[1] Cornelius Nepos wurde ungefähr hundert Jahre vor dem Beginn unsrer Zeitrechnung in Oberitalien, das damals Gallia cisalpina oder citerior hieß, geboren. Schon als Jüngling begab er sich, um wissenschaftlichen Studien obzuliegen und eine höhere geistige Bildung zu erlangen, nach Rom, wo er seitdem seinen bleibenden Wohnsitz nahm. Der Ehrgeiz sich um Staatsämter zu bewerben lag ihm fern, dagegen erwarben ihm seine litterarischen Bestrebungen, sowie seine sittlichen Vorzüge die Freundschaft mehrerer seiner ausgezeichneten Zeitgenossen. Vor Allen war er ein genauer und gern gesehener Hausfreund des durch Reichthum und feine Bildung in hohem Ansehen stehenden Ritters T. Pomponius Atticus, dessen mildem Charakter, kluger Lebensweisheit und geistiger Befähigung er stets die ungetheilteste Bewunderung zollte, und den er sich in jeder Beziehung zum Vorbild genommen zu haben scheint. Durch ihn kam er ferner mit dessen vertrautestem Freunde, dem berühmten Redner und Staatsmanne M. Tullius Cicero in häufige Berührung, so daß sich auch mit diesem ein vielfacher, wenn auch mehr wissenschaftlicher als vertraulicher Verkehr entspann. Die zahlreichen Briefe, welche Beide mit einander wechselten, wurden gesammelt und veröffentlicht, sind aber später verloren gegangen. Zu seinen Freunden zählte endlich der frühverstorbene Liederdichter Valerius Catullus aus Verona, sein Landsmann, der ihm auch seine Gedichtsammlung widmete.
Als Schriftsteller, meist über geschichtliche Gegenstände, entwickelte N. eine nicht unbeträchtliche Thätigkeit. Unter dem Titel [2] „Zeitbücher“ (Chronica) verfaßte er einen Abriß der allgemeinen Geschichte; ein zweites Werk „Beispiele“ (Exempla) behandelte die Sittengeschichte. Ferner schrieb er eine ausführliche Biographie des älteren Cato (Censorius), sowie des Cicero. Umfangreicher aber und bedeutender als die genannten, die sämmtlich verloren gegangen sind, war sein letztes, seinem Freund Atticus gewidmetes Werk „von den berühmten Männern“ (de viris illustribus), welchem die noch jetzt vorhandenen Lebensbeschreibungen, jedoch nur als ein kleiner Theil angehörten. Es war darin kurz und übersichtlich das Leben aller berühmten Männer nicht nur unter den Römern, sondern auch unter den Griechen und Barbaren geschildert, mit der Absicht, zu einer Vergleichung der ausgezeichneten Römer mit den hervorragendsten Männern anderer Nationen aufzufordern (vgl. Hannib. 13. a. E.). Sie waren zu diesem Zwecke in gewisse Classen getheilt und jede Classe wiederum so in zwei Bücher geordnet, daß das erste die Griechen und Barbaren, das andere die Römer behandelte. Eines dieser Bücher, deren Gesammtzahl sich wenigstens auf 16 belief, war z. B. das noch jetzt vorhandene „von den ausgezeichneten Heerführern fremder Nationen“, welches mit dem Leben des Hannibal abschließt; daran aber reihte sich, wie die oben angeführte Stelle aus Hannib. lehrt, das Buch „von den ausgezeichneten Heerführern der Römer“. Ebenso folgte auf das Buch „von den Königen fremder Nationen“, worauf N. selbst (von den Kön. 1. und 3.) verweist, ein anderes „von den Königen der Römer“. Das Buch, „von den griechischen Geschichtschreibern“ wird Dion. 3. erwähnt, und aus dem „von den lateinischen Geschichtschreibern“ sind uns noch die beiden Biographien des Cato und Atticus erhalten. Auf gleiche Weise bildeten die Dichter, Grammatiker, Philosophen, Rechtsgelehrten und Redner ihre besondern Classen. In dem Buche „von den römischen Rednern“ standen höchst wahrscheinlich die am Schluß mitgetheilten beiden Bruchstücke aus dem Briefe der Cornelia an ihren Sohn C. Gracchus. Die Vollendung und Herausgabe des ganzen Werkes erfolgte wenige Jahre vor dem Tode des Atticus († 32 v. Chr.). Der später hinzugefügte Anhang zu dessen Biographie (Cap. 19–22.) scheint zwischen den Jahren 29 und 27 niedergeschrieben zu sein, da Octavianus dort (Cap. 19.) bereits „Imperator“, aber noch nicht „Augustus“ heißt. [3] Ersteren Titel erhielt er im J. 29, letzteren im J. 27. Da N. damals bereits ein hohes Alter erreicht hatte, so ist anzunehmen, daß er bald darauf gestorben sei.
