Vorwort zum 3. Buch*
[des Pompeius Trogus]
[8] Im dritten Buche ist Folgendes enthalten: Wie nach dem Tode des Xerxes dessen Sohn Artaxerxes, nachdem er an dem Mörder seines Vaters, Artabanus, Rache genommen [einen Krieg mit dem Urheber der Abtrünnigkeit Aegyptens1 führte, und zuerst sein Feldherr Achämenes besiegt, dann aber Aegypten durch Megabazus wieder erobert wurde]. Wie unter den Griechen selbst, nachdem sie mit dem Könige (der Perser) Frieden geschlossen, Kriege entstanden. [Nun wird auf die Urgeschichte der Peloponnesier zurückgegangen und erzählt, wie (der Peloponnes) von den Nachkommen des Herkules, dem Dorischen Volke, eingenommen wurde. Hierauf die Argolischen und] Messenischen [9] Kriege und die Erstarkung der Zwingherrscher von Sicyon und Corinthus. Der Crissäische Krieg und der, welchen die Athener zuerst mit den Böotiern, dann mit den Peloponnesiern führten2.
1 (1) Xerxes, König der Perser, früher der Schrecken der Völker, fing nach dem unglücklich gegen Griechenland geführten Kriege auch seinen eigenen Unterthanen verächtlich zu werden an; (2) und so wurde denn der Befehlshaber [seiner Leibwache] Artabanus durch das täglich mehr abnehmende Ansehen des Königs zu der Hoffnung auf den Thron geführt; er begibt sich mit seinen sieben äußerst starken Söhnen Abends in den königlichen Palast (denn nach dem Rechte der Freundschaft stand er ihm stets offen), ermordet den König und macht sich mit List an die seinem Wunsche im Wege stehenden Söhne desselben. (3) Sorgloser in Bezug auf den noch ganz knabenhaften [93] Artaxerxes3, gibt er vor, der König sei vom Darius, der schon Jüngling war, getödtet worden, damit er früher in Besitz des Thrones gelangte, und treibt den Artaxerxes an, den Vatermord durch Brudermord zu rächen. (4) Als man zur Wohnung des Darius gekommen war, wird er schlafend gefunden und, als erheuchle er blos den Schlaf, ermordet. (5) Da nun Artabanus sah, daß noch einer von des Königs Söhnen für sein Verbrechen übrig sei, und Streitigkeiten über die Herrschaft unter den Großen fürchtete, nimmt er den Bagabazus4 zum Genossen seines Planes an. (6) Dieser aber, mit dem gegenwärtigen Stande der Dinge zufrieden, verräth dem Artaxerxes, wie sein Vater getödtet worden, wie sein Bruder dem falschen Verdachte des Vatermords erlegen sei, und wie endlich ihm selbst Nachstellungen bereitet würden. (7) Als Artaxerxes dieß erfahren, gibt er aus Furcht vor der Zahl der Söhne des Artabanus den Befehl, daß sich das Heer auf den folgenden Tag mit den Waffen bereit halten sollte, da er theils die Anzahl der Soldaten, theils den Fleiß der Einzelnen in den Waffenübungen kennen lernen wolle. (8) Während nun Artabanus selbst unter den Uebrigen gewaffnet dastand, gibt der König vor, er habe einen zu kurzen Panzer und befiehlt den Artabanus mit ihm zu tauschen, als sich aber jener desselben entledigt und entblößt hat, durchbohrt er ihn mit dem Schwerte und läßt dann auch dessen Söhne ergreifen. (9) Und so rächte denn der treffliche Jüngling nicht nur den Mord seines Vaters, sondern befreite sich auch von den Nachstellungen des Artabanus.
