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Liber Memorialis

Übersetzung

[38] Lucius Ampelius seinem Macrinus.
Deinem Wunsche gemäß, dich über Alles zu unterrichten, habe ich dieses Erinnerungsbuch verfaßt, in welchem du die Natur der Welt, der Elemente, die Erderzeugnisse, die Thatsachen der Geschichte kennen lernen wirst.

1 (1) Die Welt ist ein Inbegriff aller Dinge. Zu ihr gehört Alles, was ist; und außer ihr ist Nichts. Griechisch heißt sie κόσμος. (2) Der Weltelemente sind vier: das Feuer, aus welchem der Himmel besteht; das Wasser, woher das Weltmeer; die Luft, woher die Winde und Ungewitter; die Erde, die wir ihrer Gestalt wegen den Erdkreis nennen. (3) Es gibt vier Himmelsgegenden: Morgen, Abend, Mittag, Mitternacht. (4) Der Himmel wird in fünf Kreise eingetheilt: den nördlichen und südlichen, welche wegen der heftigen Kälte unbewohnbar sind; der Kreis der Tag- und Nachtgleiche, unter welchem ein Strich liegt, der [bei den Griechen] Catakekaumene [der verbrannte] heißt, und wegen der großen Hitze gleichfalls nicht bewohnt wird; den winterlichen und sommerlichen Kreis, welche bewohnt sind: denn sie sind sehr gemäßigt. Durch diese Kreise läuft eine schiefe Kreislinie, mit zwölf Zeichen, durch welche der jährliche Lauf der Sonne geht.

2 (1) Es sind am Himmel zwölf Zeichen. Dahin gehört der Widder, der von Liber [Bacchus] dazu gewählt [39] wurde. Als nämlich Dieser durch Libyen ein Heer nach Indien führte und in den dortigen trockenen Sandebenen Wassermangel litt, auch sein Heer vom Durst gequält wurde, zeigte ihnen ein Widder Wasser. Liber gab ihm dafür den Namen Jupiter-Ammon, und baute ihm auf der Stelle, wo er das Wasser gefunden hatte, einen prachtvollen Tempel. Dieser liegt 5000 Schritte von Aegypten und Alexandria. Deshalb richtete nun Liber die Bitte an Jupiter, den Widder unter die Gestirne zu versetzen. Nach Andern hat man bei diesen Himmelszeichen an jenen Widder zu denken, der Helle und Phrixus trug. (2) Das Zeichen des Stiers kommt von Jupiter. Dieser holte bei seinem Bruder Neptunus mit dessen Bewilligung einen Stier, welcher unter seiner Gestalt Menschenverstand verbarg. Er mußte auf Jupiters Befehl mit Europa, der Tochter Agenors, des Königs von Sidon,1 spielen, und sie nach Creta entführen. Dafür versetzte ihn Jupiter zum ewigen Andenken unter die Gestirne. (3) Das Zeichen der Zwillinge soll von den Samothraciern herkommen. Uebrigens ist es nicht gestattet, diesen Gegenstand Andern zu offenbaren, als Denen, welche sich in die Geheimnisse einweihen lassen. Manche denken sich unter diesem Zeichen den Castor und Pollux, weil diese Fürsten das Meer von den Seeräubern befreit hätten. Andere deuten es auf Herkules und Theseus, weil sie ähnliche Preise [für ihre Anstrengungen] erhielten. (4) [40] Das Zeichen des Krebses Karcinus2 wurde von Juno aufgestellt. Als nämlich Herkules zur Vernichtung der Lerenäischen Schlange, bei uns Excetra genannt, ausgesandt wurde, so fiel ihn auf Befehl der Juno ein Krebs an, kneipte ihn in Füße und Beine, und belästigte ihn mehr, als die Schlange selbst. Für Herkules war dieses ein empfindliches Ungemach; Juno aber würdigte den Krebs Karcinus um dieser That willen einer Stelle unter den Gestirnen. (5) Der Löwe, welcher zu Nemea aufgewachsen war, ging auf Veranstaltung der Juno auf des Herkules Verderben aus, und lag lange im Argiverland in einer Höhle verborgen. In Verbindung mit seinem Gastfreunde Molorchus, dessen Keule er um jene Zeit zum erstenmal in den Händen hatte, und zur Erlegung des Löwen benützte, soll Herkules dieses Thier umgebracht, und sich seines Felles nachher zur Bekleidung bedient haben. Um dieser That willen haßte ihn Juno; aber den Löwen beehrte sie mit einer Stelle am Himmel. (6) Die Jungfrau, welche bei uns Gerechtigkeit heißt, lebte unter den Menschen: als aber Diese zu sündigen anfingen, ward sie von Jupiter unter die Himmelszeichen versetzt. Einige nennen die Athenerin Erigone, eine Tochter des Icarius. Liber hatte ihrem Vater zur Ergötzung der Menschen Wein geschenkt. Diejenigen, welchen er davon mittheilte, wurden trunken, und tödteten ihn mit Steinwürfen. Nun hatte er einen Hund bei sich: als dieser seinen Herrn todt sah, eilte er zu Erigone; und diese folgte [41] bekümmert seiner Richtung, als sie seine Trauer und sein seltsames Benehmen wahrnahm. So gelangten sie zu der Stelle, wo Icarius lag. Erigone erkannte den Körper ihres Vaters, und begrub ihn unter bittern Wehklagen auf dem Berge Hymettus. Sie selbst erhängte sich an einem Stricke. Hierauf legte sich der Hund zu ihren Füßen, nahm keine Nahrung zu sich, und zehrte so ab: als er einst nach Wasser lechzte, stürzte er in einen Brunnen. Da bat Liber den Jupiter, die Jungfrau auf die Sternenbahn zu versetzen, weil diese Leute durch seine Veranlassung ihr Ende gefunden hätten. Icarius aber wurde Arcturus genannt, ein Gestirn, das bei seinem Aufgang anhaltende Stürme herbeiführt. Der Hund wurde zum Hundsstern. (7) Die Wage, von den Griechen ζυγός genannt, kommt von einem Manne her. Dieser war Mochos, ausgezeichnet durch seine Gerechtigkeit und Billigkeit. Er soll der erste Erfinder von Maas und Gewicht gewesen seyn, was für eine höchst nüzliche Entdeckung gilt: darum wurde er unter die Zahl der Sterne aufgenommen, und erhielt den Namen Wage. (8) Der Scorpion verdankt seine Entstehung dem Willen der Diana, welche ihn zum Verderben Orion’s auf dem Berge der Insel Chios, Pelenäus, schuf. Orion erblickte auf der Jagd die Diana und wollte ihr Gewalt anthun. Dafür brachte sie ihm einen Scorpion in den Weg, um seinen Tod herbeizuführen. Jupiter aber nahm den Scorpion und den Orion unter die Gestirne auf. (9) Der Schütz, ein Sohn des Krotopus, war der Erzieher der Musen, und stets von Diesen geliebt, weil er ihnen [42] durch seinen Beifall und sein Spiel mit den Pfeilen Freude machte. Andere nennen dafür den Chiron, weil er gerecht, fromm, wohlunterrichtet und gastfrei gewesen sey. Von ihm erlernte Aesculapius die Arzneikunde, erhielt Achilles seine Laute und vieles Andere. (10) Nun folgt der Steinbock, der den Namen Pan hat. Python bewohnte Höhlen auf dem Taurusgebirge, und zog dann zum Kriege gegen Aegypten: da verwandelte sich Pan in einen Ziegenbock. Die unsterblichen Götter thaten dem Python die verdiente Strafe an, belohnten aber Pan, indem sie sein Andenken durch Versetzung unter die Gestirne verewigten. (11) Der Wassermann, welcher für Ganymedes gehalten wird, soll der Thessalier Deucalion seyn, der einer großen Ueberschwemmung mit seiner Gattin Pyrrha allein entrann, und seiner Frömmigkeit wegen unter die Gestirne versetzt wurde. (12) Die Fische haben ihren Namen daher, weil Venus im Gigantenkrieg sich aus Angst in einen Fisch verwandelte. Auch soll an dem Ufer des Stromes Euphrat eine Taube sich viele Tage auf das Ey eines Fisches gesetzt, und so die gütige, gegen die Menschen mitleidig gesinnte Göttin ausgebrütet haben. Beide Fische wurden zum Andenken unter die Gestirne versetzt.

3 (1) Außer den zwölf Zeichen sind die merkwürdigsten Himmelsgestirne folgende. Die beiden Bären, der größere und der kleinere, welche nie untergehen: deßwegen bedient man sich ihrer bei der Schiffahrt als Leitsterne. Der Eine derselben heißt Cynosura [der kleine Bär]. [43] Der Bootes, auch Arcturus. (2) Der Orion, welcher mit seiner Größe die Hälfte des Himmels einnimmt. Die Pejaden, welche lateinisch vergiliae3 heißen. Die Hyaden, welche von uns Suculä genannt werden. Ihr Auf- und Untergang ist für die Schiffer und Landleute ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit. Der Hundsstern,4 dessen Kraft hauptsächlich um die Zeit der Sonnenwende fühlbar ist. (3) Die mächtigsten Sterne am Himmel sind folgende: Saturnus, Sonne, Mond, Mars, Mercurius, Jupiter, Venus. Diese werden von den Griechen Planeten, von uns Irrsterne genannt, weil sie ohne Gesetz umherschweifen, und durch ihre Bewegung die menschlichen Schicksale bestimmen. Auch nehmen sie die umgekehrte Richtung gegen die Himmelskugel.

4 Der Widder steht gegen Südwest; der Stier gegen Nordwest; die Zwillinge gegen Nordosten; der Krebs gegen Norden; der Löwe gegen Nordnordwest; die Jungfrau gegen Westwestnord; die Wage gegen Westen; der Scorpion gegen Südwest; der Schütz gegen Süd und Südwest; der Steinbock gegen Süden; der Wassermann gegen Südost und Süd; die Fische gegen Süden.

5 (1) Die Winde entstehen aus der Bewegung und den Schwingungen der Luft. Der hauptsächlichsten sind vier: der Eurus (Ost), welcher auch Apeliotes und Vulturnus heißt, [44] weht vom Morgen; der Zephyrus (West), der auch Corus, Favonius heißt; der Aquilo (Nord), der auch Boreas, Aparctias heißt, von Mitternacht. Der Notus (Süd), welcher auch Libs, Auster, Africus heißt, von Mittag. (2) Dieses sind die vier Hauptwinde. Die übrigen besondren schließen sich diesen an; so der Japyx an den Westwind. Er weht von dem Japygischen Vorgebirge in Apulien. Der Leuconotus an den Südwind, wenn er sanft weht. Der Caurus an den Nordwind, wenn er heftig über Gallien herbraust. Ebenso die Etesien [Jahres-, Passatwinde], welche den Sommer über an bestimmten Tagen wehen.

