11 (1) Domitianus, ein Sohn Vespasian’s und der Freigelassenen Domitilla, der leibliche Bruder des Titus, herrschte fünfzehn Jahre. (2) Anfangs heuchelte er Milde und erschien sowohl in den Staatsgeschäften nicht unthätig, als auch ziemlich ausdauernd im Kriege, und daher besiegte er denn auch die Catten und Germanen49 und sprach Recht nach den Grundsätzen strenger Gerechtigkeit. (3) Zu Rom ließ er theils viele schon angefangene Gebäude vollenden, theils neue von Grund auf bauen. (4) Die durch Feuer verzehrten Bibliotheken stellte er wieder her, indem er überallher, besonders aber aus Alexandrien, Abschriften kommen ließ. (5) In Handhabung des Bogens war er so geschickt, daß seine Pfeile zwischen den ausgestreckten Fingern eines in weiter Entfernung aufgestellten Mannes hindurchflogen. (6) In der Folge aber zum mordlustigen Wüthrich geworden, fing er an, die trefflichsten Männer hinrichten zu lassen und zwang nach dem Beispiele des G. Caligula die Leute, ihn Herrn und Gott zu nennen50. (7) Der Wollust, deren schändliche Befriedigung er in griechischer Sprache κλινοπάλη51 nannte, war er bis zur Raserei ergeben. (8) In seiner Trägheit pflegte er [aus Langeweile] nach Entfernung aller Zeugen auf lächerliche Weise Schwärme von Fliegen zu jagen. Daher erhielt einst Jemand auf die Frage, wer im Palaste sei, die Antwort: Nicht einmal eine Fliege. (9) Durch die Grausamkeiten des Kaisers und besonders durch eine beschimpfende Aeußerung desselben, die ihn kränkte — Domitian hatte ihn eine Hure genannt52 — gegen ihn aufgebracht, riß Antonius, der Statthalter von Obergermanien53, die Herrschaft an sich. (10) Als dieser aber von Norbanus Appius in einem Treffen geschlagen worden war, ward Domitian noch weit abscheulicher und wüthete gegen das ganze Menschengeschlecht, selbst gegen die Seinigen, gleich einem wilden Thiere. (11) Aus Furcht vor seiner Grausamkeit und im Bewußtsein eigener Schuld verschworen sich daher Mehrere gegen ihn auf Anstiften des Parthenius, seines Kämmerlings, des Stephanus und Clodianus, welcher damals wegen Geldunterschlagung der Todesstrafe entgegensah, indem auch die Gemahlin des Tyrannen, Domitia, die, eines Liebesverhältnisses mit dem Schauspieler Paris wegen, einen martervollen Tod befürchtete, mit in den Plan gezogen wurde. (12) So wurde denn Domitianus im sechs und vierzigsten Lebensjahre mit vielen Wunden ermordet. (13) Der Senat aber faßte den Beschluß, ihn gleich einem Fechter hinausschleppen und seinen Namen [auf allen Denkmälern] vertilgen zu lassen. (14) In der Zeit seiner Regierung wurden die Säcularspiele gefeiert. Bis dahin herrschten zu Rom oder doch in Italien geborene Kaiser, von nun an aber Fremde. (15) Dadurch wurde es klar, daß die Stadt Rom ihr Wachsthum [hauptsächlich] dem Verdienste von Ausländern zu verdanken hatte. Denn wer übertraf den Nerva an Klugheit oder Mäßigung? wer den Trajan an göttlicher Vollkommenheit? wer den Hadrian an Trefflichkeit?
