1 (1) [37] Der neue Kaiser begab sich mit Tagesanbruch auf das Capitolium und opferte. Dann befahl er, den Marius Celsus herbeizuführen. Er grüßte ihn, redete mit ihm auf’s freundlichste und bat ihn: „lieber den ganzen Anlaß zu vergessen, als an seine Freilassung sich zu erinnern.“ Auch Celsus erwiederte ihm in würdevollen, verständigen Worten. „Eben das (sagte er,) was man ihm vorwerfe, müsse Vertrauen zu seinem Charakter erwecken. Der Vorwurf bestehe ja nur darin, daß er sich dem Galba als zuverlässigen Freund bewährt habe, ohne demselben irgend eine Gunst zu verdanken!“ Die Anwesenden zollten Beiden ihre Bewunderung und auch das Militär drückte seinen Beifall aus. Im Senate hielt Otho eine lange Ansprache voll Popularität und Freundlichkeit. Für die Zeit, in welcher er selbst noch Consul sein sollte, theilte er seine Stelle dem Virginius Rufus zu, während er allen, die noch von Nero oder Galba ernannt waren, ihre consularische Würde unangetastet ließ. Mit den priesterlichen Aemtern beehrte er nur Männer, welche sich durch Alter oder Ansehen hervorhoben. Sämmtlichen Senatoren, die unter Nero verbannt worden und unter Galba zurückgekommen waren, gab er wieder ihr vollständiges Vermögen, soweit er dasselbe nicht verkauft vorfand. Daher gieng auch den ersten und angesehensten Männern, welche anfänglich mit Schauder glaubten, daß kein Mensch, sondern eine Furie, ein mörderischer Dämon plötzlich den Thron an sich gerissen habe, jetzt wieder ein lichterer Hoffnungsstrahl auf, gegenüber einer Regierung, die so freundlich zu lächeln verstand.
2 (1) Aber in ganz Rom ohne Ausnahme erregte nichts eine größere Freude, nichts gewann ihm alle Herzen mehr, als sein Verfahren [38] gegen Tigellinus. Denn daran dachte man nicht, daß er bereits gestraft war durch die Angst vor seiner Bestrafung, welche man in der Stadt gleichsam als eine Schuld gegen den Staat heimbezahlt verlangte, – daß er ferner gestraft war durch unheilbare körperliche Leiden; ja, schon die ruchlose, keiner Bezeichnung im Worte fähige Art, wie er sich mit lüderlichen, unsaubern Weibsbildern im Kothe herumwälzte, nach welchen seine Geilheit noch im Todeskampfe haschte und zappelte, – schon darin mußte jeder vernünftige Mensch die schwerste Züchtigung erblicken, die ärger war, als ein vielfacher Tod. Aber doch ärgerte es den großen Haufen, daß er noch das Sonnenlicht schauen durfte, während so viele vortreffliche Männer es durch seine Schuld nicht mehr schauen konnten. Otho schickte also Jemand nach ihm in die Umgegend von Sinuessa; denn dort hielt er sich auf, indem Schiffe vor Anker lagen, auf denen er in größere Entfernungen zu fliehen beabsichtigte. Er machte nun wenigstens einen Versuch, den abgeschickten Mann durch eine bedeutende Geldsumme zu bewegen, ihn entwischen zu lassen. Da dieser nicht darauf einging, gab er ihm nichtsdestoweniger ein hübsches Geschenk und bat ihn, nur so lange zu warten, bis er sich rasirt habe. Er erhielt die Erlaubniß und schnitt sich nun selbst die Gurgel ab.
3 (1) Nachdem er auf diese Weise dem Volke das gerechteste Vergnügen bereitet hatte, dachte der neue Kaiser selbst gegen Niemand mehr an frühere Privatfeindschaften. Dagegen ließ er es, dem großen Haufen zu Gefallen, anfänglich sogar geschehen, daß man ihn in den Theatern als „Nero“ anredete. Auch brachten einige Leute Neronische Porträts zum Vorschein, ohne daß er’s hinderte. Cluvius Rufus erzählt von Kuriervollmachten, die nach Spanien gekommen seien und auf welchen der ausdrückliche Name Nero’s neben Otho’s Namen geschrieben stand. Sobald er jedoch bei den ersten und vornehmsten Männern eine Unzufriedenheit hierüber wahrnahm, unterließ er die Sache. Dieß war also die Stellung, welche seine Regierung zunächst einnahm. Aber die Prätorianer zeigten sich schwierig. Sie ermahnten ihn zum Mißtrauen, zur Vorsicht, zur Schwächung der bedeutenderen Persönlichkeiten, sei es nun, daß sie aus Anhänglichkeit an ihn [39] wirklich eine Besorgniß hegten oder Alles nur zum Vorwand brauchten, um Unruhe zu stiften und einen Kampf herbeizuführen. Als Otho den Crispinus absandte, um die 17. Cohorte von Ostia abzuführen und derselbe Nachts bereits zusammenpacken und die Waffen auf die Wägen verladen ließ, erhoben die frechsten insgesammt ein Geschrei: „Crispinus sei mit unsauberen Absichten gekommen; der Senat wolle eine Revolution, – und die Waffen schaffe man fort – gegen den Kaiser, nicht für den Kaiser!“ Diese Aeußerung machte vielfach Eindruck und erhitzte die Gemüther. Die Einen fielen die Wägen an, Andere ermordeten die beiden Centurionen, welche sich ihnen widersetzten, wie auch den Crispinus selbst. Alle aber machten sich fertig und brachen unter gegenseitigen Ermunterungen, dem Kaiser beizustehen, nach Rom auf. Als sie dort erfuhren, daß gerade achtzig Senatoren bei dem Kaiser zur Tafel seien, stürmten sie nach dem Palaste. „Jetzt, (sagten sie,) sei der rechte Augenblick, um alle Feinde des Kaisers auf einmal fortzuschaffen!“ In der Stadt herrschte bei der Erwartung einer sofortigen Plünderung der größte Tumult; im Palaste lief gleichfalls Alles durcheinander, und Otho befand sich in entsetzlicher Verlegenheit. Fürchtend für alle diese Männer, war er ihnen zugleich selbst ein Gegenstand der Furcht und sah sie, sprachlos und angsterfüllt, in banger Erwartung ihre Blicke nach ihm richten; Einige waren auch mit ihren Gattinnen zur Tafel erschienen. Er schickte daher die Obersten der Leibwache ab, welche Befehl hatten, mit den Soldaten zu reden und dieselben zu besänftigen. Zugleich ließ er seine eingeladenen Gäste aufbrechen und durch eine andere Thüre entwischen. Und kaum waren sie glücklich entronnen, als die Prätorianer in den Saal eindrangen und nach des Kaisers Feinden fragten. Da erhob sich nun Otho von seinem Platze und es gelang ihm durch vielfache Ermahnungen und Bitten, wobei er auch seine Thränen nicht sparte, schließlich doch, wiewohl mit Mühe, sie wieder fortzubringen. Am folgenden Tage beschenkte er sie alle, Mann für Mann, mit 1250 Drachmen, worauf er sich in’s Lager begab, das ganze Corps wegen seiner guten Gesinnung und Ergebenheit belobte und nur hinzufügte, daß „einige Wenige in bösen Absichten aufwiegeln [40] und dadurch nicht nur seine Mäßigung, sondern auch die zuverlässige Treue der Soldaten in Verdacht brächten.“ Er verlangte also, daß man seinen Unwillen hierüber theilen und ihm diese Leute strafen helfen solle! Seine Worte fanden allgemeine, bereitwilligste Zustimmung. Indeß beschränkte er sich auf zwei Soldaten, die er bezeichnete, und deren Bestrafung bei Niemand Aergerniß erregen konnte. Hierauf entfernte er sich wieder.