6 (1) Der Erdkreis unter dem Himmel hat vier bewohnte Gegenden. Auf einem dieser Theile wohnen wir: demselben steht ein anderer entgegen, dessen Bewohner Antichthonen heißen. Unter demselben stehen zwei Theile einander gegenüber, deren Bewohner Antipoden [Gegenfüßler] heißen. (2) Der Erdkreis, den wir bewohnen, zerfällt in drei Theile mit ebenso vielen Namen. Asien liegt zwischen dem Tanaïs [Don] und Nil. Libyen zwischen dem Nil und dem Gaditanischen Meerbusen. Europa zwischen der Gaditanischen Meerenge und dem Tanaïs. (3) Die berühmtesten Völker in Asien sind: die Indier, Serer, Perser, Meder, Parther, Araber, Bithynier, Phrygier, Cappadocier, Cilicier, Syrer, Libyer [Lydier?]. (4) In Europa sind die berühmtesten Völker: die Scythen, Sarmaten, Germanier, Dacier, Mösier, Thracier, Macedonier, Dalmatier, Pannonier, Illyrier, Griechen, Italier, Gallier, Spanier. (5) In Libyen sind die berühmtesten Völker: die Aethiopier, Mauren, Numidier, Karthager, Gätuler, Garamanten, Nasamonen, Aegyptier. (6) Die [45] merkwürdigsten Berge auf der Erde sind: der Kaukasus in Scythien; der Emodus in Indien; der Libanus in Syrien; der Olympus in Macedonien; der Hymettus in Attika; der Taygetus in Lacedämonien; der Cithäron und Helikon in Böotien; der Parnassus [in Phocis]; die Acroceraunia in Epirus; der Mänalus in Arkadien; (7) die Apenninen in Italien; der Eryx in Sicilien; die Alpen zwischen Gallien und Italien; die Pyrenäen zwischen Gallien und Spanien; der Atlas in Afrika; der Calpe5 an der Meerenge des Oceans. (8) Die bedeutendsten Flüsse auf der Erde sind: der Indus, Ganges, Hydaspes in Indien; der Araxes in Armenien; der Thermódon und Phasis in Kolchis; (9) der Tanaïs in Scythien; der Strymon und Hebrus in Thracien; der Sperchius in Thessalien; der Hermus und Paktólus, welche goldhaltig sind; der Mäander und Kaystrus in Lydien; der Cydnus in Cilicien; der Orontes in Syrien; der Simoïs und Xanthus in Phrygien; (10) der Eurotas in Lacedämon; der Alpheus in Elis; der Ladon in Arkadien; der Achelous und Inachus in Epirus; der Savus [Sau] und der Danubius [Donau], welcher auch Ister heißt, in Mösien; der Eridanus [Po] und die Tiber in Italien; der Timavus in Illyrien; der Rhodanus [Rhone] in Gallien; der Ibérus [Ebro] und Bätis in Spanien; (11) der Bagrada in Numidien; der Triton in Gätulien; der Nil in Aegypten; der Tigris und Euphrat in Parthien; der Rhein in Deutschland. (12) Die bemerkenswerthesten Inseln in unsrem Meere sind eilf: Sicilien, Sardinien, Kreta, Cypern, Euböa, Lesbos, [46] Rhodus, die zwei Balearen, Ebusus [Iviça], Korsika, Gades [Cadix]. In dem östlichen Meere ist es Taprobane [Ceylon]; in dem nördlichen Britannien; gegen Mitternacht Thule [Island?]; gegen Mittag die Glücksinseln [die Canarischen]. (13) Außerdem liegen in dem Aegäischen Meer die zwölf Cycladen, Delos, Gyaros, Mykonos, Andros, Paros, Pharos, Tenedos, Cythnos, Melos, Naxos, Donusa. (14) Außer diesen noch die unzähligen Sporaden, unter welchen die namhaftesten sind: Aegina, Salamina [Salamis], Coos, Chios, Lemnos, Samothracia. (15) In dem Ionischen Meere: die Strophaden, die Echinaden, Ithaka, Cephalonia, Zacynthos. In dem Adriatischen Meere mögen tausend solcher kleinen Inseln liegen.6 In dem Gallischen befinden sich die drei Stöchaden; in den Syrten Cercina, Meninx und Girrha.

7 (1) Das Gesammtmeer, welches uns umgibt, heißt der Ocean. Auf vier verschiedenen Seiten bespült er das feste Land. Das mitternächtliche Meer heißt das Kaspische; das östliche das Persische; das mittägliche das Arabische, Rothe, Erythräische. Gegen Westen befindet sich das große Meer, auch das Atlantische genannt, welches von allen Völkern zur Handelsschiffahrt benützt wird. (2) Dieses verliert sich in die Gaditanische Meerenge zwischen den Bergen, Abinna7 und Calpe,8 welche ihre Berühmtheit den dort stehenden Herkulessäulen verdanken. Hierauf bewässert es weit und [47] breit die mittlern Gegenden der Erde, und nimmt verschiedene Namen an. (3) Bei Spanien heißt es das Balearische; bei Gallien das Gallische; bei Ligurien das Ligustische; das Tuscische, Tyrrhenische, auch das untere Meer auf der rechten Seite von Italien; das Adriatische, oder obere Meer, auf Italiens linker Seite; (4) das Sicilische bei Sicilien; das Cretische bei der Insel Creta; das Ionische und Aegäische um Achaja und den Peloponnes. Diese Meere bilden (den Isthmus in der Mitte) beinahe eine Insel. Das Myrtoische und Icarische Meer, welches mit dem Aegäischen zusammenhängt, hat von Myrtilus und Icarus seinen Namen. (5) Das Euxinische und Pontische Meer, das sich in Gestalt eines ungeheuren Meerbusens bis nach Scythien hinein erstreckt. Der Hellespont [Straße der Dardanellen] drängt sich durch einen engen Schlund zwischen den zwei berühmten Städten, Sestos in Asien, und Abydos in Europa, hindurch. Das Tanaïtische Meer bespült Asien; das Libysche wird nach Libyen benannt; das Syrtische von den beiden Syrten: zwei Strudel halten dieses in ewiger Bewegung.

8 (1) Wunder, welche sich auf der Erde befinden. Fünftausend Schritte von dem Athamantischen Apollonia9 entfernt, auf dem Berge Nymphius, ist ein Feuer zu sehen, dessen Flammen aus der Erde emporsteigen. In dem Haine Pan’s wird bis an die nahe Stadt [Apollonia] eine harmonische Musik vernommen. Auf einer Fläche am Fuße desselben [48] Berges befinden sich wasserreiche Seen, aus welchem Pech und Harz aufquillt. Wenn man mit den Händen plätschert, so hebt sich das Pech hoch empor und schäumt wie Wasser. (2) Zu Ambracia in Epirus sind Castor, Pollux und Helena von der Hand eines dortigen Eingeborenen an eine Wand gemalt, ohne daß Jemand wüßte, Wer der Maler wäre. (3) Zu Argos in Epirus, welches auch Hippobotos heißt, ist eine große doppelte Säulenbrücke, welche auf Befehl der Medea daselbst gebaut worden seyn soll. Dort sind die Steuerruder der Argonauten gemalt: denn es wurde hier ihr Schiff gebaut.10 Dort ist ein Tempel des Jupiter Trophonius, in welchem sich ein Gang in die Unterwelt befindet, um göttliche Aussprüche zu erhalten. Zwei Personen, welche hier hinabstiegen, sollen Jupiter selbst gesehen haben. (4) Zu nennen ist auch der Leucadische Berg, von welchem sich Sappho um eines Mannes willen hinabstürzte. Auf der Spitze des Bergs befindet sich ein Tempel des Apollo, in welchem geopfert wird: springt Jemand von hier aus in die Tiefe, so wird er alsbald mit Kähnen aufgefangen. (5) Zu Sicyon in Achaja befindet sich auf dem Markt ein Apollotempel, in welchem folgende Gegenstände niedergelegt sind: der Schild und das kurze Schwert des Agamemnon; das Oberkleid und der Brustharnisch des Ulysses; Pfeile und Bogen des Teucer; der Schrank des Adrastus, den er selbst hier aufstellte, dessen Inhalt aber Niemand kennt; der eherne [49] Kessel, in welchem Pelias gekocht worden seyn soll. Ferner die Leyer des Palamedes; die Haut des Marsyas; die Ruder der Argonauten; die Arme des Steuerruders; der Würfel, mit welchem Minerva über Orestes das Loos warf.11 Zugleich12 ist da zu sehen das Oberkleid eines der schmarozerischen Freier [der Penelope], welches sich selbst aufthut, wenn man es anhaucht; das Gewebe der Penelope. Ebendaselbst sprudelt Oehl aus der Erde hervor. (6) Zu Argos befindet sich ein prachtvoller Tempel der Inachischen Juno, der den Namen eines Asyls führt. (7) In Olympia ist ein berühmter Tempel des Jupiter, in welchem die Kämpfer die Weihe empfangen. (8) Zu Korinth befindet sich unweit des Meeres eine Rippe von einem Wallfisch, welche von solcher Größe ist, daß sie kein Mensch umfassen kann. An demselben Orte steht ein Venustempel, in welchem sich ein marmornes Gefäß der Laïs befindet. (9) Der Böotische See, welcher den Amphiaraus verschlang, gilt für heilig. Ein thönerner zerbrochener Krug, dessen Scherben aber aneinander befestigt sind, hängt irgendwo herab: indeß läßt sich nicht entdecken, an was er hängt, es sey denn, daß der Wind ihn in Bewegung setzt. (10) In Athen ist ein berühmter Minervatempel; auf der linken Seite der Göttin steht ein Schild, den sie mit dem Finger berührt. In der Mitte [50] dieses Schildes befindet sich das Bild des Dädalus, welches also angebracht ist, daß das ganze Werk zu Grunde gehen würde, wenn man versuchen wollte, dieses Bild daraus wegzunehmen: denn das ganze Kunstwerk würde sich in Folge davon auflösen. Die Göttin selbst hält einen Speer, der aus Gras geflochten ist. (11) In Ilium befindet sich ein viereckigter Stein, an welchen Cassandra angefesselt war: wenn man denselben berührt oder reibt, so strömt er Milch aus; auf einer andern Seite gibt er, wenn er gerieben wird, eine Flüssigkeit, wie Blut, von sich. Auf dem Rhötéon am Meere ist eine Abbildung des Gesichts von Achilles und Patroklus zu sehen, so wie vom Flusse Scamander. (12) Der berühmteste, größte, schönste Dianatempel ist zu Ephesus. Auf der rechten und linken Seite des Eingangs sind marmorne Thürpfosten aus Einem Stück, zwanzig Fuß in der Höhe: über ihnen erhebt sich der Tempel noch zu weitern einhundertvierzig Fuß.13 (13) Auf Samos in dem Tempel der Juno ist ein Trinkgefäß, aus Epheu gemacht: dasselbe hat von außen vier Henkel, aus großen Widderhörnern gebildet, die auf eine wunderbare Art gewunden sind, und durch ihre Größe auffallen. (14) Zu Pergamus ist ein großer Marmor-Altar: er mißt mit seiner Bildhauerarbeit vierzig Fuß in der Höhe. Auf demselben ist der Gigantenkampf abgebildet. (15) In Rhodus steht ein sehr schönes Bildniß der Diana unter freiem Himmel: dasselbe wird nicht naß, wenn es regnet. (16) In Argyrus [in Sicilien] ist oberhalb des Meeres ein Venustempel. [51] Daselbst steht eine Lampe auf einem hohen Gestell, welche unter freiem Himmel ihr Licht gegen das Meer hinabwirft, und weder durch Wind noch durch Regen ausgelöscht wird. Auch der Tempel des Herkules ist sehr alt: daselbst hängt an einer Säule ein rundes, eisernes Käfig, in welchem die Sibylle14 eingeschlossen seyn soll. Daselbst liegen die Knochen eines Wallfisches, welche das Ansehen von viereckigten Steinen haben. (17) Zu Magnesia am Sipylus stehen vier Säulen: zwischen denselben ist ein aus Eisen verfertigtes Bild der Siegesgöttin zu sehen, welches nirgends befestigt ist, sondern in der Luft schwebt. Auch wenn ein Wind geht oder Regen fällt, bewegt sich dasselbe nicht. (18) Der Tempel der Diana zu Ephesus ist von den Amazonen erbaut. Daselbst ist das Grabmal des Icarus, welcher schnarcht, wie wenn er schliefe: das Ganze ist von außerordentlicher Größe, aus Messing und Eisen verfertigt. (19) Zu Rhodus ist ein hohes Bild des Sonnengottes, welcher sich mit seinem Viergespann auf einer marmornen Säule befindet. Die Säule hat eine Höhe von hundert Fuß. (20) In Cypern ist ein Bild des Olympischen Jupiter aus Erz: das Gesicht ist von Gold. Phidias ist der Künstler, und das Ganze ist hundertfünfzig Schuhe hoch, und sechzig Schuhe breit. (21) Daselbst steht ein Palast des Königs Cyrus, welcher aus weißen und schwärzlichten Steinen besteht, die mit Gold aneinander befestigt sind. Die Säulen haben verschiedene Farben; unzählige Lanzen sind da aufgehäuft; die Fenster [52] sind von Silber, die Ziegel von einem hellgrünen Stein. (22) Die Mauer von Babylon, welche Memnon erbaut hat, besteht aus gebrannten Steinen: Kalk und Schwefel befestigt das Eisen in den Fugen. Die Tiefe dieser Mauer beträgt dreißig, die Höhe hundertdreißig Fuß, der ganze Umfang dreißigtausend Schritte. Semiramis begann dieses Werk: ihr Sohn vollendete es. (23) Zu bemerken sind auch die von ihr in Aegypten errichteten Pyramiden. (24) In der Stadt Agartus is der Nilstrom in Erz abgebildet: Das Werk beträgt mit allen seinen Windungen dreihundert Fuß: die Oberfläche des Stroms besteht aus durchsichtigem Smaragd, die Arme aus großen Elfenbeinstücken: die wilden Thiere erschrecken bei diesem Anblick. (25) Zu Athen ist ein Bild des Olympischen Jupiter. Die Bewohner von Alexandria beweisen dem Nil besondre Verehrung.

