1 (1) [128] Wollte ich das, was unterdes unter Leitung und auf Befehl Alexanders teils in Griechenland teils in Illyrien und Thrakien geschah, ein jedes zur gehörigen Zeit erzählen, so müßte ich die Ereignisse in Asien unterbrechen, betreffs deren es jedenfalls weit passender scheinen mag, sie bis zur Flucht und dem Tode des Darius in einem Gesamtbilde darzustellen, und wie sie unter einander zusammenhängen, so auch in meinem Geschichtswerke sie zu verknüpfen. Daher will ich zu erzählen beginnen, was sich an die Schlacht bei Arbela anschließt. Darius war gegen Mitternacht nach Arbela gekommen, und eben dorthin hatte der Zufall auch die Flucht eines großen Teiles seiner Freunde und Soldaten gelenkt. Er rief dieselben zusammen und setzte ihnen auseinander, wie er nicht zweifle, daß Alexander nach den berühmtesten Städten und den reichen Gegenden mit ihrem Überflusse an allem marschieren werde; denn eine fette und leicht zu gewinnende Beute, das habe er selbst wie seine Soldaten im Auge. Dieser Umstand werde in der gegenwärtigen Lage für seine Sache heilbringend sein: er wolle nämlich mit einer kampffertigen Schar in die Wüsten eilen. Die äußersten Teile seines Reiches seien noch unberührt, und dorther werde er ohne große Mühe neue Streitkräfte aufstellen können. Möchte immer das raubgierige Volk sich seines Schatzes bemächtigen und nach langem Hunger darnach sich in Gold sättigen, in kurzem werde es ihnen (den Persern) doch zur Beute werden. Aus Erfahrung wisse er, daß kostbares Gerät, Kebsweiber und Scharen von Eunuchen ihm nichts anderes als eine Last und ein Hindernis gewesen seien. [129] Schleppe sich nun Alexander damit, so werde er durch eben die Dinge, die ihm vorher den Sieg verschafft, unterliegen. Aus dieser Rede schien allen die Verzweiflung zu sprechen, da sie das unermeßlich reiche Babylon preisgegeben sahen. Nun werde sich der Sieger auch Susa’s, sowie der übrigen Zierden des Reiches, die ihn zum Kriege veranlaßt, bemächtigen. Darius fuhr jedoch fort sie zu belehren, im Unglück müsse man nicht nach dem gehen, was schön klinge, sondern was die Notwendigkeit gebiete: mit dem Eisen führe man Krieg, nicht mit Gold, mit Männern, nicht vermittelst der Häuser von Städten. Alles falle den Bewaffneten zu. So hätten auch seine Vorfahren, wenn sie beim Beginn ihrer Unternehmungen in Not geraten seien, schnell ihr früheres Glück wiederhergestellt. Somit wandte er sich, mochte nun der Mut der Seinen gekräftigt sein oder diese mehr seinem Gebot als seinem Rate folgen, nach den Grenzen Mediens.
2 (1) Kurz nachher wurde an Alexander Arbela übergeben, das mit dem königlichen Gerät und einem reichen Schatze angefüllt war: viertausend Talente waren das, außerdem kostbare Stoffe, da der Reichtum des ganzen Heeres, wie oben gesagt wurde, sich an diesem Platze aufgehäuft fand. Dann, als Krankheiten ausbrachen, die der Geruch der auf dem ganzen Gefilde umherliegenden Leichen verbreitet hatte, beschleunigte er seinen Abzug. Auf diesem Marsche, der sie durch ebenes Land führte, lag ihnen zur Linken Arabien1, durch seine Fruchtbarkeit an wohlriechenden Gewächsen berühmt. Die Gegenden zwischen dem Tigris und Euphrat haben so reichen und fetten Boden, daß, wie man sagt, das Vieh von der Weide weggejagt wird, um sich nicht durch Übersättigung den Tod zu holen. Ursache dieser Fruchtbarkeit ist die beiden Strömen entfließende [130] Feuchtigkeit, die dem Boden wegen der ihn durchziehenden Wasseradern fast überall entsickert. Die Ströme selbst kommen aus den armenischen Gebirgen, entfernen sich dann aber, indem sie den begonnenen Lauf verfolgen, weit von einander, so daß die, welche ihren weitesten Abstand in der Nähe der armenischen Gebirge aufgezeichnet haben, einen Weg von zweitausendfünfhundert Stadien [62,5 geogr. M.] zurückzulegen hatten. Dann, wenn sie an Medien und dem Lande der Gordyäer hinzufließen beginnen, nähern sie sich allmählich einander, und je weiter sie fließen, einen desto engern Raum lassen sie zwischen sich. Am allernächsten sind sie einander in dem Flachland, das die Einwohner Mesopotamien nennen, weil sie es von beiden Seiten in der Mitte einschließen. Endlich ergießen sie sich durch das Gebiet von Babylon in das Rote Meer.2 Alexander gelangte in vier Tagemärschen zu der Stadt Mennis, woselbst sich eine Höhle befindet, aus der eine Quelle so ungemeine Massen von Erdpech auswirft, daß, wie genugsam bekannt, der ungeheure Bau der babylonischen Mauern mit dem Erdpeche dieser Quelle gekittet worden ist.
3 (1) Als er nun gegen Babylon vorrückte, kam ihm Mazäus, der aus der Schlacht in diese Stadt geflohen war, mit seinen erwachsenen Kindern um Gnade flehend entgegen, und übergab ihm die Stadt und sich selbst. Dem König war seine Ankunft willkommen, da die Belagerung einer so stark befestigten Stadt große Mühe gekostet haben würde. Außerdem ließ sich vermuten, der angesehene und persönlich tapfere Mann, der sich auch durch die letzte Schlacht einen berühmten Namen gemacht hatte, werde auch die übrigen durch sein Beispiel veranlassen sich zu ergeben. Er nahm ihn also mit seinen Kindern gnädig auf; doch gab er den Seinigen Befehl, gleich als ob es in die Schlacht ginge, in ein Viereck aufgestellt, das er selbst anführte, einherzuziehen. Ein großer Teil der Babylonier stand auf den Mauern, neugierig den neuen König zu sehen; noch mehr zogen ihm entgegen. Unter andern hatte der Burghauptmann und königliche Schatzmeister Bagophanes, um nicht an Zuvorkommenheit von Mazäus übertroffen zu werden, den ganzen Weg mit Blumen und Kränzen bestreuen lassen, während er [131] zu beiden Seiten silberne Altäre aufgestellt hatte, die nicht nur mit Weihrauch, sondern mit allen möglichen Wohlgerüchen überhäuft waren. Hinter ihm folgten als Geschenke Heerden von Schlachtvieh und Roffen, ja es wurden in Käfigen Löwen und Panther vorausgetragen. Dann kamen die Magier, die nach ihrer Sitte ein Lied absangen, hinter ihnen die Chaldäer3 und die babylonischen Weissager sowohl als Musiker mit ihren eigentümlichen Saiteninstrumenten. Diese pflegten Loblieder auf ihre Könige zu singen, während die Chaldäer die Bewegung der Gestirne und den regelmäßigen Wechsel der Jahreszeiten anzeigten. Zuletzt endlich kamen die babylonischen Reiter, deren eigener Schmuck sowohl als der ihrer Rosse mehr üppige Verschwendung als Pracht zeigte. Der König, von Bewaffneten umgeben, befahl den Scharen der Stadtbewohner, sich hinter den letzten Reihen des Fußvolkes anzuschließen; er selbst zog auf einem Wagen in die Stadt und nachher in den königlichen Palast ein. Am folgenden Tage nahm er den Hausrat des Darius und seinen ganzen Schatz in Augenschein.
4 (1) Übrigens zog die Schönheit und das Alter der Stadt selbst nicht nur des Königs, sondern auch aller andern Augen nicht mit Unrecht auf sich. Semiramis hatte sie gebaut, nicht, wie die meisten geglaubt haben, Belus, dessen Palast man noch zeigt. Die Mauer4, von Backsteinen gebaut und mit Erdpech gekittet, hat eine Breite von zweiunddreißig Fuß, so daß, wie man sagt, Vierspänner sich ohne Gefahr begegnen und nebeneinander fahren können. Die Höhe der Mauer übersteigt fünfzig Ellen, die Türme sind jedesmal zehn Fuß höher als die Mauer. Der Umfang des ganzen Baues beträgt 365 Stadien [86 km.], und der Erzählung zufolge soll jedesmal in einem Tage der Bau eines Stadiums beendigt worden sein5. Die Gebäude lehnen sich nicht [132] an die Mauer, sondern stehen ungefähr ein Juchart davon entfernt. Auch ist nicht einmal die ganze Stadt mit Gebäuden besetzt, sondern nur auf einer Strecke von achtzig Stadien [14,8 km.] stehen Wohnhäuser und auch diese nicht ohne Unterbrechung, vielleicht, weil man es für sicherer hielt, sie an mehreren Punkten zu zerstreuen. Den übrigen Raum besät und bestellt man, so daß, wenn eine auswärtige Streitmacht einbricht, der Boden der Stadt selbst den Belagerten Lebensmittel darbieten kann. Durch sie hin fließt der Euphrat, der durch äußerst massenhaft aufgeführte Kais eingedämmt wird. Doch um alle diese mächtigen Bauten ziehen sich ungeheure tief ausgegrabene Reservoirs6, um die einbrechende Gewalt des Stromes in sich aufzunehmen. Denn wenn dieser die Höhe der ihn umgebenden Einfassung überschritten hat, so würde er die Häuser der Stadt mit sich fortreißen, wenn nicht die Gruben und Bassins da wären, ihn aufzunehmen. Sie sind von Backsteinen gemauert, und der ganze Bau mit Erdpech gekittet. Eine steinerne Brücke, die über den Fluß gelegt ist, verbindet die Stadt. Auch sie zählt unter die Wunderwerke des Orients; denn der Euphrat führt tiefen Schlamm mit sich, und obwohl man diesen, um den Grund zu legen, gänzlich ausgeräumt hatte, fand man doch kaum einen zur Unterlage eines festen Baues geeigneten Boden. Aber der allmählich aufgehäufte und um die steinernen Brückenpfeiler angelegte Sand hemmt den Strom, der infolge dieses Hindernisses heftiger anprallt, als wenn er freien Laufes dahinflöße.
5 (1) Auch die Burg7 hat zwanzig Stadien [2,9 km.] im Umfange. Der Grund ihrer Türme ist dreißig Fuß tief in die Erde gelegt, und die größte Höhe ihrer Befestigungswerke erhebt sich bis [133] zu achtzig Fuß. Oberhalb der Burg befindet sich das durch die Erzählungen der Griechen allbekannte Wunderwerk der schwebenden Gärten, die der größten Höhe der Mauern gleichkommen, und deren Reiz in dem Schatten und hohen Wuchs ihrer zahlreichen Bäume besteht. Es sind steinerne Pfeiler aufgeführt, auf denen die ganze Last ruht, über die Pfeiler ist ein Fußboden von Quadersteinen gelegt, der imstande ist, die hoch darauf gehäufte Erde samt der Feuchtigkeit, womit man die Erde bewässert, zu tragen. Und so mächtig sind die Bäume, die dieser Bau trägt, daß ihre Stämme eine Dicke von acht Ellen im Umfange erreichen und sich zu einer Höhe von fünfzig Fuß erheben; auch tragen sie eben so gut Früchte, als ob sie in ihrem gewohnten Boden wüchsen. Und wiewohl das Alter nicht nur die Werke von Menschenhand, sondern auch selbst die der Natur allmählich zernagt und vernichtet, so dauert doch dieser Riesenbau, worauf so viele Bäume mit ihren Wurzeln drücken, und auf dem die Last eines solchen Parkes ruht, unversehrt fort. Denn zwanzig Fuß breite Mauern stützen ihn, die in einer Entfernung von elf Fuß von einander stehen, so daß es aus der Ferne das Ansehen hat, als ob sich eine Waldung über ihrem Berge erhöbe. Man erzählt, ein König von Syrien8, der über Babylon herrschte, habe dies Werk aufgeführt, aus Liebe zu seiner Gattin, die, sich in der ebenen Gegend nach Wäldern und Hainen sehnend, ihren Gemahl antrieb, die Reize der Natur durch ein derartiges Bauwerk nachzuahmen.
