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Marc Aurel

16 (1) Marcus Aurelius Antoninus regierte achtzehn Jahre. (2) Er war in Besitz aller Tugenden und eines göttlichen Geistes und den Unfällen des Staates gleichsam als Vorkämpfer entgegengestellt. Denn wäre er nicht für jenes Zeitalter geboren worden, so wäre sicherlich das ganze römische Staatsgebäude in Einem Sturze zusammengesunken. (3) Nirgends nämlich fand Waffenruhe Statt, und im ganzen Orient, in Illyrien, Italien und Gallien loderte die Kriegsflamme. Erdbeben, verbunden mit dem Untergange ganzer Städte, Ueberschwemmungen der Flüsse, häufige pestartige Krankheiten, die Aecker verheerende Heuschreckenschwärme [stellten sich ein], so daß sich, kurz gesagt Nichts von Allem, wodurch die Menschen in die größte Angst versetzt zu werden pflegen, nennen oder nur denken läßt, das nicht unter seiner Regierung gewüthet hätte. (4) Ich halte es für eine göttliche Schickung, daß, wenn das Schicksal, oder die Natur, oder irgend eine andere den Menschen unbekannte Macht ein [verderbliches] Ereigniß hervorruft, dasselbe durch die weisen Rathschlüsse der Regenten gleichsam wie durch ärztliche Heilmittel gelindert wird. (5) Antoninus nahm seinen Verwandten, Lucius Annius Verus, durch eine ganz neue Art von Gunstbezeigung70 zum Mitregenten an. Dieser Verus starb im elften Jahre seiner Regierung auf einer Reise zwischen Altinum und Concordia71 an einem Blutschlage, welche Krankheit die Griechen Apoplexie ([apoplexis]) nennen. (6) Er beschäftigte sich gern mit Gedichten, besonders mit Trauerspielen, und war von rauhem und wollüstigem Charakter. (7) Nach seinem Tode führte Antoninus das Staatsruder allein. Gleich vom Anfange seines Lebens an zeigte er die größte Seelenruhe, so daß er schon von Kindheit an seine Miene weder in Freude noch in Schmerz je veränderte. Der Philosophie war er sehr ergeben und äußerst bewandert in der griechischen Literatur. (8) Den angesehenern Männern gestattete er, Gastmähler mit derselben Pracht und ähnlicher Bedienung, wie er selbst, zu geben. (9) Da er bei Erschöpfung der Staatscasse kein Geld hatte, um den Soldaten [die herkömmlichen] Spenden zukommen zu lassen, und doch den Einwohnern der Provinzen und dem Senate deshalb keine neue Abgabe zumuthen wollte, ließ er in einer auf dem Forum des Trajanus abgehaltenen Versteigerung das kaiserliche Prachtgeräth veräußern, goldene Gefäße, Pokale von Krystall und Murrha72, seine und seiner Gemahlin seidene und goldgestickte Gewänder und vieles Edelsteingeschmeide. Die Versteigerung dauerte zwei volle Monate lang und brachte sehr viel Geld ein. (10) Nach errungenem Siege73 jedoch stellte er den Käufern, die das Erstandene zurückgeben wollten, den Kaufpreis zurück, belästigte aber Niemanden, der das einmal Erkaufte zu behalten vorzog. (11) Zu seiner Zeit wurde Cassius, der die Herrschaft an sich reißen wollte, getödtet. (12) Er selbst starb im neun und fünfzigsten Lebensjahre zu Vindobona74, an einer Krankheit. (13) Als die Kunde seines Todes nach Rom gelangte, gerieth die ganze Stadt durch allgemeine Trauer in Verwirrung und der Senat versammelte sich in schwarzen Gewändern weinend in der Curie. (14) Was man von Romulus kaum hatte glauben wollen, das nahm man von Marcus mit allgemeiner Uebereinstimmung an, nämlich seine Aufnahme in den Himmel. Es wurden ihm Tempel, Säulen und viele andere Ehrenbezeugungen zuerkannt.

