5 (1) Domitius Nero, ein Sohn des Domitius Ahenobarbus und der Agrippina, regierte dreizehn Jahre. (2) In den ersten fünf Jahren zeigte er sich recht erträglich, weshalb auch, wie Einige berichten, Trajan zu äußern pflegte, alle Fürsten wären noch weit von Nero’s ersten fünf Jahren entfernt30. (3) Er erbaute in der Stadt ein Amphitheater und Bäder (4) und machte mit Bewilligung des Königs Polemo den Theil von Pontus, der nach jenem den Namen des polemonischen führte, und ebenso auch nach dem Tode des Cottius die cottischen Alpen zu römischen Provinzen. (5) Sein übriges Leben jedoch führte er mit solcher Schande, daß man sich schämen muß, eines solchen Menschen auch nur Erwähnung zu thun. Er ging so weit, daß er zuletzt, ohne weder sein eignes, noch fremdes Schamgefühl zu schonen, in dem Gewande bräutlicher Jungfrauen vor dem zusammen berufenen Senate erschien, eine Mitgift festsetzte und sich, indem Alle die gewöhnlichen Festlichkeiten feierten, mit einem Manne vermählte. Mit dem Felle eines wilden Thieres bekleidet, weidete er sich am Anblick der Schamglieder beider Geschlechter. Sogar seine eigne Mutter, die er später tödten ließ, schändete er. Mit der Octavia31 und Sabina, die den Beinamen Poppäa führte32, schloß er Ehebündnisse, nachdem er ihre Männer hatte ermorden lassen. (6) Jetzt rissen Galba, Statthalter von Hispanien, und Cajus Julius die Regierung an sich. (7) Als Nero erfuhr, daß Galba heranrücke und der Senat einen Beschluß gefaßt habe, wonach er selbst, den Hals nach altem Brauche in eine Gabel gespannt, mit Ruthen zu Tode gepeitscht werden sollte, floh er, von Allen verlassen, mitten in der Nacht aus der Stadt, indem ihn Phaon, Epaphroditus, Neophytus und der Eunuch Sporus, den er durch Verschneidung in ein Weib zu verwandeln versucht hatte, begleiteten. Dann durchbohrte er sich selbst mit dem Schwerte, wobei der unsaubere Verschnittene, den wir eben erwähnt haben, seine zitternde Hand unterstützte, nachdem sich vorher Niemand gefunden hatte, der ihm den Todesstoß versetzen mochte, so daß er ausrief: „So habe ich denn weder Freund, noch Feind? Schändlich habe ich gelebt; noch schändlicher will ich sterben!“ (8) Er starb aber im dreißigsten Lebensjahre. Bei den Persern war er so beliebt, dass sie eine Gesandschaft nach Rom schickten mit der Bitte um Erlaubniß, ihm ein Denkmal errichten zu dürfen. (9) Uebrigens frohlockten alle Provinzen und ganz Rom über seinen Untergang in solchem Grade, daß das Volk, mit Hüten der Freigelassenen bedeckt, wie von einem grausamen Herrn befreit, jubelnd umherschwärmte.
