Paläphatos
von unglaublichen Begebenheiten
Das Folgende von unglaublichen Begebenheiten habe ich niedergeschrieben, weil Einige, der Philosophie und Wissenschaften unkundig, einer jeden Erzählung Glauben beimessen, Andere hingegen, von Natur einsichtsvoller und erfahrener, durchaus nicht glauben, daß etwas von dem geschehen sei. Mir wenigstens scheint es, daß alles das Erzählte geschehen sei. Es waren nicht bloß Töne, von welchen sich ja nichts hätte sagen lassen, sondern anfänglich ereigneten sich Begebenheiten, und in der Folge entstand so die Sage von ihnen. Alle die Erscheinungen aber und Gestalten, in welchen sie sich damals sollen zugetragen haben, und welche jetzt nicht mehr vorkommen, sind nie gewesen. Denn wären sie damals vorhanden gewesen, so würden sie auch zu andern Zeiten da gewesen sein, so würden sie auch jetzt und in der Zukunft da sein. Stets pflichte ich daher den Schrifstellern Melissos und Lamiskos aus Samos bei, welche behaupten: was sich anfänglich ereignet hat, muß auch jetzt noch vorkommen. Manche Begebenheiten nämlich haben die Dichter und Sagenschreiber, um bei den Leuten Erstaunen zu erregen, auf eine ziemlich unglaubliche und wunderbare Art verdreht; ich bemerke aber, daß diese Begebenheiten so, wie sie erzählt werden, sich nicht zugetragen haben können. Doch setze ich das als gewiß, daß, wenn sich etwas gar nicht ereignet hätte, man davon auch nicht erzählen würde. Auf meinen Reisen durch sehr viele Gegenden erkundigte ich mich bei greisenden Leuten, was sie wol von einer jeden dieser Begebenheiten gehört hätten, und theile hier das schriftlich mit, was ich darüber erfahren habe. Auch lernte ich selbst eine jede Gegend, wie sie beschaffen ist, kennen.
So habe ich das Folgende hingeschrieben, nicht, wie es erzählt wird, sondern wie ich es selbst auf meinen Reisen kennen lernte.
Von den Kentauren
sagt man: sie waren Ungeheuer, und hatten ganz die Gestalt von Pferden, ihren Menschenkopf ausgenommen. Wollte indeß jemand sich überzeugt halten, daß es je ein solches Geschöpf gegeben habe, der würde eine Unmöglichkeit glauben. Denn weder die Natur eines Pferdes und eines Menschen paßt zu einander, noch sind ihre Nahrungsmittel gleich, noch kann durch den Mund und Schlund eines Menschen Pferdefutter gehen. Hätte es aber damals solche Gestalten gegeben, so würden sie auch jetzt noch vorhanden sein. Das Wahre an der Sache ist vielmehr dies: Als Ixion König von Thessalien war, ward eine Heerde Stiere auf dem Berge Pelion wüthend, und machte auch die übrigen Gebirge unsicher. In die bewohnten Gegenden stürzten die Stiere hinab, beschädigten die Bäume und die Feldfrüchte, und richteten auch das Zugvieh zu Grunde. Ixion ließ daher öffentlich bekannt machen, daß, wenn einer diese Stiere erlegen würdem er ihm eine sehr ansehnliche Belohnung geben wolle. Nun kamen einige junge Leute aus der Gegend am Fuße des Gebirges, aus einem Flecken, Namens Nephele, auf den Einfall, Pferde zum Reiten abzurichten. Denn vorher verstand man noch nicht auf Pferden zu reiten, sondern bediente sich nur der Wagen. Sie bestiegen also ihre Reitpferde, und jagten dahin, wo die Stiere waren, sprengten auf die Heerde zu, und warfen Wurfspieße unter sie. Wenn nun die jungen Leute von den Stieren verfolgt wurden, so ergriffen sie auf ihren schnellfüßigen Pferden die Flucht; wenn aber die Stiere stehen blieben, so kehrten sie um, und warfen Spieße auf sie; und auf diese Art erlegten sie dieselben. Ihren Namen erhielten die Kentauren daher, weil sie die Stiere niedergestreckt hatten; denn von einem Stiere findet sich an den Kentauren nichts, sondern die ihnen zugeschriebene Pferde- und Menschengestalt rührt von dieser Begebenheit her. Da nun die Kentauren vom Ixion die Belohnung erhalten hatten, so freueten sie sich ausgelassen über ihre That und den erlangten Reichthum, warden muthwillig und übermüthig, und verübten vielen Unfug, sogar am Ixion selbst, welcher die jetzt Larissa genannte Stadt bewohnte. Die damaligen Einwohner dieser Gegend hießen Lapithen. Als nun einst die Kentauren von den Lapithen zu einem Gastmahle eingeladen worden waren, so berauschten sie sich, raubten ihnen ihre Weiber, und begaben sich eilends in die Heimath, aus welcher sie hergekommen waren. Nun verfuhren sie gegen die Lapithen feindselig, kamen des Nachts in die Ebenen hinunter, und legten sich in Hinterhalt; sobald es aber Tag ward, flohen sie mit ihrem Raube auf die Gebirge zurück. Wenn sie so sich zurückzogen, ward man nur Pferdeschwänze und Menschenköpfe gewahr. Diejenigen nun, welche dieses auffallende Schauspiel sahen, sagten: die Kentauren stürzen von Nephele herab, und richten viel Unheil an. –
Aus dieser Erscheinung und Sage wurde also die Erzählung – unglaublich! – gebildet, daß aus einer Wolke ein Geschöpf, halb Pferd und halb Mensch, auf dem Gebirge entstanden sei.
Von der Pasiphae
erzählt die Sage, daß sie in einen weidenden Stier sich verliebte; Dädalos verfertigte eine hölzerne Kuh, und steckte sie in dieselbe hinein; diese besprang der Stier, und vermischte sich so mit der Weibsperson, welche darauf einen Knaben mit einem Menschenleibe und einem Stierkopfe gebar. Indeß behaupte ich, daß das nie geschehen ist. Denn zuvörderst ist es unmöglich, daß Wesen von zweierlei Art Brunst gegen einander fühlen sollten. So wird sich schwerlich ein Hund mit einem Affen, ein Wolf mit einer Hyäne begatten, oder ein Büffel mit einer Hirschkuh, da sei von zweierlei Art sind. Ferner glaube ich auch nicht, daß ein Stier mit einer hölzernen Kuh sich vermischen kann; und endlich kann ein Frauenzimmer auch wol weder den Anfall eines geilen Stieres ertragen, noch eine Hörner habende Leibesfrucht tragen. Das Wahre an der Sache ist vielmehr dies: Minos empfand Schmerzen an den Schamtheilen, und wurde, wie man sagt, von Pandion’s Tochter, Prokris, wiederhergestellt. Während der Curzeit bediente ihn ein wohlgestalteter Jüngling, Tauros. In diesen verliebte sich Pasiphae, wurde von ihm geschwängert, und gebar ein Kind. Minos aber, welcher die Zeit der Schmerzen an seinen Schamtheilen berechnete, und wohl einsah, daß der Knabe nicht von ihm sein könne, weil er der Pasiphae nicht beigewohnt hatte, ward daraus inne, daß er vom Tauros sein müsse. Tödten indeß wollte er den Knaben nicht, weil man denselben für einen Bruder seiner Kinder hielt; er schickte ihn also in’s Gebirge, daß er daselbst den Hirten dienen sollte; allein er gehorchte den Hirten nicht. Als nun Minos von seiner Aufführung gehört hatte, so gab er seinen Unterthanen Befehl, sich seiner zu bemächtigen, und, wenn er willig folgte, ihn frei, widrigenfalls aber gebunden zu ihm zu führen. Sobald dies der Jüngling merkte, entfernte er sich in die Gebirge, und lebte daselbst vom Raube der Heerden. Da hierauf Minos einen andern zahlreichern Haufen Leute ausschickte, um ihn zu fangen, so machte der Jüngling eine tiefe Höhle, und verbarg sich in dieselbe. Hier blieb also Tauros, und wenn Minos einmal einen Verbrecher verhaften ließ, so wurde derselbe zum Tauros geschickt, um von ihm seine Strafe zu empfangen. So nahm auch Minos einmal seinen Feind Theseus gefangen, und schickte ihn zum Tauros, daß er durch ihn sterben sollte. Ariadne aber, welche dies erfuhr, schickte vorher ein Schwert in die Höhle, durch welches Theseus den Minotauros aus dem Wege räumte.