6 (1) Länger als irgendwo verweilte der König in Babylon, aber durch keinen andern Aufenthalt that er der militärischen Zucht größeren Schaden. Nichts nämlich ist verderbter, als die Sitten dieser Stadt, nichts geeigneter zu unmäßigen Begierden zu reizen und zu verlocken. Eltern und Gatten dulden es, daß ihre Töchter und Gattinnen mit Fremden unzüchtigen Umgang haben, wenn nur Geld für die Schande gezahlt wird9. Zechgelage sind in ganz [134] Persien eine Lieblingsneigung der Könige und ihrer Hofbeamten; am meisten aber sind die Babylonier dem Wein und allen Ausschweifungen der Trunksucht ergeben. Die Frauen, die den Gastmählern beiwohnen, erscheinen zuerst in anständiger Kleidung, dann legen sie die obersten Gewänder ab, und allmählich verleugnen sie die Scham so weit, daß sie zuletzt, mit Verlaub zu sagen, auch die letzte Hülle des Körpers von sich werfen. Und diese Schmach erlauben sich nicht Buhlerinnen, sondern verheiratete Frauen und Jungfrauen, bei welchen diese schimpfliche Preisgebung des Leibes für Galanterie gilt. Mitten unter diesen schändlichen Wollüsten mästete sich jenes Heer, das Asien bezwungen, vierunddreißig Tage lang, und würde dann ohne Zweifel für die folgenden Kämpfe zu entnervt gewesen sein, wenn es einen Feind gehabt hätte. Um übrigens seine Schwächung weniger zu fühlen, wurde es wiederholentlich durch neuen Zuwachs verstärkt. Amyntas, Andromenes’ Sohn, führte nämlich von Antipater sechstausend makedonische Fußgänger herbei, dazu fünfhundert Reiter gleichen Stammes; außerdem sechshundert thrakische Reiter nebst dreitausendfünfhundert ebenfalls thrakischen Fußgängern. Auch aus dem Peloponnes waren gegen viertausend Söldner nebst dreihundertundachtzig Reitern angekommen. Zugleich hatte Amyntas als Leibwache des Königs fünfzig erwachsene Söhne der vornehmsten Makedonier mitgebracht, welche beim Mahle dem König aufwarten, ferner, wenn er ins Treffen geht, ihm das Pferd vorführen, ihn auf der Jagd begleiten und abwechselnd vor der Thür seines Schlafzimmers Wachdienst versehen – ein Nachwuchs und eine Vorschule hoher Befehlshaber und Heerführer. Über die Burg von Babylon setzte der König den Agathon mit einer Mannschaft von siebenhundert Makedoniern und dreihundert Söldnern. Als Befehlshaber über Babylonien und Cilicien ließ er den Menes und Apollodorus zurück10, denen er [135] zweitausend Mann nebst tausend Talenten gab, und beauftragte beide, zu ihrer Verstärkung mehr Soldaten zu werben. Dem Überläufer Mazäus verlieh er die Satrapie Babylonien, während er dem Bagophanes, der ihm die Burg übergeben hatte, befahl ihm zu folgen; Armenien wurde dem Verräter von Sardes Mithrenes gegeben. Aus dem ihm in Babylon überlieferten Schatze endlich erhielt jeder makedonische Reiter sechshundert Denare11, ein fremder Reiter fünfhundert, ein Fußgänger zweihundert, die übrigen einen zweimonatlichen Sold.
7 (1) Nachdem dies so geordnet war, gelangte er in die Landschaft Sittacene12, eine fruchtbare Gegend, die einen Überfluß an allen Dingen und jeder Art Lebensmittel hat. Deshalb machte er hier einen längern Halt, und damit seine Soldaten nicht durch Trägheit und Ruhe erschlafften, stellte er Richter auf und setzte neue Belohnungen für den Wettstreit in militärischer Tüchtigkeit aus. Diejenigen, welche für die Tapfersten erklärt würden, sollten jeder tausend Soldaten befehligen, mit dem Titel Chiliarch. Und damals wurden zuerst die Truppen nach dieser Zahl eingeteilt, während es vorher Abteilungen von fünfhundert Mann gegeben hatte, die nicht als Belohnung der Tapferkeit zuerteilt wurden. Eine ungeheure Menge von Soldaten war zusammengeströmt, um dem Ruhmeswettstreit beizuwohnen, zugleich Zeuge der Thaten eines jeden und bereit ihr Urteil über die Richter abzugeben, da es bei keinem verborgen bleiben konnte, ob ihm die Ehre mit Recht oder Unrecht zuerteilt würde. Den ersten Preis unter allen erhielt seiner Tapferkeit wegen Atharrias, ein alter Soldat, der bei Halikarnaß den von seinen jüngern Kameraden aufgegebenen Kampf fast ganz allein erneuert hatte. Für den nächsten erklärte man Antigenes; den dritten Platz erhielt Philotas aus Augäa13, den vierten [136] Amyntas; nach ihnen kam Antigonus und ihm zunächst der Lynkestier14 Amyntas; die siebente Stelle erhielt Theodotus, die letzte Hellanikus. Auch in der Einrichtung des Kriegswesens änderte er sehr vieles aus alter Zeit Herkömmliche auf höchst ersprießliche Weise. Während zum Beispiel früher die Reiter ein jeder bei seinem besondern Stamme eingereiht wurden, so hob er den Unterschied der Nationen auf und teilte sie erlesenen Führern zu, ohne Rücksicht darauf, ob sie von gleichem Stamme waren. Wenn aufgebrochen werden sollte, gab man das Signal mit der Trompete, deren Schall jedoch vor dem nun entstehenden Lärme des eiligen Aufbruches meistenteils nicht deutlich vernommen werden konnte; er errichtete also über dem Königszelte eine hohe Stange, die nach allen Seiten hin sichtbar war, und auf dieser erhob sich das allen gleich sichtbare Signal, Nachts ein Feuer, am Tage eine Rauchsäule.
8 (1) Als er bereits im Begriff war nach Susa zu marschieren, schickte Abulites, der Statthalter jener Gegend, sei es auf Darius’ Befehl, um Alexander durch die Beute aufzuhalten, oder aus eigenem Antriebe, ihm seinen Sohn entgegen, mit dem Versprechen, ihm die Stadt übergeben zu wollen. Der König nahm den Jüngling freundlich auf und gelangte unter seiner Führung zum Flusse Choaspis, der, wie man sagt, sehr wohlschmeckendes Wasser führt15. Hier kam ihm Abulites mit Geschenken königlicher Großartigkeit entgegen, darunter Dromedare von ausgezeichneter Schnelligkeit und zwölf Elephanten, die Darius aus Indien hatte bringen lassen, nun nicht mehr ein Schrecken, wie er gehofft hatte, sondern eine Hilfe für die Makedonier, da das Schicksal die Schätze des Besiegten dem Sieger in die Hände gab. Wie er vollends in die Stadt eingezogen war, ließ er aus den Schatzkammern eine unglaubliche Menge Geldes fortführen, fünfzigtausend Talente Silber, noch ungeprägt und blos in rohen Stücken. Viele Könige hatten in einer langen Reihe von Jahren diese ungeheuern Schätze für ihre Kinder und Nachkommen, wie sie meinten, aufgehäuft, und nun gab sie eine einzige Stunde in die Hände des fremden [137] Königs. Er setzte sich hierauf auf den königlichen Thron, der jedoch für seine Körperstatur viel zu hoch war. Da also seine Füße den obersten Tritt nicht erreichten, so stellte einer von den königlichen Pagen einen Tisch darunter; und als der König einen Eunuchen, der dem Darius angehört hatte, darüber seufzen sah, fragte er ihn um den Grund seines Schmerzes. Dieser gab an, Darius habe an diesem Tische zu essen gepflegt, und er könne nicht ohne Thränen sehen, wie dessen geheiligter Tisch nun zum Gespött werde. Da ergriff den König die Scheu, die Götter des Gastrechts zu erzürnen, und er wollte schon Befehl geben ihn wegzunehmen, als Philotas rief: „Thu das doch ja nicht, mein König, sondern sieh es vielmehr als ein Vorzeichen an, daß der Tisch, von welchem dein Feind sein Mahl genommen hat, dir unter die Füße gestellt ist.“
9 (1) Im Begriff nach den Grenzen der Landschaft Persis vorzurücken übergab der König die Stadt Susa nebst einer Besatzung von dreitausend Mann dem Archelaus; dem Xenophilus wurde die Aufsicht über die Burg, deren Bewachung aber den schon bejahrteren makedonischen Soldaten übertragen. Die Überwachung der Schatzkammern erhielt Kallikrates anvertraut, und die Satrapie Susiana wurde dem Abulites zurückgegeben. Auch Darius’ Mutter und Kinder ließ er in dieser Stadt zurück. Zufällig waren ihm makedonische Gewänder nebst vielen Purpurstoffen zum Geschenk aus Makedonien geschickt worden. Er befahl sie samt ihren Verfertigerinnen zur Sisigambis zu bringen, der er jegliche Ehre, ja die Ehrerbietung eines Sohnes zu erweisen pflegte. Zugleich ließ er ihr sagen, wenn ihr die Stoffe auch gefielen, solle sie ihre Enkelinnen unterweisen lassen solche zu fertigen; er mache ihnen die Mädchen, die sie darin unterrichten könnten, zum Geschenk16. Auf diese Botschaft jedoch brach Sisigambis in Thränen aus, welche verrieten, daß ihr dies Geschenk eine Schmach sei; denn nichts halten die persischen Frauen für schimpflicher, als sich mit Wollarbeit zu beschäftigen. Die Überbringer der Geschenke meldeten Alexander, wie Sisigambis darüber betreten sei, und es schien ihm daher passend, sich deshalb zu entschuldigen und sie zu trösten. Er ging also selbst zu ihr und [138] sprach: „Sieh, Mutter, dieses Gewand, womit ich bekleidet bin, ist nicht allein ein Geschenk, sondern auch eine Arbeit meiner Schwestern. Unsre Sitten haben mich zu dem Irrtum veranlaßt. Deute also, ich beschwöre dich, meine Unwissenheit nicht als Beschimpfung. Soweit ich mit euren Sitten bekannt bin, habe ich sie, wie ich hoffe, im vollsten Maße gegen dich beobachtet. Ich weiß, daß es bei euch dem Sohne nicht ziemt, sich vor den Augen der Mutter niederzusetzen, außer wenn sie es ihm erlaubt hat. Darum bin ich, so oft ich zu dir gekommen bin, stehen geblieben, bis du mich zum Sitzen einludest. Öfters hast du vor mir niederfallen wollen: ich habe es gehindert; und den Namen, den ich meiner vielgeliebten Mutter Olympias schuldig bin, lege ich auch dir bei.“
10 (1) Nachdem er sie begütigt, gelangte er in vier Tagemärschen zu dem Flusse Tigris, der bei den Einwohnern Pasitigris17 heißt. Er entspringt auf den Gebirgen der Uxier und fließt fünfzig Stadien weit18 zwischen waldigen Ufern und Felsen reißend hinab. Dann nehmen ihn Gefilde auf, die er, schon fähig Schiffe zu tragen, sanfteren Laufes durchzieht. Es folgen sechshundert Stadien [111 km.] Marschbodens, durch den seine Gewässer langsam hinfließen, um sich mit dem persischen Meere zu vermischen. Nachdem er den Fluß überschritten, kam er mit neuntausend Mann Fußvolk, den Agrianern, den Bogenschützen und dreitausend griechischen Söldnern nebst tausend Thrakiern in das Gebiet der Uxier. Dies liegt Susa zunächst und erstreckt sich bis an die Grenzen von Persien, zwischen sich und Susiana nur einen engen Zugang offen lassend. Befehlshaber über diese Gegend war Medates, keineswegs ein Mann der augenblicklichen Verhältnisse, sondern entschlossen, für seine Pflicht das Äußerste zu versuchen. Doch der Gegend kundige Leute belehrten Alexander, daß es auf Fußsteigen und auf der der Stadt abgewendeten Seite einen verborgenen Weg gäbe; schickte er eine geringe Anzahl Leichtbewaffneter ab, so würden diese über den Häuptern der Feinde herauskommen. Ihr Rat wurde angenommen, und sie selbst dienten als Wegweiser. Eintausendfünfhundert Söldner und ungefähr tausend Agrianer [139] erhielten unter Anführung Taurons Befehl, sich nach Sonnenuntergang auf den Weg zu machen. Er selbst ließ in der dritten Nachtwache aufbrechen, passierte gegen Tagesanbruch den Engpaß und begann, nachdem er zur Fertigung von Schanzkörben und Schutzdächern Holz hatte fällen lassen, um die, welche die Türme heranrückten, vor Wurfgeschossen zu sichern, die Belagerung der Stadt. Alles war äußerst steil und durch Felsen und Klippen unzugänglich. Zahlreiche Verwundungen trieben sie daher anfangs zurück, indem man nicht allein mit dem Feinde, sondern auch mit der Örtlichkeit zu kämpfen hatte. Dennoch drangen sie vor, weil der König sich unter die Vordersten gestellt hatte und fragte, ob sie, die Bezwinger so vieler Städte, nicht erröteten, sich bei der Belagerung eines kleinen und unbekannten Kastells aufzuhalten, indem er ihnen zugleich vorstellte..19. Unterdes zielten nach ihm die Geschosse, aber die Soldaten schützten ihn durch ein vor ihm gebildetes Schilddach, da sie ihn nicht bewegen konnten den Kampf zu verlassen.
11 (1) Endlich zeigte sich Tauron mit seiner Schar oberhalb der Burg der Stadt, und bei seinem Anblick begann dort den Feinden der Mut zu sinken, hier der Angriff der Makedonier heftiger zu werden. Von zwei Seiten drohte den Verteidigern Gefahr, und der Andrang der Feinde ließ sich nicht mehr hemmen. Wenige waren zu sterben entschlossen, die Mehrzahl dachte an Flucht, und ein großer Teil zog sich in die Burg zurück. Von dort wurden dreißig Unterhändler geschickt, um Gnade zu erbitten; doch erhielten sie vom König die harte Antwort, daß Gnade nicht statthaft sei. Aus Furcht daher vor einem grausamen Tode schickten sie auf einem geheimen, dem Feinde unbekannten Wege zu Darius’ Mutter Sisigambis, um sie zu bitten, daß sie selbst den König milder stimmen möchte, da ihnen wohlbekannt war, wie er sie gleich einer Mutter liebte und verehrte. Auch hatte Medates eine Tochter ihrer Schwester geheiratet und war also mit Darius durch nahe Verwandtschaft verknüpft. Lange widerstand Sisigambis den Bitten der Flehenden und meinte, eine Fürbitte für sie sei in ihrer Lage nicht passend. Sie müsse, fügte sie hinzu, des Siegers Nachsicht zu ermüden fürchten, und daß sie jetzt eine Gefangene sei, gehe ihr öfter [140] durch den Sinn, als daß sie einst Königin gewesen. Endlich gab sie nach und bat brieflich bei Alexander in der Weise vor, daß er diese ihre Fürbitte entschuldigen möge. Sie ersuche ihn, auch den andern, wo aber nicht, wenigstens ihr zu verzeihen. Für ihren nahen Verwandten, der nicht mehr sein Feind sei, sondern seine Gnade anrufe, flehe sie, und zwar nur um sein Leben. Wie groß damals die Mäßigung und Milde des Königs war, kann schon dieser eine Fall zeigen: er verzieh nicht nur dem Medates, sondern ließ auch allen, die sich ihm ergeben hatten und gefangen waren, Freiheit und Straflosigkeit angedeihen; die Stadt ließ er unversehrt und gestattete den Bewohnern, ihre Ländereien ohne Abgaben zu bebauen. Mehr hätte auch von Darius nach einem Siege seine Mutter nicht erlangt.