9 (1) Es gab drei Jupiter. Der erste ist der Arcadische, ein Sohn des Aether: daher hat er den Beinamen der Aetherische. Dieser erzeugte den ersten Sonnengott. Der zweite nach ihm ist auch in Arkadien [geboren], und heißt der Saturnische. Dieser zeugte mit Proserpina den Vater Liber, den ersten der Sieger. Der dritte ist der Cretische, ein Sohn des Saturnus und der Ops. Er hat den Beinamen der Beste und Größte. (2) Es gab zwei Mars. Der erste ist von der Enoposte, wie ihn Homer nennt; der unsrige ist der Leucarpische, sonst auch der Marsenische. Der zweite Mars ist ein Sohn des Jupiter und der Juno. (3) Sonnengötter gab es fünf. Der erste ist ein Sohn des Jupiter; der zweite des Hyperion; der dritte des Nilus, dem Aegypten geheiligt ist. Der vierte ist zu Rhodus geboren: [53] dessen Sohn ist Smintheus. Der fünfte ist ein Sohn des Colchus: Circe, Medea und Phaëthon sind seine Kinder. (4) Der Vulkane waren vier. Der erste ist ein Sohn des Crios und der Joppe; der zweite ein Sohn des Nil; der dritte des Saturn und der Juno. Der vierte ist ein Sohn des Meletes in Sicilien. (5) Der Mercure sind vier. Der erste ist ein Sohn von Cölus und Dies; der zweite des Jupiter und der Cronia, oder Proserpina; der dritte des Cronus und der Maja. Letzterer ist der Erfinder der Leyer. Der vierte ist ein Sohn des Cyllenius: er ist’s, der die Aegyptier mit den Buchstaben und Zahlen bekannt machte. (6) Der Apollo sind fünf. Der erste ist ein Sohn des Vulkanus und der Minerva; der zweite ein Sohn des Vulkanus und der Minerva; der zweite ein Sohn des Corybas; der dritte ein Sohn des Jupiter und der Latona. Der vierte ist ein Sohn des Silenus in Arkadien. Der fünfte ist ein Sohn Ammon’s, und in Libyen geboren. (7) Der Dianen sind drei. Die erste ist eine Tochter des Jupiter oder des Cronus von der Proserpina, die eine Schwester des Liber ist. Die zweite ist eine Tochter des Jupiter und der Latona, und eine Schwester Apollo’s. Die dritte, welche Opis genannt wird, ist von der Glauka. (8) Der Aesculape sind drei. Der erste heißt Apollo, und ist ein Sohn Vulkan’s. Der zweite ist ein Sohn des Laus; der dritte des Aristetus und der Alcippe. (9) Der Göttinnen Venus sind vier. Die erste ist eine Tochter des Cälus und Dies. Die zweite, welche aus dem Meeresschaum geboren seyn soll, ist eine Tochter von Aër und Ocean. Die dritte ist Diejenige, welche den Vulkan ehlichte, aber auch dem Mars sich hingab, woher Cupido entsprang. Die vierte ist eine Tochter des Cyprus und [54] der Syria: Adon hatte sie zur Gemahlin. (10) Es gibt fünf Minerven. Die erste ist eine Tochter Vulkan’s: von ihr ist die Stadt Athen. Die zweite ist eine Tochter des Nilus, der von den Aegyptiern verehrt wird. Die dritte ist eine Tochter des Jupiter: diese wählte den Krieg zu ihrer Uebung. Die vierte ist eine Tochter des Sol und die Erfinderin der vierspännigen Wagen. Die fünfte ist eine Tochter des Pallas und der Titanis. Diese erschlug, um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, ihren Vater, der nach ihr begehrte. Sie führt daher auch den Namen Pallas. (11) Es gibt fünf Liber. Der erste ist ein Sohn des Jupiter und der Proserpina: er ist Feldbauer und Erfinder des Weins. Seine Schwester ist Ceres. Der zweite ist ein Sohn des Melo und der Flora; seinen Namen führt auch der Fluß Granikus. Der dritte stammt von Cabitus, der ein Asiatischer König war. Der vierte soll von Saturnus und der Semele stammen. Der fünfte ist ein Sohn des Nilus und der Helione. (12) Der Herkules sind sechs. Der erste ist von Jupiter und Aether. Der zweite ist ein Sohn des Nilus, der vor Allen von den Aegyptiern verehrt wird. Der dritte soll nach den Griechen der Erfinder der bei ihnen nach ihm benannten Spiele seyn. Der vierte ist ein Sohn des Cronus und der Carthere: er wird von den Karthagern verehrt, und Karthago ist nach ihm benannt. Der fünfte ist ein Sohn des Joab: Dieser kämpfte mit dem Medischen König. Der sechste ist ein Sohn des Jupiter von der Alkumena: er unterrichtete den Atlas.

10 Der Weltherrschaften sind von den frühesten Zeiten an sieben gewesen. Zuerst hatten die Assyrer Alles in [55] ihrer Gewalt; dann die Meder; nach ihnen die Perser; hierauf die Macedonier; sodann die Athener; nach Diesen die Macedonier, und so endlich die Römer.

Assyrische Könige

11 (1) König Belus, ein Sohn Jupiters, dessen Nachkommen durch Ninus über Asien herrschten, durch Aegyptus über Libyen, durch Darius über Europa. (2) König Ninus, der zuerst mit einem Heer fast ganz Asien sich unterwarf, und die berühmte Stadt seines Namens Ninos erbaute. (3) Semiramis, eine Tochter der Nymphe Circetis, von Tauben auferzogen, Gemahlin des Königes Ninus. Nach Dessen Tode erweiterte sie durch Kriege das Reich des Ninus. Sie versuchte auch einen nicht sehr glücklichen Zug nach Indien. Babylon am Euphrat, die schönste Stadt, welche man jemals sah, wurde von ihr erbaut. (4) Sardanapalus verlor in Folge seiner Wollust und Ueppigkeit das Reich: um nun nicht in die Gewalt der Feinde zu kommen, trank er nebst seinen Buhlen Gift, ließ Feuer in seinen Palast legen und verbrannte mit diesem.

Die Medischen Könige

12 Arsaces,15 der erste König, war es, welcher die durch Sardanapals Schwelgerei zu Grunde gerichtete Assyrische Macht an sich riß, und das Volk mit großer Gerechtigkeit regierte. Astyages war tapfer und gerecht: er unterlag aber den geheimen Anschlägen des Cyrus, und das Medische Reich löste sich auf.

Die Persischen Könige

13 (1) Cyrus, ein sehr tapferer König. Nachdem er den größeren Theil von Asien unterjocht hatte, wäre er auch in Europa eingefallen, wenn er [56] nicht von der Scythischen Königin Tomyris besiegt und vernichtet worden wäre. (2) Cambyses war ein Sohn des Cyrus: in Aegypten unterwarf er sich 70,000 Einwohner nebst ihrem König Amasis, und machte einen Zug gegen Aethiopien, wo er einen großen Theil seiner Soldaten durch Hunger verlor und unverrichteter Dinge wieder umkehrte. Jedoch baute er daselbst die Stadt Meroë. Weil er den heiligen Stier Apis umzubringen befohlen hatte, so kam der Fluch der Götter über ihn: er stürzte vom Pferde, fiel in sein Schwert, und verlor das Leben. (3) Der König Darius. Das Wiehern eines Pferdes bestimmte ihn aus sieben Persern zum Könige. An der Spitze eines Heeres von zweimalhundertsiebzigtausend Mann machte er einen Zug nach Europa. Von den Athenern wurde er geschlagen und starb bei Pseudomarathon. (4) Xerxes, ein Sohn des Darius, bemannte nach dem Tode16 seines Vaters eine Anzahl Schiffe17 und zog mit ihnen nach Europa, schlug eine Brücke über den Hellespont, und ließ den Berg Athos durchbrechen: jedoch führte er nichts Anderes aus, als daß er Athen anzündete. Von den Athenern und Lacedämoniern zur See geschlagen, kehrte er nach Asien zurück, und kam durch die Ränke seiner eigenen Leute um’s Leben.