Vom Aktäon
Man sagt: Aktäon wurde von seinen eigenen Hunden aufgefressen. Das ist aber unwahr; denn ein Hund liebt seinen Herrn gar sehr, und vorzüglich die Jagdhunde bezeigen sich gegen jedermann freundlich. Einige sagen: Artemis habe ihn in einen Hirsch verwandelt, und da hätten ihn die Hunde zerrissen. Mich dünkt aber, Artemis kann nicht alles thun, was sie will. Es ist auch nicht wahr, daß ein Hirsch aus einem Menschen werden sollte, oder aus einem Hirsche ein Mensch. Dergleichen Mährchen haben die Dichter ersonnen, damit diejenigen, welche sie hören würden, sich nicht frevelhaft gegen die Gottheit betrügen. Das Wahre an der Sache ist dies: Aktäon, von Geburt ein Arkade, war ein Liebhaber der Jagd. Er hielt viele Hunde, und jagte auf den Gebirgen, vernachlässigte aber darüber seine Angelegenheiten. Denn die damals lebenden Menschen bearbeiteten alle ihr Land selbst. Sklaven hatten sie durchaus nicht, sondern bestellten ihr Feld mit eigener Hand, und der war der reichste, welcher bei seinem Ackerbau am thätigsten war. Da nun Aktäon sein Hauswesen vernachlässigte, und lieber jagte, so ging sein Vermögen zu Grunde. Als er nun nichts mehr hatte, sagten die Leute von ihm: Unglücklicher Aktäon, du bist von deinen eigenen Hunden aufgefressen worden! So pflegt man auch noch jetzt von einem verunglückten Kuppler zu sagen: er ist von den Huren aufgefressen worden! So ging es wol auch mit dem Aktäon.
Von den menschenfressenden Pferden des Diomedes
Von den Pferden des Diomedes sagt man, daß sie Menschen fraßen. Das ist lächerlich; denn dieses Thier findet mehr Behagen an Gerste und Grase, als an Menschenfleische. Die Wahrheit ist vielmehr dies: Da die Menschen der Vorzeit ihre Feldarbeit selbst verrichteten, und reichlichen Lebensunterhalt und Ueberfluß sich erwarben, indem sie ihr Land bearbeiteten, so gab Diomedes sich mit der Pferdezucht ab, und fand so lange Vergnügen an Pferden, bis er das Seinige durchgebracht, alles verkauft und es auf den Unterhalt der Pferde verwandt hatte. Seine Freunde nannten nun seine Pferde Menschenfresser.
Aus diesem Vorfalle ist das Mährchen hervorgegangen.
Vom Orion
Des Zeus, Poseidon und Hermes Sohn war er. Hyrieus, der Sohn Poseidon’s und der Alkyone, einer von des Atlas Töchtern, wohnte zu Tanagra in Böotien. Als ein sehr gastfreier Mann, bewirthete er einst die Götter. Zeus, Poseidon und Hermes, welche bei ihm zu Gaste gewesen waren, und sein gefälliges Betragen gut aufgenommen hatten, redeten ihm zu, sich auszubitten, was er nur wollte. Er war kinderlos, und bar um einen Sohn. Die Götter nahmen also die Haut des ihnen geopferten Ochsen, benetzten sie, und befahlen ihm, sie unter die Erde zu verscharren und nach zehn Monaten wieder auszugraben. Nach Verlauf derselben entstand Urion, genannt nachher, des Wohlklanges wegen, Orion. Als er einmal mit der Artemis auf der Jagd war, versuchte er, ihr Gewalt anzuthun. Darüber erzürnt, ließ die Göttinn aus der Erde einen Skorpion hervorkommen, welcher ihn durch einen Stich in den Knöchel an der Ferse tödtete. Zeus versetzte ihn aus Mitleiden unter die Gestirne.
Von den ausgesäeten Riesen
Man erzählt, daß Kadmos den Drachen der Dirke erlegte, ihm die Zähne herausriß, und sie auf sein eigenes Land säete; nachher erwuchsen daraus bewaffnete Männer. – Wenn dies wahr wäre, so würde kein Mensch etwas anderes säen, als Drachenzähne. Das Wahre an der Sache ist vielmehr Folgendes: Kadmos, von Geburt ein Phönike, kam nach Theben, und suchte es seinem Bruder Phönix in der Gründung des Reichs zuvorzuthun. Außer vielen andern königlichen Kleinoden hatte er auch Elephantenzähne bei sich. König von Theben war Drakon, des Ares Sohn. Kadmos tödtete ihn, und ward König. Die Bundesgenossen des Drakon bekriegten ihn nun; auch die Söhne des Drakon standen gegen Kadmos auf. Wiewol nun Drakon’s Bundesgenossen und Söhne unterlagen, so raubten sie doch dem Kadmos seine Schätze und Elephantenzähne, und flohen dahin zurück, woher sie gekommen waren. Sie zerstreueten sich hier- und dorthin, Einige nach Attika, Andere in den Peloponnes, Andere nach Phokis, und noch Andere nach Lokris. Aus diesen Länden kamen sie wieder heraus, bekriegten die Theber, und zeigten sich als verschlagene Krieger. Weil sie nun mit den dem Kadmos geraubten Elephantenzähnen davongeflohen waren, so sagten die Theber: dies Unglück führte Kadmos uns herbei dadurch, daß er den Drakon tödtete; viele, aus dessen Zähnen enstandene, tapfere Helden bekriegen uns.
Aus diesem Vorfalle wurde also die Sage gebildet.
Von der Sphinx
Von der kadmischen Sphinx sagt man, daß sie ein Ungeheuer war, welches einen Leib, wie ein Hund, Kopf und Gesicht, wie ein Mädchen, Flügel, wie ein Vogel, und eine Stimme, wie ein Mensch, hatte. Sie hielt sich auf dem sphingischen Gebirge auf, und legte jedem Theber ein Räthsel vor; und, wer es nicht errieth, den tödtete sie. Als nun Oedipus das Räthsel errieth, tödtete sie sich durch einen Sturz von dem Felsen. – Unglaublich und unwahrscheinlich ist diese Erzählung. Denn eine solche Gestalt kann es nicht gegeben haben; und auch das, daß diejenigen, welche die Räthsel nicht auflösten, von ihr umgebracht wurden, ist ein kindisches Vorgeben, so wie es thöricht war, wenn die Kadmeer das Ungeheuer nicht mit Pfeilen erlegt, sondern gleichgültig es angesehen hätten, wie es ihre Mitbürger, als wären es Feinde, verschlang. In Wahrheit verhält sich dies also: Kadmos hatte eine Amazone zum Weibe, Namens Sphinx. Mit dieser kam er nach Theben, tödtete den Drakon, bemächtigte sich der Herrschaft, und nahm darauf auch die Schwester Drakon’s zum Weibe, Namens Harmonia. Als Sphinx hörte, daß er noch eine andere geheirathet habe, beredete sie sehr viele seiner Unterthanen, mit ihr auszuwandern. Sie entwandte einen sehr großen Theil seiner Schätze, nahm auch einen schnellfüßigen Hund, welchen Kadmos mitgebracht hatte, mit, und begab sich mit denselben auf das genannte sphingische Gebirge, bekriegte von da aus den Kadmos, und hob durch ihre Nachstellungen in jeder Stunde Menschen auf. Es nennen aber die Kadmeer eine Kriegslist ein Räthsel. So verbreiteten denn die Bürger die Sage: die argische Sphinx legt uns ein Räthsel vor, und richtet uns zu Grunde; errathen kann das Räthsel niemand. Kadmos machte also öffentlich bekannt: er wolle dem, welcher die Sphinx erlegen würde, eine ansehnliche Belohnung geben. Da kam nun Oedipus aus Korinth, ein tapferer Krieger, auf einem schnellfüßigen Rosse, nahm einige Kadmeer mit sich, begab sich des Nachts auf das Gebirg, und tödtete die Sphinx.
Aus diesem Vorfalle wurde die Sage gebildet.
Von einem Fuchse
Man sagt von dem teumesischen Fuchse, daß er die Kadmeer raubte und auffraß. – Allein das ist einfältig. Denn es giebt kein Landthier, welches einen Menschen rauben und forttragen könnte, und ein Fuchs ist überdies ein kleines und schwaches Thier. Folgendes ereignete sich etwa: Ein angesehener und tapferer Theber wurde wegen seiner Verschlagenheit Alopex genannt. Er übertraf jedermann an Schlauheit. Da nun der König fürchtete, er mögte ihm nachstellen, so verwies er ihn aus der Stadt. Indeß jener brachte ein großes Kriegsheer zusammen und außerdem Miethsvölker, und besetzte den sogenannten teumesischen Berg, von dem aus er Streifereien machte, und die Theber plünderte. Nun sagten die Leute: ein Fuchs stürzt auf uns herab, und geht wieder zurück. Allein endlich kam ein Held, Namens Kephalos, von Geburt ein Athener, mit einem großen Kriegsheere den Thebern zur Hülfe. Er tödtete den Alopex, und verjagte dessen Heer von dem Orte.