4 (1) Wer mit diesen Dingen bereits zufrieden war und überhaupt Vertrauen hegte, mußte über die eingetretene Veränderung staunen. Andere fanden darin freilich nur nothwendige politische Maßregeln gemäß der augenblicklichen Sachlage, womit Otho wegen des drohenden Kriegs das Volk zu gängeln suchte. Denn bereits kam die wiederholte zuverlässige Nachricht, daß Vitellius die Würde und Vollmacht eines Imperators angenommen. Auch trafen fortwährend Eilboten ein, welche immer wieder neue Anschlüsse an denselben meldeten, wogegen Andere wieder anzeigten, daß die Armeen in Pannonien, Dalmatien und Mösien sammt ihren Generalen den Otho gewählt hätten. Bald liefen auch von Mucianus, sowie von Vespasianus, freundliche Schreiben ein; der Eine stand an der Spitze einer großen Truppenmacht in Syrien, der Andere in Judäa. Hiedurch ermuthigt, schrieb Otho an Vitellius einen Brief, worin er ihn ermahnte, „sich als treuen Soldaten zu zeigen; er werde ihm bedeutende Geldsummen geben, wie auch eine Stadt, in welcher er das sorgenfreieste und angenehmste Leben in aller Ruhe führen könne.“ Vitellius antwortete anfänglich nur mit gelinder Ironie. Aber bald geriethen sie in eine gereizte Stimmung und schrieben einander im bittersten Hohn eine Menge ehrenrühriger, gemeiner Sachen. Und das waren keineswegs Lügen, aber ein lächerlicher Unverstand wars, wenn Einer dem Andern seine Schandthaten vorwarf, die Jedem anhiengen. Denn Asotie, Weichlichkeit, Unkenntniß im Kriegswesen, Schuldenmassen aus früheren Zeiten der Armuth, – es war in der That eine Aufgabe, zu sagen, wem von Beiden dieß Alles weniger zur Last fiel, als dem Andern. Auch sprach man von vielen Wahrzeichen und Erscheinungen, wovon jedoch die meisten auf unzuverlässigen Gerüchten beruhten, [41] deren Quelle man nicht kannte. Aber das konnte Jedermann mit eigenen Augen sehen, daß auf dem Capitolium der Victoria, die auf einem Wagen stand, die Zügel aus den Händen gefallen waren, – als ob sie dieselben nicht mehr halten könnte! und daß die auf der Tiberinsel errichtete Standsäule des Kaisers Cajus (Caligula) ohne irgend ein vorangegangenes Erdbeben oder einen Sturm sich von Westen nach Osten umgekehrt hatte, – und dieß soll gerade in den gleichen Tagen geschehen sein, in welchen Vespasianus offen nach der Krone griff. Auch den Vorfall hinsichtlich der Tiber deuteten Viele als ein ganz böses Zeichen. Zwar war es Frühjahr, – eine Zeit, in welcher die Flüsse am meisten angeschwollen sind, aber doch war sie früher niemals bis zu einer solchen Höhe gestiegen, hatte niemals in so außerordentlichem Maße geschadet und Verderben angerichtet. Damals überströmte und bedeckte sie einen großen Theil der Stadt, namentlich den Getreidemarkt, so daß man sich eine ganze Reihe von Tagen in der größten Noth und Verlegenheit befand.