2 (1) Während dieß in Persien vorgeht, trennt sich ganz Griechenland unter der Führung der Lacedämonier und Athener in zwei Parteien und kehrt die Waffen von den auswärtigen Kriegen hinweg gleichsam gegen seine eigenen Eingeweide. (2) Es bilden sich also aus einem Volke zwei Körperschaften und die Leute, die einem und demselben Lager angehört hatten, scheiden [94] sich in zwei feindliche Heere. (3) Hier ziehen die Lacedämonier zu ihren eigenen Streitkräften die einst gemeinsamen Hülfstruppen der Staaten heran; dort vertrauen die Athener, glänzend sowohl durch das Alter ihres Stammes, als durch ihre Thaten, ihren eigenen Kräften. (4) Und so stürzen sich die zwei mächtigsten Völker Griechenlands, einander gleichstehend durch die Anordnungen Solons5 und des Lycurgus6 Gesetze, aus Eifersucht auf ihre Streitkräfte in den Krieg. (5) Da nämlich Lycurgus der Nachfolger seines Bruders Polydectes, des Königs der Spartaner, geworden war und sich den Thron hätte zueignen können, gab er doch dessen nachgeborenem Sohne Charillus, als er das männliche Alter erreicht hatte, die Regierung mit der größten Gewissenhaftigkeit zurück, (6) damit Alle erkennen sollten, wie viel mehr bei guten Menschen die Rechte der Verwandtenliebe gälten, als alle Schätze. (7) In der Zwischenzeit nun, während das Kind heranwächst und er die Vormundschaft über dasselbe führt, giebt er den Spartanern Gesetze, die sie noch nicht hatten, und wird eben so sehr durch sein Beispiel, als durch die Erfindung derselben berühmt; (8) da er Nichts durch ein Gesetz für Andere festsetzte, wovon er nicht selbst zuerst an sich den Beweis7 gab. (9) Das Volk kräftigte er8 zum Gehorsam gegen die Staatshäupter, die Staatshäupter zur Gerechtigkeit bei Handhabung ihrer Amtsgewalt. (10) Allen rieth er Sparsamkeit, weil er meinte, daß die Mühseligkeit des Kriegsdienstes durch beständige Gewöhnung an Mäßigkeit erleichtert werden würde. (11) [95] Er verordnete, alle einzelnen Bedürfnisse nicht für Geld, sondern durch Waarentausch zu kaufen. (12) Den Gebrauch von Gold und Silber schaffte er als den Nahrungsstoff aller Laster ab.
3 (1) Die Verwaltung des Staats vertheilte er unter die Stände9; den Königen10 überließ er die Obergewalt in Kriegssachen, den obrigkeitlichen Personen11 die Gerichte und jährlich wechselnde Nachfolger12, dem Senate13 die Wahrung der Gesetze, dem Volke die Befugniß, den Senat durch Wahl zu ergänzen und zu obrigkeitlichen Personen zu erwählen, wen es wollte. (3) Die Grundstücke Aller vertheilte er gleichmäßig unter Alle, damit die Gleichheit des Vermögens Niemanden mächtiger werden ließe, als den Andern. (4) Alle hieß er öffentlich zusammen speisen, damit Keines Reichthum oder Ueppigkeit im Verborgenen bliebe. (5) Den Jünglingen war nicht mehr als ein Kleid im ganzen Jahr zu tragen gestattet, und Keiner durfte weder geputzter auf die Straße gehen, noch herrlicher speisen, als der Andere, damit nicht die Nachahmung zur Schwelgerei ausarte. (6) Die mannbaren Knaben befahl er nicht auf den Markt14, sondern auf das Land zu führen, damit sie die ersten Jahre nicht in Wohlleben, sondern in Arbeit und Anstrengungen hinbrächten. (7) Er setzte fest, daß sie des Schlafes wegen Nichts unterbreiten15, ohne Zukost16 leben, und nicht eher in die Stadt zurückkehren sollten, als bis sie Männer geworden [96] wären. (8) Die Jungfrauen ließ er ohne Mitgift heirathen, damit man Frauen wähle, nicht das Geld, und die Männer ihre Ehefrauen strenger in der Zucht hielten, da ihnen die Mitgift keine Zügel anlegte. (9) Die größte Ehre sollte nicht den Reichen und Mächtigen, sondern den Greisen nach ihrer Altersstufe zu Theil werden, und in der That hat auch nirgends auf Erden das Greisenalter eine ehrenvollere Stellung. (10) Weil er sah, daß diese Einrichtungen nach vorher so ungebundenen Sitten im Anfang hart waren, so gibt er vor, der delphische Apollo sei ihr Urheber, und er habe sie von dort auf Befehl des Gottes mitgebracht, damit religiöse Scheu den Widerwillen gegen die Gewöhnung daran besiegen sollte. (11) Um sodann seinen Gesetzen ewige Geltung zu geben, verpflichtet er die Bürgerschaft durch einen Eid, daß sie an seinen Gesetzen Nichts ändern wollten, bevor er zurückkehrte, und gibt vor, er reise zum delphischen Orakel, um es zu befragen, was es den Gesetzen beigefügt oder daran geändert wissen wollte. (12) Er reiste aber nach Creta17, lebte dort in fortwährender Verbannung18 und befahl sterbend, seine Gebeine in’s Meer zu werfen, damit nicht etwa, wenn sie nach Lacedämon zurückgebracht würden, die Spartaner sich in Betreff der aufzuhebenden Gesetze ihres Heiligen Eides entbunden glaubten.