12 (1) Das unterworfene Volk der Uxier stellte er noch unter den Satrapen von Susiana; dann teilte er sein Heer mit Parmenio und befahl diesem auf dem ebenen Wege vorzurücken, während er selbst mit einer kampffertigen Schar den Weg über die Gebirge einschlug, die sich in einem ununterbrochenen Rücken bis nach Persis erstrecken. Nachdem er diese ganze Gegend verheert hatte, drang er am dritten Tage in Persis, am fünften Tage in die Engpässe ein, die den Namen der susischen Pforten führen. Ariobarzanes hatte mit fünfundfünfzigtausend Mann Fußvolk diese senkrechten und nach allen Seiten steil abschüssigen Felsen besetzt, auf deren Gipfeln die Barbaren außerhalb Schußweite standen und absichtlich ruhig und in furchtsamer Haltung verharrten, bis der Zug zu der engsten Stelle des Passes vorgedrungen wäre. Als sie nun den Feind ihrer nicht achtend vorwärts marschieren sahen, da wälzten sie über den Abhang der Berge ungeheure Felsstücke herab, die, öfters an den darunter befindlichen Klippen anprallend, mit desto größerer Gewalt einschlugen und nicht nur einzelne, sondern ganze Reihen zermalmten. Auch mit Schleudern geworfene Steine und Pfeile überschütteten sie von allen Seiten. Und das war nicht das Kläglichste für die tapfern Männer, sondern daß sie, ohne sich rächen zu können, wie wilde Tiere, die man in einer Grube gefangen, hingeschlachtet wurden. Ihr Zorn steigerte sich also zur Wut: sie umklammerten die hervorragenden Felsspitzen, um an den Feind zu gelangen, und einer den andern stützend, suchten sie hinauf zu klimmen. Doch diese Felsspitzen selbst, von vielen [141] Händen zugleich umfaßt und losgerissen, stürzten auf die nieder, die sie gelockert hatten. Man konnte also weder stehen bleiben, noch hinaufklimmen, ja nicht einmal sich durch ein Schilddach decken, da die Barbaren Lasten von so ungeheurer Schwere herniederwälzten. Den König peinigte nicht nur Schmerz, sondern auch Scham, sein Heer unvorsichtig in diesem Engpasse preisgegeben zu haben. Bis auf diesen Tag war er unbesiegt gewesen, hatte nichts vergeblich gewagt: ohne Verlust war er in die Engpässe Ciliciens eingedrungen, das Meer selbst hatte ihm einen neuen Weg nach Pamphylien eröffnet20. Jetzt war sein Glück in eine Falle geraten und saß fest, und kein anderes Mittel gab es, als auf dem Wege, auf dem er gekommen, zurückzukehren. Er gab daher das Zeichen zum Rückzuge und befahl in dichtgeschlossenen Gliedern, die Schilde über den Köpfen zusammengehalten, aus dem Engpasse zurückzuweichen. Dreißig Stadien [c. 5,5 km.] waren es, die sie zurückmarschierten.
13 (1) Nachdem er hierauf sein Lager an einem nach allen Seiten offnen Platze aufgeschlagen hatte, hielt er nicht nur Rat, was nun zu thun sei, sondern zog auch aus abergläubischen Bedenken die Wahrsager zu. Allein was konnte ihm unter diesen Umständen Aristander, dem er unter den Wahrsagern das meiste Vertrauen schenkte, verkünden? Er verwarf daher unzeitgemäße Opfer und ließ die der Gegend Kundigen zusammenrufen. Diese zeigten ihm, daß durch Medien ein sicherer und offener Weg führe; allein der König schämte sich, seine Soldaten unbegraben zurückzulassen, da nach der herkömmlichen Sitte kaum auf irgend eine militärische Pflicht so unverbrüchlich gehalten wurde, als auf die Beerdigung der Kameraden. Er ließ also die Gefangenen, die er neuerdings gemacht hatte, rufen: unter ihnen befand sich einer, der der griechischen und persischen Sprache mächtig war und ihm versicherte, daß er vergeblich sein Heer auf dem Bergrücken nach [142] Persis zu führen suche. Es seien nur Waldsteige, kaum für einzelne gangbar; alles sei mit Laubholz bedeckt und die unter einander verschlungenen Baumzweige machten die Waldung undurchdringlich. Die Landschaft Persis ist nämlich auf der einen Seite21 in einer Längenausdehnung von sechzehnhundert Stadien [297 km] und einhundertsiebzig Stadien [31,4 km] in die Breite durch ununterbrochene Gebirgszüge verschlossen. Dieser Gebirgsrücken reicht vom Kaukasus bis an das Rote Meer, und wo das Gebirge aufhört, stellt sich als ein anderes Bollwerk das Meer entgegen. Am Fuß der Berge dehnt sich dann eine weitläufige Ebene aus, ein fruchtbares und mit vielen Dörfern und Städten besetztes Land. Durch diese Gefilde wälzt der Araxes22 die Wasser vieler Gießbäche dem Flusse Medus zu; dieser aber, der kleiner ist als der, den er aufgenommen, ergießt sich, gegen Mittag gewendet, ins Meer. Und kein anderer Fluß ist dem Wachstum von Gras und Kräutern günstiger, da er alle Ufer, die er bespült, mit Blumen überkleidet. Auch Platanen und Pappeln bedecken seine Ufer, so daß, aus der Ferne gesehen, die Ufergebüsche mit den Bergwaldungen zusammenzuhängen scheinen. Denn der umschattete Fluß gleitet im tiefeingeschnittenen Bett dahin, und Hügel überragen ihn, ebenfalls voll üppigen Laubwaldes, da das Wasser bis an ihren Fuß herantritt. Keine andere Gegend in ganz Asien gilt für gesünder. Das Klima wird einerseits durch den ununterbrochenen dunkeln und schattigen Bergrücken gemäßigt, welcher die Hitze mindert, andrerseits durch das benachbarte Meer, das dem Lande eine milde Wärme verleiht.
14 (1) Als ihm der Gefangene dies dargelegt hatte, fragte ihn der König, ob er das Gesagte von andern gehört oder mit eigenen Augen gesehen habe, worauf er erwiderte, er sei Hirt gewesen und habe alle jene Pfade durchwandert; zweimal sei er gefangen worden, einmal in Lykien von den Persern, das andere mal jetzt von ihm. Da kam dem König die Erinnerung an einen vom Orakel gegebenen Ausspruch. Auf sein Befragen nämlich war ihm die Antwort geworden, sein Wegweiser nach Persis werde ein Einwohner von Lykien sein. Er versprach ihm daher alles, was der gegenwärtigen Not und den [143] Verhältnissen des Mannes angemessen schien, ließ ihn wie einen Makedonier bewaffnen und befahl ihm, unter der Götter Beistand den Weg zu zeigen: wäre er auch noch so hoch und steil, so wolle er ihn doch mit einer kleinen Schar überwinden, er müßte denn etwa glauben, daß, wo er selbst um seines Viehes willen gegangen sei, Alexander für seine Ehre und ewigen Ruhm nicht gehen könne. Immer aufs neue erklärte ihm der Gefangene, wie schwierig der Weg sei und namentlich für Bewaffnete. Da rief der König: „Nimm mich zum Bürgen, daß keiner von denen, die mir folgen, sich weigern wird den Weg zu gehen, den du uns führst.“ Er ließ also den Kraterus zur Bewachung des Lagers zurück mit dem Fußvolk, das er gewöhnlich befehligte, und den Truppen, welche Meleager führte, nebst tausend Bogenschützen zu Pferd, und gab ihm die Weisung, das Lager äußerlich unverändert, mit Absicht aber mehr Feuer anzünden zu lassen, damit die Barbaren desto eher glaubten, der König selbst befinde sich im Lager. Wenn übrigens vielleicht Ariobarzanes merke, daß er auf dem Umwege über die Waldpfade eindringe, und versuche diesen seinen Weg zu besetzen und ihm einen Teil seiner Truppen entgegenzuwerfen, so solle ihn Kraterus durch den Schrecken eines Angriffes zurückzuhalten suchen: dieser werde sich dann mit seinen Leuten gegen die nähere Gefahr wenden. Gelänge es ihm dagegen, den Feind zu täuschen und das Gebirge zu besetzen, dann solle er, sobald er die Verwirrung und Ängstlichkeit der Barbaren wahrnähme, ohne Bedenken auf eben der Straße, auf welcher sie Tags vorher zurückgetrieben waren, vorrücken, denn sie werde frei sein, da sich die Feinde gegen ihn gewendet haben würden.
15 (1) Er selbst machte sich in der dritten Nachtwache in schweigendem Zuge und ohne selbst mit der Trompete ein Zeichen geben zu lassen, zu dem angezeigten Marsche über die Fußpfade auf. Seinen leichtbewaffneten Soldaten hatte er befohlen, für drei Tage Lebensmittel mitzunehmen. Doch außer den unwegsamen Felsen und steilen Klippen, auf denen der Fuß wiederholt ausglitt, ermattete die Marschierenden der vom Winde aufgehäufte Schnee; denn man fiel wie in Gruben und versank darin, und wenn sie von ihren Kameraden emporgehoben wurden, zogen sie ihre Helfer öfter mit hinab, als daß sie heraufkamen. Auch die [144] Nacht und die unbekannte Gegend und die Ungewißheit, ob der Führer hinlänglich zuverlässig sei, vermehrte die Furcht: entlief dieser den ihn bewachenden Begleitern, so konnten sie selbst wie wilde Tiere gefangen werden. Von der Treue und dem Leben eines einzigen Gefangenen hing, das fühlten sie, sowohl ihres Königs als ihre eigene Rettung ab. Endlich gelangten sie auf die Höhe des Gebirges. Rechts führte der Weg gerade zu Ariobarzanes: hier ließ er den Philotas und Cönus nebst Amyntas und Polyperkon mit einer kampffertigen Schar zurück, mit dem Auftrage, weil sie Reiter und Fußgänger vermischt hatten, und der Boden da am fruchtbarsten und futterreichsten war, allmählich vorzurücken; als Wegweiser erhielten sie einige von den Gefangenen. Er selbst mit der Garde und der sogenannten Leibschwadron drang auf einem steilen, aber von der Stellung der Feinde weiter entfernten Pfade unter großen Schwierigkeiten vorwärts. Es war Mittag und für die Erschöpften Ruhe unerläßlich, denn man hatte noch einen eben so weiten Weg vor sich, als schon gemacht war, wenn auch weniger steil und hoch. Nachdem sich also die Soldaten durch Speise und Schlaf gestärkt hatten, erhob er sich in der zweiten Nachtwache. Den übrigen Marsch nun legte man ohne große Mühe zurück; doch wo sich das Gebirgsjoch allmählich mehr zur Ebene hinabsenkte, fand man den Weg durch eine ungeheure Schlucht, die zusammenströmende Gießbäche ausgewühlt hatten, unterbrochen. Dazu hatten die in einander verschlungenen und zusammenhängenden Baumzweige gleichsam einen ununterbrochenen Zaun vorgezogen. Da bemächtigte sich ihrer grenzenlose Verzweiflung, so daß sie sich kaum der Thränen enthielten. Namentlich war es die Dunkelheit, die sie schreckte; denn wenn auch hier und da Sterne schimmerten, so hinderte doch das undurchdringliche Laub der Bäume dieselben zu sehen. Nicht einmal zu horchen war möglich, da der Wind den Wald schüttelte, und durch das Zusammenschlagen der Zweige ein größeres Brausen als im Verhältnis zu seiner Stärke verursachte. Endlich ließ das ersehnte Tageslicht alles minder schrecklich erscheinen, als es die Nacht gemacht hatte: die Ausschwemmung ließ sich durch einen kurzen Umweg umgehen und ein jeder begann sein eigener Wegweiser zu sein.