5 (1) Als hierauf die Nachricht einging, daß Cäcina und Valens, zwei Generale des Vitellius, bereits im Besitze der Alpenpässe stünden, da gerieth zu Rom Dolabella, ein Mann von vornehmer Geburt, bei den Prätorianern in den Verdacht von revolutionären Planen. Diesen schickte also Otho, sei es, weil er ihn oder einen Andern fürchtete, mit ermuthigendem Zuspruch nach der Stadt Aquinum. Als er hierauf aus den höheren Beamtenkreisen sich seine Begleiter für die bevorstehende Abreise auswählte, stellte er unter dieselben auch des Vitellius Bruder Lucius, welchem er seine hohe Stellung, die er besaß, weder gesteigert noch abgenommen hatte. Eben so kräftig sorgte er für Vitellius’ Mutter und Gemahlin, damit sie ja nichts für ihre Person fürchten sollten. Zum Hüter von Rom stellte er den Flavius Sabinus, einen Bruder des Vespasianus, auf. Letzteres that er vielleicht dem Nero zu Ehren, von welchem Sabinus sein hohes Amt erhalten hatte, das ihm nachher Galba wieder abnahm. Vielleicht wollte er auch durch die weitere Erhebung des Sabinus dem Vespasianus noch in höherem Grade seine freundliche Gesinnung und sein Vertrauen bekunden. [42] Er selbst blieb nun in Brixillum1, einer italischen Stadt in der Nähe des Padus, zurück, während er als Generale seiner Armeen den Marius Celsus und Suetonius Paulinus, ferner noch den Gallus und Spurina absandte, lauter hochangesehene Männer, die jedoch bei der Insubordination und Frechheit der Soldaten nicht im Stande waren, in ihrer Thätigkeit so, wie sie es beabsichtigten, ihren eigenen Gedanken zu folgen. Denn die Soldaten wollten gegen Niemand mehr Etwas von Gehorsam wissen, weil ja der Imperator nur von ihnen seine Herrschermacht empfangen hätte. Nun stand es freilich auch auf feindlicher Seite nicht ganz zum Besten. Auch dort ließ man sich von den Offizieren nicht mehr gängeln; Alles war von Sinnen und voll Hochmuth, und zwar aus der gleichen Ursache. Uebrigens verstanden sich diese Leute doch auf’s Schlagen und suchten den Strapazen, deren sie gewohnt waren, nicht zu entrinnen. Otho’s Leute dagegen waren vom Reichthum und Garnisonsleben weichlich geworden. Die meiste Zeit hatten sie im Theater, in Festversammlungen und vor der Bühne hingelebt und wollten dieß gerne mit ihrem Uebermuth und Stolz verhüllen, wenn sie sich anstellten, als wären sie für die dienstlichen Verrichtungen zu vornehm und nicht vielmehr körperlich zu schwach, um sie durchzumachen. Spurina, der Gewalt gegen sie brauchen wollte, lief nahezu Gefahr, daß sie kamen und ihn umbrachten. An Uebermuth und Schimpfereien ließen sie’s in keiner Weise fehlen; sie nannten ihn einen Verräther, der dem Kaiser alle Gelegenheiten und seine ganze Sache verderbe. Einige kamen sogar Nachts in betrunkenem Zustande vor sein Zelt und verlangten – Reisegeld! Denn „sie müßten zum Kaiser gehen, um ihn dort zu verklagen!“
6 (1) Uebrigens nützte der Sachlage, wie dem Spurina selbst, für den Augenblick die Beschimpfung, die den Soldaten bei Placentia begegnete. Denn Vitellius’ Leute verhöhnten bei ihrem Anrennen gegen die Mauern Otho’s Soldaten, welche an den Zinnen standen, hießen sie „Komödianten, Ballettänzer, Theatergucker2; aber von [43] Krieg und Feldzug wüßten sie nichts und hätten nie was gesehen! Sie bilden sich’ was drauf ein, daß sie einem alten, wehrlosen Mann den Kopf abgeschlagen, (wobei sie den Galba meinten,) aber zum ernstlichen, ehrlichen Kampf mit rechten Männern kommen sie niemals herunter!“ Durch diese Beschimpfungen wurden sie nun dergestalt außer sich gebracht und erhitzt, daß sie den Spurina förmlich mit ihren Bitten anfielen: „er solle sie doch verwenden und sie kommandiren; sie würden sich keiner Gefahr und keiner Anstrengung weigern!“ Es folgte nun ein heftiger Sturmangriff, wobei viele Maschinen gegen die Mauern herangeführt wurden. Doch gewannen’s Spurina’s Truppen, schlugen ihre Gegner mit bedeutendem Verluste zurück und behaupteten eine ansehnliche Stadt, die so blühend war, als irgend eine andere Stadt in Italien. Auch sonst erwiesen sich Otho’s Generale gegen Städte und einzelne Personen milder, als die des Vitellius. Unter den Letztern zeigte Cäcina weder in der Stimme, noch in seinem ganzen Aeußern, etwas Gewinnendes. Er machte einen unangenehmen, fremdartigen Eindruck; – ungeheuer groß, mit gallischen Hosen und Aermeln – so erlaubte er sich mit ganzen Abtheilungen römischer Soldaten und mit römischen Offizieren zu sprechen. Seine Frau, die auf einem glänzend geschmückten Pferde ritt, hatte stets eine Begleitung von auserlesenen Reitern. Dem andern Feldherrn, Fabius Valens, vermochten weder die Plünderungen bei den Feinden, noch die Erpressungen oder Geschenkannahmen von den Verbündeten seine Habgier zu sättigen. Ja, es schien sogar, daß er ebendeßwegen langsam marschirte und dadurch bei der ersten Schlacht zu spät kam. Freilich beschuldigen auch Manche den Cäcina, daß er, um ja recht schnell den Sieg für sich zu gewinnen, ehe sein Nebengeneral käme, neben andern kleineren Versehen, die ihm begegneten, namentlich auch das Treffen nicht im rechten Augenblick und nicht mit der gehörigen Tapferkeit geliefert habe, so daß es ihnen nahezu ihre ganze Sache verdarb.
