13 (1) Ulpius Trajanus, aus der Stadt Luder57 gebürtig, Ulpius nach jeinem Großvater, Trajanus aber entweder nach dem Gründer seines väterlichen Stammes, oder nach seinem Vater genannt, regierte zwanzig Jahre. (2) Er zeigte sich dem Staate als einen Solchen, daß selbst die bewundernswürdigen Talente der ausgezeichnetesten Schriftsteller nur mit Mühe und Noth ein entsprechendes Bild von ihm zu entwerfen im Stande sein möchten. (3) Er übernahm die Regierung zu Agrippina58, einer ansehnlichen Pflanzstadt Galliens. Im Kriegswesen zeigte er sorgsame Thätigkeit, in bürgerlichen Angelegenheiten Milde und in der Unterstützung städtischer Gemeinden Freigebigkeit. (4) Und wenn es überhaupt zwei Eigenschaften sind, die man von einem trefflichen Fürsten erwartet, Unsträflichkeit im Privatleben und Tapferkeit im Kriege, beide gepaart mit Klugheit, so fanden sich an ihm diese großen Vorzüge in so reichem Maße, daß er sie so zu sagen zu gleichen Theilen vermischt zu haben scheint, ausgenommen, daß er dem Genusse von Speise und Trank ein wenig ergeben war. (5) Gegen seine Freunde war er freigebig und genoß ihres Umgangs, als wären ihre gegenseitigen Lebensverhältnisse völlig gleich. (6) Dem Sura zu Ehren, durch dessen Beflissenheit er in den Besitz des Thrones gekommen war59, erbaute er Bäder. (7) Ueberflüssig scheint es, alle Einzelnheiten [seines Lebens] namentlich aufführen zu wollen, da es genügt, [zu versichern,] er sei sittlich vollendet und fehlerfrei gewesen. (8) Denn er war ausdauernd in Anstrengungen, ein Freund jedes wackeren und kriegerischen Mannes, und liebte mehr schlichte Charaktere oder hochgebildete Männer, obgleich er selbst nur geringe Kenntnisse und mäßige Beredtsamkeit besaß. (9) Was aber die Rechtspflege und das göttliche und menschliche Recht betrifft, so war er sowohl Gründer neuer Gesetze, als Hüter der althergebrachten. (10) Alle diese Verdienste aber erschienen um so größer, als man ihn bei dem durch viele schreckliche Tyrannen herbeigeführten heillosen und völlig zerrütteten Zustande des römischen Staats als einen zur Abhülfe solchen Elends rechtzeitig von der Gottheit gesendeten Retter ansah, dessen bevorstehenden Regierungsantritt sogar mehrere Wunderzeichen vorher verkündigt hätten, unter welchen das wichtigste war, daß eine Krähe vom Gipfel des Capitols herab in griechischer Sprache gerufen habe: [kalws estai]60. (11) Die Asche seines verbrannten Leichnams wurde nach Rom gebracht61 und auf dem Platze Trajans unter der Säule desselben62 beigesetzt, seine darauf stehende Statue aber, wie gewöhnlich die Triumphirenden, unter Vorausschreiten des Senats und des Heeres, in die Stadt eingeführt. (12) Zu jener Zeit richtete die ausgetretene Tiber zu großem Schaden der nächsten Gebäude weit verderblichere Verheerungen an, als unter Nerva; auch traten ein viele Provinzen treffendes heftiges Erdbeben, eine schreckliche Pest, Hungersnoth und Feuersbrünste ein [sic!]. (13) Allen diesen Unfällen half Trajan durch trefflich gewählte Mittel größtentheils ab, indem er [zum Beispiel] verordnete, daß die Höhe der Häuser sechzig Fuß nicht übersteigen dürfe, theils wegen des leichten Einsturzes, theils wegen der in solchem Falle verderblichen Kosten. (14) Deshalb erhielt er mit Recht den Namen Vater des Vaterlandes. Er lebte vier und sechzig Jahre.