Die Heerführer und Könige der Lacedämonier

14 (1) Eurysthenes und Procles, Zwillinge, welche ihr Geschlecht von den Herakliden herleiteten, waren die ersten Regenten [57] Sparta’s. (2) Lykurgus war ein Gesetzgeber. Siebenhundert Jahre, so lange sie seinen Einrichtungen folgten, waren die Lacedämonier die Ersten in Griechenland. (3) Die Könige Theopompus und Polydorus führten zwanzig Jahre lang den Messenischen Krieg. (4) Othryades, ein Krieger; im Messenischen Kriege, wo hundert Mann, d.h. paarweise fünfzig, einen Zweikampf mit einander ausführten, schrieb er mit seinem Blute die Siegesnachricht. (5) Tyrtäus, der laut eines Apollinischen Orakelspruchs im Messenischen Kriege spottweise den Athenern [Lacedämoniern] als Feldherr geschickt wurde, begeisterte durch seine Gedichte die Soldaten also, daß sie den langen Kampf siegreich beendigten. (6) Leonidas, Anführer im Persischen Kriege, der mit dreihundert Lacedämoniern bei Thermopylä durch seine und seiner Leute Aufopferung die ganze Gewalt des feindlichen Andranges brach. (7) Pausanias, der im Persischen Kriege Mardonius, den Feldherren des Xerxes, mit seinem Landheer bei Asópus, einem Flusse Böotiens, schlug. In der Folge zog er sich den Verdacht einer verrätherischen Verbindung mit dem König zu,18 wurde deßhalb angeklagt, und entfloh in ein Asyl der Minerva, wo ihn der Hunger tödtete. (8) Der Heerführer Lysander, der die Attische Flotte, welche die Herrschaft über alle Meere behauptete, bei Aegos Potamos, überfiel, die Athener schlug, und dreißig Tyrannen über sie setzte. (9) Xanthippus, der tapferste der Lacedämonier, der im Punischen Kriege zum erstenmal als Anführer den Carthagern zugeschickt wurde, und den Regulus gefangen nahm. (10) Agesilaus, [58] dem man die Erfindung verdankt, den Krieg aus dem eigenen Land in Feindesland zu spielen. Er wurde nach Asien geschickt, verwüstete dasselbe, und wurde bereits dem Persischen König gefährlich, als er zurückberufen wurde, und die Athener bei Croton [Coronéa] schlug. Bei Korinth vergoß er Thränen, als er vernahm, daß zehntausend Griechen erschlagen wären, und wollte Korinth nicht zerstören, obwohl es ihm möglich gewesen wäre.

Die berühmtesten Könige und Feldherren der Athener

15 (1) Der König Cekrops, der die Stadt Athen erbaute und ihre Bürger nach seinem Namen Cekropiden nannte. Er war ein Eingeborener, und es wird von ihm fabelhaft berichtet, daß er von den Hüften an die Gestalt einer Schlange gehabt habe. (2) Der König Erichthonius, der die Eleusinischen Geheimnisse einsetzte. Celeus, mit dem Priester Euboleus, der von seinen jungfräulichen Töchtern [in seinen priesterlichen Verrichtungen] unterstützt wurde, nebst Triptolemus, dem Vorsteher der Feldgewächse. Dieser half durch Austheilung von Getreide Griechenland wieder auf, als dasselbe an einer Hungersnoth litt. (3) Der König Pandion, der seine Töchter Progne und Philomele Thracischen Königen zu Frauen gab, um diese Barbarenvölker durch Verschwägerung mit sich zu verbünden. (4) Theseus, Sohn des Aegeus, der den Minotaurus tödtete. (5) Demophontes, dessen Sohn, der sich im Peloponnesischen Kriege dem Tode weihte, um einem Apollinischen Oraken gemäß dem Vaterlande Rettung und Sieg zu verschaffen. (7) Pisistratus, ein weiser und tapferer Mann, der wegen einer Beschwerde [59] des Volks gegen die Großen die Alleinherrschaft sich anmaßte, aber dieselbe sehr gerecht führte. (8) Harmodius und Aristogíton, Männer aus dem Volk, welche sich gegen die Söhne des Pisistratus, Hippias und Hipparchus, die mit Grausamkeit herrschten, verschworen, dieselben tödteten und als Retter [des Staats] göttlich verehrt wurden. (9) Der Heerführer Miltiades, der achtzigtausend Perser unter der Anführung von den zwei Feldherren des Königs Darius, Datis und Tissaphernes, in dem Marathonischen Engpaß schlug. (10) Aristides, der Gerechte, welcher diesen Zunamen seinem Charakter verdankte, und mit der Verbannung bestraft wurde. (11) Der Heerführer Cimon, der im Persischen Kriege die Land- und Seemacht des Xerxes bei dem Flusse Eurymedon in Asien selbst an einem Tage schlug. (12) Der Feldherr Alcibiades, durch Herkunft, Reichthum und Macht gleich berühmt. Er wurde wegen nächtlicher Verstümmelung der Bilder des Mercurius belangt, und entfloh zu den Lacedämoniern. Als er Diesen im Peloponnesischen Kriege das Uebergewicht verschafft hatte, jammerte ihn das Unglück seiner Mitbürger: er kehrte in das Vaterland zurück, wurde zum Anführer gewählt und machte die Athener wieder zu Siegern. (13) Thrasybulus, der die dreißig Lacedämonischen Vorstände, die mit tyrannischer Grausamkeit herrschten, mit seinen Verschworenen stürzte, und den Athenern wieder Freiheit errang. (14) Der Feldherr Konon, der bei der Insel Knidos die gesammte Lacedämonische Heeresmacht gefangen nahm, und den Athenern die Herrschaft zur See wieder verschaffte. (15) Dion, der mit acht Lastschiffen den Sicilischen König Dionysius, obwohl er hundert Kriegsschiffe besaß, [60] während seiner Abwesenheit in Italien des Throns beraubte, und Syrakus besetzte. (16) Iphikrates, ein im Kriegswesen sehr erfahrener Mann, welcher Waffen von angemessenerem Gewicht und Form erfand. (17) Phocion, mit dem Beinamen der Gute, welchen die größten Erbietungen an Geld nicht zum Uebertritt zu Philippus vermochten. Seine Freunde riethen ihm, für seine Kinder zu sorgen. Er gab zur Antwort: sind sie gut, so wird dieses Gütchen für sie hinreichen; sind sie schlecht, so ist Nichts für sie genug. (18) Der Feldherr Chabrias, der die Soldaten nach der Fechtkunst kämpfen lehrte. Cypros und Naxos, und alle Asiatischen Inseln eroberte er für Athen: in einer Seeschlacht bei Chios wollte er lieber sich tödten lassen, als die Waffen wegwerfen und sich retten. (19) Demetrius von Phaléra, der für einen wackern Mann galt, und durch dreihundert Bildsäulen geehrt wurde, die man ihm wegen seiner ausgezeichneten Verdienste um die Freiheit des Landes auf öffentlichen Plätzen setzte.

Die Macedonischen Könige

16 (1) Philippus, des Amyntas Sohn, war der erste Macedonier, der Thracien besetzte und in seine Gewalt brachte. Als er zu einem Zuge nach Asien seine Zurüstungen machte, wurde er von Pausanias im Schauspielhause umgebracht. (2) Der Sohn des Philippus und der Olympias, Alexander, ging von der Macedonischen Stadt Pella mit vierzigtausend Mann nach Asien über, schlug den Persischen König Darius zuerst bei dem Flusse Graníkus, sodann bei Issus in Cilicien, zum drittenmal bei Arbéla, in drei Schlachten, obwohl Darius dreißig Legionen Fußvolk und Reiterei, so wie zweitausend Sichelwagen hatte. [61] In der Folge unterwarf er sich den König der Indier, so wie alle Völker Asiens, und nahm die ansehnlichsten Städte dieses Erdtheils weg, namentlich Sarbaktra,19 Susa, Babylonia. Hier starb er – man weiß nicht, ob an den Folgen der Trunkenheit, oder an Gift. Früher hatte er auch einen Zug durch Afrika gemacht, und war unter Allen zuerst bis zum Tempel des Jupiter Ammon und an das Weltmeer gelangt. (3) Philippus, der siebente Macedonische König nach Alexander, hatte zwar im Kampfe mit Griechenland das Uebergewicht behalten, regierte jedoch grausam, und wurde in Phocis von dem Consul Sulpicius, sodann in Macedonien und Thessalien bei Cynoscephalä von Flamininus geschlagen. Hier mußte er seinen Sohn Demetrius als Geissel geben, und büßte einen Theil seines Reiches ein. (4) Perses, der Sohn des Philippus, machte mit einem ansehnlichen Macedonischen Heer einen Einfall in Griechenland, wurde aber von dem Consul Marcius bei dem Scyrischen See mittelst künstlich nachgebildeter Elephanten geschlagen, ließ seine Schätze in’s Meer werfen, entfloh, und wurde hierauf von Aemilius Paulus aus ganz Macedonien vertrieben. Nun begab er sich in eine Freistätte nach Samothrace, wo er sich sodann nach erhaltenen befriedigenden Versicherungen an Paulus auslieferte. Dieser ließ ihn beim Triumphe vor seinem Wagen hergehen, worauf er nach Alba in Verwahrung gebracht wurde, übrigens viele Freiheit genoß und ein hohes Alter erreichte. (5) Pseudophilippus, einem Mann [62] aus dem Volk, gelang es, wegen Gestaltähnlichkeit sich für einen Sohn des Philippus auszugeben, und die Macedonier zum Krieg aufzureizen. Er wurde aber im Beginn dieser Unruhen ergriffen, und unter sicherer Bedeckung nach Rom gebracht. Hier entfloh er aus dem Gefängniß, wiegelte Macedonien abermals auf, und besetzte Thracien. Bekleidet mit dem Königsgewande sprach er auf einer Burg seines Reiches Recht: allein Cäcilius Metellus schlug ihn in einer großen Schlacht dergestalt, daß er nach Thracien entfloh, dessen Könige ihn auslieferten, worauf er zum Triumphe nach Rom gebracht wurde.

Die Könige und Heerführer der Römer

17 Romulus, der die Stadt baute. Numa Pompilius, der den Gottesdienst anordnete. Tullus Hostilius, welcher Alba zerstörte. Ankus Marcius, der viele Gesetze gab, und die Kolonie zu Ostia anlegte. Servius Tullius, der zuerst die Schatzung einführte. Priskus Tarquinius, der den Obrigkeiten ihre Würdezeichen ertheilte. Tarquinius Superbus, der wegen seiner Anmaßung aus dem Reiche vertrieben wurde.