7 (1) Zurückgeschlagen von Placentia, war nämlich Cäcina vorerst gegen Cremona gezogen, eine andere sehr wohlhabende und bedeutende Stadt. Nun wollte zuerst Annius Gallus nach Placentia [44] eilen, um dort dem Spurina zu helfen. Als er jedoch unterwegs von dem Siege der Placentiner und von der Gefahr, in welcher Cremona stünde, Nachricht erhielt, rückte er mit seiner Armee nach dem letztgenannten Punkte und lagerte sich in der Nähe der Feinde. Nachher vereinigten sich auch die andern alle mit dem General. Cäcina legte nun in einem mit Wald und Gebüsch bedeckten Terrain eine starke Abtheilung Fußvolk in den Hinterhalt, und befahl zugleich der Reiterei vorzusprengen, sodann wenn der Feind anpackte, allmälig fluchtartig zurückzugehen, bis sie ihn durch diese rückgängige Bewegung in den Hinterhalt hereingezogen hätten. Allein einige Ueberläufer verriethen dem Celsus diesen Plan. Letzterer rückte nun zwar mit einem Geschwader tüchtiger Reiter vorwärts, gebrauchte aber bei der Verfolgung seiner Gegner die größte Vorsicht. Es gelang ihm, den Hinterhalt zu umzingeln und in Verwirrung zu bringen, worauf er erst sein Fußvolk aus dem Lager herbeirief. Wäre dieß zur rechten Zeit auf dem Platze gewesen, – kein Mann auf feindlicher Seite wäre wohl am Leben geblieben; Cäcina’s ganze Armee wäre vernichtet und aufgerieben worden, wenn sie gleich hinter den Reitern gekommen wären. Aber nun zog Paulinus nur spät und allgemach heran, weßhalb ihn auch der Vorwurf traf, daß er aus Behutsamkeit sein Kommando weniger gut geführt habe, als seine Ehre dieß verlangte: die meisten Soldaten beschuldigten ihn sogar der Verrätherei und hetzten den Otho auf, indem sie sich rühmten, „daß sie selbst eigentlich gesiegt hätten; der Sieg habe nur nicht ganz vervollständigt werden können – wegen der schlechten Führung.“ Otho glaubte ihnen nicht sowohl wirklich; er wollte nur den Schein vermeiden, daß er ihnen nicht glaube. Daher schickte er seinen Bruder Titianus zu den Armeen und außerdem den Prätorianergeneral Proculus, welcher thatsächlich die ganze Oberleitung hatte, während Titianus nur ein Figurant war. Auch Celsus und Paulinus behielten den leeren Namen von kaiserlichen Rathgebern und Freunden, ohne irgend welche Vollmacht und Gewalt für das Handeln selbst zu besitzen. Uebrigens gieng es auch bei den Feinden sehr stürmisch zu, besonders bei der Abtheilung des Valens. Auf die Nachricht von dem [45] Treffen am Hinterhalt wurden sie unzufrieden, daß sie nicht dabei gewesen, um diesen großen Verlust an Mannschaft zu verhindern. Kaum gelang es dem Valens, sie durch Zureden und Bitten zu beruhigen, indem sie sogar ernstlich Miene machten, nach ihm zu werfen. Dann brach er auf und vereinigte sich mit Cäcina.
8 (1) Otho fand sich bei Bedriacum, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Cremona, im Lager ein und hielt einen Kriegsrath hinsichtlich der nahen Schlacht. Die Ansicht des Proculus und Titianus gieng dahin: „bei der Begeisterung der Armeen und der vorhandenen Gewißheit des Sieges solle man eine Entscheidungsschlacht liefern und nicht unthätig hinliegen, indem man das Feuer der Truppen sich verkühlen lasse und warte, bis Vitellius selbst aus Gallien herbeigekommen.“ Dagegen bemerkte Paulinus: „daß auf feindlicher Seite alle Streitkräfte, mit denen sie einen Kampf wagen müßten, auf’s Vollständigste zugegen und eingetroffen seien; dagegen habe Otho aus Mösien und Pannonien noch eine Verstärkung in Aussicht, – nicht minder groß, als die an Ort und Stelle befindlichen Truppen. Er solle nur auf den Augenblick warten, der für ihn selbst der günstigste sei und nicht nach dem Vortheil der Feinde kommandiren! Seine Soldaten, die jetzt bei kleineren Mitteln einen tüchtigen Muth zeigten, würden alsdann sicherlich nicht weniger Herz haben, wenn sie eine vermehrte Zahl von Streitern an die Seite bekämen; dann würden sie erst mit vollendeter Tapferkeit fechten. Abgesehen hievon könne der längere Verzug für ihre Seite nur vortheilhaft sein, weil sie die reichlichsten Vorräthe besäßen; für den Gegner werde die Zeit einen Mangel an allen Bedürfnissen herbeiführen, weil dieser in Feindesland liege.“ Mit diesen Worten des Paulinus erklärte sich auch Marius Celsus durchaus einverstanden. Annius Gallus war nicht anwesend, sondern befand sich in Folge eines Sturzes vom Pferde in ärztlicher Behandlung. Allein Otho schrieb ihm, worauf er gleichfalls den Rath ertheilte, nicht zu eilen, sondern die Truppen aus Mösien abzuwarten, die bereits unterwegs waren. Und dennoch ließ sich Otho von Niemand überzeugen, sondern die Meinung behielt die Oberhand, welche zur Schlacht aufmunterte.
9 (1) [46] Außerdem werden von Andern noch mancherlei Ursachen angegeben. Entschieden waren die sogenannten Prätorianer, welche die Leibwache bildeten, jetzt, als sie den Felddienst mehr nach seiner Wirklichkeit verschmecken mußten und sich daher nach den unkriegerischen Zeitvertreiben und dem vergnügten Leben in Rom zurücksehnten, nicht mehr in Schranken zu halten. Sie drängten in aller Eile zur Schlacht, weil sie gleich im ersten Anlauf ihren Gegner zu vernichten meinten. Wie es scheint, wurde auch dem Otho selbst die Ungewißheit peinlich; bei der Ungewohntheit solcher Dinge, bei seiner Weichlichkeit vermochte er seine Gedanken an drohende Gefahr nicht mehr auszuhalten. Von Sorgen bis zum Tode gequält, wollte er rasch fertig machen, sprang gleichsam mit verbundenen Augen vom Felsen hinab und überließ hiemit die ganze Sache der Entscheidung des Zufalls. So berichtet der Rhetor Secundus, Otho’s geheimer Sekretär. Von anderer Seite konnte man hören, daß beide Armeen oftmals einen Anlauf nehmen wollten zu einer gemeinschaftlichen Zusammenkunft. Sie wollten sich in der Wahl des Tüchtigsten unter den vorhandenen Thronbewerbern friedlich vereinigen; wäre dieß unmöglich, so wollten sie den Senat zu einer Sitzung veranlassen und diesem die Kaiserwahl überlassen. Und es ist in der That nicht unwahrscheinlich, daß bei der Unbeliebtheit beider damaliger Prätendenten derartige Gedanken in allen wackeren, geübten und vernünftigen Soldaten auftauchten: „daß es höchst widerwärtig und gräßlich sei, wenn man all das Unheil, das sich zum allgemeinen Jammer die Bürger vor Zeiten für Sulla und Marius, dann für Cäsar und Pompejus untereinander angethan oder erlitten, jetzt abermals geduldig tragen solle, indem man die Krone entweder dem Vitellius als Preis für sein Fressen und Saufen, oder dem Otho für seine Schwelgerei und Lüderlichkeit aufstelle!“ Von diesen stillen Erwägungen merkte Celsus Etwas und suchte daher einen Aufschub zu veranlassen, in der Hoffnung auf eine eintretende Entscheidung ohne Kampf und Anstrengung; Otho dagegen mit seinen Anhängern geriethen dadurch in Angst und eilten daher zu einer Schlacht.