16 (1) So gelangten sie auf einen hohen Gipfel; von hier erblickten sie den Standort der Feinde, waffneten sich ohne Verzug und [145] zeigten sich ihnen, die nichts der Art ahnten, im Rücken. Einige wenige, die zu kämpfen wagten, wurden niedergehauen, und teils das Gestöhn der Sterbenden, teils der klägliche Anblick der zu den Ihrigen Zurückeilenden riß auch die Unversehrten, bevor sie noch den Kampf versucht, zur Flucht fort. Als man nun in dem von Craterus befehligten Lager das Geschrei vernahm, so rückten die Truppen aus, um den Engpaß, worin sie vorher stecken geblieben waren, zu besetzen. Zugleich jagte auch Philotas, der nebst Polypercon, Amyntas und Cönus befehligt war, einen andern Weg zu marschieren, den Barbaren neuen Schrecken ein. Dennoch lieferten sie, obwohl von allen Seiten die Waffen der Macedonier erglänzten, und sie von doppelter Gefahr überrascht waren, kein verächtliches Treffen. Die Not, scheint es mir, verleiht auch der Feigheit einen Stachel, und oft wird Verzweiflung die Mutter neuer Hoffnung. Unbewaffnete umschlangen Bewaffnete, zogen sie durch ihre gewaltige Körperlast mit sich zu Boden und durchbohrten viele mit ihren eigenen Waffen. Ariobarzanes brach jedoch, von ungefähr vierzig Reitern und fünftausend Fußgängern umgeben, mitten durch die macedonische Stellung, unter großem Blutvergießen der Seinigen sowohl wie der Feinde, und eilte Persepolis, die Hauptstadt des Landes, zu besetzen. Doch von den städtischen Wachposten nicht eingelassen, fiel er, da die Feinde rastlos gefolgt waren, mit allen Begleitern seiner Flucht im erneuerten Kampfe. Auch Craterus, der mit größter Eile marschiert war, kam dazu.
17 (1) Der König schlug auf derselben Stelle, wo er die feindlichen Truppen geschlagen hatte, ein festes Lager auf. Denn obwohl der Feind auf allen Seiten gewichen war und ihn im Besitz des Sieges gelassen hatte, fand sich doch der Weg durch sehr tiefe und steile Gräben, die an verschiedenen Stellen vorgezogen waren, versperrt, so daß man, zwar nicht mehr aus Furcht vor Feindeslist, sondern vor versteckten Terrainhindernissen, allmählich und vorsichtig vorrücken mußte. Auf dem Weitermarsche wurde ihm ein Brief von dem königlichen Schatzmeister Tiridates überbracht, der ihm anzeigte, daß die Einwohner der Stadt auf die Nachricht von seiner Annäherung die von Darius preisgegebenen Schätze plündern wollten; er solle also eilen, ihnen zuvorzukommen; [146] der Weg sei ohne Hindernisse, obgleich der Araxes dazwischen fließe. Keine kriegerische Eigenschaft dieses großen Königs möchte ich höher stellen als seine Schnelligkeit. Er ließ das Fußvolk zurück, und gelangte, die ganze Nacht marschierend, mit der schon durch so weite Wegstrecken ermüdeten Reiterei bei Tagesanbruch an den Araxes. In der Nähe waren Dörfer. Diese zerstörte er und schlug schleunigst aus dem Bauholz derselben auf einer Unterlage von Steinen eine Brücke darüber. Und schon waren sie nicht mehr weit von der Stadt, als ihm ein bejammernswerter Zug entgegenkam, wie wenige ein merkwürdiges Beispiel menschlichen Schicksals. Gefangene Griechen waren es, gegen viertausend ungefähr, die die Perser auf mannigfache Weise verstümmelt hatten. Den einen waren die Füße, andern Hände und Ohren abgehauen; und mit barbarischen Schriftzeichen gebrandmarkt, hatte man sie, um immer ihren Spott mit ihnen treiben zu können, zurückbehalten. Als man sich nun selbst unter fremder Botmäßigkeit sah, hatte man sich ihrem Wunsche, dem Könige entgegenzugehen, nicht widersetzt. Nie gesehene Gestalten, keine Menschen schienen es zu sein, und nichts als die Stimme war an ihnen erkennbar. So entlockten sie den Macedoniern mehr Thränen, als sie selbst vergossen hatten: denn bei dem vielfachen und mannigfaltigen Schicksal der einzelnen ließ sich, wenn man ihre zwar ähnlichen und dennoch verschiedenen Verstümmelungen betrachtete, nicht entscheiden, wer der Beklagenswerteste unter ihnen sei. Wie vollends jene in das Geschrei ausbrachen, endlich habe Jupiter, Griechenland zu rächen, die Augen geöffnet, da dünkten sich alle die gleiche Marter erfahren zu haben. Der König trocknete sich die Thränen, die er vergossen, und hieß sie gutes Mutes sein, sie sollten Vaterstadt und Gattin wiedersehen. Dann schlug er zwei Stadien von der Stadt ein festes Lager auf.
18 (1) Die Griechen hatten sich außerhalb des Lagers begeben, um zu beratschlagen, was sie am liebsten vom König erbitten sollten, und da es den einen besser deuchte, ihn um Wohnsitze in Asien anzugehen, den andern in die Heimat zurückzukehren, so soll Euctemon aus Cyme23 folgendermaßen zu ihnen gesprochen haben: „Wir, die [147] wir uns eben noch geschämt haben, selbst als Hilfesuchende aus dem Dunkel unseres Gefängnisses hervorzutreten, möchten, wie die Sachen nun stehen, unsere Verstümmelung, über die wir, ich weiß nicht ob mehr beschämt oder betrübt sein sollen, Griechenland gleichsam als ein ergötzliches Schauspiel zeigen. Nun aber trägt der sein Elend am besten, der es verbirgt, und es gibt für den Unglücklichen kein so trautes Vaterland wie die Einsamkeit und das Vergessen seines früheren Zustandes. Denn wer viel auf das Mitleid der Seinen baut, der weiß nicht, wie schnell Thränen vertrocknen. Niemand liebt den treulich, der ihm lästig ist; denn einerseits ist das Unglück zum Klagen, andererseits das Glück zum Hochmut geneigt. So läßt sich jedermann von seiner eigenen Lage beraten, wenn er über die eines andern urteilt. Wären wir nicht allesamt elend, so hätten auch wir einmal einer dem andern zum Ekel werden können: was Wunder also, wenn die Glücklichen immer ihres Gleichen aufsuchen? Ich beschwöre euch, laßt uns, für die es längst mit dem Leben vorbei ist, einen Ort aufsuchen, diese unsre nur noch halben Gliedmaßen zu vergraben und unsre gräßlichen Narben in der Fremde zu verbergen! Schön willkommen werden wir unsern Weibern, die wir als junge Männer ehelichten, zurückkehren! Dann unsre Kinder, in der Blüte ihrer Jahre und ihres Besitzes, werden sie diese Reste, die die Sklavenarbeit übrig gelassen, für ihre Väter erkennen wollen? Und der wievielste Teil von uns ist im stande, so viele Länder zu durchwandern? Fern von Europa in den äußersten Orient verwiesen, werden wohl wir Greise, Schwache und des größern Teils unserer Gliedmaßen Beraubte das aushalten, was die Kraft bewaffneter und siegreicher Männer erschöpft hat! Ferner die Weiber, die in unserer Gefangenschaft Zufall und Not als einzigen Trost mit uns verband, und unsre kleinen Kinder, sollen wir sie mit uns schleppen oder zurücklassen? Kommen wir mit ihnen, wird uns niemand der Unsrigen anerkennen wollen. Wir sollen also ohne weiteres diese gegenwärtigen Liebespfänder zurücklassen, da es doch ungewiß ist, ob wir jene, zu welchen wir begehren, erblicken werden? Nein, inmitten derer müssen wir uns verbergen, die unser Elend von Anfang an kennen.“ Also Euctemon.
19 (1) [148] Dagegen erhob sich der Athener Theätetus und sprach: Kein treuer Verwandter werde seine Angehörigen nach ihrem körperlichen Äußern schätzen, zumal wenn sie durch die Grausamkeit der Feinde, nicht von Natur Krüppel seien. Der sei jedes Unglückes wert, der sich des unverschuldeten schäme, denn er spreche ein trauriges Urteil über die Menschheit und verzweifle an ihrer Barmherzigkeit, weil er selbst sie einem andern verweigern würde. Die Götter böten ihnen, was sie selbst niemals zu wünschen gewagt hätten, Vaterland, Gattinnen, Kinder und was nur immer die Menschen so teuer wie ihr Leben halten und selbst durch den Tod wiederzuerkaufen suchen. Ja, herausbrechen sollten sie aus diesem Gefängnis! Eine andere Luft atme man in der Heimat, eine andere Sonne leuchte dort. Sitten, heilige Gebräuche, Umgangssprache sogar entlehnten sie hier von den Barbaren, und wollten sie diese angeborenen Güter freiwillig aufgeben, so würde ihr schwerstes Unglück gerade dies sein, daß sie genötigt wären, jener Dinge zu entbehren. Er wenigstens werde zu seinen Hausaltären und in sein Vaterland zurückkehren und von dieser großen Wohlthat des Königs Gebrauch machen. Wenn welche von der Liebe zu ihren Zuhälterinnen und den Kindern, die sie notgedrungen in der Knechtschaft als solche anerkannt hätten, sich wollten festhalten lassen, so sollten die, denen nichts teurer sei als ihr Vaterland, sie verlassen. Wenige waren dieser Ansicht, bei den übrigen überwog die Gewohnheit, die stärker ist als die Stimme der Natur. Sie kamen überein, den König zu bitten, daß er ihnen irgend einen Wohnsitz anweisen möge. Dazu wurden hundert aus ihrer Mitte erwählt. Da Alexander glaubte, sie kämen sich das zu erbitten, was er selbst für das Bessere hielt, so sprach er: „Ich habe Befehl gegeben, euch Tiere zum Reiten anzuweisen, und jedem von euch tausend Denare auszuzahlen. Seid ihr nach Griechenland zurückgekehrt, so will ich sorgen, daß, abgesehen von diesem euren Unglück, niemand seine Lage für besser halten soll als die eure.“ Jene blickten, Thränen im Auge, zur Erde und wagten weder den Blick aufzuschlagen noch zu sprechen. Endlich, als sie der König um die Ursache ihrer Traurigkeit befragte, antwortete ihm Euctemon ähnliches, wie er bei der Beratung gesprochen hatte. Da gebot der König, voll Mitleid nicht nur für ihr [149] Schicksal sondern auch ihre Bekümmernisse, jedem dreitausend Denare zu geben, dazu noch zehn Gewänder, und Rinder und Schafe und Getreide, um den ihnen zugeteilten Acker bearbeiten und besäen zu können.
20 (1) Am folgenden Tage rief er die Führer der Truppen zusammen und zeigte ihnen, daß keine Stadt eine größere Feindin Griechenlands sei, als die Residenz der alten Perserkönige. Von hier aus hätten sich jene unermeßlichen Schwärme über dasselbe ergossen, von hier aus erst Darius, dann Xerxes Europa mit ungerechtem Kriege überzogen. Durch ihre Zerstörung müsse man den Vorfahren ein Totenopfer bringen. Auch hatten bereits die Barbaren die Stadt verlassen und waren, von Furcht gejagt, nach allen Richtungen entflohen, als der König ohne Zögern seine Phalanx hineinführte. Viele Städte, mit königlichen Reichtümern angefüllt, waren teils durch Eroberung, teils durch Übergabe in seine Gewalt gekommen, aber die Reichtümer dieser Stadt übertrafen alles frühere. Hierher hatten die Barbaren die Schätze von ganz Persien zusammengeschleppt: Gold und Silber in Haufen, eine Unmasse gewebter Stoffe, Gerät, das keinem Gebrauch, sondern zur Entfaltung verschwenderischer Pracht diente. Unter den Siegern selbst gab es daher blutige Kämpfe; wie einen Feind betrachtete man, wer eine kostbarere Beute weggehascht hatte, und da sie nicht alles, was ihnen in die Hände fiel, unterbringen konnten, so bemächtigte man sich nicht mehr bloß der Sachen, sondern fragte erst nach ihrem Werte. Königliche Gewänder wurden zerfetzt, indem jeder ein Stück an sich reißen wollte; mit Äxten zerhieb man kostbare und kunstvolle Gefäße; nichts blieb unangetastet oder wurde unversehrt fortgetragen; wie sie jeder abgeschlagen, schleppte man losgerissene Glieder von Bildsäulen. Aber nicht allein die Habsucht, sondern auch die Grausamkeit wütete in der eroberten Stadt: mit Gold und Silber beladen, schlachtete der Krieger die für nichts mehr geachteten Gefangenen, und überall wurde, wer ihm in den Weg kam, niedergemacht, während sonst das zu hoffende Lösegeld Schonung erwirkte. Viele also kamen dem Mord der Feinde durch freiwilligen Tod zuvor und stürzten, in ihre kostbarsten Gewänder gekleidet, sich selbst mit ihren Weibern und Kindern von den Mauern in die Tiefe. Manche warfen, wie es ja auch bald vom Feinde zu erwarten schien, [150] Feuer in ihre Häuser, um mit den Ihrigen lebendig zu verbrennen. Endlich gebot der König den Seinigen, der Person und des Schmuckes der Frauen zu schonen. Ungeheuer wird die Masse des erbeuteten Geldes angegeben, so daß es beinahe allen Glauben übersteigt. Doch werden wir entweder auch an andern Nachrichten zweifeln oder es glauben müssen, daß sich in den königlichen Schatzkammern dieser Stadt 120000 Talente fanden. Um dies Geld fortzuschaffen – denn er hatte beschlossen, es für den Bedarf des Krieges mit sich zu führen – befahl er, Lasttiere und Kamele von Susa und Babylon her zusammenzubringen. Zu jener Geldsumme kamen noch nach der Einnahme von Persagadä24 6000 Talente. Persagadä war von Cyrus erbaut, und der Befehlshaber der Stadt Gobares übergab es an Alexander.