Von der Niobe
Man sagt, daß Niobe auf dem Grabe ihrer Kinder lebendig zum Steine ward. – Wer indeß glaubt, daß aus einem Steine ein Mensch, oder aus einem Menschen ein Stein geworden sei, der ist einfältig. Das Wahre an der Sache ist dies: Niobe ließ sich nach dem Absterben ihrer Kinder eine steinerne Bildsäule machen, und stellte sie auf das Grab ihrer Kinder. Ich habe sie selbst gesehen, wie sie beschrieben wird.
Vom Lynkeus
Lynkeus, sagt man, sah das unter der Erde Befindliche. – Das ist aber eine Unwahrheit. Das Wahre ist vielmehr Folgendes: Lynkeus fing zuerst an, Erz, Silber und die übrigen Metalle zu graben. Bei dem Ausgraben der Metalle nahm er Leuchten mit unter die Erde, ließ sie an dem Orte zurück, und brachte Erz und Eisen herauf. Nun sagten die Leute: Lynkeus sieht auch das unter der Erde Befindliche, steigt hinunter und bringt Silber herauf.
Vom Käneus
Käneus, sagt man, war unverwundbar. – Wer aber annimmt: ein Mensch könne von Eisen nicht verwundet werden, der ist einfältig. In Wahrheit verhält sich dies also: Käneus, von Geburt ein Thessale, war tapfer im Kriege, und erfahren im Kämpfen. Ungeachtet er bei vielen Kämpfen gewesen war, so war er doch nie verwundet worden, auch nicht, als er für die Lapithen focht und durch die Kentauren seinen Tod fand; sondern diese ergriffen ihn, und vergruben ihn nur, und so endete er. Nun sagen die Lapithen, als sie seinen Leichnam aufhoben, und den Körper nicht verwundet fanden: Käneus war sein ganzes Leben unverwundbar, und starb auch so.
Von Kyknos
Dieselbe Erzählung hat man auch vom Kyknos in Konolä. Denn auch von ihm sagt man, daß er unverwundbar war. Er war ein Kriegsheld und kampferfahren. Vor Troia wurde er vom Achilleus mit einem Steine getroffen, ohne verwundet zu werden. Die Leute sagten daher, als sie seinen Leichnam sahen: unverwundbar war auch er. So wurde auch er unverwundbar genannt. Es widerlegt aber diese Erzählung und zeugt für meine Behauptung Aias, der Telamonier. Denn auch er wurde unverwundbar genannt, ob er gleich sich selbst mit einem Schwerte umbrachte.
Vom Dädalos und Ikaros
Man sagt, daß Minos den Dädalos und dessen Sohn Ikaros, irgend eines Verbrechens wegen verhaftete. Dädalos verfertigte künstliche Flügel, und flog mit dem Ikaros davon. – Allein es läßt sich gar nicht denken, daß ein Mensch fliegen kann, und noch dazu, wenn er künstliche Flügel hat. Was man also hiervon erzählt, war eigentlich dies: Dädalos, der sich in der Haft befand, ließ sich durch eine Oeffnung hinunter, bestieg mit dem Ikaros einen Nachen, und entkam auf’s Meer. Sobald Minos dies erfuhr, schickte er Schiffe, sie zu verfolgen, ab. Als Ikaros und Dädalos sich verfolgt sahen, so wurden sie, da ein heftiger und ungestümer Wind war, fliegend, das ist, schiffend, auf dem Meere umhergeworfen. Dädalos kam glücklich an das Land; Ikaros aber kam im Meere um. Daher wurde es nach ihm das ikarische benannt. Als Ikaros von den Wellen ausgeworfen worden war, wurde er von seinem Vater begraben.
Von der Atalante und dem Milanion
Man erzählt von der Atalante und dem Milanion, daß sie zur Löwinn ward, er aber zum Löwen. – Das Wahre davon ist aber Folgendes: Atalante und Milanion jagten. Milanion beredete das Mädchen, sich mit ihm zu vermischen, und ging in dieser Absicht in eine Höhle. Es war aber in der Höhle das Lager eines Löwen und einer Löwinn. Als diese die Stimme hörten, kamen sie heraus, und zerrissen die Atalante mit ihrem Begleiter. Da nach der Zeit die Löwinn und der Löwe herauskamen, glaubten die Jagdgefährten des Milanion, beide wären in diese Thiere verwandelt. Sie stürzten also in die Stadt, und breiteten aus: Atalante und Milanion wären in Löwen verwandelt worden.
Von der Kallisto
Auch das Mährchen von der Kallisto ist dem ähnlich, daß sie auf der Jagd zur Bärinn ward. Ich aber behaupte: auch sie wurde, da sie auf einen Berg, wo gerade eine Bärinn sich befand, ging, auf der Jagd aufgefressen. Die Jäger, welche sie zum Lager der Bärinn hingehen, aber nicht wieder zurückkehren sahen, sagten: das Mädchen ward zur Bärinn.
Von der Europa
Man sagt: Europa, die Tochter des Phönix, kam, auf einem Stiere reitend, durch das Meer von Tyros nach Kreta. – Mir aber scheint, weder ein Stier, noch ein Pferd könne über ein so großes Meer schwimmen, noch sei ein Mädchen auf einen wilden Stier gestiegen; und wenn Zeus wollte, daß Europa nach Kreta käme, so hätte er wol für sie einen andern bessern Weg gewußt. Das Wahre an der Sache ist vielmehr dies: Ein Knossier, Namens Tauros, befeindete das Gebiet von Tyros. Endlich raubte er aus Tyros unter andern Mädchen auch die Tochter des Königs, Europa. Nun sagte man: Europa, die Tochter des Königs, entführte ein Stier.
Aus diesem Ereignisse wurde die Sage gebildet.
Von dem hölzernen troischen Pferde
Man sagt, daß die in einem hölzernen Pferde befindlichen Achäer Ilios zerstörten. – Allein diese Erzählung ist sehr mährchenhaft. Das Wahre davon ist dies: Ein hölzernes Pferd verfertigte man, welches an Höhe über die Thore erhaben war, daß man es nicht hereinziehen konnte, sondern es an Größe darüber hervorragte. Die Lochagen hielten sich in einem tiefen Grunde nahe bei der Stadt auf, welcher bis jetzt der Argier Hinterhalt genannt wird. Nun rieth ein nach Ilios gekommener Ueberläufer, Sinon, den Iliern, das Pferd hineinzubringen, und setzte hinzu: die Hellenen würden nicht eindringen. Auf ihn hörten die Troer, rissen die Thore ein, und brachten das Pferd hinein. Während sie aber lustig und guter Dinge waren, drangen die Hellenen unvermuthet ein, und so wurde Troia erobert.
Vom Aeolos
Man erzählt, daß Aeolos Beherrscher der Winde war, und sie dem Odysseus in einem Schlauche übergab. – Daß dies aber nicht möglich ist, glaube ich, ist Allen einleuchtend. Wahrscheinlich war Aeolos ein Sternkundiger, und bestimmte dem Odysseus die Zeit, um welche gewisse Winde sich erheben würden. Man sagt auch, daß er mit einer ehernen Mauer seine Burg umgeben hatte – was eine Unwahrheit ist. Schwerbewaffnete, wie ich glaube, hielt er, welche seine Burg bewachten.
Von den Hesperiden
Man erzählt, daß die Hesperiden gewisse Frauenzimmer waren. Diese hatten goldene Aepfel auf einem Apfelbaume, welche ein Drache bewachte, zu welchen Aepfeln hin auch Herakles einen Ritterzug unternahm. Es ist aber das Wahre an der Sache dies: Es war ein Mileter, Hesperos, welcher in Karien wohnte, und zwei Töchter hatte, welche Hesperiden heißen. Dieser hatte schöne und fruchtbare Schafe, wie noch jetzt die in Miletos sind. Deßwegen wurden sie goldene genannt, weil Gold das Schönste ist, und jene sehr schön waren. [Mela] (Mela) heißen aber auch Schafe. Als Herakles sie am Meere weiden sah, so trieb er sie zusammen, und brachte sie auf das Schiff, und ihren Hirten, Namens Drakon, jagte er nach Hause, da Hesperos nicht mehr lebte, sondern nur seine Kinder. Nun sagten die Leute: wir haben goldene Aepfel gesehen, welche Herakles den Hesperiden wegtrieb, nachdem er den Hüter Drakon getödtet hatte.
