4 (1) Claudius Tiberius, ein Sohn von Drusus, dem Bruder des Tiberius, und Oheim des Caligula, regierte vierzehn Jahre. (2) Als der Senat der Beschluß gefaßt hatte, die ganze Familie der Cäsaren zu vertilgen, wurde er von den Soldaten in einem unreinlichen Schlupfwinkel versteckt aufgefunden, und weil er als Blödsinniger den Unverständigen einen sehr sanften Charakter zu besitzen schien, zum Kaiser ausgerufen. (3) Dem Bauche, dem Weine und der Wollust schändlich fröhnend, dabei blöd-, ja beinahe stumpfsinnig, feig und furchtsam, war er völlig abhängig von den Befehlen seiner Freigelassenen und seiner Gemahlin. (4) Während seiner Regierung wurde Scribonianus Camillus in Dalmatien zum Kaiser gewählt, aber alsbald23 ermordet, das Land der Mauren24 zur Provinz gemacht, ein Heer der Musulamier25 vernichtet, und die claudische Wasserleitung in Rom angelegt. (5) Seine Gattin Messalina trieb Anfangs, als habe sie das Recht dazu, (für sich allein) Ehebruch mit Männern aller Art, und ließ dabei Mehrere, die sich aus Furcht ihrer Umarmung enthielten, ermorden. Darauf aber gab sie, noch heftiger von Leidenschaft entbrannt, mit sich zugleich auch eine Menge Frauen und Jungfrauen edler Herkunft gleich öffentlichen Dirnen preis und zwang deren Männer und Väter26, diesem Schauspiel beizuwohnen. Zeigte aber Einer seinen Abscheu vor solchem Gebahren, so wurde auf irgend ein ihm angedichtetes Verbrechen hin gegen ihn selbst und seine Familie gewüthet. Es hatte demnach ganz das Ansehen, als sei sie, des Kaisers Gemahlin, lieber mit jedem andern Manne vermählt, als mit dem Kaiser selbst27. (6) So gelangten auch seine Freigelassenen zur höchsten Gewalt und besudelten Alles durch Schändungen, Hinrichtungen, Verbannungen und Achtserklärungen. (7) Einen von ihnen, den Felix, ernannte Claudius zum Befehlshaber der Legionen in Judäa; dem Eunuchen Possidius machte er nach seinem Triumphe über Britannien, als ob derselbe am Siege Antheil gehabt hätte, unter der Zahl der tapfersten Krieger ein Geschenk mit Ehrenwaffen, (8) und den Polybius ließ er [bei Aufzügen] in der Mitte der Consuln einherschreiten. Den Vorrang von allen Andern aber hatten sein Geheimschreiber Narcissus, der den Herrn seines Herrn selbst spielte, und Pallas, den er zur Ehrenstelle eines Prätors erhoben hatte, Beide so außerordentlich reich, daß, als Claudius einst über die Armuth des kaiserlichen Schatzes klagte, das witzige Schmähwort in Umlauf kam, er würde Geld im Ueberfluß haben, wenn ihn die beiden Freigelassenen als Geschäftsgenossen annähmen. (9) Zur Zeit dieses Kaisers ließ sich in Aegypten der Vogel Phönix sehen, der alle fünfhundert Jahre aus Arabien in das genannte Land fliegen soll, und im Aegäischen Meere erhob sich plößlich eine Insel aus den Fluthen. (10) [Später]28 heirathete Claudius die Tochter seines Bruders Germanicus, Agrippina, welche, um ihrem Sohne die Regierung zu verschaffen, zuerst ihre Stiefkinder durch Nachstellungen aller Art, dann aber auch ihren Gemahl selbst durch Gift aus dem Wege räumte29. (11) Claudius lebte vierundsechszig Jahre, und sein Tod wurde, wie einst der des Tarquinius Priscus, lange verheimlicht. (12) Während die durch weibliche List bestochenen Wachen vorgaben, er sei krank, bemächtigte sich sein Stiefsohn Nero der Regierung.