21 (1) In der Burg von Persepolis ließ Alexander eine Besatzung von 3000 Macedoniern zurück, unter dem Oberbefehl des Nicarchides; auch dem Tiridates, der ihm den Schatz überliefert hatte, ließ er den Ehrenposten, den er bei Darius innegehabt, und über einen großen Teil des Heeres, den er nebst dem Gepäck hier zurückließ, setzte er den Parmenio und Craterus. Er selbst zog mit tausend Reitern und einer kampffertigen Schar von Fußgängern um die Zeit des Siebengestirnes25 nach den inneren Teilen von Persis, und obwohl verfolgt von vielen Regengüssen und kaum abzuhaltendem Unwetter, beharrte er dennoch dabei, nach dem beabsichtigten Ziele vorzudringen. Man war auf einen von immerwährendem Schnee bedeckten Weg gekommen, den der starke Frost zu Eis verhärtet hatte. Das eintönige Grau der Gegend und die weglosen Einöden schreckten die ermatteten Soldaten, die die Grenzen der menschlichen Wohnsitze zu sehen meinten. Entsetzt erblickten sie alles wüst und ohne irgend Spuren menschlicher Kultur, und drangen in ihn, umzukehren, bevor sie sich auch von Licht und Luft verlassen sähen. Der König gab sich nicht die [151] Mühe, die Verzagten zu schelten, sondern sprang selbst vom Pferde und begann zu Fuß über den Schnee und die gefrorene Eisfläche fortzuschreiten. Man schämte sich, ihm nicht zu folgen, erst die Freunde, dann die Führer der Truppen, zuletzt auch die Soldaten; und der König ergriff zuerst eine Hacke und bahnte sich, das Eis zerhauend, einen Weg. Seinem Beispiel folgten die übrigen. Endlich, nachdem sie fast ganz unwegsame Waldungen durchzogen, fanden sie einzelne Spuren menschlicher Kultur und hin und wieder weidende Viehherden. Wie aber die Einwohner, die in zerstreuten Hütten wohnten und sich durch die unwegsamen Steige gesichert geglaubt hatten, den feindlichen Zug erblickten, so töteten sie die, welche sie auf ihrer Flucht nicht begleiten konnten, und eilten in die abseits liegenden, mit Schnee bedeckten Berge. Dann, als durch Zwiesprache mit den Gefangenen ihre wilde Scheu allmählich gemindert war, ergaben sie sich dem König, der auch keine härtere Strafe über sie verhängte. Als er hierauf die Ländereien von Persis verheert und viele Ortschaften sich unterworfen hatte, kam man zu dem kriegerischen Volke der Marder26, das in seiner Lebensweise von den übrigen Persern vielfach abweicht. Sie graben Höhlen in die Berge, worin sie sich und ihre Weiber und Kinder verbergen; ihre Nahrung ist das Fleisch der Herden oder des Wildes. Nicht einmal die Weiber besitzen eine ihrer Natur angemessene mildere Sinnesart; ihr Haar starrt struppig empor, ihr Kleid reicht noch nicht bis zum Knie, und die Stirn umbinden sie mit einer Schleuder, die ihnen zugleich als Kopfschmuck und Waffe dient. Aber auch dieses Volk bezwang dieselbe unwiderstehliche Gewalt seines Glückes. So kehrte er dreißig Tage nach seinem Aufbruche von Persepolis eben dahin zurück. Hierauf beschenkte er seine Freunde und die übrigen, einen jeglichen nach Verdienst, so daß er beinahe alles, was er in dieser Stadt erbeutet hatte, verteilte.
22 (1) Doch schändete er seine ungemeinen geistigen Gaben, jene Hochherzigkeit, durch die er alle Könige übertraf, jene Ausdauer bei Überstehung von Gefahren, seine Raschheit im Unternehmen und [152] Ausführen, sein treues Worthalten gegen die, welche sich ihm ergaben, seine Milde gegen die Gefangenen, seine Mäßigung selbst in erlaubten und gewöhnlichen Vergnügungen durch eine unerträgliche Neigung zum Trunke. Während sein Feind und Nebenbuhler in der Herrschaft sich gerade zum neuen Kampfe rüstete, während die, welche er besiegt, nur eben erst unterworfen waren und dem neuen Gebieter noch trotzten, begann er schon bei Tage mit Gelagen, denen auch Frauen beiwohnten, zwar nicht solche, deren Züchtigkeit zu nahe zu treten unrecht gewesen wäre, sondern Buhlerinnen, gewohnt, mit dem Soldaten auf freiere Manier als schicklich zu verkehren. Eine von diesen, namens Thais, versicherte, ebenfalls in trunkenem Zustande, er werde sich bei allen Griechen den größten Dank verdienen, wenn er Befehl gäbe, die königliche Residenz der Perser in Brand zu stecken: es erwarteten das die, deren Städte die Barbaren zerstört hätten. Der trunkenen Buhlerin, die über eine Sache von solcher Wichtigkeit ihre Meinung abgab, stimmte einer und der andere von den Gästen bei, die ebenfalls voll Weines waren. Auch der König war in mehr leidenschaftlicher als ruhiger Stimmung: „Warum also“, rief er, „rächen wir nicht Griechenland und werfen die Brandfackel in die Stadt?“ Alle waren vom Wein erhitzt, und so erhoben sie sich in ihrem Taumel, die Stadt anzuzünden, die sie mit den Waffen in der Hand verschont hatten. Zuerst warf der König Feuer in den Königspalast, dann die Gäste und Diener und Weiber. Der Palast war von vielem Cedernholz erbaut, das schnell vom Feuer ergriffen die Glut weithin verbreitete. Als das Heer, das nicht weit von der Stadt lagerte, dies sah, lief es, eine zufällige Feuersbrunst vermutend, herbei, um zu löschen; aber wie man zum Eingange des Palastes kam und den König selbst noch neue Feuerbrände herzubringen sah, ließ man das herbeigetragene Wasser stehen und begann noch trockenes Holz in die Glut zu werfen.
23 (1) Dieses Ende nahm die Herrscherresidenz des gesamten Ostens, von wo sich ehedem so viele Völker ihr Recht holten, die Wiege so vieler Könige, einst der alleinige Schrecken Griechenlands, die eine Flotte von tausend Schiffen und Heere in Bewegung setzte, von denen Europa überflutet wurde, nachdem man das Meer mit [153] Riesenbauten überbrückt und Berge durchstochen27 und in die gemachten Schluchten das Meer geleitet hatte. Und selbst nicht in so langer Zeit, wie seit ihrer Zerstörung verflossen ist, hat sie sich wieder erhoben. Die Könige aus macedonischem Stamme hatten andere Städte28, die jetzt im Besitze der Parther sind: von jener würde sich auch keine Spur mehr finden, wenn nicht der Araxes den Ort bezeichnete. Er war nicht weit von den Stadtmauern geflossen; und wie die Umwohner mehr glauben als wissen, war die Stadt zwanzig Stadien von ihm entfernt gewesen. Die Macedonier schämten sich, daß eine so herrliche Stadt von ihrem Könige beim Zechgelage zerstört worden war, weshalb man die Sache ins Ernste zog und sich selbst zu glauben zwang, daß die Stadt gerade so habe zerstört werden müssen. Der König selbst, sobald ihm Ruhe die von der Trunkenheit verdüsterte Besinnung zurückgegeben hatte, bereute bekanntlich seine That und äußerte, die Perser würden für Griechenland härter bestraft worden sein, wenn sie genötigt gewesen wären, ihn selbst auf dem Throne und in der Königsburg des Xerxes zu erblicken. Am folgenden Tage gab er dem lycischen Wegweiser, der ihn nach Persis geführt hatte, ein Geschenk von dreißig Talenten. Hierauf zog er in die Provinz Medien hinüber, wo ihm ein Ergänzungskorps frischer Truppen aus Cilicien entgegenkam. Es waren 5000 Fußgänger und 1000 Reiter, beide unter Befehl des Athener Platon. Durch diese Truppen verstärkt, beschloß er den Darius zu verfolgen.
24 (1) Dieser war bereits nach Ecbatana gelangt, das die Hauptstadt von Medien ist: jetzt ist es in den Händen der Parther und dient ihnen als Sommerresidenz. Er hatte dann beschlossen, sich nach Bactra zu wenden, aber aus Furcht, Alexanders Schnelligkeit möchte ihm zuvorkommen, änderte er seinen Entschluß und seinen Marsch. Alexander stand von ihm fünfzehnhundert Stadien entfernt, aber seiner Raschheit gegenüber schien kein Zwischenraum mehr groß genug zu sein. Darum rüstete er sich mehr zu einer Schlacht als zur Flucht. [154] 30000 Mann Fußvolk folgten ihm, worunter 4000 Griechen, bis zuletzt von unerschütterlicher Treue gegen den König. Die Schar der Schleuderer und Bogenschützen belief sich auf 4000; dazu 3300 Reiter, mehrenteils Bactrier. Sie wurden von Bessus, dem Statthalter von Bactrien, befehligt. Mit diesem Heere bog er ein wenig von der Militärstraße ab, nachdem er dem Troß und der Bedeckung des Gepäckes Befehl gegeben hatte, vorauszuziehen. Dann berief er einen Rat und sprach also: „Hätte mich das Schicksal mit Feiglingen und solchen verbunden, die das Leben unter jeder Bedingung höher achten als einen ehrenvollen Tod, so würde ich lieber schweigen als vergebliche Worte machen. Aber nachdem ich durch deutlichere Beweise als ich gewünscht hätte, eure Tapferkeit und Treue erprobt habe, halte ich es vielmehr für meine Schuldigkeit, mich zu bestreben, solcher Freunde würdig zu sein, als daran zu zweifeln, ob ihr noch dieselben seid wie vorher. Von so vielen Tausenden, die unter meinem Befehl gestanden haben, seid ihr nach zweimaliger Niederlage auf zweimaliger Flucht mir dennoch gefolgt. Eure Treue und Beständigkeit macht, daß ich noch den Glauben habe, König zu sein. Verräter und Überläufer befehligen jetzt in meinen Städten, wahrlich nicht, weil man sie so hoher Ehre für würdig hält, sondern um durch ihre Belohnung auch euch zu verlocken. Dennoch habt ihr euch lieber an mein als des Siegers Geschick anschließen wollen, wert, zum Danke dafür, wenn ich es nicht kann, statt meiner von den Göttern belohnt zu werden. Und wahrlich, sie werden euch belohnen! Keine spätere Zeit wird so taub, keine Geschichtschreibung so undankbar sein, daß sie nicht euch mit dem verdienten Lobe bis zum Himmel erhöhe.