11 (1) So wurde also durch die Ermordung des besten Bruders und Kaisers Domitianus [Beherrscher des Reichs], der nach einer schandbefleckten Jugend, noch wahnsinniger geworden durch Verbrechen gegen die Seinigen und gegen den Staat, mit Plünderungen, Mordthaten und Hinrichtungen begann. (2) Er fröhnte den schändlichsten sinnlichen Lüsten und behandelte den Senat mehr als übermüthig, indem er es erzwang, daß man ihn Herr und Gott nennen mußte, Titel, die zwar von den nächstfolgenden Kaisern sofort wieder abgeschafft wurden, aber viel später mit um so größerem Nachdruck auf’s Neue geltend gemacht wurden. (3) Anfangs jedoch heuchelte er Milde und schien nicht ganz unthätig zu Hause und von ziemlicher Ausdauer im Kriege. (4) Daher hatte er auch nach Besiegung der Dacier55 und einer Schaar von Catten56 dem Monat September den Namen Germanicus und dem October seinen eigenen gegeben. Auch vollendete er viele von seinem Vater oder Bruder angefangene Bauwerke, namentlich das Capitolium. (5) In der Folge aber zeigte er durch die Ermordung vieler trefflicher Männer wilde Grausamkeit, und als seine Kräfte zum Genuß der Wollust geschwunden waren, deren schändliche Ausübung er mit dem griechischen Ausdruck κλινοπάλη57 benannte, eine schlaffe Unthätigkeit, indem er auf die lächerlichste Weise, nach Entfernung aller Zeugen, Schwärme von Fliegen verfolgte, was Stoff zu vielen Scherzreden gab. (6) So erhielt Jemand auf die Frage, ob Jemand im Palaste sei, die Antwort: nicht einmal eine Fliege, es müßte denn auf dem Ringplatze sein. (7) Als seine grenzenlose Grausamkeit von Tag zu Tag zunahm und selbst seinen Angehörigen verdächtiger wurde, traf ihn durch einen Anschlag seiner Freigelassenen, mit Vorwissen seiner Gemahlin, welche die Liebe eines Schauspielers der ihres Gatten vorzog, im fünfundvierzigsten Jahre seines Lebens und etwa im fünfzehnten seiner Regierung die verdiente Strafe. (8) Der Senat beschloß, seinen Leichnam gleich dem eines Fechters hinauszuschleppen58 und seinen Namen [von allen Denkmälern] zu vertilgen. (9) Die Soldaten jedoch, denen durch die Verluste des Staats ihre eigenen Vortheile um so reichlicher zufließen, fingen, darüber aufgebracht, nach ihrer Weise ziemlich stürmisch an die Bestrafung der Urheber von Domitians Tode zu verlangen. (10) Versöhnten sie sich nun auch, durch verständige Männer nur mit der größten Mühe beschwichtigt, endlich wieder mit dem Senate, (11) so dachten sie nichts desto weniger im Stillen an einen Kampf, da der Wechsel der Regierung wegen des Wegfalls ihrer Bereicherung durch freigebige Geschenke ihr Mißvergnügen erregte. (12) Bis hierher waren die Beherrscher des Reichs geborne Römer oder doch Italer; von nun an aber Fremde, vielleicht jedoch, wie es bei Tarquinius Priscus der Fall war, bei weitem bessere. (13) Bei mir wenigstens, der ich so Vieles gehört und gelesen habe, steht die Ueberzeugung fest, daß die Stadt Rom besonders durch das Verdienst der Ausländer und die von ihnen dahin verpflanzten Künste an Größe zugenommen habe.
23 (1) Bald darauf übernahm Domitianus, ein jüngerer Bruder des Titus, die Regierung. Mit Nero, Caligula, Tiberius hatte Dieser mehr Aehnkichkeit, als mit seinem Vater oder Bruder. In den ersten Jahren seiner Herrschaft benahm er sich zwar mit Mäßigung, verfiel aber bald in die schlimmsten Laster, Wollust, Rachsucht, Grausamkeit, Habgier und belud sich mit einem solchen Hasse, daß darüber die Verdienste seines Vaters und Bruders vergessen wurden. Die vornehmsten Mitglieder des Senats ließ er hinrichten: (2) er war der Erste, der sich als Herr und Gott begrüßen ließ: die Bildsäulen, welche ihm auf dem Capitol gesetzt wurden, durften blos von Gold und Silber seyn: seine Vetter ermordete er: (3) endlich war er vom abscheulichsten Hochmuth besessen. (4) Es kamen unter ihm vier Feldzüge vor: einer gegen die Sarmaten,76 ein andrer gegen die Catten77 und zwei gegen Dacien. Ueber die Dacier und Catten hielt er einen doppelten Triumph: hinsichtlich der Sarmaten begnügte er sich mit einem bloßen Lorbeer. Indeß hatten ihn in diesen Kriegen viele Unfälle betroffen. In Sarmatien nämlich wurde eine seiner Legionen mit ihrem Anführer niedergemacht, von den Daciern wurde ein vormaliger Consul, Oppius Sabinus, und der Befehlshaber der Leibwache Cornelius Fuscus mit einem zahlreichen Heere erschlagen. (5) In Rom führte er viele Bauten aus: unter Anderm baute er das Capitol, das Forum mit den Durchgängen, das Odeum, die Götterhallen, den Tempel der Isis und den des Serapis,78 die Rennbahn. (6) Seine Laster machten ihn aber am Ende so allgemein verhaßt, daß seine eigenen Leute sich wider ihn verschworen und ihn im Pallast ermordeten: er war fünf und vierzig Jahre alt und hatte 15 regiert [J. 96. n. Chr.]. Seine Leiche wurde auf eine schmachvolle Art durch gewöhnliche Todtengräber hinausgeschasft und auf gemeine Art begraben.