Und daher wurde die Sage gebildet.
Vom Kottos, Briareus und Gyges
Man sagt von ihnen, daß sie Männer mit hundert Händen waren. – Ist das aber wol nicht abgeschmackt? Das Wahre daran verhält sich so: Die Stadt, in welcher sie wohnten, hatte den Namen Hekatontachiria; sie lag in dem jetzt so genannten Orestias. . . . . Nun sagten die Leute: Kottos, Briareus und Gyges, die Hunderthändigen, kamen den Göttern zur Hülfe, und verjagten die Titanen aus dem Olympos.
Von der Skylla
Man erzählt von der Skylla, daß sie ein Ungeheuer in der Gegend Tyrrheniens war, Weib bis an den Nabel, von da an waren ihr Hundsköpfe angewachsen, der übrige Körper war der einer Schlange. – Ein solches Gebilde aber sich als wirklich zu denken, ist sehr albern. Das Wahre ist dies: Tyrrhener-Schiffe plünderten die benachbarten Küsten Sikeliens und den ionischen Busen. Ein schnelles dreiruderiges Schiff hatte den Namen Skylla. Dies dreiruderige Schiff nahm die übrigen Fahrzeuge weg, verschaffte sich dadurch of Mundvorrath, und man sprach von demselben viel. Diesem Schiffe entkam Odysseus mit einem günstigen ungestümen Winde. Er erzählte nun in Kerkyra dem Alkinoos, wie er verfolgt worden, und wie er entkommen sei, und die Gestalt des Fahrzeuges.
Und daraus wurde die Sage gebildet.
Vom Dädalos
Man erzählt vom Dädalos, daß er Bildsäulen verfertigte, welche von selbst gingen. – Daß aber eine Bildsäule von selbst gehen könne, scheint mir unmöglich zu sein. Das Wahre daran ist wol Folgendes: Die damaligen Bild- und Steinhauer verfertigten Bildsäulen, welche noch zusammengewachsene Füße hatten. Dädalos verfertigte zuerst solche, an welchen der eine Fuß etwas von dem andern abstand. Nun sagten die Leute: es geht die Bildsäule, welche Dädalos verfertigt hat, und steht nicht.
So sagen auch wir jetzt noch. Es giebt ja streitende Männer abgebildet und laufende Pferde und vom Sturme hin und her geworfene Schiffe.
Vom Phineus
Man berichtet vom Phineus, daß die Harpyien seinen Lebensunterhalt fortschleppten. Es meinen Einige, daß diese Ungeheuer auch geflügelt waren, welche vom Tische des Phineus die Mahlzeit raubten. Das Wahre daran ist dies: Phineus war ein König in Päonien. Da er alt ward, verließ ihn das Gesicht; seine männlichen Kinder starben; Töchter hatte er, Pyria und Crasia, welche das Vermögen ihres Vaters durchbrachten. Nun sagten seine Unterthanen: „Der unglückliche Phineus, dessen Vermögen die Harpyien durchbringen!“ Es bemitleideten ihn aber Zethos und Kalais, seine Nachbaren und Söhne des Boreas, eines nicht unbekannten Mannes, leisteten ihm Beistand, verjagten seine Töchter aus der Stadt, brachten das noch übrige Vermögen zusammen, und bestellten zum Verwalter desselben einen Thrakier.
Von der Metra
Von der Metra, der Tochter Erisichthon’s, sagt man, daß sie, wenn sie wollte, ihre Gestalt veränderte. – Eine lächerliche Sage! denn wie ist es wol wahrscheinlich, daß aus einem Mädchen eine Kuh geworden sei, und wiederum eine Hündin, oder ein Vogel? Das Wahre daran ist dies: Erisichthon, ein Thessale, brachte sein Vermögen durch, und ward arm. Er hatte eine schöne und blühende Tochter, Namens Metra; wer sie nur sah, verliebte sich in sie. Um Geld nun freieten die damaligen Menschen nicht; sondern Einige gaben ihr Pferde, Andere Rinder, Manche Schafe, oder was sonst nur Metra wünschte. Nun sagten die Thessalen, da sie sahen, daß Erisichthon’s Vermögen sich häufe: daß aus der Metra für ihn ein Pferd, eine Kuh und so weiter geworden sei.
Vom Geryones
Geryones, sagt man, war dreiköpfig. – Es ist aber unmöglich, daß ein Körper drei Köpfe habe. Das Ding war folgendes: Eine Stadt ist am Pontos Euxinos, Trikarenia genannt. Es war Geryones unter den damaligen Menschen berühmt, weil er durch Reichthum und dergleichen sich auszeichnete. Er hatte auch eine bewundernswerthe Kuhheerde, zu welcher hin Herakles kam, und den sich ihn widersetzenden Geryones tödtete; wer die weggetriebenen Kühe sah, bewunderte sie. Zwar waren sie an Wuchs klein, aber vom Kopfe bis zur Hüfte ausgedehnt lang und eingebogen, hatten keine Hörner, aber lange und breite Knochen. Zu den nach ihnen Fragenden nun sagten Manche: Herakles hat diese, welche dem Trikarener Geryones gehörten, weggetrieben; Einige aber nahmen, dieser Erzählung zufolge, an: Geryones habe drei Köpfe gehabt.
Vom Glaukos, des Sisyphos Sohne
Man sagt, daß auch dieser von seinen Pferden gefressen wurde, da man nicht wußte, daß er, welcher Pferde hielt, dabei um sein Hauswesen sich nicht bekümmerte, und großen Aufwand machte, aufgerieben wurde, und ihm der Lebensunterhalt mangelte.
Von einem andern Glaukos, des Minos Sohne
Auch folgende Sage ist sehr lächerlich, daß nämlich, da Glaukos an Honig gestorben war, Minos in das Grab den Sohn des Köranos, Polyidos, welcher aus Argos war, einsperrte. Da dieser sah, daß eine Schlange einer andern todten Schlange ein Kraut auflegte, und sie wieder auferweckte, so that auch er darauf dasselbe, und erweckte den Glaukos wieder auf. – Das ist aber unmöglich. Es ereignete sich wol etwa Folgendes: Glaukos hatte Honig geschlürft, und ward davon krank; es ging ihm die Galle über, und er fiel in Ohnmacht. Es kamen nun mehrere Aerzte, um Geld zu verdienen, und auch Polyidos. Dieser bemerkte ein Kraut, welches er von einem Arzte, der den Namen Drakon führte, kennen gelernt hatte. Dieses Krautes bediente er sich, und machte den Glaukos gesund. Nun sagten Einige, daß Polyidos den an Honig gestorbenen Glaukos wieder auferweckte.
Vom Meer-Glaukos
Man sagt, daß auch dieser Glaukos einst durch den Genuß eines Krautes unsterblich ward, und jetzt im Meere wohnt. – Daß aber auf dies Kraut bloß Glaukos solle gestoßen sein, ist sehr einfältig, so wie auch, daß im Meere ein Mensch oder irgend ein anderes Landthier lebe. Das Wahre daran ist vielmehr dies: Glaukos war ein Fischer, aus Anthedon gebürtig. Er war auch ein Taucher, und zeichnete sich darin vor allen Tauchern aus. Er tauchte sich einmal in dem Hafen unter, Angesichts seiner Mitbürger, schwamm unter dem Wasser weg an einen Ort, wurde von seinen Hausgenossen viele Tage lang nicht gesehen, schwamm abermals unter dem Wasser weg, und wurde nun wieder von ihnen gesehen. Da ihn nun seine Hausgenossen fragten, wo er sich aufgehalten habe, so gab er fälschlich vor: im Meere. Auch sperrte er an demselben Orte Fische ein, wenn es stürmisches Wetter gab, und kein anderer Fischer Fische fangen konnte, und sagte zu seinen Mitbürgern, was für Fische sie sich gebracht haben wollten. Da er ihnen nun brachte, welche sie wollten, so wurde er Meer-Glaukos genannt. Als er aber auf ein Meerungeheuer traf, kam er um. Da er nun nicht aus dem Wasser zurückkam, so erzählten die Leute: er wohne im Meere, und daselbst bleibe er.
