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Über die Götter und die Welt

Originaltext

Des Philosophen
Sallustius
Buch
von den Göttern und der Welt

Erstes Capitel

Was zu einem rechten Zuhörer erfodert werde. Was gemeine Begriffe seyen.

Wer in der Lehre von den Göttern Unterricht hören will, muß eine gute Erziehung gehabt haben, und nicht in thörichten Meynungen aufgewachsen seyn: muß von gutem Naturell und gesundem Verstande seyn, damit er die Lehrvorträge mit der gehörigen Aufmerksamkeit anhöre; muß endlich die gemeinen Begriffe inne haben. Gemeine Begriffe sind solche, die jedermann ohne Schwierigkeit einräumt, z. E. Gott ist gut, Gott ist keinen Zufällen unterworfen, Gott ist unveränderlich. Denn alles was sich ändert, wird entweder besser oder schlimmer. Wird es schlimmer, so wird es böse: wird es besser, so war es vorher böse.

Zweytes Capitel

Daß Gott unveränderlich, unerzeugt, ewig, unkörperlich, von keinem Raum beschränket sey.

Ich habe gesagt, wie mein Zuhörer, müsse beschaffen seyn. Was ihm nun soll vorgetragen werden, ist folgendes: Die Substanzen oder Wesen, die man Götter nennt, sind nie entstanden oder geworden. Denn was allezeit ist, wird nie. Das aber ist allezeit, was die höchste Kraft, (die vollkommenste Möglichkeit) hat und keinem Zufall von aussen ausgesetzet ist. — Sie bestehen nicht aus Cörpern; denn auch der Cörper Kräfte sind uncörperlich. — Sie sind durch keinen Raum beschränket, an keinem Ort enthalten: Denn das kömmt Cörpern zu. Sie sind nie weder von der ersten Ursache aller Dinge, noch von einander abgesöndert: Wie Begriffe nicht ohne den Verstand, Wissenschaften nicht ohne die Seele existiren.

Drittes Capitel

Von den Fabeln; daß sie göttlich seyen, und warum?

Warum sich die Alten lieber der Fabeln, als eines solchen philosophischen Vortrages bedient haben, das verdient eine Untersuchung. Schon dieses ist ein Nutzen, den wir von den Fabeln habe, daß sie uns etwas zu forschen geben und die Denkenskraft in Thätigkeit setzen. — Daß die Fabeln göttlich seyen, darf man um deren willen sagen, die sich derselben bedienet haben: Denn göttlich begeisterte Dichter und die vortrefflichsten Philosophen, und die Lehrer der Mysterien, ja die Götter selbst in ihren Orackeln haben sich der Fabeln bedient. Warum aber die Fabeln göttlich syen, das ist eine philosophische Untersuchung. Da nun alle Dinge gern haben, was ihnen ähnlich ist, und gegen das unähnliche eine Abneigung haben, so mußten auch die Lehren von den Göttern ähnlich seyn, damit sie einerseits dieser erhabenen Wesen würdig seyen, anderseits daß sich die Lehrer der Götter Huld damit erwerben. Beydes war nur allein durch die Fabeln erhältlich. Denn die Fabeln ahmen darin, daß sie etwas sagen und etwas nicht sagen, etwas sichtbar machen und etwas unsichtbar lassen, etwas zeigen und etwas verbergen, der Güte der Götter nach. Denn gleichwie die Götter in den sinnlichen Dingen gemeine Güter für jedermann, in den intellectuellen Dingen aber nur für die nachdenkenden bereitet haben; also sagen die Fabeln zwar allen und jeden, daß Götter seyen, aber wer und was sie seyen, das sagen sie nur denen, die es merken mögen. Sie ahmen auch die Werke der Götter nach: Denn man kann die Welt auch eine Fabel nennen, indem die Cörper und die Habseligkeitn sichtbar, die Seelen aber und die intellectuellen Dinge verhüllet sind. Ueberdas, wenn man allen in der Lehre von den Göttern die nackte Wahrheit vortragen wollte, so würde man bey blödsinnigen und schwachen Köpfen, weil sie es nicht fassen können, Verachtung dagegen, bey den Fleißigen aber Unthätigkeit veranlasen. Wo man hergegen der Wahrheit den Schleier giebt, so hält das jene von der Verachtung ab, und zwing diese zu philosophieren. — Aber warum haben die Ehebrüche und Diebstähle und Fesselung der Väter und anders abscheuliches Zeug in den Fabeln erzählet? — Freylich muß das Verwunderung verursachen, damit die Seele wegen der auffallenden Ungereimtheit sogleich die Erzählungen für blosse Hüllen ansehen, und den wahren Sinn für das darunter verborgene Geheimnis halten müsse.

Viertes Capitel

Daß es fünf Arten von Fabeln gebe, wird in Exempeln gewiesen.

