Originaltext
Parthenius von Nicäa
Liebesgeschichten
Parthenius sagt dem Cornelius Gallus seinen Gruß.
In der Meinung, für Dich, Cornelius Gallus, etwas ganz Passendes zu thun, send‘ ich Dir die Sammlung der Liebesleiden, die ich in möglichster Kürze zusammengefaßt habe. Denn von denen, die bei einigen Dichtern sich finden, wirst Du die meisten, die nicht für sich bestehend erzählt sind, hieraus kennen lernen; Du selbst aber wirst dadurch in den Stand gesetzt werden, diejenigen, die sich vorzüglich dazu eignen, zu epischen Erzählungen und Elegien auszubilden, weil der Ueberfluß davon entfernt ist, der Dich, wo Du ihn antriffst, geringer von ihnen denken läßt1. Denn wir haben sie nach der Weise von Gedenkbüchern zusammengefaßt, und so werden sie Dir nun wahrscheinlich den gleichen Gebrauch gewähren.
Lyrkus
Die Geschichte findet sich bei Nicänetus im Lyrkus, und bei Apollonius Rhodius im Kaunus.
1. Als die Argivische Io von Räubern entführt worden war, schickte ihr Vater Inachus Forscher und andere Kundschafter nach, und unter diesen auch den Lyrkus, des Phoroneus Sohn. Nachdem dieser vieles Land bereist und vieles Meer durchschifft hatte, und sie nicht fand, gab er endlich die Arbeit auf, kehrte aber, aus Furcht vor Inachus, nicht nach Argos zurück, sondern heirathete zu Kaunus, wohin er zu Aegialus kam, die Tochter desselben, Hilebie. Denn man sagt, das Mädchen habe beim Anblick des Lyrkus Liebe zu ihm gefaßt, und ihren Vater sehr gebeten, ihn zurückzuhalten; dieser aber theilte ihm kein geringes Stück von dem Königreiche und von seiner übrigen Habe zu, und nahm ihn zum Eidam an. 2. Nach Verlauf einer langen Zeit, da Lyrkus keine Kinder bekam, begab er sich zum Didymeïschen Apollo, um ihn deßhalb zu befragen; und der Gott antwortete ihm, das Weib, dem er nach dem Weggange aus dem Tempel zuerst beiwohnen würde, werde ihm Kinder gebären. Hierüber sehr erfreut, eilte er zu seiner Frau, in der Ueberzeugung, daß ihm das Orakel nach Wunsch ausgehen würde. 3. Als er aber auf der Fahrt nach Bubastus2 zu Staphylus, dem Sohne des Dionysus,3 kam, wurde er von diesem sehr gastfreundlich aufgenommen, und viel zu trinken veranlaßt; und da er in großer Trunkenheit lag, legte Staphylus seine Tochter Hemithea zu ihm. Dieses that er, weil er von dem Götterspruche gehört hatte, und Kinder von seiner Tochter zu bekommen wünschte. Es war aber zwischen den Töchtern des Staphylus, der Rhöo und Hemithea, ein Streit entstanden, welche von ihnen dem Fremden beiwohnen sollte: so groß war beider Verlangen nach ihm . Als aber Lyrkus am folgenden Tage inne wurde, was er gethan hatte, und die Hemithea neben sich liegen sah, war er sehr ungehalten, und machte dem Staphylus viele Vorwürfe, daß er betrügerisch an ihm gehandelt habe; nahm aber darauf, weil die Sache nicht zu ändern war, seinen Gürtel ab, und gab ihn dem Mädchen, mit dem Bedeuten, ihn für den Sohn aufzuheben, wenn er herangewachsen sey, um ihm als Kennzeichen zu dienen, wenn er zu seinem Vater nach Kaunus käme. Hierauf schiffte er ab. 4. Als Aber Aegialus den Vorgang mit dem Orakel und der Hemithea erfuhr, trieb er ihn aus dem Lande. Hieraus entstand ein fortwährender Kampf zwischen den Anhängern des Lyrkus und denen, die es mit Aegialus hielten. Vorzüglich hülfreich aber bewieß sich Hilebie; denn sie entsagte dem Lyrkus nicht. Nach diesem kam der Sohn der Hemithea und des Lyrkus – sein Name war Basilus – als er zum Mann geworden, nach Kaunia, wo ihn Lyrkus erkannte, und, selbst schon alt, zum Führer seiner Völker machte.
Polymele
Nach Philetas im Hermes.
1. Als Odysseus um Sicilien und auf dem Meere der Tyrrhener und Sicilier irrte, kam er zu Aeolus und auf die Insel Meligunis. Aeolus behandelte ihn, dem Rufe seiner Weisheit gemäß, mit großer Achtung, befragte ihn über die Einnahme von Troja, und wie bei der Rückkehr von Ilium ihre Schiffe zerstreut worden, und bewirthete ihn lange Zeit bei sich. 2. Auch ihm selbst war dieses Weilen ergötzlich. Denn Polymele, eine der Aeoliden, hatte sich in ihn verliebt, und wohnte ihm heimlich bei. Als er aber nach Empfang der eingeschlossenen Winde4 abgesegelt war, wurde man gewahr, daß das Mädchen Einiges von der troischen Beute hatte, und auf dieser sich unter vielen Thränen wälzte.5 3. Da schmähte nun Aeolus auf Odysseus, obgleich abwesend, und hatte im Sinne, die Polymele zu strafen. Es traf sich aber, daß ihr Bruder Diores sie liebte; dieser bat für sie, und bewog den Vater, sie ihm zur Ehe zu geben.
Euippe
Nach Sophokles im Euryalus.
Nicht aber allein bei Aeolus verging sich Odysseus, sondern auch nach seinen Irren, als er die Freier getödtet hatte, und sich gewisser Orakel wegen nach Epirus begab, schwächte er die Tochter des Tyrimmas, Euippe, von dem er wohlwollend aufgenommen und mit größter Bereitwilligkeit bewirthet worden war. Von dieser wurde ihm ein Sohn Euryalus geboren. 2. Diesen schickte seine Mutter, als er herangewachsen war, nach Ithaka, und gab ihm einige in einem Täfelchen verschlossene Merkmale mit.6 Da nun Odysseus damals zufälliger Weise nicht gegenwärtig war, Penelope aber die Merkmale verstand, und auch schon außerdem von dem Liebeshandel mit Euippe Kenntniß bekommen hatte, beredet sie den Odysseus bei seiner Rückkehr, ehe ihm etwas von der Sache kund geworden war, den Euryalus zu tödten, als ob er ihm hinterlistig nachstelle. 3. Und so wurde Odysseus, weil er unenthaltsam und auch sonst nicht sanftmüthig war, Mörder seines Sohnes; und nicht lange nach dieser That kam er durch eines seiner eigenen Kinder in Folge einer Verwundung mit dem Stachel des Meerrochen um.7
Oenone
Nach Nikander in dem Werke von den Dichtern, und dem Gergithier Cephalon in den Troischen Geschichten.
Alexander, des Priamus Sohn, liebte als Hirt auf dem Ida die Tochter des Cebren, Oenone. Man sagt von ihr, sie habe, von einem der Götter begeistert, künftige Dinge geweissagt, und auch außerdem wegen ihres Verstandes großen Ruhm genossen. 2. Alexander führte sie also von ihrem Vater weg auf den Ida, wo seine Ställe waren, und hatte sie zur Gattin, und [gelobte] ihr in seiner Zärtlichkeit,8 sie nie zu verlassen, und mit ausgezeichneter Achtung zu behandeln. Sie aber sagte, sie wisse wohl, daß er sie gegenwärtig sehr liebe, daß aber eine Zeit kommen würde, wo er sie von sich entfernen, nach Europa übergehn, und dort, von einem fremden Weibe bethört, den Seinigen einen Krieg zuziehen würde; auch erzählte sie ihm, daß er im Kriege verwundet werden, und niemand als sie im Stande seyn würde, ihn gesund zu machen. So oft sie aber hiervon sprach, wehrte er ihr, daran zu denken. 3. Im Fortgange der Zeit, nachdem er die Helena geheirathet hatte, verließ ihn Oenone mit Vorwürfen über seine Handlungen, und begab sich nach Cebren, von wo sie stammte. Alexander wurde nun im Laufe des Krieges beim Wettstreite des Bogenschießens9 von Philoktetes verwundet. Jetzt gedachte er an die Rede der Oenone, als sie sagte, er werde nur von ihr geheilt werden können, und ließ sie durch einen Abgeordneten bitten, ihm schnell zu Hülfe zu kommen, und das Vergangene zu vergessen, da es ja nach dem Willen der Götter gekommen sey. Sie aber gab trotzig zur Antwort, es müsse sich mit seinen Bitten an Helena wenden; eilte aber doch wirklich an den Ort, wo sie gehört hatte, daß er läge. 3. Da aber der Abgeordnete Oenone’s Antwort allzu schnell überbracht hatte, verzagte Alexander und gab den Geist auf; und Oenone, die ihn schon todt auf der Erde liegend fand, tödtete sich unter Jammern und Wehklagen.