Vom Bellerophontes
Man sagt, daß den Bellerophontes ein geflügeltes Pferd, Pegasos, trug. – Mir aber scheint ein Pferd nie fliegen zu können, und wenn es auch alle Flügel der Vögel nähme. Denn wenn jemals ein solches Geschöpf gewesen wäre, so würde es auch jetzt noch da sein. – Er, sagt man, tödtete auch des Amisodaros Chimära. Es war aber Chimära, wie man sagt, vorn ein Löwe, hinten eine Schlange, mitten eine Ziege; Einige aber glauben, daß dies Ungeheuer drei Köpfe gehabt habe. – Allein es ist unmöglich, daß eine Schlange, ein Löwe und eine Ziege gleiche Nahrung genießen, und daß ein sterbliches Wesen Feuer ausspeie, ist einfältig. Zu welchem von den Köpfen gehörte denn nun der Leib? Das Wahre an der Sache ist dies: Bellerophontes, ein Phryge, der Abstammung nach aus Korinth, war ein kluger und tapferer Mann. Er rüstete ein Kriegsschiff aus und plünderte so die am Meere liegenden Gegenden. Der Name des Schiffes war Pegasos, so wie jetzt noch ein jedes Schiff seinen Namen hat; auch scheint mehr für ein Schiff, als für ein Pferd, der Name Pegasos zu sein. König Amisodaros aber wohnte am Flusse Xanthos, an welchem ein hoher Berg lag, Namens Telmissos. Zu diesem Berge sind zwei Zugänge vorn von der Stadt der Xanthier her, und ein dritter von hinten aus Karien; das andere sind steile Anhöhen. In der Mitte derselben ist ein großer Erdschlund, aus welchem auch wol Feuer hervorkommt. Neben diesen ist ein anderer Berg, Namens Chimära. Damals wohnte, wie die Anwohner erzählen, ein Löwe bei dem vordern Zugange, bei dem hintern eine Schlange, welche den Hirten Schaden zufügten und den Holzhauern. Da kam nun Bellerophontes, zündete den Berg an, der Wald Telmissos brannte ab, und die Thiere kamen um. Nun erzählten die Anwohner: Bellerophontes kam mit dem Pegasos hierher, und tödtete des Amisodaros Chimära.
Aus diesem Ereignisse wurde die Sage gebildet.
Von den Pferden des Pelops
Man sagt, daß Pelops mit geflügelten Pferden anch Pisa kam, als er die Hippodamia, des Oenomaus Tochter, freien wollte. – Ich erkläre aber dasselbe in Hinsicht des Pelops, was auch vom Pegasos. Denn hätte Oenomaus gewußt, daß die Pferde des Pelops geflügelt waren, er hätte in der That nicht zugegeben, daß seine Tochter auf dessen Wagen stiege. Sagen muß man daher, daß Pelops mit einem Schiffe ankam; gemalt waren an dem Schiffe geflügelte Pferde. Er entführte das Mädchen, und entfloh eilends.
Daraus wurde die Sage gebildet.
Von dem Phrixos und der Helle
Man berichtet, daß ein Widder dem Phrixos vorhersagte, daß sein Vater ihn opfern wolle. Er nahm also seine Schwester zu sich, stieg auf ihn mit ihr, und sie gelangten in den Pontos Euxinos. – Das ist aber schwer zu glauben, daß ein Widder, wie ein Schiff, durch das Meer geschwommen sei, und das zwei Menschen tragend. Und wo war denn Speise und Trank für ihn sowol, als für jene? Sie konnten doch nicht ohne Nahrungsmittel so lange Zeit aushalten. – Darauf schlachtete Phrixos den Widder, welcher ihm sich zu retten gerathen und ihn durchgebracht hatte, zog ihm das Fell ab, und gab es als Hochzeitgeschenk dem Aeetes für seine Tochter. Aeetes herrschte damals über die Kolcher. – Sieh doch, wie selten damals die Felle gewesen sein müssen, daß der König als ein Hochzeitgeschenk für seine eigene Tochter das Widderfell nahm; so nichts werth hielt er seine Tochter! Nun sagen zwar Einige, um dem Gelächter zu entgehen: golden war das Fell. – Und wenn golden das Fell war, so mußte der König es von einem fremden Manne nicht annehmen. Man erzählt sogar: Iason habe nach diesem Widderfelle das Schiff Argo und die tapfersten der Hellenen gesandt. – Aber Phrixos war weder so undankbar, daß er seinen Wohlthäter tödtete, noch würde, und wäre das Widderfell smaragden gewesen, Argo darnach ausgelaufen sein. Das Wahre an der Sache ist vielmehr dies: Athamas, der Sohn des Aeolos, des Sohnes Hellen’s, beherrschte Pythia. Er hatte einen Verwalter seines Vermögens, den er für sehr treu hielt, mit Namen Krios, welcher, da er hörte, daß Athamas den Phrixos tödten wolle, dies dem Phrixos offenbarte. Phrixos aber rüstete ein Schiff aus, und lud in dasselbe sehr viele Schätze; in diesem Schiffe war auch die Mutter des Pelops, Namens Eos. Sie hatte sich aus ihren Schätzen ein goldenes Bildniß machen lassen, und nahm es mit hinein. Mit diesen Schätzen nun entfloh Krios schnell, nachdem er den Phrixos und die Helle eingenommen hatte. Helle nun erkrankte während der Seefahrt, und starb; nach ihr wurde der Hellespontos benannt. Sie aber gelangten zu den Kolchern, ließen sich daselbst nieder, und es heirathete Phrixos des Königes der Kolcher, Aeetes, Tochter, und gab ihr als Brautgeschenk das goldene Bildniß der Eos, aber nicht das Widderfell. – So ist die Wahrheit.
Von den Töchtern des Phorkyn
Auch von diesen trägt man sich mit einer noch viel lächerlichern Erzählung, daß nämlich Phorkyn drei Töchter hatte, welche Ein Auge hatten, und abwechselnd desselben sich bedienten. Die es gebrauchte, setzte es in den Kopf, und so sah sie, und wenn nun eine von ihnen der andern das Auge gab, so konnten sie alle sehen. Perseus aber, welcher hinter ihnen mit leisem Tritte ging, faßte die, welche das Auge hatte, und, das Schwert entblößt, befahl er, ihm die Gorgon zu zeigen; wenn sie sie aber nicht entdeckten, sagte er, wolle er sie niederhauen. Aus Furcht entdeckten sie sie. Nun hieb er der Gorgon den Kopf ab, eilte in die Luft, zeigte ihn dem Polydektes, und machte ihn dadurch versteinert. – Das ist aber ziemlich lächerlich, daß ein lebender Mensch durch den Anblick eines Todtenkopfes versteinert wurde. Denn welche Kraft hat wol ein Todtenkopf? Es ereignete sich vielmehr etwa Folgendes: Phorkyn war ein Kerner; die Kerner aber sind, der Abstammung nach, Aethiopen, und bewohnen die über die Säulen des Herakles hinaus liegende Insel Kerne; sie ackern auch Libyen am Flusse Annon, bei Karchedon, und sind an Gold reich. Dieser Phorkyn herrschte über die Säulen des Herakles, drei sind es, und machte eine vier Ellen hohe goldene Bildsäule Athene’s. Es nennen aber die Athene die Kerner Gorgo, so wie die Artemis die Thraken Bendia, die Kreten Diktyna, und die Lakedämonier Upis. Phorkyn nun starb, bevor in dem Tempel die Bildsäule aufgestellt wurde, und hinterließ drei Mädchen, Stheno, Euryale und Medusa. Diese wollten keinen heirathen, zertheilten ihr Besitzthum, jede herrschte über Eine Insel. Es dünkte ihnen aber gut, die Gorgo weder in dem Tempel aufzustellen, noch zu zertheilen, sondern abwechselnd verwahrten sie dasselbe als einen gemeinschaftlichen Schatz. Phorkyn hatte einen Freund, einen braven und rechtschaffenen Mann, und dessen bedienten sie sich in jeder Angelegenheit, wie eines Auges. Perseus aber, ein Flüchtling aus Argos, plünderte mit Schiffen und der bei ihm befindlichen Macht die Meerküsten, und da er erfahren hatte, daß diese Gorgon die Königinn unter den Frauenzimmern sei, und viel Gold, aber wenig Mannschaft habe, so lauerte er mit seinem Geschwader in der Meerenge auf, und bekam zwischen Kerne und Gadira, indem er von einer Insel zur andern kreuzte, den Ophtalmos gefangen. Dieser versicherte ihm, es wäre von ihnen nichts anderes zu holen, als die Gorgon, zeigte ihm aber dabei die Menge des Goldes an. Da nun die Mädchen nicht mehr abwechselnd auf die erwähnte Art den Ophtalmos gebrauchen konnten, so kamen sie zusammen, und eine beschuldigte die andere. Sie läugneten, ihn zu haben, und wunderten sich über das, was geschehen war. Indem landete Perseus bei ihnen, und versicherte, er habe den Ophtalmos, und sagte: er werde ihn ihnen nicht ausliefern, wenn sie nicht geständen, wo die Gorgo wäre. Er drohete sogar, sie zu tödten, wenn sie es nicht sagten. Medusa nun weigerte sich, sie zu entdecken; Stheno aber und Euryale entdeckten sie. Die Medusa also hieb er nieder, den andern aber gab er den Ophtalmos wieder. Er nahm die Gorgon, und zerhieb sie, verlangte ein dreiruderiges Schiff, steckte den Kopf der Gorgon darauf, und legte dem Schiffe den Namen Gorgo bei. In demselben schiffte er umher, erpreßte Geld von den Inselbewohnern, und die ihm nichts gaben, tödtete er. So landete Perseus auch bei den Seriphern, forderte von ihnen Geld, und begab sich, da sie es zuammengebracht hatten, wieder auf den Markt; sie aber verließen Seriphos, und gingen davon. Als nun Perseus abermals zur Einforderung des Geldes landete, und auf den Markt kam, so fand er keinen Menschen, wol aber Steine von Mannslänge. Zu den übrigen Inselbewohnern nun sagte er, wenn sie das Geld nicht einlieferten: „Sehet euch vor, daß, so wie die Seripher beim Anblicke des Kopfes der Gorgon versteinert wurden, so auch ihr nicht dasselbe erduldet.“
Von den Amazonen
Von den Amazonen erzählt man das, daß sie nicht Weiber waren, sondern Männer des Auslandes. Sie trugen bis auf die Füße heruntergehende Kleider, wie die Thrakinnen, das Haar banden sie mit Binden in die Höhe, und den Bart schoren sie, und deßhalb wurden sie von ihren Feinden Weiber genannt. Die Amazonen waren von Natur streitbar. – Daß es ein Heer von Weibern gegeben habe, ist nicht wahrscheinlich, denn auch jetzt ist nirgends ein solches.
