(1) [42] Nachdem Viele von den Römern1, selbst Männer consularischen Ranges, die Geschichte des römischen Staats in griechischer, also fremder Sprache behandelt hatten, verfaßte Trogus Pompejus, ein Mann von alter Wohlredenheit, entweder aus Nacheiferung nach dem Ruhme Jener, oder angezogen durch die Verschiedenheit und Neuheit der Sache, eine Geschichte der Griechen und des ganzen Erdkreises in lateinischer Sprache, damit man, wie unsere Geschichte griechisch geschrieben, so auch die griechische Geschichte in unsrer Sprache lesen könnte, und unternahm somit ein Werk, das wahrlich großen Muth und großen Umfang2 erforderte. (2) Denn wenn schon den meisten Schriftstellern, die nur die Thaten einzelner Könige und Völker beschreiben, ihre Arbeit als eine höchst mühevolle erscheint, muß es uns da nicht vorkommen, als habe sich Pompejus mit herkulischer Kühnheit an eine Geschichte des ganzen Erdkreises gewagt, da [43] sein Werk die Thaten aller Jahrhunderte, Könige, Volksstämme und Nationen umfaßt? (3) Und Alles, was die griechischen Geschichtschreiber, wie es einem Jeden gerade bequem war, getrennt von einander bearbeitet haben3, hat Pompejus, mit Uebergehung dessen, was keinen Nutzen brachte4, nach Zeiträumen eingetheilt und nach der Reihenfolge der Begebenheiten geordnet, [in ein Ganzes] zusammengestellt. (4) Aus diesen vierundvierzig Büchern (denn so viele hat er herausgegeben) habe ich während der Mußezeit, die ich in Rom zubrachte, alles Wissenswürdigste ausgehoben, und mit Weglassung dessen, was weder kennen zu lernen Vergnügen gewährte, noch des Beispiels wegen nothwendig war, gleichsam einen kleinen Blumenstrauß gebunden, damit sowohl diejenigen, die Griechisch gelernt haben5, Etwas hätten, wobei sie sich zurückerinnern, als auch diejenigen, die es nicht gelernt, Etwas, wodurch sie sich belehren könnten. (5) Dieses [Werkchen] nun übersende ich dir6 nicht bloß zum Lesen, sondern mehr noch zum Verbessern, zugleich aber auch, um dir Rechenschaft von meiner Muße abzulegen, von der auch Cato7 Proben der Thätigkeit fordert. (6) Gegenwärtig nämlich genügt mir dein Urtheil; von der Nachwelt aber werde ich, wenn die neidische Verkleinerungssucht verschwunden sein wird, [wenigstens] das Zeugniß des Fleißes erhalten.
Anmerkungen
1 Z. B. Lucius Cincius Alimentus, der Consular Aulus Postumius Albinus, Publius Rutilius Rufus, der Senator Cajus Julius, Cnejus Aufidius, Lucius Lucullus, selbst Marcus Tullius Cicero u. A.
2 Nach der von Jeep hergestellten Lesart der Handschr. rem magni et animi et corporis. Nach der gewöhnlich edirten Conjectur Gronov’s rem magni animi et operis würde es heißen: „das großen Muth und große Anstrengung (Müße) erforderte.“
3 Nach der von Jeep hergestellten Lesart der Handschr. inter se segregati. Die griech. Geschichtschreiber haben sich gleichsam in die einzelnen Partien getheilt.
4 Der Wortstellung nach müßten diese Worte auf die griechischen Geschichtschreiber bezogen werden, allein der Zusammenhang und Sinn verlangt, sie auf den Trogus Pompejus zu beziehen.
5 Und daher auch griechisch geschriebene Geschichtwerke gelesen haben.
6 Daß hier einige alte Ausgaben gegen die Auctorität der Handschr. die Worte imperator Antonino hinzufügen, und somit eigenmächtig den Justinus zu einem Zeitgenossen dieses Kaisers machen, haben wir schon in der Einleitung gesehen. An wen Justin’s Vorwort gerichtet ist, wissen wir nicht.
7 Der berühmte Cato Censorius begann nach Cicero pro Plancio 27, 66 seine Urgeschichte des römischen Volkes mit der Aeußerung: clarorum virorum atque magnorum non minus otii quam negotii rationem exstare oportere, d. h. von berühmten und großen Männern muß ebensowohl eine Rechenschaft über ihre Muße-, als über ihre Berufszeit vorhanden sein.