5 (1) Auf diese Art wurde Lucius Domitius – denn dieß ist Nero’s eigentlicher Name nach seinem Vater Domitius – Kaiser. (2) Dieser, der die sehr jung angetretene Regierung eine gleiche Reihe von Jahren führte, wie sein Stiefvater, erwarb sich in [den ersten] fünf Jahren besonders durch Vergrößerung der Stadt so großen Ruhm, daß Trajan ihm mit Recht wiederholt das Zeugniß ausstellte, alle Kaiser wären noch weit entfernt von Nero’s [ersten] fünf Jahren. Während derselben wurde auch der Pontus mit Bewilligung des Königs Polemo31 zur Provinz gemacht und diesem Könige zu Ehren der polemonische Pontus benannt, desgleichen die cottischen Alpen32 nach dem Tode des Königs Cottus. (3) An ihm machte man sattsam die Erfahrung, daß kein Alter an Uebung der Tugend hindert, daß aber diese leicht eine Wandelung erfährt, wenn sich das Herz durch Ungebundenheit verführen läßt, und daß das früher gleichsam verleugnete Recht der Jugend [später] nur zum Verderben wieder geltend gemacht wird. (4) Denn sein übriges Leben führte er mit solcher Schande, daß man sich ekeln und schämen muß zu berichten, es habe überhaupt einen Menschen, geschweige vollends einen Kaiser dieser Art gegeben. (5) Denn als er bereits nach griechischer Sitte in öffentlichen Versammlungen um den Kampfpreis eines Kranzes ringend zur Cither zu singen angefangen hatte, ging er zuletzt so weit, daß er, weder seiner eigenen, noch fremder Keuschheit schonend, mit dem Brautgewande sich vermählender Jungfrauen angethan, und nachdem er sich eine Mitgift hatte reichen lassen, in Gegenwart des Senats und während Alle das gewöhnliche Hochzeitfest feierten, mit Einem, den er unter allen unnatürliche Wollust treibenden Männern dazu auserlesen hatte, sich vermählte. (6) Doch dieß ist, wenn von den Schandthaten eines Nero die Rede ist, noch für das Geringfügigere zu halten. (7) Ließ er doch Personen beiderlei Geschlechts gleich Verbrechern an einen Pfahl binden und weidete sich, mit dem Felle eines wilden Thieres bedeckt, am Anblick ihrer Schamglieder, worauf er zu noch größerer Schmach selbst den Vollstrecker der Strafe an diesen Paaren spielte33. (8) Ja Mehrere glauben, daß er sogar seine eigene Mutter befleckt habe, da sie ihn aus Herrschbegierde, gleich viel durch welches Verbrechen, von sich abhängig zu machen wünschte; (9) und obgleich einige Schriftsteller dieser Angabe widersprechen, halte ich sie doch für wahr. (10) Denn hat sich das Laster einmal der Seele bemächtigt, so wird die Gewohnheit zu sündigen keineswegs durch Vernichtung der Schamhaftigkeit fremder Personen auf eine unter Menschen erlaubtere Weise gesättigt34, sondern es gelüstet ihr immer nach neuen und um so süßeren Genüssen, bis sie sich zuletzt selbst an ihren Angehörigen vergreist. (11) Diese Wahrnehmung hat durch jene beiden noch größere Bestätigung gefunden, indem sie gleichsam stufenweise, sie durch Anderer Bemühungen erst zu einer Ehe mit ihrem Oheim und nach mehreren Hinrichtungen nicht mit ihr verwandter Personen zur Ermordung ihres eigenen Gemahls, er allmählich zur Schändung einer Vestalin, dann seiner selbst35 und endlich beide zu dem Verbrechen gegenseitiger Entehrung fortschritten. (12) Und doch konnten sie selbst durch solche zärtliche Hingabe nicht Eines Herzens und Sinnes werden, sondern bereiteten einander, in ihr Verderben rennend, gegenseitig Nachstellungen, durch welche die bethörte Mutter umkam. (13) Nachdem nun Nero durch diesen Muttermord alles göttliche und menschliche Recht mit Füßen getreten hatte und sein Wüthen gegen die trefflichsten Männer mehr und mehr zunahm, verschworen sich zu verschiedenen Zeiten Mehrere zur Befreiung des Staats. (14) Durch ihre Entdeckung und Bestrafung noch wüthender gemacht, beschloß er