1. Auf Aurelius Alexander folgte Maximinus. Er war der Erste, der aus dem Kreise des Soldatenstandes lediglich durch einen Beschluß der Soldaten, ohne Mitwirkung und Bestätigung des Senates und ohne selbst Senatsmitglied zu seyn, zum Kaiser erhoben wurde. Er war, nachdem er von den Soldaten mit dem Kaisertitel begrüßt worden, im Kriege gegen Deutschland glücklich gewesen, wurde aber, verlassen von seinen Leuten, durch Pupienus in Aquileja getödtet, nebst seinem noch unerwachsenen Sohne, mit welchem er drei Jahre und wenige Tage den Kaisernamen getragen hatte [J. n. Chr. 238.].
2. Nun waren zugleich drei Kaiser, Pupienus, Balbinus und Gordianus, vorhanden. Die zwei Ersteren waren von sehr niedriger Herkunft, Gordianus aber von guter Familie: es war nämlich sein Vater, der ältere Gordianus, als Proconsul in Afrika unter der Regierung Maximin s durch den einstimmigen Willen der Soldaten zum Regenten gewählt worden.1 Bei seiner Ankunft in Rom wurden nun Balbinus und Pupienus im Pallaste ermordet, und dem Gordianus blieb der Thron allein. Gordianus vermählte sich noch sehr jung in Rom mit Tranquillina, ließ den Tempel des doppelköpfigen Janus öffnen, zog sodann in die Morgenländer und bekriegte die Parther, welche eben zu einem neuen Einbruch Anstalten machten. Der Gang der Ereignisse war glücklich, in entscheidenden Gefechten erlitten die Perser großen Verlust. Auf seinem Rückmarsche wurde er nicht weit von der Römischen Grenze durch die Hinterlist des Philippus, seines Nachfolgers, getödtet. Die Soldaten errichteten ihm 20 Meilen von Circessum2 ein Grabmal, welche Stadt nahe bei m Euphrat und noch jetzt ein fester Platz der Römer ist. Die Leiche Gordian’s brachten sie nach Rom und versetzten ihn unter die Götter [244. n. Chr.].
3. Nach der Ermordung von Gordianus rißen die beiden Philippus, Vater und Sohn, die Regierung an sich, führten das Heer wohlbehalten zurück, und zogen aus Syrien nach Italien. Unter ihrer Regierung wurde das tausendjährige Fest der Stiftung Rom s [246. n. Chr.] mit Spielen und Schaugepränge von großer Pracht gefeiert. Beide Kaiser wurden vom Heere getödtet: der ältere Philippus in Verona, der jüngere in Rom. Sie hatten fünf Jahre regiert und wurden übrigens unter die Götter versetzt.
4. Nach ihnen erhielt die Krone Decius, aus Budalia im unteren Pannonien gebürtig. Er unterdrückte den Bürgerkrieg, der in Gallien ausgebrochen war. Seinen Sohn ernannte er zum Cäsar. Zu Rom baute er Bäder. Zwei Jahre hatte er und sein Sohn regiert. Da wurden sie im Auslande getödtet und unter die Götter versetzt [251.].
5. Zu Kaisern wurden hierauf gewählt: Gallus Hostilanus und Gallus Sohn, Volusianus. Unter ihnen stiftete Aemilianus in Mösien3 Unruhen: beide Kaiser zogen aus, ihn zu stürzen, wurden aber zu Interamna umgebracht nach einer Regierung von nicht vollen zwei Jahren [255.]. Sie hatten nichts Ruhmwürdiges ausgeführt. Blos Pest, Krankheiten und verzehrende Seuchen machen die Zeit ihrer Regierung bemerkenswerth.
6. Aemilianus, von ganz niedriger Geburt, regierte noch ruhmloser als seine Herkunft war, und ward schon im dritten Monate aus dem Wege geräumt.