Es giebt theologische und physische, und geistliche, und materielle, und aus diesen gemischte Fabeln. Theologische, die nicht mit cörperlichen Wesen zu thun haben, sonder die Götter selbst zum Gegenstand der Betrachtung nehmen. z. E. Gott ist ein denkendes Wesen. Da nun eine jede Intelligenz in sich selber zurück kehrt, (oder auf sich selbst wirkt) so giebt die Fabel die Natur Gottes sinnbildlich zu verstehen, wenn sie sagt, Saturn verschlinge seine Kinder. Physische Fabeln handeln von den Wirkungen der Götter auf die Welt. So ist z. E. die so eben erwähnte Fabel eine physische Fabel, wenn man, wie es wirklich einige nehmen, unter dem Saturn die Zeit, und unter den Kindern die Theile der Zeit versteht. Die Kinder werden von der Vater gefressen, bedeutete denn: Die Zeit wird von der Ewigkeit verschlungen. Geistliche Fabeln haben zur Absicht die Wirkungen der Seele vorzustellen: Die Gedanken unserer Seele gehen auf äußere Gegenstände, und bleiben doch innert der Seele, die sie erzeugt. In diesem Verstand ist dieselbige Fabel eine geistliche. Endlich sind materielle Fabeln solche, deren sich vornehmlich die unwissenden Aegyptier bedient haben, welche die Körper selbst für Götter gehalten, und ihnen Göttern-Namen gegeben haben. Die Erde hieß bey ihnen Isis, die Feuchtigkeit Osiris, die Wärme Typho, das Wasser Kronus, das Getraide Adonis, der Wein Bacchus. Sagt man, diese Dinge seyen geweihte Eigentümer der Götter, so wie auch die Pflanzen, die Steine, die Thiere, so redt man vernünftig: nennt man sie aber Götter, so ist das die Sprache eines verbranndten Gehirns; es sey denn, daß es nicht mehr bedeuten solle, als wenn wir nach gemeinem Sprachgebrauche, die Sphäre der Sonne und die Strahlen, die von ihr ausgehen, die Sonne nennen. Die gemischte Art von Fabeln ist häufig anzutreffen, z. E. in den Mährgen von der Mahlzeit der Götter, wo Eris einen goldenen Apfel hinwirft, und die Göttinnen, die sich darum zanken, von Jupiter zum Paris geschickt werden, der ihren Streit entscheiden soll, dem denn Venus die Schönste und des Apfels würdigste däucht. Hier bedeutet nämlich die Mahlzeit die überweltlichen Kräfte der Götter: Die wohnen darum auch gesellschaftlich beysamen. Der guldene Apfel bedeutet die Welt. Wie diese aus entgegengesetzten Elementen entstanden, so wird schicklich gesaft, sie sey von Eris, der Göttin des Streits, hingeworfen worden. Da nun die Welt von den einen Göttern, die sie, von dern andern andere Geschenke bekam, so hätte es den Anschein, als ob sie um den Apfel eifersüchtig wären. Da sieht denn die bloß sinnliche Seele (denn diese ist der Paris) die andern Kräfte in der Welt nicht, sieht nichts, als die Schönheit, und spricht der Venus den Apfel zu. — Die Theologischen Fabeln schicken sich für die Philosophen, die physischen und geistlichen für die Dichter, und die vermischten für die Telecten oder Mystagogen: Denn es ist mit allen mysteriösen Gebräuchen der Einweihungen dahin abgesehen, uns mit dem Welt-System und mit den Göttern in Harmonie zu bringen. — Soll ich es noch mit einem andern Exempel erläutern, so sey es die Fabel von der Mutter der Götter. Ihr wisset, daß man von ihr erzählt, sie sey in den Attis da sie ihn an dem Flusse Gallus liegen sah, verliebt worden, habe ihm einen gestirnten Hut aufgesetzt und ihn bey sich behalten. Der Jüngling aber, der eine Nymphe liebte, habe die Göttin verlassen, und sich mit seinem Mädchen vereiniget. Die Mutter der Götter habe ihn deswegen in eine Raserey gebracht, in welcher er sich selbst seine Zeugungs-Glieder abschnitt; die habe er der Nymphe hinterlassen, sey zur Göttinn zurückgekehrt, und wohne ihr jetzt in aller Treue bey. Hier ist nun die Mutter der Götter, die Leben erzeugende Gottheit, und darum wird ihr der Mutter-Namen beygelegt. Attis ist der Schöpfer alles dessen, was wird und vergeht. Darum wird gesagt, er sey an dem Fluß Gallus gefunden worden. Denn Gallus bedeutet die Milchstraße. (Gallaxia) aus welcher der leidsame sterbliche Cörper entspringt. Da nun die ersten Götter die zweyten schufen, gewann die Mutter den Attis lieb, und theilte ihm himmlische Kräfte mit. Denn das ist der Sternen-Hut. Attis aber verliebte sich in die Nymphe. Die Nymphen sind die Vorsteherinnen des Werdens: Denn alles was wird, oder entsteht, ist fliessend oder veränderlich. Weil aber das Werden der Menschen Bestand gewinnen, und nicht schlechter seyn sollte, als die Dinge von der niedrigsten Classe, so hinterließ der Schöpfer desselben die Zeugungs-Kräfte zum Werden und zu steter Fortpflanzung des Geschlechts, und vereinigt sich wieder mit den Göttern. Das hat sich nun wohl niemals wirklich so zugetragen, aber er ist doch allezeit so, und der Verstand sieht das alles ein, und die Erzählung begreift beydes die Hauptsache und die Sinnbilder in sich. Da also diese Fabel ganz genau auf die Welt paßt, so feyern wir in Nachahmung des Weltbaues. (Denn wie könnten wir uns besser schmücken und vervollkommnen) mit Beziehung auf alle Stücke dieser Fabel ein mysteriöses Fest. Nachdem auch wir zuerst vom Himmel gesunken sind, und der Nymphe beigewohnt haben, sind wir in der Traur und enthalten uns, der Früchte und anderer groben und unreinen Nahrung; denn die sind, eines wie das andere, von einer der Seele entgegengesetzten Natur. Hierauf wird der Baum umgehauen, dann gefastet, und damit schneiden auch wir gleichsam den fernern Fortgang des Erdlebens, aber hernach geniessen wir Milchspeise, als wiederneugebohrne. Endlich folgen die Freuden und die Kronen und gleichsam die Rückreise zu den Göttern. Davon ist auch die Zeit, da dieß begangen wird, ein Beweistum. Denn diese Handlungen werden im Frühling, an dem Tage, da Tag und Nacht gleich wird, begangen, zur Zeit, da die werdenden Dinge aufhören zu werden, und der Tag anfängt länger zu werden, als die Nacht, eine Zeit, die den emporstrebenden Seelen die angemessenste ist. So ist hingegen nach der Mythologie der Raub der Proserpina in der herbstlichen Tags- und Nacht-Gleichung geschehen, welcher das Heruntersinken der Seelen bedeutet. Die Götter und die Seelen der verstorbenen Fabel-Dichter seyen uns für diese Abhandlung über die Fabeln gnädig.

Fünftes Capitel

Von der ersten Ursache.

Nun folgt uns der Ordnung nach die erste Ursache und die ihr untergeordneten Classen der Götter, und die Natur der Welt und des Geistes und der Seele, und die Elemente und die Vorsehung, und das Verhängnis und das Glück, die Tugend und das Laster, zu untersuchen, wie daraus gute und schlimme Staatsverfaßungen entstanden, und woher die Uebel in die Welt gekommen seyen. Alles Materien, davon eine jede eine weitläufige Abhandlung erfoderte. Jedoch um meine Schüler dermalen nicht ganz unbelehrt zu lassen, sey es mir erlaubt, mich hierüber in möglichster Kürze zu fassen.