Das Verdienst des großen Werkes „von den berühmten Männern“ bestand hauptsächlich darin, daß es dem größeren Publikum zu Rom, welches die griechischen Geschichtschreiber nicht selbst las – römische von Belang gab es aber damals noch nicht –, in kurzer und faßlicher Darstellung das Wissenswürdigste aus dem Leben so vieler berühmten Männer und überhaupt eine große Menge geschichtlicher Kenntnisse zuführte, und dadurch wesentlich zur Förderung einer allgemeineren Bildung beitrug. Deshalb wurde es auch von den Römern sehr geschätzt und viel gelesen, bis es wahrscheinlich durch die ausführlicheren Geschichtswerke eines Trogus Pompejus, T. Livius (beide unter Augustus) u. A. verdrängt wurde. Das Buch „von den aus gezeichneten Heerführern fremder Nationen“ mag sich aber als ein bequemes Hülfsmittel zur Belehrung über die wichtigsten Persönlichkeiten und Ereignisse der nichtrömischen Geschichte erhalten haben.
An der historischen Treue des Nepos läßt sich Manches aussetzen. Es finden sich bei ihm vielfache theils mehr theile minder erhebliche Irrthümer und Ungenauigkeiten1, die entweder aus einer zu flüchtigen Einsicht in die von ihm benutzten Quellenschriftsteller, oder aus Nichtbenutzung solcher, die ihm leicht hätten zu Gebote stehen können, oder aus zu geringer Sorgfalt bei Zusammenstellung der von ihm gesammelten Nachrichten entsprungen sind. Personen, Gegenden und Zeiten sind daher mehrmals mit einander verwechselt, wichtige Dinge zuweilen gänzlich übergangen, der Hergang der Ereignisse öfters mangelhaft berichtet, besonders aber die chronologische Reihenfolge der Begebenheiten häufig vernachlässigt. Daß dies sogar bei Erzählungen aus der röm. Geschichte, wie z. B. Hannib. 4. und 5. geschehen ist, darf allerdings Wunder nehmen. Allein man würde Unrecht thun, wollte man wegen dieser Mängel zu harten Tadel über N. aussprechen, oder an ihn dieselben Forderungen stellen wie an einen Geschichtschreiber [4] unserer Zeit. Zuvörderst war, als er schrieb, bei den Römern die Kunst der Geschichtschreibung noch sehr wenig entwickelt, wie er selbst auf sehr bescheidene Weise in einem Bruchstücke ausspricht, das dem Buche „von den lateinischen Geschichtschreibern“ entnommen und am Schlusse mitgetheilt ist. Man wußte weder den Werth der geschichtlichen Quellenschriftsteller richtig gegen einander abzuwägen, noch verstand man das Wahre und Falsche in den verschiedenen Berichten nach bestimmten Grundsätzen von einander zu scheiden, noch wurde endlich auf die sorgfältige Erforschung dieser Dinge ein solcher Werth gelegt, wie dies in unsern Tagen in Folge der Fortschritte, welche die Wissenschaft gemacht hat, mit Recht geschieht. Dazu kam, daß Nepos nicht sowohl ein Geschichtswerk, das auch den gelehrten Forscher hätte befriedigen können, sondern vielmehr ein für weitere Kreise unterhaltendes und belehrendes Buch liefern wollte: daß es ihm also mehr um eine Ansammlung der merkwürdigsten und anziehendsten Nachrichten über das Leben berühmter Männer, als um eine erschöpfende und künstlerisch vollendete Darstellung zu thun war. Rechnet man hierzu den bedeutenden Umfang des ganzen Werkes, die ungemeine Zahl und Verschiedenheit der in demselben geschilderten Männer, und die große Menge von Schriften, die er lesen und excerpiren mußte, um den Stoff zu ihren Lebensbeschreibungen zu sammeln; bedenkt man die unendlich größeren Schwierigkeiten, mit denen damals die Benutzung und das Excerpiren so vieler Bücher verbunden war, und bringt man endlich auch noch in Anschlag, daß er dies große Werk wahrscheinlich erst in höherem Alter begann, und von dem Wunsche es noch zu vollenden zur Eile angetrieben wurde: so darf man wohl, um nicht ungerecht zu sein, über der löblichen Absicht so manchen Mangel der Arbeit übersehen, und diesem ersten Versuche eines populären Geschichtswerkes seine Anerkennung nicht versagen.