16 (1) Denn er nahm den Marcus Bojonius, [später] Aurelius Antoninus genannt, welcher aus derselben Stadt gebürtig und von gleich edler Abkunft war, aber hinsichtlich seiner Kenntnisse in der Philosophie und Beredtsamkeit ihn weit übertraf, in seine Familie80 und zur Theil nahme an der Regierung auf. (2) Alle Handlungen und Beschlüsse dieses Mannes im Frieden wie im Kriege waren ganz vortrefflich, doch trübte er ihren Glanz durch die Unfähigkeit, seine Gemahlin zu zügeln, welche in frecher Schamlosigkeit so weit ging, daß sie, in Campanien verweilend, sich immer an den reizendsten Punkten der Küste aufhielt, um aus den Schiffsleuten, die meist ihre Geschäfte nackend verrichten, die zu ihrem Schandleben Tauglichsten auszulesen. (3) Nachdem also sein Schwiegervater zu Lorii81 über fünfundsiebzig Jahre alt gestorben war, nahm er sogleich seinen Bruder Lucius Verus zum Gehülfen in der Regierung an. (4) Unter dessen Anführung wurden die Perser82, nachdem sie Anfangs siegreich gewesen waren, zuletzt unter ihrem Könige Vologesus völlig geschlagen; (5) doch starb Lucius kurze Zeit darauf, und dieß gab Veranlassung zu dem ersonnenen Gerüchte, er sei durch die Hinterlist seines leiblichen Bruders aus dem Wege geräumt worden, (6) von dem es hieß, er habe, von Neid über die Thaten des Verus gequält, bei der Mahlzeit sein Verbrechen ausgeführt. (7) Denn (sagt man) er zerschnitt ein Stück von der Gebärmutter eines Schweins, das absichtlich allein hingelegt war, mit einem an der einen Seite vergifteten Messer und reichte, nachdem er die eine Hälfte selbst verzehrt hatte, die andere, vom Gifte berührte, wie es unter vertrauten Freunden Sitte ist, seinem Bruder hin. (8) Doch dieß von einem solchen Manne zu glauben, vermag blos ein selbst zu Verbrechen geneigtes Gemüth. (9) Denn es ist ja hinlänglich bekannt, daß Lucius zu Altinum83, einer Stadt in Venetien, gestorben ist, und daß Marcus so viel Weisheit, Sanftmuth, Herzensreinheit und wissenschaftliche Bildung besessen hat, daß ihn einst, als er mit seinem Sohne Commodus, den er zum Cäsar ernannt hatte, gegen die Marcomannen84 zu Felde ziehen wollte, eine Anzahl Philosophen umringte, welche ihn beschworen, sich nicht eher den Gefahren eines Feldzugs oder einer Schlacht auszusetzen, als bis er ihnen die schwierigsten und verborgensten Lehren der Philosophie auseinandergesetzt hätte. (10) So sehr fürchtete man die ungewissen Fälle des Kriegs nicht nur seines Lebens, sondern auch der wissenschaftlichen Studien wegen, und die schönen Künste blühten unter diesem Kaiser so, daß ich auch in sie den Ruhm jenes Zeitalters setze. (11) Das Zweideutige in den Gesetzen wurde durch bewundernswerthe Klarheit beseitigt, die hergebrachte Sitte der Bürgschaftleistung vor Gericht aufgehoben und dafür der bequeme Gebrauch eingeführt, daß man einen Proceß blos anzeigte und dann bis zum fest gesetzten Tage warten mußte. (12) Das römische Bürgerrecht wurde allen Bewohnern des Reichs ohne Unterschied ertheilt85, viele Städte gegründet, mit Kolonisten bevölkert, wiederhergestellt und verschönert, namentlich in Afrika Carthago86, das eine schreckliche Feuersbrunst verzehrt hatte, in Kleinasien Ephesus87, und in Bithynien Nicomedia88, welche beide durch ein Erdbeben vernichtet worden waren, wie Nicomedia auch zu unserer Zeit wieder unter dem Consulate des Cerealis. (13) Triumphe hielt Antoninus über die Völkerschaften, deren Wohnsitze sich unter der Herrschaft des Königs Marcomar89 von der Stadt Carnuntum90 in Pannonien bis in die Mitte Galliens erstreckten. (14) Er starb im achtzehnten Jahre seiner Regierung und noch ziemlich kräftigem Alter zu Vindobona91 zur größten Trauer aller Welt. (15) Senat und Volk, in anderen Dingen gewöhnlich uneinig, erkannten ihm allein einmüthig alle möglichen [Ehrenbezeugungen] zu, Tempel, Ehrensäulen und Priester.

9 (1) Nach ihm regierte Marcus Antoninus Verus. Unstreitig stammte er aus einer sehr vornehmen Familie: denn von väterlicher Seite leitete er seine Abkunft von Numa Pompilius, und in mütterlicher Linie von einem Sallentinischen Könige ab. Sein Mitkaiser war Lucius Antoninus Verus. (2) Zum erstenmal standen jetzt zwei Männer am Staatsruder, mit gleichen Befugnissen versehen, während bis dahin das Römische Reich immer nur Einen Kaiser gehabt hatte.

10 (1) Diese beiden Regenten vereinigte Geschlecht und Verwandtschaft. Es hatte nämlich Verus Antoninus eine Tochter von Marcus Antoninus zur Gemahlin: Marcus Antoninus aber war ein Tochtermann von Antoninus dem Frommen durch seine Gemahlin Galeria Faustina die Jüngere, sein Geschwisterkind. (2) Die beiden Kaiser führten Krieg mit den Parthern, welche seit dem Siege Trajan’s über sie nun zum erstenmale wieder die Waffen ergriffen hatten. Verus Antoninus zog selbst in das Feld: blieb jedoch in Antiochien und in der Nähe von Armenien stehen, und ließ durch seine Feldherren, übrigens mit großem Erfolge die Unternehmungen ausführen. Seleucia, die berühmteste Stadt Assyriens, mit 40,000 Menschen, eroberte er: über die Parther trug er einen Triumph davon, (3) den er in Gemeinschaft mit seinem Bruder, der zugleich sein Schwiegervater war, feierte. Er starb im Venetianischen anf einer Reise von der Stadt Concordia nach Altinum.90 Im Wagen an der Seite seines Bruders wurde er von einem Schlagflusse befallen, ein Zufall, welchen die Grichen Apoplexie nennen. (4) Sein Charakter hatte nicht viel Menschenfreundliches, indeß erlaubte er sich aus Achtung gegen seinen Bruder keine Gewalthandlung. Er hatte eilf Jahre regiert und wurde unter die Götter versetzt.