Die erste Ursache muß nothwendig eine einzige seyn. Denn alle Mehrheit hat eine Einheit, eine Monas an der Spitze, und übersteigt alles an Macht und Güte: und darum muß sie sich nothwendig auf alles erstrecken, alles von ihr abhängen. Denn wegen ihrer Macht wird kein Ding sie hindern oder abhalten können, und wegen ihrer Güte wird sie sich selber von keinem entäussern. Wäre sie eine Seele, so wäre alles beseelet; wäre sie ein reiner Verstand, ein Geist, so hätte alles Geist; wäre sie eine cörperliche Substanz, so müßte alles von cörperlicher Substanz seyn. Und weil einige dieses an allen Dingen gefunden, so haben sie die erste Ursache für eine cörperliche Substanz gehalten. Wenn die Dinge bloß existirten, aber nicht gut wären, so hätten sie recht. Wenn aber die Dinge ihre Existenz durch Güte erhalten haben, und der Guten theilhaft worden sind; so muß die erste Ursache eine über alle cörperliche Substanz erhabene Natur und das höchste Gut seyn. Der größte Beweis ist dieser: Edle Seelen machen sich um der Tugen willen nichts aus ihrem Leben im Cörper, wenn sie für das Vaterland, für ihre Freunde, oder für die gute Sache sich jeder Gefahr aussetzen. — Nächst dieser so unaussprechlichen Macht sind die Klassen oder Ordnungen der Götter.

Sechstes Capitel

Von den Göttern über und innert der Welt.

Es giebt Götter innert der Welt und Götter über der Welt. Götter innert der Welt nenne ich die, welche die Welt schaffen. Einige der Götter über der Welt schaffen cörperliche Substanzen (Elemente) andere Geister und wieder andere Seelen: Daher sind drey Ordnungen derselben, von welchen allein- in den Abhandlungen über dieselben das mehrere zu finden ist. — Einige von den Göttern innert der Welt bewirken das Daseyn der Welt, andere beseelen sie, andere bringen ihre verschiedene Bestand-Theile in Harmonie; und noch andere besorgen die Fortdauer dieser Harmonie. Da dieses vier Geschäfte sind, und jedes seinen Anfang, sein Mittel und Ende hat; so müssen zwölf Welt-Verwalter seyn, drey, die sie machen, Jupiter, Neptun, und Vulkan; drey, die sie beseelen, Ceres, Juno und Diana; drey, die ihr die Harmonie geben, Apollo, Venus und Mercurius; und drey, die diese Harmonie bewahren, Vesta, Minerva und Mars. Sinnbildliche Anzeigen dieser Aemter geben die Statuen. Apollo stimmt eine Leyer, Minerva steht in eine Waffenrüstung, und Venus is nacket. Denn die Uebereinstimmung des Mannigfaltigen macht die Schönheit, und die Schönheit ist in den Dingen, die man sieht, unbedecket. — Da diese die obersten Beherrscher der Welt sind, so müssen wir uns die andern Götter als solche vorstellen, die in diesen enthalten seyen, z. E. Bachus in Jupiter, Aesculapius in Apollo, die Grazien in der Venus. Man kann sich auch die eigenen Sphären dieser Gottheiten bemerken, der Vesta die Erde, des Neptuns das Wasser, der Juno die Luft, des Vulkans das Feuer: und die sechs obern Spharen den Göttern zueignen, denen sie bekannter maassen zugeschrieben werden. Apollo ist für Sonne und Mond zuhalten. Des Saturns Sphäre ist der Ceres, der Aether der Minerva einzuräumen. Der Himmel ist allen zusammen gemein. So viel zur Erklärung und zum Preis der Ordnungen und Kräfte und Spären der zwölf Götter.

Siebentes Capitel

Von der Natur und Ewigkeit der Welt.

Die Welt selbst muß nothwendiger weise unvergänglich und unerzeugt seyn. Unvergänglich: Denn wenn sie vergienge, so wäre weder eine schlechtere, noch eine bessere zu schaffen; so müßte entweder ebendieselbe wieder hervorgebracht werden, oder eine Unwelt, eine Verwirrung, ein Chaos. Wäre es eine schlechtere , so müßte es ein böser Gott seyn, der aus dem bessern etwas schlechters machte. Wäre es eine bessere, so müßte der ein unmächtiger Gott seyn, der sie nicht gerade von Anfang besser gemachet hat. Wäre es wieder ebendieselbe, so wäre es eine eitele Arbeit. Und daß sie ein Gewirre seyn sollte, ist ein gottloser Satz, den jedermann verabscheuhen muß. — Unerzeugt: das erhellet sattsam aus folgendem: Wenn sie nicht vergeht, so ist sie auch nicht geworden. Denn alles was wird, vergeht auch wieder; was erzeuget wird, muß verwesen. Und weil die Welt nothwendig durch Gottes Güte existirt, so muß auch die Welt nothwendig, wie Gott immerdar gütig ist, immerfort existiren, gerade so wie mit der Sonne und dem Feuer das Licht, und mit dem Cörper der Schatten coexistirt. — Die Cörper in der Welt ahmen theils dem Geiste nach, und bewegen sich im Kreise, theils der Seele, und bewegen sich nach gerader Linie, entweder aufwärts, nämlich Feuer und Luft, oder niederwärts, nämlich Erde und Wasser. Von denen, die sich im Kreise bewegen, ist einer eine Sphäre, die ohne ihre Stelle zu verändern, sich von Osten umdrehet: und sieben, die sich von Westen umwenden. Nebst vielen andern Ursachen dessen ist auch diese, weil, wenn ihr Umlauf nicht geschwind wäre, die Erzeugung oder das Entstehen der Dinge nicht zu Stande kommen könnte. — Da ihre Bewegung verschieden ist, so muß auch die Natur der Cörper verschieden seyn. Ein himmlischer Cörper kann weder brennen , noch verkälten, noch irgend eine andere Wirkung mit den vier Elementen gemein haben. — da die Welt eine Kugel ist, welches der Thierkreis beweist, und da das unterste Theil einer Sphäre ihr Mittelpunkt ist, (denn dieser hat von allen Seiten her den grösten Abstand) so fährt alles schwere unterwärts, und fällt zur Erde. — Dieses alles machen die Götter, ordnet der Geist, und bewegt die Seele. — So viel von den Göttern.

Achtes Capitel

Von dem Geiste und der Seele, und daß diese unsterblich sey.