13 (1) Er nahm nämlich den Ulpius Trajanus, aus Italica62 in Hispanien gebürtig, der zum Senatorstande gehörte und bereits Consul gewesen war, durch Arrogation63 an Kindesstatt an. (2) Schwerlich dürfte sich ein Fürst finden, der in Krieg und Frieden berühmter gewesen wäre. (3) Denn er war der Erste, oder sogar der Einzige, der das römische Reich über den Ister64 hinaus ausdehnte, indem er nach Besiegung der dacischen Völkerschaften der Pileati und Saci65 unter ihrem König Decebalus, sowie der Sardonier, ihr Land zur römischen Provinz machte. Zugleich wurden im Osten alle Völker zwischen den berühmten Flüssen Indus und Euphrat durch Krieg geängstigt und dem Perserkönig Cosdroës66 Geißeln zu stellen befohlen, während dessen auch eine Straße durch das Gebiet wilder Völker hindurch angelegt, auf welcher man leicht vom pontischen Meere67 bis nach Gallien gelangen kann. (4) Auf bedrohten und vortheilhaft gelegenen Punkten wurden Kastelle errichtet, eine Brücke über die Donau geschlagen und eine Menge Kolonieen ausgeführt. (5) Außerdem wurden zu Rom die vom Domitian angefangenen öffentlichen Plätze vollendet und noch viele andere Gebäude prachtvoll ausgeführt und ausgeschmückt, für beständigen Getreidevorrath durch Einrichtung und feste Begründung einer Bäckerinnung trefflich gesorgt, und um schnellere Kunde von Allem zu erhalten, was sich an allen Orten des Reichser eignete, öffentliche Posten eingerichtet68; (6) welches höchst nützliche Geschenk freilich durch die Habsucht und den Uebermuth der Späteren zu einem Verderben für das römische Reich wurde, außer daß in den letzten Jahren Illyrien durch die heilende Hand des Statthalters Anatolius zu neuen Kräften gekommen ist. (7) Gibt es doch im Staate keine gute und keine schlechte Anstalt, die nicht durch den Charakter der Statthalter in’s Gegentheil verkehrt werden könnte. (8) Trajan war gerecht, mild, äußerst langmüthig und sehr treu gegen Freunde, wie er denn z. B. seinem vertrauten Freunde Sura ein Bauwerk widmete, welches den Namen Suranen führt. (9) Seiner Rechtschaffenheit war er sich so sehr bewußt, daß er, als er dem Obersten der Leibwache Saburanus, wie es Sitte war, als Zeichen seiner Amtsgewalt einen Dolch überreichte, mehrmals zu ihm sagte: „Ich übergebe dir diesen zu meinem Schutze, wenn ich recht handle, wo nicht, gegen mich;“ weil er glaubte, daß dem Beherrscher des ganzen Staates selbst nur zu irren weniger gestattet sei. (10) Ja sogar seine Neigung sich in Wein zu berauschen, ein Fehler, von dem er gleich Nerva heimgesucht war, hatte seine Klugheit unschädlicher zu machen gewußt, indem er seine nach etwas längeren Gelagen gegebenen Befehle auszuführen verbot. (12) Mit solchen Tugenden hatte Trajan fast zwanzig Jahre regiert, als Antiochia69 und das übrige Syrien durch ein heftiges Erdbeben in das äußerste Elend versetzt wurde und er, auf Bitten des Senats zu einem neuen Feldzug sich rüstend, bereits hochbejahrt an einer Krankheit starb, nachdem er vorher noch seinen Landsmann und Verwandten Hadrianus zum Mitregenten angenommen hatte. (12) Von jetzt an70 haben die Titel Cäsar und Augustus eine verschiedene Bedeutung, und es wurde im Staate die Einrichtung eingeführt, daß zwei oder noch mehrere die höchste Staatsgewalt besitzen konnten, sich aber durch den Titel und den Grad ihrer Macht unterscheiden sollten. (13) Andre freilich glauben, Hadrian habe den Thron durch die Gunst der Plotina, der Gemahlin Trajan’s, erlangt, welche vorgegeben hätte, er sei durch das Testament ihres Gemahls zum Thronerben eingesetzt worden.
2 (1) Sein Nachfolger wurde Ulpius Crinitus Trajanus, zu Italica79 in Spanien geboren und von einer mehr alten, als berühmten Familie. Sein Vater war nämlich der Erste in derselben, der Consul war: zum Imperator wurde er aber bei Agrippina in Gallien erhoben. Seine Staatsverwaltung war so beschaffen, daß man ihm mit Recht vor allen anderen Regenten den Vorzug gibt. Ihm war seltene Menschenfreundlichkeit und Tapferkeit eigen. (2) Die Grenzen des Römischen Reichs, das seit Augustus mehr vertheidigt, als auf eine bemerkenswerthe Weise vergrößert worden war, dehnte er weit und breit aus; er gewann die Städte jenseits des Rheins in Deutschland wieder: Dacien unterwarf er nach seinem Siege über Decebalus, und gewann jenseits der Donau eine Provinz in denjenigen Bezirken, welche jetzt die Thaiphalen,80 Viktoalen und Thervinger81 inne haben. Diese Provinz hatte einen Umfang von einer Million Schritten. [200 geographischen Meilen].