4 (1) Obgleich also Claudius, einer schändlichen Völlerei ergeben und dabei blödsinnig, von sehr schwachem Gedächtniß, furchtsam und feig war, so traf er doch eben aus Furchtsamkeit sehr viele treffliche Einrichtungen, besonders auf den Rath des Adels, den er aus Furcht berücksichtigte; denn Schwachköpfe handeln gewöhnlich im Geiste ihrer Rathgeber. (2) So unterdrückte er denn, guten Rathschlägen folgend, die herrschenden Laster und in Gallien den berüchtigten Aberglauben der Druiden23, gab recht zweckmäßige Gesetze und widmete auch dem Heerwesen seine Fürsorge. Die Grenzen des römischen Reichs wurden theils aufrecht erhalten, theils neu bestimmt; im Osten bildete sie Mesopotamien24, im Norden der Rhein und die Donau; im Süden wurde Mauritanien25, wo das Königthum nach Juba erlosch, den Provinzen des Reichs beigefügt und eine Schaar der Musalamier26 geschlagen, und im äußersten Westen ein Theil von Britannien unterworfen, die einzige Unternehmung, an der Claudius, von Ostia27 aus zur See dahin reisend, persönlich Theil nahm, denn die übrigen leiteten seine Feldherrn. (3) Außerdem wurde von ihm dem Getreidemangel abgeholfen, den Caligula herbeigeführt hatte, indem er zu allgemeinem Schaden aus dem ganzen Reiche alle Schiffe zusammenbringen ließ, um für Schauspiele und Wagenrennen einen Platz auf dem Meere zu schaffen28. (4) Ebenso erneuerte er auch den Census, und behielt, während er viele Andere aus dem Senate stieß, einen ausschweifenden jungen Mann, von dem sein Vater versichert hatte, er sei mit ihm zufrieden, darin, indem er dabei ganz richtig bemerkte, ein Vater müsse auch Censor seiner Kinder sein. (5) Als er sich aber durch die Verlockungskünste seiner Gemahlin Messalina und seiner Freigelassenen, denen er sich hingegeben hatte, auf Abwege hatte fortreißen lassen, gestattete er sich nicht blos die gewöhnlichen Handlungen von Tyrannen, sondern Alles, was nur die verworfenste Klasse von Weibern und Sclaven bei einem blödsinnigen Gatten und Herrn sich erlauben durfte. (6) Denn hatte seine Gemahlin Anfangs, als ob sie ein Recht dazu hätte, ohne Unterschied der Person vielfach Ehebruch getrieben und sehr Viele, die sich entweder aus [guter] Gesinnung oder aus Furcht des unzüchtigen Umgangs mit ihr enthielten, sammt den Ihrigen in’s Verderben gestürzt, indem sie mit dem gewöhnlichen Kunstgriffe der Weiber diejenigen beschuldigte ihr nachgestellt zu haben, denen sie selbst nachgestellt hatte: (7) so gab sie später, noch heftiger entflammt, alle vornehmeren Frauen und Jungfrauen nach Art öffentlicher Dirnen neben sich selbst Preis und zwang die Ehemänner [als Zuschauer] dabei zugegen zu sein. (8) Wenn Einer davor zurückschauderte, so wurde unter Beschuldigung irgend eines erdichteten Verbrechens gegen ihn selbst und seine ganze Familie gewüthet. (9) Denn den Claudius, einen, wie wir schon oben gesagt haben, von Natur sehr furchtsamen Mann, beunruhigte seine Umgebung durch vorgehaltene Schreckbilder, besonders von Verschwörungen, durch welche Erfindung auch seine Freigelassenen Jeden, den sie wollten, in’s Verderben stürzten. (10) Anfangs waren diese mit ihrer Beschützerin bei Verbrechen Hand in Hand gegangen, als sie aber derselben [an Einfluß] gleich gekommen waren, ließen sie dieselbe zwar ohne Vorwissen ihres Gebieters, aber dennoch wie auf dessen Befehl durch einige Trabanten umbringen. (11) Freilich war dieses Weib so weit gegangen, daß sie, als Claudius zu seinem Vergnügen und seinen Buhlerinnen zu Liebe nach Ostia gereist war, zu Rom mit einem Andern förmlich Hochzeit hielt, wodurch sie um so berüchtigter wurde, da es allerdings wunderbar schien, daß sie lieber an einen Mann aus der Umgebung des Kaisers, als an den Kaiser selbst verheirathet sein wollte. (12) Als so die Freigelassenen die höchste Gewalt erlangt hatten, versetzten sie den ganzen Staat durch Schändungen, Verbannungen, Hinrichtungen und Achtserklärungen in den gräulichsten Zustand, und trieben ihren Herrn in seinem Blödsinn soweit, daß er noch als Greis die Tochter seines Bruders zur Gattin begehrte. (13) Diese29 aber, die für noch unsinniger30 galt, als ihre Vorgängerin, und deshalb ein gleiches Schicksal mit ihr fürchtete, vergiftete ihren Gatten. (14) Im sechsten Jahre seiner Regierung, die überhaupt vierzehn Jahre dauerte, wurde das achthundertste Jahr der Stadt Rom auf’s Glänzendste gefeiert, auch hatte sich während derselben in Aegypten der Vogel Phönix gezeigt, welcher alle fünfhundert Jahre aus Arabien nach dem genannten Lande fliegen soll, und im ägäischen Meere tauchte plötzlich in einer Nacht, wo eine Mondfinsterniß eingetreten war, eine gewaltig große Insel auf. (15) Der schmähliche Tod [des Kaisers] wurde, wie einst beim Tarquinius Priscus, lange Zeit geheim gehalten, indem die durch die List der Frau bestochenen Wachen vorgaben, er sei krank und habe die Besorgung der Regierungsgeschäfte unterdessen seinem Stiefsohne übertragen, den er kurz zuvor an Kindesstatt angenommen hatte.
13 (1) Auf ihn folgte Claudius, ein Oheim Caligula’s und Sohn von Drusus, dem Großvater Caligula s, der bei Mainz ein Denkmal hat. Dieser regierte mittelmäßig: Ruhe und Mäßigung bezeichnen manchen seiner Schritte: indeß verfuhr er auch öfters grausam und ungeschickt. (2) Er bekriegte Britannien, wohin seit Julius Cäsar kein Römer den Fuß gesetzt hatte, besiegte es durch den Cnejus Sentius und Aulus Plautius, berühmte Männer von angesehenem Hause, und hielt einen glänzenden Triumph. [43. n. Chr.] (3) Auch einige Inseln, auf dem Meere jenseits Britannien gelegen, verband er mit dem Römischen Reich, welche die Orcaden hießen. Seinem Sohne gab er daher den Namen Britannicus. (4) Gegen Einige seiner Vertrauten benahm er sich mit herablassender Artigkeit. So ließ er dem Plautius, einem Mann von vornehmer Geburt, der im Kriege mit Britannien manche Großthaten verrichtet hatte, bei dessen Triumphe den Vortritt, und ging ihm zur linken Seite, als er das Capitol bestieg. (5) Es lebte Claudius vier und sechzig Jahre und regierte vierzehen. Nach seinem Tode wurde er für heilig erklärt, und der Göttliche genannt. [54. n. Chr.]