die Stadt durch Anzündung, das Volk durch überall losgelassene wilde Thiere, den ganzen Senat auf einmal durch eine gleiche Todesart36 zu vertilgen und sich einen neuen Regierungssitz zu suchen, wozu ihn besonders ein parthischer Gesandter veranlaßte, der sich bei der Tafel, wo die Hofleute nach hergebrachter Sitte sangen, einen Citherspieler zum Geschenk erbeten, und auf die erhaltene Antwort, derselbe sei ein freier Mann, mit Hindeutung auf sein bei dem Gastmahl anwesendes Gefolge, entgegnet hatte, der Kaiser möge sich unter denselben auswählen, wen er nur wolle, da es unter einer Monarchenherrschaft keinen freien Mann gebe. (15) Und Nero würde diese so verruchte That ohne Zweifel ausgeführt haben, wenn nicht Galba, der Statthalter von Hispanien, auf die Nachricht, daß seine Hinrichtung anbefohlen sei, ungeachtet seines Greisenalters die Herrschaft an sich gerissen hätte und dem Staate zu Hülfe gekommen wäre. (16) Bei dessen Ankunft von Allen verlassen, außer von einem Verschnittenen, den er einst durch seine Castration in ein Weib umzuformen versucht hatte, durchbohrte er sich selbst, nachdem er lange vergebens gefleht hatte, daß ihn Jemand tödten möchte, als ob er nicht einmal diese Dienstleistung verdient hätte. (17) Ein solches Ende nahm das Haus des Cäsar. Viele Vorzeichen aber hatten es verkündet, namentlich das Absterben eines für die Triumphatoren bestimmten Lorbeerhaines auf ihren Gütern und der Tod der vielen weißen Hühner, die zu religiösen Zwecken so sehr geeignet waren, daß noch jetzt ein Platz in Rom nach ihnen benannt wird37.
14 (1) Ihm folgte auf dem Throne Nero. Dieser hatte mit seinem Oheim, Caligula, die größte Aehnlichkeit. Er entwürdigte und schwächte das Römische Reich. Seine Ueppigkeit und Verschwendung war unerhört: er badete z. B. nach Caligula’s Vorgang in warmen und kalten Oehlen, fischte mit goldenen Netzen, welche er an purpurnen Bändern emporzog. (2) Eine Unzahl von Senatoren ließ er hinrichten: er war der Feind aller Guten. Zuletzt würdigte er so schmählich herab, daß er auf der Bühne, wie ein Musiker oder Schauspieler gekleidet, tanzte und sang. (3) Er befleckte sich mehrfach mit Verwandtenmord, indem er Bruder, Gemahlin und Mutter hinrichten ließ. Er zündete die Stadt Rom an, um sich eine Vorstellung von dem Anblick machen zu können, welchen einst das eroberte Troja im Brande dargeboten. (4) An kriegerische Unternehmungen wagte er sich gar nicht: Britannien verlor er beinahe. Es wurden nämlich unter ihm die zwei angesehensten Städte eingenommen und zerstört; Armenien nahmen die Parther weg, und führten Römische Legionen unter dem Joche hindurch. (5) Jedoch wurden zwei Provinzen unter ihm erworben, der Polemonische75 Pontus, welchen König Polemo selbst abtrat, und die Cottischen Alpen nach dem Tode des Königs Cottus.
15 (1) Durch sein Betragen ein Gegenstand des Fluchs im ganzen Römischen Reich geworden, von seiner ganzen Umgebung auf einmal verlassen, wurde er vom Senate für einen öffentlichen Feind erklärt. Man wollte ihn nun zum Vollzug der gesetzlichen Strafe abholen, welche darin bestand, entkleidet, den Kopf in eine Gabel hineingezwängt, durch die Stadt geführt, bis zum Tod mit Ruthen gestrichen, und dann vom Tarpejischen Felsen herabgestürzt zu werden. Er aber entkam aus seinem Pallaste, und entleibte sich selbst auf dem bei der Stadt gelegenen Gut seines Freigelassenen, welches 4 Meilen von Rom zwischen der Salarischen und Romentanischen Straße liegt. (2) In Rom erbaute er diejenigen öffentlichen Bäder, welche vormals den Namen der Neronischen führten, und jetzt die Alexandrinischen heißen. (3) Er wurde zwei und dreißig Jahre alt und regierte vierzehen. Mit ihm starb das Geschlecht August’s aus. [68. n. Chr.]