25 (1) Wenn ich daher auch den Gedanken der Flucht gehegt hätte, obwohl ich von demselben weit entfernt bin, so würde ich dennoch, eurer Tapferkeit vertrauend, dem Feind entgegengezogen sein. Denn wie lange soll ich in meinem Reiche ein Vertriebener sein und durch die Länder meiner Herrschaft vor einem auswärtigen, von ferne gekommenen Könige hinfliehen? Da es doch möglich, wenn ich das Kriegsglück versuche, entweder das Verlorene wieder zu gewinnen, oder eines ehrenvollen Todes zu endigen. Es müßte denn vielleicht besser sein, die Entschließung des Siegers abzuwarten und nach dem Beispiel des Mazäus und Mithrenes von ihm die Lehensherrschaft über eines [155] meiner Völker zu empfangen, gesetzt nämlich, er wäre jetzt mehr geneigt, der Stimme seines Ruhmes als seiner Leidenschaft zu gehorchen. Aber das wollen die Götter nicht, daß mir irgend jemand diesen Schmuck meines Hauptes nehmen oder als eine Gnade verleihen könne: nein, lebend will ich dies mein Reich nicht verlieren, und erst mit meinem letzten Hauche will ich aufhören zu herrschen! Ist das unsere Gesinnung, dies das Gesetz unseres Handelns, so ist jedem die Freiheit gerettet: niemand von euch wird gezwungen sein, die hochmütige Verachtung der Macedonier, niemand ihren stolzen Blick zu ertragen. Einem jeden wird seine eigene Rechte entweder Rache für so viele Leiden oder das Ende derselben schaffen. Wie wandelbar das Glück ist, davon bin ich selbst ein Beweis, und nicht ohne Grund erwarte ich eine mildere Gestaltung desselben. Entziehen aber auch die Götter unsern gerechten und heiligen Kämpfen ihre Gunst, so wird es wenigstens tapfern Männern freistehen, ehrenvoll zu sterben. Bei der Herrlichkeit eurer Vorfahren, die zu ihrem unvergänglichen Ruhme die Reiche des ganzen Ostens besessen haben, bei jenen Männern, denen einst Macedonien Tribut zahlte, bei den vielen Flotten, die wir gegen Griechenland schickten, bei den zahlreichen Siegeszeichen eurer Könige bitte und beschwöre ich euch, eine eurer eigenen und eures Volkes Hoheit würdige Gesinnung zu fassen, und mit derselben Standhaftigkeit, womit ihr das Vergangene ertragen habt, euch auch allem zu unterziehen, was forthin das Schicksal bringen wird! Mich wenigstens soll entweder ein rühmlicher Sieg oder doch Kampf für immer verherrlichen!“
26 (1) Während Darius so sprach, hatte das Bild der gegenwärtigen Gefahr die Herzen und Gemüter aller Versammelten durchschauert, und weder ein Rat noch ein Wort stand ihnen zu Gebote. Endlich sagte Artabazus, der älteste Freund des Königs, den ich mehrmals29 als einen Gastfreund Philipps erwähnt habe: „Gewiß, wir wollen in unsern kostbarsten Gewändern und in unserm schönsten Waffenschmuck dem König in die Schlacht folgen, von dem Gedanken beseelt, den Sieg zu hoffen, ohne den Tod zu scheuen.“ Mit Beifall nahmen die übrigen diese Worte auf. Doch Nabarzanes, [156] der mit Bessus im Einverständnis war, hatte sich mit diesem zu einer bis dahin unerhörten Frevelthat verbündet und den Entschluß gefaßt, ihren König durch die von beiden befehligten Soldaten ergreifen und fesseln zu lassen. Verfolgte sie dann Alexander, so hofften sie durch Auslieferung des lebenden Königs die Gunst des Siegers zu gewinnen, der es gewiß hoch anschlagen würde, den Darius gefangen zu haben; könnten sie ihm aber entkommen, so wollten sie den Darius töten, sich selbst der Herrschaft bemächtigen und den Krieg erneuern. Da dieser Königsmord lange bei ihnen überlegt war, suchte sich Nabarzanes einen Weg zu ihrer verruchten Hoffnung anzubahnen und sprach: „Ich weiß, daß ich eine Meinung vorbringen werde, die beim ersten Anhören deinen Ohren keineswegs angenehm klingen wird, aber auch die Ärzte heilen schwerere Krankheiten durch scharfe Mittel, und der Steuermann, wo er den Schiffbruch fürchtet, sucht durch Überbordwerfen wenigstens das, was sich retten läßt, zu sichern. Ich rate jedoch nicht einmal, dir einen Verlust zuzufügen, sondern durch ein heilsames Mittel dich und dein Reich zu erhalten. Unter der Ungunst der Götter führen wir den Krieg, und ein hartnäckiges Mißgeschick läßt nicht ab, die Perser zu bedrängen. Es bedarf eines neuen Anfangs und neuer Vorzeichen.30 Übergib einstweilen die Oberleitung und Herrschaft einem andern, der so lange König heiße, bis der Feind aus Asien abzieht, dann aber nach dem Siege dir das Reich zurückgeben soll. Daß das aber in kurzem der Fall sein wird, läßt sich mit Sicherheit voraussehen. Bactrien ist noch unberührt, Inder und Sacer31 dir noch unterthan, so viele Völker, so viele Heere, so viele Tausende von Reitern und Fußgängern stehen mit aller Macht bereit, den Krieg zu erneuern, so daß von der Masse der Kriegsmittel mehr noch übrig als erschöpft ist. Was stürzen wir wie unvernünftige Tiere ohne Not ins Verderben? Tapfern Männern ziemt es, mehr den Tod zu verachten als das Leben zu hassen. Feiglinge werden oft von [157] Mißmut über ihre Mühsal dahin gebracht, ihre eigene Person gering zu achten, aber Tapferkeit läßt nichts unversucht. Als das letzte von allem also bleibt der Tod, und es genügt, ihm unverzagt entgegen zu gehen. Begeben wir uns demnach nach Bactra, welches der sicherste Zufluchtsort ist, so laßt uns den Statthalter jener Provinz, Bessus, als König für die gegenwärtige Lage einsetzen! Sind die Angelegenheiten wieder geordnet, so soll er dir, dem rechtmäßigen Könige, die anvertraute Herrschaft zurückgeben.“
27 (1) Kein Wunder, daß Darius seinen Zorn nicht beherrschen konnte, obwohl ihm entging, welches Verbrechen sich unter dieser unverschämten Rede barg. „Also, elender Sklave“, rief er, „hast du den erwünschten Augenblick gefunden, um mit deinen königsmörderischen Absichten hervorzutreten!“ Und mit gezogenem Säbel würde er ihn, wie es schien, getötet haben, hätten sich nicht Bessus und die Bactrier eilig um ihn gedrängt, scheinbar um Fürbitte einzulegen, beharrte er jedoch auf seiner Absicht, ihn zu fesseln. Inzwischen entrann Nabarzanes, dem auch bald Bessus folgte. Beide geboten den von ihnen befehligten Truppen, sich von dem übrigen Heere zu trennen, um an die Ausführung ihres geheimen Planes zu gehen. Artabazus griff zu dem für die gegenwärtige Lage geeignetsten Entschlusse und suchte den Darius, ihn wiederholt auf die Zeitverhältnisse hinweisend, zu beruhigen: er solle mit Gleichmut den Unverstand oder die Verirrung von Leuten ertragen, die, wie beschaffen sie auch sein möchten, doch zu den Seinigen gehörten. Alexander dringe heran, ein schwerer Feind, wenn ihm auch alle zur Seite ständen: was solle geschehen, wenn die, welche ihm auf der Flucht gefolgt seien, sich veruneinigten? Mit Mühe gab er dem Artabazus nach und blieb, obwohl er aufzubrechen beschlossen hatte, wegen der allgemeinen Verwirrung dennoch auf demselben Platze. Aber niedergebeugt von Schmerz und Verzweiflung, schloß er sich in sein Zelt ein. Im Lager also, das des Führers ermangelte, machten sich verschiedene Stimmungen geltend, und nicht wie sonst wurden gemeinsame Beschlüsse gefaßt. Patron, der Anführer der griechischen Söldner, gebot den Seinen, die Waffen zu ergreifen und sich bereit zu halten, seinen Befehlen Folge zu leisten. Die Perser hatten sich abgesondert; Bessus war bei den Bactriern und versuchte die Perser mit sich fortzuziehen, indem er sie auf Bactrien und den Reichtum dieser [158] noch unangetasteten Provinz, zugleich aber auch auf die Gefahren, welche die Zurückbleibenden bedrohten, hinwies. Alle Perser stimmten jedoch fast einmütig überein, es sei pflichtvergessen, den König zu verlassen. Mittlerweile versah Artabazus alle Pflichten eines Oberfeldherrn. Ihn sah man in den Zelten der Perser herumgehen, bald die einzelnen, bald die Gesamtheit ermahnen und ansprechen, und damit nicht eher ablassen, als bis sich mit genügender Sicherheit annehmen ließ, sie würden den Befehlen gehorchen. Ebenso vermochte er mit Mühe den Darius Speise zu nehmen und seine Aufmerksamkeit der Sachlage zuzuwenden.
28 (1) Doch Bessus und Nabarzanes beschlossen, voll brennender Begierde nach der Herrschaft, die längst überlegte Frevelthat auszuführen. Allein so lange Darius unversehrt dastand, konnten sie nicht hoffen, sich zu solcher Macht aufzuschwingen; denn bei jenen Völkern stehen die Könige in außerordentlichem Ansehen. Auf ihren bloßen Namen versammeln sich diese Barbaren, und dieselbe Verehrung, die sie früher ihrem Glücke gezollt, folgt ihnen auch im Unglück. Die Zuversicht der Frevler erhöhte noch die Provinz, die sie befehligten, und die an Bewaffnung, Kriegsmannschaft und räumlicher Ausdehnung keiner andern unter jenen Völkerschaften nachsteht. Sie macht den dritten Teil von Asien aus, und die Menge ihrer kriegstüchtigen Männer kam den Heeren gleich, welche Darius eingebüßt hatte. Daher verachteten sie nicht allein ihn, sondern auch Alexandern und gedachten sich von dort die Streitkräfte ihres Reiches zu holen, wenn es ihnen geglückt wäre, sich des Königs zu bemächtigen. Nachdem sie lange alles überlegt, deuchte es ihnen am besten, durch die bactrischen Soldaten, die bereit waren, jedem ihrer Befehle zu gehorchen, den König ergreifen zu lassen und Botschaft an Alexander zu senden mit der Anzeige, daß sie den Darius lebend in ihrem Gewahrsam hätten. Würde er, wie sie fürchteten, ihren Verrat zurückweisen, so wollten sie jenen töten und mit dem Trupp ihrer eigenen Völker nach Bactra eilen. Aber offen konnte Darius nicht ergriffen werden, da die vielen tausend Perser dem Könige Beistand geleistet haben würden; auch die Treue der Griechen fürchtete man. So suchten sie, was mit Gewalt nicht möglich war, durch List zu erreichen, und beschlossen Reue über ihren Abfall zu erheucheln und sich beim König mit ihrer Bestürzung [159] zu entschuldigen. Unterdes wurden Leute abgeschickt, um die Perser zu verlocken. Bald durch Hoffnung bald durch Furcht beunruhigten sie die Gemüter der Soldaten: unter die stürzenden Trümmer hielten sie ihre Häupter, und ließen sich ins Verderben schleppen, da ihnen doch Bactra offenstehe, das sie mit Geschenken und einem Reichtum empfangen werde, von dem sie sich keinen Begriff machen könnten.
29 (1) Während sie sich damit beschäftigen, kommt, ich weiß nicht ob auf des Königs Befehl oder aus eigenem Antriebe, Artabazus zu ihnen mit der Versicherung, Darius sei in ruhigerer Stimmung, und ihre frühere Stellung in der Freundschaft des Königs stehe ihnen noch offen. Sie, in Thränen ausbrechend, suchen sich bald zu rechtfertigen, bald flehen sie Artabazus an, ihre Sache beim Könige zu führen und ihm ihre Bitten vorzutragen. Nachdem so die Nacht vergangen war, erschien bei Anbruch des Tages Nabarzanes mit den bactrischen Soldaten am Eingange des Königszeltes, ihren geheimen Anschlag unter dem Scheine der hergebrachten Huldigung verhüllend. Nachdem Darius das Zeichen zum Marsche gegeben, bestieg er nach gewohnter Sitte seinen Wagen. Nabarzanes und die übrigen Königsmörder warfen sich zu Boden und vermochten es über sich, den, welchen sie kurz darauf in Banden halten wollten, anzubeten; ja sie vergossen sogar zum Zeichen ihrer Reue Thränen: in solchem Grade ist das menschliche Herz der Heuchelei fähig. Ihre hierauf angebrachten demütigen Bitten ließen den Darius, der von arglosem und mildem Charakter war, nicht allein ihren Versicherungen Glauben schenken, sondern preßten ihm sogar Thränen aus. Und nicht einmal da empfanden sie Reue über ihr verbrecherisches Vorhaben, als sie sahen, was für ein gütiger Mann und König es sei, den sie täuschten. Doch er, ohne die ihn bedrohende Gefahr zu ahnen, eilte nur den Händen Alexanders zu entfliehen, die er allein fürchtete.
30 (1) Patron aber, der Anführer der Griechen, gebot den Seinigen, ihre Waffen, die sonst beim Gepäck transportiert wurden, anzulegen und auf jeden seiner Befehle achtsam und fertig zu sein. Er selbst folgte dem Wagen des Königs und trachtete nach einer Gelegenheit ihn anzureden; denn er hatte Bessus’ böse Absicht vorausgemerkt. Allein Bessus, der gerade dies fürchtete, wich nicht vom Wagen, in Wahrheit mehr einem Wächter als Begleiter ähnlich. Lange also [160] zögerte Patron und hielt, nachdem er öfters von der Anknüpfung eines Gespräches abgehalten worden war, zwischen Pflichttreue und Furcht schwankend, seine Blicke auf den König gerichtet. Endlich wandte dieser die Augen auf ihn und befahl dem Eunuchen Bubaces, der dem Wagen zunächst folgte, ihn zu fragen, ob er ihm etwas zu sagen wünsche. Patron erwiderte, er wünsche allerdings, doch ohne Zeugen, mit dem Könige zu reden; und als ihm der Befehl geworden, näher heranzutreten, sagte er, ohne einen Dolmetscher, da Darius der griechischen Sprache nicht unkundig war: „O König, von 50000 Griechen sind nur wenige übrig, die dir in jedem Geschicke gefolgt und in dieser deiner jetzigen Lage dir ebenso treu geblieben sind wie zur Zeit deines Glückes, bereit auch, in jegliches Land zu ziehen, welches du wählen wirst, ohne des eigenen Vaterlandes und unserer heimischen Angelegenheiten zu gedenken. Dein Glück sowohl als dein Unglück haben uns mit dir verkettet. Und darum bei dieser unserer unerschütterlichen Treue bitte und beschwöre ich dich, schlage dein Zelt in unserm Lager auf und gestatte, daß wir deine Leibwächter seien. Wir haben Griechenland aufgegeben, ein Bactra gibt es für uns nicht: alle unsre Hoffnung beruht auf dir, o daß sie doch auch auf den übrigen beruhen könnte! Mehr zu sagen ist nicht am Platze. Die Bewachung deiner Person aber würde ich, ein Auswärtiger und Fremdling, nicht fordern, wenn ich das Vertrauen hätte, ein anderer könne diese Pflicht erfüllen.“
31 (1) Obwohl Bessus kein Griechisch verstand, glaubte er doch, von seinem Gewissen beunruhigt, Patron habe sicherlich eine Anzeige hinterbracht, und aller Zweifel wurde ihm benommen, als ihm Dolmetscher das Gespräch des Griechen mitteilten. Darius aber, ohne gerade erschrocken zu sein, soweit es sich aus seiner Miene abnehmen ließ, hub an, den Patron um die Ursache des von ihm gegebenen Rates zu befragen. Dieser, der keinen weiteren Aufschub für ratsam hielt, versetzte: „Bessus und Nabarzanes stellen dir nach: in dieser äußersten Gefahr für dein Scepter und Leben wird der heutige Tag entweder für die Königsmörder oder für dich der letzte sein.“ Und Patron wenigstens blieb der herrliche Ruhm, für die Rettung des Königs das Seine gethan zu haben. Spotten mag freilich, wer überzeugt ist, Verlauf und Leitung der menschlichen Angelegenheiten hänge [161] vom blinden Zufall ab: ich meinesteils glaube, daß nach ewiger Bestimmung und im Zusammenhange verborgener und seit lange vorher festgestellter Ursachen jeder die Reihe seiner Schicksale nach unveränderlichem Gesetz durchläuft. Darius erwiderte nämlich, obwohl ihm die Treue der griechischen Söldner bekannt sei, werde er sich dennoch niemals von seinen Landsleuten trennen. Ihm komme es schwerer an zu verdammen, als sich täuschen zu lassen. Was ihm immer das Schicksal bestimmte, er wolle es lieber inmitten der Seinigen erdulden, als zum Überläufer werden. Der Tod komme ihm schon zu spät, wenn seine Soldaten ihn nicht gerettet wünschten. Patron, an der Rettung des Königs verzweifelnd, kehrte zu denen zurück, die er befehligte, alles für seine Pflicht zu versuchen entschlossen.