Es ist eine Kraft, die der Substanz zwote und der Seele erste Kraft ist, die von der Substanz das Seyn hat, und der Seele zu ihrem Zwek verhilft, wie die Sonne dem Gesicht. — Es giebt vernünftige und unsterbliche Seelen: es giebt aber auch unvernünftige und sterbliche. Jene werden von den ersten, diese von den zweyten Göttern hervorgebracht. Allervorderst müssen wir untersuchen, was die Seele sey. Was den Vorzug der beseelten Dinge vor den unbeseelten ausmacht, das ist die Seele. Jener Vorzüge vor diesen bestehen in der Bewegung, Empfindung, Einbildungs- und Erkenntnis-Kraft. Die unvernünftige Seele ist hiemit ein lebendiges Ding, das Empfindungs- und Einbildungs- Kraft hat: Die vernünftige aber ein solches, das über die Empfindungs- und Einbildungs-Kraft Herr ist und Vernunft besitzt. Die unvernünftige folgt den cörperlichen Leidenschaften, gelustet und erzörnt sich ohne Vernunft. Die vernünftige verachtet den Leib mit Vernunft, führt Streit wider die unvernünftige, und übt, wenn sie den Sieg erhält, Tugend aus, wenn sie aber unten liegt, Laster. — Sie muß nothwendig unsterblich seyn, weil sie Götter kennt. Denn kein sterbliches Ding hat Kenntnis von einem Unsterblichen. Sie verachtet die menschlichen Dinge, als fremdes Zeug, das sie nichts angeht, und hat als ein uncörperliches Wesen, Antipathie gegen die Cörper. So lange Cörper schön und neu sind, begeht sie Fehler, ältern sie aber, so wird sie stark. — Jede wackere Seele braucht den Geist. Den Geist aber erzeugt kein Cörper. Denn wie wollte etwas geistloses Geist erzeugen? Sie braucht den Leib als ihr Werkzeug, ist aber nicht in dem Leibe, wie der Uhrenmacher auch nicht in den Uhren ist, die er verfertigt, und gleich wohl bewegen sich die Uhren, ohne daß sie jemand berührt. Daß sie oft von dem Cörper zu Fehlern verführt wird, muß man sich nicht verwundern. Denn auch die Künste können ihre Wirkung nicht thun, wenn die Werkzeuge Schaden genommen haben.

Neuntes Capitel

Von der Vorsehung, von dem Verhängnis und dem Glücke.

Die Vorsehung der Götter ist aus folgenden zuerkennen: Woher wäre Ordnung in der Welt, wenn niemand wäre, der ordnete? Woher wäre es, daß jedes Ding um eines andern willen da ist, daß Absichten überall walten? z. E. daß eine unvernünftige Seele ist, damit Empfindung sey, und eine vernünftige, damit die Erde gezieret und geschmückt sey. — Sie ist aber auch aus der Vorsehung, die über die Natur waltet, zuerkennen. Denn die Augen sind zum sehen durchsichtig gemachet: Die Nase steht über dem Mund, damit man das unterscheiden könne, wovon ein übler Geruch aufsteigt: Die mittlern Zahne sind scharf, die Speisen zu schneiden, die hinteren flach die Speisen zu zermalmen. Und so sehen wir überall alles vernünftig eingerichtet. Nun kann unmöglich in den geringsten Dingen eine so grosse Vorsehung, und in den vornehmsten hergegen keine walten. Die Weissagungen, die Heilungen, die in der Welt geschehen, sind offenbare Proben der guten Vorsorge der Götter. Wir müssen uns aber nicht einbilden, daß die Götter, bey solcher Sorge, die sie für die Welt tragen, einige Vortheile für sich bezwecken, oder einige Beschwerde davon haben; sonder, wie die elementare Cörper durch ihre Kraft; so wirken die Götter durch ihr blosses Seyn alles, was sie wirken. Wie die Sonne durch ihr Seyn allein erleuchtet und erwärmt, so ist die Vorsorge der Götter ohne einige Mühe beydes für ihr eigen und deren Wohl wirksam, die unter ihrer Vorsorge stehen. Dieses löset die Zweifel der Epikureer hinlänglich auf. Denn die Götter, sagen sie, können weder für sich selbst Geschäfte haben, noch andern Geschäfte machen. Solche Bewandtnis hätte es also mit der uncörperlichen Vorsehung der Götter für die Cörper und für die Seelen.

Von dieser ist diejenige unterschieden, die aus den Cörpern und in den Cörpern ist, und Verhängnis oder Schicksal genennet wird, weil der Zusamenhang und das Schickliche in den Cörpern mehr ins Aug fällt. Diese ist der Gegenstand der Mathematik. Es ist also begründet und wahr, daß die menschlichen Dinge und hauptsächlich die cörperliche Natur nicht nur von den Göttern, sonder auch von den göttlichen Cörpern verwaltet werden: und die Vernunft kann es finden, daß Gesundheit und Krankheit, Glück und Unglück gehöriger maassen daher entstehen. Wenn wir aber ungerechte und liederliche Handlungen aus dem Verhängnis herleiten wolten, so hiesse das, uns selber gut, die Götter hingegen böse machen. Es wäre denn, daß man sagen wollte, es sey der Welt im ganzen, und denen, die sich der Natur gemäß verhalten, alles zum Guten; aber eine schlimme Erziehung und eine geschwächte Natur verkehre das Gute des Verhängnisses in Uebel; so wie die Sonne, die allen gut ist, denen, die Augenwehe oder Fieber haben, schädlich wird. Denn warum essen die Massageten ihre Eltern? warum beschneiden sich die Hebräer? warum halten die Perser so viel auf edler Abstammung? Und wie macht man den Saturn und Mars, die man böse Götter nennt, wieder zu guten, und leitet Philosophie und Regierung der Staaten und Kriegsheere und grossen Reichtum von ihnen her? Und wenn man von verschiedener Constellation nach Triangel oder Quadrat reden will, so ist es vollends ungereimt, daß die menschliche Tugend allenthalben dieselbige bleiben, die Götter hingegen nach Verschiedenheit der Stellen sich ändern sollten: und eben so ungereimt, daß man glückliche oder unglückliche Geburt vorhersagen lehrt, als wenn die Sternen nicht alles machten, sonder nur gewiße Dinge vorbedeuteten. Denn wie sollten Dinge, die vor der Geburt schon sind, von der Geburt herfommen?