[L] 3 (1) Den Parthamastres, der Armenien besetzt hatte, tödtete er, und nahm so dieses Land den Parthern, in deren Händen es sich befand, wieder ab. Den Albanern gab er einen König. Die Könige der Iberier, Sauromaten,82 Bosporaner, Araber, Osdroëner83 und Colchier mußten ihm huldigen. Das Land der Corduener,84 Marder85 und Meder eroberte er; Anthemusia, einen ansehnlichen Strich von Persien, Seleucia,86 Ktesiphon, Babylon und Messene87 bezwang und behauptete er: (2) bis an die Grenzen Indiens und das rothe Meer rückte er vor und richtete daselbst drei Provinzen ein, aus Armenien, Assyrien, Mesopotamien nebst den Völkern, welche zunächst Madena88 wohnen. Arabien gab er nachher auch die Gestalt einer Provinz. Auf dem rothen Meer baute er eine Flotte, um mittelst derselben das Indische Gebiet zu verwüsten.
4 Indeß überstrahlte seinen Kriegsruhm die Leutseligkeit und Mäßigung, mit der er die Römer sowohl, als die Provinzbewohner wie seines gleichen behandelte: die Personen aus seiner Umgebung beehrte er oft mit freundlichen Besuchen in Zeiten von Krankheiten oder an festlichen Tagen, und ließ wechselseitig gemeinschaftliche Mahle veranstalten, wobei der Rangunterschied verschwand: öfters sah man ihn in ihrem Wagen fahren; nicht Ein Senator ward von ihm gekränkt; niemals erlaubte er sich zur Bereicherung des öffentlichen Schatzes eine ungerechte Handlung; freigebig gegen Jederman bereicherte er aus öffentlichen und Privatmitteln und erhob zu Aemtern alle Diejenigen, mit welchen er auch nur in geringerem Grade vertraut geworden war; das ganze Reich schmückte er mit Werken der Baukunst; den Gemeinden ertheilte er mancherlei Freiheiten; Ruhe und Gelindigkeit war der Charakter seiner ganzen Wirksamkeit: ein Beweis hievon ist, daß während seiner ganzen Regierung nur Ein Senator verurtheilt wurde, und selbst Dieser, ohne Wissen Trajans, durch den Senat. Wegen dieser Eigenschaften wurde er im ganzen Reiche als Ebenbild der Gottheit geachtet, und ihm während seines Lebens und nach seinem Tode jede Art von Verehrung gezollt.
[L] 5 (1) Von ihm wird unter anderen edlen Aeußerungen folgende berichtet. Seine Freunde machten ihm bemerklich, es dürfte sein Benehmen allzu herablassend erscheinen, worauf er die Antwort gab: er bemühe sich, als Kaiser gegen Privatpersonen sich also zu verhalten, wie er es in seinem Privatstande von den Kaisern gewünscht habe. (2) Als Krieger und Staatsmann mit dem höchsten Ruhm gekrönt, starb er auf dem Rückwege von Persien in dem Isaurischen Seleucia an einem Durchlauf. Er erreichte ein Alter von drei und sechzig Jahren, neun Monaten, vier Tagen: seine Regierung hatte gedauert neunzehen Jahre, sechs Monate, fünfzehen Tage. Er wurde unter die Götter versetzt, und allein von allen Kaisern innerhalb der Stadt begraben. Seine Gebeine wurden in einer goldenen Urne auf dem von ihm erbauten Forum beigesetzt, und über denselben eine Säule errichtet, deren Höhe 144 Fuß hat.89 (3) Sein Andenken genoß so viel Ehre, daß bis auf unsre Zeiten der gewöhnliche Zuruf an die Regenten im Senate dieser ist: sey glücklicher als Augustus, und besser als Trajanus! Ueberhaupt ist zwar der Ruhm seiner guten Eigenschaften so entschieden, daß derselbe sowohl Schmeichlern, als der Wahrheit getreuen Lobrednern Stoff darbietet zum glänzendsten Muster.