10 (1) Er selbst zog sich wieder nach Brixillum zurück, – ein [47] abermaliger Fehler, nicht bloß, weil er dadurch den Kämpfenden die Scham und das Ehrgefühl entzog, welches sie vor seinen Augen und in seiner Anwesenheit besaßen, sondern auch, weil er gerade die kräftigsten, ihm persönlich ergebensten Leute von der Reiterei, wie vom Fußvolk, als Leibwache wegzog und dadurch seiner Armee gleichsam die Sehnen abschnitt. Der Zufall wollte, daß in jenen Tagen auch am Po ein Treffen stattfand. Cäcina beabsichtigte, eine Brücke zum Uebergang schlagen zu lassen; Otho’s Leute suchten dieß durch ihre Angriffe zu verhindern. Als sie jedoch nichts ausrichteten, legten sie Fackeln mit Schwefel und Pech in ihre Kähne, und ein Wind, der sich plötzlich an dem Uebergangspunkt erhob, fieng an, das Feuer aus dem hergerichteten Brennmaterial gegen die Feinde auszuwerfen. Zuerst kam ein Rauch, dann loderten die Flammen hell auf3. Aber dadurch geriethen sie selbst in Verwirrung, sprangen über Bord, schlugen dabei mit den Schiffen um und gaben sich den Feinden in einer höchst komischen Weise preis. Auch die Germanen, welche mit Otho’s Gladiatoren bei einer kleinen Flußinsel handgemein wurden, behielten die Oberhand und erlegten ihrer eine bedeutende Zahl.
11 (1) Nach diesen Vorfällen und wegen der Erbitterung, womit Otho’s Soldaten bei Bedriacum auf die Entscheidungsschlacht drangen, ließ sie Proculus jetzt von Bedriacum ausrücken und schlug sein Lager in einer Entfernung von fünfzig Stadien auf. Er that dieß aber in einer so ungeschickten, lächerlichen Weise, daß er, obgleich es Frühjahr war und die Gegend ringsherum viele Quellen und nie vertrocknende Flüsse hatte, dennoch von Wassermangel bedrängt wurde. Am folgenden Tage wünschte er gegen die Feinde vorzurücken, und zwar einen Weg von nicht weniger als hundert Stadien. Deßwegen duldete Paulinus dieses Vorhaben nicht und meinte: man müsse warten und sich nicht zum Voraus abmatten, auch nicht unmittelbar nach dem Marsche ein Gefecht anfangen gegen Feinde, die sich in aller Ruhe hätten waffnen und aufstellen können, während [48] man ihrerseits einen so langen Weg, mitten unter Packthieren und Bediententroß, zurücklegen mußte. Noch dauerte hierüber der Meinungsstreit unter den Generalen fort, als plötzlich von Otho ein numidischer Reiter ansprengte, der den schriftlichen Befehl brachte, ohne jeden weiteren Aufenthalt und Verzug augenblicklich den Feind anzugreifen. Man brach also auf und rückte vor. Cäcina gerieth in großen Schrecken, als er ihren Anmarsch erfuhr. In aller Eile ließ er seine Arbeiten und den Fluß stehen und eilte nach dem Lager. Da bereits die Meisten sich in die Rüstung geworfen hatten und eben von Valens die Losung in Empfang nahmen, so schickte er vorläufig seine beste Reiterei ab, so lange die Legionen um ihre Aufstellung loosten.
12 (1) Da kam plötzlich unter der vordersten Linie von Otho’s Truppen die Meinung und das Gerede auf, als würden Vitellius’ Generale zu ihnen übergehen. Man begrüßte sie, sobald sie nahe genug waren, freundschaftlich als „Kriegskameraden!“ Allein sie erwiderten diesen Anruf keineswegs in liebevoller Weise, sondern mit Ingrimm und feindlichem Geschrei, so daß denjenigen, welche gegrüßt hatten, der Muth entsank, und den Uebrigen der Verdacht nahe lag, als beabsichtigten die Grüßenden eine Verrätherei. Und dieß war das Erste, was in ihren Reihen Unordnung hervorrief, als bereits die Feinde das Handgemenge begannen. Auch weiterhin gieng nichts in der rechten Ordnung. Namentlich richteten die Packthiere, welche unter den Kämpfenden herumliefen, viele Verwirrung an. Ebenso veranlaßte das Terrain mit seiner Menge von Gruben und Gräben ein sehr häufiges Zerreißen der Glieder. Man suchte also derartige Punkte zu meiden und zu umgehen, aber nun war man genöthigt, in einem Durcheinander und in lauter kleinen Abtheilungen mit dem Gegner zu fechten. Nur zwei Legionen, auf Vitellius’ Seite die sogenannte wilde, auf Otho’s Seite die „hilfreiche“, entfalteten sich auf einer offenen, glatten Ebene, wo sie bei ihrem Zusammenstoß sich in geordneten Linien ein lange dauerndes, regelmäßiges Treffen lieferten. Otho’s Mannschaft war körperlich stark und tapfer, machte aber heute ihre erste Waffenprobe, während Vitellius’ Truppen an’s viele Fechten [49] gewöhnt, dagegen bereits alt und über die Zeit der besten Kraft hinausgekommen waren. Gegen diese stürmten also Otho’s Soldaten an, schlugen sie zurück und entrissen ihnen sogar ihre Adler, nachdem sie fast die ganze Bedeckung desselben niedergemacht hatten. Aber voll Schamgefühl und Erbitterung drangen jetzt die Vitellianer wieder unter ihre Gegner ein, tödteten den Legaten der Legion, Orfidius, und errangen eine große Zahl von feindlichen Feldzeichen. Gegen das Gladiatorencorps, dem man alle Erfahrung und Kühnheit im Kampfe zutraute, führte Varus Alvenus die sogenannten Bataver heran. Dieß sind die besten germanischen Reiter, deren Heimat eine vom Rhein umflossene große Insel ist. Ihrem Anprall hielten nur Wenige von den Gladiatoren Stand. Die meisten flohen nach dem Flusse, wo sie unter die am Ufer aufgestellten feindlichen Cohorten geriethen, von denen sie trotz ihres Widerstandes bis auf den letzten Mann vernichtet wurden. Am allerschmählichsten hielten sich die Prätorianer im Gefecht. Sie ließen es nicht einmal bis zum eigentlichen Handgemenge kommen, sondern verbreiteten auch unter den noch nicht geschlagenen Truppen, durch deren Reihen sie flüchteten, eine allgemeine Furcht und Verwirrung. Aber dennoch schlugen sich auch von Otho’s Truppen Viele durch die gegenüberstehenden Gegner mit Erfolg hindurch und gelangten mitten durch die siegreichen Feinde nach dem Lager.