4 (1) Durch diese Sitten also erstarkte die Bürgerschaft in kurzer Zeit so sehr, daß sie sich, als sie die Messenier wegen der Schändung ihrer Jungfrauen bei dem feierlichen Opfer der Messenier mit Krieg überzogen hatten19, durch die stärksten Verwünschungen20 verpflichteten, nicht eher zurückzukehren, als bis sie Messenien erobert hätten; so viel versprachen sie sich entweder von ihren Kräften, oder von ihrem Glücke. (2) Dieses Ereigniß war der Anfang des Zwiespalts in Griechenland und der Grund und Ursprung eines innerlichen Krieges. (3) Als sie [97] daher gegen ihre Voraussetzung zehn Jahre lang bei der Belagerung der Stadt aufgehalten und durch die Klagen ihrer Frauen nach so langem Wittwenstande zurückgerufen wurden, fürchteten sie, sie möchten durch diese hartnäckige Fortsetzung des Kriegs mehr sich selbst, als den Messeniern, schaden; (4) da ja jenen, was von junger Mannschaft im Kriege umkäme, durch die Fruchtbarkeit der Frauen ersetzt würde, sie aber nicht nur beständige Verluste in den Kriegen, sondern auch in Abwesenheit der Männer von der Fruchtbarkeit der Frauen Nichts zu erwarten hätten. (5) Daher wählen sie Jünglinge aus derjenigen Klasse von Kriegern aus, die erst nach jenem Eidschwur als Ergänzung gekommen waren, schicken sie nach Sparta zurück und gestatten ihnen den Beischlaf mit allen Frauen ohne Unterschied, (6) indem sie glaubten, die Empfängniß werde schneller erfolgen, wenn eine Jede sie mit mehreren Männern versuchte. (7) Die Kinder von diesen wurden wegen des Makels der mütterlichen Züchtigkeit Parthenier21 genannt. (8) Als sie aber ein Alter von dreißig Jahren erreicht hatten, nehmen sie aus Furcht vor Mittellosigkeit (denn Keiner hatte einen Vater, in dessen Vermögen er einzutreten hoffen konnte) den Phalantus, einen Sohn jenes Aratus, welcher den Spartanern den Rath ertheilt, die jungen Leute zur Erzeugung einer Nachkommenschaft nach Hause zurückzuschicken, zu ihrem Anführer, (9) damit, wie einst sein Vater ihre Geburt veranlaßt hätte, so nun er selbst der Gründer ihrer Hoffnung und Ehre würde. (10) Sie ziehen daher, ohne selbst von ihren Müttern Abschied zu nehmen, durch deren Ehebruch sie sich mit Ehrlosigkeit beladen glaubten, aus, um neue Wohnsitze aufzusuchen; (11) gelangen, lange unter mancherlei Schicksalen herumgeschleudert, endlich nach Italien, und schlagen nach Eroberung der Burg von Tarentum und Vertreibung der alten Einwohner, daselbst ihren Wohnsitz auf22. (12) Nach vielen Jahren aber [98] begab sich ihr Anführer Phalantus, durch einen Aufstand in die Verbannung gejagt, nach Brundisium23, wohin sich die aus ihrem Wohnsitze vertriebenen alten Tarentiner gewendet hatten. (13) Diese überredet er sterbend, seine Gebeine und letzten Ueberreste zu zerreiben und stillschweigend auf dem Marktplatze der [jetzigen] Tarentiner ausstreuen zu lassen; (14) denn daß sie auf diese Art ihre Vaterstadt wieder erhalten könnten, habe Apollo zu Delphi geweissagt. (15) Jene, in der Meinung, er habe, um sich zu rächen, das Geschick seiner Mitbürger verrathen, gehorchten seiner Vorschrift. (16) Allein die Meinung des Orakels war die entgegengesetzte gewesen. Denn den fortwährenden Besitz, nicht den Verlust der Stadt hatte es, wenn dieß geschähe, verheißen. (17) So wurde durch den Rath des ausgewanderten Anführers und den Dienst der Feinde der Besitz von Tarentum den Partheniern für ewige Zeiten begründet, (19) und zum Andenken an diese Wohlthat haben sie dem Phalantus göttliche Ehren zuerkannt.