Rühmenswerth dagegen ist die bei Römern seltene Unparteilichkeit, mit der er die Größe und Tüchtigkeit auch von Männern fremder Nationen anerkennt und bewundert, und selbst dann ihren Ruhm ungeschmälert läßt, wo er, wie bei den carthagischen Feldherren, auf Kosten des römischen errungen war. Nicht minder zu rühmen ist die durchaus ehrenwerthe und reine Gesinnung, die überall aus dem Buche hervorleuchtet, sowie das sichtliche Wohlgefallen, womit der Verfasser [5] alle die edeln und herrlichen Thaten der Vaterlandsliebe, Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit, Treue und Frömmigkeit berichtet und sie als Muster für die Gegenwart hinzustellen strebt.
Was seine politischen Ansichten betrifft, so zeigt er sich als einen warmen Freund der republikanischen Staatsform, ohne jedoch mit der Willkür einer schrankenlosen Volksherrschaft einverstanden zu sein. Vielmehr gehörte er wie sein Freund Atticus der gemäßigten Optimatenpartei an, der es um Aufrechthaltung der alten gesetzlichen Ordnung unter der obersten Auctorität des Senates zu thun war. Daß damals von den Häuptern des Staates den Gesetzen desselben und den Senatsbeschlüssen so vielfach Hohn gesprochen wurde, darin, sowie in dem immer wachsenden Uebermuthe der zahlreichen Veteranen, die nicht mehr gehorchen, sondern selbst die Herren spielen wollten, erkannte er nicht mit Unrecht hauptsächliche Ursachen des Verfalles der Republik. Wenn er jedoch Thras. 2. mit einem Seitenblick auf die damaligen Verhältnisse zu Rom über die Athener den Tadel ausspricht: „Schon damals zu jenen Zeiten sprachen die guten Bürger tapferer für die Freiheit, als daß sie für dieselbe kämpften“; so trifft dieser Vorwurf nicht minder ihn selbst und seinen Freund Atticus, wie so viele andere angesehene Römer jener Zeit, die zwar den Untergang der Freiheit mit Trauer betrachteten, ergriffen aber von der allgemeinen politischen Erschlaffung und bestochen durch die behagliche Ruhe eines zurückgezogenen Lebens sich zu einem kräftigen Handeln für dieselbe nicht mehr zu ermannen vermochten.
Der ganze Ton der Erzählung ist einfach, klar und verständlich, nur hier und da, wo allgemeine Betrachtungen eingestreut werden, sind die Gedanken nicht immer mit gehöriger Schärfe entwickelt. Die Sprache des N. ist die des goldenen Zeitalters der römischen Litteratur und im Ganzen rein, leicht und fließend. Manche Ausdrücke und Constructionen der älteren Latinität, welche uns bei ihm begegnen, scheinen zu seiner Zeit noch in der Umgangssprache üblich gewesen zu sein. Einzelne Unregelmäßigkeiten des Ausdruckes haben wohl ihren Grund in der bereits erwähnten Eile, mit der er arbeitete. Unter den Geschichtschreibern, welche N. bei Abfassung seiner Biographien hauptsächlich benutzte, werden von ihm selbst folgende genannt: Thucydides, der ausgezeichnetste Geschichtschreiber des [6] ganzen Alterthums, welcher im J. 471 zu Athen geboren, noch den peloponnesischen Krieg überlebte und in acht Büchern eine Geschichte dieses Krieges bis zum J. 411 verfaßte. Xenophon, ebenfalls ein Athener und Schüler des Sokrates. Außer mehreren andern Schriften historischen und philosophischen Inhaltes schrieb er unter dem Titel „Hellenica“ eine Geschichte seiner Zeit, von da an, wo Thucydides aufhört, bis zur Schlacht bei Mantinea (362). Jedoch nicht diese Hellenica hat N. zu Rathe gezogen, sondern nur eine Lobschrift auf den spartanischen König Aegesilaus, welche zwar früher