7. Hierauf wurde Licinius Valerianus, der in Rhätien und Noricum4 befehligte, vom Heere zum Imperator und bald darauf zum Augustus erhoben. Auch Gallienus [Sohn des Valerian] wurde in Rom vom Senat als Cäsar begrüßt. Die Regierung dieser Männer war für den Römischen Namen nachtheilig und beinahe verderblich, entweder in Folge des Mißgeschicks oder der Untüchtigkeit dieser Regenten. Die Deutschen drangen bis Ravenna. Valerianus wurde in einem Kriege in Mesopotamien von dem Persischen König Sapor geschlagen: bald gerieth er sogar in Gefangenschaft und brachte in Parthien in schmähliger Sklaverei sein Alter hin.
8. Gallienus, noch sehr jung zum Augustus erhoben, regierte anfangs glücklich, dann erträglich, zuletzt aber verderblich. Als Jüngling hatte er in Gallien und Illyrien viele tapfere Thaten gethan, indem er bei Mursa den Ingenuus, der den Purpur sich zugeeignet hatte, und Regalianus tödtete. Lange Zeit zeigte er sich wohlwollend und gemäßigt, dann aber überließ er sich jeder Art von Wollust, und ließ die Zügel der Herrschaft, die er hätte behaupten sollen, aus schimpflicher Feigheit und Muthlosigkeit sinken. Die Alemannen5 verwüsteten Gallien und drangen bis nach Italien. Dacien jenseits der Donau, das Trajanus zum Reiche geschlagen hatte, ging unter ihm verloren. Griechenland, Macedonien, Pontus, Kleinasien wurde von den Gothen verwüstet. Pannonien wurde von den Sarmaten und Quaden verheert. Die Deutschen drangen bis nach Spanien, und eroberten die berühmte Stadt Tarraco.6 Die Parther besetzten Mesopotamien und begannen nach dem Besitze von Syrien zu trachten.
9. Zu dieser verzweifelten Lage des Staates, wo das Römische Reich fast vernichtet war, nahm Postumus, ein Mann von dunkler Herkunft, in Gallien den Purpur an, und regierte zehen Jahre hindurch mit solcher Thatkraft und Klugheit, daß die fast schon erschöpften Provinzen sich wieder erholten. Er kam um in einem Soldatenaufruhr, weil er Mainz, das unter dem Aelianus, welcher eine Staatsumwälzung beabsichtigte, sich empört hatte, den Soldaten zur Plünderung nicht überlassen wollte. Nach ihm nahm Marius, ein ganz gemeiner Handwerker, den Purpur an, wurde aber nach zwei Tagen ermordet. Auf ihn gelangte Victorinus, ein Mann von vieler Tapferkeit, zur Regierung von Gallien: da er aber ausgelassen wollüstig war, und die Gattinnen Andrer verführte, wurde er zu Agrippina7 durch die Anschläge eines Verwalters der Kriegsmagazine im zweiten Jahre seiner Regierung ermordet.
10. Sein Nachfolger war der Senator Tetricus. Er verwaltete als Statthalter Aquitanien, und wurde in seiner Abwesenheit von den Soldaten zum Kaiser gewählt. In Burdigala [Bourdeaux] erhielt er den Purpur. Er hatte viele Aufstände unter den Soldaten durchzumachen. Während nun Solches in Gallien vorging, wurden in den Morgenländern die Perser von Odenathus geschlagen: Syrien wurde vertheidigt, Mesopotamien wieder gewonnen und Odenathus rückte bis nach Ctesiphon.
11. Während Gallienus die öffentlichen Angelegenheiten ganz vernachläßigte, wurde das Römische Reich im Abendland durch Postumus und im Morgenland durch Odenathus aufrecht erhalten. Inzwischen wurde Gallienus mit seinem Bruder Valerianus in Mailand im neunten Jahre seiner Regierung umgebracht [268. n. Chr.]. Sein Nachfolger war Claudius, gewählt von den Soldaten, als Augustus vom Senate begrüßt. Er besiegte die Gothen, die Illyrien und Macedonien verwüsteten, in einer entscheidenden Schlacht. Dieser Kaiser war sparsam, ohne Anmaßung, ein standhafter Freund des Rechts und zur Leitung des Staatsruders ganz geschickt: er starb jedoch im zweiten Jahre seiner Regierung an einer Seuche, und wurde nun vergöttert. Der Senat ehrte ihn aufs Höchste, indem er zu seinem Andenken auf der Curie einen goldenen Schild und ferner auf dem Capitol eine goldene Bildsäule aufstellen ließ.