Leucippus
Nach Hermesianax in der Leontium.
1. Leucippus, Sohn des Xanthius, ein Abkömmling des Bellerophontes, zeichnete sich durch Stärke vor seinen Zeitgenossen aus, und übte das Kriegswesen. Daher war viel die Rede von ihm bei den Lyciern und ihren Nachbarn, weil sie geplündert wurden, und jede Art von Ungemach erfuhren. 2. Dieser Leucippus war durch Aphrodite’s Zorn in Liebe zu seiner Schwester verfallen. Eine Zeitlang bezwang er sich, in der Hoffnung, leicht von dieser Krankheit befreit zu werden; da aber beim Fortgang der Zeit sein Leiden nicht im Geringsten nachließ, theilte er sich seiner Mutter mit, und beschwor sie, ihn nicht umkommen zu lassen; denn wenn sie ihm nicht zu Hülfe käme, drohte er, sich zu tödten. Da sie ihm nun auf der Stelle Befriedigung seines Verlangens zusagte, fühlte er sich schon dadurch erleichtert; sie aber rief das Mädchen herbei, und legte es zu dem Bruder, und sie wohnten seitdem einander bei, ohne eben Jemanden zu fürchten, bis die Sache dem Verlobten des Mädchens durch Jemanden hinterbracht wurde. 3. Dieser begab sich nun, in Begleitung seines Vaters und einiger Angehörigen, zu Xanthius, und zeigte ihm die Sache an, ohne jedoch den Namen des Leucippus zu nennen. Entrüstet über das, was ihm hier gemeldet wurde, bewieß Xanthus großen Eifer, den Verführer in seine Gewalt zu bekommen, und forderte den Angeber auf, wenn er sie bei einander wüßte,10 es ihm anzuzeigen. Da sich dieser nun bereit zeigte, und den Alten sogleich zu dem Gemache führte, stürzte das Mädchen, bei dem plötzlich entstandenen Geräusche, in der Meinung, sich den Augen des Kommenden zu entziehn, durch die Thür; und der Vater, der sie für den Verführer [seiner Tochter] hielt, verwundete sie mit einem Messer, und warf sie zu Boden. Da sie nun von Schmerz laut aufschrie, und Leucippus ihr zu Hülfe kam, und in der Bestürzung nicht sah, wen er vor sich hatte, tödtet er seinen Vater. 4. Aus diesem Grunde verließ er seine Heimath, führte auf zufällige Veranlassung Thessalier nach Kreta, und da er von hier durch die Nachbarn vertrieben wurde, kam er in das ephesische Gebiet, wo er die Gegend bewohnte, welche Kretinäon benannt wurde. 5. In diesen Leucippus soll sich auch die Tochter des Mandrolytus, Leukophrye, verliebt, und die Stadt den Feinden verrathen haben, deren Führer gerade Leucippus war, indem die von Admetus in Pherä Ausgeloosten ihn, in Folge eines Götterspruches, dazu gewählt hatten.
Pallene
Nach Diogenes [Theagenes] und Hegesippus in den Pallenischen Geschichten.
1. Auch Sithon, der König der Odomanten, hatte wie erzählt wird, eine Tochter Pallene, von deren Schönheit und Anmuth sich der Ruf weit verbreitete, so daß Freier herbeikamen, nicht bloß aus Thracien selbst, sondern auch Einzige von fernher aus Illyrien und aus den Ländern am Tanaïs. Da soll nun Sithon den ankommenden Freiern zuerst befohlen haben, um das Mädchen zu kämpfen:11 wer unterläge, müsse sterben; und auf diese Weise brachte er sehr viele um. 2. In der Folge, da seine Kraft zum großen Theil abnahm, und es ihm rathsam schien, das Mädchen zu verheirathen, befahr er zwei Freiern, die neu angekommen waren, dem Dryas und Klitus, um das Mädchen, als um den Kampfpreis, mit einander zu kämpfen. Der Eine müsse sterben; der Sieger aber erhalte das Königreich und das Mädchen. 3. Da nun der gesetzte Tag erschien, war Pallene, die den Klitus liebte, seinetwegen sehr besorgt. Nun wagte sie nicht, einem seiner Umgebung12 etwas anzuzeigen, vergoß aber viele Thränen, bis endlich ihr bejahrter Pfleger sie darüber befrug, und da er ihre Leidenschaft erfuhr, ihr Muth einsprach, weil die Sache nach ihrem Wunsche gehen würde. Er selbst aber wendete sich heimlich an den Wagenführer des Dryas, und bewog ihn durch die Zusage vielen Goldes, der Achse keine Linse vorzustecken. 4. Da sie also zum Kampfe ausrückten, und Dryas nach Klitus hinlenkte, liefen ihm die Räder von dem Wagen ab, und wie er so niedergefallen war, eilte Klitus herbei, und tödtete ihn. Indem nun Sithon die Liebe und Hinterlist seiner Tochter gewahr wurde, schichtete er einen großen Holzstoß auf, legte den Dryas auf diesen, und gedachte auch die Pallene zugleich mit ihm zu schlachten.13 Da erfolgte aber eine göttliche Erscheinung, und als ein heftiger Regen plötzlich vom Himmel herab stürzte, gereute ihn sein Entschluß, und nachdem er die anwesende Schaar der Thracier durch einen Hochzeitschmaus versöhnt hatte, gestattete er dem Klitus, das Mädchen mitzunehmen.
Hipparinus
Nach Phanias dem Eresier.
1. In dem Italischen Heraklea14 faßte Antileon zu einem Knaben von ausgezeichneter Gestalt – sein Name war Hipparinus – und von angesehenem Geschlecht eine heftige Liebe; aber wie viele Mühe er sich auch gab, so vermocht‘ er doch nicht, ihn für sich zu gewinnen. Wenn der Knabe im Gymnasium weilte, drängte er sich häufig an ihn, und sagte, er hege ein solches Verlangen nach ihm, daß er jede Mühseligkeit erdulden wolle, und was er ihm auch geböte, nichts unerfüllt bleiben würde. 2. Da befahl ihm dieser zum Hohn, von einem gewissen befestigten Platze, der von dem Tyrannen der Heakleonten ganz vorzüglich bewacht wurde, die Glocke herabzuholen, in der Ueberzeugung, daß er diesen Auftrag nicht erfüllen werde. Antileon aber schlich sich in die Vestung ein, und tödtete hinterlistigerweise den Wächter der Glocke. Und als er nun zu dem Knaben kam, und sein Versprechen erfüllt hatte, bewieß ihm dieser große Gunst, und sie liebten sich von dieser Zeit an gegenseitig. 3. Als aber den Tyrannen nach der Blüthe des Knaben gelüstete, und er Miene machte, ihn gewaltsam zu entführen, ergrimmte Antileon, und befahl dem Knaben zwar, sich nicht durch Widerspruch einer Gefahr auszusetzen, stellte sich selbst aber dem Tyrannen in den Weg, als er aus dem Hause trat, und tödtete ihn. Hierauf setzte er sich in Lauf, und würde entkommen seyn, wenn er nicht unter einen Zug zusammengebundener Schafe gerathen wäre. Da nun die Stadt zu ihrer alten Freiheit gelangt war, wurden bei den Herakleoten Beiden eherne Standbilder geweiht, und ein Gesetz gegeben, daß niemand künftig zusammengebundene Schafe treiben sollte.