13 (1) Von den Feldherren wagte weder Proculus noch Paulinus, mitzugehen. Beide nahmen eine andere Richtung, aus Furcht vor den Soldaten, welche bereits alle Schuld auf ihre Generale schoben. Dagegen nahm Annius Gallus diejenigen, welche sich nach der Schlacht allmälig wieder zusammenfanden, in der Stadt auf und suchte sie zu trösten. „Die Schlacht sei nahezu gleichgestanden und auf vielen Punkten seien sie über den Feind Meister geworden!“ Marius Celsus ferner versammelte die höheren Würdenträger und rieth ihnen, jetzt nur auf das allgemeine Beste zu sehen. Denn „bei einem so außerordentlichen Unglück und nach einem so großen Blutvergießen würde Otho selbst, wenn er ein rechtschaffener Mann sei, nicht wünschen, nochmals das Schicksal zu versuchen. Zwar auch Cato und Scipio hätten dem siegreichen Cäsar nach der Schlacht [50] bei Pharsalus nicht nachgeben wollen; diese hätten noch dazu für die Freiheit Roms gekämpft. Und dennoch mache man ihnen jetzt den Vorwurf, daß sie so viele tüchtige Leute in Afrika ganz unnöthiger Weise aufgeopfert hätten. Im Uebrigen zeige sich eben Fortuna launisch! Aber Eins können sie keinem edlen Menschen nehmen: – daß er, auch wenn er Unglück habe, gegenüber den Ereignissen vernünftig handle!“ Mit solchen Vorstellungen suchte er zunächst auf die Offiziere einzuwirken. Als man nun auch die Gesinnungen der Soldaten probirte und bei ihnen gleichfalls den Wunsch nach Frieden bemerkte, – als ferner Titianus eine Gesandtschaft zum Abschluß einer Uebereinkunft vorschlug: da entschloffen sich Celsus und Gallus selbst hinzugehen, um sich mit Cäcina und Valens zu besprechen. Noch befanden sie sich unterwegs, da begegneten ihnen feindliche Centurionen, welche aussagten: „die Armee habe sich bereits in Bewegung gesetzt und rücke gegen Bedriacum vor; sie selbst seien von ihren Generalen gleichfalls abgesandt worden, um eine Uebereinkunft abzuschließen.“ Celsus mit seinen Begleitern drückte seine Freude hierüber aus und bat sie, wieder umzukehren und mit ihm den Cäcina aufzusuchen. Als sie bereits in der Nähe waren, gerieth Celsus noch in Lebensgefahr. Zufällig bildeten die früher bei dem Hinterhalt geschlagenen Reiter den Vortrab. Sobald diese den Celsus herankommen sahen, stürmten sie sogleich mit lautem Geschrei auf ihn los. Die Centurionen stellten sich aber vor ihn hin und drängten seine Angreifer zurück. Auch die andern Offiziere von niedrigerem Range verlangten laut seine Schonung. Indessen vernahm man die Sache in Cäcina’s Umgebung. Man eilte herbei und machte den Unordnungen der Reiter schnell ein Ende. Dann gieng man nach der freundlichsten Begrüßung des Celsus mit diesem Bedriacum zu. Aber den Titianus hatte indessen hinsichtlich der Ausschickung seiner Abgesandten wieder eine Reue befallen. Er ließ diejenigen Soldaten, welche wieder Muth gefaßt hatten, auf die Mauern treten und forderte die Andern gleichfalls zum Beistand auf. Als jedoch Cäcina zu Pferde herangesprengt kam und ihnen mit der Hand zuwinkte, leistete Keiner mehr einen Widerstand, sondern ein Theil [51] grüßte die Feinde von den Mauern herab, andere öffneten die Thore, zogen hinaus und mengten sich unter die anrückenden Truppen. Niemand that ihnen Etwas zu Leide; man begrüßte sich mit Herzlichkeit, man gab einander die Hand; alle schworen dem Vitellius Treue zu und traten über.
