Originaltext
Abhandlung
von den Göttern
und
von der Welt,
durch
Sallustius den Philosophen
I. Capitel
Von der Beschaffenheit der Zuhörers, und von den allgemeinen Begriffen.
Damit man im Stand seyn möge, eine Erkenntniß in Ansehung der Götter zu erlangen, muß man von Jugend auf wohl angeführet, und nicht mit thörichten Meynungen angefüllet worden seyn. Hierzu muß noch eine gute Gemüthsart, ein richtiges Urteil und eine gehörige Aufmerksamkeit auf die Art des Unterrichts kommen. Die Erkenntniß der allgmeinen Begriffen ist auch unentbehrlich. Diese sind diejenige, über welche alle Menschen, wenn sie gefragt werden, eins sind; zum Exempel, daß alle Gottheit gut, dem Leiden nicht unterworfen, und unveränderlich ist. Gewiß, alles, was der Veränderung unterworfen, wird besser oder schlimmer. Ist das letzte, so erlangt es das Böse; ist das erste, so ist das Böse vorher in ihm gewesen.
II. Capitel
Daß Gott unveränderlich, unerschaffen, ewig, uncörperlich, und nicht in einem Ort wirklich da ist.
Diese ist die Beschaffenheit des Zuhörers; und hier ist die Beschaffenheit der Lehre. Die göttliche Naturen sind niemal gemacht worden; denn das, so allezeit war, ist niemals gemacht worden. Nun aber sind diese Naturen, welche die höchste Macht haben, und dem Leiden nicht unterworfen sind, allezeit gewesen. Sie können ihren Ursprung nicht von den Cörpern haben, denn die Kräften der Cörper sind uncörperlich. Sie sind nicht in einen Ort eingeschlossen, denn das ist die Eigenschaft des Cörpers. Sie können nicht, weder von der ersten Ursach, noch von sich unter einander getrennet werden; gleichwie die Begriffe und die Erkenntniß von dem Verstand und von der Seele unzertrennlich sind.
III. Capitel
Von den Fabeln, daß sie göttlich sind, und warum?
Warum haben denn die Alten diese Lehre beyseit gesetzet, und sich der Fabeln bedienet? Diese Frag verdienet untersuchet zu werden. Und das ist schon ein erster Vortheil der Fabeln, daß sie Materie zur Untersuchung enthalten, und daß sie eben dadurch den Geist beschäftigen. Die Göttlichkeit der Fabeln kann aus der Eigenschaft derer bewiesen werden, welche sie vorgebracht haben. Es sind begeisterte Dichter, es sind die fürtreflichste unter den Weltweisen, die Urheber der geheimnißvollen Feyertägen, es sind endlich die Götter selbst, in ihren Aussprüchen. Aber es ist darum zu thun, daß man philosophisch untersuche, warum die Fabeln göttlich sind. Weil alle Wesen dasjenige lieben, was eine Aehnlichkeit mit ihnen hat, und eine Abneigung gegen das haben, was ihnen unähnlich ist, so mußte wohl die Lehre, welche von dern Göttern handelt, ihnen ähnlich seyn, damit sie ihnen anständig wäre, und die Gnade dieser Wesen denen erwürbe, welche sie bekenneten. Nun konnte man darzu nicht gelangen als durch die Fabeln. Sie ahmen die Güte der Götter nach, indem sie gewisse Sachen von ihnen entdecken und ausdrucken, so lang als andere verborgen und unaussprechlich bleiben. So haben die Götter allen Menschen überhaupt die Wohlthaten mitgetheilet, welche mit den Dingen verknüpft sind, so in die Sinne fallen, und haben nur denen verständigen Menschen die geistliche Vergnügen vorbehalten. Die Fabeln lehren imgleichen alle Menschen, daß Götter sind; sie unterrichten aber nur diejenige deutlich, wer sie sind, welche im Stande sind, diese Wissenschaft zu begreifen. Sie sind also Nachahmungen der Wirkungen der Götter; denn diese Welt, ihr Werk, kann selbst eine wahre Fabel genennet werden. Sie ist in der That eine Sammlung von Cörpern, oder sinnlichen Gegenständen, und von Seelen, oder von verborgenen und unsichtbaren Geistern. Wir setzen noch hinzu, (um den Gebrauch der Fabeln zu rechtfertigen) wenn man sogleich alle Menschen in den Wahrheiten unterrichten wollte, welche die Götter betreffen; so würden die unwissende, weil sie die Kraft er zu begreifen nicht haben, diese Lehre verachten, und selbst die fleißigste Menschen würden sich nicht darauf legen. Anstatt daß die Fabeln, indem sie die Wahrheit verstecken, sie gegen die Verachtung der ersten verwahren, und nöthigen auf eine gewisse Art die andern, den Vorwurf ihrer philosophischen Untersuchungen davon zu machen. Aber, wird man doch sagen, worzu dienen denn diese Ehebrüche, diese Diebstähle, diese unmenschliche Kinder, welche ihre Väter an Ketten legen, und so viel andere Ungereimtheiten, damit die Fabeln angefüllet sind? Eben diese anscheinende Ungereimtheit ist der Hauptvorwurf der Verwunderung, weil sie die Seelen nothwendig dahin leitet, daß sie urtheilen, alle diese Lehren seyen nur Decken, und daß sie die Wahrheit, welche damit umhüllet ist, als unaussprechlich ansehen.
IV. Capitel
Daß es fünf Gattungen von Fabeln gibt, und Exempel von einer jeden Gattung.
Es gibt theologische Fabeln; es gibt physische oder natürliche; es gibt andere, welche von den Begriffen unserer Seele hergeleitet werden; es gibt noch andere, welche bey der Materie stehen bleiben; endlich gibt es eine Vermischung von allen diesen Gattungen, und daraus entstehen vermischte. Die theologische Fabeln sind diejenige, welche von keinem Cörper einige Hülfe entlehnen, sondern welche die Götter in ihrem Wesen selbst betrachten. Von dieser Art ist die Fabel des Saturnus, welcher seine Kinder verzehret, wo man auf eine räthselhafte Art das göttliche Wesen bezeichnet. Denn GOtt ist ein verständiges Wesen, und die Eigenschaft eines verständigen Wesens ist die Rückkehr in sich selbst, oder die Betrachtung. Die physische Fabeln entwickeln sich, wenn man die Wirkungen, welche in der Welt sich eräugnen, den Göttern zuschreibt. In diesem Sinn ist Saturnus die Zeit, und er verzehret seine Kinder, weilen die nach einander folgende Theile der Zeit, welche man seine Kinder nennen kann, durch die Zeit selbst zernichtet wird. Die Fabeln, welche ihre Begriffe von unserer Seele herleiten, haben den Zweck ihre Verrichtungen zu betrachten.