5 (1) Unterdessen werden die Messenier, da man es nicht durch Tapferkeit vermochte, durch Hinterlist bezwungen24. (2) Nachdem sie hierauf achtzig Jahre lang25 die schwere Geißel der Knechtschaft, meistentheils auch Fesseln und die übrigen Leiden einer eroberten Stadt erduldet hatten, erneuern sie nach langer Erduldung der Strafen den Krieg. (3) Auch die Lacedämonier eilen um so einmüthiger zu den Waffen, weil sie glaubten, daß sie gegen Sclaven kämpfen würden. (4) Als daher auf der einen Seite [erlittenes] Unrecht, auf der andern Entrüstung26 die Gemüther aufreizte, befragen die Lacedämonier das Orakel [99] zu Delphi über den Ausgang des Kriegs, und werden angewiesen, sich von den Athenern einen Anführer im Kriege zu erbitten. (5) Darauf senden die Athener, als sie den Orakelspruch vernommen, zur Verhöhnung der Spartaner den Tyrtäus, einen lahmen Dichter27, (6) der, in drei Treffen geschlagen, die Spartaner zu solcher Verzweiflung trieb, daß sie zur Ergänzung des Heeres ihre Sclaven frei ließen und ihnen die Ehefrauen der Getödteten versprachen, (7) so daß sie nicht bloß in die Zahl, sondern auch in die Würde der Bürger, deren sie verlustig gegangen, eintreten sollten. (8) Die Könige der Lacedämonier jedoch wollten, um nicht durch einen Kampf gegen den Willen des Schicksals dem Staate noch größere Verluste zu bereiten, das Heer zurückführen28, (9) wenn nicht Tyrtäus dazwischen getreten wäre, der dem Heere in einer Versammlung von ihm verfaßte Gedichte vorlas, worin er Ermahnungen zur Tapferkeit, Tröstungen für die Verluste und Rathschläge für die Kriegführung niedergeschrieben hatte. (10) Und so entflammte er denn in den Kriegern eine solche Kampfbegier, daß sie, nicht für ihre Rettung, sondern [nur] für ihre Beerdigung besorgt29, Täfelchen, auf welchen ihre und ihrer Väter Namen eingegraben waren, an den rechten Arm banden, (11) damit sie, wenn ein unglückliches Treffen sie alle aufgerieben hätte und im Laufe der Zeit die Züge ihrer Körper entstellt wären, nach der Angabe der Aufschriften dem Grabe übergeben werden könnten. (12) Als die Könige das Heer von solchem Muthe beseelt sahen, sorgten sie dafür, daß dieser Vorgang den Feinden gemeldet würde; (13) bei den Messeniern aber erregte die Sache nicht Furcht, sondern gegenseitigen Wetteifer. (14) Es wurde daher mit solchem Muthe gekämpft, daß nur selten irgend eine Schlacht blutiger [100] ausgefallen ist. (15) Zuletzt jedoch blieb der Sieg den Lacedämoniern30.
6 (1) Nach einer Zwischenzeit erneuerten die Messenier zum dritten Male den Krieg, (2) in welchem die Lacedämonier unter den übrigen Bundesgenossen auch die Athener zu Hülfe nahmen, (3) die sie jedoch, weil sie ihre Treue für verdächtig hielten, unter dem Vorgeben, daß sie überflüssig wären, wieder vom Kriegsschauplatze entließen. (4) Darüber unwillig bringen die Athener das Geld, welches von ganz Griechenland als Beisteuer zum Persischen Kriege zusammengeschossen worden war31, von Delos32 nach Athen, damit es nicht den Lacedämoniern, wenn sie treulos vom Bündniß abfielen, zur Beute und zum Raube diente. (5) Aber auch die Lacedämonier blieben nicht ruhig, und hetzten, da sie der Krieg mit den Messeniern beschäftigte, die Peloponnesier auf, einen Krieg mit den Athenern zu beginnen. (6) Gering waren damals die Streitkräfte der Athener, weil sie eine Flotte nach Aegypten33 gesendet hatten. So wurden sie denn in einem Seetreffen leicht besiegt. (7) Einige Zeit darauf erneuerten sie, nach der Rückkehr der Ihrigen, durch den Kern ihrer Flotte und Krieger verstärkt, den Kampf. (8) Schon hatten auch die Lacedämonier, von den Messeniern ablassend, ihre [101] Waffen gegen die Athener gekehrt34. (9) Lange wechselte der Sieg; endlich ging man mit gleichem Kriegsglück auf beiden Seiten auseinander. (10) Von da zu dem Kriege mit den Messeniern zurückgerufen, trafen die Lacedämonier, um den Athenern keine ruhige Zwischenzeit zu lassen, mit den Thebanern die Verabredung, daß sie ihnen die Herrschaft über die Böotier wieder verschaffen wollten, die sie zur Zeit des Perserkrieges verloren hatten35, jene [dagegen] die Kriege mit den Athenern übernehmen sollten. (11) So groß war die Wuth der Spartaner, daß sie, in zwei Kriege verwickelt, auch noch einen dritten36 zu übernehmen nicht verschmähten, wenn sie nur ihren Gegnern Feinde bereiteten. (12) Daher wählten die Athener gegen einen so gewaltigen Kriegssturm zwei Heerführer, den Pericles, einen Mann von erprobter Tapferkeit, und den Sophocles, den Verfasser der Trauerspiele37, (13) welche das Heer unter einander theilten, und nicht nur die Ländereien der Spartaner verwüsteten, sondern auch viele Städte Asiens38 dem von den Athenern beherrschten Gebiete beifügten.