Wie nun eine Vorsehung und ein Verhängnis ist, die Nationen und Staaten und einen jeden einzelnen Menschen zu Gegenständen haben, so ist auch ein Glück, wovon wir itzt noch zu reden haben. Die Macht der Götter, welche die ungleichen und unvermutheten Begebenheiten zum Guten ordnet, wird für das Gluck gehalten. Es gebührt sich deswegen, daß bürgerliche Gesellschaften, oder ganze Staaten gemeinschaftlich diese Göttin vorzüglich verehren. Denn alle Staaten bestehen aus ungleichen Dingen. Ihre Gewalt erstreckt sich nur über das, was unter dem Mond ist. Ueber demselben ist nichts, was von dem Glück abhienge. Wenn die Bösen gut Glück haben, und die Guten Noth leiden, muß man sich darüber nicht aufhalten. Denn jene machen sich alles, und diese nichts aus dem Reichtum: und das Glück der Lasterhaften nimmt ihrer Nichtswürdigkeit nichts. Die Tugendhaften hergegen haben schon durch die Tugend allein ihren vollkommenen Werth.

Zehntes Capitel

Von Tugend und Laster.

Die Lehre von der Tugend und von dem Laster hat ihre Grundsätze in der Lehre von der Seele. Wenn die unvernünftige Seele in die Cörper kömmt, und gerade zu Zorn und Gelust erweckt; so hält die vernünftige Seele Aufsicht, und macht aus Vernunft, Zorn und Gelust eine dreyfache Seele. Die Tugend ist der Vernunft Besonnenheit, des Zorns Tapferkeit und des Gelustes Mäßigkeit und der gesammten Seele Gerechtigkeit. Denn die Vernunft muß beurtheilen und entscheiden, was recht und gut sey, der Zorn muß der Vernunft gefölgig das anscheinende widrige Gedränge verachten, und der Gelust nicht dem anscheinenden Angenehmen, sonder dem, was den Beyfall der prüfenden Vernunft hat, nachhängen. Wenn sich diese Vermögen also verhalten, so wird das Leben gerecht. Denn die Gerechtigkeit, die sich auf Besitzungen, auf das Mein und Dein bezieht, ist nur ein kleiner Theil der Tugend. Daher trifft man nur unter denen, die philosophischen Unterricht genossen haben, ganze Tugend an: Unter den Idioten ist der eine tapfer und ungerecht, ein andrer mäßig und dumm, ein andrer verständig und unmäßig. Das ist denn aber des Namens der Tugend nicht werth, weil keine Vernunft dabey ist, weil Haupttheile der Tugend dabey fehlen, und weil es einige unvernünftige Thiere auch haben. — Das Laster ist als der Gegensatz von diesem allem anzusehen: Der Vernunft Unbesonnenheit und Unachtsamkeit, des Zorns Feigheit, des Gelustes Unbändigkeit, und der ganzen Seele Ungerechtigkeit. Die Tugenden entstehen aus guter Staatsverfassung, guter Erziehung und gutem Unterricht: Die Laster aus dem Gegentheil alles dessen.

Eilftes Capitel

Von guter und schlechter Staatsverfassung.

Der Ursprung der Staatsverfassungen hat etwas analogisches mit den drey Theilen der Seele. Die Regenten lassen sich mit der Vernunft vergleichen, die Miliz mit dem Zorn, der Pöbel mit dem Gelust. Wo alles nach Vernunft zugeht, und der beste unter allen die Herrschaft führt, da entsteht ein Königreich, eine Monarchie. Wo mit Vernunft und Zorn mehrere regieren, da wird eine Aristokratie. Wo der Staat nach Gelust verwaltet wird und die Ehrenämter auf Privat-Nutzen gezogen werden, da ist das diejenige Verfassung, die man Timokratie nennt. Der Gegensatz der königlichen Regierung ist die Tyranney. Denn jene verfährt durchaus nach der Vernunft. Diese richtet sich in keinem einzigen Stüke nach der Vernunft. Der Aristokratie steht die Oligarchie entgegen, wo nicht die besten, sonder wenige, und die schlimmsten, regieren. Der Timokratie steht entgegen die Demokratie, wo nicht die wohlbegüterten, sonder der Pöbel völlig Herr und Meister ist.

Zwölftes Capitel

Woher die Uebel entstehen, und daß keine Natur des Uebels sey.

Aber, da die Götter gut sind und da sie aller Dinge Urheber sind, wie kann denn doch böses in der Welt seyn?

Hierauf mag allervorderst gerade dieß zur Antwort dienen: Da die Götter gute Wesen sind und alle Dinge von ihnen herrühren, so ist keine Natur des Uebels (so ist das Uebel kein vor sich bestehendes Wesen, kein ens positivum) sonder das Uebel wird oder entsteht durch Abwesenheit des Guten (ist ein ens privativum) So ist die Finsternis auch nicht etwas vor sich bestehendes, sonder wird erst durch Abwesenheit des Lichts. Sollte eine Natur des Uebels seyn, so mußte sie nothwendig entweder in den Göttern, oder in den Geistern, oder in den Seelen, oder in den Cörpern seyn. Nun ist sie nicht in den Göttern: denn alle Götter sind gut. Wollte man sagen, der Geist sey ein böses Wesen, so wäre das ein Widerspruch, und so viel gesagt, als der Geist sey geistlos, ohne Denkenskraft, ohne Erkenntnis-vermögen. Wollet ihr sagen, die Seele sey böse, so machet ihr sie zu einem schlechtern Dinge, als der Cörper ist. Denn kein einziger Cörper hat an und vor sich etwas böses. Wollet ihr sagen, das Böse rühre aus Seele und Leib zusammen her, so ist es unvernünftig, daß diese beyden, die jedes vor sich besonders nicht böse sind, durch ihre Verbindung böses hervorbringen sollten.

Sagt man, die Dämonen sind böse Wesen? Sie können es nicht seyn, wenn sie ihre Kräfte von den Göttern haben. Hätten sie aber dieselbe anderswoher, so würden die Götter nicht alle Dinge schaffen. Schaffen sie nicht alle Dinge, so können sie es entweder nicht, obgleich sie’s wollten; oder sie wollen nicht, wie wohl sie’s könnten. Weder das eine noch das andere ist Gott geziemend. Aus dem bisher gesagten erhellet also, daß kein Ding in der Welt von Natur böse sey.