(Und diese Lehrart kann auf eben die Materie zugeeignet werden.) Ob sich schon die Begriffe unserer Seelen auser sich ausdehnen, und fremde Vorwürfe umfangen, so bleiben sie doch in dem Ursprung, welcher sie gebiehret. (Das ist immer noch Saturnus, welcher seine Kinder verzehret.) Endlich die letzte Gattung, sind die materialische Fabeln, welche durch die Unwissenheit der Egyptier in Schwang gekommen sind, welche geglaubt haben, die Cörper selbst seyen Gottheiten, und haben ihnen auch die Namen gegeben. Daher haben sie aus der Erde Isis gemacht, aus der Feuchtigkeit Osiris, aus der Hitze Typhon; sie haben das Wasser und den Saturnus, die Früchte und die Adonis, den Wein und den Bacchus mit einander vermischet. Das ist klug geredet, wenn man sagt, daß alle diese Dinge, die Kräuter, die Steine, die Thiere den Göttern gewidmet sind; aber sagen, daß es die Götter selbst sind, das ist die gröste Thorheit; es sey denn daß es in dem Sinn geschehe, in welchem wir gewohnt sind, eben so den Namen der Sonne der Kugel dieses Gestirns, und den Strahlen, welche aus demselben entspringen, zu geben. Es gibt viele Exempel von vermischten Fabeln. Von der Art ist unter andern diejenige, welche von der Mahlzeit der Götter erzählet, wo die Uneinigkeit einen Apfel hinwarf, welcher eine Spaltung unter den Göttinnen verursachte, denen Jupiter den Paris zum Richter gab; und davon der Ausgang war, daß Paris der Venus den Apfel gab, weil er sie vor die schönste hielte. Diese Mahlzeit stellet die Macht der Götter vor, welche über diese Welt erhaben sind, und welche um dieser Ursach willen auf eine gewisse Art bey einander wohnen. Der güldene Apfel ist die Welt, welche, indem sie aus dem Zusammenlauf entgegen gesetzter Ursachen gemacht ist, mit vieler Wahrscheinlichkeit als eine Sach kann angenommen werden, welche die Uneinigkeit ausgeworfen hat. Und weil eine jede Gottheit Gaben von verschiedener Natur über die Welt ausbreitet, so scheinen sie in Ansehung dieses Apfels eine Art von eifersüchtigem Zank unter sich zu haben. Die Seele, welche den sinnlichen Trieben folget, ist Paris. Sie siehet die andere Mächten nicht, welche in der Welt wohnen, sie ist nur von der Schönheit der Venus gerühret, welche sie allein des Apfels würdig achtete. Wenn es die Frage ist, den Gebrauch der Fabeln zu bestimmen, so schicken sich die theologische vor die Weltweisen; diejenige, welche aus der Natur der Welt und unserer Seele herrühren, schicken sich vor die Poeten; und die vermischte Fabeln dienen zu den Gebräuchen, oder geheimnißvollen Festtägen, davon der allgemeine Zweck ist, uns mit der Welt und den Göttern zu vereinigen. Eine andere Fabel, welche wir hier noch als ein Exempel anführen können, ist die Fabel von der Mutter der Götter, welche, als sie den Atys bey dem Fluß Gallus sahe, in ihn verliebt wurde, und nachdem sie ihm einen gestirnten Hut aufgesetzet hatte, ihn allezeit bey sich behielt. Er aber, weil er vor Lieb gegen eine Nymphe entbrannt war, verließ die Mutter der Götter , um sich mit diesem neuen Gegenstand zu vereinigen. Um sich zu rächen, überließ sie den Atys einem Anfall von Wuth, in welcher er sich die Geburtsglieder abschnitt, und sie bey seiner Nymphe ließ; nachdem kehrte er wieder zu der Mutter der Götter zurück, und lebte mit ihr. Die Mutter der Götter ist der göttliche Ursprung, welcher das Leben gibt, und welchen man deswegen Mutter nennet. Atys ist der Schöpfer der Dingen, welche gezeuget werden, und verderben; und daher kommt, daß er vorgestellet wird, als wenn man ihn bey dem Fluß Gallus gefunden hätte. Denn dieser Fluß stellet die Milchstrasse, oder den Milchkreis vor, aus welchem alle Cörper entspringen, welche leiden können. Und weil die Götter vom ersten Rang den Göttern vom zweyten Rang die Vollkommenheit geben, so hat die Mutter der Götter, als sie in den Atys verliebt war, ihm die himmlische Macht gegeben. Und das bedeutet der Hut. Aber Atys verliebt sich in eine Nymphe. Die Nymphen regieren die Geburt; denn alles, was geboren wird, vergehet. Nun aber wie es darum zu thun war, daß diese Geburt vest gesetzt würde, so hat der Schöpfer, welcher der Werkmeister davon ist, die Zeugungskraft in der Mutter gelassen, und sich wieder mit den Göttern vereiniget. Es will nicht sagen, daß dieses jemals geschehen sey, denn dieses ist zu allen Zeiten gewesen: aber die Rede kann nur nach und nach ausdrucken, was der Verstand siehet und auf einmal umfängt. Da sich diese Fabel so schön auf den Zustand der Welt beziehet, wie können wir, wir, die wir die Welt nachahmen (in unsern Gebräuchen,) Fabeln finden, welche zu unserm Zweck schicklicher sind? Das ist der Anlaß unserer Festtäge, welche uns diese Reihe von Begebenheiten vorstellen. Wir sehen da, erstlich, wie wir vom Himmel gefallen, mit der Nymphe vereiniget sind, und uns in Trübsalen befinden; zum Zeichen davon enthalten wir uns des Weizen und aller rauhen Speisen, welche der Seele zuwider sind. Nach diesem stellen die Schnidte in die Bäume und die Fasten vor, daß wir den Grund einer fernern Geburt in uns ausrotten. Nachher kommt eine Milchnahrung, welche eine Wiedergeburt ankündiget. Endlich sind die Freudensbezeugungen, und die Cronen, eine Anzeige der Rückkehr zu den Göttern. Die Zeit, welche man zu diesen Feyerlichkeien widmet, dienet statt eines Beweises vor die Auslegung, welche wir davon geben. Alles dieses geschiehet um die Zeit im Frühling, da Tag und Nacht gleiche Stunden haben, eine Zeit, da sich alle Geschlechte entwickeln, und wo der Tag größer wird als die Nacht, welches eine offenbare Beziehung auf die Seelen hat, die zunehmen. Aus eben dem Grund hat man die Fabel von Wegführung der Proserpina auf die andere Zeit gesetzet, da Tag und Nacht gleich sind, welches nicht anders ist, als das Abnehmen der Seelen. Das ist es, was wir über die Fabeln zu sagen hatten. Möchten die Götter und die Seelen dererjenigen, welche diese Fabeln geschrieben haben, und gnädig seyn!
V. Capitel
Von der ersten Ursach.