11 (1) Nach ihm behielt Marcus Autoninus die Zügel der Regierung allein. Es ist leichter, den Charakter dieses Mannes zu bewundern, als würdig zu preisen. Von den frühesten Jahren seines Lebens an zeigte er die gelassenste Gemüthsart, so daß er schon in seiner Kindheit weder aus Freude noch Schmerz die Miene wechselte. Er war ein Anhänger der stoischen Philosophie: übrigens machten ihn nicht blos seine Lebensgrundsätze, sondern auch Wissenschaftlichkeit zum Philosophen: (2) schon als Jüngling war er so sehr Gegenstand der Bewunderung, daß Hadrianus darauf dachte, ihm den Thron zu hinterlassen: da er indeß schon Antoninus den Frommen an Sohnesstatt aufgenommen hatte, verordnete er, daß Marcus dessen Schwiegersohn würde, damit er auf diesem Wege zur Regierung gelangen möchte.

12 (1) Apollonius von Chalcedon war sein Lehrer in der Philosophie: in die Griechische Literatur wurde er von einem Enkel Plutarch’s, Sextus von Chäronea, eingeführt: über lateinische Literatur hörte er die Vorträge des berühmten Redner’s Fronto. Er stellte sich in seinem Betragen auf die gleiche Linie mit allen Römern, und ließ sich durch seinen erhabenen Posten zu keiner Anmaßung verleiten: er half willig und gerne: (2) die Provinzen behandelte er mit ungemeiner Milde und Schonung. Gegen die Deutschen wurden unter diesem Fürsten glückliche Thaten verrichtet. Er selbst führte Einen Krieg mit den Marcomannen,91 dessen Wichtigkeit übrigens von keinem andern in der Geschichte erreicht wird, fo daß man ihn mit den Punischen vergleicht. Dieser Krieg wurde deshalb um so gefährlicher, weil das ganze Römische Heer aufgelöst war: es war nämlich unter diesem Kaiser eine pestartige Krankheit ausgebrochen, welche nach dem Persischen Sieg, in Rom, Italien und den Provinzen eine große Menge Menschen, namentlich fast alle Truppen, darniederwarf und entkräftete.

13 (1) Mit Anstrengungen und Klugheit endigte der Kaiser den Marcomannischen Krieg, nachdem er drei Jahre lang ununterbrochen bei Carnuntum92 verweilt hatte. Die Quaden, Vandalen, Sarmaten, Sueven und alle Barbaren hatten an diesem Kriege Theil genommen, in welchem Antonin viele Tausende von Menschen erschlug, Pannonien von seiner Dienstbarkeit befreite: sodann hielt er in Rom mit seinem Sohne Commodus Antoninus, den er schon zum Cäsar erklärt hatte, einen Triumph. (2) Die Bedürfnisse dieses Kriegs hatten die Staatskasse erschöpft: nun fehlte es an Mitteln zu Geschenkeaustheilungen. Da indeß der Kaiser weder den Provinzen noch dem Senate eine Auflage machen wollte, so veranstaltete er auf dem Platze des vergötterten Trajan’s einen Aufstreichsverkauf des kaiserlichen Prachtgeräthes im Einzelnen. Hiezu wurden bestimmt: goldene Gefäße, crystallene und murrhinische93 Pokale, seidene und goldene Prachtgewänder von ihm und seiner Gemahlin, viel Schmuck an Edelsteinen. Zwei volle Monate dauerte dieser Verkauf, der viel Geld einbrachte. Nach dem Siege wurde den Käufern ihre Auslage zurückgestellt, welche die erhandelten Gegenstände dafür zu erstatten Lust hatten: indeß wurde Niemand übel angesehen, der das Erkaufte lieber behalten wollte.

14 (1) Personen von Auszeichnung gestattete Antoninus, Gastmahle in demselben Geschmack, wie bei Hof, und mit derselben Bedienung zu halten. Die öffentlichen Kampfspiele nach dem Siege waren in einem so großartigen Styl angelegt, daß auf einmal hundert Löwen vorgekommen seyn sollen. (2) Nachdem er durch Tapferkeit und Milde den Staat auf eine hohe Stufe von Glük erhoben hatte, starb er im achtzehenten Jahre seiner Regierung, und ein und sechzigsten seines Lebens. Die allgemeine Begeisterung für ihn versetzte ihn unter die Götter [180. n. Chr.].

Highlights

  • Anonyme Kaisergeschichte
  • Sueton: Kaiserbiographien
  • Curtius Rufus: Geschichte Alexanders des Großen

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