9 (1) Vespasianus herrschte zehn Jahre. (2) Unter seinen übrigen guten Eigenschaften war besonders die eine höchst selten vorkommende, daß er Feindschaften leicht vergaß. So stattete er [z. B.] die Tochter seines Feindes Vitellius auf’s reichste aus und verheirathete sie mit einem sehr angesehenen Manne. (3) Das ungestüme Drängen39 seiner Freunde ertrug er mit Geduld und ihre Vorwürfe erwiderte er, wie er denn überhaupt höchst witzig war, mit Scherzreden. So demüthigte er einst den Licinius Mucianus, durch dessen Hülfe er zur Herrschaft gelangt war und der sich daher im Bewußtsein seiner Verdienste [zuweilen] anmaßend benahm, mit Zuziehung blos eines beiden befreundeten Mannes, sehr fein durch das einzige Wort: „Du weißt, daß ich ein Mann bin40“. (4) Doch wie wäre ein solches Benehmen gegen seine Freunde zu bewundern, da er sogar die Sticheleien der Sachwalter und den Trotz der Philosophen verachtete? (5) Er verlieh dem so lange erschöpften und ermatteten Reiche in kurzer Zeit neue Kraft. Zuerst nämlich zog er es vor, die Gehülfen der Tyrannei, wenn sie anders nicht in ihren Gräueln zu weit gegangen waren, auf bessere Wege zu leiten, als sie mit Martern zu vernichten, da er sehr verständig urtheilte, daß die meisten derselben ihre schändlichen Dienste nur aus Furcht geleistet hätten. (6) Außerdem beseitigte er durch die Ermahnung höchst gerechter Gesetze, und – was noch weit wirksamer war – durch das Beispiel seines eigenen Lebens viele der herrschenden Laster. (7) Zwar soll er, wie Einige irrig annehmen, gegen den Reiz des Geldes nicht fest genug gewesen sein, doch ist es hinreichend bekannt, daß er nur wegen Erschöpfung des Staatsschatzes und wegen des Ruins mehrerer Städte auf neue und später wieder aufgehobene Steuerzahlungen sann. (8) Rom, das durch alte Brandstätten und Trümmerhaufen einen häßlichen Anblick darbot, verschönerte er durch die Allen, die dazu Lust hatten, ertheilte Erlaubniß zu bauen, wenn die Besitzer [der Häuser] nicht mehr vorhanden waren, stellte das Capitolium, den Friedenstempel und die Denkmale des Claudius wieder her und führte viele neue Gebäude auf. (9) In allen Ländern, so weit die Botmäßigkeit der Römer reicht, wurden Städte mit großer Pracht wieder aufgebaut und Heerstraßen durch gewaltige Bauten hergestellt. (10) Damals wurden auf der flaminischen Straße zu bequemerer Passirung Berge durchbrochen, welche Stelle gemeiniglich „der durchbrochene Felsen“ heißt. (11) Er bildete eine Zahl von tausend patricischen Familien, deren er kaum zweihundert vorgefunden hatte, da die meisten durch die Grausamkeit der Tyrannen vernichtet worden waren. (12) Der Partherkönig Vologäsus wurde blos durch Furcht zum Frieden gezwungen. (13) [Der Theil von] Syrien, welcher Palästina heißt, Cilicien, Thracien und Commagene41, das wir jetzt Augustophratensis nennen, vermehrten die Zahl der römischen Provinzen, und auch die Juden wurden dem Reiche beigefügt. (14) Als seine Freunde ihn warnten, er möchte sich vor dem Metius Pomposianus hüten, von dem sich das Gerücht verbreitet hatte, er strebe nach der Regierung, machte er ihn zum Consul und sprach dabei scherzhaft neckend: „Einer so großen Wohlthat wird er doch gewiß stets eingedenk bleiben.“ (15) Während seiner ganzen Regierung behielt er eine gleichförmige Lebensweise bei. Er war schon von tiefer Nacht an wach; wenn er die Staatsgeschäfte erledigt hatte, gab er Audienz und legte, während er Besuche empfing, Schuhe und kaiserliche Kleidung an. Hierauf ließ er sich über alle Vorfälle, von denen Nachricht eingelaufen war, Bericht erstatten, machte sich dann Bewegung, indem er sich in der Sänfte tragen ließ42, und ruhte darauf. Endlich hielt er, nachdem er ein Bad genommen, mit heiterem Sinne Tafel. (16) Etwas mehr von ihm zu sprechen nöthigte mich meine Achtung vor diesem trefflichen Fürsten, den der seit August’s Tode sechs und fünfzig Jahre lang durch die Grausamkeit der Tyrannen erschöpfte Staat gleichsam durch göttliche Schickung geschenkt erhalten hatte, um nicht gänzlich hinzusinken. (17) Er starb neun und sechzig Jahre alt, Ernst mit Scherzen, die er immer liebte, mischend. (18) Denn da [gerade damals] ein Komet erschienen war, sagte er: „Dieß gilt dem Perserkönig, der fliegende Haare trägt43“; und wie er später vom Durchfall ganz erschöpft war, stand er auf und sprach: „Ein Kaiser muß stehend aus der Welt scheiden44“.