Es kommt nun darauf an, daß man die Natur der ersten Ursach, die Natur der verschiedenen Ordnungen der Götter, welche ihr untergeordnet sind, die Natur der Welt, des Geistes, der Seele und des selbstständigen Wesens untersuche; daß man die Vorsehung, das Schicksal, das Glück, das Laster, die Tugend, und die gute oder böse Regierungsformen, welche daraus entstehen, betrachte, und besonders sehe, wem man den Eingang des Uebels in die Welt zuschreiben könne. Eine jede von diesen Materien erforderte sehr weitläufige Abhandlungen; aber es hindert uns doch nichts, daß wir sie in Kürze verhandeln, damit wir nur denen einen Begrif davon geben, welchen sie unbekannt sind. Es ist schicklich, daß die erste Ursach einig sey; denn die EInheit gehet vor aller Zahl her. Sie muß eine Macht und Gütigkeit besitzen, welche alle andere übertrift; und es ist nöthig, daß alles an der Wirkung dieser beyden Vollkommenheiten Theil habe. Denn nicht kann sich seiner Macht widersetzen, und seine Güte verbindet ihn, daß er sich nicht scheide von seinen Werken. Wenn sie eine Seele wäre, so würde alles beseelt seyn; wenn sie ein Verstand wäre, so würde alles geistlich seyn; wenn sie ein selbstständiges Wesen wäre, so würde alles an der Eigenschaft ihrer Selbstständigkeit Theil haben: Und weil einige Weltweisen geglaubt haben, die Wesentlichkeit in allen Dingen wahrzunehmen; so haben sie die erste Ursach als eine Selbstständigkeit angesehen. Das liesse sich behaupten, wenn die Dinge nur ihr Wesen hätten, ohne gut zu seyn. Wenn aber die Dinge, welche da sind, nur um der Güte willen da sind, und des Guten theilhaftig sind; so muß die erste Ursach nothwendiger Weise über die Selbstständigkeit, und die Gütigkeit ihr Wesen seyn. Hier ist ein unwidersprechliches Zeichen davon; weil die grosmüthige Seelen das Wesen, oder das Daseyn verrichten, sobald es mit der Güte im Streit ist, und begeben sich in vielerley Gefahr um ihr Vaterland, um ihre Freunde, und um die Tugend. Nachdem wir diesen Begrif von der unaussprechlichen Macht gegeben haben, wollen wir die Götter eines untern Rangs betrachten.
VI. Capitel
Von den Göttern, welche über der Welt sind, und von denen, die in der Welt sind.
Es gibt Götter in der Welt; und gibt Götter über der Welt. Ich nenne Götter, so in der Welt sind, diejenige, welche die Verfertigung der Dingen selbst regieren. Die Götter über der Welt sind einige die selbstständige Wesen, die andere der Verstand, und noch andere die Seelen. Das theilet sie in drey Classen ein; und man kann sie alle leicht in dem entdecken, was man in Ansehung ihrer lehret. Einige von den Göttern, welche in der Welt sind, geben ihr das Daseyn, andere beleben sie; diese setzen die Uebereinstimmung aller verschiedenen Ursachen vest, aus welchen sie zusammen gesetzt ist; jene aber unterhalten diese Uebereinstimmung, wenn sie einmal vestgesetzet ist. Das sind vier Verrichtungen; und weil eine jede von ihnen drey Stufen hat, den Anfang, die Mitte und das End, so müssen die Götter, welche da vorstehen, an der Anzahl zwölfe seyn. Diejenige also, welche die Welt machen, sind Jupiter, Neptunus und Vulcanus; diejenige, so sie beleben, sind Ceres, Juno und Diana; diejenige, welche wachen, daß alles übereinstimmet, sind Apollo, Venus und Mercurius, und diejenige, so die Uebereinstimmung erhalten, sind Vesta, Minerva und Mars. Die ausgehauene Bildnisse, welche sie vorstellen, sind sehr räthselhafte Bilder davon; der Apollo, zum Exempel, stimmet seine Laute, Pallas ist bewafnet, und Venus ganz nackend; weil die Uebereinstimmung der Grund der Schönheit ist, und weil die Schönheit nicht in sichtbaren Vorwürfen verborgen ist. Weil diese Gottheiten die ersten sind, welche die Welt regieren, so muß man die andere betrachten, als wenn sie ihr Wesen in ihnen hätten, Bacchus im Jupiter, Esculapius im Apollo, die Göttinnen der Anmuth (die Gratien) in der Venus. Wir wollen auch einen Blick auf die Weltkreise thun, welche sie bewohnen. Vesta hat die Erde zu ihrem Theil, Neptuntus das Wasser, Juno die Luft, Vulcanus das Feuer. Und in Ansehung der anderen oberen Kreisen, welche man auch gewöhnlich den Göttern zuschreibet, werden Apollo und Diana vor die Sonne und vor den Mond genommen; die Kugel des Saturnus ist die Wohnung der Ceres, Minerva nimmt die Luft ein, und der Himmel ist der gemeinschaftliche Sitz der Götter. Das sind die Ordnungen, die Mächte und die Kreise der zwölf Götter; und nach diesen Begriffen preiset man sie in den Lobgesängen, welche zu ihrer Ehre gemacht sind.
VII. Capitel
Von der Natur der Welt, und ihrer Ewigkeit.
Es ist nothwendig, daß die Welt unverweslich sey, und nicht gezeuget. Unverweslich; denn wenn sie zerstöret würde, so könnte es nur geschehen, um eine andere hervorzubringen, entweder eine schlimmere, oder bessere, oder eben dieselbe, oder um alles in Unordnung zu bringen. Wenn es eine schhlimmere ist, so muß das Wesen, welche die Dinge aus dem bessern in das schlimmere verwandelt, bös sein. Ist es eine bessere, so fehlet es dem Wesen an Macht, welches sie nicht gleich von Anfang so gemacht hat. Ist es die nämliche, so ist es eine vergebliche Mühe. Und seine Zuflucht zu der Verwirrung zu nehmen, das ist ein Gedanke, den man sich nicht einmal darf in den Sinn kommen lassen. Daß die Welt nicht gezeuget sey, das beweisen nachfolgende Beweise hinlänglich. Was nicht verweslich ist, kann nicht gezeiget worden seyn; denn alles, was gezeuget ist, ist derVerwesung unterworfen. Zudem, weil die Güte GOttes der Grund des Daseyns der Welt ist, so muß die Welt allezeit gewesen seyn, weil GOtt allezeit gut gewesen ist. Es verhält sich damit, wie mit dem Licht, welches die Sonne und das Feuer allezeit begleitet, oder wie mit dem Schatten, welcher von den Cörpern nicht kann getrennet werden. Unter den Cörpern, welche in der Welt sind, gibt es einige, welche durch ihre zirkelrunde Bewegung den Verstand nachahmen, und andere, welche, wie die Seele, eine gerade Bewegung haben. Solche sind unter diesen letzten das Feuer und die Luft, deren Einrichtung gerad in die Höhe gehet, die Erde und das Wasser, welche unter sich treiben. Was die Dinge betrift, welche eine zirkelrunde Bewegung haben, so hat man den Kreis der Fixsterne, welcher vom Aufgang bis zum Untergang gehet; und die sieben Kreise der Planeten, welche vom Untergang bis zum Aufgang gehen. Es gibt verschiedene Ursachen dieser Bewegungen; und diejenige insbesondere, welche verhindert, daß die Wiederkehr der Kreise der Gestirnen nicht so schnell geschehe, hat keinen andern Zweck, als der Unvollkommenheit der Zeugungen vorzubeugen. Die Verschiedenheit, welche in diesen Bewegungen herrschet, beweiset auch nothwendig, die verschiedene Natur der Cörper. Ein himmlischer Cörper, zum Exempel, kann weder brennen, noch Kälte erwecken, noch eine von den Wirkungen hervorbringen, welche den vier Elementen eigen sind. Die ganze Welt ist ein Kreis, wie es der Sonnenkreis anzeiget. Nun aber ist in einem jeden Kreis der untere Theil nur die Mitte; denn sie ist die entfernteste von allen. Daher kommt, daß die schwere Cörper, welche unter sich gerichtet sind, nach der Erde zu gehen. Das alles ist das Werk der Götter, der Verstand ordnet es an, und die Seele bewegt es. Das ist genug über die Götter.
VIII. Capitel
Von dem Verstand und von der Seele, daß die Seele unsterblich sey.