Die berühmtesten Feldherren der Römer

18 (1) Brutus, der zum Besten der öffentlichen Freiheit seine Kinder umbringen ließ. (2) Valerius Publicola, welcher gleichfalls der Freiheit zu lieb einen Krieg gegen die Tarquinier unternahm. Der Nämliche verschaffte dem Volke durch Ertheilung von Vorrechten mehr Gewalt. (3) Manlius Torquatus, der seinen Sohn hinrichten ließ, um die Kriegszucht aufrecht zu erhalten. (4) Quinctius Cincinnatus, auch [63] Serranus20 gennant, welchem hinter dem Pflug die Diktatur angeboten wurde. (5) Kamillus, der die Senonen, ein Gallisches Volk, vernichtete, und die von denselben angezündete Stadt wiederherstellte. (6) Die zwei Fabier, deren Einer durch eine einzige Schlacht die Etrusker, Samniter, Umbrer, Gallier unterwarf, die Tribus von den Freigelassenen reinigte, und deßwegen den Beinamen Maximus [der Größte] erhielt. Der andere Fabius brach durch sein Zögern die Uebermacht Hannibal’s, und erhielt daher den Beinamen Cunktator [Zauderer]. (7) Papirius Cursor. Dieser überwand die Samniten, welche die Römer nach einem Siege über dieselben unter das Joch geschickt hatten, vergalt ihnen diese Demüthigung auf gleiche Weise, und erhielt von seiner Schnelligkeit den Beinamen Cursor [der Läufer]. (8) Curius röstete auf seinem Heerde Rüben, als Samnitische Gesandte ihm Geld anboten. Er antwortete ihnen: „am liebsten bediene ich mich irdenen Geschirr’s, und herrsche über Diejenigen, welche Gold haben.“ (9) Fabricius Luscinus, der den Cornelius Rufinus, einen gewesenen Consul, weil er zehn Pfund Silber besaß, wegen Ueppigkeit und Habsucht verurtheilte und aus dem Senate stieß. (10) Claudius Marcellus, der zuerst den Hannibal in einem Treffen in Campanien schlug, und die Römer lehrte, wie die Reiterei sich zurückziehen könne, ohne eigentlich zu fliehen. (11) Die beiden Scipionen, von denen der Erste, mit dem Beinamen des [64] ältern Afrikanus, den Hannibal und mit ihm Afrika selbst besiegte; der andere Scipio, der Numantiner genannt, zerstörte Karthago und Numantia. Mit Jenem fiel Afrika, mit Diesem Spanien. (12) Quintus Nero, der den Hannibal in Apulien ließ, und dem Hasdrubal, der aus Spanien kam, entgegenzog, und bei dem Flusse Metaurus dessen ganzes Heer an Einem Tage völlig schlug. Hätte Hasdrubal sich mit Hannibal vereinigt, so hätte man wohl zweifeln können, ob ihnen Quintus Nero gewachsen gewesen wäre. (13) Paulus, der Macedonien besiegte, Griechenland befreite, und einen glänzenden Triumph sich erwarb. Gerade an den Tagen des Triumphes verlor er zwei Kinder, und erklärte öffentlich, er danke dem Schicksal, daß es seine Schläge gegen sein Haus und nicht gegen den Staat gerichtet habe. (14) Die beiden Metellus: der Eine, der Macedonier, besiegte Macedonien. Contrebia’s, einer für uneinnehmbar geltenden Stadt Spaniens, bemeisterte er sich dadurch, daß er seine Soldaten ihre Testamente aufsetzen ließ und ihnen ankündigte, daß sie nicht anders, denn als Sieger zurückkehren dürften. Der andere Metellus hieß der Numidier, weil er Numidien besiegte. Der Volkstribun Apulejus hatte staatsverderbliche Gesetze aufgebracht, und der ganze Senat dieselben beschworen; da wollte Metellus lieber in die Verbannung gehen, als mitschwören. Sein Sohn erhielt den Beinamen der Kindliche, weil er seinem Vater in die Verbannung folgte. (15) Cajus Marius, der in Afrika die Numidier, in Gallien die Cimbrer und Teutonen besiegte. Zuerst gemeiner Soldat, wurde er siebenmal Consul. (16) Sylla errang im Bürgerkriege den Sieg, bemächtigte sich zuerst der Alleinherrschaft über [65] Rom, und war der Einzige, der sie freiwillig niederlegte. (17) Sertorius, der von Sylla in die Acht erklärt, entflohen, fast ganz Spanien in sehr kurzer Zeit in seine Gewalt brachte, und obwohl ihm das Glück überall sich zuwider zeigte, unüberwindlich blieb. (18) Lukullus, der sich durch die Schätze der Provinz Asien unermeßlich bereicherte, und der größte Liebhaber von Gebäuden und Gemälden war. (19) Pompejus, der die Armenier unter dem König Tigranes, die Pontier unter dem König Mithridates, und die Cilicier, welche das ganze Meer beherrschten, innerhalb vierzig Tagen besiegte, und einen großen Theil von Asien zwischen dem Weltmeer, dem Kaspischen und dem rothen Meer, unter steten Siegen und Triumphen durchzog. (20) Cajus Cäsar, der Gallien und Deutschland unterjochte, und unter den Römern zuerst das Weltmeer beschiffte: hier entdeckte er Britannien und besiegte es. (21) Julius Cäsar Augustus, der in allen Provinzen die Ruhe herstellte, die Heere auf dem ganzen Erdkreis herum verlegte, und das Römische Reich ordnete. Er wurde für einen Gott erklärt, und von ihm beginnt die ununterbrochene Reihe der Cäsarn.

Römer, welche sich als Staatsmänner einen Namen machten

19 (1) Manius Agrippa, der das Volk, welches sich mit dem Senat in Spaltung befand, wieder mit demselben vereinigte und aussöhnte. (2) Appius Cäkus, der den Friedensschluß mit Pyrrhus vernichtete, damit das Volk, welches seiner eigenen Obrigkeit den Gehorsam verweigert hatte, nicht unter fremde Könige käme. (3) Tiberius Gracchus, der den Scipio Asiatikus, obwohl Dieser sein Gegner war, von den Tribunen nicht in’s Gefängniß bringen ließ, [66] weil er es für Unrecht erklärte, daß Scipio seinen Aufenthalt da bekäme, wo dessen Gefangene noch in Fesseln lägen. Er ist der Vater der Gracchen, welche als Tribunen in den Unruhen, die sie durch ihre Ackergesetze hervorbrachten, das Leben verloren. (4) Decimus Brutus Kälacius, der seinen Schwiegersohn Gracchus, als er mit dem Ackergesetze die Ruhe des Staates störte, nebst dem Consul Opimius tödtete. (5) M. Brutus, der die Partei des Pompejus ergriff, und von Cäsar begnadigt wurde; jedoch, um Letzteren umzubringen, sich verschwor, weil man Zeichen hatte, daß er nach der Krone strebe. (6) Lucius Drusus, der Ackergesetze vorschlug, sich dadurch große Gunst erwarb, aber um sein Versprechen nicht erfüllen zu können, in seinem Hause auf Veranstaltung des Consuls Philippus ermordet wurde. (7) Lutatius Catulus, der den Lepidus, welcher Sylla’s Anordnungen zunichte machen wollte, und mit einem Heere vor die Stadt rückte, aus Italien verjagte, und der Einzige war, der ohne Blutvergießen einen Bürgerkrieg beendigte. (8) Kato Censorinus, der während seines ganzen Lebens nie aufhörte, die Uebelgesinnten anzuklagen, dafür aber ebenso oft angeklagt wurde. Er besaß in allen Angelegenheiten die größte Erfahrung, und war nach der Meinung von Crispus Sallustius unter den Römern der größte Redner. (9) Kato Prätorius, der im Bürgerkrieg auf Pompejus Seite stand, und den Tod der Knechtschaft des Freistaats vorzog. (10) Scaurus, der seinen Sohn nicht vor sich kommen ließ, weil er im Cyprischen Kriege seinen Posten verlassen hatte. (11) Scipio Nasika, der das Consulat niederlegte, weil er (wie man glaubte) nicht in den gesetzlichen Formen in dasselbe eingeführt worden [67] war, sodann Dalmatien besiegte, und den von dem Senate ihm angebotenen Triumph ausschlug, und als Censor die Bildsäulen, welche sich Jeder auf öffentlichen Plätzen errichtete, wegnehmen ließ. Er war nicht der Meinung, daß man Karthago zerstören solle, und wurde daher für den besten Römer erklärt. (12) Cornelius Cethégus, der für den Tod seines Bruders Cethégus stimmte, weil sich Dieser mit Catilina verschworen hatte. (13) Tullius Cicero, der während seines Consulats durch seinen großen Muth die Verschwörung des Catilina unterdrückte.

Männer, welche sich dem öffentlichen Wohl aufopferten

20 (1) Die Drillinge Horatius, welche mit den Albanischen Kuratiern um das Recht der Oberherrschaft kämpften. (2) Die Fabier, deren dreihundert, sämmtlich von Patricischem Geschlecht, den Vejentischen Krieg für sich allein führen zu dürfen verlangten. (3) Mucius Kordus, der seine Hand in’s Feuer steckte. (4) Horatius Kokles, der in seiner Waffenrüstung über die Tiber schwamm, als die Brücke abgebrochen war. (5) Die Dreihundert unter Calpurnius Flamma gegen die Karthager. Durch ihre Aufopferung21 retteten sie in einem Sicilischen Engpaß das Römische Heer, und erwarben sich dadurch den gleichen Ruhm, wie die dreihundert Lacedämonier bei Thermopylä. (6) Die zwei Decier, von [68] denen der Eine im Latinischen, der Andere im Samnitischen Kriege sich der Unterwelt weihte. (7) Der Oberpriester Fulvius, der sich mit anderen Greisen gleichfalls der Unterwelt opferte, als Rom von den Senonischen Galliern angezündet worden war. (8) Regulus, der sich lieber den Peinigungen der Karthager aussetzte, als daß er in einen nachtheiligen Friedensschluß eingewilligt, oder seinen Eid gebrochen hätte. (9) Kurtius, der sich in einen Erdspalt stürzte, als nach einem Götterspruch das Beste, was Rom besäße, gefordert wurde. (10) Spurius Posthumius, der von dem Samnitischen Feldherrn Pontius Telesinus unter das Joch mit seinem Heere geschickt worden war, und nun rieth, den Vertrag zu brechen, und ihn an den Feind auszuliefern. (11) Der Oberpriester Cajus Metellus, der bei’m Brande des Vestatempels das Palladium aus demselben heraustrug, und darüber das Gesicht verlor.

Eroberer feindlicher Waffenrüstungen

21 Solche gewannen Romulus von Akro, dem König der Cäniner; Cossus Cornelius von Lars Tolumnius, dem König der Vejenter; Claudius Marcellus von Virodomarus, dem Gallischen König.

Solche, die sich in Zweikämpfen auszeichneten

22 (1) Manlius Torquatus, der einem Gallier die Halskette abnahm und sich anlegte. (2) Valerius Corvinus, der von einem Gallier herausgefordert wurde und das Glück hatte, daß sich ein Rabe auf seinen Helm setzte und den Feind in Verwirrung brachte. (3) Scipio Aemilianus erschlug einen Barbaren, der ihn zum Zweikampf forderte, als er bei Interkatia, einer Stadt der Vaccäer, unter Lukullus als Legat [69] diente. (4) Lucius Opimius tödtete unter dem Consul Lutatius Catulus in den Tridentinischen Gebirgen einen Cimbrer, der ihn herausgefordert hatte.