9 (1) Zu den Regenten dieser Gattung gehörte Vespasianus, ein durchaus unsträflicher Mann, dem es auch zum Aussprechen seiner Gedanken nie an Beredtsamkeit fehlte, und der dem seit langer Zeit erschöpften und ermatteten Reiche neue Kraft verlieh. (2) Zuerst wollte er die Gehülfen der Tyrannei, wenn sie nicht etwa in ihren Abscheulichkeiten zu weit gegangen waren, lieber auf bessere Wege leiten, als unter Martern tödten lassen, weil er sehr richtig urtheilte, daß die Meisten ihre ruchlosen Dienste nur aus Furcht geleistet hätten. (3) Sodann ließ er viele Verschwörungen ungestraft hingehen, indem er mild, wie er war, die Theilnehmer blos der Thorheit beschuldigte, da sie nicht wüßten, welche Last und Beschwerde die Herrscherwürde sei. (4) Zugleich der Wahrsagerkunst ergeben, deren Aussprüche er bei vielen seiner Unternehmungen als wahr erkannt hatte, lebte er der festen Ueberzeugung, daß seine Söhne Titus und Domitianus seine Nachfolger auf dem Throne sein würden. (5) Außerdem beseitigte er durch höchst zweckmäßige Gesetze und, was noch weit wirksamer war, durch das Beispiel seines eigenen Lebens viele der herrschenden Laster. (6) Einige hegen zwar die irrige Meinung, er habe den Reizen des Geldes nicht widerstehen können, während es doch hinlänglich bekannt ist, daß nur die Erschöpfung des Staatsschatzes und der Ruin mehrerer Städte es waren, die ihn zur Einführung neuer und auch nicht lang beibehaltener Abgaben nöthigten. (7) Zu Rom wurden das Capitolium, dessen Niederbrennen ich oben erwähnt habe, der Tempel des Friedens, die Denkmäler des Claudius47, das so gewaltige Amphitheater48 und mehrere andere Bauten, sowie auch ein Forum49, nicht blos angefangen, sondern auch vollendet. (8) Ueberdieß wurden in allen der römischen Herrschaft unterworfenen Ländern Städte mit großer Pracht wieder aufgebaut, große Bauten erfordernde Kunststraßen angelegt und auf der flaminischen Straße50 Berge durchbrochen und ein leichter Durchgang durch sie geschaffen. (9) Alle diese so zahlreichen und großen, in kurzer Zeit und ohne Belästigung des Landmanns ausgeführten Bauten beweisen weit mehr die Klugheit, als den Geiz Vespasians. (10) Zugleich wurde wieder der Census nach alter Sitte gehalten, jeder etwas Anrüchige aus dem Senate gestoßen, die trefflichsten Männer von allen Orten her [für denselben] ausgewählt, und so tausend patricische Familien gebildet, während Vespasian deren kaum noch zweihundert vorgefunden hatte, da die meisten durch das grausame Wüthen der Tyrannen vertilgt worden waren. (11) Den König der Parther Vologesus zwang er zum Frieden und machte Syrien, welches den Namen Palästina führt, nebst Judäa zu römischen Provinzen, letzteres mit Hülfe seines Sohnes Titus, den er bei seiner Abreise nach Italien zur Führung dieses auswärtigen Kriegs zurückgelassen hatte und später als Sieger zum Praefectus praetorio51 erhob, (12) wodurch diese Ehrenstelle, die schon vom Anfang an sehr bedeutend gewesen war, eine noch stolzer machende und die nächste nach dem Kaiserthrone wurde. (13) In unserer Zeit freilich, wo das Ansehen der Ehrenstellen ganz gesunken ist, und Gebildete und Ungebildete, Geschickte und Ungeschickte bunt durcheinander gemischt sind, haben die Meisten diese zu einem bloßen Namen ohne Macht herabgesunkene Würde durch ihre Ungerechtigkeiten zu einer ungewöhnlich wichtigen gemacht, die den schlechtesten Menschen verliehen wird und unter dem Deckmantel der Getreideverwaltung zu Räubereien Gelegenheit gibt.