Es gibt eine Kraft, welche unter dem selbstständigen Wesen (der Substanz), aber über der Seele ist; denn sie hat ihr Wesen von der Substanz, und sie machet die Seele vollkommen, wie die Sonne die Augen erleuchtet. Es gibt vernünftige und unsterbliche Seelen; es gibt andere, welche der Vernunft beraubet, und dem Tod unterworfen sind. Die ersten gehen aus von den Göttern vom ersten Rang: die andere von den Göttern vom zweyten Rang. Aber man muß vor allen Dingen untersuchen, was die Seele ist. Ich glaube, daß sie in der Ursach bestehe, welche den Unterscheid zwischen beseelten und leblosen Dingen macht. Dieser Unterscheid hat statt in Ansehung der Bewegung, der Empfindung, der Einbildungskraft, und des Verstandes. Die Seele, welche der Vernunft beraubt ist, bleibt bey der Empfindung und bey der Einbildung stehen. Die vernünftige Seele nimmt die Gewalt über die Empfindung und Einbildung, und bedienet sich zu dem Ende der Vernunft. Die Seele ohne Vernunft gehorchet denen Leidenschaften des Leibes, der Luft, dem Zorn. Die vernünftige Seele verachtet den Leib: und wenn sie mit der unvernünftigen Seele streitet, wirket ihr Sieg die Tugend; wird sie aber überwunden, so folget das Laster. Ihre Unsterblichkeit ist nothwendig, weil sie die Götter kennet; denn das Sterbliche hat niemal das Unsterbliche erkannt. Mann kann es noch aus der Verachtung schliessen, welche sie vor menschliche Dinge hat, indem sie selbige als fremd ansieht, und aus dem, daß sie den Cörpern entgegen gesetzt ist, als ein uncörperliches Wesen: Denn wenn die Cörper, so zu sagen, noch ganz neu und schön sind, so ist die Seele schwach und gleichsam verirret, an statt daß die Seele an Kräften zunimmt, und in einem blühenden Zustand ist, wenn die Leiber anfangen alt zu werden. Noch mehr, eine jede geschäftige Seele bedienet sich des Verstandes, welcher von keinem Cörper gezeuget ist; denn wie sollte der Verstand seinen Ursprung von dem haben, was desselben beraubet ist? Und ob sich schon die Seele des Leibes als eines Werkzeugs bedienet, so ist sie doch nicht in ihm, eben so wie ein Gerüstkünstler nicht in seinem Kunstwerk ist; doch gibt es viele von diesen, welche sich bewegen, ohne daß sie jemand anrühre. Endlich, wenn der Cörper die Seele oft von ihrem rechten Weg abwendet, muß man sich nicht darüber wundern; es verhält sich ferner damit, wie mit den Kunstwerken, welche ihre Wirkung nicht hervorbringen, wenn die Triebfedern beschädigt sind.
IX. Capitel
Von der Vorsehung, von dem Schicksal, und von dem Glück.
Man erkennet die Vorsehung der Götter an folgenden Merkmalen. Woher käme die Ordnung, welche in der Welt herrschet, wenn kein Urheber dieser Ordnung wäre? Warum gibt es nichts, das sich nicht auf einen gewissen Endzweck beziehet. Zum Exempel, die Seele, welche der Vernunft beraubt ist, beziehet sich auf die Empfindung, und die vernünftige Seele ist bestimmt die Zierde der Erde zu seyn? Man nimmt auch die Vorsorge der Vorsehung in Ansehung der Natur wahr. Die Durchsichtigkeit der Augen ist zum Gebrauch des Gesichts bestimmt; die Nase hat ihren Platz über dem Mund, um den bösen Gerucht zu unterscheiden; die Zähne in der Mitte sind spitzig, um die Speisen zu zerschneiden; die hinterste sind breit, um sie zu zermalmen. Also sehen wir, daß alles in allen Dingen nach dem Grund der Vernunft eingerichtet ist. Nun aber ist es unmöglich, daß die Vorsehung, welche sich über die geringste Kleinigkeiten ausdehnet, nicht auf die erste und wichtige Dinge Einfluß habe. Die Weissagungen und Heilungen, welche in der Welt geschehen, können nur von der gütigen Vorsehung der Götter herkommen. Inzwischen muß man doch nicht denken, daß die Götter, wenn sie vor diese Welt sorgen, verbunden sind ihren Willen zu vollführen, und einiger Arbeit abzuwarten. Es verhält sich damit, wie mit den Cörpern, welche gewisse Kräfte haben, und sie eben dadurch anwenden, daß sie da sind. Das Daseyn der Sonne, zum Exempel, führet von selbst die Wirkungen des Lichts und der Hitze mit sich. Um soviel mehr verschaffet die Vorsehung der Götter, ohne Mühe und ohne Arbeit, das Wohl derer Dingen, welche der Vorwurf davon sind. Dadurch kann man die Zweifel der Epicurer auflösen, wenn sie sagen, daß sich die Gottheit weder selbst beschäftigen, noch andern Arbeit gehen könne. Diese ist die uncörperliche Vorsehung der Götter, welche die Cörper und die Seelen zum Vorwurf hat. Es gibt eine andere, welche von den Cörpern ist, und welche man das Schicksal nennet, weil es eine Gattung von Verknüpfung ist, welche man mehr in den Cörpern wahrnimmt. Die Wissenschaft der Mathematic hat daher ihren Ursprung. Die Angelegenheiten der Menschen werden also nicht allein von den Göttern, sondern auch von den göttlichen Cörpern regieret; und das ist hauptsächlich wahr und vernünftig in Ansehung der cörperlichen Natur. Die Vernunft entdecket darinn den Grund der Gesundheit und der Krankheit, des Glücks und des Unglücks, nach eines jeden Zustand. Aber sagen, daß die Ungerechtigkeiten und Wohllüsten die Wirkung des Schicksals sind, das wäre soviel, als und vor gut, und die Götter vor bös halten. Es sey denn daß jemand sagen wolle, daß alles in der Welt zum Guten gerichtet ist vor diejenige, welche der Natur folgen; aber daß eine böse Erziehung und eine schwache Leibesbeschaffenheit zum Bösen kehren, was das Schicksal zum Guten eingerichtet hatte. Auf diese Weise ist die Sonne, welche eine fürtrefliche Sache vor die ganze Welt ist, denen beschwerlich, welche böse Augen oder das Fieber haben. Warum verzähren die Massageten ihre Väter? Warum leiden die Hebräer die Beschneidung, und warum behalten die Perser ihren Adel? Woher kommt es, daß man zu der Zeit, da man dem Saturnus und dem Mars zuschreibt, daß sie die Ursache verschiedener Uebel sind, eine Quelle von Gutem aus ihnen machet, indem man ihrem gütigen Einfluß auf die Weltweisheit, die königliche Würde, die Anführung der Kriegsheere, die Besitzung der Schätzen zu schreibt. Wenn dieses von dem Drey- und Viereck abhängt, so ist es ungereimt, daß man von der Tugen der Menschen eine unveränderliche Sache mache, da inzwischen die Götter ihren Platz beständig ändern. Wenn man den Adel oder das niedrige Herkommen der Väter vorhersagen kann, so ist das ein Beweis, daß die Sterne nicht alles ausmachen, sondern daß sie nur gewisse Dinge anzeigen. Denn wie könnten wohl gewisse Einrichtungen der Gestirne, welche vor der Geburt vorhergehen, von der Geburt selbst abhangen. Nebst der Vorsehung und dem Schicksal, welche sich über Völker, über Städte, und über einen jeden Menschen ausbreiten, ist noch das Glück; davon wir hier etwas, nach der Ordnung der Materien, sagen müssen. Man benennet mit diesem Namen die verschiedene Dinge, welche uns wider unser Erwarten begegnen, und welche die Götter durch ihre Macht zu unserm Besten wenden. Es ist hauptsächlich um des Glücks willen, daß es allen Ständen zukommt den Göttern einen Dienst und Ehrerbietung zu bezeigen. Denn die Beschaffenheit eines Standes entstehet aus der Vereinigung verschiedener Dinge. Das Glück übet seine Macht über unsern Kreis aus, welcher unter dem Mond ist; aber über dieser Gegend geschiehet nicht von ohngefähr. Man muß sich auch nicht drüber wundern, wenn das Glück denen Gottlosen günstig ist, da inzwischen die Frommen Mangel haben. Denn wenn die erste ihr ganzes Glück in den Reichthümern setzen, so achten sie diese gar nicht. Zudem tilget das Glück der Gottlosen ihre Laster nicht; und die Tugen ist denen ehrlichen Leuten vor sich selbst genug.