Von den freyen Handlungen der Menschen will uns bedünken, auch die seyen nicht ganz und nicht allemal böse. Und das darum; wenn die Menschen um des Bösten selbst willen fehlten, so wäre allerdings die Natur böse. Wenn hingegen der Ehebrecher den Ehebruch für böse, die Wollust aber für gut achtet; wenn der Mörder den Mord für böse, aber das Geld für gut hält; wenn der so seinem Feinde übel thut, das Uebelthun für böse, aber die Rache an dem Feinde für gut hält; und wenn die Seele in jeder Sünde auf diese Weise sündigt, so geschieht das böse allemal um etwas gutes willen: wie Finsterniß, welche von Natur nicht ist, nur dann wird, wann das Licht verschwindt. Die Seele fehlt hiemit, weil sie nach dem Guten strebt: in Ansehung des Guten aber bekriegt sie sich, weil sie nicht ein Wesen von dem höchsten Range ist. Vor solchem Betrug sie zu warnen, oder den betrogenen aus dem Irrthum zu helfen, sind von den Göttern bekannter maassen viele Anstalten gemachet. Die Künste und Wissenschaften und Tugenden und Gebeter und Opfer und Reinigungen, und Gesetze und Policeyen, und Gerichte und Strafen sind alle darum entstanden, damit die Seelen dadurch von dem sündigen abgehalten werden: und wenn die Seele vom Leibe scheidet, so geben sich Reinigungs-Götter und Dämonen damit ab, sie von Sünden zu reinigen.

Dreyzehntes Capitel

Wie man sagen könne, daß ewige Dinge werden oder entstehen.

Von den Göttern und der Welt und den menschlichen Dingen mag das gesagte für diejenigen genug feyn, die einer philosophischen Unterweisung fähig und nicht von unheilbarer Seele sind. Nun bleibt uns übrig zu sagen, daß diese Dinge niemalen entstanden seyen, und nie von einander getrennet seyen: obwohl wir in unsern Discursen sagten, die andern seyen aus den ersten entstanden. Alles, was entsteht, das entsteht entweder durch Kunst, oder durch Natur, oder durch Kraft. Diejenigen Wesen, welche durch Kunst oder Natur wirken, müssen nothwendig eher seyn, als das, was von ihnen gewirket wird. Diejenigen Wesen aber, welche durch (unmittelbare) Kraft wirken, haben wie ihre eigene Existenz, so auch zu gleich dessen, was durch sie wird, von ihnen selbst: weil sie und ihre wirkende Kraft nie ohne einander sind, wie die Sonne nie ohne Licht, Feuer nie ohne Wärme, Schnee, nie ohne Kälte ist. Wenn hiemit die Götter der Welt durch Kunst schaffen, so schaffen sie nicht das Seyn derselben, sondern nur die Art des Seyns: Denn jede Kunst bringt nur die Art oder Gestalt eines Dings heraus. Woher käme denn das Seyn der Welt? Wenn sie dieselbe durch Natur schaffen, wie kömmt’s, daß hier das, was durch Natur wirkt, dem werdenden nichts von dem Seinigen mittheilt?1 Da die Götter uncörperlich sind, so mußte ja auch die Welt uncörperlich seyn. Wollte man sagen, die Götter seyen Cörper, woher hätten denn die uncörperlichen Dinge ihre Kraft? wenn wir dieß zugäben, daß die Götter auch die Welt durch Natur schaffen, so würde nothwendig folgen, daß, nicht nur die Welt, sonder mit derselben auch ihre Schöpfer vergehen. Wenn also die Götter die Welt weder durch Kunst, noch durch Natur schaffen, so bleibt das einzige übrig, daß sie dieselbe durch (unmittelbare) Kraft schaffen. Alles aber was durch Kraft wird, coexistirt mit dem Wesen, das die Kraft hat: und was auf diese Weise wird, kann auch nimmermehr vergehen, oder man müßt die Kraft dessen, der es schaft, läugnen. Folglich läugnet man die Götter, wenn man sagt, die Welt vergehe, oder wenn man noch Götter dabey zugiebt, so machet man Gott zu einem unmächtigen Wesen. Der also dessen (wesentliche, unmittelbare) Kraft alles schaft, macht alle Dinge mit ihm selbst coexistiren. Und da seine Kraft die höchste ist, so mußte sie nicht nur Menschen und Thiere schaffen, sonder auch Götter und Dämonen. Und so weit der allerhöchste Gott, das erste Wesen, über unsere Natur erhaben ist, desto mehr Kräfte müssen zwischen uns und Ihme seyn. Denn je weiter der Abstand zweyer Dinge ist, desto mehr faßt der Zwischenraum.

Vierzehntes Capitel

Wie man sagen könne, daß die Götter unveränderliche Wesen seyen, und gleichwohl zornig werden und sich wieder gut machen lassen.

Wenn einer begründet und wahr findt, daß die Götter keiner Veränderung unterworfen seyen, aber Mühe hat zu begreifen, daß sie an dem Guten Freude, und an dem Bösen einen Abscheuh haben; daß sie auf die Sünder zörnen, auf opferdienstliche Verehrung aber wieder gnädig werden; dem ist zu sagen, daß Gott weder erfreuet wird, (denn wer erfreuet werden kann, der kann auch betrübet werden) noch erzörnet wird; (denn auch der Zorn ist eine Gemüths-Bewegung:) noch durch Geschenke sich wieder gut machen läßt; (Denn da würde er von dem Vergnügen überwunden:) und daß es überhaupt unanständig von der Gottheit gedacht und geredet sey, daß sie über der Menschen Dinge Verdruß oder Vergnügen empfinde: Sonder die Götter sind allezeit gut und immer wohlthätig, sie fügen niemalen Schaden zu, und bleiben immerfort sich selbst gleich. Aber wir vereinigen uns, wenn wir gut sind, durch Aehnlichkeit mit den Göttern, scheiden uns hergegen durch Unähnlichkeit von ihnen, wenn wir böse sind. Wenn wir tugendhaft leben, so hangen wir an den Göttern, werden wir aber lasterhaft, so machen wir sie uns zu Feinden: nicht daß sie zornig werden, sonder weil alsdenn unsere Sünden der Götter Licht nicht auf uns herab strahlen lassen, sonder uns mit den strafenden Dämonen verbinden. Wenn wir aber durch Gebether und Opfer Erledigung von den Sünden finden, so ändern wir die Götter nicht,2 versöhnen sie nicht, sonder weil wir durch diese Handlungen und durch die Rükkehr zu Gott von unserer Bosheit genesen, so werden wir der Güte der Götter wieder fähig und theilhaft. Wenn man also sagt, Gott habe einen Abscheuh gegen die Bösen, so hat es gerade denselben Verstand, wie wenn man sagt, die Sonne verberge sich denen, die des Gesichtes beraubet sind.

Fünfzehntes Capitel

Warum wir den Göttern, die nichts bedörfen, Ehrbezeugungen machen.