Erippe
Der Nysäer Aristodemus erzählt hiervon im ersten Buche der Geschichten, ausgenommen, daß er die Namen verändert, statt Erippe Gythynia setzt, den Barbaren aber Kauaras nennt.
1. Zu der Zeit, wo die Galater in Ionien einfielen15 und die Städte verheerten, rückte während der Thermophorien zu Milet, als die Frauen in dem Tempel versammelt waren, welcher wenig von der Stadt entfernt liegt, eine Abtheilung des barbarischen Heeres in das Milesische Gebiet ein, überfiel die Frauen unvermuthet, und bemächtigte sich ihrer. Da wurden Einige für große Summen Silbers und Goldes wieder frei gemacht; Einige aber, denen sich die Barbaren beliebt gemacht hatten, wurden weggeführt, und unter diesen auch Erippe, die Frau des Xanthus, eines in Milet sehr angesehenen Mannes und aus einem der ersten Geschlechter, und zwar mit Zurücklassung eines zweijährigen Knabens. 2. Voll großer Liebe zu ihr veräußerte Xanthus einen Theil seiner Habe, und nachdem er zweitausend Goldstücke zusammengebracht hatte, ging er erst über’s Meer nach Italien, wurde von da durch einige Gastfreunde nach Massilien gebracht, und gelangte von hier in das celtische Gebiet. Hier begab er sich nun zu dem Hause, wo seine Frau mit einem bei den Celten vorzüglich geachteten Manne zusammenlebte, und bat um Aufnahme. Diese nahmen ihn nun auch aus Gastfreiheit bereitwillig auf, und nachdem er eingetreten war, sah er seine Frau, und diese umarmte ihn und bewies sich sehr freundschaftlich. 3. Als nun gleich darauf auch der Celte dazu kam, erzählte ihm Erippe die weite Wanderung ihres Mannes, und daß er um ihretwillen16 gekommen sey, und ein Lösegeld zahlen wolle. Jener bewunderte die Gesinnung des Mannes, veranstaltete sogleich eine Zusammekunft seiner nächsten Verwandten, und bewirthete ihn. Während des langen Mahles aber legte er die Frau an seine Seite, und befragte ihn durch einen Dolmetscher, wie hoch sich seine sämmtliche Habe beliefe; und da er die Summe von tausend Goldstücken angab, befahl ihm der Barbar, diese Summe in vier Theile zu theilen, drei davon für sich, seine Frau und das Kind zu nehmen, den vierten aber ihm als Lösegeld für seine Frau zurückzulassen. 4. Nachdem er sich aber zum Schlafen begeben hatte, tadelte das Weib den Xanthus gar sehr, dem Barbaren eine so große Summe Goldes versprochen zu haben, als er nicht hätte, und daß er in Gefahr kommen würde, wenn er sein Versprechen nicht erfüllte. Xanthus antwortete hierauf, in den Schuhen des Sclaven wären noch andere tausend Goldstücke versteckt, weil er nicht erwartet hätte, an dem Barbaren einen so billigen Mann zu finden, sondern auf ein großes Lösegeld gefaßt gewesen wäre. Am folgenden Tage zeigte das Weib dem Celten die Summe des Goldes an, und forderte ihn auf, den Xanthus zu tödten, indem sie ihm versicherte, sie zöge ihn ihrem Vaterlande und ihrem Kinde bei weitem vor; denn Xanthus sey ihr durchaus verhaßt. 5. Er fand an dieser Rede keine Freude, und nahm sich vor, sie dafür zu strafen. Als nun Xanthus seine Abreise betrieb, begleitete ihn der Celte höchst freundschaftlich, und führte auch die Erippe mit; als er aber an die Gränzen des Celtischen Landes kam, sagte er, ehe sie sich von einander trennten, wolle er ein Opfer bringen, und da das Opferthier herbeigebracht worden war, befahl er der Erippe, es zu fassen. Da sie es aber hielt, wie sie auch sonst zu thun pflegte, erhob er das Schwert, und schlug ihr den Kopf ab; und redete hierauf dem Xanthus zu, sich nicht darüber zu kümmern, indem er ihm ihre Ränke kund machte, und gestattete ihm, sämmtliches Gold mit weg zu nehmen.
Polykrite
Diese Erzählung ist aus dem ersten Buche der Naxischen Geschichten des Andriskus genommen. Auch Threophrastus schreibt davon im vierten Buche des Werkes von den Zeitläufen.
1. Zu der Zeit, wo die Milesier mit Hülfsvölkern gegen die Naxier gezogen waren, und nach Aufführung einer Mauer17 vor der Stadt das Land verheerten, und die Naxier eingeschlossen hielten, geschah es nach göttlicher Fügung, daß eine Jungfrau, Namens Polykrite, in dem Delischen Heiligthume, welches nah bei der Stadt liegt, zurückgeblieben war, und dem Feldherrn der Erythräer, der mit einem eigenen Heere den Milesiern beistand, Liebe einflöste. 2. Von heftigem Verlangen ergriffen, schickte er an sie; denn der Flehenden in dem Heiligthume Gewalt anzuthun, erlaubte er sich nicht. Einige Zeitlang gab sie den Abgeordneten kein Gehör; als er aber heftig in sie drang, erklärte sie, er werde sie nie folgsam finden, wenn er sich nicht durch einen Eid verpflichtete, ihr in dem, was sie verlangen würde, hülfreich zu seyn. Diognetus, der nichts dergleichen argwohnte, war sehr bereit, bei Artemis zu schwören, ihr, was sie wünschte, zu erfüllen. Nach abgelegtem Eide faßte Polykrite seine Hand, gedachte der Uebergabe des Platzes und beschwor ihn, Mitleiden mit ihr und dem Schicksal der Stadt zu haben. 3. Bei diesem Antrage gerieth Diognetus außer sich, zog sein Schwert, und war im Begriff, das Mädchen zu tödten. Da er indeß ihre gute Gesinnung erwog, und zugleich von der Liebe beherrscht wurde – denn, wie es scheint, sollte für die Naxier in ihrer gegenwärtigen Noth eine Veränderung eintreten – gab er damals zwar keine Antwort, sondern bedachte bei sich, was zu thun sey; den folgenden Tag aber sagte er ihr die Uebergabe zu. 4. Nun fiel drei Tage nachher bei den Milesiern das Fest Thargelia18 ein, wobei sie vielen Wein trinken, und das Werthvollste verzehren. Da nun veranstaltete er die Uebergabe des Platzes, und schickte sogleich, durch Vermittlung der Polykrite, einen bleiernen Brief, darin ein Brod gelegt war, an ihre Brüder – diese waren Befehlshaber der Stadt – sie sollten sich in jener Nacht fertig halten und anrücken; als Zeichen werde er ihnen eine Fackel emporhalten. Polykrite aber befahl dem, der das Brod überbrachte, ihren Brüdern zu sagen, sie sollten sich nicht bedenken; die Sache würde zu Stande kommen, wenn sie sich nicht bedächten. 5. Als nun der Bote schnell in die Stadt kam, gerieth der Bruder der Polykrite in große Sorge, ob er dem Antrage folgen sollte oder nicht; endlich aber, da es Alle gut fanden, Folge zu leisten, und die Nacht angebrochen war, in der Alle Befehl hatten sich einzufinden, drangen sie, nach vielen Gebeten zu den Göttern, von den Leuten des Diognetus erwartet, in die Festung der Milesier ein, Einige durch die geöffnete Pforte, Andere auch durch Uebersteigen über die Mauer; und da sie zahlreich darin versammelt waren, tödteten sie die Milesier. Hierbei kam aus Unwissenheit auch Diognetus um. 6. Am folgenden Tage hatten nun alle Naxier ein großes Verlangen, das Mädchen zu sehen:19 Einige umwanden sie mit Kopfbinden, Andere mit Gürteln;20 und von der Menge des auf sie Geworfenen belastet, wurde das Mädchen erstickt. Sie begruben sie auf öffentliche Kosten in der Ebene, und schlachteten ihr zu Ehren volle hundert Opferthiere. Einige sagen, auch Diognetus sey an derselben Stelle verbrannt worden, wie das Mädchen, auf Betrieb der Naxier.