Vom Orpheus
Unwahr ist auch die Sage vom Orpheus, daß, wenn er die Kithara spielte, ihm die vierfüßigen Thiere, die Vögel und die Bäume folgten. Es scheint mir das so zu sein: Rasende Bakchantinnen zerrissen Schaafheerden in Pierien, und verübten viele andere Gewaltthaten; nun wandten sie sich auf das Gebirg, und blieben daselbst einige Tage. Als sie aber daselbst verweilten, holten die Stadtbewohner, welche für ihre Frauen und Töchter fürchteten, den Orpheus, und baten ihn, darauf zu denken, wie er sie von dem Gebirge herunterbringe. Er ordnete also dem Dionysos zu Ehren die Orgien an, und holte die Rasenden herunter, die Kithara spielend. Sie stiegen nun, damals zuerst Thyrsosstäbe und Zweige von allerhand Bäumen halten, vom Gebirge herab. Den Leuten nun, welche damals dies Auffallende sahen, dünkte es zuerst, als kämen die Bäume herab, und sie sagten: Orpheus führt, die Kithara spielend, den Wald vom Gebirge herunter.
Von der Pandora
Die Erzählung von der Pandora ist unerträglich anzuhören, daß sie nämlich, selbst aus Erde gebildet, auch Andern diese Bildung gab. Mir scheint dies so: Pandora war ein reiches hellenisches Frauenzimmer; und wenn sie ausging, putzte sie sich, und schminkte sich mit vieler Erde.
Das ist die Thatsache; die Erzählung aber davon wurde in’s Unglaubliche verdreht.
Vom Menschengeschlechte aus Eschen
Was Erbärmlicheres giebt es wol, als das, daß das erste Menschengeschlecht aus Eschen entstanden sei? – Es war vielmehr ein gewisser Melios, und die Melier erhielten von ihm den Namen, so wie die Hellenen vom Hellen, und die Ionen vom Ion. Ein eisernes und ehernes Menschengeschlecht gabe es nie.
Von des Herakles Keule
Man sagt, daß sie von selbst Blätter trieb. – Wenn auch diese Keule blätterlos war, so mußte sie doch ausschlagen, wenn sie in der Erde stand.
Auf diese Art entstand die Erzählung.
Von einem Meerungeheuer
Von einem Meerungeheuer erzählt man das, daß es zu den Troern aus dem Meere kam, und wenn sie ihm Mädchen gaben, so entfernte es sich, wo nicht, so verwüstete es ihr Land. – Wie abgeschmackt es aber ist, daß Menschen ihre Töchter Preis geben sollten, wer sieht das nicht ein? Vielmehr eroberte ein großer König, der viele Macht und viele Schiffe hatte, die Meerküste Asiens, welche die Troer besaßen. Sie gaben ihm die Kriegssteuer oder, wie es Manche nennen, Steuer. Geld nun gebrauchten die damaligen Menschen noch nicht, sondern Gegenstände des Hauswesens. Es befahl also der König, daß manche von den Städten Pferde, manche Mädchen gäben. Diesen König, der Keton hieß, nannten die Ausländer Ketos. Keton schiffte zur gehörigen Zeit umher, um die Steuer einzufordern, und verheerte die Gebiete derer, welche nicht einzahlten. Er kam nach Troia, um die Zeit, als Herakles mit einem Heere Hellenen daselbst war. Der König Laomedon hatte nämlich den Herakles in Sold genommen, den Troern beizustehen. Keton schiffte sein Heer aus, und begab sich auf den Weg; Herakles und Laomedon trafen auf ihn, und rieben ihn auf.
Aus dieser Begebenheit wurde die Sage gebildet.
Von der Hydra
Man erzählt von der Hydra, daß sie eine Schlange bei Lerna war, welche fünfzig Köpfe, aber nur Einen Leib hatte; wenn ihr Herakles einen Kopf abhieb, so wuchsen zwei wieder; auch kam ein Krebs der Hydra zu Hülfe. – Wenn aber einer sich überzeugt hält, daß so etwas gewesen ist, so ist er ein Thor. Das Wahre ist Folgendes: Lernos war ein König. Es wohnten aber alle Menschen in offenen Orten; über jeden dieser Landstriche waren Könige. Sthenelos, der Sohn des Perseus, hatte den größten und volkreichsten, Mykene, inne. Lernos wollte ihm nicht unterthan sein. Beide führten deßhalb Krieg. Im Eingange seines Landstriches hatte Lernos ein vestes Städtchen, welches funfzig tapfere Bogenschützen besetzt hatten, die auf dem Thurme unablässig Tag und Nacht Wache hielten. Der Name dieses Städtchens aber war Hydra. Es schickte nun Eurystheus den Herakles ab, welcher das Städtchen eroberte. Herakles und seine Leute nämlich warfen Feuer auf die Bpgenschützen auf dem Thurme. Wenn einer, getroffen, niederfiel, so stiegen zwei Bogenschützen Statt eines hinauf, wenn der eben auf die Seite Geschaffte tapfer gewesen war. Da nun Lernos vom Herakles durch den Krieg sehr in die Enge getrieben wurde, so nahm er ein fremdes Heer in Sold. Es führte ihm dies Heer Karkinos – so war des Mannes Namen – zu, der sehr stark und kriegerisch war, und mit ihm zusammen leistete er dem Herakles Widerstand. Darauf kam Ioleos, der Sohn des Iphikles, ein Bruderssohn des Herakles, mit einem Heere von Theben zur Hülfe: er ging auf den bei Hydra befindlichen Thurm los, steckte ihn in Brand, und mit dieser Macht richtete Herakles die Besatzung des Thurmes zu Grunde, zerstörte Hydra, und hieb das Heer nieder.
Aus dieser Begebenheit wurde die Sage gebildet.