12. Nach ihm wurde sein Bruder, Quintillus, durch den einstimmigen Willen den Soldaten, zum Kaiser gewählt, ein Mann von seltener Mäßigung uud Menschenfreundlichkeit, so daß er seinem Bruder an die Seite gestellt, wo nicht vorgezogen werden konnte. Eine Senatserklärung machte ihn zum Augustus: aber siebenzehen Tage nach seiner Thronbesteigung wurde er umgebracht.
13. Nach ihm [271.] kam der Scepter in die Hände des Aurelianus. Er stammte aus dem Ripensischen Dacien: und war ein gewaltiger Kriegsheld, übrigens aufbrausend und allzu sehr zur Grausamkeit geneigt. Die Gothen wurden von ihm mit großer Tapferkeit geschlagen. Sein mannigfaches Kriegsglück gab dem Römischen Reich wieder die alten Grenzen. Bei Catalauni [Chalons] in Gallien überwand er den Tetricus, indem Dieser selbst sein Heer übergab, da er sich dessen unruhigem Geiste nicht gewachsen fühlte. Ja auch in geheimen Briefen empfahl er sich dem Aurelianus, worin er sich unter anderem des Virgilischen Verses bediente:
Reiß mich aus solcherlei Noth, Unbesiegter!8
Zenobia, welche nach dem Tode ihres Gemahls Odenathus die Morgenländer beherrschte, nahm er nicht weit von Antiochien nach einem leichten Treffen gefangen, und hielt, als Wiedereroberer der Abend- und Morgenländer, einen prachtvollen Triumpheinzug in Rom, wobei Tetricus und Zenobia seinem Wagen vorangingen. Tetricus wurde nachher Statthalter von Lucanien, und lebte sodann noch sehr lange als Privatmann. Zenobia aber hat Nachkommenschaft, von welcher noch jetzt Glieder leben, in Rom hinterlassen.
14. Unter der Regierung Aurelian s erregten die Arbeitsleute in der Münze zu Rom einen Aufstand. Sie hatten den Gehalt des Gelds verfälscht und den Obermünzmeister Felicissimus umgebracht, worauf sie aber Aurelianus bezwang, und durch die härtesten Maßregeln ihren Aufstand dämpfte. Sehr viele Vornehme ließ er zum Tode verurtheilen. Ueberhaupt war dieser Fürst grausam und blutdürstig: und gewisser Umstände wegen wohl zwar unentbehrlich, jedoch in keinem Theil liebenswürdig. Stets war er furchtbar streng: selbst einen Neffen ließ er tödten. Doch die Kriegszucht und die sehr verdorbenen Sitten wurden durch ihn in vielen Stücken verbessert.
15. Die Stadt Rom umgab er mit festeren Mauern: dem Sonnengott erbaute er einen Tempel, in welchem er unermeßlich viel Gold und Edelsteine anbrachte. Die Provinz Dacien, welche Trajan jenseits der Donau gewonnen hatte, gab er auf: denn da ganz Illyrien und Mösien verwüstet war, glaubte er, dieselbe nicht mehr behaupten zu können. Er führte also die Römer aus den Städten und dem Gebiet von Dacien ab, und versetzte sie in Mittelmösien, welches er Dacien nannte. Dieser Bezirk liegt zwischen den beiden Mösien, und zwar auf der rechten Seite der Donau, die sich in s Meer ergießt, während Dacien vorher auf der linken Seite war. Die Bosheit eines seiner Sklaven kostete ihm das Leben. Dieser machte nämlich die Handschrift des Kaisers nach, und brachte einigen Angehörigen des Heers, welche zu des Kaisers Umgebung gehörten, ein unterschobenes Verzeichniß ihrer Namen, wie wenn Aurelianus die Absicht hätte, sie hinrichten zu lassen. Um nun ihrem Schicksal zuvorzukommen, ermordeten sie ihn mitten auf dem Wege der alten Straße zwischen Constantinopel und Heraclea. Der Ort heißt Cänophrurium. Indeß blieb sein Tod nicht ungerächt. Auch er wurde verdientermaßen unter die Götter versetzt. Seine Regierung hatte fünf Jahre, sechs Monate gedauert [276.].