Römische Eroberer

23 Scipio Afrikanus, Scipio Numantinus, Scipio Asiatikus, Mummius Achaïkus, Servilius Isaurikus, Brutus Callaïkus, Paulus Macedonikus, Metellus Cretikus, Cäsar Germanikus, Cäsar Dacicus.

Die berühmten Scipione, welche von ihren Großthaten Beinamen erhielten

24 Scipio der Große, der Afrikaner, welcher den Hannibal besiegte. Scipio der Jüngere, der Numantiner, welcher Numantia und Karthago zerstörte. Scipio der Asiate, welcher über Antiochus triumphirte. Scipio Nasika, welcher vom Senat für den rechtschaffensten Mann erklärt wurde. Derjenige Scipio, welcher nach dem Tode des Pompejus der Partei Desselben wieder aufzuhelfen suchte, und als er unterlag, sich selbst entleibte.

Volksauszüge

25 (1) Viermal geschah es, daß das Volk sich von den Vätern trennte. Das erstemal geschah Dieß wegen der Härte der Gläubiger; das Volk zog bewaffnet auf einen Berg. (2) Das zweitemal wegen der Härte der Decemvirn. Virginius tödtete seine Tochter, umzingelte den Appius und seine ganze Partei auf dem Aventinischen Berge, und brachte es dahin, daß die Decemvirn belangt, verurtheilt, und auf verschiedene Weise bestraft wurden. (3) Die dritte Entweichung geschah um der bürgerlichen Ehen willen, dergleichen mit dem Adel nicht stattfinden sollten. Canulejus stiftete dieselbe auf dem Berge Janikulum. (4) Die vierte Trennung ereignete sich auf dem Forum über der [70] Besetzung öffentlicher Stellen, damit auch Plebejer in’s Consulat kämen. Sulpicius Stolo erregte dieselbe.

Aufstände

26 (1) Es hatten in Rom vier Aufstände statt. Der erste war der des Tiberius Gracchus: Durch seine Gesetzesvorschläge in Betreff der Gerichte und des Besitzes von Ländereien brachte er den Staat in Unruhe, worauf ihn Scipio Nasika an der Spitze einer bewaffneten Schaar auf dem Capitolium niedermachte. (2) Der zweite Aufstand wurde von Gracchus, dem Bruder des Erstern, angestiftet: durch ähnliche Begünstigungen erregte er neue Unruhen. Da rief der Consul Opimius in Gemeinschaft mit dessen Schwiegervater, Decimus Brutus Calläcius, die Sklaven zur Freiheit,22 und machte ihn auf dem Aventinischen Berge nieder. (3) Der dritte Aufstand war der des Volkstribuns Apulejus Saturninus und des Consuls Glaucia. Es störten Diese die Wahlen auf dem Marsfelde durch ein Blutbad, worauf sie Marius bis auf das Capitol verfolgte, daselbst einschloß und mit Prügeln und Steinwürfen tödten ließ. (4) Der vierte Aufstand war der des Livius Drusus und Quintus Cäpio, indem Jener für den Senat, Dieser für den Ritterstand arbeitete. In der That war die Angelegenheit des Drusus ganz dazu gemacht, Unruhen zu erzeugen, indem er allen Italiern das Römische Bürgerrecht versprach: er wurde aber von dem Consul Philippus in seiner Wohnung umgebracht.

Feinde des Vaterlandes

27 (1) Coriolanus wurde wegen der [von ihm gestellten] übermäßigen Getreidepreise verbannt, und rückte mit einem Volskischen Heere vor die [71] Stadt, um sie einzunehmen. Aber die Bitten seiner Mutter Veturia brachten ihn auf andere Gesinnungen, worauf er von seinem Heere niedergestochen wurde. (2) Markus Mälius, der auf eine Fruchtaustheilung gefährliche Plane gründete, wurde auf Befehl des Diktators Quintius Cincinnatus durch den Anführer der Reiterei auf der Rednerbühne getödtet. (3) Spurius, der mit seinem Ackergesetz Spaltungen und Willkürherrschaft beabsichtigte. (4) Manlius Capitolinus, der unruhige Leute mit Geld auslöste, erregte den Verdacht, eine Königsherrschaft begründen zu wollen, und wurde vom Tarpejischen Fels gestürzt. (5) Catilina hatte eine Verschwörung gestiftet, um den Senat zu ermorden, die Stadt anzuzünden und den Schatz zu plündern. Für diese Unthat hatte er die Allobroger aufgewiegelt, wurde aber von Cicero im Senat angeklagt und von Antonius in Apulien überwunden.

Könige und Feldherren, welche mit den Römern Krieg führten

28 (1) Die Römer fochten zuerst mit den Sabinern unter Romulus, wegen des Raubs der Jungfrauen; unter Tullus gegen die Albaner. (2) Pontius Telesinus, der Feldherr der Samniter, war es, der bei den Caudinischen Pässen die Römer unter das Joch schickte. (3) Pyrrhus, der König von Epirus, der für Tarent den Krieg mit den Römern führte, Kampanien verwüstete, und bis auf zwanzig Meilen gegen die Stadt heranrückte, dann von Kurius und Fabricius geschlagen wurde, sich in sein Vaterland zurückzog, Achaja durch Waffengewalt sich unterwarf, und Macedonien dem König Antigonus entriß. Während der Eroberung von Argos fand er seinen Tod. An Klugheit und [72] Kenntniß des Kriegswesens insbesondre übertraf ihn kein Grieche. (4) Hannibal, der in einem Alter von neun Jahren seinen Vater nach Spanien begleitete, und noch vor seinem fünfzehnten [fünfundzwanzigsten] Jahre Oberfeldherr wurde, innerhalb drei Jahren Spanien besiegte, durch Sagunt’s Zerstörung vertragswidrig handelte, über die Pyrenäen und Alpen nach Italien zog, Scipio bei’m Ticinus, Tiberius Klaudius bei der Trebia, Flaminius bei’m Trasimenischen See, Paulus und Varro bei Cannä, Gracchus in Lukanien, Marcellus in Kampanien überwand.

Die verschiedenen Staatsverfassungen Rom’s

29 (1) Rom stand zuerst unter Königen. In Folge der Willkühr des Tarquinius und der Entehrung Lukretia’s wurden die Könige verjagt und die Regierung den Händen von Consuln und Tribunen anvertraut. (2) Hierauf erfolgten die Tribunenbewegungen: alle Obrigkeiten mußten ihre Stellen niederlegen, und Decemvirn wurden gewählt, um Gesetze und eine Staatsverfassung zu entwerfen. (3) Bald aber wurde man der Anmaßungen und der Wollust dieser Männer müde, worauf man wieder zu Consuln zurückkehrte. Hierauf brachen die Bürgerkriege zwischen Cäsar und Pompejus aus: die öffentliche Freiheit wurde gewaltsam unterdrückt und Alles der Gewalt Eines Kaisers untergeben. Seitdem besteht die ununterbrochene Herrschaft der Cäsarn.

Der Ursprung des Mithridatischen Reiches

30 (1) Cyrus, der erste Persische König, entriß den Medern die Herrschaft. Er hinterließ zwei Söhne, Cambyses und Smerdes. Cambyses, dem Aelteren, träumte es nach seines Vaters Tode, sein Bruder Smerdes sitze auf dem Throne, und erhebe sein Haupt bis zum Himmel; worauf er ihn umbringen [73] ließ. Hierauf kehrte er von einem gänzlich verunglückten Heereszuge aus Aethiopien zurück. Als er nach Aegypten kam, traf er die Einwohner jener Gegend unter öffentlichen Lustbarkeiten an, (2) glaubte, sie hätten eine Schadenfreude an seinem Mißgeschick, und verwundete den Apis am Schenkel, welcher an diesem Stich starb. Inzwischen gab sich ein Magier, Smerdes, ein Bruder von Patibiata, für den Sohn von Cyrus aus, indem er neben seinem Namen die Aehnlichkeit des Aussehens zu seinem Betruge benützte, und schwang sich auf den Persischen Thron. Als Kambyses hiervon Nachricht erhielt, beeilte er sich, in das Vaterland zurückzukommen. Darüber vergaß er, das Schwert, womit er den Apis getödtet hatte, in die Scheide zu stecken. Als er Dieses thun wollte, verwundete er sich selbst am Schenkel, an derselben Stelle, wo er den Apis getroffen hatte, und starb innerhalb weniger Tage an der Wunde. (3) Als die gewisse Kunde von seinem Tode nach Persien kam, wies Otanes seine Tochter Phädyma, die Buhlerin des Smerdes, an, bei Diesem, wenn er eingeschlafen wäre, nachzusehen, ob seine Ohren mit Haar bedeckt seyen. Er wußte nämlich, daß Cyrus dem Magier Smerdes die Ohren hatte abnehmen lassen. Phädyma machte die Entdeckung, daß er nicht der rechte Smerdes sey; (4) worauf sich sieben der vornehmsten Perser gegen den Magier verschworen. Ihre Namen sind: Otanes, Hydanes, Aspatines, Saphernes, Megabojus, Gobies, Darius. Diese brachten den Smerdes um, und kamen überein, daß Derjenige König seyn solle, dessen Pferd an einem gewissen, von ihnen gewählten Orte, zuerst wiehern würde, übrigens Otanes nicht gewählt werden könne. (5) Nun führte [74] Hiberes, ein Reitknecht des Darius, das Pferd seines Herrn an den bestimmten Ort, und ließ es auf eine Stute zu. Hierauf wieherte das Pferd des Darius laut. So wurde er König. Von ihm leitet Artabanes, der nach der Behauptung des Crispus Sallustius der Stifter des Mithridatischen Reiches war, seine Abkunft her.

Die Parthischen Könige

31 (1) Seleukus, ein Freund des Makedonischen Alexander. Nach Dessen Tode brachte sein Bruder, Abarrida, welcher Babylon besetzen sollte, die benachbarten Völker unter seinen Scepter. Davon erhielt er den Beinamen Nikator. Er baute drei der ansehnlichsten Städte, Abarrida, Seleucia, Laodicéa. (2) Arsaces, durch Gestalt und Tapferkeit ausgezeichnet. Seine Nachkommen erhielten den Beinamen Arsaciden. Er war es, der mit dem Feldherrn Sylla Frieden schloß. (3) Orodes, der mit Pompejus ein Bündniß schloß, und Crassus mit den Legionen in einem fürchterlichen Blutbade bei Carrä vernichtete. (4) Pakorus, der seinen Sohn gleiches Namens gegen Syrien schickte, um die Römischen Provinzen zu verwüsten, und von Ventidius, dem Unterfeldherren Cäsar’s, getödtet wurde.