32 (1) Bessus aber war schnell entschlossen gewesen, den König sofort zu töten; allein da er fürchtete, die Gunst Alexanders nicht gewinnen zu können, wenn er ihn nicht lebend überlieferte, so verschob er sein verbrecherisches Vorhaben auf die nächste Nacht und hub an, dem Könige Dank zu sagen, daß er den Nachstellungen jenes verräterischen Menschen, der schon nach Alexanders Macht hinschiele, klug und vorsichtig ausgewichen sei. Zum Geschenke würde derselbe dem Feinde des Königs Haupt gebracht haben. Und kein Wunder, wenn einen um Geld Gedungenen Alles verkäuflich sei: ohne Pfand der Treue, ohne eigenen Herd, von aller Welt ausgestoßen, ziehe er als Parteigänger auf den Wink jedes Meistbietenden umher. Als er hierauf sich selbst rechtfertigte und die Götter des Vaterlandes zu Zeugen seiner Treue anrief, gab ihm Darius durch Mienen seine Beistimmung zu erkennen, obwohl er nicht zweifelte, daß ihm von dem Griechen die Wahrheit hinterbracht worden sei; allein es war dahin gekommen, daß es für ihn gleich gefahrvoll war, den Seinigen nicht zu trauen, als sich von ihnen täuschen zu lassen. 30000 waren es, deren zu dem Verbrechen hinneigende Unzuverlässigkeit zu fürchten war, 4000 nur hatte Patron; und hätte er diesen sein Leben anvertraut und über die Treue seiner Landsleute den Stab gebrochen, so sah er ein, daß er dem Königsmorde einen Vorwand leihe. Darum zog er lieber vor, unverdienterweise als mit Recht zu leiden. Doch antwortete er, als sich Bessus von der Absicht ihm nachzustellen rein zu waschen suchte, er sei [162] nicht minder von der Gerechtigkeit als der edlen Gesinnung Alexanders überzeugt. Die täuschten sich, welche von ihm einen Lohn des Verrates erwarteten: es werde keinen strengeren Bestrafer und Rächer eines Treubruchs geben. Und schon brach die Nacht herein, als die Perser nach gewohnter Sitte ihre Waffen ablegten und sich zerstreuten, um ihre Bedürfnisse aus dem nächsten Flecken herbeizuschaffen; die Bactrier dagegen, wie es ihnen von Bessus befohlen war, blieben unter den Waffen.
33 (1) Mittlerweile ließ Darius den Artabazus herbeirufen, der, als ihm Patrons Anzeige mitgeteilt war, nicht zweifelte, daß man sich hinüber ins Lager der Griechen begeben müsse. Auch die Perser würden folgen, sobald seine Gefahr bekannt würde. Doch seinem Schicksal verfallen und für keinen heilsamen Ratschlag mehr empfänglich, umfaßte er den Artabazus, der in diesem Unglück seine einzige Stütze war, und den er jetzt zum ersten Male sehen sollte, und überströmt von ihren beiderseitigen Thränen, hieß er ihn sich aus seiner Umarmung losreißen; dann warf er sich mit verhülltem Haupte, um nicht zu sehen, wie sich jener unter Schluchzen gleichsam von seinem Grabe entfernte, der Länge nach zu Boden. Da zerstreuten sich seine gewöhnlichen Leibwächter, die das Leben des Königs selbst mit Gefahr ihres eigenen hätten beschützen müssen, weil sie den Bewaffneten, die sie bereits herannahen wähnten, nicht gewachsen zu sein fürchteten. Tiefe Einsamkeit herrschte also in dem Zelte, wo nur noch einige wenige Eunuchen, weil sie nicht wußten, wohin sie fliehen sollten, den König umstanden. So, fern von allen Zeugen, überlegte er lange bei sich bald diese bald jene Entschließung; dann schon voll Grauen vor der Einsamkeit, nach der er kurz zuvor, wie nach einem Troste, verlangt hatte, hieß er den Bubaces rufen. Er blickte ihn an und sprach: „Gehet, denket an eure Rettung, nachdem ihr, wie es sich ziemte, bis zuletzt eurem Könige treu gewesen. Ich erwarte hier die Bestimmung meines Schicksals. Vielleicht wunderst du dich, daß ich nicht selbst mein Leben endige; doch will ich lieber durch die verbrecherische Hand anderer als durch die eigene sterben.“ Wie er diese Worte hörte, erfüllte der Eunuch nicht nur das Zelt, sondern das ganze Lager mit seinem Jammergeschrei. Dann brachen auch andere herein, zerrissen ihre Gewänder und begannen unter kläglichem und barbarischem Geheul [163] ihren König zu betrauern. Die Perser, als das Geschrei zu ihnen drang, wagten voll Bestürzung und Furcht weder die Waffen zu ergreifen, um nicht unter die Bactrier zu fallen, noch sich ruhig zu verhalten, damit es nicht schiene, als verließen sie treulos ihren König. Ein verworrenes und mißtönendes Geschrei hallte in dem ganzen Lager wieder, wo es keinen Führer und Oberbefehl mehr gab.
34 (1) Dem Bessus und Nabarzanes hatten die Ihrigen, getäuscht durch das Wehklagen, verkündet, der König habe sich selbst getötet. Darum sprengten sie im schnellsten Rosseslauf herbei, gefolgt von denen, die sie zu Helfern bei ihrem Verbrechen erkoren hatten; und als sie auf die Mitteilung der Eunuchen, daß der König lebe, in das Zelt eingetreten waren, befahlen sie ihn zu ergreifen und zu fesseln. Er, der noch kurz zuvor auf seinem Wagen daher gefahren war, durch die ihm vorgetragenen göttlichen Zeichen und die ihm gebührenden Ehrenbezeigungen verherrlicht, wurde, ohne daß ein Fremder Hand an ihn gelegt hätte, als ein Gefangener seiner eigenen Sklaven auf einen schmutzigen, rings mit Fellen verschlossenen Wagen geworfen. Sein Geld und Gerät wurde wie nach Kriegsrecht geplündert, und beladen mit der Beute, welche sie durch das schändlichste aller Verbrechen gewonnen, schlugen sie den Weg zur Flucht ein. Artabazus mit denen, die seinem Befehle gehorchten, und den griechischen Söldnern zog nach Parthiëne, alles andere für sicherer achtend als die Begegnung mit den Königsmördern. Die Perser, von Bessus mit Versprechungen überhäuft, schlossen sich zumeist, weil niemand anderes da war, dem sie hätten folgen können, an die Bactrier an und erreichten deren Heereszug am dritten Tage. Damit jedoch dem Könige eine Ehrenbezeigung nicht abginge, schlug man den Darius in goldene Fesseln, eine neue Art Hohn, wie sie mitunter das Schicksal ersinnt. Und damit er nicht zufällig an der königlichen Kleidung erkannt werden könnte, hatten sie den Wagen mit schmutzigen Fellen überdeckt. Leute, die ihn nicht kannten, trieben die Zugtiere, damit er keinem, der nach ihm forschte, im Heereszuge gezeigt werden könnte; die Wächter folgten von ferne.
35 (1) Als Alexander vernommen hatte, daß Darius von Ecbatana aufgebrochen sei, gab er den Marsch, der ihm nach Medien offen [164] stand, auf und fuhr fort, dem Fliehenden rastlos zu folgen.32 Nach Tabä, einer Stadt in den äußersten Grenzen von Parätacene33 gelangt, meldeten ihm Überläufer, Darius fliehe in stürmischer Eile nach Bactra. Bestimmteres erfuhr er hierauf von dem Babylonier Bagistanes, der ihn zwar noch nicht von der Gefangenschaft des Königs benachrichtigte, aber daß derselbe in Gefahr sei, entweder getötet oder gefangen zu werden. Alexander berief seine Feldherren und sprach: „Das wichtigste Werk, das jedoch nur sehr kurze Anstrengung erfordert, ist noch übrig. Darius ist nicht fern, von den Seinen verlassen oder überwältigt. Auf seiner Person beruht unser Sieg und nur Schnelligkeit kann diesen hohen Preis erringen.“ Alle riefen einmütig, sie seien bereit zu folgen; er solle sie mit keiner Mühe oder Gefahr verschonen. Eiligst also setzte er sein Heer in Bewegung, die mehr einem Rennen als einem Marsche glich, indem nicht einmal Nachtruhe Erholung von der Anstrengung des Tages bot. So rückte man 500 Stadien vor, und war in den Flecken gelangt, wo Bessus den Darius hatte ergreifen lassen. Dort wurde Darius’ Dolmetscher Melon aufgegriffen, der wegen Krankheit dem Heere nicht hatte nachkommen können und, von der schnellen Ankunft des Königs überrascht, sich stellte, als habe er zu ihm übergehen wollen. Von diesem erfuhr er das Geschehene. Aber für die Erschöpften war Ruhe unerläßlich. Darum wählte er sich 6000 Reiter aus und dazu 300 der sogenannten [165] Doppelkämpfer. Diese waren beritten, und trugen dann ihre schwereren Waffen auf dem Rücken; wenn es aber die Umstände und die Örtlichkeit erforderten, kämpften sie zu Fuße.
36 (1) Während Alexander damit beschäftigt war, kamen Orsilos und Mithracenes zu ihm, die aus Abscheu vor dem Verrat des Bessus übergetreten waren, und verkündeten, die Perser ständen 500 Stadien von hier; sie selbst erböten sich ihm, einen kürzeren Weg zu zeigen. Dem König war die Ankunft der Überläufer willkommen. Er schlug daher bei einbrechendem Abend unter Führung der Genannten mit seiner schlagfertigen Reiterschar den angezeigten Weg ein, während die Phalanx Befehl erhielt, so eilig als möglich zu folgen. Man marschierte im Viereck aufgestellt, und so, daß sich die Vordersten an die Hintersten anschließen konnten. So waren sie 300 Stadien vorgerückt, als ihnen der Sohn des Mazäus und ehemalige Statthalter von Syrien, Brocubelus, begegnete, ebenfalls als Überläufer und mit der Meldung, Bessus sei nicht weiter als 200 Stadien entfernt. Das Heer, in keiner Weise auf der Hut, ziehe aufgelöst und ungeordnet einher. Es scheine, als wollten sie nach Hyrcanien. Beschleunige er seine Verfolgung, so könne er sie im Umherschweifen überraschen. Darius sei noch am Leben. In dem ohnedies schon Rastlosen hatte der Überläufer neuen Eifer der Verfolgung erweckt, und man ritt daher, die Sporen eingesetzt, in zügellosem Jagen. Und schon hörte man den Lärm der ihres Weges ziehenden Feinde, ihren Anblick jedoch entzog der auf wirbelnde Staub. Er hielt also ein wenig im Laufe an, bis sich der Staub gesetzt hatte. Aber auch von den Barbaren waren sie schon erblickt worden, und man sah bereits ihr Heer auf der Flucht, obwohl sie demselben keinesfalls gewachsen gewesen wären, wenn Bessus so viel Mut zur Schlacht als zum Königsmorde gehabt hätte. Denn sowohl an Zahl als an Stärke waren die Barbaren überlegen. Dazu würden sie mit frischen Kräften gegen Erschöpfte gekämpft haben. Allein der Name und Ruhm Alexanders, im Kriege jedenfalls eine Sache von großem Gewicht, trieb die Verzagten in die Flucht.
37 (1) Bessus aber und die übrigen Genossen seiner Schandthat eilten dem Wagen des Darius nach und begannen in ihn zu dringen, er solle ein Pferd besteigen und sich dem Feinde durch die Flucht entziehen. [166] Doch er rief laut, die Rache der Götter sei da, und sich dem Schutze Alexanders empfehlend, weigerte er sich, die Königsmörder zu begleiten. Da auch in der Hitze des Zorns, schleuderten sie ihre Geschosse nach dem König und ließen ihn, von vielen Wunden durchbohrt, liegen. Auch die Zugtiere verwundeten sie, damit sie nicht weiter fortkönnten, und töteten die beiden Sklaven, die den König begleiteten. Nachdem sie diese That vollbracht, eilten sie, von wenigen Reitern begleitet, um die Spuren ihrer Flucht zu verwirren, Nabarzanes nach Hyrcanien, Bessus nach Bactra. Die Barbaren, von ihren Führern verlassen, zerstreuten sich, ein jeder, wohin ihn Hoffnung oder Furcht trieb. Nur 500 Reiter scharten sich zusammen, noch unentschieden, ob sie besser thäten Widerstand zu leisten oder zu fliehen. Als Alexander die Verwirrung der Feinde bemerkte, entsandte er den Nicanor mit einem Teile der Reiter, um die Flucht zu hindern; er selbst folgte mit den übrigen. 3000 ungefähr, welche Widerstand leisteten, wurden getötet; den übrigen Haufen trieb man unversehrt wie eine Herde Schafe vor sich her, da der König befahl, sich des Mordens zu enthalten. Niemand war unter den Gefangenen, der den Wagen des Darius hätte zeigen können. Einzeln durchforschte man jedes Fuhrwerk, wie es ihnen in die Hände fiel, und dennoch war keine Spur von der Flucht des Königs vorhanden. Dem eilenden Alexander folgten kaum 3000 Reiter. Den langsamer Nachkommenden aber fielen die sämtlichen Scharen der Flüchtlinge in die Hände und kaum glaublich mag es scheinen, der Gefangenen waren mehr als derer, welche gefangen nahmen: in solchem Grade hatte das Schicksal die Erschrockenen aller und jeder Besinnung beraubt, daß sie weder die geringe Zahl der Feinde noch ihre eigene Überzahl klar erkannten.
