8 (1) Vitellius, der Sprößling einer edeln Familie und Sohn des Lucius Vitellius, der dreimal Consul war, herrschte acht Monate. (2) Er war aufgeblasen, grausam und bei Verschwendung habsüchtig. (3) Zu seiner Zeit riß Vespasianus im Orient die Regierung an sich und Vitellius wurde von dem Heere desselben in einem vor den Mauern der Stadt gelieferten Treffen geschlagen, aus dem Palaste, wo er sich versteckt hatte, hervorgezogen und mit auf den Rücken gebundenen Händen zum Schauspiele für das Volk öffentlich herumgeführt. (4) Und damit der schamlose Mensch nicht wenigstens noch bei seinem Ende aus Scham über alles das Unheil, welches er angerichtet hatte, das Haupt senken könne, band man ihm ein Schwert unter das Kinn und schleppte ihn so halbnackt, während ihm Viele Koth, Mist und andern noch schändlichern Unrath, als daß man ihn nennen mag, in’s Gesicht warfen, die gemonische Treppe38 hinab, wo er Vespasian’s Bruder Sabinus hatte tödten lassen. (5) Er starb, von zahlreichen Streichen getroffen, nach einem Leben von sieben und fünfzig Jahren. (6) Alle diese Kaiser, deren Leben ich nur kurz berührt habe, besonders die aus dem Hause Cäsar’s, besaßen so große wissenschaftliche Bildung und Beredtsamkeit, daß, wenn sie nicht, mit Ausnahme des Augustus, in allen Lastern die Grenzen überschritten hätten, sie dadurch mäßige Vergehungen sicherlich verdeckt haben würden.
7 […] (3) Es war nämlich um dieselbe Zeit, wo Otho den Galba hatte tödten lassen, auch Vitellius von den Heeren an Deutschlands Grenze zum Kaiser erhoben worden. Er [Anm.: Otho] unternahm nun gegen ihn einen Krieg, wurde aber bei Betriacum [Caneto] in Italien in einem unbedeutenden Gefechte geschlagen. […]
8 (1) Auf diese Art ging die Herrschaft auf den Aulus Vitellius über, und sie würde in ihrem Fortgange trauriger, als dieser Anfang gewesen sein, wenn Vespasianus vom jüdischen Kriege, den er auf Nero’s Befehl unternommen hatte, länger festgehalten worden wäre. (2) Als dieser Galba’s Handlungen und Tod erfahren hatte, und überdieß Abgesandte von den in Mösien40 und Pannonien41 stehenden Heeren gekommen waren, die ihn dazu aufforderten, ergriff er die Zügel der Regierung. (3) Denn wie die eben genannten Soldaten hörten, daß Otho von den Prätorianern und Vitellius von den Legionen in Germanien zu Kaisern gemacht worden wären, so drängten sie, eifersüchtig gegen einander, wie sie es gewöhnlich sind, um ihren Kameraden nicht unähnlich zu erscheinen, den Vespasianus [das Scepter zu ergreifen], für welchen sich auch bereits die Cohorten in Syrien seiner vortrefflichen Eigenschaften wegen einstimmig erklärt hatten. (4) Vespasianus war nämlich, obgleich nur Senator aus einer ahnenlosen Familie, dessen Vorfahren aus Reate42 stammten, durch seine Thätigkeit und seine Thaten im Frieden wie im Kriege ein schon sehr angesehener Mann. (5) Als dessen Unterfeldherren nach Italien übergesetzt waren und das Heer des Vitellius bei Cremona geschlagen hatten, schloß dieser mit dem Stadtpräfecten Sabinus, einem Bruder Vespasians, einen Vertrag dahin ab, daß er, wenn die Soldaten damit einverstanden wären, dem Throne für die Summe von hundert Millionen Sestertien43 entsagen wollte. Doch bald darauf glaubte er sich wieder durch falsche Nachrichten getäuscht und ließ gleichsam in neu auflebender Wuth den Sabinus selbst und die übrigen Anhänger der Gegenpartei mit dem Capitol zugleich, das sie als ein sie sicherndes Bollwerk besetzt hatten, verbrennen. (6) Als es sich aber herausstellte, daß jene Nachrichten wahr seien und die Feinde wirklich heranrückten, verbarg er sich in der Hütte eines Thürhüters, und aus dieser hervorgezogen, wurde er, mit einem Stricke um den Hals, gleich einem Hochverräther nach der gemonischen Treppe44 hin und dann diese hinabgeschleppt, zugleich sein Körper durch Schläge und Stöße, wie sie nur Jeder zu geben vermochte, verstümmelt und endlich in die Tiber geworfen, nach dem er etwas älter als fünfundsiebzig Jahre geworden war und seine Tyrannenherrschaft acht Monate gedauert hatte. (7) Alle diese Kaiser, die ich nur mit wenigen Worten geschildert habe, und besonders die aus der Familie Cäsar’s, besaßen so große wissenschaftliche Bildung und Beredtsamkeit, daß, wenn sie nicht, den Augustus ausgenommen, in allen Lastern die Grenzen überschritten hätten, diese so großen Vorzüge mäßige Vergehungen sicherlich verdeckt haben würden. (8) Wenn es nun aber auch ausgemacht ist, daß jene Kenntnisse einen hohen sittlichen Werth verleihen, so ist doch für jeden Menschen, besonders aber für einen Regenten, wo möglich beides45 neben einander nöthig; wo sich aber der Lebensberuf in’s Unendliche hinaus erstreckt, suche man wenigstens durch wissenschaftliche Bildung die nöthige Feinheit des Betragens und Würde zu erlangen46.
18 (1) Nun bestieg Vitellius den Thron, der Abkömmling einer mehr geehrten, als vornehmen Familie. Denn sein Vater hatte, obwohl nicht von hoher Geburt, doch drei Jahresconsulate bekleidet. (2) Dieser machte sich als Kaiser sehr verächtlich: er war durch Härte und Grausamkeit, noch mehr aber durch Völlerei und Gefräßigkeit berüchtigt. Denn er nahm an einem Tage oft vier bis fünf förmliche Mahlzeiten ein. (3) Von seinem berühmtesten Mahle, das ihm sein Bruder Vitellius gab, sind Berichte auf die Nachwelt gelangt: wo neben dem übrigen Aufwand 2000 Fische und 7000 Stücke Geflügel aufgetragen worden seyn sollen. (4) Sein Wunsch war, Nero ähnlich zu seyn, und er verhehlte denselben so wenig, daß er den irdischen Resten Nero s, welche nicht anständig genug begraben waren, seine Ehrfurcht bezeugte. (5) Er wurde von den Feldherren des Vespasianus ermordet, nachdem er vorher den Sabinus, einen Bruder des Kaisers Vespasian, hatte tödten, und mit dem Capitol verbrennen lassen. Nun aber wurde Vitellius ergriffen, und unter den größten Beschimpfungen entkleidet mit aufwärts gebundenem Haar und emporgerichtetem Haupt, indem ihm ein Degen unter das Kinn gehalten ward, öffentlich durch die Stadt geschleppt und ihm Gesicht und Brust von Jedermann, der ihm begegnete, mit Koth beworfen: endlich wurde er erwürgt, in die Tiber geworfen und mußte sogar das gewöhnliche Begräbniß entbehren. (6) Er starb im sieben und fünfzigsten Jahre seines Alters, und im achten Monate und ersten Tag seiner Regierung [69. n. Chr.].