16. Nach ihm bestieg Tacitus den Thron: ein Mann von den besten sittlichen Eigenschaften und zur Leitung der Staatsgeschäfte sehr tüchtig. Indeß konnte er nichts Rühmliches zu Tage fördern, da er schon im sechsten Monate vom Tode überrascht wurde. Florianus, der auf Tacitus folgte, stand nur zwei Monate und zwei und zwanzig Tage an der Spitze der Regierung: auch er vermochte nichts auszuführen, das der Geschichte Stoff gäbe.
17. Nach Diesem übernahm Probus die Staatsverwaltung, ein durch kriegerischen Ruhm ausgezeichneter Fürst. Gallien, das sich in den Händen der Barbaren befand, brachte er nach höchst glücklich bestandenen Gefechten, wieder an das Reich. Saturninus, der in den Morgenländern, und Proculus und Vonosus, die in Agrippina Versuche machten, sich auf den Thron zu schwingen, besiegte er nach vielfachen Kämpfen. Den Galliern und Pannoniern verstattete er die Anlegung von Weinpflanzungen: er verwendete seine Soldaten, um am Berge Alma bei Sirmium und dem Berge Aureus in Obermösien Reben zu pflanzen, deren weitere Besorgung er den Bewohnern dieser Provinzen überließ. Als er nach unzähligen Kriegen Frieden errungen hatte, äußerte er, in kurzem werde man keiner Soldaten mehr bedürfen. Probus war thätig, tapfer, gerecht und kam an Kriegsruhm dem Aurelianus gleich, übertraf ihn jedoch an Leutseligkeit und Milde des Charakters. In einem Soldatenaufstande in Sirmium wurde er auf einem befestigten Thurme umgebracht. Sechs Jahre, fünf Monate hatte er regiert [282. n. Chr.].
18. Nach Probus wurde Carus zum Kaiser ernannt, geboren zu Narbo in Gallien. Alsbald erhob er seine Söhne Carinus und Numerianus zu Cäsarn, mit welchen er zwei Jahre regierte. Während er im Kriege mit den Sarmaten begriffen war, erhielt er Nachricht von einem plötzlichen Ueberfalle der Perser, zog sodann in die Morgenländer und bekämpfte die Perser mit glänzendem Erfolge. Sie wurden nach einem Treffen von ihm zerstreut: Coche und Ctesiphon, zwei sehr ansehnliche Städte, eroberte er: als er aber eben mit seinem Lager jenseits des Tigris stand, ward er durch einen von den Göttern gesendeten Blitzstrahl getödtet. Sein Sohn Numerianus, ein Jüngling von den trefflichsten Anlagen, der unter seinem Vater diesen Feldzug mitmachte, wurde in der Sänfte, in welcher er wegen eines Augenleidens getragen werden mußte, auf Anstiften Apers, seines Schwähers, meuchelmörderisch getödtet. Listigerweise verhehlte man seinen Tod, bis Aper sich des Throns versichert haben würde; aber der Geruch des Leichnam s verrieth die Sache. Denn die Soldaten, welche ihm zur Wache dienten, wurden durch die Ausdünstungen veranlaßt, die Vorhänge der Sänfte zu lüften, und waren einige Tage nach seinem Tode von dem Ereignisse unterrichtet.