Die Könige von Cappadocien und Armenien

32 (1) Tigranes, von dem schon die Rede war. Er zeichnete sich während des dritten Punischen Krieges unter den Consuln Mancinus und Scipio Aemilianus aus. (2) Bellus, König von Armenien. Er machte einen Einfall in Griechenland, zündete den Tempel des Pythischen Apollo an, und verlor sein Heer durch böses Wetter und Kälte. (3) Polykrates, König von Cappadocien. Ihm träumte, Sonne und Mond verbrennen: er wurde von einem Heerführer des Darius [75] umgebracht. (4) König Epaminon, ein Sohn des Letztern: er hatte einen Krieg mit dem Griechischen Theben und besiegte dasselbe. (5) Der König Periander, der in Korinth herrschte: zur See und zu Land unterjochten die Römer23 Alles. (6) Timoleon, der seinen zu Corinth regierenden Bruder tödtete. Er war es, der auch den Sicilischen König Dionysius vertrieb, das Anerbieten der Krone für sich ausschlug, und auch die königliche Burg zerstörte. Wenn ihm üble Nachreden zu Ohren kamen, pflegte er zu sagen: „ich arbeitete ja während meines ganzen Lebens für den Genuß einer allgemeinen Freiheit.“

Die Könige von Kleinasien und Pergamus

33 (1) Eumenes von Kardia, der tapfere Waffenfreund von Philippus und Alexander. Er hatte aber kein sonderliches Glück, obwohl er so gefürchtet war, daß sich bei seinen Lebzeiten Niemand den Königstitel beizulegen erlaubte. (2) Antiochus wurde schon beschrieben. Ein anderer Eumenes, der die Römer im Macedonischen Kriege mit seinen Soldaten unterstützte. (3) Attalus, der häufig für Rom unter den Waffen stand. In seinem letzten Willen setzte er das Römische Volk zu seinem Erben ein.

Die Könige von Pontus und Bithynien

34 (1) Pharnaces, der König von Bithynien, ein Sohn des Mithridates. Während des Bürgerkrieges, der in der Pharsalischen Schlacht entschieden wurde, machte er mit seines Vaters Soldaten einen Einfall in Syrien. Als aber Cäsar heranrückte, entfloh er, von seinem bloßen Namen geschreckt, und [76] besiegt, noch ehe es zu einem Gefecht kam, nach Pontus. (2) Der König Prusias, ein Verbündeter Rom’s. Nachdem Antiochus unterlegen war, suchte Hannibal bei ihm eine Zufluchtstätte, und nahm, als seine Auslieferung durch eine Gesandtschaft verlangt wurde, um den Banden zu entgehen, Gift. (3) Nikomedes, ein Bundesgenosse und Freund des Römischen Volkes: Cäsar lebte in seinen frühern Jahren mit ihm in freundschaftlichen Verhältnissen. Auch er bestimmte in seinem Vermächtniß das Römische Volk zu seinem Erben.

Die Könige von Alexandria

35 (1) Nach dem Tode des Macedonischen Alexander regierten von Alexandria aus über Aegpyten acht Ptolemäer, unter denen Viele sehr berühmt wurden. (2) Ptolemäus Euergetes,24 der Alexandern bei den Oxydraken mittelst seines vorgehaltenen Schildes rettete. Ptolemäus, der Sohn des Philadelphus. Er hatte große Verdienste um die Gelehrsamkeit, und schrieb viele Griechische Bücher. (3) Ptolemäus Soter, der mit einer großen Flotte die Rhodier überwand. Ptolemäus Tryphon. Er tödtete im Schauspielhaus eine Anzahl Aufrührer durch Pfeilschüsse, und übergab Andere dem Flammentod. (4) Sein Sohn Cypris führte für Rom viele Kriege, z. B. mit den Garamanten und Indiern. Ptolemäus, mit dem Zunamen der Mündel. Der Senat bestellte ihm als Vormund bis zu seiner Volljährigkeit den Pompejus. Im Bürgerkriege wurde er durch Pontinus umgebracht.

Könige und Heerführer der Carthager

36 (1) Hanno [77] und Mago, welche im Punischen Kriege bei den Liparischen Inseln den Consul Cornelius zum Gefangenen machten. (2) Hamilkar, mit dem Zunamen Boccor, der im ersten Punischen Krieg einen großen Theil Spaniens unter Carthagische Botmäßigkeit brachte. Er hinterließ vier Söhne: Hasdrubal, Hannibal, Hamilkar und Mago. (3) Hasdrubal, ein Bruder Hannibal’s, rückte im zweiten Punischen Krieg mit einer starken Truppenmasse aus Spanien heran, wurde aber, ehe er sich mit seinem Bruder vereinigen konnte, vernichtet.

Numidische Könige

37 Syphax, welchen Scipio Afrikanus besiegte, im Triumph aufführte und durch Masinissa auf seinem Thron ersetzen ließ. Masinissa, der den Scipio im Kriege mit Carthago und Syphax durch seine Reiterei unterstützte. Unter andern Belohnungen für seine Theilnahme am Feldzuge wurde er mit der Krone von Numidien beschenkt. Jughurta, der schon beschrieben ist.

Die Könige von Mauritanien

38 Der König Juba, welcher Cäsar’s Unterfeldherren, Curio, tödtete. Nach dem Tode des Pompejus suchte er die Partei Cato’s und Scipio’s zu unterstützen; er ließ sich aber, nachdem er sich in seinen Palast zurückgezogen, und noch ein glänzendes Gastmahl veranstaltet hatte, tödten. Juba,25 ein mit den Wissenschaften sehr vertrauter Fürst: den Thron verdankte er dem Cäsar Augustus. Er war es, der die prächtige Stadt Cäsaréa baute.

Wer gegen Rom die Waffen trug

39 (1) [78] Tatius, König der Sabiner, der die Tarpejische Burg besetzte, mitten auf dem Forum mit Romulus kämpfte, und in Folge der Dazwischenkunft der Sabinerinnen mit Romulus Frieden schloß. (2) Mettius Suffetius, König der Albaner. Er hatte verrätherisch gehandelt, wurde von den Fidenern verlassen, und auf Befehl des Tullus Hostilius an einen Wagen gebunden und zerrissen, indem Pferde an denselben angespannt und in verschiedener Richtung angetrieben wurden. (3) Porsena, König der Etrusker, der die Römer um der Tarquinier willen bei’m Janikulus einschloß. (4) Tiridates, der von Corbulo, einem vormaligen Consul, besiegt, aber nachher in sein Reich wieder eingesetzt wurde.

Die Zahl der Bürgerkriege

40 (1) Vier Bürgerkriege hat Rom erlebt. Den ersten Bürgerkrieg erregte der Tribun Sulpicius, weil Sylla den Oberbefehl im Mithridatischen Kriege, der ihm schon zugesagt war, an Marius [nicht] abgeben wollte. (2) Der zweite Krieg war der des Lepidus mit Catulus, wegen Besorgniß vor der Plünderung Siciliens. (3) Der dritte Krieg war der zwischen Cäsar und Pompejus. Die Weigerung des Senats, Cäsarn das Consulat zu übertragen, war mehr der Vorwand, als der Grund zu diesem Krieg. Uebrigens war die Eifersucht und das Streben beider Männer nach Alleinherrschaft [gleich groß]. Cäsar erhielt nämlich den Befehl, dem Herkommen und dem frühern Gesetze gemäß sein Heer zu entlassen, und dem Senat über seine Unternehmungen Bericht zu erstatten, um so einen Triumph zu erhalten. Allein unter dem Vorgeben, daß er sich vor dem Einflusse des Pompejus fürchte, [79] erklärte er, daß er sein Heer nicht entlassen werde, es sey denn, daß noch während seiner Abwesenheit die Consulnwahl vollzogen und über ihn entschieden würde. Aus diesem Grunde erklärte ihn der Senat für einen Feind des Staats, worauf er mit den Waffen in der Hand sein Begehren durchzusetzen beschloß. Und so gelang es ihm, nicht blos das Consulat und einen Triumph, sondern alle öffentlichen Gewalten Rom’s in seine Hand zu bekommen. (4) Der vierte Bürgerkrieg war der von Cäsar Augustus gegen verschiedene Feldherrn geführte, nämlich gegen den jungen Pompejus, der seines Vaters Güter ansprach; sodann gegen Cassius und Brutus, um für die Ermordung seines Vaters Rache zu nehmen; hierauf gegen Antonius und Cleopatra, die ohne äußere Veranlassung das Vaterland bekriegten.

Verschiedene Arten von Kriegen

41 Es gibt vier Arten von Kriegen. Der Völkerkrieg mit auswärtigen Feinden: dahin gehört der Krieg Rom’s mit Latium, Athen, Lacedämon. Der Sklavenkrieg, gegen die Ausreißer und ihre Heerführer Spartacus, Crixus und Oenomaus. Der Bürgerkrieg, in welchem gleiche Vaterlandsgenossen mit einander kämpften, wie Marius und Sylla, Cäsar und Pompejus, Augustus und Antonius.

Der Verlauf des Marianischen Krieges

42 (1) Der unersättliche Ehrgeiz des Marius machte den Versuch, durch einen Antrag des Volkstribuns Sulpicius die dem Sylla schon bestimmte Pontische Provinz Letzterem zu entziehen. Hierüber entrüstet, begab sich Sylla zu seinem Heer, und rückte an dessen Spitze vor seine Vaterstadt, zog in dieselbe ein und besetzte das Capitolium. Dieß setzte den Senat dermaßen [80] in Schrecken, daß er den Marius und seinen ganzen Anhang in die Acht erklärte. (2) Nun machte sich Sylla nach Asien auf, während Marius als Verbannter sich auf der Flucht befand, zuerst bei Minturnä in einem Sumpfe sich versteckte, nachher gefangen und in Bande gelegt wurde, aber wieder entkam. Innerhalb dieser Zeit befanden sich Cinna und Oktavius in der Stadt; dadurch erhielt Marius Gelegenheit, zurückkehren zu können, und verband sich nach der Niederlage der Partei des Oktavius mit Cinna. Siebenmal wurde er Consul, und versetzte durch die gräßlichsten Hinrichtungen die ganze Stadt in Trauer. (3) Inzwischen schlug Sylla den Mithridates, kehrte nach Rom zurück, und fand fast ganz Italien bewaffnet unter dem jungen Marius, einem Sohne des zuvor Genannten. Er aber rieb sein ganzes Heer, theils bei Sacriportus in Etrurien, theils bei dem Collinischen Thor auf. Die Trümmer der Gegenpartei, die sich selbst auslieferten, ließ er auf einem Staatsgute hinrichten. Diejenigen, welche sich auf der Flucht befanden, ächtete er, und berechtigte Jedermann, dieselben umzubringen.