X. Capitel
Von der Tugend und von dem Laster.
Um zu erklären, was die Tugen und das Laster betrift, muß man sich dessen erinnern, was wir von der Seele gesagt haben. Die Seele, welche der Vernunft beraubt ist, erreget sogleich in den Cörpern den Zorn und die Lust, aber die vernünftige Seele mäsiget diese Neigungen; so daß man drey Dinge in der Seele unterscheiden kann, die Vernunft, die Neigung zum Zorn, und die Begierlust. Die Tugen ist diese Klugheit der Vernunft, welche den Zorn in Stärke verwandelt, welche der Lust dem Zaum der Mäsigung anleget, und welche der ganzen Seele die Gerechtigkeit zum Führer gibt. Die Verrichtung der Vernunft ist, die schickliche Dinge zu unterschieden, damit der Zorn ihr gehorche, und die Dinge verachte, welche schrecklich scheinen, und daß die Lust nicht bey den anscheinenden Vergnügen stehen bleibe, sondern der Leitung der Vernunft folge. Wenn es also gehet, so entstehet daraus ein gerechtes Leben; ein Gedanke, welcher viel ausgedehnter ist, als dieser kleine Theil der Tugend, welchen man gemeiniglich Gerechtigkeit nennet, und welcher die Redlichkeit in Verwaltung der Reichthümer zum Vorwurf hat. Auch siehet man alle Tugenden in denen vereinigt, welche guten Unterricht bekommen haben, an statt daß die Unwissende nur einige Tugenden von geringem Werth besitzen: Einer wird Herzhaftigkeit haben, aber ungerecht seyn; ein anderer wird mäsig, aber unverständig seyn; ein dritter wird die Klugheit ohne die Mäsigung zum Antheil haben. Das sind keine Tugenden, weil die Vernunft keinen Theil daran hat, weil sie unvollkommen sind, und weil sie einige Thiere besitzen. Das Laster bestehet in den entgegen gesetzten Gemüthsverfassungen; in der Unordnung der Vernunft, in der Schande der Neigung zum Zorn, in der Unmäßigkeit der heftigen Begierde, und in der Ungerechtigkeit der ganzen Seele. Die Tugenden entstehen aus der guten Regierung der Staaten, aus der vernünftigen Auferziehung, und aus dem Unterricht. Das Gegentheil bringt die Laster hervor.
XI. Capitel
Von der guten und bösen Regierung.
Die Regierung der Staaten scheinet nach dem Abriß der drey Theile der Seele eingerichtet zu seyn. Diejenige, so die Herrschaft haben, stellen die Vernunft vor; die Soldaten die Neigung zum Zorn; das Volk die heftige Begierde. Da wo alles durch die Vernunft regiert wird, und wo der Beste regiert, das ist der monarchische Staat. Da, wo die Regierung von mehr denn einer Person besorgt wird, und wo die Neigung zum Zorn sowohl Einfluß hat als die Vernunft, das wird Aristocratie genennt. Wo die Lust herrschet, und wo man alles nur zu seinem besondern Nutzen anwendet, das ist die Democratie. Das Gegentheil von dem monarchischen Staat ist die Tyranney, weil in dem ersten alles mit Vernunft geschiehet, und in dem andern alles gegen die Vernunft. Das Gegentheil von der Aristocratie ist die Oligarchie, wo die Regierung bey einigen wenigen steht; denn anstatt der Besten, ist es eine kleine Anzahl der Schlimmsten, welche regieren. Endlich das Gegentheil von der Timocratie ist die Democratie, welche Platz hat, wenn nicht die Reichsten die Angelegenheiten besorgen, sondern das Volk überhaupt Meister ist.
XII. Capitel
Woher das Böse kommt; und daß das Böse nicht von Natur ist.
Aber woher kommts, daß, da die Götter gut sind und alles machen, doch so viel Böses in der Welt ist? Die erste Anmerkung, welche sich uns hierüber darstellt, ist, daß das Böse nicht von Natur da ist, und daß es alsdann ensteht, wenn das Gute entfernt ist; eben wie die Finsterniß nicht von sich selbst ist, und nur in dem Mangel des Lichts besteht. In der That, wenn das Böse ein wirkliches Daseyn hätte, so müßte es nothwendig in den Göttern, in dem Verstand, in der Seele, oder in dem Leibe seyn. Es ist nicht in den Göttern, weil alle Gottheit gut ist. Sagen von dem Verstand, daß er bös ist, das ist sagen, daß er ohne Verstand ist. Es von der Seele behaupten, das ist sie unter den Leib setzen; denn ein jeder Cörper vor sich selbst hat nichts Böses. Das Böse von der Vereinigung der Seele und des Leibs zugleich herleiten, das ist ungereimt, weil zwey Dinge, davon ein jedes besonders nicht böse ist, das Böse durch ihre Vereinigung nicht bilden können. Wenn man vorgibt, daß die Teufel bös sind, so kann man es nicht beweisen. Denn wenn sie ihre Kräften von GOtt haben, können sie nicht bös seyn; und wenn sie dieselbe anderswoher haben, so bringen also die Götter nicht alles hervor. Wenn sie nicht alles hervorbringen, so wollen sie es, und könnens nicht, oder sie könnens, und wollens nicht. Weder das eine noch das andere schickt sich vor die Gottheit. Man siehet also aus allen diesen Betrachtungen, daß nichts in der Welt ist, das natürlich bös sey. Es scheinet, das Böse sey nicht einmal allezeit in den Handlungen der Menschen, und diejenige, so vor bös gehalten werden, sind es nicht in ihrer ganzen Ausdehnung. Wann die Menschen das Böse um des Bösen willen thäten, so würde die Natur selbst bös seyn. Aber derjenige, der den Ehebruch begehet, siehet den Ehebruch als etwas Böses, und die Wollust als was Gutes an. Derjenige, welcher tödtet, sieht den Todtschlag als was Böses, und das Geld, so er dadurch bekommt, als was Gutes an. Derjenige, so seinem Feind Unrecht thut, weis wohl, daß Unrecht thun etwas Böses ist, aber er nennt etwas Gutes das Vergnügen der Rache. Das ist die beständige Ursach der Vergehungen der Menschen, und der Begrif des Guten ist allezeit die Ursach, welche das Böse hervorbringt. Es verhält sich damit, wie wir schon gesagt haben, so wie mit dem Licht. Wenn es nicht da ist, so kommt die Finsterniß, welche natürlicher Weise ein Nichts ist. Die Seele verirrt sich, wenn sie dem Guten nachläuft; und sie betrügt sich in ihrem Gegenstand, weil das nicht das erste Wesen ist. Auf einer andern Seite haben die Götter ungemein viel Vorsichtigkeit gebraucht, um die Seele vor den Irrthümern zu bewahren, oder um sie davon zu befreyen, wenn sie davon eingenommen ist. Die Künste, die Wissenschaften, die Tugenden, die Gebeter, die Opfer, die geheimnißvolle Gebräuche, die Gesetze, die Regierungsarten, die Gerichte und die Strafen, alles das ist bestimmt, die Seele gegen die Sünde zu verwahren. Endlich, wenn sie aus dem Leibe gehen, so gibt es Götter, welche ihnen die Aussöhnung verschaffen, und Teufel, welche sie von ihren Sünden reinigen.