19 (1) Sein Nachfolger war Vespasianus, der in Palästina zum Kaiser erhoben wurde. Dieser Fürst war zwar niedrig geboren, jedoch den Besten an die Seiten zu stellen. Sein Privatleben war sehr ruhmvoll: denn er war von Claudius nach Deutschland, und hernach nach Britannien geschickt worden, hatte 32 Treffen bestanden, 2 ansehnliche Völkerschaften, 20 Städte und die Insel Vecta [Wight], welche zunächst an Britannien liegt, mit dem Römischen Reiche verbunden. (2) Während seiner Regierung benahm er sich zu Rom mit vieler Mäßigung: nur war er allzu geldgierig, ohne sich jedoch rechtswidrige Gelderpressungen zu erlauben. So vorsichtig und genau er auch für seine Einnahmen sorgte; so eifrig war er im Wohlthun, namentlich gegen Bedürftige. Nicht leicht hatte ein Regent vor ihm größere oder zweckmäßigere Freigebigkeit erprobt. Er war voll Milde und Gelindigkeit, und bestrafte selbst Majestätsverbrecher gegen seine Person nicht leicht anders, als mit Verweisung. (3) Unter ihm wuchs Judäa dem Römischen Reiche zu und mit ihm Jerusalem, die vornehmste Stadt Palästinas. (4) Achaja, Lycien, Rhodus, Byzanz, Samos, Bezirke, welche bis dahin selbständig waren, eben so Thracien, Cilicien, Commagene, Länder, die inzwischen unter befreundeten Königen standen, machte er zu Römischen Provinzen.
20 (1) Beleidigungen und Feindseligkeiten vergaß er gerne. Wenn Sachwalter oder Philosophen sich auf eine unverständige Art über ihn äußerten, so ließ er es sich in Geduld gefallen. Blos auf Erhaltung der Kriegszucht hielt er mit beharrlichem Ernst. In Gemeinschaft mit seinem Sohne Titus feierte er einen Triumph über Jerusalem. (2) Vom Senat und Volk, ja aller Welt, wegen seiner Eigenschaften geschätzt und geliebt, starb er auf seinem Landgut im Sabinischen Gebiete an einem heftigen Durchfall im neun und sechzigsten Jahre seines Alters, im neunten Jahre und dem siebenten Tage seiner Regierung. Auch er wurde unter die Götter versetzt. (3) Auf seine Ueberzeugung von dem Gewicht der Geburtsstunde seiner Kinder baute er so sehr, daß er die mehrmals gegen ihn eingeleiteten Verschwörungen bei ihrer Entdeckung als höchst gleichgültig behandelte, und sich im Senat der Worte bediente, er wisse gewiß, entweder werden ihm seine Söhne auf dem Throne folgen, oder Niemand.
10 […] (4) Rhodus und die übrigen Inseln handelten zuerst sehr feindselig gegen uns, nachher aber wurden sie unsre getreuesten Verbündeten. So genossen Rhodus und die andern Inseln anfangs eine unabhängige Verfassung; später wurden ihnen auf eine schonende Weise Römische Gesetze auferlegt, und unter dem Kaiser Vespasianus wurde aus ihnen eine Inselnprovinz gebildet.