Leukone
1. In Thessalien faßte Cyanippus, der Sohn des Pharax, Neigung zu einem sehr schönen Mädchen, der Leukone, suchte um sie bei ihren Eltern nach, und erhielt sie zur Frau. Er war ein Freund der Jagd. Am Tage ging er den Löwen und Ebern nach; Nachts aber kam er sehr ermüdet zu seiner Frau zurück, so daß er bisweilen, ohne auch nur ein Wort mit ihr zu wechseln, in tiefen Schlaf fiel. 2. Hierüber voll Schmerz und Kummer, gerieth sie in große Rathlosigkeit, und suchte den Cyanippus zu beobachten, weßhalb er nur an dem Aufenthalte in den Bergen so große Freude hätte. Sie schürzte sich also bis an das Knie21, und verbarg sich, ohne Wissen ihrer Mägde, in den Wald. 3. Nun verfolgten die Hunde des Cyanippus eben einen Hirsch; und da sie überhaupt nicht zahm und seit langher verwildert waren, bekamen sie nicht sobald Witterung von ihr, als sie über sie herfielen, und, da Niemand in der Nähe war, sie ganz zerrissen. Ein solches Ende brachte ihr die Sehnsucht nach dem Gemahl. 4. Als Cyanippus herbeikam, und die Leukone so verstümmelt fand, verfiel er darüber in die größte Traurigkeit, rief seine Begleiter zusammen, erbaute einen Holztstoß und legte die Leukone darauf; dann schlachtete er die Hunde auf dem Holzstoße, und tödtete endlich, unter vielen Wehklagen über die Gattin, sich selbst.22
Byblis
Nach Aristokritus über Miletus, und Apollonius dem Rhodier in der Gründung von Kaunus.
1. Von Kaunus und der Byblis, den Kindern des Miletus, wird verschiedentlich berichtet. Nicänetus nemlich sagt, Kaunus habe seine Schwester geliebt, und da er seiner Leidenschaft kein Ende gefunden, die Heimath verlassen; sey dann weit von dem heimischen Lande weggezogen, und Gründer einer Stadt geworden, in die er die damals zerstreuten Ionier eingebürgert habe. Er sagt dieß in folgenden Versen:
Fürbas wandernd erbaut' er hierauf Oekusiums Veste.23
Führete dann Tragasien heim, der Celäno Entsproßne,
Welche dem Gatten den Kaunus gebahr, der Gerechtigkeit Pfleger;
Auch ein Mägdlein, ähnlich dem schlanken Gezweige des Holders,
Byblis genannt. Für diese entglüht unwillig24 der Bruder.
Aber er floh, und hinter sich ließ er das schlangenerfüllte
Kypros, und Dia's Burg,25 und das waldige Kragos, die Bäder Kariens;
gründete hier, der Ionier erster, ein Städtlein.
Jammernd klagte er die Schwester indeß, wie die trauernde Turtel,
Byblis, fernab weilend vom Thor, um den wandernden Kaunus.
2. Die Meisten sagen hingegen, Byblis habe den Kaunus geliebt, ihm ihre Liebe bekannt, und ihn gebeten, sie nicht allem Unglück, das sie erwarte, Preis zu geben; Kaunus aber habe dieß mit Abscheu gehört, so daß er in das damals von Lelegern bewohnte Land übergegangen sey, da wo die Quelle Echeneïs ist, und hier die von ihm benannte Stadt Kaunus erbaut habe; sie aber, die ihrer Leidenschaft keine Minderung sah, und sich überdieß vorwarf, die Flucht des Kaunus verschuldet zu haben, knüpfte ihre Kopfbinde an einen Baum, und erdrosselte sich damit. Auch bei uns26 lautet es so:
Als sie ersah den Willen des unheilstiftenden Bruders,
Klagte sie heftiger noch, als ob dem Sithonischen Knäblein27
Endlos stöhnend die Nachtigall klagt in dem schattigen Waldthal.
Plötzlich schlang um den Hals sie des Hauptes Bind', an des Eichbaums
Knotigen Zweig sie knüpfend, und starb; und über ihr trauernd
Rissen entzwei sich das zarte Gewand die Milesischen Jungfraun.
3. Einige sagen auch, von den Thränen sey die Quelle entstanden, welche Byblis genannt wird.28
Kalchus
1. Man erzählt, daß ein gewisser Daunier Kalchus die Circe, zu der Odysseus kam, geliebt, ihr das Königreich der Daunier überlassen, und viele andre Annehmlichkeiten dargeboten habe; sie aber habe aus glühender Liebe zu Odysseus – denn dieser war damals gegenwärtig – ihn zurückgestoßen, und die Insel zu betreten abgehalten. 2. Da er aber doch nicht abließ, zu kommen, und immer die Circe im Munde führte, und ihr dieß höchst lästig fiel, überlistete sie ihn, rief ihn zu sich herein, und setzte ihm einen Tisch voll mannichfaltiger Speisen vor. Diese Speisen aber waren mit Gift erfüllt, und Kalchus hatte nicht sobald davon genossen, als er in Verwirrung gerieth, und sich nach den Schweinställen begab. Als nun nach einiger Zeit ein Daunisches Heer auf die Insel kam, und nach Kalchus forschte, ließ sie ihn frei, verpflichtete ihn aber vorher durch einen Eid, nie wieder auf die Insel zu kommen, weder der Bewerbung wegen, noch aus einem andern Grunde.
Harpalyce
Die Erzählung ist bei Euphorion im Thracier und bei Dieuchidas.
13 (1) Klymenus, der Sohn des Teleus,29 in Argos, erzeugte mit Epikaste, seiner Gattin, zwei Söhne, Idas und Therageus, und eine Tochter Harpalyce, welche Andere ihres Geschlechtes und Alters an Schönheit weit übertraf. In sie verliebte er sich. Einige Zeit hindurch that er sich Gewalt an, und beherrschte seine Leidenschaft; als aber die Krankheit immer mehr überhand nahm, ward er mit Hülfe der Amme des Mädchens Herr, und wohnte ihr heimlich bei. (2) Nun trat aber die Zeit ihrer Verheirathung ein, und als Alastor, einer der Neliden, dem sie versprochen war, ankam, um sie abzuholen, übergab er sie ihm zwar ohne Weiteres, und richtete eine sehr glänzende Hochzeit aus; nicht lange nachher aber, da es ihn wieder gereut hatte, überfiel er in seinem Wahnsinn den Alastor, nahm ihm mitten auf dem Wege das Mädchen ab, führte sie nach Argos, und wohnte ihr öffentlich bei. (3) Ihr kam nun dieses Verfahren ihres Vaters gegen sie schrecklich und ruchlos vor: sie schlachtete deshalb ihren jüngeren Bruder, und da eben ein Fest und Opfer bei den Argivern abgehalten wurde, wobei Alle öffentlich schmausen, richtete sie das Fleisch des Knaben zu, und setzte es dem Vater vor. Nach dieser That bat sie die Götter, sie von den Menschen wegzuschaffen, und wandelte sich in den Vogel Chalcis um;30 Klymenus aber tödtete sich selbst, als er in Kenntniß von den Ereignissen bekommen hatte.
Antheus
Die Erzählung ist bei Aristoteles und den Verfassern der Milesiaka.
14 (1) Antheus, des Assesus Sohn, aus Halikarnassus, von königlichem Geschlechte, weilte als Geißel bei Phobius, einem der Neliden, welcher damals über die Milesier herrschte. In ihn verliebte sich die Gattin des Phobius, Kleoboä, welche Einige Philächme nannten, und versuchte Vieles, um ihn für sich zu gewinnen. Da er sie aber zurückwies, und bald seine Besorgniß vorschützte, die Sache möchte kund werden, bald Zeus, den Schützer des Gastrechts, und den gemeinsamen Tisch zum Vorwand nahm,31 beschloß Kleoboä in ihrem Unmuthe, indem sie ihn grausam und übermüthig schalt, sich an ihm zu rächen. (2) Sie stellte sich also im Fortgange der Zeit, als ob sie von ihrer Liebe geheilt sey, und nachdem sie ein zahmes Rebhuhn in einen tiefen Brunnen gescheucht hatte, bat sie den Antheus hinabzusteigen und es heraufzuholen, und da Antheus ihr bereitwillig folgte, weil er keinen Verdacht hegte, stürzte Kleoboä einen schweren Stein auf ihn. Er starb auf der Stelle; sie aber, die jetzt überlegte, was für eine gräßliche That sie begangen habe, und außerdem auch von heftiger Liebe zu dem Knaben brannte, hieng sich auf. Phobius aber trat aus diesem Grunde, als fluchbelastet,32 dem Phrygius die Herrschaft ab. (3) Einige sagen, nicht ein Rebhuhn, sondern ein goldnes Gefäß sey in den Brunnen geworfen worden, wie auch Alexander der Aetolier im Apollo durch Folgendes33 kund gibt:
Phobios folget hinfort, des Neleïaden34 Hippokles
Sohn, aus ächtem Geblüt, würdigen Ahnen entstammt.