XIII. Capitel
Wie man von ewigen Dingen sagen kann, daß sie hervorgebracht sind?
Diejenige, welche fähig sind, daß sie sich von der Weltweisheit leiten lassen, und deren Seelen nicht unheilbar sind, können hinlänglichen Nutzen aus dem ziehen, was wir von den Göttern, von der Welt und von der Regierung der menschlichen Angelegenheiten gesagt haben. Es bleibt und noch übrig zu sagen, wie diese Dinge sind hervorgebracht worden, und doch eins von dem andern kann getrennt werden, weil wir oben gesagt haben, daß die Nebenursachen, die Welt, und was sie in sich begreift, von den ersten (den Göttern) sind hervorgebracht worden. Alles, was hervorgebracht ist, kommt von der Natur, von der Kunst, oder von einer Macht her. In den Werken der Natur, oder der Kunst, muß nothwendig die Ursach vor der Wirkung hergehen; und dasjenige, so von einer Macht herkommt, ist zugleich da mit ihr, weil es unzertrennlich von ihr ist. So verhält es sich mit dem Licht in Ansehung der Sonne, mit der Hitze in Ansehung des Feuers, mit der Kälte in Ansehung des Schnees. Wenn die Welt ein Werk der Kunst der Götter ist, so haben sie ihr das Wesen nicht gegeben, aber sie haben nur gemacht, daß sie ist, was sie ist: Denn eine jede Kunst gibt nur die äußerliche Gestalt. Woher kommt also, daß die Welt das Wesen hat? Wenn sie von sich selbst ist, wie kann dasjenige, so von sich selbst wirket, von seinem eignen Wesen dem etwas mitheilen, was es hervorbringt? Zudem, weil die Götter uncörperlich sind, müßte die Welt auch uncörperlich seyn. Oder wenn man will, daß die Götter uncörperlich sind, woher kommt denn das Vermögen der uncörperlichen Dingen? Und wenn wir auch diesen Grundsatz zugäben, daß die Götter cörperlich sind, so folgte nothwendig daraus, daß die Zernichtung der Welt die Zernichtung ihres Urhebers, zu dessen Natur sie geboren würde, nach sich zöge. Weil also die Welt weder eine Wirkung der Kunst, noch der Natur der Götter ist, so bleibt übrig, daß sie das Werk ihrer Macht sey. Nun aber ist alles, was von einer Macht hervorgebracht ist, zugleich da mit der Ursach, in welcher sie wohnet. Dem zufolge, was einmal auf diese Art hervorgebracht ist, kann nicht umkommen, es sey denn, daß man die Ursach, wovon er herkommt, seiner Macht beraube. Diejenige also, welche sagen, daß die Welt vernichtet wird, leugnen das Daseyn der Götter, oder wenn sie bejahen, glauben sie Götter ohne Macht. Aus dem Grund, daß ein Wesen ist, welches alle Dinge durch seine Macht hervorgebracht hat, müssen alle Dinge von je her zugleich mit ihm gewesen seyn. Und wie es die höchste Macht ist, so hat sie nicht nur die Menschen und die Thiere hervorgebracht, sondern sogar die Götter und die Teufel. Der unendliche Unterscheid, welcher zwischen dem höchsten GOtt und unserer Natur ist, fordert, daß zwischen ihm und uns unendlich viel andere Mächte seyen. Denn es gibt allezeit verschiedene Mitteldinge zwischen denjenigen, welche von einander getrennt sind; und das verhältnißweise mit dem Zwischenraum.
XIV. Capitel
Wie sich die Götter, da sie unveränderlich sind, erzürnen und besänftigen können?
Diejenige, so die Unveränderlichkeit der Götter als einen vernünftigen und der Wahrheit gemäsen Begrif ansehen, sind im Zweifel über die Art, wie die Götter ein Vergnügen an den redlichen Leuten, und einen Abscheu an den Gottlosen haben können. In der Tat, sie erzürnen sich gegen die Sünder, und besänftigen sich durch demüthigen Gehorsam. Man muß doch bemerken, daß sich die Gottheit nicht freuet; denn dasjenige, so der Freude fähig ist, ist auch der Traurigkeit fähig; daß sie sich nicht erzürnt, denn der Zorn ist eine Leidenschaft; endlich daß man sie durch Geschenk nicht besänftigt, denn sonst würde sie den Reizungen der Wollust nachgeben. Es ist auch nicht erlaubt zu glauben, daß die menschliche Angelegenheiten weder zum Guten noch zum Bösen Einfluß auf die Götter haben können. Sie sind von Ewigkeit her gut und wohltätig, sie schaden niemals, sie betragen sich immer gleich. Wir, wenn wir gut sind, so vereinigt uns diese Aehnlichkeit auf eine gewisse Art mit den Göttern, und wenn wir bös sind, so scheidet uns diese Unähnlichkeit von ihnen. Wenn wir uns der Tugend gemäs aufführen, so sind wir mit der Gottheit verbunden; wenn wir uns in das Laster stürzen, so machen wir uns die Götter zu Feinden, nicht weil sie sich erzürnen, sondern weil unsere Sünden sie hindern uns zu erleuchten, und uns denen rächenden Teufeln überantworten. Wenn das Gebet und die Opfer uns die Vergebung unserer Sünden zuwege bringen, indem sie die Götter lenken und in Ansehung unserer ändern, so geschiehet es im Grund nur darum, weil unsere Handlungen, und unsere Wiederkehr zu der Gottheit, uns von unserer Bosheit heilen, und uns von neuem der Güte der Götter theilhaftig machen. Die Götter entfernen sich also nur von den Gottlosen, und haben einen Abscheu vor ihnen, eben so, wie die Sonne sich vor diejenige verfinstert, welche des Gesichts beraubt sind.
XV. Capitel
Warum wir die Götter ehren, welche nichts bedürfen?