Durch das gesagte ist auch die Frage von den Opfern und auderm, was man gegen die Götter thut, mit aufgelöset. Denn freylich ist die Gottheit an sich ohne einiges Bedürfniß: aber die Verehrungen geschehen um unsers Nutzens willen. Die göttliche Vorsorge breitet sich über alles aus, und man muß sich nur anschiken um ihrer Wohlthaten theilhaft zu werden. Nachahmung und Aehnlichkeit aber sind es, wodurch man sich zu einer Sache anschikt. Die Tempel sind deswegen eine Nachahmung des Himmels, und die Altäre Nachahmung der Erde, die Statuen Nachahmung des Lebens, und darum werden lebendige Dinge dadurch abgebildet: Die Gebeter ahmen den höchsten Geist, die Charakteren die obern geheimnisvollen Kräfte, die Kräuter und Steine den Stoff, und die Thiere, die wir opfern, unser sinnliches Leben nach. Von dem allem wächst den Göttern nicht der geringste Vortheil zu. Denn was für Vortheil oder Gewinn könnte für Gott statt finden? Für uns aber ist es Vereinigung mit Gott.

Sechszehntes Capitel

Von den Opfern und andern Gottes-Verehrungen: daß sie den Göttern kein Nutzen: den Menschen aber nützlich seyen.

Ich finde es würdig, noch etwas über das Capitel von den Opfern beyzufügen. Erstens, da wir alles von den Göttern haben, und billig ist, daß wir den Gebern die Erstlinge von allen darbringen, was sie uns beschehren, so geben wir ihnen die Erstlinge von dem Geld durch Vergabungen, von den Leibern durch Schmuk, von dem Leben durch Schlachtopfer. Zweytens, die Gebeter ohne Opfer sind nur Worte, mit Opfern aber beseelte Worte, da denn die Worte dem Leben Kraft geben, und das Leben die Worte beseelet. Ferner, die Glükseligkeit eines jeden Dings is seine gehörige Vollkommenheit. Die eigentliche Vollkommenheit eines jeden Dings aber ist seine Verbindung mit seiner Ursache: und darum beten wir, daß wir uns mit den Göttern verbinden. Das erste und oberste Leben ist das der Götter: Dann ist auch ein Leben der Menschen. Dieses wünscht mit jenem verbunden zu werden, und dazu bedarf es eines Mittels. Denn keine Dinge, zwischen welchen ein grosser Abstand ist, lassen sich unmittelbar verknüpfen. Das Mittel aber muß etwas ähnliches mit den Dingen haben, die sollen verbunden werden. Darum opfern die Menschen, die jetzt glüklich sind, und haben alle die es ehemalen gewesen lebendige Dinge geopfert, und das nicht obenhin, sonder jedem Gott eines, das ihm geziemt, mit vielen andern heiligen Gebräuchen. So viel von diesem.

Siebenzehntes Capitel

Daß die Welt von Natur unzerstörlich sey.

Wir haben bereits gesagt, daß die Götter die Welt nicht zerstören werden. Nun soll auch noch gezeiget werden, daß sie auch an sich von unzerstörlicher Natur sey. Denn alles was zerstöret wird, wird entweder von sich selbst oder von einem andern zerstöret. Sollte nun die Welt von sich selbst zerstöret werden, so müßte das Feuer sich selbst verbrennen, das Wasser sich selbst austroknen. Sollte sie von einem andern zerstöret werden, so müßte es von einem cörperlichen oder von einem uncörperlichen Wesen geschehen. Es kann nicht von einem uncörperlichen geschehen. Denn die uncörperlichen Wesen erhalten die cörperlichen, z. E. die Natur, die Seele; und es wird von keinem Wesen, das seiner Natur nach erhaltend ist, etwas zerstöret. Sollte sie von einem Cörper zerstöret werden, so müßte es entweder von denen die sind, oder von andern geschehen. Sollte es geschehen von denen, die sind, so müßten entweder die, so sich im Kreise drehen, von denen die sich in gerader Linie fortbewegen, oder die sich in gerader Linie fortbewegen von denen, die sich im Kreise drehen, zerstöret werden. Aber weder die sich im Kreise drehen, haben eine zerstörende Natur; denn warum sehen wir nichts, das von denselben noch je wäre zerstöret worden? Noch können die sich in gerader Linie fortbewegen, jene berühren: Denn warum haben sie es bis auf den heutigen Tag nie gekonnt? Noch können die sich in gerader Linie fortbewegen von einander zerstöret werden: denn die Verwesung des einen ist des andern Erzeugung. Das kann man nun keine Zerstörung nennen, sondern Verwandlung ist es. — Soll die Welt von andern Cörpern zerstöret werden, so sage man, wenn mans kann, woher dieselben entstanden, oder wo die jetzt seyen.

Ueberdas wird alles, was zerstöret wird, entweder in seiner Form oder in seiner Materie zerstöret. Die Form ist die Figur, und die Materie ist der Cörper. Vergehen die Formen und bleibt der Stoff, so sieht man andere entstehen. Vergeht der Stoff, warum hat er denn in so viel Jahren nicht abgenommen? Wollte man sagen, es werde anstatt des vergehenden Stoffes wieder anderer, so müßte er entweder aus dem, was ist, oder aus dem, was nicht ist werden. Wird er aus dem, was is, so bleibt hiemit das, was ist, und folglich auch der Stoff, allezeit. Wird hingegen das was ist zerstört, so folgte, daß nicht nur die Welt, sonder alle Dinge zerstöret werden. Wollte man sagen, der Stoff entstehe aus dem, was nicht ist, so ist es für das erste schlechterdings unmöglich, daß aus dem her, was nicht ist, aus dem Nichts, etwas sey. Und gesetzt, es wäre möglich, daß der Stoff aus dem her sey, was nicht ist, so wird der Stoff denn auch so lange seyn, so lange das ist, was nicht ist. Denn was nicht ist, vergeht auch niemal. Sagt man nur, der formlose Stoff werde zerstört, so gebe man für das erste einen Grund, warum es nicht einem Theile nach dem andern, sondern der ganzen Welt auf einmal begegnen sollte: Zweytens zerstörte man dadurch nicht das Seyn der Cörper, sonder nur ihre Schönheit. — Weiter, alles was vergeht wird entweder in das, woraus es worden ist, aufgelöset; oder es verschwindet in Nichts. Wird es aufgelöset, in das, woraus es worden ist, so wird es wieder zu andern Dingen. Wenn das, was ist, zu Nichts wird, was hindert, daß dieses nicht auch Gott begegne? Seine Macht? — Das wäre kein machtiges Wesen, das nur sich selbst erhalten könnte. Es ist aber auch eben so unmöglich, daß das, was ist, zu Nichts werde, wie, daß aus dem Nichts die Dinge werden, die sind. — Ferner, wenn die Welt zerstöret wird, so muß sie nothwendig entweder der Natur gemäß, oder der Natur zuwider, zerstöret werden. Was der Natur zuwider ist kann niemal zum Natur-System gehören. Wird die Welt zerstöret wider die Natur, so muß noch eine andere Natur seyn, welche die Natur der Welt verändert; welches ohne allen Grund angenommen würde. — Ferner alles, was natürlicher Weise verdirbt, das können auch wir verderben. Nun aber hat noch niemand den sphärischen Welt-Cörper weder verderbt, noch verändert. Die Cörper der Elemente kann man wohl verändern, aber nicht zerstören. — Endlich was vergänglich ist, wird von der Zeit und vom Alter verwandelt. Die Welt aber hat schon so viele Jahrhunderte durch keine Verwandlung gelitten. Diese Abhandlung, womit wir für diejenigen gesorget haben, welche starke Beweise über diesen Punkt bedörfen, beschliessen wir mit dem Gebet, daß die Welt uns gnädig sey.