38 (1) Inzwischen waren die Tiere, welche den Darius zogen, ohne Lenker von der Heerstraße abgewichen, und nachdem sie vier Stadien weit umhergeirrt, von der Hitze und ihren Wunden erschöpft, in einem Thale stehen geblieben. Nicht weit davon war eine Quelle, zu welcher, da sie ihm von Ortskundigen gezeigt worden war, ein vor Durst lechzender Macedonier, namens Polystratus kam; und während er das Wasser, das er sich mit dem Helme geschöpft hatte, schlürft, sieht er in den Leibern der hingesunkenen Zugtiere Speere stecken. Verwundert, daß man sie lieber durchbohrt, als weggetrieben [167] habe34, [vernimmt er das Stöhnen eines sterbenden Menschen. Voll Neugier also, was wohl auf dem Fuhrwerke verborgen sei, lüftet er die Decke von Fellen und findet den von vielen Wunden durchbohrten Darius: denn die königliche Kleidung und die goldenen Ketten, womit ihn die Mörder gefesselt hatten, benahmen ihm allen Zweifel. Darius war des Griechischen nicht unkundig, und dankte den Göttern, daß sie ihm nach so großem und schwerem Unglück doch wenigstens den Trost gewährt hätten, nicht in gänzlicher Verlassenheit seinen letzten Atem zu verhauchen. „Wer du also auch sein magst“, sprach er, „so bitte und beschwöre ich dich bei dem gemeinsamen Lose aller Menschen, von welchem, wie dich dieser Anblick lehrt, auch nicht die mächtigsten Könige ausgenommen sind, diesen meinen Auftrag an Alexander zu überbringen: Keine meiner so überaus traurigen Erfahrungen, ja nicht einmal dieser Ausgang meines unsäglichen Mißgeschickes, drücke so schwer auf mich, als dies eine, daß ich nach so großen Verdiensten um mich und die Meinigen meinem so menschlichen Besieger gegenüber als Feind leben mußte, und nun sterbe, ohne mich ihm dankbar erwiesen zu haben. Wenn aber die letzten Bitten eines Unglücklichen etwas bei den Göttern vermögen, und irgendeine barmherzige Gottheit die mit dem Leben selbst den Lippen entfliehenden Gebete erhört, so möge er glücklich und wohlbehalten, und hocherhaben über ein dem meinigen ähnliches Los und den Neid des Schicksals, auf Cyrus’ Thron ein ruhmreiches Leben hinbringen, und seiner Tugend eingedenk meiner Mutter und meinen Kindern den Platz bei sich gönnen, den sie sich durch Treue und Gehorsam verdienen. Doch meine Mörder soll schnell das Verderben ereilen, das ihnen Alexander bereiten wird, wenn nicht aus Mitleid für den unglücklichen Feind, so doch aus Haß gegen den Frevel, und damit nicht ihre Straflosigkeit auch andern Königen und ihm selbst zum Verderben ausschlage.“ Hierauf brachte ihm, da er vor Durst lechzte, Polystratus Wasser, und als er sich gestärkt, sprach er: „Also mußte zu der schweren Last meines Unglückes auch noch dies [168] letzte kommen, daß ich dem, der mir wohlgethan, nicht vergelten kann: doch Alexander wird es dir vergelten, dem Alexander aber die Götter!“ Dann streckte er seine Rechte aus, und bat seinen Handschlag an Alexander als ein Pfand seiner königlichen Ergebenheit zu überbringen, und indem er Polystratus’ Hand ergriff, hauchte er seinen Geist aus. Ob ihn Alexander noch lebend antraf, ist ungewiß, sicher ist aber, daß er, als er den kläglichen Ausgang des so mächtigen Königs erfuhr, reichliche Thränen vergoß, dann sofort seinen Mantel auszog und ihn über den Leichnam deckte, und Befehl gab, ihn unter hohen Ehren zu den Seinigen zu bringen, damit er nach der Sitte der persischen Könige einbalsamiert und in den Gräbern seiner Vorfahren beigesetzt würde. Die Undankbarkeit der Menschen, von welchen Darius für die größten Wohlthaten dies grausame Ende erntete, obwohl an und für sich schon furchtbar und verabscheuungswert, ward noch mit größerer Schmach bei der Nachwelt bedeckt durch die merkwürdige Treue eines Hundes, der allein bei dem von allen Freunden Verlassenen ausharrte, und die Anhänglichkeit, die er ihm im Leben bewiesen, auch noch im Tode standhaft bewahrte. Ein solches Lebensende war dem beschieden, den man eben nur noch für beschimpft hielt, wenn er nicht als König der Könige und als Verwandter der Götter begrüßt wurde: und wieder war es durch ein erschütterndes Beispiel dargethan, daß niemand mehr dem Wechsel des Glückes ausgesetzt sei, als wer lange Zeit von seinen Schmeicheleien bethört, seinen Nacken gänzlich unter dessen Joch gebeugt hat.]
Anmerkungen
1 Der höhere, steinige Teil von Mesopotamien, im Norden des fruchtbaren Tieflandes, war von nomadischen Arabern bewohnt, und hieß daher auch die arabische Wüste. Daß Alexander diesen Landstrich auf seinem Marsche zur Linken gehabt haben soll, muß auf einem Irrtum beruhen. Er hätte dann nämlich gleich bei Arbela über den Tigris gehen müssen. Daß dies aber nicht geschah, und daß er vielmehr auf der gewöhnlichen Heerstraße von Arbela nach Babylon marschierte, die sich bis Sitace auf dem linken Tigrisufer hält, sieht man aus der Erwähnung von Mennis, das an der Straße lag.
2 S. Buch 3, Kap. 4, Anm. 4.
3 Die Chaldäer bildeten die Priesterkaste in Babylon; früher waren sie der herrschende Stamm gewesen, der dem Lande auch seine Könige gegeben hatte. Die Weissager und Musiker gehörten ohne Zweifel derselben Kaste an.
4 Alle die im folgenden aufgezählten Bauwerke mit Einschluß der schwebenden Gärten, welche die gewöhnliche Sage der Semiramis zuschreibt, rührten erst von Nebukadnezar her. Den Stadtmauern gibt Herodot (1,178) eine Höhe von 200 babylonischen Ellen (etwa 330 Fuß) und eine Dicke von 50 Ellen.
5 Diese sonderbare Sage ist jedenfalls blos durch die Zahl 365, als die der Tage im Jahre, veranlaßt. Andere Schriftsteller geben den Umfang der Stadt auf 360 oder 385 Stadien an.
6 Bekannt ist nur ein einziges großes Bassin dieser Art, welches Nebukadnezar oberhalb Babylon anlegen ließ. Es soll einen Umfang von 420 Stadien und eine Tiefe von 35 Fuß gehabt haben. Es diente dazu die Überschwemmungen des Euphrat zu regeln, und in trockenen Jahren das Land zu bewässern. Duncker, Geschichte des Altertums I, S. 531 ff. (5. Auflage.).
7 Ob hier die alte Burg auf der Westseite des Euphrat gemeint ist, welche Diodor 2, 8 beschreibt, oder die von Nebukadnezar angelegte neue auf der Ostseite des Flusses, ist ungewiß. Doch darf man letzteres vermuten, da sich in ihrer Nähe die gleich erwähnten schwebenden Gärten befanden.
8 Syrien steht hier, wie öfter, für Assyrien.
9 Dies bezieht sich auf den Cultus der Göttin Mylitta. „Dieser Göttin der Fruchtbarkeit und Geburt mußten die Jungfrauen der Babylonier mit dem Opfer ihrer Jungfräulichkeit, mit sinnlicher Lust dienen. Einmal mußte jede Jungfrau sich zu Ehren der Göttin preisgeben. So saßen denn die Töchter Babylons an den Festen der Mylitta in langen Reihen im Hain dieser Göttin, und mußten harren, bis einer von den fremden Wallfahrern ihnen ein Goldstück in den Schoß warf mit den Worten: Im Namen der Göttin Mylitta. Dann mußte das Weib ihm folgen und ihm zu Willen sein. Das Geld gaben sie in den Tempelschatz und waren nun ihrer Pflicht gegen die Göttin ledig.“ Duncker I, S. 271 (5. Aufl.) nach Herod. I, 199.
10 Menes wurde Statthalter von Cilicien, Syrien und Phönikien, Apollodor militärischer Befehlshaber in Babylonien, während Mazäus als Satrap von Babylonien nur die Civilgewalt behielt. Arr. 3. 16, 4 u. 9. Das ähnliche Verhältnis s. Kap. 9 in Susiana.
11 Der Denar war eine römische Silbermünze = 4 Sesterzen oder 16 As, etwa 0,82 Rmk. Curtius setzt ihn für die attische Drachme, die ungefähr gleichen Wert hatte.
12 Nördlich von Babylon am Tigris, auf dem Wege nach Susa. Die Handschriften haben den unbekannten Namen Satrapene.
13 Auf der Halbinsel Chalkidike.
14 B. 4, Kap. 50, Anm. 86.
15 Die Perserkönige ließen sich daher auf ihren Zügen Trinkwasser aus dem Choaspis nachführen.
16 Nach der Verbesserung dono(que) se, quae docerent, dare. – U.
17 D. h. der kleine Tigris, der heutige Kuren.
18 Jedenfalls stand ursprünglich eine größere Zahl im Texte. Diodor gibt die Länge seines Laufes durch gebirgiges Land auf 1000 Stadien [185 km.] an.
19 Im Text fehlen hier einige Worte; man ergänzt: Tauronem mox auxilium esse laturum, daß Tauron bald Hilfe bringen werde. – U.
20 Von Phaselis nach Perge in Pamphylien,wo das Gebirg bis dicht an das Meer reicht, zog Alexander auf einem schmalen Küstenpfade, der nur bei ganz ruhigem Wetter oder bei Nordwind zu passieren war, bei Südwind dagegen von den Wellen überspült wurde. Wie Arrian (1, 26) berichtet, hatte gerade der vorher wehende Südwind in Nordwind umgesetzt. Nach Strabo aber (14, 3 S. 666) wurde der Marsch noch vor Beruhigung des Meeres begonnen, so daß die Soldaten einen ganzen Tag lang bis an den Gürtel im Wasser waten mußten.
21 Auf der westlichen.
22 S. B. 4, Kap. 21, Anm. 33 Jetzt ergießt sich der Fluß, ohne das Meer zu erreichen, in einen Salzsee.
23 Stadt in Äolis in Kleinasien.
24 Der gewöhnlichere Name ist Pasargadä. Die Stadt (wahrscheinlich in der Nähe des heutigen Murghab) existierte schon vor Cyrus, wurde aber von ihm erneuert und verschönert. Auch war hier sein Grabmal.
25 Um die Zeit, wo das Siebengestirn abends untergeht, im Beginn des Frühlings, pflegt stürınische Witterung zu herrschen. Die Expedition erfolgte wahrscheinlich Ende März oder Anfangs April des J. 330.
26 Dieses räuberische Gebirgsvolk wird auch in andern Gegenden des persischen Reiches erwähnt. S. 6, 16.
27 C. meint die Überbrückung des Hellespont und die Durchgrabung des Vorgebirges Athos durch Xerxes
28 Z. B. Seleucia und Ctesiphon.
29 Jedenfalls in den verlorenen Büchern.
30 Dies ist in römischem Sinn gesagt. Beiden Römern gab nämlich jeder neu ausziehende Oberfeldherr durch Opfer und Beobachtung der Vorzeichen seinen Unternehmungen die religiöse Weihe. Der Sinn ist also: Ein anderer statt deiner muß den Krieg beginnen und ihm seine Weihe geben.
31 Nomadenvolk östlich von Bactrien, im heutigen Turan.
32 „Nach Arrian 3, 19, 5 marschierte Al. auf die Nachricht von der Anwesenheit des Darius zu Ecbatana gegen Medien, welche Landschaft er am 12. Tage betrat. Drei Tagemärsche vor Ecbatana traf er den Bisthanes, den Sohn des früheren Königs Ochus, der ihm die Nachricht von Darius’ Flucht überbrachte. In Ecbatana angekommen, machte Al. mehrere militärische Anordnungen; unter andern schickte er den Parmenio gegen Hyrcanien. Darauf zog er selbst zur Verfolgung des Darius aus; am 11. Tage kam er nach Rhagä, vor den kaspischen Engpässen, welche Darius bereits passiert hatte. Nachdem Al. hier seinem Heere 5 Ruhetage gegeben hatte, nahm er die Verfolgung wieder auf und passierte die Engpässe. In dieser Zeit (Arr. 3, 21, 1) kam Bagistanes zu ihm und benachrichtigte ihn von der Verräterei des Bessus. Mit Aufwendung der äußersten Anstrengung gelang es hierauf dem A., in Verlauf weniger Tage (Arr. 3, 21, 5. 10. 14) die Reste des persischen Heeres zu erreichen und zu zersprengen.“ Mützell.
33 Landschaft zwischen Medien und Persis.
34 Hier ist in den Handschriften eine größere Lücke. Der in [ ] eingeschlossene Schluß der Erzählung ist von Freinsheim aus den Berichten des Justinus, Diodor und Plutarch hinzugefügt. Der Tod des Darius fällt in den Juli des Jahres 330.