19. Carinus, welchen Carus bei seinem Zuge gegen die Parther als Cäsar in Illyrien, Gallien und Italien zurückgelassen hatte, befleckte sich inzwischen mit allen Lastern. Unter dem Vorwande von Verbrechen ließ er viele Leute unschuldig hinrichten: angesehene Frauen suchte er zu verführen: selbst Mitschüler, welche ihn in Hörsälen nur mit scherzhaften Angriffen geneckt hatten, mußten seine Rache erfahren. Er wurde durch dieses Betragen aller Welt verhaßt, und auch bald von der gebührenden Strafe ereilt. Als nämlich die Armee siegreich aus Persien zurückkehrte, ersetzte sie den Verlust des vom Blitze getroffenen Kaisers, und des menchelmörderisch getödteten Cäsar s Numerianus durch die Berufung des Diocletianus zum Throne. Dieser war von der niedrigsten Herkunft: die Meisten glaubten, er sey der Sohn eines Schreibers, Andere, er sey der Freigelassene des Senators Anutinus gewesen.
20. Diocletianus schwur in der ersten Versammlung seiner Soldaten, daß die Ermordung des Numerianus nicht sein Werk sey. Eben stand Aper , der dem Numerian den Untergang bereitet hatte, neben dem Kaiser und wurde nun von dessen eigener Hand im Angesicht des Heeres durchstochen. Carinus, dessen Leben ein Gegenstand des Hasses und Abscheues aller Welt war, wurde bei Margum9 in einem entscheidenden Treffen von ihm besiegt. Sein eigenes Heer, welches übrigens stärker war, als das des Diocletian, verrieth ihn, oder verließ ihn doch zwischen Biminiacum [Castaloz] und dem Berge Aureus. So kam das ganze Römische Reich unter den Scepter Diocletian’s. Zwar erhoben die Bauern in Gallien einen Aufstand. Sie gaben sich bei diesem Unternehmen den Namen Bacauden und hatten Amandus und Aelius zu Anführern. Indeß schickte er den Cäsar Maximianus Herculius aus, um sie zur Unterwerfung zu bringen, der nach einigen leichten Gefechten diese Landleute zu Paaren trieb, und den Frieden in Gallien wieder herstellte.
21. In diese Zeit fällt auch folgender Vorgang. Ein gewisser Carausius von ganz gemeiner Herkunft, übrigens durch Regelmäßigkeit und Tapferkeit im Kriegsdienst ausgezeichnet, hatte den Auftrag erhalten, in der Gegend von Bononia [Boulogne] und dem Küstenstrich von Belgien und dem Armoricanischen Gallien, der durch die Franken und Sachsen beunruhigt wurde, die Ruhe zur See herzustellen. Wirklich machte er oft eine bedeutende Anzahl dieser Barbaren zu Gefangenen, aber stellte die ihnen abgenommene Beute weder den Bewohnern dieser Provinzen vollständig zu, noch schickte er sie an die Regierung ein. Man schöpfte deswegen Verdacht, er lasse die Barbaren absichtlich in jene Gegenden kommen, um dieselben aufzufangen, wenn sie mit Beute beladen vorüberzögen, und sich selbst auf diesem Wege zu bereichern. Maximianus ertheilte also den Befehl, ihn aus dem Wege zu schaffen: er aber nahm den Purpur an, und bemächtigte sich Britanniens.