7 (1) Durch diese Unfälle entmuthigt schlossen die Lacedämonier auf dreißig Jahre Frieden39; allein eine so lange Ruhe [102] der Feindseligkeiten konnten sie nicht ertragen. (2) Sie brechen daher nach Verlauf von fünfzehn Jahren40 den Vertrag und verheeren das attische Gebiet; (3) und damit es nicht scheinen möchte, als hätten sie mehr nach Beute, als nach Kampf getrachtet, fordern sie die Feinde zur Schlacht heraus. (4) Allein die Athener verschieben auf den Rath ihres Anführers Pericles die Rache für die Unbill der Verheerung auf gelegene Zeit41, indem sie eine Schlacht für überflüssig halten, da sie sich ohne Gefahr am Feinde rächen könnten. (5) Einige Tage später besteigen sie die Schiffe, plündern, ohne daß die Lacedämonier es merken, ganz Sparta aus, und schleppen viel mehr hinweg, als sie verloren hatten, so daß bei einem Vergleich der Verluste die Rache allerdings weit größer war, als die Unbill. (6) Diese Unternehmung des Pericles galt zwar für ruhmvoll, doch viel ruhmvoller war die Geringschätzung seines Privatvermögens. (8) Die Feinde hatten nämlich bei der Verheerung der übrigen Ländereien die seinigen unversehrt gelassen, in der Hoffnung, ihm entweder durch Neid Gefahr, oder durch Verdacht der Verrätherei Schimpf und Schande bereiten zu können. (9) Pericles aber hatte, dieß voraussehend, nicht nur dem Volke vorhergesagt, daß es geschehen werde, sondern auch, um dem Angriff des Neides auszuweichen, die Ländereien selbst dem Staate zum Geschenke gemacht, (10) und so fand er gerade dadurch den größten Ruhm, von wo her man ihm Gefahr zu bereiten gesucht hatte. (11) Hierauf wurde nach Verlauf einiger Tage in einem Seetreffen gekämpft42; besiegt flohen die Lacedämonier. (12) Auch fortan stand man nicht ab, einander zu Lande oder zur See mit wechselndem [103] Schlachtenglücke niederzumetzeln. (13) Endlich machte man, durch so viele Leiden erschöpft, Frieden auf fünfzig Jahre, der aber nur sechs Jahre lang gehalten wurde. (14) Denn die Waffenruhe, welche sie in ihrem eigenem Namen verabredet hatten, brachen sie in der Eigenschaft von Bundesgenossen; (15) als ob sie sich des Eidbruchs weniger schuldig machten, wenn sie nur den Bundesgenossen zu Hülfe kämen, als wenn sie selbst in offenem Kampfe gefochten hätten. (16) Daher wurde nun der Krieg nach Sicilien versetzt; ehe ich aber denselben erzähle, ist einiges Wenige über die Lage Siciliens zu sagen.
Anmerkungen
* Auf diese kurze Einleitung lasse ich die von einem uns unbekannten Grammatiker abgefaßten und mit den (gewöhnlich dem Florus zugeschriebenen) Argumenten des Livius vergleichbaren Vorworte zu den einzelnen Büchern des Trogus Pompejus folgen**, durch welche wir, so schlecht und monoton sie auch geschrieben sind, wenigstens die Reichaltigkeit jenes Originalwerks und die Mangelhaftigkeit des von Justinus gelieferten Auszugs zu erkennen in den Stand gesetzt werden. Wir haben daher auch alle vom Justinus übergangene Partien darin der leichteren Uebersicht wegen in Klammern eingeschlossen.
** Sie finden sich wohl in sämmtlichen Ausgaben des Justinus und erschienen auch, besonders herausgegeben, unter dem Titel: Trogi Pompeii historiarum prologi, emend. edidit G. H. Grauert. Monast. 1827. 8.