allgemein dem Xenophon beigelegt wurde, ihn aber höchstwahrscheinlich nicht zum Verfasser hat. Theopompus aus Chios verfaßte (um 350 v. Chr.) ebenfalls „Hellenica“, die vom Schluß des Thucydides bis zur Schlacht bei Cnidus (394) reichten, und „Philippica“, die hauptsächlich die Zeit Philipp’s von Macedonien, des Sohnes des Amyntas, behandelten. Beide Werke sind uns bis auf geringe Bruchstücke verloren. Dem Theopomp gleichzeitig schrieb Dinon eine persische Geschichte. Hinsichtlich der Begebenheiten in Sicilien diente dem N. Timäus als Quelle, der um 260 eine Geschichte Siciliens und Italiens verfaßte, die ebenfalls nicht mehr vorhanden ist. Für das Leben der beiden carthagischen Feldherren war der gewichtigste Gewährsmann Polybius aus Megalopolis in Arcadien. Er kam im J. 167 nach Rom, gewann die Freundschaft des jüngern Scipio und begleitete diesen auf seinen Kriegszügen gegen Carthago und Numantia. Von seiner großen Universalgeschichte, die vom ersten punischen Krieg bis zur Zerstörung Carthago’s und Corinths reichte, haben wir nur noch die fünf ersten Bücher bis zur Schlacht bei Cannä vollständig. Ohne Bedeutung waren die beiden Biographien des Hannibal von Sosilus und Silenus.
Bemerkenswerth ist endlich, daß man während des ganzen Mittelalters als den Verfasser des Buches, „von den ausgezeichneten Heerführern fremder Nationen“ nicht den Cornelius Nepos, sondern einen Aemilius Probus, einen Zeitgenossen des Kaiser Theodosius (379–395), kannte, dessen Name sich auf dem Titel sämmtlicher alten Handschriften desselben vorfindet, während die Lebensbeschreibungen des Cato und Atticus überall den Namen des Nepos tragen. Erst durch einige Gelehrte des 16. Jahrhunderts [7] wurde nachgewiesen, daß Cornelius Nepos auch der Verfasser jenes Buches sei. Man stützt sich bei dieser Annahme theils auf mehrere in demselben vorkommende Andeutungen, die sich auf die Zeit des Unterganges der Republik beziehen (vgl. Thras. 2., Dion. 9., Chabr. 3., Epam. 10., Ages. 4., Eum. 8.), und die uns sonach in dem Atticus der Praefatio keinen Andern als den Freund des Nepos erkennen lassen; theils auf die schon oben erwähnten Hinweisungen auf andere Bücher des Gesammtwerkes „von den berühmten Männern“; theils auf die Uebereinstimmung der Schreibart mit den Biographien des Cato und Atticus; theils endlich auf die Unmöglichkeit, daß ein Schriftsteller aus der Zeit des Theodosius die Sprache der classischen Zeit bis auf das Kleinste ohne jeden Beigeschmack der späteren Latinität hätte nachahmen können. Diese für Nepos als Verfasser des Buches sprechenden Beweise sind von denen, welche auch heut zu Tage noch an Aemilius Probus festhalten, bis jetzt noch nicht durch genügend wahrscheinliche Gegengründe widerlegt worden. Der ganze Irrthum ist möglicher Weise durch ein kleines Gedicht des Aemilius Probus entstanden, das sich in einigen Handschriften hinter dem Buche „vor den ausgezeichneten Heerführern fremder Nationen“ findet; woraus Unkundige vielleicht folgern mochten, daß auch die vorhergehende Schrift von Probus herrühre. Die Vermuthung, daß das fragliche Buch nur ein Auszug sei, den Aemilius Probus aus dem größern Werke des Nepos gemacht habe, entbehrt jeder Begründung.
Anmerkungen
1 Dieselben sind am sorgfältigsten dargelegt in Rinckii Prolegomena ad Aemilium Probum vor Roth’s Ausgabe des Aemilius Probus, Basel 1841, und in der größern Ausgabe des Cornelius Nepos von Nipperdey, Leipzig 1849.