14 (1) So berichten die Meisten, welche die Schlacht mitgemacht haben, über dieselbe. Indessen gestehen sie ein, daß sie bei der herrschenden Unordnung und in Folge der Unebenheit des Terrains selbst nicht alle einzelnen Umstände genau kennen. Als ich später einmal über die Ebene gieng, zeigte mir Mestrius Florus, ein gewesener Consul, der damals, wie mancher Andere, nicht freiwillig, sondern nothgedrungen auf Otho’s Seite gestanden hatte, einen alten Tempel und erzählte mir dabei, wie er nach der Schlacht dahin gekommen sei und einen so ungeheuern Haufen Leichen dort gesehen habe, daß die obersten bis an den Giebel reichten. Einen Grund hievon, wornach er suchte, habe er, wie er sagte, weder selbst finden, noch von irgend einem Andern erfahren können. Daß bei Bürgerkriegen, wenn einmal eine Armee geschlagen ist, mehr Leute umkommen, ist begreiflich, weil man keine Gefangenen macht; denn was sollte man mit Gefangenen anfangen? Aber ein Aufbeugen und Zusammenschleppen in solchem Maßstabe läßt sich doch auch vernünftigerweise nicht begreifen4.
15 (1) Zu Otho drang zuerst nur ein unbestimmtes Gerücht, wie dieß bei so wichtigen Ereignissen gewöhnlich der Fall ist. Als aber auch einige Verwundete aus der Schlacht mit ihren Meldungen eintrafen, hätte man sich vielleicht weniger wundern dürfen, wenn seine Freunde ihn nicht zur Verzweiflung kommen ließen, sondern ihm entschieden Muth einsprachen. Wohl aber überstieg die Leidenschaft, welche die Soldaten für ihn hatten, allen Glauben, – wie da keiner fortgieng, der sich auf die Seite des Siegers stellte, keiner einen Zug von Selbstsucht blicken ließ, nachdem die Lage ihres Führers doch hoffnungslos geworden war. Nein, alle mit einander kamen vor seine Thüre, nannten ihn fortwährend ihren Imperator, [52] warfen sich vor ihm nieder, als er heraustrat, faßten ihn unter lautem Rufen und Flehen bei der Hand, stürzten auf ihn zu, weinten und baten: „er solle sie doch nicht verlassen, sie nicht den Feinden preisgeben; mit Leib und Seele stehen sie ihm zu Dienst bis auf den letzten Athemzug!“ Und solche flehentliche Bitten richteten sie alle ohne Ausnahme an ihn. Ja, Einer von den untergeordneten Leuten hob gar sein Schwert in die Höhe und mit den Worten: „Sieh, Kaiser, – so dienen wir dir alle!“ stach er sich todt. Aber Nichts vermochte mehr den Entschluß Otho’s zu ändern. Mit freundlicher, fester Miene ließ er seine Blicke nach allen Seiten streifen; dann sprach er: „Kameraden, den heutigen Tag achte ich für einen weitaus seligeren Tag als jenen früheren, woran ihr mich zu eurem Imperator gemacht habt. Ich thu’s, weil ich solche Leute in euch erblicke und solcher Opfer werth gehalten bin. Aber entreißt mir nicht ein Glück, das noch höher steht, – das Glück, ruhmvoll sterben zu dürfen für so viele, für so treffliche Mitbürger. Wenn ich des römischen Thrones werth gewesen bin, so darf ich zum Wohle des Vaterlandes mein eigenes Leben nicht schonen. Ich weiß, daß der Sieg unserer Gegner weder ein dauernder, noch ein starker ist. Man meldet, daß unsere Armee aus Mösien nur noch wenige Tagemärsche entfernt ist, daß sie bereits dem Meere Adrias sich nähert. Kleinasien und Syrien, Aegypten und die Armeen, die in Judäa kämpfen, stehen auf unserer Seite; der Senat ist bei uns und ebenso die Kinder und die Frauen unserer Gegner. Aber der Kampf gilt nicht einem Hannibal, einem Pyrrhus oder den Cimbern, um Italien zu schützen, sondern beiderseits führen wir den Krieg mit Römern, und ob wir Sieger, oder Besiegte sind, – es geschieht immer nur zum Schaden des Vaterlands! Was für den gewinnenden Theil ein Glück ist, ist für dieses ein Unglück. Glaubt, o glaubt es mir, daß ich mit mehr Ehre sterben kann, als auf dem Throne sitzen. Ich kann nicht einsehen, wie ich, wenn ich Sieger bin, für Rom ein gleich großer Nutzen sein könnte, als wenn ich mich zum Opfer darbringe für Frieden und Eintracht und für den großen Zweck, daß Italien nie, nie wieder einen solchen Tag erleben muß!“
16 (1) Nach diesen Worten wollten Einige sein Vorhaben verhindern und suchten ihm Vorstellungen zu machen. Allein er wies [53] ihre Bemühungen auf das Entschiedenste zurück. Hierauf bat er seine Freunde und die anwesenden Senatoren, sich zu entfernen. Den nicht in der Nähe Befindlichen sandte er noch Briefe in die einzelnen Städte zu, damit sie in Ehren und mit Sicherheit weitergebracht werden sollten. Hierauf beschied er seinen Neffen Coccejus, einen noch jungen Mann, zu sich und ermahnte ihn, „den Muth nicht zu verlieren und den Vitellius nicht zu fürchten, dessen Mutter, Gattin und Kinder er mit einer Sorgfalt gehütet habe, wie man sie nur seinen eigenen Angehörigen widme. Deßwegen habe er ihn auch, obwohl er dieß beabsichtigt, nicht förmlich an Kindesstatt angenommen, sondern habe die Adoption hinausgeschoben, damit er zwar im Falle seines Sieges den Thron mit ihm theilen könne, ohne im unglücklichen Falle mit ihm untergehen zu müssen. Und dieß, mein Sohn (schloß er seine Worte), ist noch meine letzte, dringende Ermahnung: vergiß es nicht gänzlich, behalt’ es aber auch nicht allzu fest im Gedächtniß, daß du einen Cäsar zum Oheim gehabt!“ Als er hiemit fertig war, hörte er gleich darauf ein Lärmen und Schreien vor seinen Thüren. Es waren die Soldaten, die den sich entfernenden Senatoren mit dem Tode drohten, wenn sie nicht bleiben wollten, sondern fortgiengen und den Kaiser verließen. In der Besorgniß um diese Männer trat er also nochmals vor. Nicht in bittender Weise und sanft, sondern mit dem vollen Ausdruck von Strenge in seinem ganzen Wesen und mit einem zornigen Blick auf den lärmenden Haufen befahl er den Soldaten, sich augenblicklich zu entfernen, so daß sie nachgaben und zitternd auseinanderstoben.