Der Verlauf des Krieges zwischen Cäsar und Pompejus

43 Cäsar, Pompejus und Crassus theilten sich nach einem gemeinschaftlichen Plane in die Regierung Roms. Cäsar befehligte die Gallischen, Crassus die Syrischen Heere; Pompejus regierte, auf die beiden Ersteren gestützt, im Senat.26

Von dem Macedonischen Kriege

44 Das Römische [81] Volk hatte mit Macedonien drei Kriege. Unter dem Consul Flamininus wurde König Philippus besiegt; unter Paulus der Sohn des Philippus Perses; endlich Pseudophilippus unter Metellus Macedonicus. Der Anlass zum ersten Kriege gaben Griechenlands Klagen über Beeinträchtigungen durch die Macedonier. Vom zweiten war die Ursache, daß Perses den mit seinem Vater geschlossenen Vertrag gebrochen hatte. Der dritte wurde durch des Pseudophilippus Besitznahme des Macedonischen Throns mittelst eines falschen Namens herbeigeführt.

Von den verschiedenen Niederlagen der Römer

45 (1) Dergleichen ereigneten sich im Etruscischen Kriege, als der König Porsena den Janiculus einschloß; im Gallischen Kriege, als die Senonischen Gallier bei der Allia das Heer vernichteten, die Stadt anzündeten und das Kapitolium belagerten; (2) im Tarentinischen Kriege, als Pyrrhus ganz Campanien verwüstet hatte, und bis auf zwanzig Meilen gegen die Stadt anrückte; im Punischen Kriege, als Hannibal bei Cannä das Heer zerstreute, und sein Lager drei Meilen von der Stadt entfernt aufschlug; im Cimbrischen Kriege, als die Cimbrer die Tarentinischen [Tridentinischen] Alpen besetzten; (3) im Sklavenkrieg, als die Fechter Spartacus, Crixus und Oenomaus fast ganz Italien verwüstet hatten, und nun heranrückten, um die Stadt anzuzünden, aber in Lucanien von Crassus und in Etrurien von Pompejus zu Paaren getrieben wurden.

Von den drei Punischen Kriegen

46 (1) Das Römische Volk hatte [drei] Kriege mit Carthago. Der erste Punische [82] Krieg wurde zur See geführt. Man unterlegte ihm zwei Rechtfertigungsgründe. (2) Der eine betraf die Unterstützung, welche die Carthager Tarent geleistet hatten. Der andere lag in dem Gesuch der Mamertiner um Unterstützung gegen Carthago. Uebrigens war der Besitz der äußerst fruchtbaren Inseln Sicilien und Sardinien der wirkliche Gewinn dieser Kriege. (3) Appius Claudius eröffnete den Krieg in der Sicilischen Meerenge; Manlius und Regulus setzten ihn in Afrika fort; der Consul Duilius und Lutatius Catulus brachten ihn durch Versenkung der feindlichen Flotte zu Ende, Jener durch sein Gefecht bei den Liparischen Inseln, Dieser bei den Aegatischen. (4) Der zweite Punische Krieg war der blutigste von allen. Der Anlaß war die vertragswidrige Zerstörung Sagunts durch Hannibal. (5) Die erste Niederlage in diesem Kriege hatte bei Cisternum statt, wo Scipio der Vater, verwundet wurde. Sein Sohn Publius Scipio, damals noch ein Knabe, deckte und befreite ihn. Die zweite Niederlage ereignete sich bei der Trebia, wo der Consul Flaccus verwundet wurde; die dritte bei’m Trasimenischen See, wo das Heer des Flaminius aufgerieben wurde; die vierte bei Cannä, wo in Folge des Todes des Consuls Paulus und der Flucht des Terentius Varro zwei Heere zu Grunde gingen. (6) Es folgen nun aber vier Feldherrn, welche sich im Punischen Kriege Lorbern sammelten: Fabius oder der Zauderer, der die Zerstörung der Stadt, mit welcher Hannibal umging, durch stetes Ausweichen hinderte und Diesen entkräftete; Marcellus, der zuerst bei Nola dem Hannibal Widerstand leistete, seine Linien zum Weichen brachte, und gänzlich schlug; Claudius Nero, der dem Hasdrubal, [83] als er mit einem sehr starken Heer aus Spanien heranzog, bevor er sich mit Hannibal vereinigen konnte, entgegenrückte, und ihn in einem mörderischen Treffen schlug. (7) Im dritten Punischen Krieg war der Ruhm größer, als die Anstrengung. Der Consul Manilius begann die Zerstörung von Carthago, welche Scipio Aemilianus vollendete. Weil nämlich die Carthager vertragswidrig wieder Flotten ausrüsteten, und benachbarte Völkerschaften bekriegten, wurde die Stadt angezündet, und in Verbindung mit Tigranes sämmtliche Stadte Afrika’s für immer unterworfen.

Die Namen Derer, welche bis auf Trajan’s Regierung besiegt wurden, nebst der Angabe ihrer Besieger

47 (1) Das Römische Volk besiegte, den Consul Flamininus an der Spitze, die Macedonier unter dem König Perseus; (2) die Karthager durch die Scipione;27 den König Antiochus in Syrien durch den Consul Paulus; die Celtiberier und Numantia durch Scipio Aemilianus, (3) ferner Lusitanien und den Heerführer Viriathus; durch Decimus Brutus Gallien; durch Mummius Achaïcus Corinth und Achaja; durch Fulvius Nobilior die Aetolier und Ambracia; (4) durch Marius Numidien und Jugurtha, so wie die Cimbrer und Teutonen durch den Nämlichen; (5) durch Sylla Pontus und Mithridates; durch Lucullus Pontus wiederholt, und Mithridates, so wie die Cilicischen Seeräuber, die Armenier mit dem König Tigranes: und sehr viele Asiatische Völkerschaften (unter Lucullus drangen die Römer bis an den Indischen Ocean und das rothe Meer vor); (6) durch Cajus Cäsar [84] Gallien und Germanien (unter demselben Feldherrn lernten die Römer nicht blos Britannien kennen, sondern beschifften auch den Ocean); (7) durch Cäsar Augustus Dalmatien, Pannonien, Illyrien, Aegypten, Germanien, Cantabrien (wie denn Derselbe auch auf dem ganzen Erdkreis Ruhe herstellte), Indien, Parthien, Sarmatien, Scythien, Dacien ausgenommen, welche nach dem Willen der Schicksals die Triumphe des Kaisers Trajanus erhöhen sollten.

Von den Comitien

48 (1) Die Comitien heißen so von dem starken Comitat [Geleite] des Volkes, und der großen Zahl derer, die sich dabei einfinden, wenn die Väter und die Volksabtheilungen zur Wahl der Obrigkeiten oder Priester zusammenberufen werden. (2) Es gibt dreierlei Arten von Comitien: nach Curien, Tribus und Centurien. (3) Wenn es sich vom Wechsel der Obrigkeiten handelt und die Wahl gewöhnlicher Art ist, so daß blos das Volk stimmt, so heißen die Comitien curiata. Sind sie von größerer Bedeutung, so heißen sie tributa. Ist große Gefahr vorhanden, und werden auch die Soldaten zum Stimmen zugelassen, so heißen sie centuriata.

Eintheilungen des Römischen Volks

49 (1) Die älteste Eintheilung des Römischen Volks ist dreifach. Sie rührt von Romulus her, und begreift den König, den Senat und das Volk. (2) Das Volk zerfiel in drei Tribus, die Tatische, Lucerische, Ramerische. Hierauf folgt die durch König Servius Tullius getroffene Eintheilung des Römischen Volks, welcher dasselbe in Tribus, Klassen und Centurien theilte. Sie beruht auf der wiederholt vorgenommenen Schatzung, und hatte den Zweck, den Angesehensten und Reichsten im [85] Volk auch am meisten Einfluß bei’m Stimmgeben zu verschaffen. (3) Die dritte Eintheilung ist die in Patrone und Clienten, wornach sich die Niedrigen dem Schutze der Höhern anvertrauen.

Regierungsformen

50 Es gibt dreierlei Arten von Regierungsformen: die königliche, aristokratische, volksthümliche. Denn entweder besitzt ein König die öffentliche Gewalt, wie in Seleucia28 im Parthischen; oder ein Senat, wie im Gallischen Massalia; oder regiert das Volk selbst, wie vormals in Athen. Es gibt noch eine vierte Form, welche die Römer versucht haben, wornach die drei beschriebenen in Eine vereinigt sind. In diesem Fall besitzen Consuln die königliche Gewalt; der Senat ist die berathende Stelle, und das Volk hat Stimmgewalt.

Anmerkungen

1 Der Uebersetzer las Sidonidis (Sidoniens, Sidons).

2 D. h. der bei den Griechen Karcinus heißt.

3 Weil sie um die Zeit des ver (Frühlings) aufgehen.

4 Sonst auch Sirius.

5 Gibraltar.

6 Ciriteä haben wir als ein wahrscheinlich verschriebenes Wort weggelassen.

7 Sierra de la Monas.

8 Gibraltar.

9 Von einem Athamantischen Apollonia ist sonst Nichts bekannt. Ueberhaupt ist dieses ganze Kapitel voll von Dunkelheiten.

10 Statt quae lesen wir quo, wobei dem Ampelius die Voraussetzung unterlegt wird, es sey das Fahrzeug der Argonauten in Argos gebaut worden.

11 Wir lasen: calculus, quem Minerva sortita est de Orestae cervice. Als nämlich Orestes wegen Ermordung seiner Mutter Clytämnestra in Athen verurteilt werden sollte, legte Minerva zu den Würfeln der Richter, welche gleich waren, noch einen, wodurch er gerettet wurde.

12 Wir sehen una als Adverbium an.

13 Statt adscensu sunt hat der Uebersetzer gelesen adscendit.

14 Nach Pausanias (X, 12.) die Gebeine der Sibylla.

15 Nach Justinus hieß er Arbactus.

16 Statt recessisset wurde gelesen decessisset.

17 Militibus wurde weggelassen, da entweder dieses Wort oder armatis überflüssig ist.

18 Idem Mardonius wurde als sinnstörend weggelassen.

19 Einige glauben, es sey Ekbatana gemeint.

20 Cincinnatus und Atilius Serranus werden hier vermischt. Jener wurde unter den genannten Umständen Diktator, der Andere ebenso Consul im Punischen Krieg.

21 Es wurde gelesen morte sua exercitum populi Romani. Das Römische Heer war von den Karthagern eingeschlossen, worauf jene Dreihundert einen mitten unter den Feinden gelegenen Hügel besetzten und ihrem Heere einen Ausweg verschafften.

22 Eigentlich: Zum Hut, dem Zeichen der Freilassung.

23 Vielleicht tyrannus statt des sinnlosen Romanus.

24 Vielmehr Ptol., Lagus Sohn.

25 Noch sehr jung war er von Julius Cäsar im Triumph aufgeführt worden, und benützte nun seinen Aufenthalt in Rom, um sich zu unterrichten.

26 Die Worte post Crassi mortem etc. bis zum Ende ließ der Uebersetzer weg, weil sie keinen Sinn gewähren.

27 Mit dem Beinamen der Afrikaner.

28 Am Zusammenfluß des Tigris und Euphrat.

Highlights

  • Anonyme Kaisergeschichte
  • Sueton: Kaiserbiographien
  • Curtius Rufus: Geschichte Alexanders des Großen

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