22. So befand sich denn kein Theil des Römischen Reichs in ruhigem Zustande. Carausius hatte sich in Britannien empört: Aegypten wurde von Achilleus, Afrika von den Quinquegentianern10 beunruhigt; Narseus trug Krieg in die Morgenländer. Da erhob Diocletianus den Maximianus Herculius vom Cäsar zum Augustus, und den Constantius und Maximianus zu Cäsarn. Constantius soll ein Tochtersohn des Claudius gewesen seyn: Maximianus Galerius war in Dacien, unweit Sardica, geboren. Um sie auch durch Bande des Bluts zu verbinden, erhielt Constantius die Stieftochter des Herculius, Theodora zur Gemahlin, welche ihm sechs Kinder, die Halbbrüder von Constantinus, gebar. Galerius heirathete Valeria, die Tochter Diocletian’s: Beide wurden genöthigt, von den Frauen, welche sie schon hatten, sich zu trennen. Gegen Carausius, als einen höchst kriegserfahrnen Mann, hatte man vergeblich die Gewalt der Waffen versucht. Endlich wurde eine friedliche Uebereinkunft mit ihm getroffen. Indeß ward er sieben Jahre darnach von Allectus, einem Waffengenossen umgebracht, welcher sich sodann auf drei Jahre in dem Besitz Britanniens behauptete. Doch wurde Dieser unter der Leitung des Anführers der Leibwache, Asclepiodotus, gestürzt, und so wurde Britannien nach zehen Jahren zum Reiche wieder beigebracht [296.].
23. Um dieselbe Zeit hatte der Cäsar Constantius in Gallien im Gebiete der L-ngoner11 zu kämpfen. Glück und Unglück wechselten an Einem Tage. Er wurde nämlich durch einen plötzlichen Angriff der Barbaren zur Stadt zurückgeworfen und wurde hiebei so hart gedrängt, daß man ihn, weil die Thore schon geschlossen waren, mit Seilen an der Mauer hinaufziehen mußte: allein kaum fünf Stunden darnach rückte sein ganzes Heer heran, und er machte nun bei 60,000 Allemannen nieder. Auch der Augustus Maximianus war in Afrika glücklich, indem er die Quinquegentianer unterwarf und sie zum Frieden nöthigte. Diocletianus schloß den Achilleus zu Alexandrien ein, wurde ungefähr im achten Monat seiner Meister und lies ihn tödten. Den Sieg benützte er mit Härte. Mit schauderhaften Achtserklärungen und Hinrichtungen wurde ganz Aegypten erfüllt. Doch traf Diocletianus bei diesem Anlasse manche weise Einrichtungen und Anstalten, welche sich bis auf unsre Zeit erhalten haben.
24. Galerius Maximianus hatte in einem Treffen zwischen Callinicum12 und Carrä gegen Narseus durchaus keinen günstigen Erfolg, jedoch mehr wegen Unbedachtsamkeit als Feigheit. Denn er wagte mit einer sehr geringen Heeresabtheilung ein Gefecht gegen einen sehr zahlreichen Feind. Er wurde zur Flucht gezwungen, und reiste zu Diocletianus. Als er Diesem unterwegs begegnete, wurde er mit so übermüthiger Härte behandelt, daß er in seinem Purpur etliche 1000 Schritte weit dessen Wagen zu Fuß begleiten mußte.
25. Bald zog er indeß in Illyrien und Mösien Truppenmassen zusammen und griff Narseus, den Großvater von Hormisdas und Sapor, in Großarmenien von neuem an. Und zwar mit dem glänzendsten Erfolg, indem Galerius mit eben so viel Vorsicht, als Tapferkeit focht: er selbst hatte, nur von 2 oder 3 Reitern begleitet, den Feind auskundschaftet. Narseus wurde geschlagen, sein Lager geplündert, und dessen Gemahlinnen, Schwestern und Kinder gefangen genommen, ferner fiel ein bedeutender Theil des Persischen Adels, so wie der wohl gefüllte Persische Schatz in die Hände des Siegers. Narseus selbst wurde bis in die entferntesten, verlassensten Gegenden seines Reichs getrieben. Es kehrte nun der Cäsar zu Diocletianus zurück, der damals zur Deckung dieses Landes in Mesopotamien stand, und wurde ausgezeichnet ehrenvoll empfangen. Diese Beiden unternahmen nun theils zusammen, theils Jeder für sich allein, noch mehrere Kriege, unterwarfen die Carpen und Basterner,13 besiegten die Sarmaten, und versetzten eine ungeheure Anzahl von Gefangenen dieser Völker in das Römische Gebiet.