Diesem wird in das Haus einziehn die erfreite Gemahlin;
Bräutlich noch, eben vermählt, dreht in der Frauen Gemach
Diese die Spindel, als Antheus kommt, des Assesos Erzeugter,
Für sich begehrend den Schutz heilig beschwornen Vertrags;
Jugendlich frisch, wie der blühende Lenz, und schöner (Pirene's
Kinderbefruchtendes Naß nähret so herrlichen Sohn
Selbst dem Melissus nicht, durch den viel Lust den Korinthern
Kommen wird, aber auch Weh Bakchis gewaltigem Stamm.);3
Antheus, werth dem behenden Hermeias.36 Gegen den Jüngling
Wird voll schändlicher Brunst schnell Kleoböa erglühn,
Wird umfassend des Jünglings Knie Ruchloses erbitten.
Aber umsonst; denn Er, ehrend des Phobios Recht
Und das gemeinsame Salz und Zeus, den Beschützer des Gastrechts,
Spült das unziemliche Wort von sich mit Bächen und Meer.37
Wie nun der Edle versagt die unselige Liebesgemeinschaft,
Sinnet die Frevlerin ihm heimlich auf tückische List,
Ihn zu berücken mit trügendem Wort; und es lautet ihr Antrag:
Dort an dem Brunnen im Hof hängt mir ein goldnes Gefäß.
Dieß aufziehend zerriß mir das Seil, das mürbe geworden;
Und zu den Nymphen des Borns stürzte der Eimer hinab.
O bei den Himmlischen, wenn Du mir ihn – und ich höre, der Weg sey
Jeglichem leicht von dem Rand bis zu dem Boden hinab –
Wenn Du herauf ihn holtest, Du wärst der geliebteste Freund mir.
So wird sprechen das Weib, Phobios Gattin, mit Trug.
Ahndungslos entkleidet er sich, und Hellamene's Kunstwerk,
Sein Lelegeïsch Gewand, das ihm die Mutter gewirkt,38
Legt er hinweg, und eilig hinab in des Brunnen Vertiefung
Steigt er sofort; und das Weib Böses nur sinnend, erfaßt
Flugs mit den Händen und schleudert ihm nach den gewichtigen Mühlstein.
Und der belastende Stein wird dem unglücklichen Gast
Nun ein trauriges Mal des Geschicks. Drauf knüpfet das Weib sich
Um das Genick ein Seil, eilend zum Hades mit ihm.
Daphne
Die Geschichte ist bei Diodorus dem Elaïten in den Elegien, und bei Phylarchus im fünfzehnten.
15 (1) Von des Amyklas Tochter, Daphne, wird Folgendes erzählt. Sie ging durchaus nicht in die Stadt, und mischte sich nicht unter die übrigen Jungfrauen; sondern nachdem sie sich Hunde angeschafft hatte, jagte sie bisweilen auf dem Lakonischen Gebiete, und besuchte auch die andern Gebirge des Peloponnes. Aus diesem Grunde war sie der Artemis sehr werth, die ihr richig zu treffen verlieh. (2) Da sie nun in der Gegend von Elis umherschweifte, faßte Leucippus, des Oenomaus Sohn, Verlangen zu ihr. Sie auf irgend eine andre Weise zu gewinnen, hoffte er nicht; er legte also weibliche Kleidung an, und einem Mädchen gleich, jagte er mit ihr. So geschah es denn, daß er nach ihrem Sinne war, und sie ihn nicht von sich ließ, ihn umschlang, und an ihm hing zu jeder Zeit. 3. Nun hegte Apollo ebenfalls heißes Verlangen nach dem Mädchen, und voll von Zorn und Mißgunst gegen Leucippus, gab er ihr in den Sinn, sich mit den übrigen Jungfraun in einer Quelle zu baden. Als sie nun hier sich auszogen, und sahen, daß Leucippus dieß nicht thun wollte, rissen sie ihm die Kleider ab; und da sie die Täuschung erkannten, und daß er ihnen nachstellte, schossen Alle ihre Wurfspieße auf ihn. 4. Er verschwand nun nach der Götter Rath; Daphne aber sah den Apollo nicht so bald auf sich zukommen, als sie aus allen Kräften davon floh, und da er sie verfolgte, erbat sie sich von Zeus, aus der Gemeinschaft der Menschen hinweggenommen zu werden. Und so ward sie, wie man sagt, zu dem Baume, der von ihr Daphne genannt ist.
Laodice
Nach Hegesippus im ersten Buche der Milesischen Geschichten.
1. Auch von der Laodice wurde Folgendes erzählt. Als Diomedes und Akamas wegen Zurückforderung der Helena [nach Troja] gekommen waren,39 habe sie ein heftiges Verlangen gefühlt, dem Akamas, der noch sehr jung war, beizuwohnen. Eine Zeitlang habe Schaam sie zurückgehalten; dann aber habe sie sich, von der Leidenschaft übermannt, der Gattin des Perseus – ihr Name war Philobie – anvertraut, und sie um Hülfe gebeten, wenn sie nicht ganz zu Grunde gehen sollte. Aus Mitleid mit des Mädchens Mißgeschick bat Philobie den Perseus, ihr beizustehn, und rieth ihm deshalb, mit Akamas Gastrecht und Freundschaft zu stiften. 2. Perseus bot nun, theils um seiner Frau gefällig zu seyn, theils aus Mitleid mit Laodice, Alles auf, um den Akamas zu bewegen, nach Dardanum zu kommen; denn er war Befehlshaber dieses Platzes: auch Laodice kam dahin wie zu einem Feste als Jungfrau mit Andern der Trojanerinnen. Hier veranstaltete er nun ein reichliches Mahl, und legte auch die Laodice zu ihm, indem er sie für eine der Beischläferinnen des Königs ausgab. 3. So befriedigte als Laodice ihr Verlangen; in der Folge aber wurde dem Akamas ein Sohn Munitius geboren, welchen Aethra aufzog, und Akamas nach der Einnahme von Troja mit sich nach Hause nahm. Diesen tödtete eine Schlange, als er bei Olynthus in Thracien jagte.
