andern schon auf Entlaufen bedacht, weil man die Feinde in der Nähe sah; Thermuthis war auch angelangt und hatte das Opferthier in Händen. Diesen schilt er aus und besteigt mit der Aeußerung, daß er das schönste Opfer bereits dargebracht habe, nebst Thermutis und einem Dritten, der ruderte, den Kahn; denn mehrere können die Kähne des See’s, weil sie bloß aus einem Holz und einem dicken Stamm kunstlos gehöhlt sind, nicht tragen. Auch Theagenes fährt mit Knemon in einem Kahne ab und so alle Uebrigen in verschiedenen Fahrzeugen. Nachdem sie sich ein wenig von der Insel entfernt und mehr um dieselbe herum, als von ihr fortgeschifft waren, hielten sie mit rudern inne und stellten die Kähne in Kolonne, um die Feinde aufzunehmen. Als sie sich aber nur genähert hatten und sich gegen die Strömung nicht halten konnten, ergriffen alle Uebrigen, sobald sie die Feinde zu Gesicht bekamen, die Flucht, indem einige nicht einmal das Kriegsgeschrei ertragen konnten, auch Theagenes und Knemon zogen sich zurück, obgleich Furcht bei ihnen nicht der Hauptbeweggrund war. Thyamis allein stürzte sich, vielleicht aus Scham zu fliehn, vermuthlich aber wohl, weil er es nicht nach Charikleia noch zu leben ertrug, unter die Feinde.
32 (1) Als sie schon handgemein wurden, rief Einer aus: Da ist Thyamis, nehme sich Jeder in Acht. Augenblicklich bildeten sie mit den Kähnen einen Kreis und umzingelten ihn. Wie er sich wehrte und einige mit dem Speere verwundete, andere tödtete, benahmen sie sich dabei in höchst auffallender Weise. Nicht ein Einziger warf oder zog das Schwert gegen ihn, Jeder bemühte sich nur ihn lebendig gefangen zu nehmen. Er widerstand sehr lange, bis ihm sein Speer, da mehrere ihn zugleich packten, entrissen wird und er seinen Schildknappen verliert, der glänzend focht, aber eine wie es schien gefährliche Wunde bekommen und in der Verzweiflung sich in den See gestürzt hatte, aus dem er als guter Schwimmer außerhalb der Schutzweite hervortauchte und mit Mühe nach dem Sumpfe fortschwamm, weil sich Niemand darum bekümmerte, ihn zu verfolgen. Den Thyamis hatten sie schon gefangen genommen und hielten die Gefangennahme des einen Mannes für einen vollständigen Sieg. Und bei dem Verlust von so vielen eigenen Leuten empfinden sie mehr Freude den Mörder derselben lebendig in Händen zu haben, als Schmerz so viele Angehörige eingebüßt zu haben. Räuber ziehen Geld sogar ihrem Leben vor und bestimmen den Namen der Freundschaft und Verwandtschaft nur nach dem Gewinne. So war es auch mit diesen.
33 (1) Sie gehörten zu denen, die dem Thyamis und seiner Bande an der herakleotischen Mündung entlaufen waren. Aus Unwillen, daß sie fremden Gutes beraubt waren, und über die Fortnahme des Raubes so empfindlich, als hätten sie Eigenthum verloren, versammelten sie diejenigen von sich, die zu Hause geblieben waren, riefen desgleichen die umliegenden Dörfer unter dem Versprechen einer gleichen Vertheilung der zu machenden Beute herbei und übernahmen die Leitung des Angriffs. Den Thyamis nahmen sie aus folgendem Grunde lebendig gefangen. Sein Bruder Petosiris befand sich in Memphis. Dieser hatte als der Jüngere der vaterländischen Sitte zuwider durch Hinterlist den Thyamis um die Priesterwürde gebracht. Weil er nun erfuhr, daß der Aeltere an der Spitze einer Räuberbande stehe und befürchtete, dieser dürfte bei einer sich ihm bietenden Gelegenheit einmal erscheinen, oder die Zeit könnte auch seinen Betrug an den Tag bringen, und weil er zugleich merkte, die Menge habe ihn im Verdacht, den Thyamis, der nirgends sichtbar war, umgebracht zu haben, so schickte er in die Räuberdörfer und bot denen, die ihn lebendig brächten, viel Geld und Vieh. Durch diese Versprechungen gefesselt, vergaßen die Räuber auch in der Hitze des Kampfes den Gedanken an den Gewinn nicht und nahmen ihn, obgleich mancher ihn erkannte, um den Preis vieler Todten lebendig gefangen. Sie geleiten ihn gebunden an das Land und bestimmen die Hälfte von sich durch das Loos zur Bewachung des Gefangenen, der ihnen viele Vorwürfe wegen ihrer anscheinenden Menschenfreundlichkeit machte und die Fesseln schmerzlicher empfand als den Tod. Die Uebrigen wandten sich zu der Insel, um die gesuchten Kostbarkeiten und die Beute zu finden. Als sie aber die ganze Insel durchstreift und keinen Theil undurchsucht gelassen hatten, warfen sie, weil sie von dem Gehofften nichts oder nur wenig antrafen, falls in der Höhle etwas unter der Erde verborgen geblieben wäre, Feuer in die Zelte und zogen sich, da schon der herannahende Abend ein Verweilen auf der Insel besorglich machte, aus Furcht, daß die Entronnenen ihnen einen Hinterhalt legen möchten, zu den Ihrigen zurück.