Vom Kerberos
Man erzählt vom Kerberos, daß er ein Hund mit drei Köpfen war. – Allein es ist offenbar, daß auch dieser von einer Stadt Trikarenos genannt wurde, so wie Geryones. Die Leute sagten: groß und schön ist der trikarenische Hund da. Es wird von ihm erzählt, daß Herakles ihn aus der Behausung des Hades heraufholte. – Doch ereignete sich etwa Folgendes: Geryones hatte bei seinen Kühen große und starke Hunde. Sie hatten folgende Namen: der eine hieß Kerberos, der andere Orthros. Den Orthros nun tödtete Herakles in Trikarenia, ehe er die Kühe wegtrieb; Kerberos aber folgte den Kühen. Ein Mann aus Mykene, Namens Molottos, der sich den Hund wünschte, bat zuerst den Eurystheus, ihm denselben zu geben. Da Eurystheus das nicht wollte, so beredete er die Kuhhirten; sie sperrten den Hund in Lakonika bei Tänaron in eine Höhle ein, und er ließ ihn mit Hündinnen sich paaren. Nun schickte Eurystheus den Herakles zur Aufsuchung des Hundes aus. Nachdem er im ganzen Peloponnese umhergegangen war, kam er dahin, wo man ihm angezeigt hatte, daß der Hund wäre. Er stieg in die Höhle hinab, und brachte den Hund herauf. Nun sagten die Leute: daß Herakles durch die Höhle in die Behausung des Hades hinabstieg und den Hund heraufbrachte.
Von der Alkestis
erzählt man die zu einem Trauerspiele wol passende Sage, daß nämlich, da Admetos im Begriffe war zu sterben, sie an seiner Statt den Tod wählte. Herakles entriß sie, wegen ihrer Zärtlichkeit, der Behausung des Hades, führte sie aus derselben herauf, und gab sie dem Admetos wieder. – Mir aber scheint es, daß einen Gestorbenen keinen wieder beleben kann. Vielmehr geschah etwa Folgendes: Als den Pelias seine Töchter getödtet hatten, und Akastos, der Sohn des Pelias, ihnen nachsetzte, sie aber nicht einholte: so floh Alkestis nach Pherä zum Admetos, ihrem Bruderssohne. Hier setzte sie sich an den Heerd, und Admetos wollte sie deßhalb dem Akastos, der sie ausgeliefert verlangte, nicht geben. Dieser nun belagerte mit einem zahlreichen Heere die Stadt, und warf Feuer auf die Bewohner. Admetos, der Nachts mit seinen Lochagen einen Ausfall that, wurde lebending gefangen genommen, und Akastos drohete, ihn zu tödten. Da Alkestis hörte, daß Admetos ihretwegen auf die Seite geschafft werden sollte, so ging sie hinaus, und lieferte sich selbst aus. Admetos zwar ließ nun Akastos los, sie selbst aber nahm er mit sich. Nun sagten die Leute: die mannhafte Alkestis starb freiwillig für den Admetos. – So aber ereignete sich das nicht, wie die Sage spricht. – Um eben die Zeit hatte Herakles irgendwoher die Pferde Diomed’s geholt. Da er zu ihm kam, so nahm ihn Admetos gastfreundlich auf. Als nun Admetos den Unfall der Alkestis beklagte, so ward Herakles unwillig, griff den Akastos an, richtete das Heer desselben zu Grunde, vertheilte die Beute unter sein Heer, und gab die Alkestis dem Admetos wieder. Nun sagten die Leute: zufällig hat Herakles vom Tode die Alkestis gerettet.
Aus diesen Ereignissen wurde die Sage gebildet.
Vom Zethos und Amphion
erzählen Manche, auch Hesiodos, daß sie durch die Kithara die Mauer Thebens erbaueten. Es meinen nun Einige, sie spielten die Kithara, und die Steine erhoben sich auf die Mauer von selbst. – Das Wahre daran ist Folgendes: Sie waren sehr geschickte Kitharaspieler, und ließen sich für Lohn hören. Geld hatten damals die Menschen noch nicht. Es machten also Amphion und Zethos bekannt: wenn jemand sie hören wolle, der solle kommen und an der Mauer arbeiten. – Die Steine richteten sich also nicht von selbst auf, um zuzuhören. Mit Grund sagten nun die Leute: durch die Lyra ist die Mauer erbauet worden.
Von der Io
Man sagt: Io sei aus einem Weibe eine Kuh geworden, und gelangte, durch einen Bremsenstich in Wuth gesetzt, von Argos durch das Meer nach Aegypten. – Allein das Wahre daran ist dies: Io war die Tochter eines Königs der Argier. Ihr erwiesen die Bürger die Ehre, daß sie Priesterin der argischen Hera ward. Schwanger geworden, und vor ihrem Vater und den Bürgern sich fürchtend, entfloh sie aus der Stadt. Die Argier aber gingen aus, sie zu suchen, sie zu ergreifen, wo sie sie fänden, und in Fesseln zu halten, und sagten: wie eine durch den Stich einer Bremse wüthend gewordene Kuh, flieht sie nach Aegypten. Daselbst angelangt, gebar sie.
Daher ist die Sage gebildet worden.
Von der Medea
sagt man, daß sie durch Auskochen alte Leute jung machte. – Allein es geschah Folgendes: Medea fand zuerst eine solche Farbe, die auch weiße Haare schwarz machen konnte. Sie machte also, daß alte Leute Statt der weißlichen mit schwarzen Haaren erschienen. Das Dampfbad auch erfand Medea zuerst. Sie wandte dies Dampfbad bei denen, welche es verlangten, nicht öffentlich an, damit keiner von den Aerzten es bemerken mögte; diese ihre Beschäftigung nannte man Auskochen. Die Menschen warden durch die Dampfbäder behender und gesunder. Daher glaubten die, welche die Zubereitung, Kessel, Holz und Feuer sahen: sie koche die Menschen aus. Pelias, ein alter und kraftloser Mann, gebrauchte auch ein Dampfbad, und starb.
Von der Omphale
erzählt man, daß Herakles ihr diente. – Die Erzählung ist albern; es stand ihm ja frei, über sie und ihr Vermögen zu gebieten. Folgendes ereignete sich etwa: Omphale war des Iardanos, Königs der Lyder, Tochter. Als sie von den gewaltigen Thaten des Herakles hörte, so stellte sie sich, als liebe sie ihn. Herakles ward näher mit ihr bekannt und durch ihre Liebe gefesselt; er zeugte mit ihr einen Sohn Laomedes. Da er an der Omphale Wohlgefallen fand, so that er, was sie anordnete. Einfältige aber nahmen an, er diene ihr.
Vom Horne der Amalthea
sagt man, daß Herakles es allenthalten bei sich trug; und es ward ihm aus demselben, was er wollte. – In Wahrheit verhält sich dies also: Herakles kehrte auf seiner Reise durch Böotien mit Iolaos, seinem Bruderssohne, in Thespiä ein in einer Herberge, in welcher ein blühendes und schönes Frauenzimmer war, Amalthea genannt. Herakles fand Wohlgefallen an ihr, und herbergete daselbst längere Zeit. Iolaos aber, dem dies unangenehm war, gerieht auf den Einfall, den Verdienst der Amalthea, welchen sie in einem Horne liegen hatte, zu entwenden. Für dies Geld kaufte er dem Herakles, wenn er etwas wünschte. Es sagten nun ihre Reisegefährten: Herakles hatte das Horn der Amalthea, wodurch er sich kaufte, was er wünschen mogte.
Daraus wurde die Sage gebildet.
Erzählung vom Hyakinthos
Hyakinthos aus Amyklä war ein blühender und schöner Jüngling. Auf ihn blickte Apollon, blickte Zephyros mit Wohlgefallen, und beide wurden durch seine Gestalt gefesselt, und es bemühete sich eifrig um seine Liebe durch das, was er hatte, ein jeder. Es schoß also Apollon mit dem Bogen, es wehete Zephyros. Gesang kam von jenen und Ergetzung, Furcht von diesem und Unruhe. Es neigte sich zu dem Gotte der Jüngling, und den Zephyros bewaffnete er durch Abgunst zur Feindschaft gegen sich. Nach dem übte sich der Jüngling im Gebrauche seiner Körperkräfte, und erfuhr des Zephyros Rache. Ein Diskos, welcher von ihm geworfen, von jenem aber auf ihn zurückgetrieben wurde, dient zu seinem Untergange. Er starb; die Erde aber ließ seinen Tod nicht ohne Denkmal, sondern eine Blume entstandt Statt des Jünglinges, und empfing seinen Namen. Man sagt, daß auch seines Namens Anfang auf ihren Blättern geschrieben stehe.