Achtzehntes Capitel

Warum es Gottlose gebe, und daß Gott keinen Nachtheil darunter leide.

Daß es hin und wieder auf der Welt Gottlose giebt und auch in Zukunft noch oft geben wird, ist keine Sache von solchem Belang, daß sich verständige Leute darüber beunruhigen sollten: Denn dabey geschieht den Göttern nichts, so wie es auch klar erwiesen ist, daß sie von der Verehrung und Anbetung keinen Vortheil haben. Neben dem muß man sich erinnern, daß die Seele, als ein Wesen der mittlern Classe, unmöglich allezeit richtig denken und handeln kann; und daß nicht die ganze Welt auf gleiche Weise der Vorsorge der Götter geniessen kann; sondern einige Wesen auf ewig, andere für eine Zeit, und einige vorzüglich, andere im zweyten Grad derselben theilhaft sind: so wie der Kopf aller sinnlichen Empfindungen, der ganze übrige Cörper nur einer einzigen Art derselben theilhaft wird. Das scheint auch der Grund zu seyn, warum die Stifter der Feste auch unheilige Tage geordnet haben, an welchen man die Gottesdienste unterließ, die Tempel an einigen Orten beschloß, in andern allen Schmuk wegthat, um die Schwachheit unserer Natur zu entsündigen. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, daß die Gottlosigkeit und Atheisterey eine Art Strafe sey. Denn es ist billig, daß die, welche wußten, daß Götter sind, und denselben doch nichts nachfragten, in einem andern Leben auch dieser Erkenntniß verlustig werden; und daß die, welche ihre Könige als Götter verehrten, zur verdienten Strafe, von den Göttern gänzlich abfallen.

Neunzehntes Capitel

Warum die Sünder nicht schnell gestraft werden.

Daß aber die Strafen dieser oder anderer Sünden den Sündern nicht alsobald nachfolgen, muß man sich nicht verwundern. Denn die Dämonen sind es nicht allein, welche die Seelen abstrafen; sondern die Seele zieht auch sich selbst zur Strafe. Und weil die Seelen ewig bleiben, so müssen sie nicht in einer kurzen Zeit alles bekommen. Die Strafen mußten aber auch darum verzeuhen, weil Tugend unter den Menschen seyn sollte. Würden den Sündern die Strafen auf dem Fuß nachfolgen, so würden die Menschen nur aus Furcht Recht thun, und keine Tugend haben. Indessen kömmt die Strafe über die Seelen, wenn sie vom Cörper scheiden; da denn die einen hier auf Erden, andere an andern heissen oder kalten Orten herumirren; andere von den Dämonen geplaget werden. Allezeit aber stehen sie diese Strafen mit der unvernünftigen Seele aus, mit welcher sie auch gesündiget haben. Von dieser rührt auch der dunkle Cörper her (der dann ihre Hülle wird), der sich zuweilen um die Gräber deren, die ein böses Leben geführt haben, sehen läßt.

Zwanzigstes Capitel

Von der Seelenwanderung, und warum man sage, daß die Seelen in unvernünftige Thiere fahren.

In der Seelenwanderung werden die Seelen, die zu vernünftigen Wesen kommen, geradezu Seelen für die Cörper derselben. Kommen sie aber zu unvernünftigen Wesen, so begleiten sie dieselben von aussen; so wie die Dämonen, die sich unser bemächtiget haben. Denn keine vernünftige Seele wird zur Seele eines unvernünftigen Thiers. Daß es eine Seelenwanderung gebe, ist aus den Gebrechen zu sehen, die einige Menschen von der Geburt an haben. Denn warum werden einige blind, andere lahm, andere sogar mit übel beschaffener Seele gebohren? — Ueberdas da es zur Natur der Seele gehört, daß sie einen Leib bewohne und beherrsche, so kann es nicht wohl seyn, daß sie nach dem Abschied aus dem Leib die ganze Ewigkeit müßig bleibe. — Wenn die Seelen nicht wieder in andere Cörper zurükführen, so müßten unendlich viel Seelen seyn, oder Gott müßte immer neue schaffen. In der Welt aber ist nicht unendliches: Denn in dem Endlichen kann nichts unendliches seyn. Es ist auch nicht möglich, daß andere entstehen. Denn alles, worin etwas neues entstehet, muß ein unvollendetes Ding seyn. Die Welt aber, die ihren Ursprung von einem vollkommnen Wesen hat, muß vollkommen seyn.

Ein und zwanzigstes Capitel

Daß die Tugendhaften beydes in diesem Leben und nach dem Tode glückselig seyen.

Diejenigen Seelen, die tugendhaft gelebt, die sich von dem sinnlichen unvernünftigen Theil geschieden und sich von dem ganzen Cörper gereiniget haben, sind in vielen Absichten glückselig; besonders aber gelangen sie in Gemeinschaft mit den Göttern, und regieren mit ihnen die ganze Welt.

Und wenn sie auch das nicht hätten, so würde schon die Tugend vor sich, und die Lust und die Ehre, die aus der Tugend fließt, weil sie ein Leben ohne Kummer und ohne Zwang ist, zureichend seyn, jeden glückselig zu machen, der sein Leben der Tugend geweihet hat, und seinem Vorsatz treu geblieben ist.

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  • Anonyme Kaisergeschichte
  • Sueton: Kaiserbiographien
  • Curtius Rufus: Geschichte Alexanders des Großen

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