17 (1) Als bereits der Abend herankam, fühlte er Durst und trank ein wenig Wasser. Dann untersuchte er an seinen beiden Schwertern, die er besaß, die Schneiden genau und lange Zeit. Er gab hierauf das eine zurück, während er das andere unter den Arm nahm und zugleich seine Dienerschaft herbeirief. Mit freundlichen Worten vertheilte er noch seine Baarschaft unter sie, – dem Einen mehr, dem Andern weniger, nicht wie man bei fremdem Gute verschwenderisch wegwirft, sondern unter sorgfältiger Beobachtung der Würdigkeit und des richtigen Maßes. Nachdem er diese wieder entlassen, ruhte er den Rest der Nacht hindurch, so daß seine Kammerdiener bemerkten, wie er in tiefem [54] Schlafe lag. Früh am Morgen rief er seinen Freigelassenen, mit welchem er die Anordnungen hinsichtlich der Senatoren getroffen hatte, und wünschte Bericht. Als er hörte, daß für die Abreisenden durchweg die entsprechende Fürsorge getroffen sei, sagte er: „Jetzt geh’ auch du und mach’ dich den Soldaten sichtbar, wenn du nicht jämmerlich von ihnen willst umgebracht werden als Einer, der mir zum Tode mitverholfen!“ Sobald der Mensch sich entfernt hatte, stemmte sich Otho mit beiden Händen das Schwert unter den Leib und stürzte sich hinein. Der Schmerz, den er empfand, drückte sich nur in einem einmaligen Seufzer aus, woran die draußen Befindlichen die Sache merkten. Als zuerst seine Sklaven ein lautes Klagegeschrei erhoben, brach gleich darauf im ganzen Lager, wie in der ganzen Stadt, ein allgemeiner lauter Jammer aus. Unter Geschrei stürzten die Soldaten vor die Thüren, heulten in wilder Leidenschaft und machten sich selbst die größten Vorwürfe darüber, daß sie ihren Kaiser nicht gehütet –, ihn nicht gehindert hätten, für sie zu sterben. Und Keiner von seinen Leuten machte sich aus dem Wege, ungeachtet der Nähe der Feinde. Sie schmückten vielmehr den Leichnam, rüsteten einen Scheiterhaufen zu und trugen ihn in ihrem vollen Waffenschmuck hinaus, soweit es ihnen gelang, Träger der Bahre zu werden, was sie mit hohem Stolz erfüllte. Von den andern warf sich ein Theil auf den Todten und küßte seine Wunde, Andere faßten seine Hände, noch Andere bezeugten ihm ihre Huldigung aus der Ferne. Manche erstachen sich selbst, sobald sie den Scheiterhaufen angezündet, und das waren Leute, die niemals in auffallender Weise von dem Verstorbenen eine Gunst erfahren hatten oder von dem siegreichen Feinde eine grausamere Behandlung befürchten mußten. Aber es schien wirklich, als hätte noch nie, seit die Welt steht, in dem Herzen irgend eines Fürsten oder Königs eine so heftige, fast wahnsinnige Liebe zum Herrschen gelebt, als in diesen Menschen eine Leidenschaft lebte, Otho, als ihrem Herrscher, zu gehorchen. Selbst nach seinem Tode verließ sie ja diese Liebe zu ihm nicht, sondern dauerte fort und löste sich nur in einen unversöhnlichen Haß gegen Vitellius auf.
18 (1) Alles Weitere soll am gehörigen Orte berichtet werden. Nur soviel: – sie deckten die Ueberreste Otho’s mit Erde zu, machten [55] aber weder durch die Größe des Grabmals, noch durch die prunkvollen Worte der Inschrift seine Ruhestätte zu einem Gegenstande des Neids. Bei meiner Anwesenheit in Brixillum sah ich noch ein ganz bescheidenes Monument mit einer Inschrift, deren Sinn, wenn man’s übersetzen wollte, etwa lautet: „Zum Andenken an Marcus Otho.“ Otho starb in einem Alter von 37 Jahren, nach einer Regierung von nur drei Monaten. Wenn Mancher mit Recht sein Leben tadelte, so gab es doch auch eine gleich große Zahl wackerer Menschen, welche nachher seinen Tod ehrenvoll fanden. Er hatte um nichts sittlicher gelebt, als Nero, aber gestorben war er weitaus edler. Die Soldaten Pollio’s, des einen von den Prätorianergeneralen, der ihnen befahl, unverzüglich dem Vitellius zu huldigen, wurden hierüber sehr ungehalten. Und als sie erfuhren, daß noch einige Senatoren anwesend seien, ließen sie zwar die Andern unbehelligt; dagegen machten sie dem Virginius Rufus zu schaffen, indem sie mit den Waffen vor sein Haus kamen, ihn nochmals herunterriefen und aufforderten, die Regierung zu übernehmen, oder für sie zu unterhandeln. Rufus hielt es jedoch für einen Wahnsinn, nach einer Niederlage den Thron anzunehmen, während er früher nach einem Siege keine Lust dazu gehabt. Und als Gesandter zu den Germanen zu gehen, fürchtete er sich ebenfalls, da sie glaubten, von ihm früher zu manchen Dingen gegen ihren Willen gezwungen worden zu sein. Er schlüpfte also unvermerkt zu einer andern Thüre hinaus und machte sich aus dem Staube. Sobald dieß die Soldaten erfuhren, entschlossen sie sich zum Schwören und vereinigten sich mit Cäcina’s Truppen, nachdem ihnen zuvor eine Amnestie ertheilt war.
Anmerkungen
1 Brixillum, j. Bersello, nahe am Po.
2 Eigentlich „Zuschauer von pythischen und olympischen Spielen“.
3 Die Erzählung von diesen Bränden ist bei Plutarch selbst ziemlich unklar.
4 Wahrscheinlich plünderten die Bauern der Umgegend die Leichen und warfen sie dann zusammen auf einen Haufen, um ihre Felder davon frei zu halten.