Erzählung vom Marsyas
Marsyas war ein Landmann, ward aber durch folgenden Vorfall ein Musiker. Es verabscheuete Athene die Flöte, denn nicht wenig that sie ihrer Schönheit Abbruch; eine Quelle, welche ihr Bild aufnahm, lehrte diese Folge. Als sie darum die Flöte wegwarf, kam Marsyas dazu. Der Hirt hob sie auf, und setzte sie an die Lippen; sie aber ertönte, sagt man, durch Götterkraft, selbst ohne Willen des Inhabers. Seine Kunst, meinte Marsyas, sei dieses Kraft, ließ sich mit den Musen, ließ sich mit Apollon in einen Wettstreit ein und sagte: er wollte nicht länger leben, wenn er nicht den Gott überträfe. In diesem Wettstreite wurde er besiegt, und ihm die Haut nach dem Siege abgezogen. Ich sah selbst einen Fluß in Phrygien – Marsyas war der Name des Flusses – und es erzählten die Phrygen, daß dieser Fluß aus des Marsyas Blute entstanden sei.
Vom Phaon
Phaon’s Lebensart war auf Schiff und Meer zu sein. Ein fahrbarer Sund war das Meer. Keine Klage wurde von irgend einem über ihn vernommen; denn er war billig, und nur von denen, die es hatten, nahm er etwas. Hochachtung brachte ihm dieser sein Charakter bei den Lesbiern zu Wege; es schenkte dem Manne die Göttinn – Aphrodite nennt man die Göttinn – ihren Beifall. Sie nahm die Gestalt einer schon gealterten Frau an, und besprach sich mit dem Phaon über die Ueberfahrt. Hurtig war er bereit, ihr zu dienen und sie überzusetzen, ohne etwas dafür zu verlangen. Was that nun dafür die Göttinn? Sie verwandelte, sagt man, den Mann, und belohnte zum Danke mit Jugend und Schönheit den Alten. Dies ist der Phaon, auf den, als ihren Geliebten, Sappho oft ein Lied machte.
Erzählung vom Ladon
Es gefiel der Erde, dem Flusse Ladon beizuwohnen; und nachdem sie einander beigewohnt hatten, wurde sie schwanger und Daphne von ihr geboren. Es verliebte sich in diese der Pythier, und redete in der Sprache eines Liebhabers zu dem Mädchen. Jedoch Daphne liebte die Keuschheit. Er mußte ihr also nachgehen, und es wurde ihr von ihm nachgegangen. Ehe ihr aber auf der Flucht die Kräfte versagten, bat sie ihre Mutter, sie wieder in sich aufzunehmen und sie so zu bewahren, wie sie geboren wäre. Diese that das, und schloß die Daphne in sich. Aber sogleich sproßte an eben dem Orte ein Bäumchen hervor, und der mit der heftigsten Liebe darüber herfallende Gott war nicht im Stande sich davon loszumachen, sondern seine Hände wurden daran gefesselt und sein Haupt nachher damit geschmückt. Man sagt auch, daß der Dreifuß nicht ohne den Lorbeerkranz in Böotien über den Erdschlund gestellt werde.
Von der Hera
Die Argier hielten die Hera für die Schutzgöttinn ihrer Stadt, und deßwegen feiern sie ein ihr zu Ehren angeordnetes Fest. In Gebrauch bei dieser Feierlichkeit ist ein Wagen mit an Farbe weißen Ochsen. Auf dem Wagen muß die Priesterinn sein. So muß sie bis zum Tempel fahren; der Tempelplatz aber ist außerhalb der Stadt. Es war nun einmal die das Fest mit sich bringende Zeit da; die Sitte aber wurde, da keine Ochsen da waren, hintangesetzt; indeß berücksichtigte diesen Mangel die Priesterinn, welche Mutter von Jünglingen war, die nun die Stelle der Ochsen vertraten. Nachdem also die Verrichtung der Ochsen von den Jünglingen geschehen war, forderte sie, dem Bildnisse der Göttinn gegenüber stehend, einen Lohn für die Arbeit; und ihn gab, sagt man, die Göttinn. Ein Schlaf war es, der zugleich ihr Leben endigte.
Von der Entdekkung der Purpurschnecke
In den Zeiten der königlichen Regierung des Phönix lebte der Philosoph Herakles, der Tyrer genannt, welcher die Purpurschnecke entdeckte. Als er nämlich an der Seeseite der Stadt Tyros wandelte, sah er einen Hirtenhund die so genannte Purpurschnecke, welche eine kleine Art von Seemuscheln ist, fressen, und den Hirten, welcher glaubte, es blute der Hund, von einem Schafe einen Büschel Wolle nehmen, und das aus der Schnauze des Hundes Herabfließende abwischen und den Büschel färben. Herakles gerieth in Erstaunen, da er bemerkte, daß das nicht Blut, sondern einer neuen Farbe Wirkung sei; und da er einsah, daß von der Muschel die Färbung des Büschels herrühre, so brachte er den Büschel, welchen er von dem Hirten bekommen hatte, als ein großes Geschenk zum Könige von Tyros, Phönix. Auch der staunte bei dem Anblicke des neuen Farbestoffes, bewunderte dessen Entdeckung, und befahl, mit derselben Muschelfarbe Wolle zu färben, und ihm daraus einen königlichen Mantel zu machen. Er trug zuerst einen Purpurmantel, und Alle bewunderten das königliche Gewand, wie einen noch nie gesehenen Anblick. Und von dem an befahl der König Phönix, keiner, der unter seiner Herrschaft wäre, solle es wagen, diese ausgezeichnete, von der Erde und dem Meere herrührende Tracht zu tragen, als er selbst und die nach ihm über Phönikien herrschen würden, damit der König dem Heere und dem ganzen Volke kenntlich sei durch seine bewundernswerthe und ungewöhnliche Tracht. Denn vorher verstanden die Menschen nicht, mit Farbe Anzüge zu färben, sondern sie machten aus der Schafwolle, wie sie auch war, Anzüge, und trugen sie, und nicht leicht waren der gehorchenden Menge die Könige kenntlich. In der Folge waren hier und da Könige, oder Herrscher und Landpfleger, als sie dies hörten, für sich Theils auf purpurne oder rothbraune Mäntel, Theils auf Kriegskleider mit Schnallen bedacht, welche sie mit Kräutern färbten und trugen, um sich ihren eigenen Leuten kenntlich zu machen, wie der Geschichtschreiber Paläphatos auseinander gesetzt hat.
Wer hat das Eisen zuerst entdeckt?
Derselbe Hephästos erhielt nach einem geheimnißvollen Gebete die Zange aus dem Himmel, um aus Eisen Waffen zu verfertigen. Daher hielt man ihn auch für einen, der mit Eisen Behufs der Kriege umzugehen verstände. Man vergötterte ihn, weil er Keuschheit durch Gesetze verordnete, Unterhalt den Menschen durch Verfertigung von Waffen verschaffte, und in den Kriegen ihnen Kraft und Glück zuwegebrachte. Denn vor ihm kriegte man mit Keulen und Steinen. Nach dem Ende des Hephästos herrschte als König über die Aegypter sein Sohn, Namens Helios, 4477 Tage, das heißt, 12 Jahre, 3 Monate, 4 Tage. Denn damals kannten die Aegypter keine andere Rechnungsart, sondern rechneten jeden Tag als ein Jahr. Die Zahl von 12 Monaten nämlich wurde nach dem erdacht, da es Gebrauch ward, daß die Menschen den Königen zinsbar warden. Derselbe König Helios, der Sohn des Hephästos, war ein starker Philosoph. Er wurde von irgend einem unterrichtet, daß eine vermögende, im Lande in Ansehen stehende ägyptische Frau einen Geliebten habe und mit ihm Ehebruch treibe. Helios hörte dies also, und suchte sie, in Rücksicht auf das Gesetz seines Vaters Hephästos, damit es nicht aufgehoben würde, zu ertappen, und nahm Soldaten von seiner Leibwache; als er erfuhr, daß die Zeit ihres Ehebruches Nachts sei, überfiel er sie, da ihr Ehemann nicht daheim war, und fand sie bei einem Andern, dem von ihr Geliebten, schlafend. Sie ließ er sogleich abführen und zur Strafe in jeder Landschaft Aegyptens zur Schau herumführen. Dadurch wurde die Keuschheit in Aegyptenland befördert. Den Ehebrecher aber räumte er aus dem Wege, und man dankte ihm dafür. Diesen Vorfall erzählt dichterisch der Dichter Homeros: Helios, sagt er, habe die Aphrodite, welche sich Nachts mit dem Ares vermischte, ertappt. Aphrodite nannte er die Lust zur Hurerei, welche vom Könige Helios bestraft wurde. Das Wahre an diesem Vorfalle, wie es oben beschrieben worden ist, hat der Geschichtschreiber Paläphatos niedergeschrieben.