Die Mutter des Periander
1. Man erzählt, daß auch der Korinthier Periander anfänglich mild und sanftmüthig war, in der Folge aber mordsüchtig wurde40 aus folgender Ursache. Als er noch sehr jung war, faßte seine Mutter eine heftige Leidenschaft zu ihm. Eine Zeitlang befriedigte sie ihr Verlangen durch Umarmung des Knaben; in der Folge aber stieg ihre Leidenschaft immer höher, und sie war nicht mehr im Stande, ihre Krankheit zu zähmen, bis sie sich endlich erkühnte, ihrem Sohne zu sagen, daß ihn eine ganz vorzüglich schöne Frau liebe, und ihn ermahnte, sie sich nicht länger härmen zu lassen. 2. Anfänglich weigerte er sich, mit einer nach Gesetz und Sitte verheiratheten Frau sträfliche Gemeinschaft zu haben; aber als seine Mutter nicht abließ, in ihn zu dringen, willigte er ein. Und als die Nacht kam, für die sie mit ihrem Sohne übereingekommen war, wieß sie ihn an, keine Lampe in dem Gemache anzuzünden, und sie auch nicht zu nöthigen, mit ihm zu sprechen; denn auch darum bitte sie aus Schaam. 3. Periander versprach nun in Allem, die Anweisung seiner Mutter zu befolgen; worauf sich diese auf das Schönste geschmückt zu ihrem Sohne begab, und sich insgeheim entfernte, ehe der Morgen anbrach. Den folgenden Tag fragte sie ihn, ob er zufrieden gewesen sey, und ob er verlange, daß sie wieder zu ihm käme; worauf Periander antwortete, er wünsche es sehr, und habe nicht wenig Vergnügen gehabt. 4. Da sie nun von jener Zeit nicht abließ, ihren Sohn zu besuchen, und bei Periander sich endlich auch etwas von der Liebe einschlich, wünschte er zu erfahren, wer die Person sey. Einige Zeit hindurch lag er seiner Mutter an, jene Frau zu bewegen, mit ihm zu sprechen, und nachdem sie ihm eine so heftige Liebe eingeflößt hätte, sich ihm doch endlich kund zu geben; denn jetzt sey es doch ganz ungereimt, daß er sich gefallen lassen solle, eine Person nicht zu sehn, die ihm seit langer Zeit beigewohnt hätte. 5. Da aber seine Mutter dieß abwehrte, indem sie die Schaamhaftigkeit der Frau vorwendete, befahl er einem seiner Diener, eine Leuchte zu verstecken; und als Jene wie gewöhnlich kam, und sich niederlegen wollte, sprang Periander auf, und brachte das Licht zum Vorschein, und da er seine Mutter erblickte, wollte er sie um’s Leben bringen. Hiervon wurde er durch dämonische Erscheinung zurückgehalten; und von dieser Zeit an war er an Verstand und Gemüth verwirrt, ergab sich der Grausamkeit, und tödtete viele seiner Mitbürger. Die Mutter aber legte unter großem Jammer über ihr Schicksal Hand an sich selbst.
Neära
Nach Theophrastus im ersten Buche von den Zeitläufen.
1. Der Milesier Hypsikreon und der Naxier Promedon waren vertraute Freunde. Als nun einstmals Promedon nach Miletus kam, verliebte sich, wie man sagt, die Frau des Andern, die Neära, in ihn. In Gegenwart des Hypsikreon wagte sie nicht, mit dem Fremden zu sprechen; nach einiger Zeit aber, als Hypsikreon eben weggereißt war, und Jener wieder kam, trat Neära in der Nacht, während er schlief, bei ihm ein. Anfänglich versuchte sie es mit Worten; als er ihr aber kein Gehör gab, aus Scheu vor Zeus, der Freundschaft und des Gastrechts Schützer, befahl Neära ihren Mägden, das Gemach abzuschließen, und wendete hierauf so viele Reizmittel an, daß er gezwungen war, ihr beizuwohnen. 2. Den folgenden Tag aber reißte er, voll Verdruß über das, was geschehen war, unverzüglich nach Naxus ab. Aber auch Neära schiffte, aus Furcht vor Hypsikreon, nach Naxus, und als Hypsikreon sie zurückforderte, setzte sie sich als Flehende auf den Heerd im Prytaneum. Da nun Hypsikreon von seiner Forderung nicht abstand, schlugen ihm die Naxier zwar die Auslieferung ab, forderten ihn aber auf, sie zu bereden, mit ihm zu gehn. Hierdurch glaubte sich Hypsikreon in seinem Rechte verletzt, und beredete die Milesier, den Naxiern Krieg anzukündigen.
Pankrato
Nach Andriskus im zweiten Buche der Naxischen Geschichten.
Scellis und Kassamenus, Bewohner Thraciens, unternahmen von der Insel, die früher Strongyla, später Naxus genannt wurde, einen Raubzug nach dem Peloponnes und den umliegenden Inseln. Bei einer Landung in Thessalien schleppten sie viele andre Weiber weg, und unter diesen auch die Gemahlin des Aloeus, Iphimede, und ihre Tochter Pankrato. In diese verliebten sich beide und tödteten einander.
Häro41
Es wird auch erzählt, daß Häro eine Tochter des Oenopion und der Nymphe Helice gewesen sey. Diese habe Orion, der Sohn des Hyrinus, geliebt, und von ihrem Vater zur Ehe verlangt, und auch um ihretwillen die Insel,42 die damals voll von wilden Thieren war, gereinigt, und viele von der Umgegend weggetriebne Beute als Brautgeschenk dargebracht. Da nun Oenopion die Heirath immer aufgeschoben habe, weil es ihm verhaßt gewesen, einen solchen Eidam zu bekommen, habe Orion einst im Wahnsinn der Trunkenheit das Gemach, wo die Jungfrau schlief, erbrochen, und ihr Gewalt angethan; worauf ihm von Oenopion die Augen ausgebrannt worden.
Pisidice
1. Man erzählt auch, daß Achilles, während er die dem Lande nahen Inseln verheerte, auch in Lesbos gelandert sey. Hier hab‘ er nun jede Stadt angegriffen und verwüstet. Als aber die Einwohner von Methymna tapfern Widerstand thaten, und er in großer Unschlüssigkeit war, weil er die Stadt nicht einnehmen konnte, habe sich eine Methymnerin Pisidice, die Tochter des Königs, die den Achilles von der Mauer gesehen hatte, in ihn verliebt, ihre Amme an ihn geschickt und ihm die Uebergabe der Stadt versprochen, wenn er sie zur Frau nehmen wollte. 2. Er sagte ihr dieß zwar fürs Erste zu; als er aber die Stadt in seine Gewalt bekommen hatte, zürnte er über die Handlung des Mädchens, und trieb die Soldaten an, sie zu steinigen. Dieses Schicksals gedenkt auch der Verfasser der Gründung von Lesbos in Folgendem:
Dorten erschlug der Pelide den Lampetus, Irus Erzeugten.43
Auch Hiketaon erlegt‘ er, Methymna’s und Lepetimnus
Edelgebohrenen Sproß, und mit Stärke begabt vor den Andern,
Ihn Helikaons Brudergespann und des Landes der Väter
Hort, in der Stadt; denn es schuf ihr die blühende Kypria Unheil.44
Diese bethörte Pisidice’s Sinn mit der Leibe zu Peleus
Sohn, da den Edeln sie sah in den vordersten Reihn der Achäer,
Strahlend im Schlachtengewühl; sie erhob zu dem flüssigen Aether
Oftmals betende Händ‘ empor, nach Liebe verlangend.
Dann nicht weit nachher:
Und es empfing alsbald in dem Lande der Väter Achaja’s
Feindliche Schaar, entriegelnd das Schloß der Pforten die Jungfraun
Und sie vermochte mit eigenem Aug zu erschauen der Eltern
Brust durchstochen vom Erz, und in knechtischen Fesseln die Weiber
Hin zu den Schiffen geschleppt; auf daß, nach Achilles Verheißung,
Sie mit des Aeakus Stamme vereint, als der blaulichen Thetis
Schnur, und des trefflichsten Manns ehrwürdige Gattin, in Phtia’s
Häusern wohnte hinfort. Doch dieß zu erfüllen verschmäht‘ er.
Denn ihr grollte sein Herz ob des heimlichen Landes Verrathung.
Und so ward sie vereint in verderblicher Eh mit des Peleus
Sohn, durch die Hände des Heers, die Unselige: häufige Steine
Schleuderte ihr zum Tode die Kraft der argivischen Heerschaar.
Nanis
Die Geschichte ist bei Licymnius, dem Liedersänger aus Chios, und bei Hermesianax.
Einige erzählen, daß auch die Burg von Sardes durch Verraht der Tochter des Krösus, Nanis, von Cyrus, dem Könige der Perser, erobert worden sey. Denn während Cyrus Sardes belagerte, und es ihm mit Eroberung der Stadt nicht vorwärts ging, und er in großer Besorgniß stand, das von Krösus versammelte Bundesheer mächte seinen Feldzug vereiteln, so kam, wie die Rede geht, jene Jungfrau mit Cyrus überein, ihm die Stadt zu verrathen, wenn er sie nach persischen Gesetzen zur Frau nehmen wollte, und ließ bei der Burg, da niemand den Platz wegen seiner Festigkeit bewachte, die Feinde ein, wobei ihr auch noch einige Andre Hülfe leisteten. Cyrus aber brachte das ihr gegebne Versprechen nicht in Erfüllung.