Was wir schon gesagt haben, dient auch, die Frage von den Opfern, und von den andern Theilen des Dienstes, den man den Göttern leistet, aufzulösen. Die Gottheit bedarf nichts; also beziehet sich der Dienst, den wir ihr leisten, nur auf unsern Nutzen. Die Vorsehung der Götter ist überall ausgebreitet, man muß aber eine gewisse Geschicklichkeit haben, um sie wahrzunehmen. Nun aber besteht alle Geschicklichkeit in der Nachahmung und in der Aehnlichkeit. Daher kommt es, daß uns die Tempel den Himmel vorstellen, die Altäre die Erde, die gehauene Bildnisse das Leben, (und aus diesem Grund sind sie Gleichnisse der Thieren) das Gebet den Verstand, die Buchstaben drucken die öberste und unaussprechliche Mächte aus, die Kräuter und die Steine die Materie, und die Opfer, welche man opfert, den Lebensgeist, der in uns, und der Vernunft beraubt ist. Keines von diesen Dingen verbessert den Zustand der Götter; denn in welcher Absicht könnte er verbessert werden? Aber das sind Mittel, durch welche wir uns mit ihnen vereinigen
XVI. Capitel
Von den Opfern, und von den andern Theilen des Gottesdiensts. Daß die Götter keinen Vortheil davon haben, und welcher derjenige ist, den er den Menschen zuwege bringt?
Es scheint mir dienlich zu seyn, daß ich hier zwey Worte über die Opfer hinzusetze. Weil wir alles von den Göttern haben, so ist es billig, daß wir unsern Wohlthätern zum wenigsten die Erstlinge von unsern Geschenken darbringen. Wir geben die Erstlinge von unseren Reichthümern, durch die Opfer, welche wir in den Tempeln heiligen; die Erstlinge der Cörper durch die Zierrathen; und die Erstlinge des Lebens durch die Opfer-Thiere. Das Gebet, ohne die Aufopferung der Opfer-Thiere, sind nur Worte; aber diese Worte werden, so zu sagen, beseelt, wenn sie von den Opfern begleitet werden. In der That, die Sprache oder die Vernunft gibt dem Leben Kraft; und das Leben hinwiederum beseelt das Wort. Noch mehr, die Glückseligkeit eines jeden Dings besteht in seiner eigenen Vollkommenheit; und diese Vollkommenheit ist vor ein jedes besonderes Wesen nichts anders, als die Vereinigung mit seiner Ursach. Aus diesem Grund ist der Zweck unserer Gebeter, daß wir die Vereinigung mit den Götern erhalten. Nun aber, wie das Leben ursprünglich und eigenthümlich den Göttern zugehöret, und das Leben der Menschen nur ein entlehntes Leben ist; so hat derjenige, so sich mit der ersten Ursach des Lebens vereinigen will, eine Gattung von Vermittlung nöthig. Denn die Dinge, welche eins von dem andern sehr weit entfernt sind, bedürfen ihr allezeit; und diese Vermittlung muß eine Aehnlichkeit mit denen Dingen haben, welche sie bestimmt ist zu vereinigen. Das Leben mußte also dem Leben zur Vermittlung dienen; und in dieser Absicht haben alle gottsfürchtige Menschen, sowohl die heutige, als auch diejenige, welche vorzeiten gelebt haben, Thiere zum Opfer aufgeopfert, und opfern sie noch. Sie haben es nicht auf gerathe wohl gethan, sondern haben einer jeden Gottheit die Opfer, welche sich vor sie schicken, dargebracht, und haben verschiedene andere äusserliche Gebräuche hinzugesetzt. Das ist genug über diese Materie.
XVII. Capitel
Daß die Welt ihrer Natur nach unverweslich ist.
Wir haben gesehen, daß die Götter die Welt niemal zernichten werden; laßt uns nun beweisen, daß sie ihrer Natur nach unverweslich ist. Alles, was umkommt, wird durch sich selbst, oder durch einen andern zernichtet. Wenn also die Welt vor sich selbst untergienge, so müßte sich das Feuer von sich selbst verzehren, und das Wasser von sich selbst vertrocknen; oder, wenn dieses von einer Ursach ausser ihr herkäme, so würde diese Ursach entweder cörperlich, oder uncörperlich seyn. Es ist unmöglich, daß der Untergang der Welt von einer uncörperlichen Ursach herkomme; denn die Wesen von dieser Art sind im Gegentheil die Ursach der Erhaltung der Cörper, wie man es in der Natur und in der Seele sehen kann. Nun aber kann nichts vernichtet werden von einer Ursach, welche natürlicher Weise erhaltend ist. Wenn der Cörper die Welt zernichtet, so müssen es die Cörper seyn, welche da sind, oder andere. Sind es die Cörper, welche da sind; so werden entweder diejenige, welche einen runden Lauf haben, diejenige zernichten, welche sich in gerader Linie bewegen, oder das Gegentheil wird geschehen. Aber die Cörper, deren Umlauf zirkelrund ist, haben keine Natur, welche tüchtig ist die Vernichtung der andern zu wirken; und wir sehen auch nicht, daß eine vernichtende Kraft von ihnen ausgehe. Diejenige, so sich gerad bewegen, können die andern nicht erreichen; zum wenigsten ist es bis jetzo noch nicht thunlich gewesen. Man kann auch nicht sagen, daß die Dinge, welche eine gerade Bewegung haben, sich unter einander aufreiben; denn man weis, daß die Verwesung eines Dings das andere allezeit gebiehret: welches eigentlich nur eine Verwandlung ist. Wenn noch andere Cörper übrig bleiben, welche die Ursach des Untergangs der Welt seyn können, so ist niemand im Stand zu sagen, woher sie kommen, und wie sie wirklich sind. Noch mehr, eine jede Zernichtung geschieht in Ansehung der äusserlichen Gestalt, oder in Ansehung der Materie. Die äusserliche Gestalt gibt die Bildung; die Materie macht den Cörper selbst aus. Wenn sich die äusserliche Bildungen unter einander zerstöhren, und die Materie bleibt, so entstehen daraus andere Hervorbringungen. Wenn aber die Materie selbst der Zernichtung unterworfen ist, wie kommts, daß seit so vielen Jahrhunderten noch etwas davon übrig ist? Wird man sagen, daß an statt derjenigen, welche umkommt, andere entsteht; aber sie müßte von Dingen herkommen, welche da sind, oder von solchen, welche nicht da sind. Im ersten Fall, wie die Dinge, welche da sind, allezeit bleiben, so folgt daraus, daß die Materie allzeit gewesen ist. Und wenn die Dinge, welche da sind, vergänglich sind, so muß nicht allein die Welt, sondern das Ganze verweslich seyn. Es ist etwas unmögliches voraus setzen, wenn man behauptet, die Materie komme von Dingen her, welche nicht da sind. Denn wenn dieses Vorgeben Plätz hätte, und es möglich wäre, daß die Materie von Dingen herkomme, welche nicht da sind, so wäre man berechtigt zu sagen, daß die Materie dauern wird, so lang als die Dinge, welche nicht da sind, da seyn werden. Zu dem können die Dinge, welche nicht sind, nicht umkommen. Wenn man die Meynung wählet, daß man sagt, daß die Materie da ist, aber ohne Gestalt, so wird man fragen, warum diese Eigenschaft, welche der ganzen Welt zukommt, nicht in ihren Theilen wahrgenommen wird. Und zudem, bedeutet dieser Begrif nicht die Zerstöhrung der Cörper, sondern nur die Zerstöhrung ihrer Schönheit. Ueberdas, alles, was zernichtet, wird, ist es, entweder wenn es sich in den Stoff, auflöset, aus welchem es ist gebildet worden, oder wenn es sich in dem Nichts verliehrt. Dasjenige, so zu seinem Ursprung zurückkehret, kann zu neuen Hervorbringungen dienen; worzu wäre es sonst von Anfang an bestimmt gewesen? Wenn es Dinge gibt, so in das Nichts wieder zurückkehren, was hindert, daß sich die Götter nicht in eben dem Fall befinden? Wenn man sagt, es sey ihre Macht, so steht es der Macht nicht an, daß die sich einzig und allein mit ihrer Erhaltung beschäftige. Es ist also gleich unmöglich, daß ein Ding aus dem Nichts hervorkomme, und wieder in das Nichts zurückkehre. Ein anderer Beweis über diese Materie ist, daß, wenn die Welt untergeht, so muß es nothwendig nach dem Lauf der Natur, oder gegen diesen Lauf geschehen. Aber es gibt keine Ursach in der Welt, welche wider die Natur, und vor derselben gewesen sey. Inzwischen, wenn die Welt wider den Lauf der Natur zernichtet würde, so müßte man eine andere Natur zum voraus setzen, welche die Ursach des Untergangs der Welt wäre; welches keinen Beyfall verdient. Was die Dinge betrift, welche nach dem Lauf der Natur vergänglich sind, so gibt es keine, welche wir nicht selbst zernichten können; aber niemand ist jemals im Stand gewesen, den Umlauf der großen Cörper des Ganzen, oder die Natur der Elementen zu verletzen. Endlich, alles, was vergänglich ist, erfähret die Abwechslungen der Zeit, und wird alt; an statt daß die Welt seit so vielen Jahrhunderten allezeit in dem nemlichen Stand bestehet. Nachdem wir diese gründliche Beweise denjenigen geliefert haben, welche ihrer bedürfen, so bitten wir die Welt, daß sie uns wolle gnädig seyn.