26. List, richtiger Blick und die Gabe, alle Verhältnisse zu durchschauen, zeichneten Diocletianus aus. Harte Maßregeln bemühte er sich, Andern zur Last zu legen. Der Ruhm großer Thätigkeit und Einsichten gebührt ihm jedenfalls. Er war es, unter dem die Römische Regierung den Charakter der Freiheit zu verlieren anfing, und mehr den Ton einer monarchischen Verwaltung annahm. Auch ließ er sich durch Kniebeugung verehren, während bis dahin blos ehrerbietige Begrüßungen der Kaiser üblich waren: seine Gewänder und Schuhe lies er mit Edelsteinen besetzen. Vorher hatte die Auszeichnung der Kaiser in einem purpurfarbenen Oberkleid bestanden: im Uebrigen hatten sie sich wie Jedermann gekleidet.
27. Herkulius, ein Mann von unverhüllter Rohheit und Härte, trug den Ausdruck seiner finsteren Gemüthsart schon in seiner abstoßenden Miene. Getreu seinem Naturell richtete er sich in allen, auch in seinen allzu strengen Maßregeln nach Diocletianus. Mit den Beschwerden des höheren Alters kam nun bei Diocletianus auch das Gefühl, daß er nicht mehr Kraft genug besitze, um das Staatsruder führen zu können. Er machte daher dem Herculius den Vorschlag, daß sie sich Beide in’s Privatleben zurückziehen, und die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten frischeren und jüngeren Männern überlassen sollten. Ungerne gab sein Reichsgenosse nach: jedoch vertauschten sie an ein und dem selben Tage die Würdezeichen des Kaiserthums mit dem Gewand eines Privatmanns [302.] Dioclecianus in Nicomedien, Herculius in Mailand. Dieß geschah, nachdem sie über zahllose Völker einen so glänzenden Triumph gefeiert, und die rühmlichsten Trophäen vor ihrem Wagen sahen, indem die Gemahlinnen, Schwestern und Kinder des Narseus vor demselben geführt wurden. Der Eine der Kaiser begab sich nach Salonä,14 der Andre nach Lucanien.15
28. Diocletianus brachte als Privatmann auf seinem Landgute bei Salonä die Muße seines Alters auf eine sehr rühmliche Art zu. Er zeigte eine Seelengröße, welche in der ganzen Römischen Geschichte ohne Beispiel ist, indem er freiwillig von der Höhe einer so großen Macht in die Verhältsnisse eines Privatmanns herabstieg und wieder Bürger wurde. Ihm widerfuhr daher auch, was Keinem seit dem Daseyn des Menschengeschlechts zu Theil wurde, nämlich, daß er, obwohl als Privatmann gestorben, unter die Götter versetzt wurde.
Anmerkungen
1 Dieser war nebst seinem Vater im Kriege gegen einen dem Maximin treuen Statthalter in Afrika umgekommen.
2 In Mesopotamien an der Mündung des Abora in den Euphrat.
3 Das jetzige Servien und Bulgarien.
4 Steiermark, Kärnthen, ein Theil von Krain und das am rechten Ufer des Inn gelegene Stück von Baiern.
5 Zwischen dem Rhein, dem Main, bis zu seiner Mündung in den Rhein, und der Donau, bis dahin, wo sie der Lech aufnimmt, wohnhaft.
6 Tarragona.
7 Jetzt Kölln.
8 Nach Voß.
9 Passarowicz.
10 Es waren im Cyrenaischen Libyen fünf berühmte Städte, deren Bewohner den Namen „Fünfstädter” führten.
11 Bei Langres.
12 Eine Stadt Mesopotamiens am Euphrat.
13 Völkerschaften, die früher an der Weichsel gewohnt hatten, und jetzt sich an der Donau zeigten.
14 Eine Stadt Dalmatiens, von der in der Gegend von Spalatro einige Trummer liegen.
15 Lucanien machte einen Theil des heutigen Neapels aus.