Chilonis
1. Kleonymus, der Lacedämonier, der von königlichem Geschlechte war, und für die Lacedämonier vieles Gute gewirkt hatte, nahm die Chilonis, die mit seinem Geschlechte verwandt war,45 zur Ehe. Indem nun Kleonymus sie leidenschaftlich liebte, und die Liebe ihm keine Ruhe ließ, vernachläßigte sie ihn, und gab sich ganz dem Akrotatus, dem Sohne des Königs, hin. 2. Auch trug dieses Jüngling die Liebe zu ihr öffentlich zur Schau, so daß ihr Einverständniß in aller Munde war. Aus Unmuth hierüber ging Kleonymus, dem auch außerdem die Lacedämonische Weise nicht zusagte, nach Epirus zu Pyrrhus, und beredete Diesen, einen Versuch auf den Peloponnes zu machen, wo er, wenn die Sache ernstlich angegriffen würde, die Städte mit leichter Mühe erinnehmen würde: auch setzte er hinzu, es sey ihm schon etwas vorgearbeitet, so daß schon einige der Städte in Aufstand wären.
Hipparinus
1. Hipparinus, der Tyrann von Syrakus,46 liebte einen sehr schönen Knaben. Der Name desselben war Achäus. Diesen bewog er durch viele Ergötzlichkeiten, sein Haus zu verlassen und bei ihm zu bleiben. In der Folge, als er die Nachricht von einem Angriffe der Feinde auf einen von ihm besetzten Platz erhielt,47 und er schnell zu Hülfe eilen mußte, befahl Hipparinus dem Knaben beim Ausrücken, wenn Jemand in den Hof dringen sollte, diesen mit dem Schwerte, das er ihm eben geschenkt hatte, zu tödten. 2. Beim Zusammentreffen mit dem Feinde trug er einen entscheidenen Sieg davon, worauf er sich zum Wein und Schmause wendete. Erhitzt von vielem Weine und voll Verlangen nach seinem Lieblinge, ritt er nach Syrakus, und zu dem Hause gelangt, wo er dem Knaben befohlen hatte zu warten, gab er sich nicht zu erkennen, sondern sagte mit Thessalischer Aussprache, er habe den Hipparinus getödtet. Zürnend versetzte der Knabe in der Dunkelheit dem Hipparinus eine tödtliche Wunde. Diese überlebte er noch drei Tage, und starb, nachdem er den Achäus vom Morde freigesprochen hatte.
Phayllus
Bei Phylarchus.
1. Der Tyrann Phayllus liebte die Frau des Ariston, welcher Vorstand der Oetäer war. Er beschickte sie deßhalb, und ließ ihr vieles Gold und Silber anbieten, und wenn sie noch etwas Anderes wünschte, möchte sie es sagen. Sie hegte nun großes Verlangen nach dem Halsbande, das damals in dem Heiligthume der Athene Pronoä aufbewahrt wurde, und von dem die Sage ging, daß es der Eriphyle gehört habe.48 Dieses wünschte sie zum Geschenke zu erhalten. 2. Phayllus nahm nun, so wie andere Weihgeschenke aus Delphi, auch das Halsband weg. Nachdem dieses nun in das Haus des Ariston gebracht worden war, trug es seine Frau, die sehr berüchtigt war, eine Zeitlang, erfuhr aber dann ähnliches Unglück, als bei der Eriphyle Statt gefunden hatte. Denn der jüngere ihrer Söhne zündete im Wahnsinn das Haus an, und verbrannte seine Mutter mit einem großen Theile der Güter.
Apriate
Bei Euphorion im Thracier.
1. In Lesbos liebte Trambelos,49 der Sohn des Telamon, die Apriate, und bot Alles auf, um sich das Mädchen geneigt zu machen; da sie sich aber nicht sehr nachgiebig zeigte, sann er, um sich ihrer zu bemächtigen, auf List und Betrug. Als sie daher eines Tages mit ihren Mägdlein nach einem der väterlichen Landgüter ging, welches nah am Meere lag, bemächtigte er sich ihrer aus einem Hinterhalte. 2. Und da sie ihre Keuschheit um desto mehr vertheidigte, warf Trambelus sie im Zorne ins Meer, das am Ufer sehr tief war. Sie kam also auf diese Weise um. Einige aber sagten, sie sey verfolgt worden, und habe sich selbst hineingestürzt. 3. Den Trambelos aber ergriff nicht lange nachher die Rache der Götter. Denn als Achilles viele Beute aus Lesbos wegtrieb, und die Einwohner ihn zu Hülfe riefen, kam es zum Kampf. Hier wurde er in die Brust verwundet, und fiel augenblicklich zu Boden; Achilles aber, der über seine Kraft staunte, frug ihn, da er noch athmete, wer er sey und woher? Und als er erfuhr, er sey ein Sohn des Telamon, beklagt‘ er ihn sehr, und führte am Ufer einen großen Grabhügel auf. Dieser wird auch noch jetzt das Denkmal des Trambelus genannt.
Alcinoe
Bei der Möro in den Verwünschungen.
1. Man erzählt, daß auch Alcinoe, die Tochter des Korinthiers Polybus, die Gattin des Amphilochus, Dryas Sohn, in Folge des Zorns der Athene eine wahnsinnige Liebe zu einem Samischen Fremdling, dessen Name Xanthus war, gefaßt habe. Sie hatte nämlich für Lohn eine Arbeiterin Nikandra gedungen, und nachdem diese ein Jahr gearbeitet hatte, sie aus dem Hause getrieben, ohne ihr den vollen Lohn zu entrichten; worauf diese die Athene inständig und unter Verwünschungen bat, sie für diese ungerechte Beraubung zu rächen. 2. Deßhalb sey es denn so weit mit ihr gekommen, daß sie ihr Haus und die Kinder, die sie von ihrem Manne hatte, verließ, und mit Xanthus davon schiffte. Mitten auf der Fahrt aber habe sie überlegt, was sie gethan, und sogleich viele Thränen vergossen, und bald nach ihrem rechtmäßigen Manne, bald nach ihren Kindern gerufen. Endlich habe sie sich, trotz dem Zureden des Xanthus, der sie als Frau zu behandeln versprach, ohne auf ihn zu hören, in das Meer gestürzt.
Klite
Bei Euphorion im Apollodorus. Die Folge erzählt Apollonius im ersten Buche der Argonauten.
Verschiedentlich lautet die Erzählung von Cyzikus, dem Sohne des Aeneus.50 Einige sagen, er sey nach seiner Verlobung mit Larissa, der Tochter des Piasus, die ihr Vater vor der Ehe beschlafen hatte,51 im Kampfe umgekommen; Andre, er sey, kurz nach der Verheirathung mit Klite, aus Unwissenheit mit den Gefährten Iasons auf der Argo zusammengestoßen; und indem er so gefallen sey, habe er Allen, vorzüglich aber der Klite eine schmerzliche Sehnsucht zurückgelassen. Denn als sie ihn niedergeworfen sah, umarmte sie ihn unter vielen Wehklagen; in der Nacht aber entzog sie sich den Augen ihrer Mägde, und hing sich an einem Baume auf.
Daphnis
Bei Timäus in den Sicilischen Geschichten.
1. In Sicilien lebte Daphnis, des Hermes Sohn,52 geschickt in Behandlung der Syrinx, und ausgezeichnet durch seine Gestalt. Dieser mischte sich nicht in große Männervereine, sondern weilte bei den Rinderheerden auf dem Aetna Winter und Sommer. Ihn liebte, wie man sagt, die Nymphe Echenaïs, und verbot ihm, einem (andern) Weibe zu nahen; denn wenn er nicht Folge leiste, werde er das Gesicht verlieren. 2. Eine Zeit lang that er kräftigen Widerstand, obgleich nicht Wenige wie wahnsinnig auf ihn waren; später aber berauschte ihn eine der Königinnen in Sicilien durch vielen Wein, so daß er ihr beizuwohnen begehrte. Und so53 wurde er von dieser Zeit an, eben wie Thamyris der Thracier54, durch Unverstand der Augen beraubt.