XVIII. Capitel
Woher der Atheismus kommt; und daß die Gottheit dadurch nicht verletzet wird.
Der Atheismus, welcher sich an verschiedenen Orten der Welt offenbaret, und in den nachfolgenden Zeiten noch oft offenbaren wird, ist nicht werth, daß er vernünftigen Menschen einige Unruhe verursache. Die Götter selbst sind dadurch nicht angetastet, entweder aus eben dem Grund, daß unsere Ehrerbietung ihnen keinen Nutzen schaffet, wie wir es oben gesehen haben, oder, weil die Seel mittelmäßiger Natur, und also ohnmöglich ist, daß sie niemals in den Irrthum falle. Noch mehr, die ganze Welt kann nicht einen gleichen Antheil an der Vorsehung der Götter haben: Es gibt Dinge, welche von Ewigkeit her ein Vorwurf derselben sind; einige sind es nur in der Zeit. Jene haben den ersten Platz; diese aber den zweyten in dem Antheil an der Vorsehung. Eben so vereinigen sich alle Sinnen an dem Haupt, an statt daß der ganze Leib nur einen zum Antheil hat. Darauf, dünkte mir, haben diejenige gemerket, welche die feyerliche Festtage eingesetzt haben, indem sie Zeiten festgesetzt haben, da die äusserliche Gebräche unterbrochen, und die Tempel verschlossen sind. Sie sind selbst so weit gegangen, daß sie die Zierrathen daraus genommen haben, um die Schwachheit unserer Natur zu heiligen. Uebrigens ist der Atheismus wahrscheinlicher Weise eine Gattung von Strafe. Es gehört sich, daß diejenige, welche die Götter erkannt, aber sie verachtet haben, im andern Leben ganz und gar nichts von ihnen wissen. Es ist auch billig, daß diejenige, welche ihren Königen diejenige Ehre erwiesen haben, so man nur den Göttern schuldig ist, so zu sagen, durch den Verlust der Götter gestraft zu werden.
XIX. Capitel
Warum die Sünder nicht sogleich gestraft werden?
Wenn diese Verbrechen und alle andere nicht sogleich gestraft werden, so dürfen wir uns darüber nicht wundern. Denn es sind nicht nur die Teufel, welche die Seelen strafen; sondern die Seele selbst überantwortet sich der Strafe; und weil sie ewig währen soll, so war es nicht nöthig, daß sie in einem kurzen Zeitraum alle die Stände erführe, welche sie leiden muß. Man mußte überdas der menschlichen Tugen Anlaß geben sich zu offenbaren. Denn wenn die Sünder sogleich gestraft würden, so würden die Menschen nur aus Furcht fromm seyn, und keine Tugen haben. Aber die Strafe wartet auf sie, wenn sie aus diesem Leib fahren. Einige von den Seelen bleiben irrend, die andere sind in warme oder kalte Gegenden der Erde verwiesen, einige sind von den Teufeln gequälet. Sie behalten alle diese Ursach, welche der Vernunft beraubt ist, und mit welcher sie gesündigt haben; und daher kommt es, daß noch Gattungen von Schatten übrig sind, welche man um die Gräber siehet, und besonders um die Gräber dererjenigen, welche übel gelebt haben.
XX. Capitel
Von der Einfahrt der Seele in andere Leiber; und wie die Seelen in die Cörper der Thiere übergehen können?
Die Einfahrt der Seele in andere Leiber, oder das Wandern der Seelen, wenn es geschiehet durch den Uebergang einer Seele aus einem menschlichen Cörper in den andern, macht, daß diese Seele die eigne Seele des Cörpers wird, in welchen sie eingeht. Aber wenn die Seelen in die Cörper der Thiere übergehen, so gehen sie nicht, eigentlich zu reden, hinein, sie folgen ihnen nur von aussen nach, wie uns die Teufel nachfolgen, denen wir zu Theil worden sind. Denn niemals kann eine vernünftige Seele die Seele eines vernunftlosen Wesens werden. Man kann die Einfahrt der Seele in andere Leiber durch die Gebrechen beweisen, welche man mit in die Welt bringt; einige werden blind gebohren, andere mondsüchtig, andere gar mit einiger Unordnung in dem Geist. Sie kann daraus bewiesen werden, weil die Seelen, ihrer Natur nach, bestimmt sind, einen Leib zu regieren, so würde es nicht natürlich seyn, daß sie, nach dem sie einmal diese Verrichtung ausgeübt, während der Ewigkeit müßig bleiben sollten. Noch mehr: wenn die Seelen nicht wieder in die Leiber zurückkehrten, so müßte es ihrer unendlich viel geben, oder GOtt müßte immer neue schaffen.Aber es ist nichts unendliches in der Welt, denn das Endliche kann das Unendliche nicht in sich halten. Es ist auch nicht wahrscheinlich, daß neue Seelen hervorgebracht werden; denn alles dasjenige, wo etwas neues hervorgebracht wird, muß nothwendig unvollkommen gewesen seyn: Nun aber die Welt von einer vollkommnen Ursach herkommt, muß sie auch vollkommen seyn.
XXI. Capitel
Daß die Frommen schon in diesem Leben glückselig sind, und daß sie es nach dem Tod sein werden.
Die Seelen, welche sich der Tugend gewidmet haben, und in allen Absichten glücklich sind, werden es vornehmlich durch ihre Trennung von dem vernunftlosen Wesen seyn, durch ihre Reinigung von allem, was cörperlich ist, nach welcher sie mit den Göttern vereinigt, und mit ihnen die Regierung der Welt theilen werden. Und wenn ihnen keines von diesen begegnen sollte, so ist die Tugend allein, das Vergnügen und der Ruhm, welche sie begleiten, das von Verdruß und Knechtschaft ganz befreyete Leben, sind hinlänglich, diejenige glücklich zu machen, welche ein der Tugend gemäses Leben gewählet haben, und im Stand sind in ihrer Wahl zu verharren.
