2 (1) Claudius Tiberius, ein Sohn der Livia und Stiefsohn des Cäsar Octavianus, regierte dreiundzwanzig Jahre. (2) Da sein eigentlicher Name Claudius Tiberius Nero war, wurde derselbe seiner Trunksucht wegen von Spöttern recht witzig in Caldius Biberius Mero16 umgewandelt. (3) Er war hinreichend erfahren im Kriegswesen, und vor seiner Thronbesteigung unter August’s Regierung vom Glücke sattsam begünstigt, so daß ihm die Staatsherrschaft mit vollem Rechte anvertraut werden konnte. (4) Auch besaß er umfassende wissenschaftliche Kenntnisse und zeichnete sich durch Beredtsamkeit aus; von Charakter aber war er grundschlecht, wild, habsüchtig, hinterlistig; er stellte sich oft, als wünsche er Etwas, was er nicht wollte, war scheinbar gegen die aufgebracht, denen er geholfen wissen wollte, und zeigte sich gegen die, welche er haßte, zum Schein wohlwollend. (5) In plötzlichen Antworten oder Entschlüssen war er glücklicher, als in lange überlegten. (6) Als ihm die Herrschaft vom Senate angeboten wurde, schlug er dieselbe aus Hinterlist zum Scheine aus, weil er heimtückisch erspähen wollte, was die Einzelnen sagen oder denken würden, was dann gerade die trefflichsten Männer in’s Verderben stürzte. (7) Denn da sie glaubten, daß er in seiner langen Rede die Größe der kaiserlichen Bürde im Ernste zurückweise, und auf seinen Wunsch billigende Aeußerungen thaten, stürzten sie sich in späteres Verderben. (8) Er machte Cappadocien nach Entfernung seines Königs Archelaus17 zur römischen Provinz, unterdrückte die Raubzüge der Gätulier und berückte auf listige Weise den König der Sueven Marbod18. (9) Während er in grausamer Wuth Schuldige und Unschuldige, sowohl Glieder seiner eigenen Familie, als Fremde, bestrafte, wurde, da das Heerwesen in Verfall gerathen war, Armenien von den Parthern, Mösien von den Daciern, Pannonien von den Sarmaten und Gallien von den benachbarten Völkern geplündert. (10) Er selbst ward, achtundsiebzig Jahre und vier Monate alt, durch Caligula’s Nachstellungen ermordet19.
2 (1) Hierauf ergriff Claudius Tiberius Nero, ein Stiefsohn des Augustus, aber durch Adoption7 zu dessen rechtem Sohne gemacht, als er sich gegen die Gefahren, die man gefürchtet hatte, hinlänglich gesichert sah, die Zügel der Regierung, verbat sich jedoch aus Schlauheit den Regentennamen. Er war heimtückisch und ziemlich versteckt und stellte sich oft dem, was er am heißesten wünschte, abgeneigt, so wie dem, was ihm verhaßt war, auf hinterlistige Weise nachhangend; er besaß einen, besonders wo es schnelle Entschlüsse galt, scharfen Verstand, war aber selbst schon bei den guten Anfängen seiner Regierung Verderben bringend. Seine raffinirten Lüste erstreckten sich fast auf jedes Alter und Geschlecht, und Unschuldige, ebensowohl Glieder seiner eigenen Familie, als ihm fern Stehende, strafte er um so härter. (2) Während er noch den Aufenthalt in Städten und menschlicher Gesellschaft verwünschte, hatte er sich bereits die Insel Capreä8 zum verborgenen Schauplatz seiner Schandthaten erwählt. (3) So wurde bei aufgelöster Kriegszucht ein sehr großer Theil des römischen Reichs geplündert, während nur Cappadocien9, und zwar in den ersten Zeiten seiner Regierung und nach Entfernung des Königs Archelaus10, zur römischen Provinz gemacht und den Raubzügen der Gätulier11 Einhalt gethan wurde, die unter Anführung des Tacfarinas nach allen Seiten hin her vorbrachen. (4) Die bisher in den nächsten Municipien12 und zu Rom in einzelnen Privathäusern zerstreut liegenden prätorischen Cohorten13 zog er in ein Lager bei der Stadt zusammen und nannte die Stelle des Befehlshabers derselben Praefectura oder auch mit dem Zusatze Praetorio; denn die übrigen Trabantencorps und Befehlshaberstellen hatte [schon] Augustus eingerichtet.
10 […] (5) […] Den Staat lies er [Anm.: Augustus] seinem Nachfolger Tiberius im glücklichsten Zustande zurück: [J. 14. n. Chr.] Dieser war sein Stiefsohn, wurde hernach sein Tochtermann, und zuletzt an Sohnesstatt von ihm angenommen.
11 (1) Die trägste Unthätigkeit, abscheuliche Grausamkeit, frevelhafte Habgier und schändliche Wollust bezeichnen die Regierungsgeschichte Tiber’s. Niemals wohnte er selbst einem Feldzuge bei: er führte die Kriege durch seine Unterfeldherren. (2) Einige Könige lockte er durch Schmeicheleien in seine Nähe und entließ sie niemals wieder. Unter ihnen war Archelaus von Cappadocien, dessen Reich er sogar in eine Provinz verwandelte, mit dem Befehle, die größte Stadt nach seinem Namen zu benennen. Dieselbe heißt noch jetzt Cäsarea: früher war ihr Name Mazaka. (3) Zur allgemeinen Freude starb er im drei und zwanzigsten Jahre seiner Regierung, acht und siebenzig Jahre alt, in Campanien. [J. 37. n. Chr.]