Celtine
Man erzählt auch, daß Herakles, als er aus Erythea die Rinder des Geryones wegführte, auf seinen Irren durch das Land des Celten zu Bretannus gekommen sey, welcher eine Tochter, Namens Celtine, gehabt habe. Diese habe sich in Herakles verliebt, die Rinder versteckt, und sie nicht zurückgeben wollen, wenn er ihr nicht vorher beiwohnte. Hierauf habe Herakles, theils um seine Rinder zurück zu bekommen, noch mehr aber aus Bewunderung der Schönheit des Mädchens, ihr beigewohnt; und nach Umlauf der Zeit sey ihnen ein Sohn Celtus geobren worden, von dem die Celten den Namen erhalten haben.
Dimötes
Man erzählt auch, daß Dimötes mit der Tochter seines Bruders Trözen, Euopis, verlobt gewesen sey. Da er aber bemerkte, daß sie es aus heftiger Liebe mit ihrem Bruder hielt, habe er dieß dem Trözen angezeigt. Sie habe sich aus Furcht und Schaam aufgehenkt, nachdem sie vorher gegen den Urheber ihres Unglücks viele Verwünschungen ausgestoßen hatte. Da sey nun Dimötes nach nicht langer Zeit auf ein Weib von sehr schöner Gestalt gestoßen, das von den Wellen ausgeworfen war; und von einer Begierde ergriffen, habe er ihr beigewohnt. Da aber der Leib durch die Länge der Zeit zusammenfiel, hab‘ er ihr ein großes Grab erbaut, und als auch so seine Leidenschaft nicht nachließ, sich auf demselben getödtet.
Anthippe
1. Bei den Chaonen55 verliebte sich ein Jüngling von den Angesehensten in Anthippe, und beredete sie durch alle Mittel, ihm beizuwohnen. Sie war auch ihrer Seits nicht ohne Liebe zu ihm, und sie befriedigten demnach, unbemerkt von ihren Eltern, das gehegte Verlangen. 2. Als einstmal bei den Chaonen ein öffentliches Fest gefeiert wurde, und Jedermann beim Festschmause war, sonderten sie sich ab, und kamen in einem Walde zusammen. Nun geschah es, daß der Sohn des Königs Cichyrus einen Panther verfolgte, und als dieser in den Wald gedrängt worden war, einen Wurfspieß auf ihn abschoß. Den Panther verfehlte er, traf aber das Mädchen, und in der Meinung, das Thier getroffen zu haben, trieb er sein Pferd näher hinzu. Da er nun den Jüngling erblickte, der seine Hände auf die Wunde des Mädchens hielt, vergingen ihm die Sinne, und vom Schwindel ergriffen, glitt er vom Pferde in eine steilen und felsigen Ort hinab. 3. Hier starb er. Die Chaonen aber führten, ihrem Könige zu Ehren, an derselben Stelle ringsum Mauern auf, und nannten die Stadt Cichyrus. Einige sagen, jener Wald sey der Wald der Epiro, Echions Tochter, die, beim Wegziehn aus Böotien mit der Harmonia und dem Kadmus,56 die Reste des Pentheus getragen, und nach ihrem Tode ein Grab bei diesem Walde erhalten habe. Daher sey auch von ihr das Land Epirus genannt worden.
Assaon
Bei Xanthus in den Lydischen Nachrichten; bei Neanthes im zweiten Buche, und bei Simmias dem Rhodier.
Abweichend wird auch von Vielen die Geschichte der Niobe erzählt. Sie sagen nämlich, Niobe sey nicht des Tantalus, sondern Assaons Tochter, und Gemahlin des Philottus gewesen. Mit Leto über den Vorzug der Kinder in Streit gerathen, sey sie auf folgende Weise bestraft worden. Philottus sey auf der Jagd umgekommen; Assaon aber habe sich in seine eigene Tochter verliebt, und sich um sie beworben; und da ihm Niobe kein Gehör gegeben, habe er ihre Söhne zu einem Mahle eingeladen, und sie verbrannt. Niobe habe sich nun dieses Unglücks wegen von dem höchsten Felsen herabgestürzt, Assaon habe in Erwägung seines Unthaten sich selbst getödtet.
Korythus
Bei Hellanikus in den Troïschen Geschichten, und bei Cephalon dem Gergithier.
Von der Oenone und dem Alexander ward ein Sohn Korythus erzeugt. Als dieser nach Ilium gekommen war, um Hülfe zu leisten, verliebte er sich in die Helena; und ward auch von ihr sehr freundlich aufgenommen. Er war aber von ausgezeichneter Gestalt. Sein Vater ertappte und tödtete ihn.57 Nikander aber meldet, Korythus sey nicht der Oenone, sondern der Helena und Alexanders Sohn58 gewesen, indem er sagt:
Der zu des Aïdes Schatten gestiegenen Korythus Grabmal,
Welchen des Tyndarus Tochter vordem in geraubter Gemeinschaft
Hymens trauernd gebar, des Hirten unseligen Sprößling.
Eulimene
Bei Asklepiades dem Myrleaner im ersten Buche der Bithynischen Geschichten.
1. In Kreta liebte Lykastus die Tochter des Cydon, Eulimene, die ihr Vater dem Apterus zugesagt hatte, welcher damals unter den Kretern der erste war; und wohnte ihr heimlich bei. Als nun einige der Kretischen Städte gegen Cydon aufstanden, und große Vortheile über ihn hatten, schickte er Gesandte an den Gott, um anzufragen, was er thun müsse, um über die Feinde obzusiegen. Ihm wurde zur Antwort gegeben, er solle den einheimischen Heroen eine Jungfrau opfern. Nach Empfang dieses Orakeös ließ Cydon sämmtliche Jungfrauen loosen, und durch Fügung des Schicksals traf das Loos seine Tochter. 2. Da zeigte nun Lykastus, indem er für sie fürchtete, an, daß sie nicht mehr Jungfrau sey, und daß er seit geraumer Zeit mit ihr leben; aber die große Menge bestand nur um desto mehr auf ihrem Tod. Als sie nun getödtet war, befahl Cydon dem Priester, ihr den Leib aufzuschneiden, und so fand sich, daß sie schwanger war. Apterus aber tödtete den Lykastus, indem er scher von ihm beleidigt zu seyn glaubte, aus einem Hinterhalte, und floh aus dieser Ursache zu Xanthus nach Termera.59
Arganthone
36 (1) Man erzählt auch, daß Rhesus, eh‘ er den Trojanern zu Hülfe kam, vieles Land durchzogen, dieses sich unterworfen und mit Tribut belastet habe; dabey sey er auch auf die rühmende Nachricht von einer schönen Frau – ihr Name war Arganthone60 – nach Kios gekommen. Dieser war der Aufenthalt und das Weilen im Hause verhaßt; daher legte sie sich viele Hunde zu, und jagte, ohne leicht Jemanden zu sich zu lassen. (2) Rhesus kam nun in dieses Land, wendete aber keine Gewalt gegen sie an, sondern sagte, er wolle mit ihr jagen; denn auch er hasse, wie sie, den Umgang der Menschen. Auf diese Rede ging sie ein; denn sie glaubte, daß er die Wahrheit sage. (3) Nach langer Zeit61 fand sich eine große Liebe zu Rhesus bei ihr ein. Anfangs verhielt sie aus Schaam sich ruhig: da aber ihre Leidenschaft allzu heftig wurde, wagte sie mit ihm zu reden; und da sie so seinem Wunsche entgegen kam, nahm er sie zur Frau. (4) Als in der Folge der Krieg gegen Troja ausbrach, bewarben sich die Könige um seinen Beistand; Arganthone aber ließ ihn nicht ziehn, entweder wegen der heftigen Liebe, die sie zu ihm hegte, oder weil sie die Zukunft ahnete. Doch ertrug Rhesus es nicht, in weichlicher Muße zu verharren, sondern zog nach Troja, und wurde im Kampf62 an dem Flusse, der noch jetzt von ihm Rhesus heißt, von Diomedes verwundet, und starb. (5) Als Arganthone nun seinen Tod vernahm, begab sie sich wieder zu der Stelle, wo sie ihm zuerst beigewohnt hatte, und rief hier umherirrend häufig den Namen Rhesus aus; endlich aber schwand sie vor Traurigkeit an dem Flusse63 aus dem Gesichte der Menschen.
